LOTSENGOLD - Birgit Berndt - E-Book

LOTSENGOLD E-Book

Birgit Berndt

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Beschreibung

An einem eiskalten Winternachmittag treffen sich Frauke, Falk und Gesche, drei Geschwister, unter abenteuerlichen Umständen auf der 'verbotenen Insel', ihrem geheimen Ort seit Kindertagen. Der Grund ist das Erbe ihres Vaters, des kürzlich verstorbenen Lotsen Frieder Sundermann aus Bahrenhoop. Plötzlich fällt ein Schuss - und alles ist anders. Komissarin Britta Ohlsson aus Stralsund und ihr neuer Kollege Leo Stadler aus München ermitteln auf einen vagen Hinweis. Niemand in Bahrenhoop will etwas gesehen haben, auch nicht Greta Sundermann, die Witwe des Lotsen. Doch offensichtlich weiß sie mehr, aber nicht alles. Bohrende Fragen bleiben. Was hat ihr Mann hinterlassen? Wie gehen die Geschwister damit um? Wo ist Gesche, die nicht mit von der Insel zurückgekehrt ist? Welches Spiel treibt Falk, der große Bruder? Wer ist der mysteriöse Grauhaarige? Welche Rolle spielt der Sechseck-Quilt? Eine Familie auf der Suche nach einem Erbe, aber in erster Linie auf der Suche nach sich selbst.

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Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Birgit Berndt

LOTSENGOLD

Stralsund-Roman

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog 1954

Kapitel 1 Sonntag 10. Januar

Kapitel 2 Montag 11. Januar

Kapitel 3 Dienstag 12. Januar

Kapitel 4 Mittwoch 13. Januar

Kapitel 5 Donnerstag 14. Januar

Kapitel 6 Freitag 15. Januar

Kapitel 7 Samstag 16. Januar

Kapitel 8 Montag 25. Januar

Kapitel 9 Dienstag 2. Februar

Kapitel 10 Freitag 19. Februar

Nachwort der Autorin

Danksagung

Impressum neobooks

Prolog 1954

Der Sturm tobte seit Tagen, hatte die Ostseeküste fest im Griff. Er war vollkommen fertig, aber es half nichts. Weiter, immer weiter. Es blieb keine Zeit zum Luftholen und da.... Henning, der Fischer stürmte auf ihn zu. Völlig außer Atem flehte er, während ihm die Tränen über die wettergegerbten Wangen liefen, „du muss', du muss' mir helfen, bitte, die Kinnings, meine Kinnings, sie, sie....“

Er fasste Henning am Arm: „Was ist mit deinen Kindern?“

„Sie, sie sinn' da draußen“, er deutete mit seinem Arm hilflos auf die See, „rausgefahrn, ich hab's nich' gesehn, grade erst gemerkt. Aber sie treiben immer weiter raus, sind wohl total erschöpft, könn' nich' mehr rudern. Guck' doch.“

Er blickte in die angegebene Richtung und was er sah ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Nur noch ein kleines Pünktchen war draußen zu erkennen, das sollte das Boot sein?

Hilfeschreie, kaum als solche auszumachen, sie klangen eher wie ein Flüstern, drangen zwischen dem Tosen des Wassers an sein Ohr. Hochgestreckte Arme ruderten verzweifelt in der Luft herum, es sah aus, als wollten sie den Sturm wegfegen.

„Mensch, Henning, das ist ja furchtbar, warum kommst du denn nu' erst zu mir?“

„Ich“, Henning senkte seinen Kopf, bevor er ihn aus tränennassen Augen ansah, „ich schäm' mich, ich hab' sie doch grad' jetzt erst vermisst. Bei dem ganzen Durcheinander hier.“

Er handelte umgehend. „Boot klar zum Retten“, kommandierte er. Die Ruderer schoben den schweren Kahn murrend wieder ins Wasser, packten die Ruder und er sprang als letzter rein.

„Los Männer, ich weiß, ihr seid fix und fertig, aber das ist ein Notfall, wir können jetzt nicht wegsehen. Das würden wir alle uns nie verzeihen. Ich kenn' euch doch. Ihr packt das.“

Die Männer nickten ergeben und gaben nochmal alles. Mit letzter Kraft erreichten sie das hilflos in den Wellen treibende Boot mit den zu Tode erschrockenen völlig durchnässten und erschöpften Kindern, die ihnen nur stumm mit weit aufgerissenen Augen entgegenblickten. Sie hatten noch nicht einmal mehr die Energie zu heulen. Zwei Männer packten das Boot am Rand, er stieg in einem waghalsigen Balanceakt über und reichte erst das Mädchen und dann den Jungen ins Rettungsboot. In Decken eingewickelt kauerten sie sich auf den Boden.

Er sagte nur: „Los Männer, geschafft, nix wie zurück an Land, ins Warme. Ich geb' für diese Riesenleistung ein' aus.“ Sie schafften es, gegen die Strömung anzurudern und auf den Strand zu fahren, wo sie von den Inselbewohnern empfangen wurden, die ihnen halfen, das Rettungsboot auf den Strand zu ziehen. Die Männer waren so erschöpft, dass sie fast aus dem Boot fielen.

Hennings Frau nahm ihre Kinder in Empfang und stammelte ein ums andere Mal: „Kinnings, Kinnings, das hätte aber mächtig schief gehen können. Wat macht ihr bloß?“

Die Kinder wimmerten nur noch und begriffen erst jetzt so langsam, dass sie in großer, in größter, ja sogar in Lebensgefahr gewesen waren. Henning nahm ihn beiseite, „das vergesse ich dir mein Lebtag nich', danke.“

Für einen Inselfischer war das schon eine lange Rede, aber es ging noch weiter: „Hier, nimm.“ Henning drückte ihm ein Päckchen in die Hand.

Er schüttelte den Kopf, und wollte ihm das Päckchen zurückgeben. „Nee, nee, lass man, das is' schon gut.“

„Isses nich, du hass' sie gerettet, ich weiß nich, was sonss' gewesen wär'. Dat is 'ne eiserne Reserve, hab' ich schon lange immer bei mir. Nu' is der richtige Zeitpunkt, sie weiterzugeben, du hass' sie dir verdient.“

Er wollte sich auf keine weiteren Diskussionen einlassen, dafür war er zu müde und erschöpft, nahm Hennings Pranke in seine Hände, schüttelte sie ergriffen. Dann steckte er das Päckchen achtlos in seine Joppentasche, wo es viele Jahre lang schlummerte und völlig in Vergessenheit geriet.

Heut' würde er wohl nicht mehr nach Bahrenhoop zurückkommen. Er ging zur Station, wo seine Männer schon auf ihn warteten. Er holte seine eisernen Reserven an Korn raus, zwei Buddeln, und langte die Schnapsgläser aus dem Schrank. Er goß für jeden 'nen Lütten ein.

„Prost Männer, ihr wart großartig, ich danke euch für diesen Einsatz.“

Alle prosteten sich erleichtert zu. Er deutete auf die Flaschen, „könnt' ihr leermachen, aber ohne mich, ich bin todmüde.“ Damit ließ er sich auf die Pritsche fallen und schlief sofort ein.

Kapitel 1 Sonntag 10. Januar

Frauke Sundermann hastete über den zugefrorenen Bodden und stemmte sich gegen den eisigen Ostwind. Sogar die Fahrrinne war dicht, sonst wäre ein Treffen auf der Insel gar nicht möglich gewesen. Die Dämmerung senkte sich bereits gemächlich wie ein dunkles Tuch über dieses weitgehend menschenleere Fleckchen Erde und den kleinen Ort Bahrenhoop.

Jetzt zogen auch noch dunkle Wolken auf, das sah nach Schnee aus. Das fehlt gerade noch, dachte Frauke, hoffentlich bleibt es noch eine Weile trocken, wenigstens so lange, bis ich wieder in Stralsund bin. Ihr Wunsch erfüllte sich nicht, denn just in diesem Moment öffnete der Himmel seine Pforten und schickte dicke Schneeflocken zur Erde. Mist, Autofahren bei Schnee ist nun wirklich nicht mein Ding. Schon die Herfahrt in ihrem blauen Subaru-Justy hatte sie mächtig Überwindung gekostet. Was war das bloß für eine Schnapsidee von Falk, sie bei diesem Sauwetter auf die Insel zu beordern. Außerdem war sie mal wieder viel zu spät dran. Ihr sieben Jahre älterer Bruder hasste Unpünktlichkeit und würde garantiert stocksauer sein. Er hielt nichts vom 'akademischen Viertel'. Frauke schluckte, keine gute Voraussetzung für das bevorstehende Treffen. Falk wirkte ohnehin in letzter Zeit zunehmend angespannt und war entsprechend reizbar. Hatte er Probleme? Heute morgen hatte er bei ihr angerufen, ziemlich früh, sie war noch im Bett, schließlich war Sonntag. Energisch hatte er sie hierher nach Bahrenhoop bestellt.

„Frauke, du musst heute nachmittag unbedingt auf unsere Insel kommen.“

„Ach Falk, muss das sein? Bei diesem Schietwetter hab' ich nun wirklich keinen Bock durch die Gegend zu fahren. Es ist so gemütlich zuhause, ich möchte einfach hierbleiben und mich mit heißem Tee und einem spannenden Buch einkuscheln.“ Auf Wein verzichtete sie momentan, was ihr auch gar nicht schwerfiel und wofür sie ihre Gründe hatte.

„Mir ist überhaupt nicht nach einem Ausflug und im Radio haben sie vor starkem Schneefall gewarnt und überhaupt, ich.....“

Falk schnitt ihr das Wort ab: „Papperlappapp. Wozu hast du schließlich ein Allradauto. Stell dich nicht so an. Du tust gerade so, als wären die knapp fünfzehn Kilometer von Stralsund hieraus eine Weltreise. Ich erwarte euch um 16.00 Uhr.“

„Euch? Kommt Gesche auch?“

„Weiß ich nicht, zumindest habe ich sie auf dem Handy angerufen und sie wollte auf jeden Fall versuchen, zu kommen.“

„Extra aus Hamburg?“

„Keine Ahnung, sie hat nicht gesagt wo sie ist. Fluch und Segen der fortschrittlichen Technik. Immer und überall erreichbar. Ach noch was,“ fuhr Falk fort, „bevor ich es vergesse, zieh' was Helles an, damit du auf dem Eis nicht zu sehen bist.“ Frauke grinste, er spielte mal wieder den großen Bruder.

„Wäre ich nie drauf gekommen, du Schlaumeier, ich dachte eher an was Leuchtendes, Auffälliges....“

„Spar dir deine Ironie, war doch nur ein Tipp.“

„Ja, weiß ich, hab's nicht so gemeint, ist mir einfach rausgerutscht. Ich bin augenblicklich einfach nicht gut drauf. Mir graut vorm Autofahren im Winter, das weisst du.“

„Da musst du durch, wir sehen uns heute Nachmittag, ich rechne mit dir, es ist wirklich wichtig.“

Bevor sie weitere Einwände vorbringen konnte, beendete Falk das Gespräch kurzerhand. Frauke hatte sich an seine Vorgabe gehalten und einen hellen Daunenanorak mit Kapuze angezogen, unter der sie ihre dunklen Locken verbarg, die ihr rundes Gesicht umspielten. Zusätzlich trug sie eine farblich dazu passendeWollmütze. Ihr Aussehen ähnelte stark dem Shirley Temples, allerdings mit strahlend blauen Augen. Außerdem hatte sie sich einen hellen dicken Wollschal umgeschlungen. In diesem Aufzug würde sie mit dem Schnee und der Dämmerung zu einer unsichtbaren Masse verschmelzen. Darunter trug sie eine Daunenweste, einen dicken Wollpullover, noch gestrickt von Fine, ihrer verstorbenen Mutter, Wollsocken und dicke Stiefel. Nichts wärmte ihrer Erfahrung nach so gut wie reine Wolle. Wahrscheinlich sah sie aus wie ein Michelin-Männchen, zumal sie ohnehin zur Pummeligkeit neigte, aber das war ihr schnurz, frieren ging gar nicht. Nach ihrer Auffassung kam Wärme eindeutig vor Aussehen.

Die dunkle Silhouette der naturgeschützten Insel kam näher. Eigentlich war es strengstens verboten, sie zu betreten. Als Schutz für das Kliff hatte sie eine wichtige Funktion. Für sie und ihre Geschwister gab es in Kindertagen keinen schöneren Abenteuerspielplatz. Um das Verbot kümmerte sich damals niemand, auch ihr Vater nicht. Jäger hatten offiziell Zutritt, durften auf die Jagd gehen, hielten den Bestand an Wildschweinen und Rotwild im Zaum. Hinter vorgehaltener Hand wurde weithin gemunkelt, dass auch Wilderer bei Nacht und Nebel reiche Beute fanden. Gefasst worden war jedoch noch keiner. Obwohl ganz in der Nähe der altehrwürdigen Hansestadt Stralsund gab es hier draußen eigene Gesetze. Wo kein Kläger, da kein Richter, so einfach war das. Durch die Wende hatte sich vieles geändert. Bahrenhoop war zu einem beliebten Wohnort und sommerlichen Ausflugsziel geworden, viele Segler besuchten den kleinen Hafen.

Gleich daneben begann der Nationalpark, eine einmalige Natur- und Kulturlandschaft. Frauke, ihr älterer Bruder Falk, ein Hüne mit kurzgeschnittenen schwarzen Haaren und stechend blauen Augen, die stark an einen Husky erinnerten und ihre jüngere Schwester Gesche, zierlich, aber zäh, mit glatten blonden Haaren und dunklen Augen, kümmerten sich nicht um das Verbot. Wenn sie wollten, trafen sie sich auf der Insel wie eh und je. So wie heute!

Einem Impuls folgend blieb Frauke abrupt stehen und sah hinüber zu den Lotsenhäusern, die dunkel dalagen und hinter dem dichter werdenden Schneeschleier gerade eben noch zu erkennen waren. Wirklich dunkel? Da, was war das? Ihr schien es als wäre im Sundermannschen Haus ein Hauch von Licht oder Feuer zu erkennen. Ganz schwach nur......nein, sie musste sich täuschen, die Dämmerung gaukelte ihr etwas vor. Greta war verreist, nach den Ereignissen der vergangenen Wochen war sie völlig fertig gewesen, wollte irgendwo zur Ruhe kommen und sich erholen, das hatte sie selbst gesagt. Aber vielleicht hatte sie es sich überlegt und war doch zuhause geblieben....?

*

Just in diesem Moment legte Greta Sundermann im alten Lotsenhaus das Fernglas zurück auf die Fensterbank, wo es immer zum Gebrauch bereit lag, wie Frieder es bestimmt hatte. Eine Gewohnheit, die sie beibehielt. Sie war nicht weggefahren, sondern hatte sich genügend Lebensmittel und was sonst notwendig war liefern lassen und sich anschließend komplett zurückgezogen. Tagelang ging sie noch nichtmal aus dem Haus, ließ sich hineinfallen in ihre Trauer um Frieder. Manchmal schwelgte sie in Erinnerungen, dann wieder ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Ganz langsam begann sie sich besser zu fühlen und nun das!?

Falk, Frauke und Gesche trafen sich also an ihrem Geheimplatz auf der Insel. Das musste einen wichtigen Grund haben, bei dieser eisigen Kälte, dem einsetzenden Schneefall und dazu noch in der ersten Dämmerung. Oder gerade deshalb? Alle drei waren hell gekleidet, clever, Greta hatte wirklich Mühe gehabt, sie auszumachen und erst nach langem Fokussieren war sie sich sicher, wer da auf dem Weg zur Insel war.

Klar wusste sie, dass die Geschwister auch als Erwachsene immer mal wieder heimlich auf der Insel waren. Im Sommer schwammen sie hinüber, obwohl es wegen der Strömung in der Fahrrinne echt gefährlich war und im Winter gingen sie über das Eis. Offenbar brauchten sie diesen Kick. Da die Leute großen Respekt vor Frieder hatten, traute sich niemand, gegen die heimlichen Besuche vorzugehen, sie wurden einfach geduldet. Sogar von den beiden Dorfpolizisten Walter Jensen und Peter Braumann auf der kleinen Polizeistation in Golddorf.

Die Geschwister ahnten in keiner Weise, dass ihr sogenannter Geheimplatz auf der Insel alles andere als geheim war und dass auch Greta längst davon wusste. Denn gleich nachdem sie ins Lotsenhaus gezogen war, hatte sie die Geschwister dabei beobachtet, wie diese einmal im Sommer hinüberschwammen. Darüber hatte sie sich natürlich gewundert und Frieder einfach direkt gefragt. Der hatte ihre Vermutung bestätigt, sie aber gebeten, vor den Kindern so zu tun, als wüsste sie nichts davon. Es sei besser für sie, Greta, dieser Geheimplatz sei die 'heilige Kuh' der drei.

Gretas Verhältnis zu Falk und Frauke war von Anfang an eher vordergründig, mit wenig Tiefgang. Beide fanden sich nur schwer damit ab, dass Frieder und sie nach Fines Tod geheiratet hatten. Eine Stiefmutter in ihrem 'Lotsenhaus' passte ihnen gar nicht. Gesche, das Nesthäkchen hatte sich gefreut, eine 'Stiefmutter' zu bekommen und sie voll akzeptiert, worüber Greta sich ganz besonders freute. Frauke und Falk hatten Frieder zuliebe so eine Art Burgfrieden mit ihr geschlossen, das klappte in den vergangenen Jahren recht gut. Nun war Frieder, der Vermittler und das Bindeglied zwischen ihnen, tot und wie weit es in Zukunft einen Zusammenhalt zwischen ihr und den beiden Älteren geben würde, war völlig offen. Wenn bloß nicht auch Gesche sich jetzt unter dem Einfluss von Falk und Frauke von ihr abwandte. Das könnte sie nicht ertragen.

Mühsam löste sie sich vom Fenster und ging traurig die Treppe runter in die große Wohnküche, wo im Kamin ein munteres Feuer brannte und wohlige Wärme sie umfing. Der Schmerz wurde nahezu unerträglich, sie war allein, ganz allein. Niemals mehr würde Frieder, ihre große Liebe, sie in den Arm nehmen und trösten, wie nur er es gekonnt hatte. Mit hängenden Schultern setzte sie sich an den großen Küchentisch und spürte, dass sich der Graben zwischen ihr und den Geschwistern zusehends vergrößerte. Das mühsam geknüpfte, ohnehin schwache Band zeigte erste Risse.

Warum zum Teufel trafen sich die drei heute abend auf der Insel? Blitzartig wurde ihr klar, dass Gesche, Frauke und Falk ja meinten, sie sei nicht da. Also sollte sie von diesem Treffen nichts wissen, sie wurde also wieder ausgeschlossen. Sie legte ihre Arme vor sich auf den Tisch, ließ den Kopf darauf sinken und weinte hemmungslos. Irgendwann schlief Greta vor Erschöpfung ein.

*

 Das Vibrieren ihres Handys brachte Frauke in die Gegenwart zurück. Sie angelte es aus der Anoraktasche, wischte über das Display und versuchte zu erkennen, wer sie anrief. Verschwommen erkannte sie Falk's Namen. Klar, er wollte sicher wissen, wo sie blieb. Sie drückte den Anruf einfach weg. Ich bin ja sowieso gleich da, dachte sie bei sich, schlängelte sich durch den Schilfgürtel und betrat die Insel. Einem Impuls folgend wäre sie sogar jetzt noch am liebsten umgekehrt, ein unbestimmtes Gefühl im Bauch signalisierte ihr, 'kehr um', aber es war zu spät, Falk und Gesche hatten sie bereits entdeckt. Betont forsch betrat sie die Lichtung, wo die beiden ungeduldig auf sie warteten.

„Ah, da bist du ja endlich,“ empfing Falk sie unwirsch, „hat lange genug gedauert. Wir warten schon eine Ewigkeit und sind beinahe erfroren.“

„Nun übertreib' mal nicht, es sind gerade mal zehn Minuten über der Zeit.“

„Ja,“ das war Gesches Stimme, „bei dieser klirrenden Kälte kommt einem das wie zehn Stunden vor. Schließlich stehen wir nur blödsinnig in der Gegend rum.“

Vorwurfsvoll sah sie Frauke an und schlug demonstrativ ihre Arme über Kreuz um den Körper, um sich zu wärmen. Frauke machte auf zerknirscht, „tut mir leid, aber jetzt bin ich ja da. Was gibt es denn nun so Aufregendes?“

„Das“, antwortete Falk, während er auf ein ihm zu Füßen liegendes, verrostetes und verwittertes Etwas zeigte, das mit viel Mühe als eine Blechkiste zu identifizieren war.

„Wir haben sie schon mal aus dem hohlen Baum geholt, als du noch auf dem Weg warst,“ sagte Gesche und nickte zustimmend. Frauke verstand den Vorwurf, ging jedoch nicht darauf ein.

„Ja, und was sollen wir damit?“

„Habe ich auch schon gefragt,“ grinste Gesche.

„Was wohl Mädels, öffnen, oder habt ihr eine bessere Idee?“

„Nein, ehrlich gesagt nicht, aber wie bist du überhaupt darauf gekommen, dass im hohlen Baum eine Blechkiste versteckt ist?“

„Nun mal der Reihe nach,“ Falk verzog das Gesicht, während er fortfuhr, „also, wie ihr wisst, habe ich Vaters Unterlagen durchgesehen, nachdem der Notar sie freigab. Vadding hatte ja testamentarisch verfügt, dass ich mich um seinen Nachlass kümmern soll, um Greta zu entlasten. So ganz recht war ihr das nicht, aber ich hab's durchgezogen und den Papierkram zu mir geholt. Dort habe ich dann alles in Ruhe durchgesehen und das hier gefunden.“

Er zog einen zerknitterten Zettel aus seiner Jackentasche und hielt ihn in die Höhe. Während Frauke und Gesche gleichzeitig versuchten, Falk den Zettel wegzuschnappen, was er zu verhindern wusste, warf Gesche ein: „Trotzdem irgendwie ganz schön frech.“ Frauke schwieg. Sie empfand Mitleid für Greta.

„Zuerst bin ich aus der Notiz überhaupt nicht schlau geworden. Vaters Marotte für verschlüsselte Botschaften kennt ihr ja auch zur Genüge.“

Beide nickten eifrig. An Geburtstagen und zu Weihnachten war ihre Geduld oft ziemlich strapaziert worden, denn ihre Geschenke bekamen sie erst, wenn sie Frieders Rätsel gelöst hatten. Eine Marotte, die solche Tage prickelnd, geheimnisvoll und spannend gemacht und die Frauke geliebt, Falk und Gesche hingegen eher als lästig empfunden hatten.

Falk fuhr fort: „Irgendwelche Andeutungen, die für mich so gar keinen Sinn ergaben. Fragmente, die im ersten Moment absolut nicht zusammenpassten. Ich les' euch die Botschaft mal vor.“ Er nahm den verknitterten Zettel, hielt ihn ins langsam verschwindende Mondlicht und las: „Hört und staunt:

Meine geliebten Kinder, ihr werdet etwas finden!

Aber nicht da, wo ihr meint, wahrscheinlich auch nicht das, was ihr glaubt.

Lasst Euch nicht entmutigen, es lohnt sich zu suchen.

Falls ihr es schafft, habt ihr möglicherweise ausgesorgt, die Entscheidung darüber liegt bei euch!

Wenn nicht, bleibt das Geheimnis für alle Zeiten gewahrt!

Frauke, Gesche und Falk waren zunächst sprachlos und sahen sich ratlos an. Frauke fasste sich als erste: „Ja, aber wie bist du darauf gekommen, hier auf der Insel zu suchen?“

„Als es Vadding schon sehr schlecht ging, rief er mich zu sich. Ich hab's ja nicht weit.“ Er grinste seine Schwestern an. „Greta war unterwegs. Vater zog meinen Kopf zu sich herunter und flüsterte mir etwas ins Ohr.“

„Nun spann uns doch nicht so auf die Folter, komm zum Kern,“ sagte Gesche, „mir ist kalt.“ Frauke nickte zustimmend.

„Ja, also ich konnte ihn sehr schlecht verstehen, er war schon zu schwach. Aber ich meinte gehört zu haben: „Falk, Junge, sucht auf der Insel im....“, dann schlief er erschöpft ein.

„Danach hatte ich keine Gelegenheit mehr, ungestört mit ihm zu sprechen. Immer war Greta in der Nähe. Zunächst vergaß ich das Ganze. Erst als ich in den Unterlagen auf die Botschaft stieß, fielen mir Vaddings Worte wieder ein.“

Er streckte sich und sah seine Schwestern triumphierend an: „Da ich ja bekanntlich kein kleiner Dummer bin, kombinierte ich blitzschnell und kam zur der Erkenntnis, dass damit nur der hohle Baum auf unserer Insel gemeint sein kann. Deshalb bat ich euch, heute hierherzukommen, damit wir gemeinsam das Geheimnis lüften können.“

Frauke dachte wie meist praktisch, sie deutete auf die Blechkiste. „Wie kriegen wir die denn auf?„

„Voila,“ Falk zog einen ebenfalls verrosteten Schlüssel aus seiner Jackentasche, „hiermit, hab' ich auch in den Unterlagen gefunden.“

Frauke konnte es nicht lassen. „Aber die Kiste hättest du doch auch nach Stralsund zu mir bringen können, um sie gemeinsam in meiner warmen Wohnung zu öffnen. Oder zu dir, in dein Haus. Dann müssten wir nicht hier draußen in der Kälte rumstehen.“

Verblüfft sah Falk sie an: „Quatsch, da fehlt das richtige Feeling, das funktioniert nur hier beim direkten Versteck. Schnöde in der Wohnung oder einem Haus einen Schatz entdecken kann jeder, das hat keinen Stil. In meinem Haus wäre ein Treffen außerdem zu auffällig gewesen und in Stralsund kriege ich mit meinem Pick-up immer so schwer einen Parkplatz.“

Frauke sah ihren Bruder an und konnte sich gerade noch verkneifen, mit ihrem Zeigefinger an die Stirn zu tippen. Gesches Gesicht signalisierte Zustimmung zu Fraukes Einwurf. Stattdessen sagte Frauke resigniert: „Na, dann los.“

Falk ging in die Knie und steckte den Schlüssel ins Schloss, ruckelte ein paar mal hin und her und tatsächlich öffnete sich der Deckel quietschend. Frauke und Gesche konnten den Inhalt nicht erkennen, sahen nur das verblüffte und ungläubige, kalkweiß gewordene, Gesicht ihres Bruders, der den Deckel enttäuscht zuplumpsen ließ.

„Alles in Ordnung mit dir?“ fragte Frauke besorgt.

„Was soll das denn? Spinnst du? Was ist denn nun drin?“ Gesche war überhaupt nicht besorgt, sondern nur ungeduldig.

Falk war noch blasser geworden und murmelte vor sich hin: „Das kann doch nicht wahr sein, ich glaub' ich träume.“ Er öffnete den Deckel erneut und bevor er wieder zufallen konnte, beugten sich beide Frauen blitzschnell hinunter und starrten auf den Inhalt. Sie schauten genauso ungläubig wie ihr Bruder.

Frauke fasste sich als erste: „Nee, das ist jetzt aber nicht wahr. Ich glaub's ja nicht. Meine Güte, das ist ja wohl der Hammer. Deshalb sind wir bei Eis und Kälte hierhergekommen...“ „...und bei Schnee,“ ergänzte Gesche.

In ihrem Eifer war ihnen vollkommen entgangen, dass der Schneefall heftiger geworden war.

„Auch das noch,“ jammerte Frauke.

„Reiß dich mal zusammen, Mensch, das ist nun wirklich das kleinste Problem. Wenn du absolut nicht fahren willst, kommst du einfach mit zu mir,“ sagte Falk.

„Und Gesche?“

Nach kurzem Zögern erweiterte Falk sein Angebot, „die natürlich auch.“

„Nee, nee, lass' mal, mir reicht es, wenn du mich bis Golddorf mitnimmst, Frauke. Ich besuche einfach meine Freundin Katrin, die allerdings noch nichts von ihrem Glück weiß, aber das ist sie ja von mir gewohnt, dass ich gelegentlich überraschend auftauche. Hab' ein paar Tage Urlaub und,“ fügte sie hinzu, „Greta ist ja im Moment nicht zuhause.“

„Klar, mach' ich,“ sagte Frauke schnell, während ihr die Beobachtung von vorhin wieder einfiel. Sie überlegte, ob sie Falk und Gesche davon erzählen sollte und beschloss, es für sich zu behalten. Sie hatte sich sicher getäuscht.

Die verrostete Blechkiste barg nichts weiter als einen dreckigen Stofffetzen. Hatte sich schon vorher jemand daran zu schaffen gemacht? Etwa Falk? Frauke und Gesche sahen ihren Bruder prüfend an. Der verstand.

„Sagt mal, spinnt ihr? Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass ich irgendwas aus dieser blöden Kiste entfernt habe, bevor ihr dazugekommen seid? Euer Vertrauen ehrt mich.“

„Nein, nein, natürlich nicht,“ übernahm Frauke das Wort und Gesche nickte, „aber komisch ist es schon. Nichts weiter als so ein schmuddeliges Stückchen Stoff in einer alten verbeulten Blechkiste. Aber irgendeine Bedeutung hat das, nur welche?“

Die betretenen Gesichter von Falk und Gesche sprachen Bände. Wie aus einem Mund sagten sie: „Wenn wir das wüssten!“

Frauke wurde pragmatisch, wie es ihre Art war: „Bevor wir hier noch stundenlang rumstehen, debattieren und keinen Schritt weiterkommen, lass' uns nochmal genau den Flicken angucken. Vielleicht fällt uns dazu doch was ein.“

Falk bückte sich nach der Blechkiste, hob' sie hoch, Frauke öffnete den Deckel und griff hinein. Sie zog den Stofffetzen raus und drehte ihn nach allen Seiten.

„Soweit ich das in dem diffusen Licht erkennen kann, ist das ein Hexagon über Papier, diesen blau-karierten Stoff habe ich irgendwo schon mal gesehen, aber ich weiß nicht wo,“ bemerkte sie fachmännisch und erklärend.

„Was für ein Ding?“ fragten Falk und Gesche erstaunt.

„Ein Hexagon, also ein Sechseck. Das ist eine Grundform des Patchwork. Diese Sechsecke werden über Papierschablonen geheftet, die sogenannte englische Papiermethode. Lauter einzelne Teile, die dann mit der Hand zu größeren Stücken zusammengenäht werden. Danach wird das Papier wieder entfernt und das Patchteil mit Vlies und Unterstoff verbunden, also gequiltet. Das traditionelle Muster heißt 'Grandmothers Flowergarden', also 'Großmutters Blumengarten', aber genauso können Rauten zusammengesetzt oder Applikationen damit genäht werden. Es ist eine gute Möglichkeit, um Stoffreste zu verarbeiten. So ist diese Technik auch entstanden.“

„Wieso kennst du dich damit aus? Du überraschst uns immer wieder.“

„Ja, so sind wir drei, richtige kleine Überraschungspäckchen,“ meinte Falk und alle lachten. Die Spannung löste sich.

„Hier ist wirklich nicht der richtige Ort für weitere Erklärungen, erzähle ich euch demnächst ausführlicher, aber ich habe in den letzten Jahren auch einige Decken mit dieser Technik an Bord genäht,“ sagte Frauke und fügte hinzu, „aber es muss eine plausible Erklärung dafür geben, dass Vadding uns diesen vermeintlich wertlosen Stofffetzen hinterlassen hat, dabei hat er sich was gedacht, garantiert. Wir sollten uns das Ganze in Ruhe durch den Kopf gehen lassen und uns dann wieder treffen. Aber bitte nicht hier! Mir reicht es für heute.“

Inzwischen war es weitgehend dunkel geworden. Der Mond war hinter den Wolken verschwunden. Dichte Flocken stoben zur Erde und es stürmte weiter von Osten. Erst jetzt registrierten die drei diese Veränderungen bewusst.

„Ja, du hast recht Frauke.“

Falk bückte sich nach der verrosteten Kiste, hob sie hoch: „Ich nehme sie mit zu mir, außerdem ist es inzwischen sowieso zu dunkel, wir müssen....wartet mal,“ unterbrach er sich abrupt, „...ruhig, pssst...“ er legte den Zeigefinder auf die Lippen, lauschte in die Dunkelheit und flüsterte, „...seid mal still, habt ihr das Knacken gehört? Wir sind nicht allein auf der Insel!!!!“

„Welches....“ setzte Frauke an, der Rest ging in einem Pfeifen unter. Geistesgegenwärtig riß Falk Frauke zu Boden, während Gesche wie vom Donner gerührt stehenblieb. „Gesche!!!!!!“ schrie Frauke und wollte aufspringen, aber Falk hielt sie mit eisernem Griff zurück. „Bleib unten,“ zischte er.

Gesche spürte einen Schlag an ihrer linken Schulter, riss reflexartig die rechte Hand hoch und legte sie wie zum Schutz auf die Stelle. Ein brennender Schmerz durchfuhr sie, aber mehr war zunächst nicht und sie meinte noch, „...nichts passiert, alles klar.“

Frauke und Falk wollten schon aufatmen, da sackte Gesche wie gefällt einfach zu Boden. Erneut knackten Zweige und Schritte entfernten sich eilig, dann war es still. Totenstill...

*

 Im Lotsenhaus schreckte Greta auf ihrem Küchenstuhl hoch. Sie fröstelte, das Feuer war ausgegangen. Wie lange hatte sie geschlafen, warum wurde im Traum rumgeschossen? Im Traum?! Nein, sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen, das war kein Traum, sondern wirklich ein Schuss, da war sie ganz sicher.

Alle Knochen taten ihr weh und sie streckte sich, um ihre Lebensgeister zu wecken. Oh Gott, was war passiert? Ihr Hirn funktionierte wieder, richtig, die Kinder waren auf die Insel geschlichen vor ungefähr, sie drehte sich um und sah auf die Küchenuhr, einer Stunde. Jetzt war es nachmittags fünf Uhr. Waren sie etwa noch dort? Was sollte sie tun?

Oder hatte der Sturm ihr doch nur einen Streich gespielt? Schlug ihre Fantasie mal wieder Purzelbäume? Instinktiv verzichtete sie auf Licht und tappte im Dunkeln in den Flur, tastete sich die Treppe rauf. Ihre Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit. Im oberen Zimmer ging sie zur Fensterbank und griff nach dem Fernglas, hob es mit zitternden Händen vor die Augen und sah angestrengt zur Insel rüber. Es dauerte eine Weile, bis die Hände ruhig wurden und ihr Blick klar. Der Schnee fiel in dichten Flocken zur Erde, sie konnte nichts Ungewöhnliches erkennen, sie musste sich getäuscht haben.

Erleichtert wollte Greta das Fernglas an den angestammten Platz zurücklegen, als sie auf der endlosen Eisfläche einen dunklen Schatten bemerkte. Hastete da nicht jemand in Richtung Labertin? Ein Geisterdorf, vor vielen Jahren waren die Leute umgesiedelt und ihre Häuser abgerissen worden. Zu der Zeit wurde dieser Standort anderweitig benötigt.

Trotzdem war der Name geblieben. Nur zwei Bewohner, Hilmar Rammer und seine ergebene Frau Sonja, hatten sich geweigert ihr Haus zu verlassen. Die Rammers waren eine alteingesessene Familie und lebten schon seit Urzeiten in Labertin. Zum Erstaunen aller gaben die Behörden nach und ihr Haus mitten im Wald durfte samt seiner Bewohner bleiben. Hilmar Rammer war jahrelang Förster gewesen, inzwischen jedoch pensioniert. Im Flüsterton und hinter vorgehaltener Hand wurde von Wilderei gemunkelt. Das Forstamt stellte Nachforschungen an, ebenso die örtliche Polizei. Alles ohne Ergebnis. Die Rammers galten zwar als eigenbrötlerisch und lebten sehr zurückgezogen, nur selten ließen sie sich im Dorf sehen, aber das war nicht verboten.

Frieder hatte ihr davon erzählt. Es sollte dort sogar spuken. Angeblich gingen in Vollmondnächten die Seelen der gewilderten Tiere dort um. Greta schauderte, erst vor zwei Tagen war Vollmond gewesen. Eigentlich glaubte sie solche Spökenkiekergeschichten nicht, aber wer weiß, an einem Tag wie heute....?

Plötzlich wurde Greta aus ihren Erinnerungen gerissen, starrte angestrengt auf die Eisfläche. Sie fokussierte erneut das Fernglas. Ja, jetzt war sie sich sicher, da war jemand unterwegs. War das etwa der legendäre Hilmar? Der sollte doch angeblich immer mit Skiern unterwegs sein, auch auf dem zugefrorenen Bodden, was aber nur als Gerücht verbreitet wurde, denn direkt beobachtet hatte eine solche Aktivität noch niemand.

Greta versuchte sich zu erinnern, ja, von weitem hatte sie diesen Rammer einige Male gesehen und da war er ihr tatsächlich riesig erschienen, genauso wie der Mann da unten auf dem zugefrorenen Bodden. Irgendwas hing über seiner Schulter und schwang im Rhythmus seiner weit ausholenden Schritte mit. War das ein Gewehr? Hatte Hilmar Rammer auf der Insel gewildert? Nicht, dass ihr das zweifelhafte 'Glück' zuteil wurde, diesen Hilmar erstmals in Aktion zu sehen? Zutiefst beunruhigt starrte Greta weiterhin auf die Eisfläche.

Also war es ein Schuss?! murmelte Greta vor sich hin und im selben Augenblick traf sie die Erkenntnis, dass etwas Furchtbares passiert sein konnte, wie ein Keulenschlag. Was soll ich bloß machen? Wenn doch Frieder hier wäre, der wüsste, was zu tun ist. Ihr schwirrte der Kopf und einen kurzen Moment lang befürchtete sie, die Hilflosigkeit würde sie wie ein Tsunami niederdrücken und völlig lähmen.

Sie riss sich zusammen, atmete ein paarmal tief durch, ruhig, sagte sie zu sich, bleib einfach ruhig. Frieder ist nicht mehr da, du musst alleine klarkommen. Begreife das endlich mal! Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren, keine Überreaktion, noch wusste sie nichts, außer dass vermutlich dieser Rammer auf seinen Skiern eilig über den gefrorenen Bodden geglitten war.

Wenn ich jetzt falsch reagiere, verzeihen mir die Kinder das nie und unser Verhältnis wird noch schwieriger. Aber was war im Augenblick falsch oder richtig?

Es war ein Schuss gefallen, dessen war sich Greta inzwischen sicher. Für wen war er bestimmt gewesen? Wer hatte geschossen? Rammer? Diese Ungewissheit machte sie fertig. Dennoch, sie straffte sich und beschloss, zunächst einmal abzuwarten. Sie ging die Treppe runter, ihre Beine fühlten sich wie Gummi an und sie zitterte vor Kälte.

Eilig öffnete sie die Tür zur Wohnküche, schichtete weiteres Holz im Kamin auf und die vorhandene Glut entfachte es erneut. Sofort züngelten rotleuchtend Flammen empor, sie hockte sich davor und wartete, bis ihr langsam wärmer wurde. Gut, dass Frieder ihr das Feuermachen so geduldig beigebracht hatte, nur dass der rauchende Schornstein schon die ganze Zeit über weithin sichtbar sein würde, daran hatte sie jetzt nicht gedacht. Ach was, beruhigte sie sich, in der Dunkelheit und bei dem Schneefall war auf einige Entfernung bestimmt nicht genau zu erkennen, bei welchem Lotsenhaus der Schornstein rauchte. Bei so einem Wetter verschwamm vieles zu einer einzigen undurchsichtigen Masse und täuschte etwas vor, was gar nicht da war.

Der Feuerschein des Kamins spendete ihr genügend Helligkeit, sodass sie auf weitere Lichtquellen verzichtete. Wie lange hatte sie eigentlich nichts mehr gegessen und getrunken? Ihr Magen knurrte und ihr Mund war wie ausgetrocknet. Diese profanen Bedürfnisse empfand sie plötzlich als ungeheuer tröstlich.

Greta befüllte den Wasserkocher und bis er sprudelte suchte sie alles für einen Imbiss zusammen, Brot, Butter und Käse, das dürfte reichen. Sie hängte einen Kräuterteebeutel in ihren Lieblingsbecher, übergoß ihn mit dem inzwischen kochenden Wasser und stellte alles zusammen auf den Küchentisch, der den Mittelpunkt der großen Wohnküche bildete. Mehr als eine Schnitte Brot mit Butter und Käse würde sie ohnehin nicht runterbringen. Sie machte sich ans Werk, entfernte zwischendurch den Teebeutel aus dem Becher und legte zum Wärmen ihre hohlen Hände darum, führte ihn vorsichtig zum Mund und nahm kleine Schlucke von dem heißen Getränk bis sich eine wohlige Wärme in ihr ausbreitete. Dann und wann biss sie gedankenverloren in ihr Käsebrot. Langsam wurde sie ruhiger.

*

 Frauke und Falk lösten sich aus ihrer Erstarrung und standen behutsam auf, ihre Beine waren bleischwer. Gleichzeitig stürzten sie zu Gesche, die wie tot am Boden lag.

Frauke stotterte: „Ist....ähm,“ sie räusperte sich zusätzlich, um den Frosch aus ihrem Hals zu entfernen, „ist sie...tot?“

„Mensch, das weiß ich doch nicht,“ antwortete Falk schroff.

Er beugte sich runter und legte das rechte Ohr auf Gesches Herz, mit dem Daumen fühlte er ihren Puls. Frauke kniete neben Gesche, strich ihr über die Wange und schob den anderen Arm unter ihren Kopf, um sie zu stützen. Gesche stöhnte.

„Sie lebt, sie lebt!“ jubelte Frauke.

„Fragt sich nur wie lange noch,“ murmelte Falk.

„Wie bitte, ich glaube ich höre nicht richtig?! Darüber sprechen wir später noch.“

Sie wandte sich wieder ihrer Schwester zu. „Gesche, hörst du mich?“ aber die antwortete nicht, war offensichtlich in eine gnädige Ohnmacht gesunken.

Falk verteidigte sich: „Ja, Mensch, wir müssen das realistisch betrachten. Nur die Harten komm' in Garten. Was können wir denn dafür, dass am frühen Abend irgendwer wild in der Gegend rumballert.“

Er hatte sich wieder gefangen und sah Frauke kühl aus seinen blauen Huskyaugen an. Frauke starrte ihren Bruder fassungslos an, entsetzt über seine Reaktion.

„Sag' mal Falk, ich glaube, du tickst nicht richtig! Wir können unsere kleine Schwester nicht schwer verletzt einfach liegen und ja,“ sie zögerte es auszusprechen, „verrecken lassen. Lass' keine saublöden Sprüche ab, sondern unternimm' was! Bei dieser Eiseskälte hält Gesche nicht lange durch.“

„Unsere kleine Schwester?“ fragte Falk süffisant, „wieso nennst du sie eigentlich unsere Schwester? Und wieso soll ich was unternehmen?“

„Für mich ist sie meine kleine Schwester, basta, schließlich ist sie seit dem Babyalter bei uns und unternehmen sollst du was, weil du körperlich der Stärkere bist und sie in dein Haus tragen kannst.“ Das Wort 'körperlich' betonte Frauke, was jedoch ihrem Bruder nicht aufzufallen schien.

„Du spinnst ja, ich bin doch nicht bekloppt, nachher hat sie innere Verletzungen und ich verschlimmere die womöglich noch.“

Langsam fühlte Frauke sich überfordert und allein gelassen, so also beschützte sie ihr großer Bruder jetzt und hier wo es wirklich drauf ankam. Sie war nahe daran, hysterisch zu werden und in Tränen auszubrechen. Sie atmete tief durch und rief sich zur Ordnung.

„Weißt du, was du bist?“ giftete sie Falk an, „du bist ein ungehobelter, egoistischer Klotz mit Tendenz zu einem miesen, feigen Arschloch und ich erkenne dich nicht wieder. Pfui Teufel, aber das ändert nichts daran, dass wir Gesche helfen müssen, egal wie.“

„Ok, du bleibst bei ihr, hälst Wache und ich gehe zurück und rufe den Notarzt.“

„Was, du willst mich allein auf der Insel zurücklassen, ich denke, wir machen das eher umgekehrt.“

„Nee, kommt nicht in Frage,“ sagte Falk entschieden, „ich habe keine Lust mich hier erwischen zu lassen. Du vergisst, dass es verboten ist auf die Insel zu gehen und dass wir uns bei Kälte, Eis und Schnee zum Kaffeekränzchen verabredet haben glaubt uns wohl ohnehin kein Mensch. Womöglich werden wir noch verdächtigt, Gesche verletzt zu haben, danke, verzichte, ich gehe.“

Nackte Panik kroch in Frauke hoch, je eher sie aufhörten sich zu streiten, desto schneller bekam Gesche Hilfe. Aber allein zurückbleiben, nein, das wollte sie keinesfalls, davor hatte sie einfach Angst. Womöglich kam der Schütze zurück. Sie schluckte und sagte kleinlaut:

„Nein, warte bitte, wir packen Gesche so warm wie möglich ein und holen gemeinsam Hilfe. Ich....“, sie stockte, „ich...ähm, ich kann einfach nicht alleine hier bleiben, ich habe Angst. Bitte.“

Falk versuchte sein kaltschnäuziges Verhalten zu relativieren und gab sich plötzlich jovial verständnisvoll. „Na also, geht doch. Komm'!“

„Moment noch,“ Frauke schälte sich aus ihrem Daunenmantel und deckte ihre Schwester vorsichtig damit zu. Erst jetzt sah sie, das sich Gesches Mantel an der linken Schulter rötlich zu verfärben begann.

„Mein Gott, sie blutet.“

„Auch das noch,“ sagte Falk trocken und trug sich von Frauke einen weiteren ungläubigen Blick ein, „willst du doch hierbleiben und Gesches Händchen halten?“

„Stinkstiefel, elendiger,“ schnell faltete Frauke ihren Schal zusammen, legte ihn auf die Wunde und küsste ihre Schwester auf die Stirn, außerdem stülpte sie Gesche ihre Mütze über den Kopf.

„So Kleine, mehr können wir im Moment nicht tun, aber wir holen schnellstens Hilfe. Halt durch, bitte, bitte!“ flüsterte sie in Gesches Ohr.

„Himmel, Arsch und Zwirn, komm' jetzt endlich, je eher wir losgehen, desto eher sind wir wieder zurück, wenn uns nicht noch jemand zuvor kommt,“ ungeduldig zog Falk seine Schwester mit sich und legte ihr den Arm um die Schultern, wieder ganz vermeintlich fürsorglicher Bruder.

Frauke schubste den Arm von ihrer Schulter, diese vorgetäuschte Fürsorge von Falk konnte sie nach allem, was vorher passiert war, nicht ertragen, „lass' das jetzt, wer sollte uns denn zuvorkommen?“

„Dann eben nicht. Hör mal gut zu, mein edles Schwesterlein. Vermutlich war der Schuss weithin hörbar in dieser winterlichen Stille, vielleicht sogar in Golddorf wo, wie du ja auch weißt, die beiden Dorfbullen Jensen und Braumann in ihrem Revier sitzen und sich langweilen. Endlich mal was los in diesem Kaff, was meinst du wie die darauf anspringen. Könnte ja der unbekannte Wilderer geschossen haben.“

„Und wenn schon, dann hätte Gesche schnell Hilfe. Die wüssten was zu tun ist.“

„Du kapierst überhaupt nichts, wir sind die Blöden, unerlaubt auf der Insel und eine angeschossene kleine Schwester, prima, eingewickelt in deinen Daunenmantel, bestückt mit deinem Schal und deiner Mütze, noch besser. Meinst du nicht, dass dafür ziemlicher Erklärungsbedarf bestünde? Ach du Scheiße,“ Falk schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, „auch das noch, wir haben die Kiste vergessen.“

„Scheiß' auf die Kiste, du Idiot. Die ist mir jetzt wirklich vollkommen schnurzpiepegal, ich kapier' echt nicht, wie du jetzt daran denken kannst, ist doch wirklich völlig unwichtig. Dann gibt’s eben 'ne Ordnungsstrafe, na und? Es geht um Gesche, und um nichts anderes, klar?“

„Wie du meinst!“

Falk und Frauke eilten schweigend und mit verbissenen Gesichtern über den vereisten Bodden und stemmten sich gegen den Schneesturm, der stärker blies als vorhin. Wie kleine Nadeln stachen die Schneekristalle in die Haut.

Was machte das schon im Vergleich zur armen Gesche, die sie und ihr Bruder verletzt und allein auf der Insel zurückgelassen hatten. Stumm erreichten sie den kurzen Strandabschnitt, fühlten festen Boden unter ihren Füßen und wandten sich zu Falk's kleinem Holzhaus.

Frauke sah auf ihre Armbanduhr, insgesamt waren seit ihrer Ankunft auf der Insel mehr als eineinhalb Stunden vergangen. Es kam ihr viel länger vor. War das wirklich alles passiert oder hatte sie nur geträumt? Nein, leider kein Traum, sondern traurige Wahrheit.

Sie sah durch einen Vorhang dichter Schneeflocken zurück auf die Insel, die friedlich im Dunkel des anbrechenden Abends dalag. Die ganze Umgebung verschwamm zu einer undurchdringlichen Masse und auch die Lotsenhäuser waren kaum noch erkennbar. Sie lenkte ihren Blick dann traurig auf den eilig vor ihr hergehenden Falk, von dem sie immer gedacht hatte, dass sie sich bedenkenlos auf ihn verlassen könnte.

Irgendetwas war vorhin in ihr zerbrochen, zum erstenmal hatte sie bewusst wahrgenommen, wie sich ihr großer Bruder seit seinem langjährigen Aufenthalt in den kanadischen Wäldern, wo er als Holzfäller gutes Geld verdient hatte, zu seinem Nachteil verändert hatte. Was auch kommen würde, nie wieder könnte sie sich vertrauensvoll an Falks breite Schultern lehnen und geborgen fühlen.

Frauke dachte an das ungute Gefühl, mit dem sie die Insel betreten hatte. Sie nahm sich fest vor, in Zukunft mehr auf solche Empfindungen zu achten.

*

 „Wo kommst du denn her?“ fragte Sonja Rammer ihren Mann Hilmar, während sie im Türrahmen der warmen Stube lehnte, als er zitternd vor Kälte zur Haustür reinkam, nachdem er seine Skier abgeschnallt und an die Hauswand gelehnt hatte.

„Woher schon,“ raunzte er seine Frau an, „geht dich doch nichts an.“

„Komm' erstmal rein,“ sie gab die Stubentür frei, „ich darf ja wohl noch fragen, oder?“

„Nee, lass mich bloß in Ruhe.“

Er pellte sich aus seiner grünen Lodenjacke, hängte sie an die Garderobe, ebenso das Gewehr. Händereibend betrat er die warme Stube. Sonja folgte ihm.

„Sag mal,“ versuchte sie es erneut, „hast du den Schuss gehört? Hast am Ende etwa du geschossen? Oder was war das sonst für ein Geräusch?“

Hilmar zuckte unmerklich zusammen und antwortete mürrisch: „Klar hab' ich das gehört, war ja laut genug.“

„Warst du auf der Insel?“

„Quatsch, ich geh' nich' mehr auf die Insel, das weißt du doch!“

Sonja sah ihren Mann eindringlich an. „Ja, du sagst, du gehst nicht mehr hin, aber woher weiß ich denn, dass das auch stimmt?“

„Glaubst du mir etwa nich'? Das wird ja immer schöner. Bring' mir lieber was zu essen. Hast du 'ne heiße Suppe?“

„Hab ich, du Sturkopp.“

Sie verschwand Richtung Küche. Hilmar ging zum Wandschrank, nahm die Schnapsflasche raus und und goss sich 'nen Lütten ein. Während der Klare durch seine Kehle lief spürte er eine wohlige Wärme. Er setzte sich an den Tisch, stellte die Schnapsflasche und das Glas neben sich und stützte seinen Kopf in die Hände. So fand ihn Sonja, als sie mit der Suppe reinkam.

„Muss das sein, am späten Nachmittag schon Schnaps? Irgendwas ist nicht in Ordnung mit dir. Das seh' ich doch.“

Sie stellte die Terrine, Teller und Besteck auf den Tisch, nahm den Schöpflöffel und füllte ihm reichlich Suppe auf den Teller. Hilmar schlug mit der Faust auf die Tischplatte, dass alle Gegenstände in die Höhe hüpften und die Suppe über den Tellerrand schwappte, lief knallrot an und brüllte: „Ein für alle Mal, Sonja, lass' mich mit deinem Geschwafel in Ruhe und schnüffel mir nicht immer hinterher. Ich war am Kliff und damit basta. Bring mir lieber 'n Bier, als hier rumzusülzen.“

Sonja schwieg. Sie kannte die Wutausbrüche ihres Mannes, von denen sie sich kaum noch beeindrucken ließ. Im Grunde genommen hatte er einen weichen Kern, den er unter einer rauhen Schale zu verstecken suchte. Irgendetwas war vorgefallen, das spürte sie. Bestimmt war er wieder zum Wildern auf der Insel gewesen. Klar brachte das heimliche Erlegen von Rotwild und Wildschweinen gutes Geld in die Kasse. Aber trotzdem, ihr wäre es lieber gewesen, Hilmar würde endlich mit dem Wildern aufhören. Bei sich fürchtete sie immer, dass irgendwann was passieren und er in große Schwierigkeiten geraten würde. Vielleicht war dieser Moment jetzt gekommen?

*

 Gesche kam langsam zu sich und fror erbärmlich. Sie schlotterte am ganzen Körper, ihre linke Schulter pochte und schmerzte fürchterlich. Sie befühlte ihren Körper, ob ihr sonst was fehlte. Nein, nichts, nur die Schulter schmerzte und sie zitterte wie Espenlaub vor Kälte. Da, was war das, sie tastete vorsichtig mit der rechten Hand und fühlte etwas Weiches. Fraukes Mantel, damit hatte ihre Schwester sie notdürftig zugedeckt, auf der Schulter lag säuberlich zusammengefaltet ihr Schal und ihren Kopf bedeckte Fraukes Mütze.

Es schneite zwar immer noch, aber spärlicher. Glücklicherweise war es nicht völlig dunkel, da der Schnee reflektierte und dadurch die Lichtung erhellte. Was war passiert? Wo war sie? Langsam kam die Erinnerung. Richtig, sie war auf der Insel, aber wo waren Frauke und Falk? Ihre Lippen formten die Namen, aber heraus kam nur ein heiseres Krächzen. Niemand hier, sie war mutterseelenallein.

Gesche versuchte aufzustehen. Ihre Beine gaben nach und kraftlos fiel sie zurück auf die schneebedeckte Erde. Zitternd und bibbernd angelte sie Fraukes Mantel zu sich, der bei dem Versuch aufzustehen zu Boden gerutscht war und schlüpfte darunter. Hoffentlich kam bald jemand um sie zu holen. Sie fühlte sich so furchtbar hilflos und allein. Panik erfasste sie und Tränen rollten über ihre Wangen. Wahrscheinlich hatte sie schon ziemlich viel Blut verloren, der Schal fühlte sich feucht an, oder war er nur schneenass? Das konnte sie in dem diffusen Licht nicht erkennen. Schlapp und eiskalt wie ihr war, würde sie nicht mehr lange durchhalten.

Oh, mein Gott, Falk und Frauke konnten sie doch hier nicht einfach verrecken lassen. Nein, das würden sie bestimmt nicht tun. Vermutlich waren sie schon unterwegs, um Hilfe zu holen. Das musste einfach so sein, beruhigte sie sich tapfer. Bei ihrer Ausbildung zur Stewardess hatte sie gelernt, in Notsituationen Nerven und Ruhe zu bewahren. Bei anderen war das auch kein Problem, aber bei sich selbst sah die Sache anders aus. Sie begann vor sich hin zu wimmern.

Minuten dehnten sich zu Stunden. Sie wollte nicht sterben, nicht so und nicht jetzt. „Bitte, bitte, lass diesen Albtraum vorübergehen“, betete sie vor sich hin. Das hatte sie schon lange nicht mehr gemacht. Ihre Kräfte schwanden zusehends, wieder versank sie in einer unruhigen Ohnmacht.

*

 Stumm betraten Frauke und ihr Bruder das Holzhäuschen am Waldrand, das sich Falk nach seiner Rückkehr aus Kanada gekauft hatte. Er knipste eine Tischlampe an und entzündete mit schnellen sicheren Handgriffen ein Feuer im Kamin. Schnell breitete sich Wärme in der Wohnstube aus, die aussah wie aus einem amerikanischen Western.

Frauke kauerte sich frierend vor den Kamin und rieb sich ihre eiskalten Hände. Erst jetzt wurde Falk offenbar so richtig bewußt, dass Frauke keinen Mantel anhatte, sondern in Weste und Wollpullover hinter ihm hergestolpert war. Er warf ihr eine Decke zu.

„Komm', nimm, dir ist sicher kalt.“

Frauke wickelte sich zitternd in die Decke und murmelte ein leises „Danke.“

Falk verschwand in seiner kleinen Schlafkammer und Frauke hörte ihn rumoren. Als er wieder in die Stube kam, hatte er einen alten Anorak von sich in der Hand, den er ihr zuwarf. „Hier, für den Gang nach Canossa.“

Wortlos nahm Frauke ihn entgegen. Falk hockte sich neben sie: „Frauke, bitte, es tut mir leid. Ich habe einfach die Nerven verloren, ich....ich habe mich dann nicht im Griff, dann brennt 'ne rote Lampe. Wahrscheinlich hält es deshalb niemand lange mit mir aus.“

Frauke sah ihren Bruder zunächst wortlos an und fuhr sich verlegen mit der Hand durch ihre dunklen Locken, bevor sie zögernd antwortete: „Ja, Falk, du hast mich wirklich erschreckt, ich kann mir einfach nicht erklären, was du gegen Gesche hast. Seit Vadding sie zu uns brachte warst du ihr gegenüber oft eklig. Warum?“

„Ach nichts, lass uns ein andermal darüber sprechen, jetzt müssen wir rasch wieder rüber zur Insel und Gesche holen, komm'!“

Er stand auf und reichte seiner Schwester die Hand. Sie ließ sich hochziehen. Falk half ihr in seinen Anorak, der ihr zwar viel zu groß war aber wenigstens wärmte. Während sie mit klammen Fingern den Reißverschluss zuzog stellte er das Funkenfluggitter vor den Kamin, klemmte sich noch zwei Decken unter den Arm und wandte sich zur Tür. Benommen tappte Frauke hinterher. Sie traten ins Freie und die Eiseskälte umfing sie erneut.

„Nimm',“ damit gab er ihr eine Decke, behielt die andere unter dem Arm und stellte den Schlitten, der an der Hauswand lehnte auf die Kufen und tüdelte die Leine um seine Hand. So machten sie sich an diesem frühen Winterabend erneut schweigend auf den Weg zur Insel, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

*

 Was die beiden nicht wussten: Kurze Zeit vor ihnen betrat ein anderer an diesem frühen Abend bereits zum zweiten Mal die Insel. Nachdem er wütend mit der Faust auf den Tisch gehauen, den ersten Löffel heiße Suppe in seinen Mund geschoben hatte, war er unvorbereitet aufgesprungen.

„Muss nochmal weg,“ hatte er gemurmelt und war zur Tür gerannt. In fliegender Eile hatte er die feuchte Joppe übergeworfen, den Rucksack auf den Rücken gezogen, seine Skier geschnappt, untergeschnallt, den Schlitten gegriffen, die Kordel um den Bauch gebunden und war in rasendem Tempo losgeschossen, wieder zur Insel rüber.