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Es war ursprünglich nur ein Wochenendausflug nach Sylt geplant, doch es wurde für Benno und Louisa der Beginn ihrer großen Liebe. Monate später nach intensiven und wunderschönen Tagen in Heidelberg beendete Louisa die Beziehung, ohne dass Benno den Grund erfuhr. Obwohl sich die beiden nie wiedersehen sollten, blieb eine schicksalshafte lebenslange Verbindung zwischen ihnen bestehen. Erst Jahre später an Louisas Grab erkennt Benno die wahren Zusammenhänge, die ihrer beider Leben bestimmt haben.
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2023
Jörg Steinhauser
LOUISA
Eine Erzählung
© 2023 Jörg Steinhauser
Umschlag: Jörg Steinhauser
ISBN Softcover: 978-3-347-97693-1
ISBN E-Book: 978-3-347-99137-8
Druck und Vertrieb:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5,
22926 Ahrensburg, Germany
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Für Trudy
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Epilog
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Titelblatt
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Prolog
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Prolog
Das Telefon klingelte hartnäckig. Auf dem Display stand Bennos Name. Ich nahm den Anruf entgegen. „Hallo“, sagte Benno. „Ich bin’s. Hast du Zeit für mich? Ich muss dich dringend sprechen. Ich möchte dir das Neueste berichten.“
Seine Stimme klang fest, als er fortfuhr.
„Vor Jahren erzählte ich dir vom Beginn der Liebe zwischen mir und Louisa. Du weißt auch, wie es mit der Liebe weiterging, damals und über die lange Zeit hinweg. Du warst der Freund, dem ich alles erzählte. Das Ende der Geschichte kennst du aber nicht.“
Ich hörte Benno tief atmen.
„Ich komme, wie du weißt, von der Beerdigung meines Vaters. Bei der Durchsicht von Papieren aus dem Nachlass bin ich auf Überraschendes gestoßen. Ich muss dir die Geschichte zu Ende erzählen.“
1
Es war ein Samstag, ich erinnere mich genau, wir waren junge Studenten und Benno saß in meinem Lesesessel, leicht nach vorn gebeugt und sah auf seine Fingerspitzen, deren Kuppen sich berührten. Daumen und Zeigefinger bildeten ein offenes Dreieck. Das Bücherregal hinter ihm mit seinen zahllosen Geschichten bot den idealen Hintergrund für seine Geschichte. Der Abend war lau, es war Ende Mai, als Benno, verliebt in Louisa und aufgewühlt von Erlebnissen ihrer gemeinsamen Reise nach Sylt, in Berlin zurück war. Ich hörte Benno gerne zu und die Geschichte dieser jungen Liebe, die er behutsam erzählte, ist mir noch sehr lebendig in Erinnerung. Der Klang seiner Stimme ist noch in meinem Ohr.
„Ich erzähle dir jetzt meine und Louisas Geschichte, eine Geschichte, die hoffentlich erst am Anfang steht, obgleich sie weit zurückreicht. Ich glaube, ich bin sehr verliebt, muss aber meine Gefühle noch ordnen und brauche vielleicht deinen Rat.
Wir, Louisa und ich, kannten uns schon, als wir noch namenlos waren, wir kannten uns aus der Zeit vor unserer Geburt. Unsere Mütter hatten sich in der Schwangerschaftsgymnastik kennengelernt und angefreundet. Das charakteristische Lachen von Louisas Mutter, es war ein sehr hoher Ton in diesem Lachen, rief in mir Zeit meines Lebens ein tiefes Wohlgefühl hervor, wie eine schöne Erinnerung es zu erzeugen vermag.
Daran, dass Louisa und ich uns schon in unseren ersten Lebensmonaten begegnet sind, kann ich mich natürlich nicht erinnern. Dies belegen nur Fotos, auf denen wir uns auf Kissen gebettet von unseren Müttern entgegen gehalten wurden und auf denen wir uns, die Köpfe einander zugewandt, neugierig musterten.
Da wir fast gleichaltrig waren, Louisa war eine Woche älter als ich, beide Sonntagskinder, was aber keinen Einfluss auf unser späteres Leben zu haben schien, kamen wir auch gemeinsam in den Kindergarten. Hier war ich der Erste, da Louisa noch die Woche nach Ostern bei ihren Großeltern verbracht hatte.
An vieles erinnere ich mich nicht aus meiner Kindergartenzeit, aber einiges steht mir immer noch lebhaft vor Augen. Ich hatte zu Hause gesehen, wie meine Mutter mit Muskatnüssen das Essen würzte. Auf dem Kindergartenspielplatz fand ich, wie ich glaubte, eben diese Nüsse und steckte sie ein, um sie meiner Mutter mitzubringen. Vorher aber zeigte ich meinen Fund stolz Louisa, die mir in ihrer klaren und bestimmten Art, die sie damals schon besaß, sagte, dies seien keine Muskatnüsse, sondern ganz einfach Pfirsichkerne. So desillusionierte sie mich zum ersten Mal und ich erinnere mich, dass meine Bewunderung für sie wuchs.
Im letzten Kindergartenjahr wurde zu Weihnachten ein Krippenspiel aufgeführt, in dem wir, wir waren ja die Großen, die wichtigen Rollen übernehmen mussten. Louisa spielte natürlich die Maria, wer der Josef war, weiß ich nicht mehr. Ich jedenfalls sang und sprach im Hirtenchor und sah fast ehrfürchtig zu, wie Maria das Jesuskind in die Krippe legte.
In der Volksschule, so nannte man früher die Grundschule, ging ich in die Jungenklasse und Louisa in die Mädchenklasse. Wir sahen uns jetzt nicht mehr so häufig, auch lagen die Jungen- und Mädcheninteressen naturgemäß in dieser Zeit weit auseinander.
Erst als wir beide aufs Gymnasium kamen, fanden wir uns gemeinsam in der gemischten Sexta wieder.
Die eine Woche, die uns kalendarisch trennte, hatte sich optisch zu mindestens einem Jahr verschoben. Louisa war einen halben Kopf größer als ich und war sich ihres Aussehens und ihrer Wirkung auf ihre Mitschüler und die Lehrer durchaus bewusst. Sie besaß goldblondes, lockiges Haar, das ein schmales Gesicht umrahmte, die blaugrauen Augen blickten klar, selbstbewusst, unternehmungslustig und energiegeladen, wirkten dabei aber uneitel. Der aufgeschossene, dünne, fast hagere Jungmädchenkörper ließ eine zukünftige starke feminine Ausstrahlung erahnen.
Schon kurz nach Beginn des Schuljahres, als wir Schüler uns etwas genauer kennengelernt hatten und die ersten Klassenämter verteilt wurden, wählten wir Louisa zu unserer Klassensprecherin. Sie füllte dieses Amt mit großer Energie und Einsatz aus. Auch in den folgenden Jahren machte ihr niemand diesen Platz streitig.
Ich bewunderte sie, wie ich sie damals bewundert hatte, als sie mir mit beeindruckender Autorität unmissverständlich den Unterschied zwischen Muskatnüssen und Pfirsichkernen erklärt hatte und ich war, glaube ich, ein wenig verliebt in sie damals. Für sie aber war ich Benni, den sie schon aus dem Kindergarten kannte und dessen Eltern mit ihren Eltern befreundet waren.
So sollte es in den nächsten Jahren bleiben.
Louisas Körper wurde weiblicher, die Blusen und Pullover füllten sich sichtbar, die Röcke wurden kürzer, die mageren Kinderbeine bekamen sportliche Waden. Ich war inzwischen einen halben Kopf größer als Louisa und hatte mich damit abgefunden, nicht zu ihren Favoriten zu zählen.
Meinen ersten Kuss bekam nicht Louisa. Da war sie schon sehr viel weiter und zeigte auch mehr Interesse auf diesem Gebiet als ich. Ihre Favoriten suchte und fand sie in den obersten Klassen und tanzte ausgelassen auf den Bällen verschiedener Abiturientenjahrgänge, wie man mir erzählte.
Nach unserem Abitur, das sie natürlich, wie hätte es anders sein können, als Klassenbeste bestand, während ich die Schule gemütlich im Mittelfeld abschloss, erhielt sie einen Studienplatz für Medizin in Heidelberg, während ich zum Jurastudium nach Berlin ging.
*
Ich erinnere mich gut, als ich im 3. Semester zu Pfingsten meine Eltern besuchte und mein Vater mir sagte, sie seien am Pfingstmontag zum Grillen mit Louisas Eltern verabredet und nebenbei in einem Halbsatz erwähnte, Louisa sei wie ich, aber eher zufällig und unerwartet zu einem Pfingstbesuch nach Hause gekommen und es sei doch nett, wenn wir uns bei dieser Gelegenheit alle wiedersähen.
So saßen Louisa und ich am Pfingstmontag bei herrlichem Frühlingssonnenschein im Garten ihrer Eltern und knabberten an mit Butterflocken garnierten Maiskolben, aßen scharfgewürzte Steaks und knoblauchgespickte Lammkoteletts und erzählten uns vom ersten aufregenden Jahr in einer neuen Welt.
Louisa berichtete voller Begeisterung von Heidelberg, von den Professoren und Vorlesungen, deren Thematik sie fesselte, von den netten Kommilitonen, den Sonntagsausflügen ins benachbarte Elsass, von Wanderungen und Edelzwicker.
Ich konnte wenig dagegen setzen. Trockener Vorlesungsstoff, der mich nur mäßig interessierte. Die Schwierigkeiten als Nichtberliner Anschluss an die überwiegend Berliner Kommilitonen zu finden, die sich oft von der Schule her kannten und sich in Cliquen abschotteten. Die Stadt selbst, eine Insel im „Feindesland“, eingemauert und noch immer, 25 Jahre nach dem Krieg, durchsetzt von Ruinen und Häusern mit unübersehbaren Wunden der damaligen Kämpfe. Die Kneipenabende oft trostlos. Von den häufig sinnleeren Wochenenden wollte ich gar nicht erzählen, um nicht bedauernswert zu erscheinen.
Meine Schilderung musste auf Louisa nicht den Eindruck gemacht haben, dass ich mich freute, wieder nach Berlin zurückzufahren.
Spontan kam von ihr der Vorschlag, wir könnten ein Wochenende am Meer verbringen, Sylt würde sie nicht kennen und ein Zelt würde einer von uns sicherlich auftreiben können.
Ich musste sie anscheinend fassungslos angesehen haben, denn sie sagte, dass sie es ernst mit ihrem Vorschlag meinte, ein paar Tage gemeinsam auf der Insel der anderen Art – ein Seitenhieb auf Berlin, so verstand ich es – zu verbringen. Sie hoffe, dass ich auch Lust hätte auf ein paar gemeinsame Tage, fügte sie mich ernsthaft ansehend hinzu.
„Aber natürlich, natürlich doch!“
Ich stotterte fast, so unglaublich erschien mir dieses Angebot.
„Sicherlich werde ich ein Zelt organisieren können.“ Sie nahm es gelassen, wie selbstverständlich.
„Den genauen Termin stimmen wir dann telefonisch ab. Hast du eine Telefonnummer, unter der ich dich erreichen kann?“
Ich gab ihr meine Telefonnummer im Studentenheim. Mein Vater kam und fragte, ob wir uns gut amüsierten und uns das Essen gut schmeckte. Louisa strahlte ihn an und erklärte, es sei alles bestens, wir seien glücklich, hier zu sein und genössen es sehr.
Ich konnte ihr nur zustimmen und er nickte zufrieden. Bevor er sich wieder dem Grill widmete und den Hausherrn unterstützte, plauderte er noch einige Zeit mit uns, wobei er sich bei Louisa, was mich verwunderte, sehr detailliert nach ihrem Studium und ihren Aktivitäten außerhalb des Studiums erkundigte. Louisa erzählte lebhaft von ihrem Leben in Heidelberg und wie schön es sei, nicht weit von zu Hause entfernt zu studieren und die Eltern häufiger besuchen zu können, ganz im Gegensatz zu mir, Benno, der ich in Berlin studiere. Mein Vater nickte zustimmend und sagte, er müsse sich leider wieder um den Grill kümmern, man könne vielleicht das Gespräch später fortsetzen, da das Studentenleben in Heidelberg ihn sehr interessiere.
Für mein Studentenleben hatte er bisher wenig Interesse gezeigt, meinte ich zu Louisa, was sie nur mit einem Lächeln beantwortete.
*
Zurück in Berlin kümmerte ich mich zuerst um das notwendige Zelt. Da ich wusste, dass du ein Zelt, sogar mit einem kleinen Vordach, besaßt, mit dem du immer nach Jugoslawien zum Zelten fuhrst, fragte ich zuerst dich, ob du mir für ein Wochenende Ende Mai das Zelt ausleihen könntest. Ich sagte dir auch, dass ich mit meiner Kindergartenfreundin und heimlichen Schulliebe, die ich zufällig zu Pfingsten wiedergetroffen hatte, ans Meer fahren wollte.
Du sahst mich nachdenklich an – daran musst du dich erinnern – dann nicktest du und meintest, was ich damals nicht verstand:
„Ich hoffe, es wird dir gut tun. Ja, natürlich kannst du das Zelt bekommen. Aber bringe es mir heil zurück“, fügtest du leicht schmunzelnd hinzu.
Wir wohnten damals in einem Berliner Studentenheim. Du studiertest an der Technischen Universität und ich an der Freien. Wir kannten uns, eher zufällig, weil wir auf der gleichen Etage im selben Haus wohnten, manchmal gemeinsam kochten und gelegentlich Sport trieben. Laufen und Tennis waren unsere Leidenschaft. Wir waren in kurzer Zeit Freunde geworden.
Am kommenden Wochenende rief Louisa an, um sich zu erkundigen, ob es mir gelungen sei, ein Zelt zu organisieren.
„Aber selbstverständlich“, sagte ich. „Sogar komfortabel mit Vordach.“
Sie lachte.
„Wunderbar. Dann treffen wir uns, wie besprochen, am Freitag in zwei Wochen in Hamburg am Bahnhof in Altona und nehmen dort den Zug nach Sylt.“
An eine so konkrete Terminabsprache konnte ich mich nicht erinnern, im Gegenteil, wir hatten davon gesprochen, den Termin telefonisch abzustimmen, aber mir war es auch recht so. Und schon ging es im Informationsgalopp weiter.
„Von Westerland nehmen wir den Bus nach Hörnum, das ist ein kleiner Ort ganz im Süden der Insel mit einem wunderschönen Campingplatz in den Dünen direkt hinter dem Strand.“
Ich konnte nur sprachlos nicken, was aber durch das Telefon nicht bei ihr ankam.
„Wenn das Wetter schön ist, habe ich auch bis Montag Zeit. Wie sieht es bei dir aus?“
„Ja, ich auch.“
Ich wusste kaum, was ich sagte.
„Gut, dann ist ja alles klar.“
Muskatnüsse und Pfirsichkerne fielen mir aus irgendeinem Grund ein.
„Ich rufe Dich nächstes Wochenende an. Wir müssen noch einige Einzelheiten besprechen. Ich freue mich auf die Tage.“
„Ich auch.“
Sehr aktiv und enthusiastisch klang ich sicherlich nicht.
In der Leitung erschien das Freizeichen. Louisa hatte aufgelegt.
Am Freitag erhielt ich per Post eine Checkliste mit der knappen schriftlichen Anmerkung, dies sei noch zu erledigen und in dem Telefonat am Wochenende würden wir die Einzelheiten festlegen.
Die Liste enthielt Punkte wie Luftmatratze, Schlafsack, Campingkocher, Geschirr und Besteck, eine kurze Zusammenfassung der für sie unentbehrlichen Lebensmittel, darunter Beutelsuppen, Pulverkaffee, Tee, süße Kondensmilch in der Tube, Nudeln und Tomatenmark.
Allmählich fragte ich mich, worauf ich mich bei dieser Reise eingelassen hatte. Meine Vorstellungen waren wohl zu romantisch gewesen. Sylt, Meer, Camping, Zelt, warmer Sand in dürrem Dünengras, Strandwanderung im Mondschein, ich hatte sogar die Mondphase für das geplante Wochenende nachgesehen, es ging auf Vollmond zu, Sternenhimmel, vielleicht eine Sternschnuppe und ein alter Wunsch, der erfüllt wird.
Auf der einen Seite imponierte mir die generalstabsmäßige Planung der Unternehmung, so würde Louisa es wohl nennen, auf der anderen Seite fühlte ich ein wachsendes Unbehagen gegenüber der Bevormundung und Fremdbestimmung. Mal überwog die eine Sichtweise, dann wieder die andere.
Das Telefongespräch am Sonntag, auf das ich mit gemischten Gefühlen gewartet hatte, verlief überraschend erfreulich und harmonisch. Sie habe mir die Checkliste geschickt, damit ich auch an Luftmatratze und Schlafsack dächte, vielleicht könne ich bei dem Eigentümer des Zeltes noch einen Campingkocher ausleihen, um alles andere werde sie sich kümmern, an eine Badehose solle ich denken, doch sei es nicht schlimm, sollte ich sie vergessen, dort gäbe es FKK-Strände, wie ich sicherlich wüsste. Ich glaubte, ein leises Kichern am anderen Ende der Leitung zu hören. Louisa und ich hatten uns für Freitagvormittag am Bahnhof von Hamburg-Altona verabredet. Ich rief meinen Schulfreund Fridolin an, der in Hamburg studierte und fragte, ob ich auf der Durchreise bei ihm übernachten könne. Wir freuten uns auf den gemeinsamen Abend.
Am Donnerstagmorgen belud ich meinen VW Käfer mit Zelt, Campingkocher, den du mir auch ausgeliehen hattest, Luftmatratze und Schlafsack, packte zwei Flaschen Wein in einen riesigen Rucksack und startete nach Hamburg. Hinter Spandau lag der Grenzübergang Staaken. Von dort führte eine schlechte mit Schlaglöchern übersäte Landstraße mit oft wechselnden Geschwindigkeitsbegrenzungen, die von den Vopos peinlich genau überwacht wurden, vorbei an endlos langen Mauern, hinter denen marode, russische Kasernen zu sehen waren, zum Autobahnanschluss Richtung Hamburg.
Die Abfertigung am Kontrollpunkt war heute wieder schleppend und langwierig. Ohne Grund wurde ich aus der Schlange der Wartenden herausgewinkt und speziell kontrolliert. Warum ich ein Zelt und Campingausrüstung dabei hätte? Wohin ich führe? Wie lange ich voraussichtlich in der BRD bliebe?
Nach einer Stunde kamen meine Transitpapiere, die mir der Grenzer mit einem seitlichen Kopfzucken und dem knapp gebellten Befehl: „Weiterfahren“ durchs Wagenfenster reichte.
Erleichterung, wie jedes Mal, obgleich die Behandlung demütigend und menschenverachtend war und nach Empörung schrie.
Ich hielt mich an die Geschwindigkeitsvorgaben und erreichte die Autobahn. Außer ein paar Militärkonvois und zeitweiser einspuriger Autobahn, Vopos, die die Parkplätze bewachten, nein sicherten und einem beim Pinkeln zusahen, gab es keine Behinderungen. Am Kontrollpunkt Lauenburg ging es schnell und unproblematisch. Dann war ich drüben.
*
Fridolin war erst vor kurzem aus der Uni zurück, als ich vor der Tür seiner WG stand.
„Du hast Glück, Walter ist zurzeit nicht da und du kannst in seinem Zimmer schlafen.“
Wir machten uns einen kleinen Imbiss und brachen dann zu einem Bummel durch die Stadt auf, die ich nicht kannte und die Fridolin mir stolz zeigte, als sei Hamburg sein Verdienst. Der Abend endete wie vorhergesehen feucht-fröhlich. An nächsten Morgen fühlte ich mich verkatert und fand nur schwer aus dem Bett. Als ich in Altona auf den Bahnhof eintraf, wartete Louisa auf mich und musterte mich etwas befremdet, bevor aus ihrer strengen Miene unvermittelt ein ansteckendes Lachen hervorbrach.
„Hallo Benno, mein Gott, wie siehst du denn aus? Geht es dir so, wie du aussiehst?“
„Nein, nein, es geht mir besser, viel besser“, beteuerte ich, „besonders wo ich Dich jetzt gefunden habe. Sehe ich denn so schrecklich aus?“
„Na ja. Hast wohl ein wenig gesumpft?“
„Ich bin gestern etwas später als üblich ins Bett gekommen.“
Ich ließ den Rucksack, unter den das Zelt geschnallt war, vom Rücken gleiten, umarmte Louisa und gab ihr zwei Küsse auf beide Wangen, die sie gerne entgegenzunehmen schien.
„Du dagegen siehst phantastisch aus.“
Und so war es. Sie sah einfach blendend aus mit ihrem hochangesetzten Pferdeschwanz, der die Ohren freigab und den Jeans, die ihre schlanke Figur und die langen Beine noch zusätzlich betonte. Sie trug einen dicken rotgrünen Pullover, der farblich zu ihren Haaren passte, der Anorak war auf dem roten Rucksack festgebunden.
Der Zug nach Westerland fuhr pünktlich ab. Wir suchten uns einen Fensterplatz. Die Strecke führte über Itzehoe und weiter über Heide. Louisa sah gedankenverloren aus dem Fenster. Ich hatte noch mit den Auswirkungen von gestern Abend zu tun und zeigte wenig Begeisterung für meine Umgebung.
„Keine schöne Gegend trotz des schönen Wetters, das eigentlich einer Landschaft schmeicheln sollte“, hörte ich Louisa. Sie hatte die Unterlippe leicht vorgeschoben, auf ihrer Stirn war eine Falte erschienen und ihr Blick traf mich aus skeptischen blauen Augen. Im Westen standen gewaltige Wolkengebirge über dem flachen Land. Als wir über den Hindenburgdamm fuhren, herrschte Ebbe. Rechts und links der Bahnstrecke trostlose Schlickwüste, von Prielen durchzogen, Wasserlöcher, Buhnen, die ins Watt führten, ich hatte mir das schöner vorgestellt.
„Es kann nur besser werden“, meinte ich.
Sie sah mich zweifelnd an.
In Westerland wartete am Bahnhof der Bus, der uns nach Hörnum bringen sollte. Es waren nur wenige Fahrgäste, die schon ihre Plätze gefunden hatten und da es nicht nach einem weiteren großen Andrang aussah, konnten wir unser Gepäck mit in den Bus nehmen und mussten es nicht im Kofferraum verstauen. Für den Fahrer war dies wohl bequemer.
Diesmal saßen wir nebeneinander. Louisa am Fenster, sie hatte darum gebeten. Das Gepäck lag in der Sitzreihe hinter uns.
Allmählich ging es mir besser.
Louisa hatte sich zurückgelehnt, den Kopf leicht schräg gegen die Scheibe geneigt und schien aus dem Fenster zu sehen. Ich spürte ihre Nähe und starke Präsenz, ich spürte die Wärme, die ihr Körper ausstrahlte und die mich verwirrte.
Hinter Rantum verlief die Straße gerade wie ein Maßband durch den südlichen Nehrungshaken nach Hörnum. Nach Osten dehnten sich flache mit Erika überzogene Dünenfelder, hinter denen dunkel bleigrau wie ein stumpfer Spiegel das Wattenmeer lag. Vereinzelt brachen Lichtsäulen durch die Wolken und ließen die glatte Wasserfläche silbern aufleuchten. Auf der Nordseeseite sah man eine ausgeprägte Dünenlandschaft mit sanften Hügeln und Tälern, hinter denen der Strand liegen musste. Hier wuchs weniger Erika, mehr Strandgras und Strandhafer.
Ein großes Schild am Straßenrand wies nach Sansibar, der leicht anrüchigen Bar und dem FKK-Strand. Weit konnte es bis zum Campingplatz nicht mehr sein.
Wenig später hielt der Bus. Der Fahrer wandte sich um und sagte, uns ansehend:
„Hallo, ihr Zwei, hier müsst ihr raus. Den Weg da lang“, und er zeigte auf einen schmalen Sandweg, der in die Dünen führte.
„Weiter hinten liegt der Zeltplatz.“
Wir griffen unser Gepäck, dankten dem Fahrer, stiegen aus, schulterten unsere Rucksäcke und stapften durch den Sand in wildes Dünenland, in dem bald ein kleiner niedriger Holzkiosk mit einem großen Schild „Zeltplatz“ an der Vorderfront auftauchte.
Wir wurden kurz in die Hausordnung eingewiesen, bevor wir das Gelände betreten durften. Es herrschte nicht sehr viel Betrieb, Zelte standen nur vereinzelt und so suchten wir uns etwas abseits im hinteren Teil des Geländes am Fuß einer Düne einen geschützten Platz für unser Zelt.
Seit unserem Treffen in Altona hatten wir nicht viel miteinander gesprochen. Die anfängliche Freude über das gemeinsame Wiedersehen war einem seltsamen Schwebezustand gewichen, der uns sprachlos machte. Oder war es Unsicherheit im Umgang mit der Situation und die Frage, ob das Ganze nicht eine Schnapsidee gewesen war, als wir uns damals zu diesem Wochenende verabredet hatten. Aber Schnaps hatten wir damals keinen getrunken, eher nüchtern Gefallen an uns gefunden.
Das Zelt erwies sich als einfach und robust und leicht aufzubauen. Ich grub kleine Gruben, in denen ich die Heringe versenkte und diese mit Sand auffüllte, um die Zeltkonstruktion mit ihren Stangen und Schnüren gegen eventuell aufkommenden Wind zu sichern. Louisa blies mit einem Blasebalg die Luftmatratzen auf und schob sie, als das Zelt schließlich stand, ins Innere.
„Hast Du eigentlich keinen Hunger?“ fragte sie.
Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich bisher kaum etwas gegessen hatte und verspürte mit einem Mal ein mächtiges Hungergefühl.
„Doch, wo du das jetzt sagst, ich habe einen unglaublichen Hunger.“
Ich hörte sie glucksend lachen.
„Da kann ich abhelfen.“
Sie kramte in den Außentaschen ihres Rucksacks, zog eine üppig mit Wurst und Salatblättern belegte Baguette hervor, teilte sie und hielt mir die eine Hälfte entgegen.
„Hier, nimm. Du fällst mir sonst vom Fleisch. Ich habe auch noch etwas Obst.“
Aus den Tiefen einer Umhängetasche zauberte sie eine Plastikdose mit Pfirsichen, Bananen, kleinen Apfelstücken und Tomaten hervor.
„Bitte bediene dich. Die Vorratslage ist gut.“
Ich war sprachlos über so viel vorausschauende Vorratswirtschaft.
Der Pfirsich erinnerte mich daran, wie Louisa mich schon zu Kindergartenzeiten beeindruckt hatte. Ich fragte sie, ob sie sich an die Muskatnussverwechslung erinnere. Als sie verneinte, erzählte ich ihr die Geschichte von Pfirsich und Muskatnuss und dass dort die Wurzeln für meine Bewunderung für sie lägen.
Sie lachte schallend und es war für uns beide ein befreiendes Lachen, in das ich einstimmte.
„Ich weiß jetzt, wie ich dich nenne“, sagte sie. „Du bist Nuss, meine Nuss, meine Muskatnuss.“
