Lovely Hunter - Jessica Fuchs - E-Book

Lovely Hunter E-Book

Jessica Fuchs

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Beschreibung

Das Schicksal hat für sie anders entschieden... Als sich Kayla und Ray nach drei Jahren zufällig wiedersehen, ist es um die junge Frau geschehen. Sie würde ihren Gefühlen nachgeben, währen da nicht der gravierende Altersunterschied, viele attraktive Männer, ein geheimes Projekt und eine mysteriöse, unbekannte Frau.

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Seitenzahl: 735

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Jessica Fuchs

Lovely Hunter

ein steiniger Weg

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Sie hat ihn nicht wiedersehen wollen …

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 11

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Epilog

Impressum neobooks

Sie hat ihn nicht wiedersehen wollen …

aber das Schicksal hat für sie anders entschieden. Als sich Kayla Parker und Raymond Heragi nach drei Jahren durch einen Zufall wiedersehen, ist es um die junge Frau geschehen. Sie ist endlich bereit, ihre Gefühle für Ray zuzulassen.

Soweit kein Problem, wären da nicht der gravierende Altersunterschied, viele andere attraktive Männer, ein geheimes Projekt und eine mysteriöse, unbekannte Frau, die Kayla das Leben schwer machen.

Als Ray nach zwei Jahren auch noch als Polizist nach Kalifornien zurückkehrt, bricht für Kayla eine Welt zusammen. Wird er sich gegen die männliche Konkurrenz durchsetzen und ihr Herz erobern können?

Prolog

Als Kayla endlich Feierabend hat und die Tür des Personaleinganges hinter sich ins Schloss zieht, ist es draußen schon fast dunkel.

Es dauert eine Weile, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Der Wind, der in sanften Brisen um die Ecken weht, ist kühler geworden. Bevor sie zu ihrem Wagen geht, stellt sie den kümmerlichen Kragen ihrer Sommerjacke auf, um ihr blankes Genick vor dem unangenehmen Wind zu schützen. Kayla fröstelt ein wenig, atmet einmal tief durch und geht starken Schrittes zum Parkplatz hinter dem Bankgebäude, auf dem sie am Morgen ihren Wagen geparkt hat. Dabei sträuben sich ihr die Nackenhaare bei jedem Schritt. Da sie an diesem Abend so ziemlich die Letzte ist, die das Gebäude verlässt, ist der Parkplatz fast leer. Nur noch ein paar Meter trennen sie von ihrem Geländewagen, als sie ihr Schlüsselbund aus der Jackentasche zieht und stehen bleibt. Ein eiskalter Schauer nach dem anderen jagt ihr den Rücken hinunter. War da etwas? Ein Schatten? Kayla spürt, dass etwas passieren, dass sie beobachtet wird. Jede Faser ihres Körpers ist zum Zerreißen angespannt, das Adrenalin schießt durch ihren Körper. Ihre Finger schließen sich wie von selbst fester um ihren Wagenschlüssel, der handlich in ihrer Faust verborgen liegt.

Auf einmal springt ein maskierter Mann hinter einer Limousine hervor, die direkt vor ihr parkt. In seiner Rechten blitzt im fahlen Mondlicht eine scharfe Klinge auf. Kayla reagiert reflexartig. Mit einem gezielten „Tornado-Kick“ befördert sie die Waffe auf die andere Seite des Parkplatzes. Für einen kurzen Moment blickt der Fremde sie irritiert an, während Kayla nicht mehr darüber nachdenkt, was sie da gerade tut. Wie in Trance bricht sie ihm schließlich mit einer einzigen, ruckartigen Bewegung das Genick bricht. Leblos sackt die unbekannte Person zusammen. So schnell wie der Angriff begonnen hat ist er auch schon vorbei und Kayla weicht atemlos, schockiert über ihre Tat, zurück. Sie kann noch nicht richtig realisieren, was sie soeben getan hat.

„Kayla, Kayla, Kayla. Wie ich sehe, haben Sie Ihre Lektionen noch nicht verlernt. Das freut mich“, sagt plötzlich hinter ihr eine männliche Stimme. Erschrocken wirbelt sie herum, bereit ihr Leben auf ein Neues zu verteidigen und erblickt, etwa zehn Meter von ihr entfernt, einen Mann, dem sie vor sehr langer Zeit schon einmal gegenübergestanden hat. Er ist groß, etwa einen Meter achtzig und besitzt breite Schultern. Mehr Details bleiben ihr verborgen, aber sie erkennt ihn trotzdem. Kayla steht da wie angewurzelt. Sie fühlt deutlich ihr Blut durch die Pulsadern rauschen und ihr Herz hämmert wie wild in ihrer Brust.

„Sam“, haucht sie ungläubig.

Es freut mich, dass Sie sich an mich erinnern“, entgegnet Sam. Ob er lächelt

oder sie todernst ansieht, vermag sie in der Dunkelheit nicht auszumachen. Er kommt mit ausgreifenden Schritten zu ihr herüber und sagt langsam: „Ich hoffe, Sie wissen, dass dieser Kerl hier Sie ernsthaft hätte verletzen können, wenn er nicht so unglaublich dämlich gewesen wäre. Aber deswegen bin ich nicht hier. Der Sir schickt mich. Ich soll mit Ihnen etwas Wichtiges besprechen.“ Mit diesen Worten deutet er auf ihren Wagen. Wiederwillig geht sie zu ihrem Wagen und schließt die Türen auf. Dabei zittern ihre Finger ein wenig.

Sam nimmt ohne Aufforderung auf dem Beifahrersitz Platz. Sie fühlt sich furchtbar, als sie den Zündschlüssel ins Schloss steckt und den Wagen an lässt, um diesen grausamen Ort endlich zu verlassen. Dabei wirft sie einen nervösen Blick in den Rückspiegel. Kalte Schweißperlen stehen auf ihrer Stirn.

„Machen Sie sich um den keine Gedanken. Fahren Sie stadtauswärts, Richtung Ventura“, sagt Sam nur, als er ihren Blick bemerkt.

„Okay“, antwortet Kayla nur, wirklich darum bemüht, gelassen zu klingen, und blickt konzentriert auf die Straße. Ihr Körper ist noch immer angespannt wie eine Bogensehne.

„Wir haben lange nichts von Ihnen gehört. Was haben Sie gemacht?“, fragt Sam mäßig interessiert.

„Gearbeitet. In der Bank“, antwortet Kayla rasch, den Blick stur auf die Straße gerichtet.

„So so, gearbeitet. Und, wie geht es Ihnen?“, fragt Sam weiter.

„Gut“, lügt Kayla. Ihr ist schlecht, sie möchte sich am liebsten sofort übergeben.

Viele Minuten des Schweigens vergehen. Nur ab und zu brummt Sam eine neue Anweisung, die den Wagen immer weiter ins nirgendwo bringen. Bis sie schließlich nach scheinbar endloser Fahrt an einem Punkt irgendwo zwischen den Orten Ojai und Lake Hughes erreichen.

„Was mache ich hier eigentlich?“, fragt sie sich, doch folgt brav Sams Anweisungen. Plötzlich zeichnet sich schemenhaft etwas in der Ferne, am Horizont ab. Kayla wirft Sam unsicher einen fragenden Blick zu. Er nickt bestätigend. Ein dicker Kloß schnürt ihr die Kehle zu, aber sie hält tapfer darauf zu. Dann tauchen in der Dunkelheit bewaffnete Männer auf, die wie Soldaten postiert stehen. Das Scheinwerferlicht gleitet nur kurz gespenstisch über ihre Körper. Kayla zuckt beim Anblick des ersten Wachpostens, dem mit seinem Nachtsichtgerät auch bei Dunkelheit nichts entgeht, ein wenig zusammen, hält den Wagen aber gerade.

„Nervös?“, fragt Sam. Daraufhin geht Kayla voll in die Eisen, da vor ihr auf einmal ein Mann im Scheinwerferlicht steht und ihr ein klares Handzeichen zum Anhalten gibt. Neben ihm stehen zwei weitere Männer mit Maschinengewehren im Anschlag, das Fahrzeug genau im Visier. Einen Moment starrt sie den Unbewaffneten völlig schockiert an, dann löst sievorsichtig ihre verkrampften Finger vom Lenkrad, lässt sich auf ihrem Sitz zurück in die Lehne fallen und schließt für einen Moment ihre Augen, um ihr rasendes  Herz zu beruhigen. Ihre Nerven werden heute wohl auf eine harte Zerreißprobe gestellt. Doch als es plötzlich an ihrer Seitenscheibe klopft, fährt sie vor Schreck zusammen und murmelt kaum hörbar irgendwelche Verwünschungen vor sich hin. Sam, der sich das ganze Schauspiel gelassen mit angesehen hat, murmelt nur: „Lassen Sie jetzt bitte die Scheibe herunter.“

„Was? Die Scheibe?“, entgegnet Kayla, die etwas blass im Gesicht aussieht. Sam nickt und Kayla gehorcht. Mit zitternden Fingern drückt sie auf den Knopf, der die Scheiben mit einem unheimlichen Surren herabsenkt. Kaum ist das verdammte Glas verschwunden, leuchtet einer der Bewaffneten mit einer Taschenlampe erst in die Gesichter der Insassen, dann ins Wageninnere. Kayla kneift instinktiv die Augen zu.

„In Ordnung, weiterfahren“, schnauzt der Unbewaffnete schließlich. Das grelle Licht erlischt augenblicklich. Dankbar blinzelt Kayla in die Dunkelheit und lässt die Scheibe wieder herauffahren, bevor sie den Wagen, den sie vor Schreck abgewürgt hat, wieder anlässt und im Schneckentempo weiterfährt. Wer weiß, ob nicht noch jemand vorhat, aus heiterem Himmel vors Auto zu springen.

„Was mache ich hier eigentlich?“, fragt sie sich erneut und kann sich einfach nicht zum Widersprechen durchringen. Sam lotst sie zu einer Ansammlung von großen und kleineren Zelten, die den Eindruck einer notdürftig errichteten Militärbasis erwecken. Aber was soll das? Aus der Dunkelheit löst sich die Silhouette eines Mannes, der offensichtlich auf sie gewartet hat. Kayla bremst sanft und wartet angespannt ab. Sam steigt ohne ein Wort aus und marschiert energischen Schrittes auf den Mann zu. Der Lichtkegel einer Taschenlampe wird kurz auf ihn gerichtet und erlischt wieder. Die beiden Personen unterhalten sich kurz. Kayla beobachtet die beiden und wagt es kaum zu atmen.

Da sie nicht folgt, kommt Sam zu ihrem Wagen zurück, öffnet die Tür der Fahrerseite und sagt: „Kommen Sie bitte. Ich habe nicht ewig Zeit.“

Kayla schluckt schwer, als sie den Wagen an die Seite fährt, den Motor abstellt und wie in Zeitlupe fröstelnd aussteigt. Lauter Fragen sind bei ihr während der Fahrt entstanden. Nun hofft sie auf Antworten. Ihre Glieder sind schwer wie Blei und doch zwingt sie sie dazu, ihr zu gehorchen. Widerwillig schnaubend folgt sie Sam, der vorausgeht. Kayla spricht kein Wort, aus Angst etwas Falsches zu sagen. Gespenstisch fremd leuchten alle vier Lichter der Warnblinkanlage auf als, die Zentralverriegelung die Türen des Geländewagens über die Schulter hinweg, mit der Fernbedienung am Schlüsselbund, verschließt. Es ist furchtbar still um sie herum, still und einsam. Nur Fackeln, die in den staubigen Boden getrieben wurden, erhellen das Gelände ein wenig. Wären die Umstände ihres Aufenthaltes andere, so könnte durchaus Zeltlagerstimmung aufkommen. Darum gelingt es Kayla, etwas von ihrer Unsicherheit abzuschütteln und Sam bis zu einem der kleineren Zelte zu folgen. Nur diese Ungewissheit, was als Nächstes passieren wird, macht sie etwas nervös. Sie hasst diese Gefühle. Sie kommt sich so machtlos vor, so verletzlich.

Der Zelteingang wird von zwei bewaffneten Unbekannten flankiert. Sie nicken Sam kurz zu und lassen sie eintreten. Noch immer herrscht eisiges Schweigen, aber hier im Zelt ist es angenehmer als draußen. Auf einem großen Klapptisch steht ein aufgeklapptes Notebook, daneben dampft eine Tasse Kaffee aus einer Isolierkanne. Irgendwelche Papiere liegen scheinbar wahllos daneben sowie eine Landkarte. Vielleicht von diesem Gebiet, mutmaßt Kayla. Schwache Lampen sind ins Gerüst des Zeltes eingehängt und geben ein wohltuendes, irgendwie beruhigendes Licht ab. Sam lässt sich auf dem Klappstuhl hinter dem Notebook nieder und bittet Kayla mit einer bloßen Geste, auf einem der freien Plätze Platz zu nehmen. Sie zögert einen Augenblick, bevor sie sich langsam auf einen Stuhl ihm gegenübersetzt. Sam beachtet sie nicht weiter und scheint etwas am Notebook zu bearbeiten. Kayla wird langsam immer nervöser. Sein Gesicht ist völlig ausdruckslos, sodass sie keine Ahnung hat, was er von ihr will. Sie weiß bisher nur, dass er vom Sir geschickt wurde, wie damals, als sie sich das erste Mal begegnet sind und das ist schon sieben Jahre her, aber Kayla hat sich damals genauso schlecht gefühlt wie heute.

Leise gleitet das Zelt auf, eine Frau mittleren Alters betritt den Raum. Sie bringt wortlos frischen Kaffee und verschwindet wieder. Als sie weg ist, schaut Sam auf, schenkt Sam wortlos in eine Tasse ein, die er zu Kayla schiebt, ehe er zu sprechen beginnt: „Sie sehen verunsichert aus. Sie fragen sich bestimmt, wo Sie sind, was Sie hier sollen und was der Sir von Ihnen will. Zucker und Milch?“ Kayla nickt zögerlich.

„Nun ich sagte bereits, dass ich nur mit Ihnen reden soll. Sie erinnern sich sicher an unsere erste Begegnung in Deutschland? Sie sind da in eine ziemlich dumme Sache hineingeraten. Sie haben Menschen getötet und uns einige Unannehmlichkeiten bereitet. Ich hoffe, Sie wissen noch, was ich Ihnen dazu gesagt habe“, sagt Sam. Kayla nickt betreten, aber schweigt. Sie muss unweigerlich an den Toten auf dem Parkplatz der Bank zurückdenken und knetet nervös ihre Finger.

„Dieser Mann, der heute Abend auf dem Parkplatz gestorben ist, ist ein weiterer Mord, der nicht ungesühnt bleiben wird. Sie wissen, was ich sagen will“, fährt Sam fragend fort.

„Ja“, entgegnet sie nur, dabei bemüht sie sich, nicht auf ihre unruhigen Hände zu starren, auch wenn es ihr unendlich schwerfällt. Um davon abzulenken, nippt sie lieber an ihrem heißen Kaffee.

„Gut. Ich nehme an, Sie wissen auch, worauf ich hinaus will?“, fragt Sam weiter.

„Ich denke schon, aber ich habe mich damals doch nur darauf eingelassen, um mich verteidigen zu können, nicht um … um nicht selber getötet zu werden“, entgegnet Kayla sorgenvoll.

„Können Sie sich vorstellen, dass es ein Fehler gewesen sein könnte, bei uns mit einer Ausbildung überhaupt zu beginnen?“, wirft Sam ein.

„Ja, das ist es gewesen“, antwortet Kayla fast ein wenig trotzig. Ihr kommt das alles gerade sehr irreal vor.

„Wie können Sie sich da so sicher sein? Hätten Sie sich damals nicht so entschieden, dann würden Sie jetzt nicht mehr leben. Denken sie besser noch einmal darüber nach, dann wird Ihnen die Entscheidung auch diesmal leicht fallen. Wir können Ihnen helfen. Wir wollen doch nicht Ihr hübsches Köpfchen riskieren, oder?“, fragt Sam. Kayla schluckt wieder schwer und der Kloß in ihrem Hals schnürt ihr die Kehle noch etwas fester zu. Schweigen tritt ein. Sam greift zu seiner Tasse und nimmt einen Schluck, bevor er sie behutsam wieder absetzt.

„Also gut. Ich nehme Ihr Angebot an“, entgegnet Kayla dünn nach ein paar Minuten Bedenkzeit, aus Angst, dass sich die Hetzjagd von damals wiederholt.

Sam meint zufrieden: „Gut. Ich habe nicht daran gezweifelt, dass Sie sich richtig entscheiden. Damit gehören Sie nun offiziell als Anwärterin zur professionellen Auftragskillerin zu den „Canadian Hunter“. Der Sir wird sich über Ihre Entscheidung freuen.“

Kapitel 1

Der Vollmond steht groß und rund am schwarzen Nachthimmel. Als Kayla endlich nach Hause gefunden hat, ist es bereits nach Mitternacht, aber sie ist hellwach. Das Adrenalin in ihrem Blut wirkt immer noch. Trotzdem versucht sie wenigstens ein paar Stunden zu schlafen, aber es will ihr einfach nicht gelingen. Im Bett wälzt sie sich unruhig von Seite zu Seite. Kayla fühlt sich hundeelend. Ständig denkt sie über das Gespräch mit Sam und den Toten auf dem Parkplatz der Bank nach.

Da sie nun offiziell eine Killerin ist und ihre Vergangenheit sie damit eingeholt hat, wird sich ihr ganzes Leben grundlegend verändern müssen. Aussteigen geht nicht mehr und das ist erst der Anfang einer grausamen Karriereleiter. Viel schlimmer aber ist, dass niemand davon erfahren darf. Kayla hat ein wenig Angst, Angst vor den Dingen, die kommen, aber unvermeidbar sind. Egal was passiert, sie darf sich nichts anmerken lassen, besonders ihrem Bruder und ihren Freunden gegenüber nicht. Aber wie soll man einen derartigen Job verbergen? Und da ist noch etwas: Morgen ist Freitag und dann wird nicht nur ihr kleiner Bruder Kai Parker, sondern auch er wieder nach Santa Barbara kommen: Raymond Heragi, kurz Ray. Sie haben sich vor drei Jahren kennengelernt. Er ist gerade mal fünfzehn gewesen und sie selbst 21. Ray hat von Anfang an eine Schwäche für Kayla gehabt. Er hat alles getan, um in ihrer Nähe zu sein, bis sie den Kontakt plötzlich abgebrochen hat. Jetzt, da sie an Ray, ihren Bruder und ihren neuen Job denkt, krampft sich ihr Magen schlagartig zusammen. Als sie auf ihren Wecker schaut, ist es bereits 4:30 Uhr, aber sie ist immer noch hellwach.

Am nächsten Morgen fährt Kayla unausgeschlafen zur Arbeit, auch wenn sie heute am liebsten blaumachen würde. Sie rechnet fest damit, bei ihrer Ankunft auf dem Parkplatz, von einem riesen Polizeiaufgebot empfangen zu werden, mit einer stundenlangen Vernehmung, einem Kreuzverhör und allem was dazugehört. In ihrem Magen fährt ihr spärliches Frühstück Achterbahn. Doch als sie auf den Parkplatz zusteuert, ist alles still. Keine Absperrung, kein einziges Blaulicht und vor allem keine Leiche. Kayla ist verwirrt. Sie ist viel zu früh dran und fast alleine hier. Wie im Zeitlupentempo parkt sie, steigt aus und sieht sich angespannt noch einmal genau um. Hier irgendwo muss doch noch zumindest das Messer von diesem Kerl liegen.

„Guten Morgen Kayla! Wie siehst du denn aus?“, fragt ihre Kollegin hinter ihr. Kayla schreckt zusammen, dreht sich rasch um und atmet auf. Der Schock von letzter Nacht steckt ihr noch in den Knochen.

„Oh, du bist das Nikki. Ich habe letzte Nacht nicht geschlafen. Vollmond“, entgegnet sie seufzend.

„Ah ja, mein Freund hat auch Probleme mit dem Vollmond. Komm, ich mache uns gleich einen vernünftigen Kaffee, damit du über den Tag kommst“, meint Nikki, legt ihren Arm um Kaylas Schultern und begleitet sie zum Personaleingang. Sie atmet tief durch und blickt noch einmal auf den friedlichen Parkplatz zurück, bevor sie das Gebäude betritt.

Während Kayla versucht sich von den Ereignissen der vergangenen Nacht mit Arbeit abzulenken, fährt am späten Nachmittag ein Taxi vor ihrem Haus vor. Ein Junge steigt aus und schaut sich prüfend um. Es ist Kai. Auch ein kleiner rundlicher Taxifahrer krabbelt aus dem Taxi, stiefelt um den Wagen herum und hievt Kais spärliches Gepäck schnaufend aus dem Kofferraum auf die Straße.

„Das macht 80 Dollar“, prustet er, die Hand aufhaltend. Kai zieht etwas mühsam sein Portmonee aus der rechten Gesäßtasche, holt ein paar Scheine heraus und sagt: „Stimmt so.“

„Danke“, entgegnet der Taxifahrer, tupft sich mit einem Stofftaschentuch den Schweiß von der Stirn, steckt seine Einnahmen weg und lässt sich auf den Fahrersitz plumpsen, um schnell weiterzufahren. Kai bleibt alleine zurück. Er ist sehr froh wieder hier sein zu können, blinzelt in den blauen Sommerhimmel und seufzt erleichtert, bevor er sein dünnes Schlüsselbund aus der Hosentasche zieht und mit zufriedenem Lächeln seine Reisetasche schultert. Im oberen Stockwerk hat er schließlich seine eigenen vier Wände erreicht. Die Tasche bleibt im Flur liegen, als Kai sich in seinem Schlafzimmer auf das gemütliche Bett fallen lässt.

„Endlich ein vernünftiges Bett“, murmelt er leise und schließt dankbar die Augen. Die Sonne scheint noch wohlig warm, durch das große Dachfenster und lässt seine Gedanken in die Ferne schweifen. Eigentlich hätte er nach Washington D. C., zu Großvater, fliegen müssen, aber wenn man die Wahl hat? Warum sollte er in eine stinkende, laute Großstadt fliegen, wenn er doch Sommer, Sonne, Strand und viel Ruhe haben kann? Außerdem ist Großvater äußerst autoritär und einfach ätzend. Kayla hingegen ist zwar auch in mancher Hinsicht streng, aber noch lange nicht so wie Großvater. Hier kann er sein Wochenende wirklich in vollen Zügen genießen und darauf zählen, dass Kayla in jeder Situation für ihn da ist.

Wenig später schwingt Kai sich frisch geduscht und umgezogen auf sein brandneues Mountainbike, welches Kayla ihm letzten Sommer gekauft hat, um runter, an den Strand zu fahren, auch wenn es nicht gleich um die Ecke ist. Dabei streift ihn der Wind erfrischend über seine braungebrannten Arme sowie das Gesicht und zerzaust das dunkelblonde Haar. Die Sonne Arizonas sorgt dafür, dass er zu jeder Jahreszeit wie ein Sunnyboy aussieht, was ihn besonders für die Mädchen äußerst attraktiv macht. Allerdings ist bisher nicht die Richtige dabei gewesen.

Kurze Zeit später hält Kai bei einer kleinen Tauchschule, schließt sein Fahrrad an einer Straßenlaterne an und betritt einen kleinen, aber hellen Vorraum.

„Ah Kai. Schön dich wiederzusehen. Wie geht es dir?“, fragt der Tauchlehrer, ein schlanker Kerl mit freundlichem Lächeln.

„Ganz gut. Bin gerade erst angekommen“, entgegnet er und begrüßt den Mann per Handschlag. Sein Name ist Tom, weiter weiß Kai auch nicht. Er hat ihn damals, als er zum ersten Mal ganz allein nach Santa Barbara gekommen ist, in seine Obhut genommen. Seitdem sind sie irgendwie Freunde. Kai kommt oft her, um zu helfen oder um einfach etwas in Gesellschaft zu sein, wenn er nicht gerade mit seinen Freunden zusammen ist.

„Gut, sehr gut. Hast du Lust, gleich mit Shelly und mir rauszufahren? Wir wollen uns die Seelöwen ansehen“, fragt Tom.

„Ich weiß nicht. Ich würde gerne erst am Strand nach ein paar Freunden suchen und ein bisschen Volleyball spielen, solange es noch hell ist“, entgegnet Kai etwas verlegen. Bei dem Gedanken, dass Toms hübsche Tochter Shelly dabei sein würde, geraten seine Gedanken etwas aus dem Konzept. Schließlich ist sie bildschön und beginnt im nächsten Jahr in Los Angeles irgendein Studium.

„Schon gut, geh nur. Falls du es dir anders überlegen solltest, weißt du ja, wo du mich findest. Ach, bevor du gehst, kannst du dein Fahrrad hinters Haus stellen und deiner Schwester später schöne Grüße von uns ausrichten, ja?“, entgegnet Tom lächelnd.

„Mach ich. Ciao“, murmelt Kai und wendet sich zum Gehen, als plötzlich die Tür aufgeht und Shelly hereinkommt.

„Hallo Kai. Wolltest du schon wieder gehen?“, sagt sie und blickt ihn fragend, ja fast etwas enttäuscht an.

„Hi Shelly. Ja, ich wollte Volleyball spielen“, entgegnet er verlegen.

„Oh. Na ja, viel Spaß“, sagt sie mit einem vergnügten Lächeln und verschwindet, elegant, so als würde sie über dem Boden schweben, in einem Nebenraum.

Als Kai wenig später am Volleyballfeld ankommt, herrscht hier noch immer reges Treiben.

Unauffällig mischt er sich unter die Zuschauer, in der Hoffnung ein bekanntes Gesicht zu finden, und kämpft sich so bis an den Spielfeldrand vor. Plötzlich steht eine junge Dame in knappen Hotpants und Bikini neben ihm und reicht ihm eine ungeöff­nete Dose Cola.

„Hi, ich bin Natalie. Kommst du von hier?“, fragt sie in akzentfreiem Englisch. Kai vermutet, dass sie aus Deutschland oder so kommt.

„Danke. Ähm, nicht direkt. Ich verbringe nur das Wochenende hier“, entgegnet Kai.

Auf einmal ruft jemand: „Mensch Parker, warum fragst du die Kleine nicht gleich, ob sie mit dir kurz verschwinden will!“

„Weil ich nicht Hanson heiße“, entgegnet Kai, lässt das Mädchen unbeachtet stehen und begrüßt Rob Hanson, einen seiner besten Freunde, per Handschlag. Auch die beiden kennen sich schon, seit Kai das erste Mal nach Santa Barbara gekommen ist. Das Mädchen bleibt mit ihrer Cola alleine zurück.

„Das ist auch gut so. Schön dich wieder hier zu haben. Wie sieht´s aus? Willst du ins Spiel einsteigen? Wir könnten einen besseren Verteidiger gebrauchen“, meint Rob und dreht den sandigen Volleyball in den Händen.

„Hey Rob, Mann! Können wir weitermachen?“, ruft ein anderer Spieler herüber. Kai und Rob tauschen kurz fragende Blicke aus.

„Klar“, antwortet Kai nur und nimmt sofort seine Stammposition am Netz ein.

„Prima. Jetzt seid ihr fällig da drüben“, ruft Rob und geht ebenfalls zum Spielfeld zurück.

Nachdem Kayla gestern Überstunden gemacht hat, darf sie heute gnädiger Weise ein paar Minuten früher gehen. Trotzdem sitzt sie nach Feierabend noch ein paar Minuten lang an ihrem Arbeitsplatz, das Gesicht in den Händen vergraben und versucht ihre konfusen Gedanken zu ordnen. Einerseits ist sie froh darüber, nicht im Dunkeln zu ihrem Auto gehen zu müssen, aber wenn sie daran denkt, dass sie auf dem Parkplatz wieder allein sein wird, bekommt sie etwas weiche Knie.

„Reiß dich zusammen“, ermahnt sie sich leise, richtet sich wieder in ihrem Bürostuhl auf und beginnt ihren Schreibtisch aufzuräumen. Dabei lässt sie sich allerdings sehr viel Zeit. Ihr PC ist bereits heruntergefahren. Auch beim Anziehen ihrer leichten Sommerjacke lässt sie sich nicht hetzen. Auf dem Flur ermahnt sie sich nochmals und gibt sich alle Mühe ein gut gelauntes, strahlendes Lächeln aufzusetzen, das so natürlich wie nur möglich aussieht. Mit Erfolg. Ihre Kollegen, die ihr auf den Fluren entgegenkommen, merken nichts.

„Schönen Feierabend Kay“, sagt einer von ihnen lächelnd im Vorbeigehen.

„Danke. Dir auch“, entgegnet sie nur. Aus Angst, jemand könnte sie wieder am Personalzugang abfangen, verlässt Kayla das Bankgebäude durch den Haupteingang. Niemand scheint es zu bemerken.

Draußen, auf dem Parkplatz der Mitarbeiter, hinter dem Gebäude, ist alles still und friedlich. Trotzdem stellen sich ihr die Nackenhaare auf, obwohl es angenehm warm ist. Zögerlich zieht Kayla ihren Schlüsselbund aus der Jackentasche, legt sich den Zündschlüssel bereit, atmet tief durch und marschiert zielstrebig zu ihrem Wagen, den sie leider dicht am Personaleingang geparkt hat, stets dazu bereit ihr Leben zu verteidigen. Doch es passiert nichts. Auch als sie hastig die Türen entriegelt, dieselben aufreißt und sich regelrecht ins Auto stürzt, als wenn der Teufel persönlich hinter ihr her wäre, ist alles ruhig. Angespannt verriegelt sie die Türen von innen, fährt sich mit beiden Händen durchs Haar und beginnt zu lachen bis ihr die Tränen kommen. Ihr eigenes Verhalten kommt ihr auf einmal extrem lächerlich vor. Schließlich soll sie schon bald als Killerin arbeiten, auch wenn sie sich das nicht wirklich vorstellen kann. Als sie den Zündschlüssel im Schloß herumdreht wischt sie sich mit dem Ärmel über die Augen, lässt den Motor an und fährt heim.

Als Kai gegen 20:00 Uhr nach Hause kommt, sitzt Kayla völlig gedankenverloren am Küchentisch, das Kinn auf die gefalteten Hände gelegt und starrt auf eine kleine Eieruhr, die munter tickend vor ihr auf dem Tisch steht. Als die Haustür hinter ihrem Bruder ins Schloss fällt, schreckt sie zusammen und stößt die Eieruhr um, die im selben Augenblick zu schellen beginnt.

„Hi Kayla. Schön dich zu sehen“, sagt Kai, als er kurz darauf die Küche betritt.

„Hallo Kai. Schön dich wieder hier zu haben. Wie war dein Flug?“, entgegnet sie, sammelt die Eieruhr auf und stellt zwei Teller auf den Tisch. Ihre Sorgen sind ihr nicht mehr anzumerken.

„Ruhig und kurz. Also wie immer. Hast du Großvater schon angerufen?“, möchte Kai wissen.

„Nein, dazu habe ich noch keine Zeit gefunden. Das kann ich auch noch morgen machen. Komm erst mal her. Willkommen zu Hause“, entgegnet Kayla und nimmt ihren kleinen Bruder herzlich in die Arme.

„Danke “, murmelt Kai seufzend.

„Hast du Hunger?“, fragt seine Schwester.

„Und wie“, entgegnet er und setzt sich an den Tisch, ohne zu fragen, was es überhaupt zu essen gibt. Riechen tut es jedenfalls köstlich. Kayla hat ein neues Rezept ausprobiert. Diese scheint ihr auch ganz gut gelungen zu sein. Beim Verteilen der Portionen ist sie wie immer recht großzügig, allerdings nur bei ihrem Bruder. Ihr eigener Teller bleibt fast leer. Während er also ordentlich zulangt, stochert sie nur wählerisch auf ihrem Teller herum, bevor sie ihn nach ein paar Bissen ganz beiseiteschiebt. Kai sieht sie trotzdem fragend an.

„Alles okay?“, fragt er.

„Ja ja, ich denke nur an jemanden“, antwortet sie.

Er zieht misstrauisch eine Augenbraue hoch und meint: „Aha.“
„Hast du was dagegen, wenn ich noch einmal weggehe?“, fragt Kayla hastig um das Thema zu wechseln. „Nein, geh ruhig. Ich räume hier schon auf“, entgegnet Kai gelassen.

Kayla springt auf, stellt ihren Teller neben die Spüle und verschwindet aus der Küche.

Ein paar Augenblicke später fährt Kayla aus der Garage und dreht die Musik auf. Sie fährt hinunter an den Strand. Ihre Augen starren auf die Straße, aber scheinen keine Einzelheiten wahrzunehmen. Auf einem Parkplatz hält sie schließlich. Die Fahrt ist ihr sehr kurz vorgekommen. Kayla lässt noch einen Moment die Musik laufen, ohne sie leiser zu drehen, und lehnt ihre Stirn ans Lenkrad. Nur sie und die Musik. Kayla versucht verzweifelt die verworrenen Gedanken zu verdrängen, aber es will ihr einfach nicht gelingen. Also richtet sie sich wieder auf, schaltet das Radio aus und verlässt das Fahrzeug, um zu Fuß zum Strand hinunter zu gehen. In ihrem Kopf herrscht das perfekte Chaos. Schon von Weitem dringt das Rauschen der Wellen zu ihr herüber.

Ihr Weg führt sie zu einer Seebrücke am Strand, die einige Meter ins Meer hinausragt. Langsam geht sie auf den dicken Holzdielen entlang bis zum Ende. Ein massiver Zaun soll davor bewahren ins Wasser zu fallen. Zögernd stützt sie sich mit ihren Ellenbogen auf die Absperrung, blickt auf das Meer hinaus und lauscht dem Rauschen der langsam heranrollenden Wellen. Die Sonne ist noch nicht verschwunden. Orange-rot hängt sie tief, dem Untergang verpflichtet, am Abendhimmel, um am nächsten Morgen wieder aufzugehen. Die Wolken um sie herum zeigen sich in einem zarten Rosa.

Während Kayla in ihren Gedanken versunken am Zaun lehnt, bemerkt sie nicht, dass sie Gesellschaft bekommt. Es ist Ray. Auch er ist mit seinen Gedanken nicht wirklich bei der Sache und bemerkt Kayla erst, als er schon fast vor ihr steht. Sie, die Frau, die er liebt, da so plötzlich stehen zu sehen, verunsichert ihn. Gerne würde er einfach zu ihr gehen und mit ihr sprechen, so wie früher, aber er wagt es nicht. Da dreht Kayla sich plötzlich um und starrt ihn wie vom Blitz getroffen an.

Ihr ist zum Weglaufen zumute, sie schluckt schwer und murmelt leise: „Hi.“

Er glaubt sich verhört zu haben und kann es kaum glauben.

„Hallo Kayla“, antwortet er vorsichtig und wagt einen Schritt auf sie zu. Sie glaubt, ihr Herz macht einen Aussetzer, als er sich bewegt. Völlig verkrampft steht sie da. Vor ihr der Typ, den sie erst mal nicht mehr sehen wollte und hinter ihr das Meer, mit seinen tückischen Strömungen. Es ist, als ob keiner von beiden wüsste, wie ein man eine solche Situation aufweichen kann, um ins Gespräch zu kommen. Und so wird das Schweigen langsam zu einer peinlichen Stille. „Reiß dich zusammen“, ermahnt sie sich wieder. Endlich bricht Ray die unangenehme Stille mit der Frage: „Darf ich zu dir kommen?“

Kayla nickt mit betretener Miene. Langsam kommt er zu ihr hinüber, seine Schritte klingen dumpf auf den Holzbohlen bei jedem Schritt. Neben ihr lehnt er sich gegen den Zaun. Niemand sagt etwas.

„Warum wolltest du mich damals nicht mehr sehen? Hab ich etwas Falsches gesagt oder getan?“, platzt es nach einer Weile aus ihm heraus.

Kayla verkrampft sich noch ein bisschen mehr, sieht ihn erstaunt an und meint hastig: „N-nein, wie kommst du denn darauf? Weder das eine noch das andere.“

Ihre offene Art und Weise ist ihr im nächsten Augenblick schon fast peinlich. Unangenehm krampft sich ihr Magen zusammen.

„Alles in Ordnung?“, fragt Ray.

Kayla antwortet nicht, sie nickt nur. Ray richtet seine Aufmerksamkeit, mit ratlosem Gesichtsausdruck, auf das Wasser.

„Es liegt an mir. Ich habe gemerkt, dass du mich liebst und da habe ich Angst bekommen“, murmelt Kayla, die sich wieder entspannt, mehr zu sich selbst als zu Ray, der sie jetzt erstaunt ansieht. Die Frage, die ihn über zwei Jahre hinweg beschäftigt hat, ist nun geklärt, aber gleichzeitig ist eine neue Fragen dazugekommen: Warum hat sie Angst vor der Liebe?

„Wovor hast du Angst?“, fragt er.

„Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich einfach zu oft enttäuscht worden“, lügt sie. Ray sieht sie mit sanften Augen an, Augen, in die sie sich sofort verliebt hat, aber sich bis heute dagegen wehrt. Nun, da sie ihn sehr lange nicht mehr gesehen hat, fällt ihr auf, dass er um einiges erwachsener wirkt als noch vor drei Jahren. Und auch Ray gewinnt langsam einen ganz anderen Eindruck von Kayla. Damals kam sie ihm immer selbstbewusst, nervenstark und unbeirrbar vor. Doch heute Abend sieht alles ganz anders aus. Sie sucht wahrscheinlich einfach echte Liebe und Geborgenheit. Er vermutet, dass sie in der letzten Zeit vielleicht die eine oder andere Affäre gehabt hat, aber nicht das, wonach sie sich wirklich sehnt. Wie gerne möchte er ihr all das geben, was sie braucht. Wieder tritt eine drückende Stille ein. Ihre letzten Worte hängen noch in der Abendluft, die Wellen rauschen und ein lauer Wind weht. Ray mustert sie eingehend, um eventuell zu erfahren, was gerade in ihr vorgeht, als sie ihm plötzlich einen ernsten Seitenblick zuwirft. Verlegen blickt Ray wieder auf das Meer zu seinen Füßen. Er glaubt, sie verletzt oder verärgert zu haben und denkt bereits fieberhaft darüber nach, was er als Entschuldigung sagen könne, doch da meint Kayla plötzlich: „So hat mich schon lange keiner angesehen.“

„Wirklich nicht?“, entgegnet Ray mit hoffnungsvollem Unterton in der Stimme, wobei er ihr das erste Mal wieder direkt in ihre wunderschönen blau-grünen Augen sieht. Dieses Mal weicht sie seinem Blick nicht aus und lächelt sogar ein wenig.

„Es ist schön zu wissen, dass sich noch jemand dafür interessiert, wie es in meiner Seele aussieht und nicht unter …, na ja, du weißt was ich meine“, entgegnet Kayla mit einem nervösen Flackern in den Augen. Ray versteht schon, was sie damit sagen will. Lange Minuten des Schweigens folgen. Seite an Seite lehnen die beiden am Zaun und beobachten die Wellen. Entschlossen rückt Ray noch ein Stück dichter an ihre Seite. Kayla reagiert nicht. Sie ist viel zu sehr damit beschäftigt ihre inneren Konflikte zu lösen. Es ist eben nicht leicht, wenn die Gefühle und der Verstand nicht der gleichen Meinung sind. Er fragt sich, woran sie wohl gerade denken mag, weil sie noch immer etwas verkrampft wirkt. Auch Kayla würde gerne wissen, was ihn gerade beschäftigt. Allerdings sagt keiner von beiden etwas. Einen Moment lang wollte Ray seinen Arm um ihre Schultern legen, aber er traut sich nicht. Also schiebt er nur seine Hand vorsichtig auf ihren Arm. Sie spürt seine sanfte Berührung auf ihrer Haut und blickt etwas erstaunt zuerst auf seine Hand, die auf ihrem Arm ruht, dann hebt sie langsam ihren Blick. Als sich ihre Blicke treffen, zieht Ray seine Hand hastig weg.

„`tschuldigung“, murmelt er.

„Ist schon okay“, entgegnet Kayla leise. Die beiden sehen sich einen Moment lang schweigend an, bis Ray seinen ganzen Mut zusammennimmt und ihr zögerlich einen zärtlichen Kuss gibt.Kayla ist erst erschrocken, aber dann ist der Bann gebrochen und Kayla kann nicht länger gegen ihre Gefühle ankämpfen. Ray scheint dies zu spüren und zieht sie langsam zu sich in den Arm. Kayla geht ein wohliger Schauder durch den Körper. Sie will mehr, sie will nicht nur geküsst, sondern auch berührt und geliebt werden. Doch sie muss sich noch zurückhalten.

Kapitel 2

Der Anfang ist so schön gewesen. Sie haben sich geküsst, wenn auch nur flüchtig, und sich wie zwei alte Bekannte bei einem Spaziergang im Sonnenuntergang unterhalten. Kayla ist an diesem Abend sehr glücklich gewesen, doch am nächsten Morgen ist alles wie zuvor.

Ray ist wieder verschwunden und Kayla muss oft an ihn denken. Kein gutes Zeichen, wie sie meint, aber sie kann nicht anders.

Sie fährt nach dem Frühstück zum wöchentlichen Training in die Kampfsportschule um im Profikurs, der von einer älteren Dame geleitet wird, zu trainieren. Ihr Name ist Penny.

Während Kayla trainiert, verbringt Kai seine Freizeit mit Freunden am Strand mit Volleyball, auf dem Wasser mit Surfen oder in seinem Stammcafé. Hier sitzt er mit seinen Freunden im Schatten und genießt die eisgekühlten Softdrinks des Hauses, während die Anderen die Mädels in ihren knappen Bikinis begutachten. Auch Kai kann sich hin und wieder einen prüfenden Blick nicht verkneifen, aber eines der Mädchen so frech anzusprechen, wie Rob es manchmal macht, würde ihm nie in den Sinn kommen. Rob Hanson scheint nichts peinlich zu sein. Die meisten Mädchen kommen eh nicht von hier, meint er nur jedes Mal. Auch an diesem Nachmittag sitzt die kleine Gruppe von Jugendlichen an ihrem Stammplatz. Während sich die Jungs über scharfe Mädels, Autos und sonst was unterhalten fragt Rob plötzlich an Kai gewandt: „Was macht eigentlich dein Kumpel Ray? Rennt er immer noch hinter deiner Schwester her?“

„Ich habe keine Ahnung. Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich ihn an diesem Wochenende noch nicht gesehen“, murmelt Kai.

„Ich könnte mich jedes Mal totlachen, wenn ich daran denke, wie er ihr hinterher stiefelt. Als ob er eine ehrliche Chance bei ihr hätte, tzzz. Sie hat einfach zu viel Klasse für ihn“, entgegnet Rob belustigt und schlürft seinen Eistee.

„Du machst dich auch über alles und jeden lustig. Denk bitte daran, dass ich noch immer mit ihm befreundet bin“, meint Kai, legt etwas von seinem Taschengeld, unter sein leeres Glas und steht auf.

„Tolle Freundschaft“, brummt Rob, bleibt aber sitzen.

Ray hat ganz andere Sorgen. Er muss ständig an Kayla denken und möchte am liebsten jede freie Minute mit ihr verbringen, andererseits will er auch nichts überstürzen, denn jemand hat ihm einmal gesagt, dass eine echte Beziehung reifen muss. Was genau damit gemeint ist, weiß Ray allerdings nicht, außerdem muss er zusehen, dass er etwas Geld auftreibt, um seine Rückreise finanzieren zu können. Also bummelt er seit dem frühen Morgen durch die Innenstadt, klappert sämtliche Cafés und Restaurants ab, in der Hoffnung für ein paar Stunden einen Job zu bekommen. Leider ohne nennenswerten Erfolg. Dabei ist er doch nur hergekommen, um Kayla zu sehen. Für sie hat er seine gesamten Ersparnisse in ein Flugticket investiert, und auch wenn er für den Rückflug arbeiten gehen muss, so hat es sich schon jetzt für ihn gelohnt. Nun bleibt ihm noch ein kleines Straßencafé mit wenigen Gästen und unfreundlichem Personal. Ray ist kurz vorm Verzweifeln, als es auch hier keinen Job für ihn gibt. Zum Schluss versucht er sein Glück weiter unten, nahe dem Strand. Schließlich ist es Sommer und die meisten Gäste halten sich hier am Strand auf und demnach haben die Bars, Cafés und Restaurants viel zu tun. Nach scheinbar endloser Suche hat er schließlich Erfolg. Ein kleines Eiscafé in der Innenstadt bietet ihm doch noch einen Job an und das Beste daran ist: Er kann sofort anfangen.

Gegen Abend kommt Kayla endlich müde und erschöpft nach Hause. Ihre Arme und Beine sind mit blauen Flecken übersät und ihr Rücken macht sich auch schmerzhaft bemerkbar. Seufzend quält sie sich im Schlafzimmer aus ihren Klamotten, hüllt sich in ihren weichen Bademantel und schmeißt ihre verschwitzten Trainingssachen in die Wäsche, bevor sie sich ein wohltuendes Bad einlässt. Plötzlich hört sie aus der Küche Geräusche. Misstrauisch schleicht sie aus dem Bad ins Schlafzimmer zurück, um eine Schusswaffe aus dem Aluminiumkoffer im Schrank zu holen, die sie dort versteckt. Bewaffnet schleicht sie rasch zurück und pirscht sich an die Küche heran. Am Küchentresen steht ihr erstaunter Bruder, der dabei ist, Tomaten für ein Sandwich zu schneiden.

„Ach du bist das. Himmel, ich habe schon sonst was gedacht“, murmelt Kayla erleichtert und lässt die geladene Waffe sinken, die sie auf ihren Bruder gerichtet hat.

„Bist du verrückt? Wer soll denn sonst noch hier sein außer mir?“, entgegnet er, arrangiert die Tomaten auf beiden Brothälften und klappt sie zusammen.

„Entschuldige bitte. Ich habe gedacht, du kommst später. Hast du zufällig Ray heute gesehen?“, fragt sie.

„Ray? Nein. Ist er überhaupt hier?“, entgegnet Kai.

„Ja. Wir haben uns gestern Abend getroffen und …“, erwidert sie mit einer Haarsträhne spielend, bricht aber im Satz ab, um sich nicht falsch auszudrücken.

„Und?“, fragt Kai weiter, bevor er sich daran macht genüsslich sein Sandwich zu verputzen.

„Nichts und. Wir haben uns nur kurz unterhalten. Ich muss zu meiner Badewanne“, entgegnet Kayla hastig und verschwindet in Windeseile aus der Küche.

Ist die Zeit begrenzt, so vergeht sie einfach viel zu schnell. Das muss auch Kai feststellen, dessen erholsames Wochenende nun schon zur Hälfte abgelaufen ist. Das bedeutet, dass er schon bald wieder nach Phönix, ins noch heißere Arizona zurückkehren muss. Hier besucht er eine Highschool im letzten Semester und wohnt in einem Internat. Wenn er an die Schule denkt, dann vermisst er Santa Barbara, die Strände und seine Schwester bevor er überhaupt das Flugzeug bestiegen hat. Besonders schade findet er, dass Kayla bis jetzt kaum Zeit für ihn gefunden hat. Ihre Gegenwart fehlt ihm irgendwie, schließlich ist sie so ziemlich das letzte bisschen Familie, das ihm geblieben ist. Seufzend richtet er sich in seinem gemütlichen Bett auf und blinzelt in die Morgensonne, die durch das offene Dachfenster fällt. Der Gedanke, schon Morgen wieder nach Phönix fliegen zu müssen, stimmt ihn etwas missmutig, aber er hat seiner großen Schwester fest versprochen in der Schule alles zu geben. Und obwohl er, wegen seiner damaligen Schulschwänzerei, eine ganze Klassenstufe wiederholen musste, sehen seine Chancen auf einen guten Abschluss mit Empfehlungsschreiben sehr gut aus.

Während Kai also aufsteht und duschen geht, sitzt Kayla auf der Terrasse beim Frühstück und blättert lustlos in einem Lifestylemagazin. Dabei denkt sie mal wieder fast pausenlos an Ray. Warum lässt er sich nicht bei ihr blicken? Im nächsten Moment fragt sie sich aber auch, warum es ihr auf einmal so wichtig geworden ist, mit ihm in Kontakt zu bleiben. Ist sie wirklich so verliebt? Sie seufzt, leert ihre Tasse Kaffee, schlägt die Zeitschrift zu und schreibt ihrem Bruder eine Nachricht, die sie in der Küche zurücklässt, bevor sie das Haus verlässt.

„Ja verstanden. Wir kümmern uns darum.“ Sam beendet das Gespräch, lässt sein Handy mit grimmiger Miene in die Innentasche seines Jacketts gleiten und steckt sich eine Zigarette an. Während er seine Sonnenbrille abnimmt, den Rauch genüsslich durch Mund und Nase aus bläst und sich gegen seine Limousine lehnt, meint er: „Der Sir möchte, dass wir die Versammlung so schnell wie möglich einberufen, außerdem wird die Auswahl an potenziellen Neulingen nicht besser. Er will auf keinen Fall länger warten.“

„Hm, wie viele kommen denn für das Projekt bis jetzt infrage?“, erkundigt sich eine zierliche Dame mit harter Mine.

„Zwanzig. Von denen sollen wir die Besten acht auswählen. Ich hab` da schon meine Favoriten. Mach dir darum mal keine Sorgen, Penny“, entgegnet Sam schmunzelnd. Sie zieht die linke Augenbraue hoch, legt die Stirn in Falten und meint: „Gerade darum mache ich mir Sorgen, Sam. Wie viele von ihnen sollen denn das erste Jahr überleben? Zwei? Überlass die endgültige Auswahl bitte mir. Du solltest dich lieber um einen vertrauenswürdigen Ort kümmern, der sich für eine solche Versammlung eignet.“

„Hmm, kannst du das nicht machen? Du kennst dich da viel besser aus“, brummt Sam zurück.

„Nein und wir müssen vorsichtig sein. Der Sir will mit Sicherheit nicht noch mehr Leichen riskieren. Darum wähle ich diejenigen aus, die zumindest eine reale Chance haben“, sagt Penny. Der mahnende Unterton in ihrer Stimme entgeht Sam keinesfalls.

„Von mir aus. Hat der Sir an etwas Bestimmtes gedacht?“, fragt Sam beleidigt.

„Nein. Allerdings bin ich der Meinung, dass es unauffällig sein sollte. Viel Erfolg“, entgegnet Penny und geht raschen, erhabenen Schrittes zu ihrem nachtschwarzen Maserati zurück.

Am Abend steht Kayla wie gewohnt am Herd, neben sich ein brandneues Kochbuch aufgeschlagen, das auf der Arbeitsfläche liegt, als Kai leise, nahezu geisterhaft, die Küche betritt.

„Hi. Ich habe Ray heute in so einem Straßencafé gesehen“, verkündet er und setzt sich an den Esstisch. Seine Stimme klingt in dieser Stille erschreckend laut, wie er meint, da Kayla vor Schreck zusammenfährt und ihr dabei alles aus den Händen fällt. In einer fließenden Bewegung dreht sie sich finster blickend zu ihrem Bruder um, der sie mit unschuldiger Miene mustert.

„Verdammt noch mal, Kai“, flucht sie und fährt fort: „Musst du mich so erschrecken?“

„Entschuldige bitte, das war doch keine Absicht. Seit wann bist du denn so schreckhaft?“, entgegnet Kai, dem es wirklich leid tut, seine Schwester so erschreckt zu haben.

„Schon gut. Ich weiß es auch nicht, aber das gibt sich schon wieder. Und was Ray angeht, der kann von mir aus bleiben, wo der Pfeffer wächst. So und jetzt koche ich dir erst mal einen Tee, du siehst etwas weiß aus, so um die Nase herum“, sagt Kayla bestimmt. Ihr Bruder wagt es nicht, ihr zu widersprechen.

„Bist du so lieb und deckst den Tisch? Das Essen ist fertig“, fügt sie mit mildem Lächeln hinzu und bereitet einen Teekessel mit heißem Wasser vor.

Zeitgleich geht der Sir langsam durch die Reben seines Weingutes und begutachtet sorgsam die Pflanzen, deren Früchte langsam reif werden. Die Stille über den Weinhängen ist eine friedliche. Die langsam untergehende Sonne taucht das Gut in warme Orange- und Rottöne. Penny begleitet ihn.

„Ich mache mir große Sorgen um die Geschäfte und um die Neulinge. Violette drängt uns noch vom Markt, wenn das so weitergeht. Sie bringt damit noch unser ganzes Projekt in Gefahr. Ich hoffe, ihr kommt gut voran“, sagt der Sir bedächtig und nachdenklich. Dabei sieht er sie besorgt an.

„Ich weiß. Wir liegen zwar etwas hinter dem Zeitplan, aber die engste Auswahl steht. Und wegen der Aufträge brauchen wir uns noch keine allzu großen Sorgen zu machen, noch sind wir die besseren und mit der Elite werden wir das auch bleiben“, entgegnet sie.

„Wenn du das sagst, Penny. Was ist mit Kayla und Leutnant Colonel McChalsey?“, fragt der Sir und streicht sanft über eines der Weinblätter.

„Kayla hat alles gut verkraftet, aber um McChalsey mache ich mir Sorgen. Sie zieht sich seit ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus immer weiter zurück und die psychologische Betreuung nimmt sie auch nur sporadisch in Anspruch. Im Augenblick befindet sie sich in ihrer Wohnung. Jupp ist in der Nähe“, meint sie und bleibt stehen.
„Danke Penny. Ich erwarte deinen Bericht in 24 Stunden. Bereite bis dahin bitte alles vor. Sam soll die Versammlung leiten“, antwortet der Sir bestimmt. Penny nickt stumm und macht sich auf den Rückweg, denn es gibt noch sehr viel zu tun.

Das Wochenende vergeht so unglaublich schnell, dass man glatt das Gefühl bekommt, Tempus hätte an der Zeit gedreht. Besonders der letzte Tag ist für Kayla der schlimmste, da ihr das riesige Haus immer so furchtbar einsam vorkommt, wenn ihr Bruder nicht da ist und sie daran erinnert, dass sie am nächsten Morgen schon wieder arbeiten muss.

Noch vor dem Morgengrauen steht sie auf, um am Strand, in der aufschäumenden Gischt des Meeres joggen zu gehen, am Strand bei der aufgehenden Sonne zu meditieren, um anschließend gegen ihren eigenen Schatten im Sand zu kämpfen. Seit dem Angriff auf dem Parkplatz geht sie wieder regelmäßig zum Kampfsport und auf den Schießstand. Und damit tut sie genau das, was die Organisation will, ohne dass Kayla sich dessen überhaupt bewusst ist. Etwa zwei Stunden später kommt sie zurück. Es ist gespenstisch still, als sie die Haustür so leise wie möglich hinter sich schließt und ins Schlafzimmer geht.

Eine Etage über ihr liegt Kai frisch geduscht und angezogen auf seinem ordentlich zurechtgemachten Bett, die Arme hinterm Kopf verschränkt und starrt trübsinnig Löcher in die Decke. Dabei denkt er an Shelly. Sie hat einen Typen geküsst und in seinem Arm sehr glücklich ausgesehen. Er hätte es zwar besser gefunden, wenn sie ihn und nicht diesen anderen geküsst hätte, aber was hätte er tun können? Er hätte sich vielleicht mehr mit ihr unterhalten sollen, aber ein so bezauberndes Mädchen in ein angeregtes Gespräch zu verwickeln ist gar nicht so einfach. Worüber hätte er mit ihr sprechen können ohne sich vor ihr zu blamieren? Ergeben seufzend schließt er seine Augen, bis die Wasserleitungen anfangen zu rauschen, was bedeutet, dass Kayla endlich zurück ist.

Als sie schließlich frisch geduscht und umgezogen aus ihrem Schlafzimmer kommt, erwartet Kai sie schon sehnsüchtig am gedeckten Frühstückstisch bei Toast, Rührei und gebratenem Speck. An seinem Blick erkennt sie sofort, dass ihm etwas auf der Seele liegt, was er sofort loswerden möchte, aber sich kaum traut, es auszusprechen. Darum hilft sie nach.

„Guten Morgen. Na sag schon, was bedrückt dich?“, fragt sie mütterlich und setzt sich.

„Du kennst doch Shelly, das Mädchen aus der Tauchschule“, beginnt er zögerlich und schmiert sich langsam seinen Toast. Die richtigen Worte zu finden, fällt ihm schwer.

„Ja. Sie ist attraktiv, sportlich, herzlich, hat ein bezauberndes Lächeln und dazu soll sie eine sehr gute Taucherin sein“, entgegnet seine Schwester, während sie sich nebenbei einen Tee einschenkt.

„Ich weiß“, entgegnet Kai. Dabei seufzt er unbewusst.

„Ah, verstehe. Lade sie doch einfach zum Eis essen ein oder gehst mit ihr ins Kino“, entgegnet Kayla eine Spur zu locker.

„Danke, und wie soll ich das deiner Meinung nach anstellen?“, fragt er empört. Dabei schaut er seiner Schwester tief in die Augen und schließt seine Finger fester um sein Messer. Kayla versteht sofort, wie ernst er es meint und antwortet: „Ich weiß, dass es nicht leicht ist, den ersten Schritt zu machen. Nimm deinen ganzen Mut zusammen und frag` sie, wenn sie allein ist. Mehr als Nein sagen kann sie schließlich nicht, oder?“

Kai seufzt erneut: „Wenn das so einfach wäre, würde ich nicht hier sitzen.“

„Hmm, da hast du natürlich recht, aber willst du meine ehrliche Meinung zum Ganzen hören?“, fragt sie.

„Na?“, entgegnet er.

„Nimm es mir bitte nicht übel, aber Shelly wird noch dieses Jahr 20. Ich weiß, sie ist wirklich nicht zu verachten, aber ich glaube, sie passt nicht zu dir. Ich bin mir sicher, dass eine Menge Mädchen mit dir zusammen sein möchten und unter Garantie ist eins dabei, das besser zu dir passt“, meint Kayla.

„Kann sein, aber …“, entgegnet er.

„Glaube mir. Ich bin schließlich auch einmal in deinem Alter gewesen. Liebe kann man nicht einfach bestellen und erzwingen schon gar nicht. Sie kommt ganz unverhofft und ist dann einfach da. Versuche nicht sie zu finden, denn sie findet dich. Das hat meine erste große Liebe zumindest einmal zu mir gesagt“, erzählt sie mit einem verträumten Lächeln.

„Vielleicht hast du recht“, murmelt er ergeben und beginnt lustlos an seinem Toast zu knabbern.

„Hey, Kopf hoch. Wir haben noch ein paar Stunden Zeit, ehe ich dich zum Airport bringen muss. Was hältst du davon, wenn wir nach dem Frühstück einkaufen fahren. Du brauchst doch bestimmt noch ein paar neue Schulsachen und ein paar neue Hosen und Shirts können auch nicht schaden“, entgegnet sie und garniert sich einen Toast mit Käse und Tomaten, die sie sich während des Gespräches aus dem Kühlschrank geholt hat.

„Kann sein“, brummt Kai, allerdings stimmt ihn Kaylas Vorschlag etwas freundlicher, denn einige seiner Klamotten sind nicht mehr die besten und Großvater ist furchtbar geizig.

Kayla macht aus ihrem Vorschlag ein Versprechen und fährt mit Kai nach dem Frühstück tatsächlich in die Innenstadt von Santa Barbara, um in einer der teureren Einkaufspassagen shoppen zu gehen. Ihr kleiner Bruder gibt sich in den ersten Geschäften sehr zögerlich, obwohl ihm ein paar Sachen wirklich gut gefallen. Erst im vierten oder fünften Geschäft verliert sich seine Zurückhaltung und er findet eine helle Bermuda-Shorts, die ihm wirklich gut gefällt, aber als er zufällig den Preis erspäht, verfliegt sein Interesse sehr schnell. Seiner Schwester ist das natürlich nicht entgangen.

„Magst du sie nicht trotzdem einmal anprobieren?“, fragt sie.

„Warum denn?“, entgegnet er überrascht.

„Ich weiß, dass sie dir gefällt“, stichelt Kayla.

„Ich weiß nicht“, entgegnet er hin- und hergerissen.

„Komm schon. Da ist doch nichts dabei, und wenn du die schon einmal mitnimmst, dann kannst du das hier auch noch anprobieren“, meint Kayla und drückt ihm einen Bügel mit einem dunkelblauen Kurzarmhemd in die Hand.

„Okay“, antwortet er, sucht sich eine Hose in seiner Kleidergröße heraus und geht mit den beiden Kleidungsstücken und gemischten Gefühlen zu den Umkleidekabinen. Als er nach ein paar Minuten wieder herauskommt, ist Kayla plötzlich nicht mehr zu sehen. Er ist davon ausgegangen, dass sie ihm folgt, um ihr Urteil über das Outfit zu fällen. Stattdessen sitzt in einem Sessel, der vor den Kabinen steht, ein Mädchen in seinem Alter, mustert ihn rasch von oben bis unten, errötet und schaut schnell weg. Auch Kai bekommt etwas mehr Farbe auf den Wangen und lässt seinen Blick suchend durch den Laden schweifen. Kayla ist nirgends zu sehen.

Plötzlich sagt ihre vertraute Stimme neben ihm: „Sag mal, sieht das gut aus?“

Das Mädchen, das eben noch verlegen weggeschaut und Kai kurz darauf erneut einen bewundernden Blick zugeworfen hat, als dieser seine Schwester gesucht hat, blickt nun enttäuscht auf ihre eigenen Füße nieder. Kayla, die ihre Augen und Ohren überall zu haben scheint, fängt ihren enttäuschten Blick auf und sieht ihren Bruder fragend an.

„Ja, das Kleid steht dir. Wenn du nicht meine Schwester wärst, würde ich sofort mit dir ausgehen wollen“, entgegnet Kai.

„Danke. Du siehst auch nicht schlecht aus und ich glaube, das sehe nicht nur ich so. Allerdings ist das Kleid nicht ganz meine Preisklasse“, entgegnet Kayla und zieht sich in ihre Kabine zurück, aus der sie gerade gekommen ist. Kai sieht sich etwas verwirrt um und begegnet wieder dem Blick des Mädchens. Er wirft ihr ein zaghaftes Lächeln zu und zieht sich in die Kabine mit seinen Klamotten zurück, um sich umzuziehen. Draußen springt das Mädchen auf und beginnt aufgeregt, aber leise mit ihrer Freundin zu tuscheln.

Etwa drei Stunden später parkt Kayla ihren Geländewagen wieder vor ihrer Garage und holt drei volle Einkaufstüten aus dem Kofferraum. Kai, der ihr zwei Tüten bereits zur Haustür bringt, kann noch immer kaum glauben, wie viel Geld sie heute für ihn ausgegeben hat, fast 500 Dollar.

„Nochmals danke“, murmelt er, als sie ihm die Haustür aufschließt.

„Dafür doch nicht. Ich habe dir damals schon einmal gesagt, dass ich für dich da bin und das hier gehört für mich dazu“, entgegnet sie, während sie auf die Tüten deutet.

„Und jetzt rein mit dir. Du musst doch noch packen“, fügt sie mütterlich hinzu und schiebt ihn sanft durch die Tür.

Obwohl die Zeit langsam drängt, lässt Kai sich beim Packen seiner Reisetasche viel Zeit. Immer wieder starrt er trübsinnig aus dem Fenster, legt etwas in die Tasche und holt es wieder heraus. Er hat keine große Lust nach Phönix zu fliegen. Hier ist er schließlich zu Hause. Es ist schon später Nachmittag, als Kayla nach ihrem Bruder ruft: „Kai! Wie weit bist du? Wir müssen los!“

„Bin gleich soweit“, entgegnet er und zerrt mühsam den Reißverschluss seiner Reisetasche zu. Kaum zu glauben, aber so lange hat er noch nie gebraucht, um seine Sachen zu packen. Missmutig schleppt er sein Gepäck die Treppe hinunter durch den Flur zu Kaylas Wagen, der bereits vor dem Haus mit laufendem Motor steht.

„Hast du alles? Nichts vergessen?“, fragt seine Schwester.

„Ich glaube nicht. Du musst noch abschließen“, entgegnet Kai.

Sie nickt, verschließt die Haustür, setzt sich hinters Steuer und fährt los, zum Flughafen.

Während der gesamten Fahrt spricht Kai kaum ein Wort. Stattdessen starrt er aus dem Autofenster und hängt irgendwelchen Tagträumen nach, während die Landschaft an ihm vorbeifliegt. Hinzu kommt, dass der Abschied naht. Diesmal wird es wohl noch schwerer werden als sonst. Kayla hat zwar ihre Aufmerksamkeit brav auf die Straße gerichtet, wirft aber trotzdem hin und wieder einen prüfenden Blick auf ihren schweigsamen Bruder. Auch ihr fällt es jedes Mal schwer, ihn zum Flieger zu bringen. Sie sind noch genau im Zeitplan, als sie ihren Wagen auf einem Parkplatz abstellt, seufzt und sagt: „Wir sind da.“

„Hmm. Danke fürs Herfahren“, entgegnet er leise.

„Hier. Du kannst es sicher brauchen“, meint Kayla und reicht ihm ein kleines Bündel Geldscheine.

„Dein Taschengeld für die nächsten Wochen. Gut einteilen“, fügt sie zwinkernd hinzu.

„Danke“, murmelt Kai leise, steckt das Geld ein und steigt aus. Kayla folgt ihm, schließlich muss sie den Kofferraum öffnen. Wortlos wuchtet Kai sein Gepäck auf die Straße.

„Hey, komm mal her“, sagt Kayla und zieht ihn zu sich in die Arme, dabei wird ihr zum ersten Mal richtig bewusst, dass er zwar jünger, aber schon einen Kopf größer ist als sie selbst.

„Was ist los?“, fragt sie.

„Ich weiß nicht“, entgegnet er.

„Du solltest dich jetzt auf die Schule konzentrieren. Der Rest kommt von allein, okay? Ich habe dich lieb“, sagt sie.

„Okay. Ich dich auch. Muss los, das Ticket holen und die Tasche abgeben. Ich schreibe dir, sobald ich angekommen bin und wann ich wieder vorbei komme“, entgegnet Kai und drückt sie noch einmal ganz fest, bevor er sich abwendet, sein Gepäck schultert, kaum hörbar etwas zum Abschied murmelt und Richtung Eingangshalle verschwindet.

„Ciao“, murmelt Kayla etwas traurig, aber Kai ist schon verschwunden. Sie bleibt allein bei ihrem Wagen zurück, aber sie ist sich sicher, dass Tränen in seinen Augen geglänzt haben.

Dass Kayla nun wieder allein ist, bleibt nicht unbemerkt. Noch auf dem Parkplatz des Airport wird sie aus einer schwarzen Limousine mit stark getönten Scheiben und aus einem dunkelgrünen Minivan heraus genau beobachtet.

„Wir sind nicht allein“, meint Sam, der die schwarze Limousine gefahren hat, und deutet hinaus auf den Van.

„Ich weiß. Wir sollten Kayla nicht aus den Augen lassen und sicherstellen, dass sie unversehrt ankommt. Dass Violettes Leute hier herumlungern, macht mich irgendwie nervös“, entgegnet Penny, die neben ihm sitzt, besorgt. Sam wartet ab, bis Kayla wieder eingestiegen ist, den Motor anlässt und sich auf den Rückweg macht. Sobald sie an ihnen vorbeigefahren ist, lässt auch er den Motor an, um ihr zu folgen. Er schafft es gerade noch rechtzeitig vor Violettes Leuten den Parkplatz zu verlassen, um diese auf Abstand halten zu können. Ein weiterer Wagen der Hunter setzt sich hinter den Minivan, um darauf zu achten, dass Violettes Leute keine Probleme machen.

Die erste Woche, nach Kais Abreise, ganz allein in ihrem großen Haus ist Kayla sehr einsam vorgekommen, obwohl sie genug zu tun hat. Sam bombardiert sie mit E-Mails, in denen er sie dazu ermahnt das Fitnesstraining, die Stunden in der Kampfsportschule und seit Neuestem auch noch das zweimal wöchentliche Training an einem Schießstand einzuhalten. Ihr neuer Trainer würde sie dort schon erwarten. Darüber hinaus soll sie allerdings ihren normalen Job nicht vergessen. Und er weist sie mehrfach daraufhin, dass das alles kein Spiel mehr sei, sondern bittere Realität. Wenn sie abends endlich zu Ruhe kommt, denkt sie entweder an ihren Bruder, der ihr fast täglich schreibt, oder an Ray, der sich bisher nicht bei ihr gemeldet hat und von dem sie daher sehr enttäuscht ist. Sie hat ihn am Flughafen gesehen und er hat es nicht für nötig gehalten, sich von ihr zu verabschieden. Sie hätte ihn sogar zum Flugplatz gefahren, auch wenn er sie nicht darum gebeten hätte. Er ist ohne etwas zu sagen nach Philadelphia zurückgeflogen. Vielleicht hat sie sich in ihm getäuscht und er ist doch noch nicht so erwachsen, wie er ihr gegenüber vorgibt zu sein.

Die Nacht ist angenehm warm. Es weht kaum Wind. Und weil sie sich wieder über Ray aufgeregt hat und nicht schlafen kann, schlüpft sie nochmals in eine ihrer Lieblingsjeans, zieht sich eine weiße Baumwollbluse sowie eine Jeansjacke über und verlässt noch einmal das Haus, um etwas spazieren zu gehen. Auch wenn ihr die Muskeln vom letzten Training im Fitnesscenter schmerzen. Um wirklich ungestört zu sein, fährt sie mit ihrem Geländewagen aus der Stadt heraus, um den Wagen etwa eine Meile hinter dem Ortsschild abzustellen, damit sie zu Fuß weitergehen kann. Hier draußen findet sie ihre Einsamkeit, die ihr so heilig geworden ist. Wege gibt es hier draußen nicht. Nur mit Taschenlampe, einem Kompass und einem Jagdmesser bewaffnet, wird sie losgehen. Den Kompass braucht sie inzwischen kaum noch, da sie sich hier mittlerweile gut auskennt. Sie prüft ein letztes Mal ob der Wagen verschlossen ist, ob sie alles Notwendige dabei hat, atmet noch einmal tief durch und macht sich auf den Weg. Seit dem Angriff auf dem Parkplatz unternimmt sie solche Streifzüge nicht mehr unbewaffnet. Kayla schaut sich noch ein letztes Mal prüfend um. Der Wind trägt ihr von irgendwoher leise Musik entgegen. Findet irgendwo ein Fest statt? Sie ist schon lange nicht mehr ausgegangen. Als sie länger darüber nachdenkt, fühlt sie sich auf einmal sehr alt und einsam. Statt in Selbstmitleid zu versinken, strafft sie ihre Körperhaltung, steckt entschlossen ihre Hände in die Jackentaschen und marschiert los Richtung Musik.

Im Schutz der Dunkelheit, gut getarnt, wartet er auf den richtigen Moment, um sein Opfer endlich aus dem Weg zu räumen, genau so, wie Violette es von ihm verlangt hat. Schon seit Wochen haben er und seine Männer Kayla Parker fast rund um die Uhr beschattet und genug Informationen über sie zusammengetragen, um sicher zu sein, dass sie schon unter den Fittichen der „Canadian Hunter“ ist und in wenigen Monaten äußerst gefährlich sein wird. Und all das vor der Nase ihres Bodyguards Sam Fischer. Bei dem Gedanken gluckst er vergnügt vor sich hin. Ein letztes Mal checkt er durch sein Zielfernrohr die Lage. Von anderen „Hunter“ oder gar von Sam ist nichts zu sehen. Perfekt, denn sonst müsste er auch ihn töten und das würde nur unnötigen Mehraufwand bedeuten.

Jetzt hat er Kayla genau im Visier. Ein roter Punkt tanzt minimal genau zwischen ihren Schulterblättern. Es wird ihr wohl sämtliche Wirbel in diesem Bereich wegreißen und vielleicht das Herz zerfetzen. Wie auch immer, gleich wird sie tot und Violette sehr zufrieden sein.

Kayla bleibt plötzlich wie angewurzelt stehen. Da ist es wieder, dieses unangenehme Gefühl, genau beobachtet zu werden. Das hat sie schon gehabt, nachdem sie Kai auf dem Parkplatz des Airport abgesetzt hat. Die schwarze Limousine ist ihr im Rückspiegel sofort aufgefallen, aber wegen der hat sie sich keine Sorgen gemacht. Ganz gewiss nicht, aber jetzt ist ihr ganzer Körper in höchster Alarmbereitschaft. Die drohende Gefahr lässt ihr einen eiskalten Schauer nach dem anderen den Rücken herunter laufen, ihre Nackenhärchen sträuben sich. Dazu kommt plötzlich eine leichte, aber kalte Brise auf. Kayla fröstelt ein wenig, zieht den Kragen schützend fester um ihren Hals und geht langsam weiter, auf eine Baumgruppe zu. Dabei bemerkt sie kaum, wie sie eine Hand von ihrem Kragen löst und zum Jagdmesser greift.

Den aufkommenden Wind hat er unter seiner Tarnung gar nicht bemerkt. Somit sieht er auch nicht die Notwendigkeit, seine Schussbahn neu zu kalkulieren. Grinsend folgt er ihren Bewegungen, um sie im Visier zu behalten. Das Gefühl, die Macht über die Situation zu haben, erregt ihn bis aufs Blut.

„Das wird dir auch nicht viel nutzen“, murmelt er leise, als er sie zwischen den Bäumen Schutz suchen sieht. Dabei verzieht er das Gesicht zu einer hässlichen Grimasse und drückt ab.