Lottes Liste - Gabi Ebermann - E-Book

Lottes Liste E-Book

Gabi Ebermann

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Beschreibung

Die lebenshungrige Lotte wünscht sich nichts sehnlicher, als ihre Tochter Lisa wiederzusehen. Leider liegt zwischen ihnen beinahe die halbe Welt und Lottes Flugangst. Als sie zufällig einen jungen Mann kennenlernt, bekommt sie überraschende Unterstützung. Miki, der selbst ein Geheimnis mit sich trägt, kümmert sich rührend um Lotte. Zwischen dem ungleichen Paar entsteht eine enge Freundschaft. Gemeinsam machen sie sich an die Verwirklichung von Lottes kleinen und großen Träumen. Mit Hilfe von Lotte gewinnt auch Miki wieder den Glauben an das Leben zurück.

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EPUB
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Seitenzahl: 254

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Gabi Ebermann, geboren 1965, verheiratet. Sie lebt, gemeinsam mit ihrem Mann Wolfgang, in ihrer Lieblingsstadt Wien.

GABI EBERMANN

LOTTES LISTE

Roman

© 2017 Gabi Ebermann

Lektorat: Schreibwerkstatt, Wien

Umschlaggestaltung und Layout: Wolfgang Ebermann

© Umschlagfoto: Karin Pribyl

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN Paperback 978-3-7439-5373-4

ISBN Hardcover 978-3-7439-5374-1

ISBN e-Book 978-3-7439-5375-8

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne die Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für Wolfgang

„Kein größeres Geschenk es gibt als ein selbstloses Herz.“

(Meister Yoda)

1

Lotte ging auf die achtzig zu. Genau genommen war sie sechsundsiebzig, sie hatte in ihrem Leben viel erlebt. Sie hatte eine Tochter und einen Mann. Von beiden hatte sie sich weit entfernt, zum einen aus Rationalisierungsgründen, was Georg anbelangte, zum anderen trennte sie der Große Ozean. Wenn man Enkel in Australien hat, dann weiß man nicht, wie es sich anfühlt, gemeinsam in den Zoo zu gehen. Man kennt ihr Lächeln nur über Skype.

Lotte war trotzdem noch lange nicht ihres Lebens überdrüssig. Sie hatte noch viel vor. In ein Flugzeug steigen gehörte allerdings nicht zu diesen Dingen und so würden ihr die Enkel wohl für immer nur durch den Bildschirm zuwinken. Solange sie sich überhaupt noch Zeit nahmen für ihre digitale Granny im fernen Wien.

Lotte bewohnte ein kleines schmuckes Zimmer im Seniorenheim. Sie sah es aber nur ungern von innen. Häuser fürs Leben, so nannten sich diese Unterkünfte. Pah! Leben! Auf das gemeinsame Essen mit den „Alten“ konnte sie manchmal gut und gerne verzichten. Das Leben da draußen sollte schon noch mehr für sie bereithalten. Lotte war trotz ihres fortgeschrittenen Alters überzeugt davon, schließlich hatte sie ja noch ihre Liste abzuarbeiten.

Bei ihrem letzten Spaziergang lernte Lotte einen faszinierenden jungen Mann kennen. Sie waren aus Versehen aneinandergeraten. Nein, nicht im Streit. Er war einfach über sie gestolpert. Nachdem er ihren Äpfeln nachgestellt hatte, die über die Straße kullerten, lud er sie als Wiedergutmachung zu einem Kaffee ein. Lotte sagte spontan zu. So etwas hätte sie früher nie getan, so etwas gehörte sich nicht. Wurde sie langsam senil? Vielleicht hatte sie nicht mehr alle fünf Sinne beisammen und man würde in naher Zukunft mehr auf sie aufpassen müssen. Na was sollte es? Jetzt hatte sie schon mal Ja gesagt. Wer würde schon eine schrullige Alte wie sie entführen oder gar um die Ecke bringen? Sie dachte dabei wie so oft an ihre Liste, „Jetzt! Oder nie“, das hatte sie im Hinblick auf ihr Alter irgendwo zwischen die anderen Aufträge an sich selbst hingekritzelt.

Das kleine Café ums Eck war mehr ein Beisl und man schien den jungen Mann hier bestens zu kennen. „Hallo Miki!“, tönte es hinter dem Tresen hervor. „Das Gleiche wie immer?“ Er bejahte, drehte sich zu Lotte um und fragte: „Kaffee?“ – „Gerne“, antwortete sie. Na wenn man Miki hier so gut kannte, konnte er ihr ja gar nichts Böses wollen, zu viele Zeugen. In ihrem nächsten Leben würde sie vielleicht eine zweite Miss Marple werden.

Das Gleiche wie immer war ein kleiner Espresso mit einem riesigen Glas Wasser. Sie setzten sich an sein Stammplätzchen in die hinterste Ecke des Cafés.

Er stellte sich noch einmal formvollendet vor mit:

„Gestatten, Michael Hagen“, und küsste ihr dabei die Hand. Stelle man sich das mal vor, die jungen Leute von heute hatten doch noch Stil. Lotte erwiderte das mit einem Lächeln und sagte ihm, sie sei Lotte, einfach Lotte, und er könne sie gerne duzen. So aufgeschlossen war sie sonst nie. Doch das gehörte sich bei den jungen Leuten so, da war sich Lotte sicher. Michael sagte: „Einfach Miki, das genügt.“

Miki hatte langes, gepflegtes Haar, unglaublich schlanke Finger und ein etwas zu blasses Gesicht. Sie musterte ihn und irgendwie schien klar, dass er Künstler war. Maler? Er hätte wohl Farbkleckse an Hemd und Fingern, also nein. Schriftsteller? Auch nicht, das passte irgendwie nicht. Vielleicht Klavierspieler, ja, das gefiel Lotte, wegen der langen, schlanken Finger. Als sie so vor sich hin mutmaßte, sagte er, er sei wohl zu sehr in Gedanken gewesen, wie habe er sie nur so tollpatschig übersehen können. Es tue ihm leid, andererseits wäre er sonst jetzt nicht in so reizender Gesellschaft. Er zwinkerte ihr schelmisch zu und Lotte schmolz dahin.

Der Handkuss von Miki war wie ein Déjà-vu für sie.

Lotte erinnerte sich an die Zeit zurück, in der sie Georg kennengelernt hatte. Er war damals sehr jung und sehr schüchtern. Die klassische Tanzschulliebe. Als er sie das erste Mal ausführte, trafen sie sich auch in einem schrulligen Café.

Später verlernte Georg es irgendwann, galant zu sein. Sie führten eine langweilige, biedere Ein-Kind-Ehe. Georg war der Versorger, Lotte das Muttertier. Ehemann und Tochter tanzten ihr stets auf der Nase herum. Sie waren verwöhnt und undankbar. Lotte war klein, zart und rothaarig, eigentlich recht hübsch und selbstbewusst. Von Georg ließ sie sich jedoch stets unterbuttern. Sein Ideal waren große, schlanke, blonde Frauen und diesem Ideal konnte er nur selten widerstehen. Lotte nahm das immer hin. Die heilige Kuh Familie war ihr wichtiger als die Hochachtung vor sich selbst. Als die Tochter studierte und flügge wurde, begann auch Lotte, flügge zu werden. Die x-te Affäre ihres Georg war ihr dann zu viel und sie wies ihm die Tür. Er konnte nicht verstehen, wo Lottes Toleranz plötzlich geblieben war. Da half kein Bedauern und kein Zaudern mehr, sie wollte ihn nur mehr loshaben. Als dann aber Lisa, das Töchterlein, ihrer großen Liebe nach Australien folgte, begannen einsame Jahre. So beschloss Lotte, sich dem Haus des Lebens hinzugeben. Wie konnte sie bloß?

Als Lotte erkannte, dass das Haus des Lebens nicht wirklich voll von dem war, was sie sich noch so vom Leben versprach, begann sie damit, ihren geheimen Aufzeichnungen noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Sie nannte sie von nun an:

„Lottes Liste“

Lotte notierte darauf alles, was ihr wichtig schien. Allen voran Dinge, die sie noch erleben wollte, manchmal aber auch schon längst erledigte Angelegenheiten. Manches notierte Lotte und strich es dann sofort wieder durch, wie zum Beispiel „Georg wiedertreffen“. Einigen Dingen musste man eben Nachdruck verleihen! Auch Wünsche, die für Lotte nie erreichbar sein würden, fanden sich auf ihrer Liste. „Lisa besuchen“ war so eine Sache. Hätte jemand einen Blick auf Lottes Liste werfen dürfen, er hätte bemerkt, dass manche Anliegen nicht ganz richtig durchgestrichen waren. Lotte hatte diese Wünsche noch nicht ganz aufgegeben. Anderes wieder hakte sie ab, wenn es erledigt war, oder sie verzierte es mit einem passenden Symbol. Je nach Lust und Laune.

Lotte liebte diese kindische kleine Spielerei, in vielem steckte wenig Ernst, in vielem aber auch große Sehnsucht. Die Zettel, aus denen die Liste bestand, waren unendliche Male gefaltet und wieder auseinandergenommen worden. Sie waren in die Jahre gekommen – wie Lotte selbst. Das Papier war längst ein wenig dünn und vergilbt, die Kanten weich und brüchig. Vor einigen Tagen notierte sie: „Computer anschaffen“. Computer anschaffen mit sechsundsiebzig! Was für eine absurde Idee! Ging das überhaupt? Ob die Liste dann noch eine echte Liste wäre, wenn sie ihr vom Bildschirm entgegenleuchten würde? Imaginär wie eines ihrer Enkelkinder. Aber sowohl die Enkelkinder als auch die Liste waren für sie eine Herzensangelegenheit. Lotte war mittlerweile daran gewöhnt, dass man Herzensangelegenheiten nicht immer festhalten konnte. Spätestens seit aus Lisa Liz wurde und sie Tausende Kilometer weit entfernt lebte.

Das zerschlissene Stück Papier bedurfte dringend einer Erneuerung. Vielleicht würde sie ein leeres Buch anschaffen, eine Art Kalender, das wäre eine Alternative. Sie könnte dann ihre Vorhaben auch den einzelnen Jahreszeiten zuordnen. So oder so, Lotte beschloss, ihre Liste und ihr Leben neu zu überarbeiten und aus ewig aufgeschobenen Plänen und Vorhaben handfeste Ereignisse werden zu lassen.

Die Liste gab es, seit Lotte vorhatte, Georg für immer zu verlassen. Der erste, längst erledigte Auftrag an Lotte lautete: „Georg in die Wüste jagen“. Seither teilte Lotte alles, was ihr wichtig war, all ihre Sehnsüchte, ihre Träume, kleine und große Wünsche und Unerledigtes, was sie beschäftigte, mit dieser Liste. Eine Art Tagebuch. Es war für Lotte viel mehr geworden als ein Stück Papier und sie hütete es wie einen Goldschatz. Ihre Liste war eine stille Vertraute geworden, eine, der man alles bedingungslos anvertrauen konnte. Eine geduldige Zuhörerin und ein Plan fürs Leben. Sie wollte möglichst viele Häkchen hinter ihren Vorhaben anbringen. Hinter all den kleinen Wünschen und vor allem auch den großen. Erst dann würde Lotte mit ihrem irdischen Dasein abschließen. Ja, sie hatte noch viel vor.

Miki entschuldigte sich kurz bei Lotte, er packte eine kleine schwarze Mappe aus seiner Tasche, klappte die Hülle auf und brachte das Ding mit der Eingabe einer Zahlenkombination zum Leuchten. Eine Minischreibmaschine. Lottes Augen begannen zu leuchten. Sie fragte ihn ungläubig, was das kleine Ding hier alles könne. „Mein Tablet?“, fragte Miki. Tablet? Lotte bezweifelte, dass man darauf wirklich Brötchen, Kaffee oder Orangensaft servieren konnte.

Miki erklärte ihr, das sei ein besonders flacher, tragbarer Computer. Ganz leicht und mit Touchscreen ausgestattet. Lotte kramte in ihren Englischkenntnissen, auf die sie immer so stolz gewesen war. Schirm zum Berühren? Miki erklärte ihr, dass es diese kleinen Computer in der Form erst seit wenigen Jahren gebe, er ließ sie bereitwillig zusehen.

Lotte fragte, ohne zu zögern, ob er sich vorstellen könnte, dass sie in ihrem Alter noch mit so einem Tablet umgehen könnte. Sie hatte keine Zeit zu verlieren. Sie witterte die Chance, ihre Liste zu ordnen. Es wäre ihm eine Ehre und ein Vergnügen, sie in die Geheimnisse des Tablets einzuweihen, sagte Miki. Als Wiedergutmachung für sein Hoppala von vorhin sozusagen.

Lotte war von Georg gut versorgt, darauf hatte sie zumindest geachtet. Sie machte sich daher keinerlei Sorgen darüber, was sie das kosten könnte. Sie wollte aber vor Miki nicht gleich wie die reiche Alte dastehen. Eine gesunde Portion Misstrauen konnte nie schaden. Gegenüber Fremden und Männern im Allgemeinen. Trotzdem verabredete sie sich mit Miki schon am nächsten Tag zum Shoppen. Innerlich war sie aufgedreht wie ein kleines Kind, das noch nicht ins Bett gehen wollte. Die Aufregung über die Möglichkeit, zu einer neuen Liste zu kommen, stand ihr förmlich ins Gesicht geschrieben. Innerlich hüpfte sie übermütig auf und ab. Sie war ganz zappelig.

Miki erklärte sich bereit, sie zum Einkauf zu begleiten und ihr einmal pro Woche im Café Nachhilfe zu erteilen. Etwas zögerlich sagte er ihr noch, was diese Tablets in etwa kosten würden, und blickte sie mit fragendem Gesichtsausdruck an. Lotte meinte lapidar, dass das in Ordnung ginge, und hoffte, dass Miki sie nicht für eine schrullige Alte hielt, die nicht wüsste, was sie tat.

Der Deal war schnell besiegelt. Über eine allfällige Entlohnung für Miki machte sich Lotte vorerst keine Gedanken. Das Gleiche wie immer würde sie ihm allemal spendieren können und sie spürten wohl beide, dass das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft war. Ungleicher konnten Freunde nicht sein. Lotte war im Schätzen nie gut, aber Miki war vielleicht gerade einmal sechsundzwanzig. Er könnte gut und gerne ihr Enkel sein.

Als Lotte wieder im Haus des Lebens ankam, schwirrten ihr noch Tausende Fragen an Miki im Kopf herum. Sie wusste praktisch gar nichts von ihm. Irgendwann hatte er erwähnt, dass er tatsächlich Musiker sei und tagsüber ohnedies viel Zeit habe. Wie ein Opernsänger sah er nicht gerade aus. Was für eine Art von Musik er wohl machte? Er schien nicht wirklich erfolgreich zu sein. Oder doch? Lotte fragte sich, was auf seiner Liste des Lebens stehen könnte. Sie war ganz sicher, das alles noch herauszufinden. Für diesen Tag war sie aber einfach nur müde.

Über das gemeinschaftliche Abendessen mit den Alten frohlockte sie nicht sehr, aber sie war hungrig. Am Tisch mit Hans, Johanna und Hilde aß sie daher schweigend ihren Kartoffelauflauf und ließ die anderen vom Tag erzählen.

Hans hatte Besuch von seinem Sohn, worauf er nun mit Sicherheit wieder monatelang warten konnte. Der viel beschäftigte Managersohn erinnerte sich nur selten, dass da irgendwo im Haus des Lebens manchmal jemand gerne ein wenig Abwechslung hätte. An diesem Abend war Hans vor Glück trotzdem kaum zu bremsen. Er erzählte vom neuen Mercedes des Sohnemannes und davon, wie sehr er sich schon auf eine Ausfahrt damit freute. Na Gott sei ihm gnädig. Aber Lotte glaubte nicht daran. Sie verkniff sich jedoch jeglichen Kommentar, ihr war nicht zum Reden zumute. Sie war in Gedanken ständig bei der neuen Liste.

Hilde hatte sich an diesem Tag im wahrsten Sinne des Wortes wieder einmal verstrickt und ellenlang davon erzählt, wie sie alles auftrennen musste. Sie begann jeden Tag unermüdlich von Neuem, Schals, Mützen und Handschuhe für die gesamte Belegschaft zu stricken. Manchmal mit mehr, manchmal, wie an diesem Tag, mit weniger Erfolg. Aber es war ja ohnedies erst Frühling und es blieb noch viel Zeit, bis man dieses wärmende Zeugs wieder brauchen würde. Hilde ließ sich nicht entmutigen. Und solange Wolle vorrätig war, war mit Hilde gut Kirschen essen. Sie brauchte nicht viel mehr für ihr kleines Glück. Irgendwo auf Lottes Liste stand auch: „Hilde mit Wolle glücklich machen“. Nicht alle Dinge auf der Liste waren große Angelegenheiten.

Johanna war an diesem Tag beim Arzt gewesen. Sie hatte ständig irgendwelche Wehwehchen. Kein Wunder, sie war achtundachtzig! Und wenn Lotte daran dachte, so alt zu werden wie Johanna, dann würden sie die kleinen Wehwehchen gar nicht stören, die Johanna immer plagten. Sie hätte dann noch eine schiere Unendlichkeit vor sich, die Liste abzuarbeiten!

Hans, Johanna und Hilde wollten wissen, was Lotte so getrieben hatte. Lotte murmelte mit vollem Kartoffelbreimund etwas Unverständliches vor sich hin. Die drei fragten nicht näher nach. Gut so. Die hätten sowieso null Ahnung davon, was ein Tablet ist, genauso wie Lotte noch vor ein paar Stunden.

Lotte hatte vergessen, Miki zu fragen, ob sie damit auch skypen könnte. Sie wäre dann nicht mehr auf die freundliche Nachtschwester angewiesen, die ihr immer half, die Verbindung zu Australien herzustellen. Lotte wollte es manchmal nicht begreifen, dass sie zu so unsäglichen Zeiten „telefonieren“ musste. Konnte nicht wenigstens überall auf der Welt die Sonne zur gleichen Zeit vom Himmel lachen? Gleich am nächsten Tag wollte sie Miki fragen. Sie murmelte ein hastiges „Gute Nacht“ und zog sich auf ihr Zimmer zurück.

Bevor sie sich wusch und für die Nacht zurechtmachte, entfaltete sie noch einmal die Liste. Ein kleines Papierfetzchen segelte dabei zu Boden. Lotte bückte sich, um ja nichts Wichtiges zu verlieren. Es war aber zum Glück nur ein leeres Stückchen. Sie notierte in krakeliger Schrift: „Tablet kaufen“ und „Nicht mit fremden Männern auf einen Kaffee gehen“, nur um es gleich wieder durchzustreichen.

Lotte schaltete den Fernseher ein, sie konnte in Gesellschaft besser schlafen. Es dauerte nicht lange und sie träumte friedlich, gleichmäßig atmend, vor sich hin.

2

Als Lotte am nächsten Morgen aufwachte, war sie nicht sicher, ob sie das alles nur geträumt hatte. Sie ärgerte sich jetzt ein wenig, dass sie am Vorabend nichts von Miki erzählt hatte. Alles wäre ihr dann ein wenig realer erschienen.

Am Frühstückstisch fehlte Johanna. Hoffentlich nicht wegen eines ihrer Wehwehchen. Lotte wollte später nach ihr sehen. Miki war erst um vierzehn Uhr dran. Und irgendwie musste sie den Tag bis dahin herumbringen. Sie war ungeduldig und hätte ihre Freude gerne mit irgendwem geteilt. Aber ihre Tochter schlief ja um diese Zeit. Sie hätte wohl ohnedies nur mit ihr geschimpft wegen der Begegnung mit Miki. Ständig machte sie ihr irgendwelche Vorhaltungen, „Mutti, tu dies“, „Mutti, tu das“. Lotte hatte gar nicht vor, auf sie zu hören, schließlich war sie die Mutter und nicht das Kind! Dass Kinder immer glaubten, die Rollen im Alter umdrehen zu müssen, verstand sie nicht. Sie war doch nicht senil und ein bisschen Übermut und Lebenswille haben noch keinem geschadet. Wahrscheinlich sprach aus Lisa auch nur ihr schlechtes Gewissen. Aber Lotte hatte sie ja nicht eigenmächtig nach Australien verbannt. Im Gegenteil, sie hätte sie nur allzu gerne hierbehalten. So hatte sich Lotte angewöhnt, einfach nicht alles zu erzählen. Wenn Lisa da wäre, erginge es ihr vielleicht genauso wie dem armen Hans. Ein Mitleidsbesuch alle drei Monate, bei dem die herausgeputzten Enkel widerwillig auswendig gelernte Gedichte aufsagen mussten. Darauf konnte Lotte gut und gerne verzichten.

Lotte verzehrte ihre Brötchen mit Erdbeermarmelade und schlürfte gedankenverloren den heißen Tee. Lotte liebte Tee, Earl Grey mit Zitrone, die Melange am Vortag war eine Ausnahme. Sie fühlte sich dann immer wie die feinen englischen Damen beim Fünf-Uhr-Tee.

Als Lotte mit dem Frühstück fertig war, ging sie zu Johanna aufs Zimmer. Vor dem Zimmer erwarteten sie hektische Betriebsamkeit und betroffene Gesichter. Sie wurde freundlich, aber bestimmt zur Seite geschoben. Was hier passiert war, war Lotte sofort klar. Sie war entsetzt. Wie konnte Johanna ihr das antun? Am Vortag war sie doch noch ganz munter, legt sich einfach hin und stirbt. Lotte war verstört. Wie konnte sie sich einfach so aus dem Staub machen? Lotte wollte ihr das zwar zugestehen, so ein Dahingehen ohne Siechtum, sie wollte aber nicht auf eine ihrer Alten am Tisch verzichten. In Gedanken strich sie „Kochbuch für Johanna besorgen“ von ihrer Liste und malte ein Kreuz dahinter. Sie war traurig, dass die vertraute Freundin jetzt keinen Platz mehr auf ihrer Computerliste einnehmen würde. Lotte liefen die Tränen über die Wangen, sie wusste bis dato gar nicht, dass sie so an Johanna hing. Ihre Wehwehchen würden ihr abgehen.

Lotte machte sich auf, um Hans und Hilde die Nachricht so schonend wie möglich zu überbringen, und überlegte, ob sie den Termin mit Miki absagen sollte. Aber sie hätte Miki gar nicht erreichen können, sie wusste ja praktisch nichts von ihm.

Vor einigen Jahren, als Lotte mit dem Einzug ins Haus des Lebens kurzfristig mit ihrem inneren Gleichgewicht auch ihr äußeres Gleichgewicht verlor, trug sie in ihre Liste „Lotte muss sportlich werden“ ein. Die Tatsache, dass sie im Stehen nicht mehr ihr Höschen anziehen konnte, nagte an ihr. Wenige Monate später bekam der Eintrag ein kleines Häkchen. Lotte machte es sich zur Gewohnheit, die kleinen Häkchen hinter ihren Eintragungen in bunten Farben anzubringen. Dieses Häkchen war rosa. Denn der Fitnessklub, in dem sie sich angemeldet hatte, war einer dieser Läden, die stets mit rosa und weißen Luftballons geschmückt waren. Die fünfzig Euro im Monat konnte sie sich dank Georg locker leisten. „Georg danken“. Sie absolvierte dort jetzt dreimal in der Woche ein Zirkeltraining. Vom Gerät zum Plate, vom Plate zum Gerät, vom Gerät zum Stepper, alle vierzig Sekunden weiter, sechzehn Stationen, dreimal im Kreis. Ja, Plate und nicht Brett, Stepper und nicht Stufe. Nur der Ball blieb der Ball. Lotte fand das lustig. Der Zeitaufwand war nicht so groß und Lotte wurde tatsächlich wieder beweglicher. Alle sechs Wochen musste sie dort auf die Waage. Das neumodische Ding zerteilte sie in Wasser, Muskelmasse und Fett. Lotte glaubte nicht daran, aber der Gedanke daran half ihr tatsächlich, auf ihr Gewicht zu achten. Lotte lernte schnell, sie hatte Spaß daran, ihrem inneren Schweinehund überlegen zu sein. Und das Lob der Trainerinnen gefiel ihr.

Diese körperliche Ertüchtigung strich sie für diesen Tag aus ihrem Programm. Ihr war nicht danach.

Lotte war bei Hans angelangt. Er saß vor seinem Fernseher und sah sich eine Kochsendung an. Für Hans war neben seinem Sohn Essen das Wichtigste. Er ließ sich dabei nur ungern stören, was er durch sein mürrisches „Herein“ auch unmissverständlich klarmachte. Hans’ Blick wurde aber schnell sanft, als er Lottes verheultes Gesicht sah. Das rührte Lotte nur noch mehr zu Tränen. Als sie endlich hervorbrachte, was vorgefallen war, nahm Hans sie in die Arme und wiegte sie wie ein kleines Kind. Es tat gut zu sehen, wie wichtig sie sich waren.

Gemeinsam machten sie sich auf, um Hilde zu suchen. Sie fanden sie im Aufenthaltsraum zwischen einem Berg roter und blauer Wolle. Hilde sah auf und wusste gleich, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Jetzt waren alle drei fassungslos, als hätten sie einen Teil von sich selbst aufgeben müssen. Sie saßen eine Weile stumm nebeneinander, dann sagte Lotte: „Johanna war eine von den Guten.“ Hans sagte: „Sie war meine Küchenseele.“ Die beiden konnten sich stundenlang über köstliche Rezepte unterhalten. Und Hilde sagte: „Ich wollte ihr doch noch ein wärmendes Jäckchen für den wehen Rücken stricken.“ Lotte meinte, wenn sie schnell machte, würden sie ihr das auf den letzten Weg mitgeben können.

Hans ging in sein Zimmer zurück, Hilde hatte es eilig, die richtige Wolle zu holen, und Lotte dachte wieder an ihr Vorhaben mit Miki. Die Alten hatten nie viel Zeit zu verlieren.

3

Sie konnte es kaum erwarten. Als sie kurz vor zwei Uhr das Café betrat, war Miki schon da. Also war das alles kein Traum! Diesmal begrüßte er sie mit einem Küsschen auf die Wange. Oh wie vertraut sie sich schon waren.

Er trank noch schnell seinen kleinen Espresso. Lotte war viel zu aufgeregt, um jetzt irgendetwas hinunterzubringen. Miki bezahlte. Lotte konnte es fast nicht glauben, dass sie so schnell für eine neue Liste bereit war.

Auf dem Weg zum Bus erzählte er ihr von seinem gestrigen Abend. Er hatte einen gelungenen Auftritt in einem kleinen Lokal absolviert. Miki freute sich wie ein kleiner Junge. Lotte wollte wissen, welche Art von Musik er machte. Sie dachte kurz daran, ob er wohl einmal das Haus des Lebens für sie alle mit etwas realem Leben füllen konnte. Sie befürchtete aber zugleich, dass das einige der schwachen Herzen nicht überstehen würden.

Statt eine Antwort zu geben, lud Miki sie für nächste Woche zum Zuhören ein. Wow, damit hatte Lotte nicht gerechnet. Ein Knalleffekt im wahrsten Sinne! Ob sie das auf ihrer Liste eintragen sollte? „Rendezvous mit Miki“. Mit einem Mal überfiel Lotte die Sorge, dass sie Miki in die Geheimnisse ihrer Liste einweihen müsste. Wie sollte es ihr sonst gelingen, mit ihm gemeinsam eine neue elektronische Liste zu erschaffen? Die vielen kleinen Torheiten, die sie immer wieder zwischen die wirklich wichtigen Anliegen einflickte, machten ihr auf einmal zu schaffen.

Der Bus spuckte sie vor einem großen Einkaufszentrum aus. Lotte hatte Mühe, mit Miki Schritt zu halten. Sie musste wohl noch härter trainieren.

Als sie vor dem Geschäft ankamen, war Lotte zum Schmunzeln. Der angebissene Apfel auf dem Schild erinnerte sie an den Vortag. In Gedanken sah sie Miki wieder hinter ihren Äpfeln herlaufen. Lotte liebte Äpfel. „An apple a day keeps the doctor away.“ Es war für Lotte ein gutes Zeichen. Zudem es jetzt ja auch das Symbol ihres Kennenlernens war.

Miki zeigte ihr alles, sprach mit dem Verkäufer in einem für Lotte unverständlichen Fachchinesisch und entschied sich schließlich für ein wunderschönes, superschlankes kleines Tablet mit einer kaminroten Kunststoffhülle. „Rot für die Liebe“, sagte Miki. Lotte hoffte, dass er die Liebe zur Liste meinte.

Als sie das Geschäft verließen, nahm sich Lotte vor, diesmal anstelle eines Häkchens einen kleinen Apfel hinter den Eintrag auf ihrer Liste zu zeichnen. In Gedanken war sie nach wie vor ihrer zerschlissenen Papierliste treu.

Gemeinsam gingen sie in einen weiteren Laden, in dem sie diese kleinen tragbaren Telefone verkauften, die Lotte von jeher zu besitzen verweigerte. Sie wollte nicht immer und überall erreichbar sein. Alles im Leben hatte ein wenig Zeit und so war Lotte auch noch lange nicht beunruhigt, noch so wenige Dinge von ihrer Liste erledigt zu haben.

Sie musste Miki unbedingt sagen, dass hier Schluss war mit der Moderne. Sie wollte kein Handy. Aber Miki erklärte ihr, dass sie nur die kleine Karte benötigten, mit denen Handys erst funktionierten. Sie bräuchten das für ihre Liste. Lotte verdrehte die Augen, jetzt war das schon „ihre“ Liste. Sie vertraute Miki und ließ ihn gewähren. Er meinte, erst dann könne sie auch richtig recherchieren, sie könnte Theaterkarten bestellen, von zu Hause einkaufen, verschiedene Krankheiten nachschlagen und vieles mehr. Wozu? Johannas Wehwehchen waren tot. Lotte wurde wieder wehmütig. Johanna würde auf ihrer Liste keine Rolle mehr spielen.

Lottes Füße taten mittlerweile höllisch weh, aus Eitelkeit hatte sie ihre Stöckelschuhe angezogen. Sie hatte vor, Miki in Zukunft nicht mehr mit solch albernen Dingen beeindrucken zu wollen. Zumal sie ihn so einschätzte, als hätte er für Äußerlichkeiten ohnedies nur wenig übrig. Nein, Miki war schon gepflegt oder einfach nur durch die Frische der Jugend gesegnet. Aber für Lottes damenhaftes Schuhwerk hatte er sicher keine Augen. Sie hätte sich die schmerzenden Beine ersparen können.

Als sie wieder im Bus saßen, war Lotte unendlich müde. Die Vorbereitungen für die Liste strengten sie an. Miki meinte sanft, dass er die technische Einrichtung vorerst einmal ohne Lotte machen könne, und fragte, ob sie ihm ihre Liste, wie sie beide das Tablet mittlerweile nannten, für ein paar Tage überlasse.

Irgendwie hatte Lotte das Gefühl, Miki schon eine halbe Ewigkeit zu kennen. Er war ihr so vertraut. Als wäre einer ihrer australischen Enkel zu Fleisch geworden und lächelnd und winkend aus dem Bildschirm gekrochen.

Freilich, Lottes Enkel, Aaron und Willam, waren erst sieben und neun Jahre alt. Lotte war schon achtundzwanzig, als sie Lisa bekam, und die ließ sich, bedingt durch ihr Medizinstudium, auch eine Ewigkeit Zeit mit dem Mutterwerden. Lotte dachte eigentlich, sie würde nie mehr Oma werden. Miki konnte rein rechnerisch locker ihr Enkel sein.

Sie war sich sicher, dass er ihr nichts Böses wollte und sich nicht mit ihrer Liste aus dem Staub machen würde. Ihrer Liz würde sie davon einfach nichts erzählen. Erst wenn es so weit war. Manchmal nannte Lotte Lisa in Gedanken auch Liz, immer dann, wenn sie ihr etwas nicht erzählen wollte. Manchmal wollte sie sich einfach Liz’ Belehrungen ersparen. Lotte wusste selbst, was zu tun war, meistens jedenfalls.

Sie stimmte also zu und dachte gar nicht mehr daran, dass sie den jungen Mann erst am Vortag kennengelernt hatte. Dass sie sich so schnell so weit aus dem Fenster gelehnt hatte, war sowieso unglaublich. Sie hatte nicht vor, jetzt zurückzurudern. Lotte spürte instinktiv, dass ihr Vertrauen nicht missbraucht werden würde.

Als sie im Heim ankam, fiel ihr ein, dass sie wieder vergessen hatte, Miki danach zu fragen, ob sie damit jetzt auch skypen könnte.

4

Lotte schwänzte an diesem Tag das Abendessen. Sie hätte das nicht tun sollen, sie wusste, Hans und Hilde würden sich Sorgen machen. Gerade an diesem Tag, aber sie hatte ja nicht vor, sich hinzulegen und es Johanna gleichzutun. Sie wollte einfach nur alleine sein. Lotte drehte die Nachrichten auf, schnappte sich einen Apfel und ließ sich in ihrem großen Ohrensessel nieder. Die schmerzenden Beine legte sie auf das Tischchen vor sich.

Die Gesellschaft des Fernsehers gefiel ihr an diesem Abend nicht, überall Krieg und Unruhen. Sie tippte auf die Fernbedienung und sah sich eine Folge „The Big Bang Theory“ an. Sie konnte sich köstlich amüsieren über die verrückten Jungs und Penny hatte sie gerne zu Gast in ihrem Zimmer. Sie war bestimmt nicht das Zielpublikum für derartige Serien, aber Lotte lachte nun mal gerne. Sie war nicht von der Art Alten, die dauernd über die Jugend herzogen, im Gegenteil. Lotte liebte es, den jungen Leuten zuzusehen und sich mit ihnen zu unterhalten, deren Unbekümmertheit gefiel ihr.

Lotte schlief vor laufendem Fernseher ein. Eine Runde fernschlafen nannte sie das. Als sie aufwachte, taten ihre alten Knochen noch mehr weh. Nur mühsam konnte sie sich aufrappeln und ins Bett hieven. Lotte vernachlässigte sich sonst nie. Körperpflege war ihr wichtig, aber an diesem Abend war sie zu müde für alles. Ob sich Johanna zuletzt auch so gefühlt hatte?

Lotte schlief tief und traumlos, als sie aufwachte, waren ihre Energien mit einem Schlag zurück. Sie wusch sich gründlich, legte ein wenig Make-up auf und eilte zum Frühstück.

Hans und Hilde waren schon da. Der vorwurfsvolle Blick wegen des Vorabends war nicht zu übersehen. Hans strafte sie mit Schweigen, aber Hilde wollte wissen, warum sie die beiden an so einem Tag alleingelassen hatte. Lotte war jetzt ein wenig traurig, dass sie so rücksichtslos war. Aber Hans und Hilde konnten ohnehin nie lange böse sein. Sie erzählten ihr, dass Johannas Kinder noch da waren, um alle Erledigungen in die Wege zu leiten, und bei Johannas engsten Freunden Trost suchten. Sie wollten alles über Johannas letzten Abend wissen. Lotte war nicht da, sie wäre auch gerne getröstet worden. Sie hätte gerne etwas Nettes über Johanna erzählt. Johannas „Kinder“ waren beinahe auch schon ein Fall für das Haus des Lebens. Sie passten im Alter schon fast zu Hans, Hilde und Lotte. Es waren gute Kinder, die oft zum Vorlesen und Tratschen vorbeikamen. Immer hatten sie eine Leckerei oder Blumen dabei. Oft auch für Lotte. Johanna hatte sich nie beklagt. Johanna war mit sich selbst und ihrem Leben im Reinen.

Lotte wusste, dass man nicht immer überall sein konnte und die Liste war ihr schließlich wichtig. An diesem Tag hatte sie aber Zeit, sich Hans und Hilde zu widmen, denn Miki würde ein paar Tage für die Vorarbeiten brauchen. Sie hatten sich erst wieder für nächste Woche zum Weiterarbeiten an der Liste verabredet. Dazwischen wollte sie Miki noch zu seinem Auftritt ausführen.

Jetzt wollte Lotte aber erst einmal die gemeinsamen Vorbereitungen für Johannas letzten Weg treffen. Nach dem Frühstück steckten sie die Köpfe zusammen, um zu beratschlagen. Im Aufenthaltsraum stand schon ein Bild von Johanna mit einer schwarzen Schleife an der rechten oberen Ecke. Lotte fragte sich, ob hier im Heim irgendwo eine Kammer war, in der von ihnen allen solche Bilder nur darauf warteten, aufgestellt zu werden. So schnell, wie die damit immer waren, konnte es nicht anders sein. Lotte war sich sicher, dass ihr Bild noch lange in der Kammer warten musste. Wenn es nach ihr ginge, konnte es dort gerne ein paar Spinnweben ansetzen.

Hilde strickte schon unermüdlich an einer Art Poncho für Johanna. Sie hatte das am Vortag noch mit den Kindern abgeklärt und die hatten sich sehr gefreut über diese letzte Ehrerweisung. Hans und Lotte wollten bei der Beerdigung jeweils eine Anekdote erzählen. Sie hatten im Haus des Lebens doch einiges zusammen erlebt. Die anderen sollten wissen, dass hier auch was los war. Johanna war bis zum Schluss geistig voll auf der Höhe und die Schätze ihres Wissens waren endlos.

Sie erzählte oft aus ihrer Jugend, aus der Kriegszeit, vom Wiederaufbau und vieles mehr. Damals kannte man noch kein „Burn-out“. Man war es gewohnt, ohne Jammern anzupacken und zu funktionieren. Man war nicht mit Job und einem Kind bis zum Rande der Erschöpfung ausgelastet. Johanna hätte für viele ein leuchtendes Beispiel abgegeben. Ein Vorbild von unendlicher Kraft und Energie. Immer nahm sie ihre Termine pünktlich wahr, sie war bei allen Veranstaltungen dabei und fehlte bei keiner Mahlzeit am Tisch. Disziplin war ihr wichtig.

Sich gehen lassen heißt gehen, war Johannas Leitspruch. Johanna hatte sich gehen lassen, schließlich war sie fort.