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Mein Leben ist ein Scherbenhaufen: Erst verliere ich meinen Freund, dann meinen lukrativsten Deal - und plötzlich weiß ich nicht mehr, wie ich die nächste Miete zahlen soll. Da taucht er auf: Jannik Gebert, CEO des erfolgreichsten Immobilienunternehmens Berlins. Er bietet mir einen Job an - ich soll die Vergangenheit einer geheimnisvollen Villa an der Ostsee erforschen. Das Honorar: zehntausend Euro. Ein Angebot, das ich nicht ablehnen kann. Also sage ich zu und steige in seinen Privatjet. Doch noch bevor wir die Ostsee erreichen, spüre ich, dass Jannik mehr ist als nur ein Geschäftsmann - und dass dieser Auftrag mich in ein Spiel zieht, in dem nichts so ist, wie es scheint.
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Seitenzahl: 160
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Titelseite
Im Privatjet des CEO
… und im nächsten Roman lesen Sie
Impressum
Jessica Bergendal
Im Privatjet des CEO
Mein Leben ist ein Scherbenhaufen: Erst verliere ich meinen Freund, dann meinen lukrativsten Deal – und plötzlich weiß ich nicht mehr, wie ich die nächste Miete zahlen soll.
Da taucht er auf: Jannik Gebert, CEO des erfolgreichsten Immobilienunternehmens Berlins. Er bietet mir einen Job an – ich soll die Vergangenheit einer geheimnisvollen Villa an der Ostsee erforschen. Das Honorar: zehntausend Euro. Ein Angebot, das ich nicht ablehnen kann.
Also sage ich zu und steige in seinen Privatjet. Doch noch bevor wir die Ostsee erreichen, spüre ich, dass Jannik mehr ist als nur ein Geschäftsmann – und dass dieser Auftrag mich in ein Spiel zieht, in dem nichts so ist, wie es scheint.
Ich lese den Brief von Gucci immer wieder. Der Inhalt ändert sich nicht. Shit!
Liebe Lea, leider müssen wir die Kooperation beenden. Dein Instagram-Kanal »Lea_with_bags« entspricht nicht mehr unserem Social Media-Auftritt.
Jetzt bin ich auch noch Gucci los.
Meine beste finanzielle Quelle.
Die falschen Geier!
Wenn du Likes ablieferst, säuseln sie dich voll.
Liebe Lea hier und Liebe Lea da. Cool. Echt mega, liebe Lea!
Und wenn du nicht mehr ziehst, bist du raus. Wirst knallhart abserviert.
Ich verstehe ja, dass ich in meiner neuen kleinen Wohnung im Falkenhagener Feld nicht das richtige Ambiente bieten kann, das man für Gucci-Taschen braucht, aber dass die mich nach drei Jahren mit einem Zweizeiler rausschmeißen, ist echt unterirdisch!
Als ich noch bei Maurice wohnte, konnte ich Fotos am Pool posten. Das machte natürlich was her. Aber wo soll ich hier in dieser öden Assi-Siedlung einen Pool finden? Vielleicht hätte ich doch nicht Hals über Kopf bei Maurice ausziehen sollen. Nur, bei diesem toxischen Looser zu bleiben, wäre echt die schlechtere Option gewesen, nachdem ich ihn mit der Tussi im Bett erwischt habe. Das spießige, kleine Einfamilienhaus, das er von seinen Eltern geerbt hat, war nun wirklich auch keine mondäne Villa, in der man Gucci-Taschen in Szene setzen konnte – bis auf den Pool im Garten eben.
Sechshundert Euro Miete zahle ich für die Einzimmerwohnung hier. In der Ecke stehen noch drei Umzugskartons mit Küchengeräten und Geschirr. Nicht, dass ich zu faul wäre, sie auszupacken. Ich weiß einfach nicht, wo ich die Sachen in meiner winzigen Küche einräumen soll.
Ich gehe zum Fenster. Der Ausblick zieht mich vollends runter. Vor dem Hochhaus gegenüber sitzen drei Jugendliche mit Basecaps auf dem Müllcontainer und rauchen irgendetwas. Zigaretten ganz bestimmt nicht. Eine alte Frau reißt ihren Dackel hinter sich her und geht kopfschüttelnd vorbei. Die Gegend ist grau. Selbst im Sommer. Sogar das Grün der Blätter der wenigen Bäume wirkt grau. Es zerfließt mit der tristen Farbe der Fassaden. Die einzigen Farbkleckse sind Graffitis, die an die Sockel der Häuser geschmiert wurden.
Nicht einmal eine U-Bahn gibt es hier. Ich muss erst eine Viertelstunde mit dem 134er zum Rathaus Spandau fahren und dann eine Ewigkeit mit der Bahn durch diese viel zu große Stadt zur Humboldt-Uni juckeln. Dort – Unter den Linden – ist Berlin schick. Da tummeln sich die Touristen und machen Selfies vor den geleckten Gebäuden oder der Spitze des Fernsehturms. Die sollten mal ins Falkenhagener Feld kommen, um das echte Berlin kennenzulernen.
Letzten Freitag war dann auch noch Streik bei Bahn und Bus. Da habe ich drei Stunden gebraucht, nur um fünfundvierzig Minuten an einer Vorlesung über die postrevolutionäre Emigration des russischen Adels teilzunehmen. Das meiste von dem, was der Professor geplappert hat, kannte ich schon. Banales Zeug, das man sogar auf Wikipedia nachlesen kann. Zum Glück beginnen morgen die Semesterferien.
Ich zerknülle den Brief und werfe ihn in den Mülleimer.
Lea, Schätzchen, wir müssen eine Lösung finden, sage ich gebetsmühlenartig zu mir. Sonst kannst du in drei Monaten nicht einmal mehr die Miete für dieses Loch bezahlen!
Ich atme tief durch und mache den Rücken gerade. Ich darf mich nicht unterbuttern lassen, und ich werde mich nicht unterbuttern lassen.
»Halte dich immer aufrecht, Kind!«, hat mir meine Mutter mit auf den Weg gegeben. Es waren ihre letzten Worte, als sie mit gerade mal fünfzig für immer die Augen schloss. Ich musste mich immer allein durchs Leben schlagen. Im Call-Center, beim Kellnern, als Messehostess. Alles neben dem Studium. Und dann kam mir die Idee mit dem Instagram-Kanal.
Die Kinder aus reichem Hause brauchen sich nicht durchzuschlagen. Vor allem die Muttersöhnchen, die eines Tages die Firma ihres Papas erben. Die können es sich leisten, zwanzig Semester auf der Uni rumzugammeln. Ich muss mein Geschichtsstudium in der Regelstudienzeit schaffen, sonst wird mir am Ende noch das lächerliche BaFöG gekürzt.
Oh, Mama! Du fehlst!
Nicht, um mir mein Studium zu finanzieren, sondern weil es Tage gibt, an denen ich einfach mal meinen Kopf auf deine Schultern legen will. Und heute ist so ein Tag.
Ich gehe in mein Mini-Bad und kämme mir die Haare vor dem Spiegel. Die dunkle, leicht wellige Mähne reicht mir mittlerweile bis zu drei Handbreit über meinen Knackpo, wie Maurice meinen Hintern immer nannte. Die Haare habe ich von Mama. Den Po vielleicht von Papa. Keine Ahnung! Ich kannte ihn ja nicht.
Mama, du fehlst mir echt!
Maurice fehlt mir nicht. Merkwürdig eigentlich, wie schnell ich ihn vergessen konnte.
Vielleicht sollte ich den Typen mal anschreiben, mit dem ich vor einem Monat auf Instagram gechattet habe.
Hey, Süße! Schreib mir, wenn du mal einen neuen Pool brauchst für deine coolen Fotos!
Ein Foto seines Indoor-Pools hat er gleich mitgeschickt. Ich mag Männer nicht, die mit ihren Häusern und Autos protzen. Auch nicht mit ihren Pools. Obwohl das Ding mindestens zwanzig Meter lang zu sein scheint. Männer, die solche Pools haben, müssen ordentlich Knete haben.
Ich schmeiß mich auf die Couch im Zimmer und checke meinen Instagram-Kanal. Ich habe immer noch mehr als zehntausend Follower. Dumm nur, dass ich den Kanal Lea_with_bags genannt habe. Ich könnte zwar immer noch Fotos von Lea ohne Bags posten, aber das Konzept des Kanals ist es nun mal, dass ich teure Handtaschen präsentiere, die mir von den Herstellern zur Verfügung gestellt werden, und ich dafür auch noch Geld bekomme. Beziehungsweise bekam.
Ich gehe auf das Profil des Typen mit dem Zwanzig-Meter-Pool. Vielleicht sollte ich über sein Angebot nachdenken.
Man erfährt nicht viel über ihn. Fünf Fotos hat er im letzten Jahr gepostet. Alle von sich. Alle ohne Face. Nur sein Body. Männer, die sich nicht trauen, ihre Gesichter zu posten, haben was zu verbergen. Von solchen Typen muss man die Finger lassen. Die zeigen ihre Gesichter vermutlich nur deshalb nicht, damit ihre Ehefrauen ihnen nicht auf die Schliche kommen, wie sie nebenher über Instagram Mädels anbaggern.
Auf einem Foto, auf dem man nur seinen Oberkörper und einen Teil des männlich kantigen Unterkiefers sieht, trägt er ein Poloshirt von Ralph Lauren. Hellblau. Es umspannt ihn. Seine gewölbte Brust und der geflexte Bizeps sind ziemlich hot. Das muss man ihm lassen. Auf einem anderen Post sieht man ihn von hinten. Sein dichtes, braunes Haar ist im Nacken scharf rasiert. Haare hat er also schon mal! Seine Jeans ist so eng, dass man glauben könnte, man hätte Farbe auf seine trainierten Beine gesprüht. Einen Knackpo hat er übrigens auch.
Ich öffne den Chat, den wir vor ein paar Wochen geführt haben. Ich muss schmunzeln, wie dreist ich war. Ganz schön kess, hätte Mama gesagt.
Ich: Danke. Brauche keinen neuen Pool. Meiner ist lang genug. Wie lang ist deiner?
Er: Du wirst beeindruckt sein, wenn du ihn siehst!
Ich: Pools von Männern ohne Gesicht beeindrucken mich nicht.
Zwei Tage Funkstille.
Er: Was kann dich beeindrucken?
Ich: Männer mit Hirn.
Er: Ist vorhanden. Habe es allerdings noch nie nachgemessen. Weiß nicht, wie viele Zentimeter ich im Schädel habe.
Ein Tag Funkstille.
Er: Was machst du eigentlich, wenn du nicht gerade mit Handtaschen am Pool liegst?
Ich: studiere Geschichte.
Eine Stunde Funkstille.
Er: Wow! Ich suche jemanden, der sich mit Geschichte auskennt. Im Ernst! Habe vielleicht einen interessanten Job für dich. Kannst gut dabei verdienen. Ruf mich an. Hier die Nummer …
Ich: Ich suche niemanden, der mir Geld für Jobs gibt!
Er: Hey, meine es ernst! Ruf einfach an.
Das war vor einem Monat.
Damals war ich noch bei Gucci unter Vertrag und wohnte mit Maurice in einem Einfamilienhaus. Nun ist alles anders. Vielleicht sollte ich mir wenigstens mal anhören, welchen Job er mir zu bieten hat. Er wird ja nicht von einem Blowjob gesprochen haben. Und wenn doch, kann ich immer noch auflegen.
Ich nehme mein Handy, hole tief Luft und setze mich mit kerzengeradem Rücken auf die Couch.
Halt dich immer aufrecht, Kind!
Dann tippe ich seine Nummer ein und drücke auf die grüne Taste mit dem Hörer.
»Äh … es gibt da … also … ein kleines Problem, Jannik«, meint Dennis. Er druckst herum. Ich mag keine Probleme, und Herumdrucksen mag ich auch nicht. Probleme müssen gelöst werden. Herumdruckser sind dazu meist nicht in der Lage. Ich druckse nie herum. Wenn ich von einem Problem höre, rattert mein Gehirn und sucht nach Lösungen. Meistens habe ich die perfekte Lösung gefunden. Allerdings nicht mit Herumdrucksen.
Ich schaue Dennis direkt ins Gesicht. Marcel und Niklas gehen in Habachtstellung. Was wird Jannik Gebert antworten?, denken sie bestimmt gerade. Ich spüre es, obwohl ich sie nicht anschaue, denn ich fokussiere Dennis.
Der große Jannik Gebert, den ich in nur zweiunddreißig Jahren aus dem kleinen, schwächlichen Jan Henske erschaffen habe. Jannik Gebert, der erfolgreichste Immobilienmogul Berlins, den alle respektieren. Vor dem alle zittern. Dem alle Honig um den Mund schmieren. Vor dem die Männer einen Buckel machen und die Frauen sich in verführerische Position bringen.
Die Luft ist dünn hier oben in meinem Penthouse-Büro in Friedrichshain. Ein Mann in meiner Position hat keine Freunde, obwohl ich Marcel, Niklas und Dennis Freunde nenne. Aber auch sie kuschen vor mir. Das merke ich. Sie fühlen sich großartig, weil ich sie meine Freunde nenne. Und genau deshalb können sie nie wirklich meine Freunde sein.
Ganz zu schweigen von den Frauen.
Sie lieben den CEO von Gebert Immobilien. Nicht Jannik Gebert. Und den kleinen Jan Henske, der ich einmal war, lieben sie erst recht nicht. Sie kennen ihn nicht einmal. Auch Marie nicht, die sich nun schon seit zwei Jahren in meiner Villa am Kleinen Wannsee breit macht und die mich genauso wenig liebt, wie ich sie. Ob mich jemals wieder eine Frau lieben wird für das, was ich bin, und nicht für das, was ich habe? So wie Elsa das tat. Sie liebte Jan Henske und Jan Henske liebte sie, wie er nie wieder danach eine Frau geliebt hat. Verdammt, Elsa, wie konntest du mir nur antun, so früh zu sterben?
Hin und wieder chatte ich mit Frauen auf meinem geheimen Instagram-Profil. Sie haben keine Ahnung, dass sie mit Jannik Gebert chatten. Sie sehen nur meinen trainierten Oberkörper, meinen Hintern in engen Jeans, meinen Bizeps und das kantige Kinn mit dem Dreitagebart. Mit einigen habe ich mich schon getroffen. Aber sobald sie erfahren, wer ich bin, verändern sie sich. Entweder rennen sie mir noch mehr hinterher, als sie das wegen meines Aussehens ohnehin schon taten, oder sie ziehen sich zurück, weil sie fürchten, dass sie mit mir nicht glücklich werden könnten. Die letztere Sorte Frau interessiert mich. Sie reizt mich. Die erstere langweilt mich.
»Welches kleine Problem, Dennis?«, frage ich.
Er räuspert sich. »Nun, äh … der Verkäufer meinte, dass es nun doch einen weiteren Interessenten für die Villa Anastasia in Heiligendamm gibt … außer Gebert Immobilien.«
Ich schaue aus dem Fenster und überlege. Mein Blick streift über die Silhouette Berlins. Zwischen den Kuppeln des Doms und des Stadtschlosses ragt der Fernsehturm mit seiner glitzernden Kugel in den stahlblauen Himmel.
»Und das soll ein Problem sein?«, frage ich. »Für einen Immobilienhändler ist es eine Standardsituation, wenn ein anderer Bieter im Spiel ist. So was kommt ständig vor. Genauso oft wie eine Fußballmannschaft, die in der ersten Halbzeit 0:1 zurückliegt, dann in der zweiten mit 3:1 den Sieg holt.«
»Er … äh … bietet zehn Millionen für die Villa«, stottert Dennis.
Zehn Millionen? Das ist das Doppelte des ursprünglichen Preises. Der Käufer muss lässig noch einmal zwei Millionen in die Renovierung reinstecken. Ich spüre sofort, dass hier jemand etwas Großartiges mit dieser Immobilie vorhat. Irgendetwas muss es mit dieser Villa auf sich haben. Ich werde es ihm vermiesen. Einen Jannik Gebert sticht man nicht aus. Auch nicht mit zehn Millionen.
Ich habe mich sofort in das Objekt verliebt, als ich die Fotos des Verkäufers gesehen habe. Ich sah die ehemalige Schönheit des heruntergekommenen Hauses, nicht nur die Lage an der Strandpromenade des edelsten Ostseebades der Republik. Ich sah die große Eingangshalle in neuem Glanz. Sah den Salon mit neuem rotem Taft tapeziert. Sah goldene, antike Pendulen auf dem Kaminsims aus Carrara-Marmor und Designermöbel auf Teppichen mit Motiven von Andy Warhol oder Rauschenberg. Die perfekte Mischung aus antik und modern. Ich sah die Holzsäulen auf der Veranda mit ihren verspielten Details. Ich sah nicht die abgeblätterte Farbe, sondern sah sie frisch weiß lackiert mit roten Blumen, die an ihnen rankten und durch deren Blüten man einen Blick auf die blaue See hat. Ich sah das Potenzial dieses Objekts, das in einen Dornröschenschlaf gefallen war und das wie eine schöne Frau nur darauf wartet, wachgeküsst zu werden.
Ich wusste sofort, dass ich aus dieser Villa das Edelste machen könnte, das jemals an der deutschen Ostseeküste stand. Ich wusste, dass fünf Millionen Gewinn lässig drin waren, wenn ich das frisch renovierte Haus verkaufen würde.
Und fünf Millionen lässt sich ein Jannik Gebert nicht einfach so wegschnappen.
Ich blicke in die Runde. Marcel, Dennis und Niklas schauen mich erwartungsvoll an. Trotz ihrer teuren Anzüge und Maßhemden, die sie ohne Krawatte tragen, um cooler zu wirken, sehen sie aus wie Schuljungen. Es ist wohl das Schicksal erfolgreicher Männer, von Schuljungen umgeben zu sein. Und von Frauen, die es auf dein Geld abgesehen haben.
»Findet heraus, wer der Bieter ist«, sage ich.
Sie erröten alle drei gleichzeitig.
Dennis räuspert sich erneut.
»Ich … äh … weiß, wer es ist.«
»Spuck es aus, Dennis!«
Er schaut zu Marcel und Niklas, so als würde er sie mit seinem Blick fragen wollen, ob er es tatsächlich ausspucken soll. Sie verziehen keine Miene. Respekt, Jungs! Keine Miene zu verziehen, ist eine coole Technik, die mir gefällt und die ich meisterlich beherrsche.
Dennis macht seinen Rücken gerade.
»Boris Seganow!«
Fuck!
Nun wäre mir tatsächlich fast eine verräterische Mimik übers Gesicht gehuscht. Eine Mimik des Entsetzens. Der Schwäche.
Ausgerechnet Boris Seganow!
Mein Gehirn rattert. Was hat das zu bedeuten?
Ist er mir etwa auf die Schliche gekommen? Hat er mittlerweile herausgefunden, dass sich hinter Jannik Gebert der kleine, schwächliche Jan Henske verbirgt, mit dem er alles machen konnte, was er wollte. Der kleine Jan, der sich nur deshalb aus seinen Fängen befreien konnte, weil er mit seiner Mutter aus Berlin nach Köln zog, weil sie den Investmentbanker Gebert heiratete. Jan Henske, der erst wieder Luft zum Atmen bekam, als er den Namen seines Stiefvaters annahm und sich fortan Jannik nannte. Ich hatte gedacht, dass Jan Henske nicht mehr existierte, als ich mit zwanzig zurück nach Berlin zog und mit dem Kauf und Verkauf einer kleinen Eigentumswohnung den Grundstein für mein Imperium legte. Vielleicht hatte ich mich geirrt!
Vielleicht weiß Seganow, wer ich einmal war. Vielleicht will er Rache, dass ich damals einfach so aus Berlin und aus seinem Leben verschwunden bin.
»Was will Seganow mit einer Villa an der Ostsee?«, frage ich in die Runde.
Marcel und Dennis zucken mit den Schultern.
»Sein Schwarzgeld aus dem Kokainhandel loswerden«, meint Niklas und glaubt dabei vermutlich, etwas Intelligentes verkündet zu haben.
Ganz Berlin weiß, dass jeder Cent, den Seganow besitzt, aus Drogen stammt. Aber warum ausgerechnet die Villa Anastasia?
»Gut, Jungs«, sage ich. »Macht einen Termin mit dem Verkäufer. Ich fliege so schnell wie möglich nach Heiligendamm. Wir sehen uns morgen Abend am Kleinen Wannsee.«
Die Jungs nicken.
Niklas imitiert einen militärischen Gruß.
»Jawohl, Chef!«
»Macht euch an die Arbeit«, sage ich. »Ich will die Villa Anastasia. Habt ihr verstanden? Ach … und lasst Seganow observieren. Ich will wissen, mit wem er sich rumtreibt!«
Während sie aus meinem Büro verschwinden, höre ich mein geheimes Handy in der Schreibtischschublade vibrieren. Ich benutze es nur für Dates. Ich warte, bis die Bürotür ins Schloss gefallen ist, und dann öffne ich die Schublade.
Es klingelt. Fünfmal. Sechsmal. Siebenmal.
Niemand geht ran. Vielleicht hat der Typ mit dem Knackpo mich ja verarscht und mir eine falsche Nummer gegeben. Oder sitzt er gerade mit seiner Gattin bei Kaffee und Kuchen und kann nicht gestört werden? Es wird schon seinen Grund haben, warum er sich nicht traut, sein Gesicht auf seinem Instagram-Profil zu zeigen.
Beim achten Mal geht er ran.
»Hallo?«
Er zieht das Wort. Hängt mindestens fünf Os ans Ende. Seine Stimme ist männlich, tief und selbstbewusst, fast schon vertrauenserweckend. Sie entspannt mich.
»Ja, hallo! Hier ist Lea. Du hast mir deine Nummer auf Insta gegeben und meintest, du hättest einen Job für mich!«
Ich versuche, dabei nicht allzu mädchenhaft zu klingen.
»Lea with bags?«, fragt er. Seine Stimme wird plötzlich heller, aufgeregter, freudiger.
Cool bleiben, Lea! Lass ihn nicht merken, dass du den Job brauchst.
»Ja, genau!«
»Sehr schön, Lea«, säuselt er. »Ich freu mich. Wirklich, ich freu mich, dass du anrufst. Wirklich!«
»Was ist das für ein Job?«, frage ich in einem kühlen Tonfall. Ich will hier nicht flirten. Ich will wissen, was er mir zu bieten hat.
Er räuspert sich. Vermutlich hat er bemerkt, dass mir nicht nach Säuseln ist, denn sein Ton wird professionell.
»Du sagst, dass du Geschichte studierst? Mein Unternehmen handelt unter anderem mit historischen Gebäuden. Ich suche jemanden, der über die Häuser, mit denen ich handle, in Archiven recherchiert. Sie lassen sich besser verkaufen, wenn sie eine interessante Geschichte haben. Wenn irgendein Industrieller oder vielleicht sogar eine Gräfin einmal in ihnen gewohnt haben. Im Moment habe ich eine Villa in Heiligendamm im Auge, über deren Vorgeschichte ich gerne etwas in Erfahrung bringen würde. Wer alles darin lebte. Welche Anekdoten und Schicksale sich in dem Haus abgespielt haben. Ich will Dinge wissen, die über das Baujahr und den Architekten hinausgehen. Kein Blabla, das man auf Wikipedia nachlesen kann. Ich will neue Geschichten über diese Häuser. Geschichten, die Menschen bewegen.«
Ich versuche, die Information in meinem Kopf zu sortieren.
Mit Immobilien handelt er also. Vermutlich ist er einer dieser widerlichen Haie, die alte Witwen aus ihren Häusern vergraulen, um sie mit einem satten Gewinn zu verkaufen, nachdem sie sie luxussaniert haben.
Ich mag solche Typen nicht. Auch die Luxussanierungen gehen meistens in die Hose, weil die alte Bausubstanz dabei zerstört wird und die Häuser ihren Charme verlieren.
Hört sich nach einem ziemlich bescheuerten Job und nach einem anstrengenden Typen an, denke ich.
»Hört sich interessant an«, sage ich.
»Freut mich, Lea! Freut mich. Wirklich!«
Da ist er wieder, dieser säuselnde Ton.
Wieso wiederholt er ständig seine Sätze und fügt dann noch ein wirklich hinzu? Leute, die immer wirklich sagen, sind mir suspekt.
»Ich würde dich jeweils für ein Projekt engagieren und dich auf freiberuflicher Basis bezahlen. Sagen wir …« Er überlegt. »… zehntausend Euro für das erste Dossier über die Villa Anastasia
