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Ein bisher unbekanntes Werk des Meisters Johann Wolfgang von Goethe mischt die Gemeinde auf. Begehrlichkeiten werden geweckt. Dollarzeichen blitzen in gierigen Augen. Der kommunale Kultur- und Verschönerungsbetrieb springt an. Eine kesse polnische Hausangestellte und ein irischer Setter geraten ebenso ins Getümmel wie der Kieler Antiquar Eschenburg. Und alles spielt natürlich wieder an vertrauten Orten auf bekannten Straßen.
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Gräfin Augusta Louise zu Stolberg (geb. am 7. Januar 1753 in Bramstedt, gest. am 30. Mai 1835 in Kiel) wurde durch ihren regen Briefwechsel mit dem Dichter Johann Wolfgang von Goethe bekannt. Den Schriftwechsel begann die junge Gräfin nach der Lektüre von „Die Leiden des jungen Werther“ anonym. Der Briefwechsel an „Goethes Gustchen“, wie er die Gräfin nannte, ging in die Literaturgeschichte ein. Persönlich lernten sich die Korrespondenten nie kennen.
Nach dem Tod ihres Gatten im Jahre 1797 lebte Augusta Louise für mehrere Jahre in Bordesholm. Sie starb am 30. Mai 1835 auf der Seeburg in Kiel.
Quelle: Wikipedia
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Fett stand es mitten auf dem Schreiben:
„Strafbefehl!“
Mit fliegenden Händen hatte Ludwig Kron den gelben Briefumschlag aufgerissen und das Schriftstück auseinander gefaltet. Strafbefehl. Keine Gerichtsverhandlung. Ein Lächeln huschte über das rote Gesicht des Mannes. Das war gut. Doch ein alter Fuchs, der Rechtsanwalt. Aber wie viel würde er zahlen müssen? Hastig überflog der Landtagsabgeordnete die Urkunde:
„Blutprobe war 1.52 Uhr … 2,35 Promille Alkohol…. Zeugen: ein Polizeiwachtmeister und die Ärztin … Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 100 Euro zuzüglich Gebühren und Auslagen der Polizei … insgesamt 3.356,59 Euro.“
Ludwig Kron ließ sich in den Sessel sinken. Den Strafbefehl hielt er mit beiden Händen über dem Bauch. Er atmete schwer. Dieser verdammte Hilfspolizist. Hätte der ihn schlafen lassen in seinem Auto, nichts wäre geschehen. Auf dem Parkplatz an der Landstraße war er etwas in den Graben geraten und hatte es nicht geschafft, weiter zu fahren. Hinter dem Steuer war er dann eingeschlafen. Wohl mit aufgeblendeten Scheinwerfern, denn die hatten den Wachmann des Sicherheitsdienstes angelockt. Der hatte sich in seinem Element gefühlt. Statt ihm aus dem Graben heraus zu helfen, hatte er die Polizei angerufen. Scheiß Handys! Von diesem Zeitpunkt an war er rechtloser angeklagter Täter. Bellend befehlende Polizisten, Blutprobe auf der Polizeistation Nortorf, nein, man könne sein Auto nicht auf dem Parkplatz stehen lassen, es könne ja gestohlen werden, und dann wäre die Polizei haftbar, da komme das Auto übrigens schon.
Er war zu dem Fahrer des Abschleppdienstes in das Führerhaus geklettert.
„Wie viel wird das kosten? Fahren Sie bitte bei einem Geldautomaten vorbei.“ Aber der Kapitän der Landstraße fühlte sich als weiteres Glied der Obrigkeit, die ihn fühlen ließ, welch hilfloser Sünder er jetzt war:
„Mein Auftrag ist, dich nach Hause zu fahren. Von Geldgeschäften steht da nichts drin.“
„Aber …“ war sein ganzer Widerstand, dann dämmerte er zurück in einen Halbschlaf.
„Wohnst du da?“ wurde er rau geweckt. Als er nickte, nachdem er sich orientiert hatte, stieg der Fahrer aus.
„Du bleibst da“, rief er und ging zur Haustür. Der Motor dieselte weiter. Bei einem Nachbarn ging Licht an. Dann kam der Fahrer zurück, seine Frau im Morgenmantel hinterher.
„Sie hat nicht genug Geld. Ich nehme das Auto mit und bringe es morgen her. Heute kostet es 593,-- Euro. Morgen kommen noch 300 Euro dazu. Halten Sie die bitte bereit!“
„Können wir das Auto morgen nicht abholen?“ bat die Frau.
„Nein, mein Auftrag ist, es hier abzuliefern.“
„Kann ich nicht schnell zum Geldautomaten fahren?“, schlug sie vor. „Bin in einer Viertelstunde wieder da. Sie können inzwischen mit dem Abladen beginnen.“
In einem der Nachbarhäuser war das Licht angegangen.
„Na ja, Sie haben noch ein Auto? Dann will ich mal nicht so sein. Aber nicht mehr als 15 Minuten!“
In der Küche hatte er dann auf seine Frau gewartet. Sie hatte nicht geschimpft, auch nicht viel gefragt, nur einmal laut geseufzt und dann Kaffee gemacht.
Am nächsten Tag war er zum Anwalt gegangen. Rechtsanwalt Stephan Claus-Kröger, merkwürdiger Name, der würde ihn sicher ein paar Klienten kosten, weil alle nach Claus Kröger suchen. Aber engagiert, der Mann, und kompetent. Er kannte ihn aus der Arbeit im Rat für Kriminalprävention. Und das eine vereinbarte Ziel hatte der Anwalt ja auch erreicht. Er blickte noch einmal auf den Strafbefehl. Der war an Herrn Ludwig Kron gerichtet – Sozialpädagoge. Kron lächelte. Nichts von MdL oder Landtagsabgeordneter. Wie es der Anwalt geschafft hatte, den Strafbefehl zu erlangen, ohne dass seine Immunität als Abgeordneter aufgehoben worden war, war ihm schleierhaft. Aber es hatte nichts in der Zeitung gestanden, und die Kollegen im Landtag wunderten sich über seine plötzliche Wandlung zum umweltfreundlichen Verkehrsteilnehmer. So weit – so gut!
Aber wieder knapp 4.000 Euro. Zu zahlen innerhalb der vierten Woche nach Zustellung des Strafbefehls. Dabei hatte gestern sein freundlicher persönlicher Berater von der Bank angerufen. Man müsse sich schnell zusammensetzen, die Belastung seines Kontos mit Überziehungszinsen sei einfach zu hoch.
„Eigentlich sollte ich gar nicht anrufen. Die Bank verdient ja daran“, hatte der Berater gescherzt. Aber Kron war klar: Das war die gelbe Karte. Wenn er nichts unternähme, würde die Bank keine Überweisungen mehr tätigen. Was sollte er unternehmen? Gerda würde ihm, nachdem sie die Scheidung eingereicht hatte, auch nicht helfen. Er war praktisch pleite. „Joachim“, fuhr es ihm durch den Kopf, „Onkel Joachim. Der alte Schwerenöter müsste ihm helfen.“ Und er fummelte nach dem Handy in seiner Westentasche.
Joachim Hansen saß im Morgenmantel am Frühstückstisch auf der geschlossenen Veranda. Paula, das Hausmädchen, war dabei, das Geschirr abzutragen. Immer wieder fiel Hansen ein, dass er noch einen Schluck Kaffee mochte oder etwas Orangensaft. Er sah zu gerne, wenn sich die junge Frau ihm über die lange, lichtdurchflutete Veranda mit ihrem strahlenden Lächeln näherte.
Aber auch ihren Abgang mochte er, wenn sie, ein Tablett balancierend, mit wiegenden Hüften zur Küche eilte. Ein Spiel, das wusste auch Paula. Aber die Hand gegen sie zu erheben, sie anzutatschen oder zu zwicken, wagte der Lüstling in dieser Umgebung nicht, konnten doch die Augen seiner Ehefrau überall sein.
Als der Tisch vollständig abgetragen war und Paula nicht wiederkehrte, setzte sich Joachim Hansen in einen der tiefen Rattan-Sessel, zündete sich eine Zigarette an und schlug das auf dem Beistelltisch bereitliegende Buch auf. „Shades of Grey“ stand auf dem Umschlag. Aber dieser als lüsterner Bestseller sogar von der BILD hochgejubelte SM-Roman langweilte ihn.
„Ich brenne vor Lust. Christian lässt abermals einen Löffel Eis auf meine Brüste tröpfeln. Verdammt kalt. Meine Brustwarzen werden hart. „Kalt?“ erkundigt sich Christian mit samtweicher Stimme und leckt das Eis von mir.“ las Joachim Hansen. Da schrillte das Telefon. Auf dem Display erschien der Name „Ludwig“.
„Na, was will mein angeheirateter Lieblingsneffe? Reicht das Geld mal wieder nicht? Oder soll ich dich mit dem lieben Fräulein Paula verbinden?“
„Nun lass mich doch erst mal Luft holen, alter Charmeur.“
„Sonst bis du doch auch nicht auf den Kopf gefallen. Aber im Ernst: Ich bin beschäftigt. Was kann ich für dich tun. Sollen wir wieder ein paar Bücher verkaufen?“
„Damit wird es nicht getan sein. Diesmal stecke ich tief im Sumpf. Ich würde gerne zu dir kommen und mit dir sprechen!“
„Gut, dann komm heute Nachmittag. Ab 15.00 Uhr hat deine Tante ihre Bridgefreundinnen zu Gast. Da stört sie uns nicht. - Und wenn uns Paula stört, ist es dir ganz angenehm, wenn ich das richtig sehe.“
Die Männer lachten.
„Das siehst du genau richtig. Bis nachher!“
„Und immer habe ich den Wind von vorn!“ Ludwig Kron musste kräftig in die Pedale treten.
„Na, wenigstens bewege ich mich etwas mehr als mit Führerschein.“
Der Abgeordnete näherte sich dem schlossartig auf einem Hang am Bordesholmer See gelegenen Anwesen seiner Tante Adelheid Weimar-Hansen von hinten über die Alte Landstraße und den Grünen Weg. Er hatte zum westlichen Nebeneingang des Gebäudes einen Schlüssel, weil er gelegentlich die Sauna und den Fitnessraum benutzte. Dort befanden sich auch die Weinkeller und ein großes Gästezimmer sowie Wirtschafts- und Heizungsraum. Wie meistens war der Zugang zum Parterre nicht verschlossen, so dass Kron schnell durch die Halle ins Herrenzimmer gelangte, wo Joachim Hansen mit dem „Shades of Grey“ im Schoß auf ihn wartete. Bei einer Zigarre und einem Single Malt unterrichtete Ludwig den Onkel über seine missliche Situation.
„Dann wollen wir mal sehen, ob wir in unserer Schatzkammer noch etwas von Wert finden. Aber viel Mut habe ich da nicht. Vielleicht etwas für die ärgste Not!“, schlug Hansen schließlich vor. „Irgendwann wird dir nichts anderes übrig bleiben, als bei der Tante vorstellig zu werden.“
Allein bei dem Gedanken an die Reaktion der gestrengen Tante wechselte Ludwigs Gesicht um einige Nuancen ins Puterrote.
„Oh Gott, nur das nicht!“ stammelte er.
Im Obergeschoss lagen die Räume der Hausbesitzerin. Adelheid Weimar-Hansen hatte das Anwesen vor einer Reihe von Jahren überraschend geerbt. Sie hatte gar nicht gewusst, dass ihr Bruder, der im Fernosthandel viel Geld verdient hatte, diese Villa besaß. Ihr war der Besitz testamentarisch zugeschrieben, und sie war in die schöne Villa umgezogen, zumal es sich um einen historischen Sitz handelte; bereits eine Brieffreundin des Dichterfürsten Goethe sollte hier einige Jahre gewohnt haben. Und in der Tat ergaben Nachforschungen, dass Auguste Gräfin zu Stolberg, verwitwete Gräfin von Bernstorff, ihren Alterssitz in Bordesholm genommen und auch von hier mit Goethe korrespondiert hatte. Das bekannte Werk des Heimatchronisten und Kulturbeauftragten Paul Steffen trägt die Anschrift der Gräfin als Titel: „… meine Adresse ist Bordesholm.“ Leider genügte das den damaligen Postboten. Eine genauere Anschrift ist nicht bekannt. Aber, so vermutet Paul Steffen: „Sie muss nahe dem See und der Klosterkirche gewohnt haben.“
Aus dem Salon der Hausherrin drangen Frauenstimmen, als die beiden Männer der Treppe zum Dachgeschoss zustrebten. Hier gab es Gästezimmer, und in einem abgeschlossenen Appartement wohnte Paula. Aber sie mussten noch eine Ebene höher, auf den riesigen Dachboden und über ihn in das Turmzimmer. Eine steile Holztreppe führte hinauf ins Dachgeschoss. Hier lagerte in verschlossenen Verschlägen, was nicht mehr gebraucht wurde. Das Turmzimmer hatte der junge Abgeordnete vor Jahren auf der Suche nach einem Liebesnest gefunden. Die Tür war von einem Regal verdeckt, als habe sie versteckt werden sollen. In dem Zimmer fand sich eine verstaubte Bibliothek, deren Wert der junge Mann zunächst nicht erkannte. Erst später, als er einige Bücher zum Antiquar nach Kiel mitnahm, entdeckte er die Einnahmemöglichkeiten aus der Bibliothek. Dann hatte ihn sein Onkel beim Stöbern überrascht. Seitdem hatten sie als Kumpane manchen wertvollen Band versetzt. Die Regale wiesen bereits große Lücken auf.
„Fang du auf der Seite an, ich suche anders herum.“
Die mannshohen Regale waren fest an den Wänden des achteckigen Turms befestigt, nur die kleinen Fenster und die Tür blieben ausgespart. Ein ebenfalls achteckiger Tisch stand in der Mitte des Raumes unter einer Kuppel. Stühle oder Sessel hatten gefehlt; sie hatten auf dem Dachboden zwei Klappstühle gefunden. Mit einem langen Kabel hatten sie Strom von einer entfernten Steckdose herangeführt. Eine altertümlich anmutende Stalllaterne, an einem Haken aufgehängt, spendete dort weißes Licht, wo es gebraucht wurde.
Die Männer suchten intensiv. Sie prüften das Alter der Bücher, ob es sich um Erstausgaben handelte oder ob sich wertsteigernde Signaturen in ihnen befanden. Einige Erfahrungen hatten die beiden Komplizen ja schon gesammelt. So hatte eine Bibel aus dem Jahre 1536 über 1.000 Euro gebracht. Ein Band mit Kupfertafeln aus Westfalen gar 2.000 Euro. Aber meistens waren die Beträge geringer; so mussten mehrere Bücher dran glauben.
Ludwig Kron hatte einen Stapel von Aktenstücken und einzelnen Blättern, unter einer dicken Staubschicht verborgen, entdeckt. Um zu erfahren, was sich in dem Stoß verbarg, musste jedes Blatt und jeder Ordner gesichtet werden. Stöhnend machte sich der Abgeordnete an die Arbeit. Er fand Blätter mit Haushaltsabrechnungen, schmale Hefte mit Wirtschaftszahlen, auch einige Schulhefte und Kinderzeichnungen. Der Haufen hatte wohl alles aufgenommen, was anderswo nicht hin passte. Ludwig wollte den Rest bereits zurück auf seinen Platz legen, da fühlte er etwas Samtenes. Er zog eine mit ehedem wohl rotem Samt bezogene Mappe hervor. Darin geschützt lag ein Bündel Briefe. Mit seinem Taschenmesser trennte der Abgeordnete den Faden, der die Schriftstücke zusammen hielt. Hatte auch die prächtige samtene Abdeckung an Farbkraft verloren, die Briefe waren hervorragend erhalten. Vieles konnte der Abgeordnete nicht lesen, er rief seinen Onkel zur Hilfe. Der wurde immer aufgeregter, bis er schließlich mit seiner Erkenntnis heraus platzte:
„Du, ich glaube, das ist ein Treffer. Das sind Briefe von Goethe an die Gräfin Stolberg.“
„Das reicht. Ich fahre gleich morgen zu Eschenburg. Mal sehen, was der alte Knülch rausrückt. Aber dafür muss er bluten!“ Ludwig Kron griff nach der Mappe.
„Nein! Lass uns die Briefe erst lesen. Vielleicht steht etwas darin, das den Preis hebt.“
„Na gut“, sagte der Jüngere, öffnete die Mappe und begann die Blätter zu zählen. „37 Seiten. Die sollten es morgen auch noch sein!“
„Du kannst ja einige abnehmen. Wirst dich schnell an Goethes Klaue gewöhnen.“
„Nein danke, mach du man. Aber hast du etwas Geld für mich? Bin total pleite.“
Der Onkel steckte seinem angeheiratetem Neffen ein paar Scheine zu, woraufhin der verschwand.
Im Herrenzimmer brannte spät in der Nacht noch Licht. Joachim Hansen entzifferte die Briefe des großen Goethe. Er verglich die Texte mit im Internet veröffentlichten Handschriften, prägte sich typische Eigenarten der Goetheschen Handschrift ein und las schließlich recht flüssig Briefe über Kunst, über Literatur und über die Liebe. Und dann stolperte er über den Schluss eines Briefes.
„Liebste Gräfin“, hieß es da, „… und sende ich Ihnen im Vertrauen auf Ihre große Verschwiegenheit den Andruck meines neuesten Werkes ‚Seerosen und Lotosblüten‘.
Es erinnert an unser Schicksal, Gräfin. Zwei außerordentliche Leben erblühen und verblühen, miteinander korrespondierend, nie zueinander findend.
Senden Sie mir das Buch bitte mit geneigten Anmerkungen zurück – oder halten Sie es in Ehren.“
‚Seerosen und Lotosblüten‘? Joachim eilte zum Computer. Aber weder Seerosen noch Lotosblüten waren in einem Werkverzeichnis zu finden. Eine unbekannte Schrift Goethes. Vielleicht hier im Haus? Eine Sensation.
Ludwig Kron war von der Villa seiner Tante direkt in den „Köpi Treff“ gefahren. Was mit dem Auto nur wenige Minuten brauchte, war mit dem Fahrrad eine mühselige Strampelei. Und wer sich die Führung der Radwege ausgedacht hatte, war wohl niemals mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Vom Kreisel in die Bahnunterführung hinein schaltete Kron in den fünften Gang und trat kräftig in die Pedale. So rollte er fast die gesamte Gegensteigung bis zur Ampel hoch. Diese war gerade grün, so dass er mit einem Schwung beinahe in die Köpi Stube hinein fahren konnte. Schwer atmend ließ sich der massige Mann auf die erste der mit rotem Kunstleder bezogenen Bänke sinken. Ümit, der Wirt, lächelte ihm grüßend zu und machte sich, ohne lange zu fragen, daran, sein Getränk vorzubereiten: Jäger Combo. Ein Bier und ein Jägermeister. Die Beliebtheit dieser Combo, so verspricht die Werbung, erfüllt die urmenschlichen Bedürfnisse nach Frische, Geschmack und Geselligkeit. Der Abgeordnete wollte mehr davon.
„Heute bitte ein Orchester!“ rief er durch den Raum. Das war die Sprachregelung dafür, dass er heute einen doppelten Jägermeister wollte. Ludwig Kron steckte sich eine Zigarette an. Niemanden kümmerte hier das Rauchverbot.
„Bitte schööön!“ Der Wirt stellte den Jägermeister auf den eigens für die Combo-Aktion geschaffenen Bierdeckel, der eigentlich aus zwei Bierfilzen bestand: Einem für das Bier und einem kleineren für den Jägermeister. Der Abgeordnete wusste, dass er aufgrund Ümits Schanktechnik auf das Bier etwas warten musste. So biss er von dem Jägermeister einen Schluck ab und sah sich um. Er suchte die Blicke der Gäste. Das Zwillingspaar stand am Winkel des Tresens. Zwei zum Verwechseln ähnliche Männer, Zimmerleute. Dem einen hatte er vor ein paar Tagen eine Chronik des Schützenvereins mitgebracht. Aber welchem? Beider Großvater war in der Chronik verewigt. Als Büchsenmacher hatte er sich um die Flinten der Schützen gekümmert. Lässig winkten die beiden herüber.
Neben ihnen stand der Knoblauchfreund. Er aß zu allem Knoblauch, spickte sogar Würstchen mit Knoblauchzehen und rieb das Gewürz in die Schlagsahne zu Erdbeeren. Immer trug er ein Leckerli für Hunde bei sich. Er war in ein Gespräch mit dem alten Gaardener vertieft, der an seiner Wollmütze eine Reihe von Anstecknadeln spazieren führte. Im offenen Nebenraum wurde Dart gespielt. Kron hatte beim Zusehen das Spiel immer noch nicht ganz begriffen. Irgendwie war das wie „Mensch ärgere dich nicht“. Laut wurde es, wenn einige nahe vor dem Ziel stehend die präzise Zahl zum Abschluss treffen mussten.
„Bitte schööön!“ Jetzt kam das Bier. Nun war der Jägermeister aber alle, und Kron bestellte gleich ein neues Orchester. Er nahm einen großen Schluck Bier. Zur Ruhe gekommen überlegte der Abgeordnete. Langfristig viel Geld zu verdienen, und dazu steuerfrei, das war gut. Aber er brauchte schnell Bares. Da kam ihm eine Idee. Er nestelte nach dem Handy in seiner Jackentasche.
„Ja, bitte, mit wem spreche ich?“
Der Antiquariatsbuchhändler Harald Eschenburg hatte eine Flasche Rotwein geöffnet und guckte einen Tatort.
Die Art des Kieler Kommissars Borowski gefiel ihm. Nicht so zwanghaft dynamisch, der Mann.
„Mit deinem besten Lieferanten, der brennend heiße Ware hat.“
„Ach, der Herr Abgeordnete. Haben Sie wieder einmal eine Erstausgabe auf dem Speicher gefunden?“
Schwang da Spott mit in der Stimme des Buchhändlers? Kron ging darüber hinweg.
„Was würdest du sagen, wenn ich ein vergessenes Werk von Schiller hätte? Original Andruck!“
„Unsinn, würde ich sagen, Sie haben doch nur Goethe. Und bei dem gibt es tatsächlich einige graue Stellen“, bluffte der Antiquar.
„Egal. Was wäre solch ein Teil denn wert?“
„Hmm, das wäre schon eine Sensation. Man muss vieles bedenken. Urheberrecht, Erben, Stiftungen…“
„Ich habe dich nicht als Bedenkenträger angerufen. Nenne eine Summe, oder ich frage andere“, drängte der Abgeordnete.
„Wenn das Werk echt ist, es aufgeführt werden kann und ich alle Verwertungsrechte bekomme, reden wir über Millionen.“
„Millionen! Mann!“, entfuhr es Kron. Zu laut. Trotz der Musik, die im Köpi immer dudelte, wenn nicht gerade Fußball angesagt war, hatte man das Wort am Tresen verstanden.
„Hast du im Lotto gewonnen? Dann vergiss uns nicht. Als kleinen Vorschuss kannst du ja schon mal einen ausgeben“, forderte jemand vom Tresen herüber.
Unwirsch winkte Kron ab. Leiser sprach er ins Mikrofon:
„Wie wäre es da mit einem kleinen Vorschuss? 20.000 Euro würden mir sehr helfen.“
„Da muss ich aber vorher Konkreteres haben.“
„Bekommst du, alter Pfennigfuchser, bekommst du! Morgen schon.“
Der Abgeordnete klappte das Handy zu, steckte es in die Tasche und rief mit einer ausgreifenden Geste: „Eine Runde für alle!“
Als Ludwig Kron im Turmzimmer ankam, war sein Onkel bereits bei der Arbeit. Kron blieb in der Tür stehen und sah schweigend zu, wie Hansen ein Buch nach dem anderen aus dem Regal nahm, es abstaubte, aufblätterte, hineinsah und es an einem anderen Platz wieder abstellte.
„So verbissen, wie der arbeitet, hat er das Buch bestimmt noch nicht gefunden. Das ist keine Schau“, dachte der Abgeordnete und räusperte sich. Hansen fuhr herum.
„Steh da nicht rum, hilf lieber!“ bellte er den Jüngeren an. „In den Briefen war sonst nur platonisches Süßholzgeraspel. Keine weitere Spur auf das angekündigte Manuskript.“
Er pustete Staub vom Rücken eines Buches in Ludwigs Richtung. Hustend deutete der auf ein Regal:
„Soll ich da anfangen?“
Der Angesprochene nickte. Gemeinsam nahmen sie den Kampf mit dem Staub auf. Jedes Buch wurde in die Hand genommen und geprüft. Zwar fanden die beiden Männer einiges, was Wert haben konnte. Aber von Goethe standen nur die fünfzehn Bände der Cotta – Ausgabe von 1881 im Regal, mit goldgeprägtem Lederrücken und offenbar häufig genutzt. Dazu einiges an Sekundärliteratur. Alles nicht besonders wertvoll. Mit verstaubten Händen und Gesichtern setzten sich Hansen und Kron am frühen Nachmittag an den achteckigen Tisch. Die durch das kleine Turmfenster eindringenden Sonnenstrahlen spielten mit dem aufgewirbelten Staub.
„Nichts, rein gar nichts!“ fluchte der Abgeordnete.
„Lass uns nachdenken. Für die Ankündigung, es gäbe ein unbekanntes Goethe-Werk, zahlt uns niemand etwas. Es sei denn…“ Joachim Hansen lächelte versonnen.
„Was sei denn! Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren!“
„Lass nur. Wo nichts ist, muss etwas hin! Ich erzähle es dir auf der Fahrt. Zunächst aber lass uns den Staub der Literatur abspülen.“
In seinem alten Daimler Diesel erklärte Joachim Hansen seinem Neffen den Clou.
Der Antiquar Harald Eschenburg empfing die beiden Männer in seinem Studierzimmer. Er wies ihnen die Sessel vor dem schweren Schreibtisch zu und schenkte einen kräftigen Tempranillo aus La Mancha ein.
„Wie Don Quijote und Sancho Panza“, dachte der Bibliomane, hob das Glas und prostete seinen Besuchern zu:
„Zum Wohle. Aber wo ist denn die Sensation, die Sie mir mitbringen wollten?“
Er lauerte aus seinem alten, mit geprägtem Leder bezogenen Drehstuhl aus Mahagoniholz über den Schreibtisch hinweg seine Gäste an. Joachim Hansen legte den Goethe-Brief, den er in eine Klarsichtfolie gesteckt hatte, auf den Tisch. Gierig griff der Antiquar zu, las lange und sorgfältig. Dann blitzte er die beiden an:
„Ja – und wo haben Sie den Andruck?“
„Sicher verwahrt. Sie denken doch nicht, dass wir mit dem wertvollen Werk so einfach durch die Gegend kutschieren“, sagte Hansen. Und sein Neffe rief erregt:
„Aber ein Vorschuss ist doch wohl drin. Wie beim Poker. Wer sehen will, muss etwas einsetzen. So dreißigtausend?“
Aus Eschenburg platzte ein glucksendes Lachen. Er erhob sich, ging an die schwere Bücherwand in seinem Rücken, öffnete einen von Büchern verdeckten Tresor und entnahm ihm ein Bündel Geldscheine.
„Fünftausend! So gut ist euer Blatt auch wieder nicht. Fünftausend für den Brief. Und für das Recht, den Andruck zu sehen. Als erster.“
Der Abgeordnete wollte das Geld ergreifen, aber Hansen kam ihm zuvor, schob die Scheine zu dem verdutzten Antiquar zurück und ergriff den Goethe-Brief.
„Ich glaube, ich habe Sie überschätzt, Herr Eschenburg. Scheint eine Liga zu hoch für Sie zu sein.“
Er stand auf und stieß seinen Neffen an, es ihm gleich zu tun. Zurück ließen die beiden Bordesholmer einen verdutzten und verwirrten Buchhändler.
„Bist du verrückt! Ich brauche die Kohle!“ schimpfte Ludwig Kron auf dem Weg zum Parkplatz. Als sie wieder im Wagen saßen, sagte sein Onkel:
„Beruhige dich. Dieses Projekt wird viel, viel mehr abwerfen. Ich werde dir Geld geben. Erst einmal.“ Und dann fügte er hinzu: „Vor allem aber brauchen wir dieses verflixte Goethe-Buch!“
Adelheid Weimar stand an der steilen Treppe zum Dachboden und lauschte. Sollten sie ihre Sinne wieder getäuscht haben? Nichts war jetzt zu hören. Dabei meinte sie eben auf der Veranda, leises Lachen und Flüstern vom Dachboden herunter gehört zu haben. Wo war eigentlich Paula? Sie hatte das Hausmädchen zum Einkaufen geschickt. Das war jetzt aber auch schon über zwei Stunden her. Und Joachim? Der war mit seinem Neffen unterwegs. „Wichtige Geschäfte“, hatte er ihr zugerufen und war verschwunden. Angestrengt lauschte sie noch einmal nach oben. Wegen ihres versteiften rechten Knies traute sich die Hausherrin nicht die steile Stiege hinauf. Sie wandte sich ab und ging, auf ihren schwarzen Gehstock mit dem silbernen Handgriff gestützt, zurück zur Veranda, wo sie sich in einen der tiefen Rattan-Sessel fallen ließ:
„Joachim ist so oft weg, und Paula läuft nur noch fröhlich trällernd durch die Gegend. Ich werde ein Auge auf die beiden haben müssen“, murmelte sie vor sich hin und blickte über die Kronen der mächtigen Linden, die vom Fuße des Hanges herauf wuchsen, hinweg auf den See, in dem sich der blaue Himmel spiegelte.
