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Die neunzehnjährige Lehramtsstudentin Hope ist hoffnungslos verliebt in ihren Freund Ben, der ihr nicht die Liebe schenken kann, die sie verdient. Wie gerufen kommt daher das achtwöchige Praktikum auf Sardinien. Sie genießt das Leben zwischen Pizza und Pasta, bis sie dem süßen einundzwanzigjährigen Architekturstudenten Leon begegnet, der ihr Liebeschaos komplett macht. Ausgerechnet bei ihm fühlt sie sich wohl und verstanden. Bis Ben unerwartet auf der italienischen Insel auftaucht und Hope zu einem Kampf zwischen Herz und Verstand bringt... Ein Kampf, der Hope an ihre Grenzen bringt, bis das Schicksal mit neuen Karten spielt...
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Seitenzahl: 358
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Love me harder
-zwischen Herz und Verstand-
„Difficult roads often lead us
to beautiful destinations.“
Für meine Schwestern Lina, Sarah und Keira
Playlist:
Love me harder – Ariana Grande
Weak – AJR
Out of love – Alessia Clara
It´s you – Ali Gatie
Verändert – Miwata
The Other – Lauv
After hours – The Weeknd
Sad forever – Lauv
Tausend Tränen – JIGGO
Julia – Lauv
Modern Loneliness – Lauv
Young & Alive – Bazzi
Dancing on my own – Calum Scott
The book of you & I – Alec Benjamin
Oh my god – Alec Benjamin
Before you go – Lewis Capaldi
Breathe – Lauv
Treppenhaus – LEA
Passé – JIGGO
Breathe – Lauv
No way! – Bazzi
Talk – Khalid
Das kalte Herz – Philipp Poisel
Kapitel 1:
„Grazie per la vostra attenzione“, höre ich meine Italienisch Dozentin sagen, als sie gerade die Vorlesung zur italienischen Literaturgeschichte beendet und uns die Prüfungsergebnisse mitteilt. Mein Herz bleibt fast stehen, als sie mich nach vorne bittet und mir meine Prüfung in die Hand drückt.
„Sehr gut“, meint sie.Mit klopfendem Herzen blicke ich auf den Stapel von Blättern. Ich kann mein Glück kaum fassen, als ich eine 1,3 in roter Schrift entziffere. Da hat sich das viele Lernen bezahlt gemacht, denke ich mir.
Ich atme erleichtert aus. Ich bin so froh, als ich endlich meinen Laptop und meinen Notizblock in meinen Rucksack packe und aus dem Hörsaal laufe. Ein Gefühl von Freiheit durchströmt meinen Körper, als mir der Gedanke in den Sinn kommt, dass nun endlich Semesterferien sind und ich sehr viel Zeit mit Ben verbringen kann, bis ich nach Italien fahren werde. Ich habe noch nicht alles gepackt und habe noch sehr viel zu tun, aber trotzdem bin ich frei und kann meine Ferien genießen. Ich laufe über den Campus, beobachte die ganzen Studenten, die aus dem Unigebäude kommen und glücklicher nicht sein könnten. Max und Toni klatschen sich ab und auch Sven und Paul stoßen mit ihren Bierflaschen an.
Ich denke an die letzten Wochen zurück, die wirklich anstrengend waren und vor allem die Prüfungsphase hat mir den letzten Nerv geraubt. In einer Woche habe ich drei Prüfungen hintereinandergeschrieben und als wenn das alles nicht genug wäre, kamen auch noch einige Veränderungen in meinem Leben dazu, die ich meistern musste. Ich bin einfach kein Mensch, der es so leicht wegsteckt, wenn sich Veränderungen im Leben bemerkbar machen. Seit ich nicht mehr in der Schule bin, hat sich einiges verändert. Ich muss viel mehr für mich selbst sorgen, ich muss in der Uni meinen Stundenplan für die Vorlesungen selbst erstellen, ich muss schauen, welche Kurse ich belege und vor allem aber muss ich alles alleine organisieren. Es gibt außer der Beratung niemanden, der mir dabei hilft, alles zu regeln und eine gute Balance zwischen Privatleben und der Uni zu bekommen. In der Uni bin ich nicht mehr Hope, ich bin eine Nummer, einfach nur eine beliebige Matrikelnummer, unter der ich eingeschrieben bin.
Mein ganzes Leben hat sich auf den Kopf gestellt und dass nicht nur weil Ben in mein Leben gekommen ist- obwohl ich sagen muss, dass es eigentlich das Spektakulärste an meiner unglaublichen Veränderung ist. Meine Mutter, meine Schwester und ich sind erst vor sechs Monaten umgezogen, noch bevor das erste Semester begonnen hat. Somit war es definitiv nicht leicht für mich, alles hinter mir zu lassen und mir ein neues Leben in einer anderen Stadt aufzubauen. Sie hat ein Jobangebot in Stuttgart bekommen, dass sie nicht abschlagen konnte, auch wenn sie selbst lieber in Köln geblieben wäre. Als alleinerziehende Mutter muss sie eben jede Chance nutzen, die sie bekommt, weil sie immer den Gedanken im Hinterkopf hat, dass sie mich und Vanessa versorgen muss, auch wenn Markus ihr Geld für Vanessa zukommen lässt. Mein Vater hat uns damals verlassen, als ich vier Jahre alt war und uns keinen einzigen Cent hinterlassen. Heute habe ich nicht wirklich einen guten Draht zu ihm, ich werde ihm nie verzeihen, dass er uns im Stich gelassen hat. Deshalb gebe ich obendrauf noch mein Bestes, um unserer kleinen Familie zu helfen, in dem ich einmal in der Woche in einer Bäckerei arbeite. Es ist nicht viel Geld, aber es reicht für das Nötigste.
Ich laufe an die Bushaltestelle, stelle meinen schweren Rucksack auf der Bank ab, als ein Anhänger zu Boden fällt, der an dem Rucksack hängt, seit ich Köln verlassen habe. Schnell hebe ich den Anhänger auf und betrachte ihn von beiden Seiten. Ich denke an meine alten Freunde aus Köln, die ihn mir zum Abschied geschenkt haben. Ich fahre mit meinem rechten Zeigefinger über die raue Fläche und betrachte ihn genauer. Er zeigt den Kölner Dom in gräulicher Farbe und sieht man genauer hin, steht in einer schnörkeligen Schrift „We miss you“. Ich werfe den Anhänger wieder in den Rucksack und merke wie sie mir alle fehlen. Besonders Lina, mit der ich durch dick und dünn gegangen bin. Als ich ihr von dem Umzug erzählt habe, dass ich 330 km weit wegziehen würde, konnte sie ihre Tränen nicht zurückhalten.
Ich denke an ihr entsetztes Gesicht und daran, wie wir uns versprochen haben, immer in Kontakt zu bleiben. Anfangs war es echt die Hölle in Stuttgart, ich habe sie jeden Tag verzweifelt angerufen und ihr von meinem Tag erzählt. Ich kannte niemanden, wusste nicht, was mich in der neuen Stadt erwarten würde, kannte mich in der fremden Stadt nicht aus und wusste nicht, wie ich das erste Semester so ganz alleine bewältigen werden würde. Anfangs bin ich immer durch die kleinen Straßen geirrt und bin immer eine Stunde früher losgefahren, um das richtige Gebäude zu finden mit dem passenden Hörsaal. Mittlerweile haben Lina und ich nur noch oberflächlichen Kontakt, sehen uns kaum und die täglichen Telefonate haben auch nachgelassen. Ich habe das Gefühl, dass wir in zwei verschiedenen Welten leben, die sich einfach nicht mehr miteinander verbinden lassen. Aber so ist es nun mal: man lernt neue Leute kennen, man verliebt sich und durchlebt einen anderen Alltag.
Mittlerweile genieße ich es hier in Stuttgart, habe Ben vor vier Monaten kennengelernt und könnte glücklicher nicht sein.
„Hey, warte auf mich!“, höre ich eine vertraute Stimme rufen, als ich gerade in den Bus einsteigen will. Meine Freundin Monika, die ich gleich an meinem ersten Tag an der Uni kennengelernt habe, kommt auf mich zu und fällt mir um die Arme. Fast hätte ich sie durch mein ganzes Gedankenchaos vergessen und dass obwohl wir doch heute zu dieser Semester Closing Party in unserem Ort wollten, auf die wir uns schon die ganze Woche über freuen.
„Sorry Süße, ich bin irgendwie ganz durcheinander.“
Sie schaut mich besorgt an, aber als sie sieht, dass ich lächele, lächelt sie auch und dass scheint ihr zu reichen. Sie ist einfach schon seit dem ersten Tag die Freundin an meiner Seite, die mich versteht, auch ohne viele Erklärungen und Rechtfertigungen, sie ist einfach da.
Sie hat mich damals vor dem Hörsaal einer Einführungsveranstaltung gesehen und mich gleich angesprochen. Wir haben uns auf Anhieb verstanden und sogar unsere Stundenpläne aneinander angepasst.
„Was ziehst du heute Abend an?“, fragt sie mich so nebensächlich, auch wenn es bei uns zwei nichts Nebensächliches ist, wenn es um unsere Outfits geht. Neulich haben wir uns drei Stunden vor der Party an der Uni getroffen, nur um unser Outfit für den Abend heraus zu suchen, aber letzten Endes sind wir zwei Stunden zu spät auf die Party gekommen, weil Monika keine passenden Ohrringe für ihr Kleid gefunden hat und wir von unserem kleinen Dorf extra nochmal in die Stadt fahren mussten. Seitdem gehe ich dieser Frage so gut es geht aus dem Weg, um uns ein weiteres Drama zu ersparen.
„Weiß noch nicht, sollen wir uns am besten jetzt schon, sieben Stunden vorher auf die Suche machen nach dem perfekten Kleidungsstück, oder?“, frage ich und klinge dabei ziemlich ironisch. Monika erinnert sich sofort an das Party-Desaster des letzten Monats und fängt an zu lachen.
Als der Bus in meine Straße abbiegt, verabschiedet sie sich von mir und erinnert mich nochmal daran, dass ich in zwei Stunden bei ihr sein sollte, damit wir noch unsere Gliederung für die Hausarbeit fertig machen können, die wir über die Semesterferien schreiben sollen. Ich habe schon ein bisschen etwas vorbereitet, aber da es Monikas und meine erste Hausarbeit ist, haben wir beschlossen, uns gegenseitig zu helfen.
Party und Uni sind keine Welten, die sich einfach kombinieren lassen, aber Monika und ich schaffen es so ziemlich immer, dass wir auch nach einer wilden Partynacht mit weniger als drei Stunden Schlaf vor dem Laptop sitzen und einigermaßen konzentriert an einer Aufgabe arbeiten.
„Bis später, Süße.“
Als Monika und ich uns verabschiedet haben, laufe ich aus dem Bus in die enge Straße über, in der sich unser kleines Haus befindet. Ich kann schon von Weitem erahnen, wer vor der Haustür steht. Es ist Ben, der gerade an seiner Zigarette zieht und danach lässig auf den Boden spuckt. Sein Blick fällt direkt auf mich, doch während sich in meinem Gesicht ein Lächeln breitmacht, weil es mich freut ihn zu sehen, bleibt sein Blick todernst. Er scheint sauer zu sein, doch ich wüsste wirklich nicht wieso.
Gestern hat er mich noch mit einem großen Teddybären überrascht und mir gesagt, dass er jeden Tag mit der Angst lebt, dass ich früher oder später sowieso einen Jungen finden würde, den ich mehr lieben könnte als ihn. Ich war überrascht von seiner Angst, aber habe ihm versichert, dass diese Sorge unberechtigt sei, da mich noch niemand so berührt hat wie er auf eine so unbeschreibliche Weise. Es ist eben ein kilometerweiter Unterschied zwischen anfassen und wirklich berühren. Das ist einer der Dinge, die ich durch Ben gelernt habe.
Ich mache einen Schritt auf ihn zu, streiche mit meiner Hand durch seine kastanienbraunen Haare und küsse ihn zärtlich. Ben erwidert diesen Kuss aber nicht, sondern stößt mich grob von sich weg und sieht mich fassungslos an.
„Hope, was soll der Scheiß?“, fragt er plötzlich. Sein Blick ist richtig bösartig und von jetzt auf nachher kann ich gar nicht glauben, dass ich ihn gestern noch für den liebevollsten und süßesten Jungen der Welt gehalten habe.
„Schatz, was ist denn los mit dir?“, ich schiebe sein Gesicht mit meinem Zeigefinger nach oben, so dass er mir direkt in die Augen schauen kann.
Erneut distanziert er sich von mir, in dem er einen Schritt zurück geht. Er schüttelt den Kopf.
„Ich bin nicht hier, um mit dir rumzumachen oder diese kitschigen Filme mit dir reinzuziehen, ich bin hier, weil ich erfahren habe, dass du heute mit Monika zu dieser bescheuerten und lächerlichen Semester Closing Party gehst. Du hast mich weder gefragt ob ich es in Ordnung finde, dass du dich die ganze Nacht irgendwo rumtreibst und vor allem hast du mich nicht mal gefragt, ob ich mitkommen möchte! Du bist echt das Letzte Hope!“
Bens Aussagen treffen wie ein Pfeil direkt in die Zielscheibe, direkt in mein Herz. Es tut so weh, so dass ich nicht mehr in der Lage bin etwas zu antworten, so weh sogar, dass ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten kann und sie quer durch mein Gesicht strömen.
„Ich habe mir nichts dabei gedacht, ich wollte einfach nur einen netten Abend mit Monika verbringen“, antworte ich unschuldig.
„Ja und genau das ist das Problem: du denkst eben nie darüber nach, was du machst!“, schreit er mich an.
Ich schluchze. „Es tut mir leid, ich würde mich freuen, wenn du mitkommst“, sage ich, in der Hoffnung, das Gespräch irgendwie noch in eine bessere Richtung zu lenken. Ich laufe auf ihn zu, berühre seine Schulter und fahre sanft über seinen Hals. Für einen kurzen Augenblick denke ich, dass er meine Berührungen erwidert, doch er wert sie ab und nimmt meine Hand unsanft von seiner Schulter. Ich starre ihn entsetzt an, um ihm zu vermitteln, wie verletzt ich bin, doch er schaut weg von mir. Lieber schaut er auf den kalten und dunklen Asphalt, anstatt in meine verletzten Augen, die sich immer weiter mit schweren Tränen füllen.
„Bestimmt nicht“, antwortet er schnippisch.
Ben scheint, dass nicht zu interessieren, dass ich unter seinen Aussagen leide, er setzt sogar noch einen obendrauf: „du bist echt erbärmlich Hope.“
Du bist echt erbärmlich, ich bin echt erbärmlich…
Diese Worte ziehen sich wie ein Faden durch meine Gedankengänge und ich bin wirklich entsetzt darüber, was für verletzende Worte er aus seinem Mund bringt. Ich wische mir meine Tränen aus meinem Gesicht, mache einen Schritt auf Ben zu, aber anstatt ihn wie vorhin küssen zu wollen, hole ich weit aus und meine Hand landet direkt auf seiner Wange.
„Du glaubst auch, dass du dir alles erlauben kannst Ben, aber mich zu beleidigen, nur weil du deine scheiß Eifersucht nicht in den Griff bekommst, ist echt das Letzte!“
„Ich bin nicht eifersüchtig“, schnaubt er.
Ich bin ja wirklich nicht der Mensch, der schnell die Fassung verliert, aber alles muss man sich nicht gefallen lassen und vor allem nicht so einen unberechtigten Wutausbruch von seinem eifersüchtigen Freund. Er hat kein recht darauf, mir so eine Szene zu machen, nur weil ich mit meiner Freundin auf eine Party gehe. Wo sind wir denn? Im Kindergarten?
„Verschwinde jetzt von unserem Grundstück!“, ich schreie ihn an, so dass ihm eigentlich nichts anderes übrigbleibt, als sich von mir zu entfernen, ohne ein einziges Wort zu sagen.
Trotzdem dreht er sich nochmal zu mir um.
„Das wars!“
Wie erstarrt bleibe ich vor unserer Haustür stehen und rühre mich nicht vom Fleck. Ben und ich haben schon oft gestritten, wir haben schon unzählige Male von dem Ende gesprochen, aber kein Streit hat sich jemals so ernst angefühlt wie dieser. In diesen Momenten weiß ich einfach nicht was ich fühlen soll. Auf einer Seite bin ich so unglaublich verletzt, so als würden sich hunderte Messer in mir festsetzen und mir nach und nach jede Luft zum Atmen nehmen. Auf der anderen Seite bin ich so wütend und würde am liebsten alles hinter mir lassen, was Monika mir schon unzählige Male versucht hat klar zu machen, aber das wäre dann auch nicht das Richtige einfach weg zu rennen. Aber was war denn momentan das Richtige für mich?
Einfach tun, was richtig ist.
Einfach lassen, was nichts bringt.
Einfach sagen, was man denkt.
Einfach leben, was man fühlt.
EINFACH ist nicht leicht.
Einfach ist am Schwersten.
Ich fahre mir verzweifelt durch meine Haare, blicke auf den Boden hinab und spüre wie sich meine ganzen Muskeln zusammenziehen. Erst als ich mich auf dem Boden sitzen sehe, weiß ich ganz genau, dass sich etwas tun muss, bevor ich daran zerbreche.
Nicht in zwei Teile, sondern in viele Einzelteile, so dass sie sich nicht mehr als ein Ganzes zusammen setzen lassen…
Kapitel 2:
Nach einer gefühlten Ewigkeit schaffe ich es dann doch mich von dem eiskalten Asphaltboden vor unserer Haustür in mein gemütliches Bett nach drinnen zu verlagern. Ich habe mir inzwischen eine Wärmflasche auf meinen Bauch gelegt und mir die neue Folge von Denver Clan angesehen, aber nicht einmal meine Lieblingsserie kann mich aus meiner depressiven Lage befreien. Zum Glück ist niemand Zuhause und nervt mich mit Worten wie „Ich habe es dir doch gleich gesagt, dass Ben kein guter Umgang für dich ist“. Ich weiß, dass meine Mama nur das Beste für mich möchte, aber trotzdem muss man seine Erfahrungen mit Menschen selbst machen, um eine bessere Menschenkenntnis zu gewinnen und um später aus diesen Erkenntnissen lernen zu können. Schließlich kann man nur das bereuen, was man nicht getan hat.
Ich gebe ja zu, am Anfang war ich nicht besonders gut auf Ben zu sprechen, war völlig abgeneigt von seinem Verhalten und von seiner Art, aber irgendwas hat mich immer an ihm fasziniert. Ich weiß nicht, ob es die Tatsache war, dass er sich so für mich interessiert hat oder ob es seine hartnäckige und kämpferische Art war, mit der er mich unbedingt beeindrucken wollte. Ich erinnere mich noch an den ersten Abend, als wir angefangen haben uns zu schreiben, da bat ich ihn, nachdem ich ein paar Gläser Wein zu viel getrunken hatte, ob er mich von Monikas Party abholen könne, da ich Angst hatte allein im Dunkeln an dieser gruseligen Waldhütte vorbeizulaufen, die ziemlich abgelegen ist. Ohne zu zögern hat er meine Bitte ernst genommen. Er hat mich abgeholt und nach Hause gebracht, ohne einen Hintergedanken. Auch wenn er mich nicht richtig kannte, wollte er nicht, dass ein Mädchen alleine nach Hause laufen muss, wenn es bereits dunkel ist. Diese Geste war ziemlich süß von ihm und auch die intensiven Gespräche an diesem Abend waren unvergesslich. Er hat mir zum Beispiel gleich anvertraut, dass sein Vater sich von seiner Mutter trennen möchte, aber er nicht wisse, wie er damit umgehen soll. Ich schätze es sehr, wenn Menschen mir nach einer kurzen Zeit schon ihr Vertrauen schenken und so war es auch mit Ben. Wir schrieben uns ununterbrochen, telefonierten stundenlang und für ihn war schnell klar, dass er sich mehr von mir erhoffte, als nur seine gute Freundin zu sein, er wollte mich als sein Mädchen. Auch wenn es mir imponierte, wie er nicht lockerlassen konnte, war ich mir mit meinen Gefühlen ziemlich unsicher, da er so viele Seiten an sich hat. Zum einen glänzten sie in der strahlenden Sonne, aber leider gab es auch diese dunklen Seiten an ihm, die des Öfteren mit schweren Regentropfen überschüttet wurden. Zu mir war er immer lieb und fürsorglich, aber nach außen hin wirkte er immer so hart und böse. Er wies alle Menschen, die ihm zu nahekamen unausweichlich ab. Er war der Mensch, der verantwortlich dafür war, dass ein 13-jähriger Junge für zwei Wochen im Koma lag. Auch sonst wurde er noch weitere Male ziemlich handgreiflich. Zu mir war er aber nicht so, ich entdeckte eine Seite an ihm, die sonst niemand an ihm sehen konnte. Egal wie verschieden unsere Welten auch waren und egal wie sehr sie sich abstießen, nachts waren wir immer so ehrlich zueinander, haben nächtelang auf der Parkbank verbracht, die zu unserem Ort wurde. Wir haben nicht aufgehört dem anderen von unseren Sorgen, Ängsten oder Wünschen zu erzählen. Diese Gespräche waren so echt, so voller Gefühle und Emotionen, die ich noch nie zuvor an mir selbst spüren konnte. Dadurch ist eine gewisse Verbindung zwischen uns entstanden, die nachts intensiver wurde als je zuvor und die uns aneinander festhalten ließ. Ben hat in mir immer nur das Beste gesehen, trotz meiner kalten, spielerischen, trügerischen und zickigen Art. Tagsüber habe ich aber leider nicht dieses perfekte Bild von ihm gehabt, tagsüber war ich immer eiskalt zu ihm und habe all seine Annäherungen abgewiesen und dass nur um zu verbergen, dass er mir insgeheim gefällt und dass tut er bis heute noch.
Jeder Gedanke an ihn füllt meine Augen mit schweren Tränen, da er gerade nicht bei mir ist. Er ist irgendwo und nicht bei mir, in meinen Armen, die ihn auffangen, wenn er einen schlechten Tag hatte, so wie gestern, als er einen großen Streit mit seinem Vater wegen seinem gefährdeten Ausbildungsplatz hatte. Er ist sofort zu mir gekommen, um sich sofort von seinem Mädchen trösten zu lassen.
Erneut kommen mir die Tränen, die ich leider nie zurückhalten kann. Dieses Mal fange ich schluchzend an zu weinen. Es tut einfach so weh, wenn man seinem Herzen verbieten muss, wonach es sich sehnt. Vor allem jetzt, wo wir doch schon zwei glückliche Monate eine glückliche Beziehung geführt haben, nach dem ich endlich eingesehen hatte, dass sich meine Gefühle nicht weiter verbergen lassen. Irgendwann habe ich sie einfach zugelassen, egal was mir meine Mama immer versucht hat zu sagen. Sie wusste von Anfang an, dass er nicht der Junge sein wird, der mir das geben kann, was ich brauche. Ich habe ihr einen ausführlichen Brief geschrieben, in dem ich ihr erklärt habe, dass ich mich in Ben verliebt habe und dass ich mir wünschen würde, dass sie ihm eine Chance gibt. Sie hat den Brief bestimmt fünf Mal durchgelesen, um zu verstehen, was in mir vorgeht. So ist sie einfach, sie will immer nur, dass ich glücklich bin und dass es mir gut geht. Aus diesem Grund hat sie mir auch ihr „okay“ gegeben. Dass war dann sozusagen der Freifahrtschein für Bens und meine Beziehung. Trotzdem sind wir nicht sofort danach zusammengekommen, es hat einen weiteren Monat gedauert, bis ich mir wirklich sicher war, dass ich wirklich bereit für ihn war. Es ist meine erste richtige Beziehung und ich wusste ganz genau, dass er in seinen zwei Beziehungen vor mir schon den gewissen Schritt weiter gegangen ist. Ich wusste einfach noch nicht, ob ich bereit dazu war, diesen wichtigen Schritt mit Ben zu gehen, aber ich wusste, dass er früher oder später mit mir schlafen will.
Trotzdem hat er mich nicht dazu gedrängt und ich bin auch nach unserer zweimonatigen Beziehung immer noch Jungfrau, denn Ben gibt mir die Zeit, die ich brauche, was für mich auch der Schlüssel für eine erfolgreiche Beziehung ist, dass man auf den anderen warten kann und ihm die Zeit gibt, die man braucht.
Ich drehe mich auf die linke Seite meines Bettes und vergrabe mein Gesicht in meinem Kopfkissen. Ich fluche laut. Irgendwann merke ich wie mein Bauch knurrt und kann mein Hungergefühl nicht mehr unterdrücken, also laufe ich in die Küche, um mir einen Fertigreis in der Mikrowelle zu erwärmen.
Als mir das Klingeln der Mikrowelle sagt, dass der Reis fertig ist, setzte ich mich mit der heißen Packung an den Esstisch und stochere darin herum. Gleichzeitig entsperre ich mein Handy und schaue nach, ob Ben mir geschrieben hat. Fehlanzeige. Also tippe ich mich durch meine Fotomediathek und stoße unfreiwillig auf mein Lieblingsbild mit Ben. Es zeigt ein Selfie von uns, wie ich auf seinem Schoß sitze und er fröhlich in die Kamera grinst, während ich mein Gesicht in seinen Schultern vergrabe, um nicht fotografiert zu werden. Mittlerweile ist dieser Schnappschuss zu meinem Lieblingsbild von uns geworden. Ich betrachte es noch eine Weile und vergesse dabei fast meinen Reis, der noch immer fast voll auf dem Esstisch steht. Ich nehme noch ein paar Löffel, bis mein Blick wieder zu dem Foto auf meinem Handy wandert. Im Hintergrund entdecke ich unsere Parkbank. Plötzlich kommen wieder Erinnerungen hoch, als er mich zum ersten Mal geküsst hat. Es war ein Sonntag, als ich einfach den Kopf frei bekommen wollte und mich auf die Parkbank gesetzt hatte, auf der Ben und ich nächtelang verbracht haben. Dieser Ort war zu meinem Lieblingsplatz geworden und immer, wenn ich Zeit zum Nachdenken brauchte, kam ich hier her. Die Parkbank war wie eine Auffangstation meiner Gefühle geworden. Doch an diesem Sonntag würde sich alles verändern.
Als ich alleine auf dieser Parkbank saß, hörte ich Musik, dachte über die letzten Wochen nach. Vor allem aber dachte ich an die Zukunft und wusste nicht wie ich sie gestalten sollte, ob Ben darin vorkommen sollte oder eben nicht. Diese Vorstellung, dass er keinen Platz in meiner Zukunft haben sollte, versetzte mich in tiefe Traurigkeit und schnell wies ich diesen schmerzvollen Gedanken wieder ab.
Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter, die sich so bekannt anfühlte. Es war Ben.
Er setzte sich zu mir auf die Bank, legte seine Hand in meine, streichelte jeden Finger meiner Hand und sagte nichts, wir beide sagten nichts. Wir saßen schweigend nebeneinander und lächelten uns an. Manchmal gibt es zwischen Menschen einfach eine Verbindung, die sich nicht beschreiben lässt. Mit keinem Wort, nur mit einem Lächeln.
Lange saßen wir so da und genossen die Stille und mein Kopf lehnte an seiner Schulter. Immer mal wieder strich Ben mir eine Haarsträhne aus meinem Gesicht und schaute mir dabei tief in die Augen.
„Sollen wir eine Runde spazieren gehen?“, ich richtete mich auf und unterbrach somit die Stille. Er nickte und wir liefen an dem Fluss entlang, der nicht weit von der Bank entfernt war. Er umklammerte meine Hand und so liefen wir eine gefühlte Ewigkeit, bis er diese Seelenruhe durchbrach und mich provozierend fragte, wieso ich mir so viel Zeit lassen würde, bis ich wissen würde, was ich wolle. Wir fingen wieder zu diskutieren an, wir knallten uns Dingen an den Kopf, die wir letztendlich ganz anders gemeint haben. Ben hasste diese Unsicherheit, die sich in mir breit macht, wenn ich nicht weiß, was ich will. Irgendwann hatten wir aber beide die Kraft und Geduld nicht mehr, die man bei einem Streit braucht. Wir blieben stehen, er schaute mir wieder tief in die Augen, doch irgendwie war es dieses Mal so anders wie sonst. Er schaute mich an, als wäre ich das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte. Er packte mich an meinem Arm, zog mich rasant an sich und legte seine Lippen ganz zart und sanft auf meine. Seine Zunge suchte nach meiner und als ich diese Küsse erwiderte, merkte ich wie sein Herz immer schneller anfing zu schlagen. Wir küssten uns immer und immer wieder. Ich würde lügen, würde ich sagen, dass es mir nicht gefallen hat. Ich küsste ihn vor lauter Glücksgefühle noch einmal. Ben nahm mich ganz fest in seine Arme und ich weiß bis heute noch, dass in dieser Umarmung so viel Erleichterung und Hoffnung steckte. Wir wussten beide, dass unser Verstand vor Glück tanzte, unsere Herzen fühlten und wir mit unseren Augen liebten. Da war er also gewesen, unser erster Kuss. Manchmal kann man eben nicht erklären, warum man einen Menschen toll findet. Es ist die Art, wie er mit dir umgeht und dich die Welt mit anderen Augen sehen lässt. Und das hat Ben geschafft. Er lässt mich die warme Liebe spüren, die durch meinen Körper strömt, wenn ich an ihn denke.
Wir kamen noch an diesem Abend zusammen und erlebten zwei Monate voller Zärtlichkeiten, gemütlichen Abenden und den unbeschreiblichen Glücksgefühlen, aber natürlich auch einigen Streits.
Bis heute. Heute will er alles beenden, heute lässt er mich einfach stehen und haut in seiner Wut ab. Wieder denke ich an heute Mittag, als er mich grundlos beleidigt hat. Du bist erbärmlich. Schon wieder spüre ich dieses Ziehen in meinem Bauch, das einfach nicht aufhört.
Das Klingeln meines Handys löst mich aus meinem Minutenschlaf und ich springe aus meinem Bett auf. Ich muss wohl eingeschlafen sein, als ich mich nur für einen kurzen Augenblick in mein Bett legen wollte, nachdem ich vor lauter Frust noch eine Tafel Schokolade verdrückt habe. Ich entsperre mein Handy und schaue wer mir geschrieben hat, eine kleine Hoffnung von mir ist natürlich, dass die Nachricht von Ben kommt. Enttäuscht stelle ich fest, dass sie nur von Monika ist, die fragt, wann ich denn endlich kommen würde, da wir doch ausgemacht hatten, dass ich um 15 Uhr bei ihr sein würde. Ich schaue auf die Uhr und stelle mit großem Entsetzen fest, dass es mittlerweile schon fast halb sechs ist und wir um sieben schon los auf die Party wollten.
Bei dem Gedanken an die Party könnte ich schon wieder in Tränen ausbrechen, halte mich aber zurück. Ich werfe mir schnell eine Jeansjacke über und ziehe meine alten mittlerweile nicht mehr so weißen Vans an, bevor ich die Haustür hinter mir schließe. Ich tippe in mein Handy die kurzen zwei Wörter „Ich komme“ und drücke auf Senden. Jetzt aber schnell, denke ich mir und laufe in einem Eiltempo zu Monika.
Kapitel 3:
„Wo warst du so lange?“, Monika öffnet mir die Tür und verdreht genervt die Augen, als sie mich sieht.
„Es tut mir wirklich leid, ich hatte wieder Streit mit Ben, er stand plötzlich vor meiner Tür und…“ Monika zieht mich zur Tür rein, lächelt und umarmt mich, auch wenn ich gedacht habe, dass sie nun unbeschreiblich böse auf mich sein muss, aber so ist sie eben nicht. Monika ist einfach nicht nur meine beste Freundin, sondern auch eine Art Psychologin, sie hört mir einfach immer zu, sie ist immer da und vor allem ist sie nie sauer auf mich, wenn ich sie mal versetze.
Ich schließe die Haustür hinter mir, laufe in ihr Zimmer und setze mich auf ihr kleines Sofa, das direkt neben ihrem Bett steht. Ich erzähle ihr von dem Streit mit Ben und schnappe mir ein rosa Kuschelkissen. Nervös spiele ich an den Fusseln des Kissens herum und erzähle ihr von seinem wütenden Gesichtsausdruck, das er hatte, als er mich vor der Haustür abgefangen hat.
„Wegen so etwas rastet er aus?“, sie sieht mich fassungslos an und hält sich eine Hand gegen ihren Kopf.
Ich nicke und seufze.
„Ja, ich verstehe es auch nicht, warum er so ausgerastet ist. Gestern war noch alles gut zwischen uns und jetzt spricht er von einem endgültigen Ende, dabei war ich schon öfters ohne ihn auf einer Party.“
Monika steht von ihrem Bett auf und setzt sich neben mich, auch wenn der Platz auf dem Sofa schon für eine Person alleine ziemlich eng ist.
„Ach Süße, ich glaube er ist einfach nur eifersüchtig. Du weißt doch, Eifersucht entsteht dann, wenn man Angst hat ersetzbar zu sein und ich denke er weiß selbst, dass du viel zu hübsch für ihn bist. Du hast einfach was tausendmal Besseres als ihn verdient.“
Ich schüttele den Kopf. „Nein, habe ich nicht, ich will nur ihn.“
Monika nimmt mich in den Arm und gibt mir ein Kuss auf die Wange. „Vergiss einfach nie auf dein Herz zu hören.“
Sie hat recht und dass mache ich. Ich halte an der kleinsten Hoffnung fest, die mir sagt, dass alles wieder gut werden wird. Der Glaube lässt dich eben Unmögliches versuchen und der Zweifel? Ja, der Zweifel hingegen hält dich von allem Möglichen fern.
Eine Weile später finden wir uns perfekt geschminkt und angezogen auf der Semester Closing Party wieder, die in einer kleinen Halle neben dem Campusgelände stattfindet. Monika und ich haben uns in ein schwarzes Minikleid gequetscht, das ziemlich eng an unseren Körpern liegt. Wir haben uns die Kleider zusammen letzte Woche in unserem Lieblingsladen in der Stadt gekauft und waren beide total überzeugt davon, dass sie perfekt für die Party seien.
Wir betreten die Halle, die an jeder Ecke mit verschiedenen Girlanden und Luftballons in allen möglichen Farben dekoriert ist. Am Eingang hängt ein großes Schild, auf dem in goldener Schrift steht: Herzlich Willkommen im 2.Semester. Nicht wirklich kreativ, aber die Party erfüllt ihren Zweck: sie lässt uns den ganzen Stress des Semesters vergessen und hilft uns dabei, den Kopf frei zu bekommen. Hoffe ich zumindest.
Ich schaue mich um und sehe bekannte Gesichter aus der Uni. Mein Blick wandert zu Veronica Stegmeier aus meinem Kurs zur italienischen Literaturwissenschaft, die sich offensichtlich an Kevin Winkler aus dem zweiten Semester, ranschmeißt. Sie tanzt ihn an und versucht dabei sexy auszusehen, in dem sie ihren Mund zu einem Kussmund formt, was ihr aber überhaupt nicht gelingt. Kevin dreht sich um und läuft angewidert zu seinem Kumpel Max. Ich muss lachen und auch Monika muss dieselbe Szene beobachtet haben, denn auch sie fällt in prustendes Gelächter. Wir beide schauen uns an und müssen dabei noch mehr lachen.
„Sollen wir etwas essen?“, frage ich sie und zeige auf das üppige Buffet, das über mehrere Tische verteilt ist. Sie nickt und als wir uns vor dem Essen wiederfinden, das auch unter dem Partymotto angerichtet ist, nehmen wir uns jeweils einen Teller. Wir füllen ihn mit Pizzaschnecken, Käse-Traubenspießen und Fleischbällchen, die eine Herzform haben. Als mein Teller randvoll ist, nehme ich mir noch ein Glas von der Bowle, in der alle möglichen Früchte herumschwimmen. Sie schmeckt gut, aber ich kann den Geschmack trotzdem nicht genau definieren.
Wir laufen zur Tanzfläche, die sehr klein ist und unterhalten uns mit einigen Freunden aus der Uni über das bevorstehende Praktikum in Italien, das ab nächster Woche stattfinden wird. Es wurde von einer Dozentin angeboten, in einer Schule für zwei Monate in den Semesterferien zu unterrichten, um gleich am Anfang des Studiums ein wenig Praxiserfahrung zu sammeln. Zum Glück habe ich schon vor Bens Zeit den Zettel für die Anmeldung abgegeben, bevor Ben etwas dagegen haben konnte. Ich habe ihm um ehrlich zu sein auch noch gar nichts davon erzählt, dass ich bald für zwei Monate in Italien sein werde. Ich wollte uns einfach eine weitere Diskussion ersparen, auch wenn er es früher oder später sowieso erfahren würde.
„Was sagt eigentlich Ben dazu, dass du zwei Monate weg bist?“, fragt mich Lisa plötzlich, als hätte sie meine Gedanken gehört. Sie schaut mich fragend an und aus irgendeinem Grund provoziert mich diese Frage irgendwie. Ich kann sie einfach nicht leiden, ich hasse sie schon seit dem ersten Tag an der Uni. Damals hat sie mit mir und Monika ein falsches Spiel gespielt, in dem sie uns eine falsche Freundlichkeit vormachte. Es stellte sich aber schnell heraus, dass sie nicht ernsthaft mit uns befreundet sein wollte. Außerdem stellt sie immer ziemlich merkwürdige und vor allem aber provozierende Fragen. Lisa ist ziemlich hinterhältig und ist deshalb eine Sorte der Menschen, die ich nicht abkann. Ich habe mehr Respekt vor denen, die ehrlich die Faust gegen mich erheben, als vor denen, die mir verlogen die Hand reichen. So ein Mensch ist Ben, der mir immer direkt ins Gesicht sagt, wenn ihn etwas stört, anstatt es hinter meinem Rücken zu tun. Der Gedanke an Ben wandelt meine Glückseligkeit von gerade eben in eine pessimistische Laune um.
„Was hast du gefragt?“, ich schaue Lisa fragend an.
„Ich meine, Ben und du ihr seid erst ein paar Wochen zusammen und da ist es doch fraglich, ob eine Beziehung, die so frisch ist, naja eine Zeit wie diese aushalten kann und so wie ich Ben kenne…“
Jetzt ist Lisa wirklich zu weit gegangen. Wie kann sie es sich erlauben so etwas zu mir zu sagen? Die Wut in mir kocht auf.
„Lass das doch einfach unsere Sorge sein, Ben und ich lieben uns dann werden wir das auch schaffen! Außerdem sind es gerade mal acht Wochen, die sehr schnell vergehen werden.“
Wut durchströmt meinen ganzen Körper, aber ich bin stolz auf mich, dass ich mich wehren kann und nicht wie früher das stille kleine Mäuschen bleibe.
Lisa fängt an zu lachen, auf eine Art und Weise, die mich so unheimlich provoziert.
„Ach ja? Und warum ist er dann nicht mit dir auf der Party, sondern mit mir?“
Sie dreht sich um und in genau diesem Moment läuft Ben auf uns, naja…läuft er auf sie zu.
Er umarmt sie und schenkt mir keinerlei Beachtung, auch wenn er mich bemerkt.
Dass kann doch nicht wahr sein! Wie kann er sich erlauben mit einem anderen Mädchen auf diese Party zu gehen, von der er erst heute Mittag erfahren hat? Ich will gerade auf ihn zu rennen und ihm alles an den Kopf werfen, was mich die letzten Monate beschäftigt hat, als mich plötzlich eine Hand am Arm packt und zur Seite zieht, so dass ich keine Chance mehr habe, auf Ben zuzulaufen. Es ist Monika, die mich festhält und mich mit einem „Komm runter Hope“ versucht zu beruhigen. Erfolglos.
„Wie kann er nur!? Dieses Miststück, wenn ich ihn in die Finger bekomme, dann…“
Ich kann meinen Satz nicht mehr beenden, zu kraftlos bin ich. Als ich merke wie schon wieder meine Tränen fließen, will ich einfach nur noch weg von hier, weg von diesem schrecklichen Ort.
Ich renne durch die Menschenmenge, es ist mir egal, an wie vielen Leuten ich hängen bleibe. Mein Ziel ist es einfach nur, so schnell wie möglich hier raus zu kommen. Ich höre wie verschiedene Stimmen nach mir rufen. Monika versucht sogar mir hinter her zu rennen, aber nach der halben Strecke hat sie vergebens aufgegeben. Ich knalle meinen vollen Becher auf den Boden und sehe wie sich die Flüssigkeit auf dem ganzen Boden verteilt.
Als ich endlich aus der Halle komme, suche ich die nächste Möglichkeit, um mich kurz hinsetzen zu können. Da ich nichts finde, setze ich mich auf einen großen Stein und versuche das ganze Geschehen zu verarbeiten, was aber gar nicht so einfach ist, wenn der Schmerz immer größer wird, je länger man darüber nachdenkt.
Es vergehen einige Minuten der Leere, in denen ich einfach nur dasitze, zuhöre wie Autos an mir vorbeifahren. Komischerweise genieße ich es alleine zu sein. Einfach nur da zu sitzen und es niemanden gibt, der sich über mich ärgert oder mich beschimpft. Trotzdem vermisse ich Ben so sehr, ich vermisse seine Nähe. Vor allem vermisse ich es wie er mich sanft in den Schlaf streichelt und mich am nächsten Morgen wieder zärtlich mit seinen Küssen weckt.
Am allermeisten verletzt mich aber die Tatsache, dass Ben unser Beziehungsende anscheinend einfach so hinnimmt, als hätte es uns nie gegeben, als wäre all das mit uns nicht passiert.
Ich höre eine Tür, die zugeknallt wird und Schritte, die immer näherkommen. Ich erkenne die Person nicht, die auf mich zu läuft. Ein Gefühl von Angst macht sich in meinem Körper breit. Ich stehe von dem Stein auf und versuche mich unauffällig weg zu schleichen. Die Schritte werden immer schneller und meine Angst immer größer.
„Hope warte doch mal!“
Ich kenne diese Stimme, ich krame in meinen Erinnerungen, um herauszufinden… Ben! Es ist Bens Stimme, die so ernst, aber auch besorgt zugleich klingt. Er rennt auf mich zu, bis er direkt vor mir steht. Sein Blick fällt auf mein enges Kleid, auf meine Taille und dann wieder direkt in meine Augen. Er sieht wie immer umwerfend gut aus. Seine kastanienbraunen Haare perfekt nach hinten gestylt, sein Bartansatz ist in einer perfekten Länge gehalten und seine passenden olivgrünen Augen passen perfekt zu seinem makellosen Gesamtbild. Er trägt ein blau weiß kariertes Hemd, das bis auf einen Knopf komplett zugeknöpft ist. Ich schaue auf sein Handgelenk und spüre wieder ein Ziehen, das durch meinen Körper dringt, bis hin zu meinen Fußspitzen. Er trägt das Armband mit den Anfangsbuchstaben unserer Namen nicht mehr, dass ich ihm letzten Monat geschenkt habe. Ben bemerkt sofort, dass ich gesehen habe, dass er das Armband nicht mehr trägt.
„Chill mal, ich habe es nur ausgezogen, weil ich gestern ein Fußballspiel hatte und es vergessen habe wieder anzuziehen.“
Ich nicke und schaue auf den Boden, damit er mir nicht mehr in die Augen schauen kann.
„Warum bist du mir hinterhergelaufen?“, frage ich ihn provozierend und schaue immer noch nach unten.
Er sucht nach einer Antwort, doch anstatt etwas zu sagen, läuft er auf mich zu und richtet mein Kopf wieder auf, so dass sich unsere Blicke treffen können. Wieder macht er einen Schritt auf mich zu, so dass wir dicht voreinander stehen. Ich kann seinen Atem spüren, der sich direkt mit meinem verbindet. Er streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und klemmt sie hinter mein Ohr. Zärtlich streicht er mit seinem Daumen über meine Lippen und küsst mein Ohrläppchen. Sein Mund wandert zu meinem Hals und küsst ihn. Ich schließe die Augen, schnaufe und genieße den Moment, bis mir wieder in den Sinn kommt, was zwischen uns vorgefallen ist. Ich schiebe ihn unsanft von mir weg und fahre mir durch die Haare.
„Warum bist du einfach mit Lisa auf die Party gekommen, von der du bis heute Mittag noch nicht einmal etwas wusstest? Warum bist du immer so ein Arschloch zu mir?“, ich muss sehr wütend klingen.
Er lächelt. „Ach man jetzt beruhige dich doch mal! Lisa hat mir geschrieben, ob ich Bock habe mit auf die Party zu kommen und ich wollte dich sowieso beobachten und schauen, was du so treibst und da dachte ich, dass ich einfach mit ihr mitfahre. Ist doch nichts dabei, oder?“
Ich huste. „Nichts dabei? Hätte ich sowas gemacht, oh je, dann könnte ich mir aber was von dir anhören.“
„Es tut mir leid“, sagt er schließlich, „auch das heute Mittag tut mir sehr leid.“
„Deine Entschuldigung kannst du dir wirklich sparen“, schreie ich wütend und drehe mich um, so dass ich ihn nicht mehr ansehen muss. Ich spüre wie er vorsichtig auf mich zu kommt und mir seine rechte Hand auf die Schulter legt. Er streicht mir die Haare zur Seite und küsst meinen Nacken. Ich schließe die Augen und genieße das Gefühl, wie sich auf meiner Haut eine Gänsehaut bildet.
„Ich hasse es mit dir zu streiten und vor allem nicht, wenn du so ein sexy Kleid anhast“, flüstert er in mein Ohr.
Ich drehe mich wieder zu ihm und streiche über die Knöpfe seines Hemds. Er nimmt meine linke Hand in seine.
„Du bist meins, nur meins. Ich liebe dich“, meint er traurig.
„Ich dich auch.“
Wieder macht er einen Schritt auf mich zu, doch dieses Mal lasse ich zu, dass er mich weiter berührt. Das Gefühl ihn zu brauchen ist einfach viel größer als das Gefühl ihn gehen lassen zu müssen. Egal, was das richtige wäre, ich mache immer das, was ich brauche.
Ich lächele, er küsst meine rechte Handfläche und streicht mit seinem kleinen Finger über meine Wange. Er streicht über mein ganzes Gesicht und nimmt es schließlich in seine Hände.
Schließlich küssen wir uns, erst ganz sanft und schließlich immer wilder. Er beißt mir auf meine Oberlippe und ich spüre wie mein ganzer Körper kribbelt.
In diesem Moment ist mir alles egal. Es ist mir egal, wie er heute Mittag mit mir umgegangen ist. Es ist mir egal, dass er aus Trotz mit Lisa auf die Party gekommen ist und vor allem aber ist es mir egal, dass ich ihm eigentlich nicht so schnell verzeihen dürfte.
Liebe ist einfach, wenn kämpfen immer noch leichter ist, als aufzugeben.
Unsere Küsse werden immer stürmischer und die Lust nacheinander immer größer. Seine Hände umklammern meine Taille, die immer weiter runterrutschen, bis ich sie unter meinem Kleid spüre. Er drückt mich immer fester an sich. Ich kann seinen Herzschlag spüren und er meinen. Meine Fingerspitzen schieben sein Hemd höher und fahren über seine nackte Haut. Ich spüre wie sich seine Bauchmuskeln anspannen und wie er den Moment mindestens genauso zu genießen scheint wie ich es tue.
Plötzlich hört er auf mich zu küssen, nimmt meine Hand, küsst sie und zieht mich hinter sich her.
„Hope, ich will nur dich. Ich finde wir haben lange genug gewartet auf den richtigen Moment. Welcher Moment ist denn passender als dieser?“
Ich verstehe sofort auf was er hinaus will, aber so leichtsinnig ich auch bin, folge ich ihm einfach, zurück zu seinem Auto. Er sucht hektisch nach seinem Autoschlüssel, bis er ihn aus seiner Hosentasche zieht. Er öffnet das Auto und wir steigen ein. Wir beginnen uns erneut stürmisch zu küssen und irgendwie fühle ich mich bereit dazu, einen Schritt weiter zu gehen. Ich schnalle mich ab und beuge mich vor zu ihm. Meine rechte Hand gleitet immer tiefer, streicht an seinem Hosenbund entlang und wie von selbst öffne ich seinen Gürtel. Ben zieht meine Hand weg, küsst mich und sagt, dass ich mich noch gedulden solle, bis wir bei ihm sein würden, denn sein Auto sei nicht der beste Ort für ein erstes Mal. Mein erstes Mal…
Kapitel 4:
Als er den Mercedes AMG seines Vaters in die Einfahrt lenkt, kann ich meinen Herzschlag bis zum Hals spüren. Noch nie in meinem Leben hat sich etwas so aufregend, aber beängstigend zugleich angefühlt. Ich bin ein Mensch, der immer auf alles vorbereitet sein muss. Es macht mich immer so nervös, wenn ich nicht weiß, was auf mich zu kommt und was mich erwartet.
