Löwentatze - Mady L. Hurny, Albert Hurny - E-Book

Löwentatze E-Book

Mady L. Hurny, Albert Hurny

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Beschreibung

Adam Zumstein, Historiker, aus dem gemütlichen Städtchen Greifswald stammend, stolpert im 22. Jahrhundert in seiner Doktorarbeit im fernen Greenley nahe den Rocky Mountains über ein unfassbares Projekt, welches gut 200 Jahre zurückliegt. Dabei beruft er sich auf populärwissenschaftliche Quellen, was den Oberen der altehrwürdigen Universität völlig unangebracht und unwissenschaftlich erscheint. Intrigen spinnen sich zusammen. Zum Glück hat Adam Freunde, die auf eine geniale Idee kommen...

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Seitenzahl: 422

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Albert Hurny, Mady L. Hurny

Löwentatze

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Impressum

Kapitel I

„Sieben Uhr!“, schnarrte der vom Servanten gesteuerte Weckrufer.

Adam Zumstein wälzte seine neunzig Kilo auf die andere Seite und zog die Decke über die Ohren. Nach einer Minute meldete sich der lästige Mahner abermals, diesmal einige Phon lauter. Nach dem fünften Weckruf, nun schon in der Lautstärke einer Trompete, gab sich 

Adam Zumstein geschlagen und tapste ins Bad. Der Ausschalter befand sich neben dem Waschbecken.

Das muss ein Sadist ausgeheckt haben, dachte er wütend. Wer weiß denn am Abend, wie müde er noch am Morgen ist? Das Miststück lässt einem keine Chance!

Er duschte, erst heiß, dann kalt, das ermunterte ihn vollends, rasierte sich danach - den Huschelpeter, wie er den Badservanten nannte, nutzte er nur zum Haare schneiden und zur Massage - kleidete sich an und fuhr hinab in den Essraum. Als er ihn betrat, rief er „Hallo!“ und winkte unbestimmt. Er hielt es für weltmännisch. Die zunächst Sitzenden hoben lässig die Hand, ohne sich in ihren Gesprächen stören zu lassen.

Wie an jedem Morgen musste er erst das Programm des Servier-Servanten ergänzen. Der hier übliche Haferflockenbrei widerstand ihm. Sein europäischer Magen verlangte nach Brötchen, nach Butter, Wurst, Honig und vor allem nach starkem Kaffee. Während er auf die Erfüllung seiner Sonderwünsche wartete, was einige Zeit dauerte, weil nur Kräutertee tischfertig bereit stand, beobachtete er die Mitbewohner des Heimes - Studenten der Hochschule für Landwirtschaft. Seine Kontakte zu den jungen Leuten beschränkten sich auf einen freundlichen Gruß, wenn er mit ihnen zusammentraf. Sie luden ihn stets zu ihren lautstarken Abendgeselligkeiten ein, doch er hatte immer einen Vorwand gefunden, sich davor zu drücken. Er fühlte sich fremd unter ihnen. Sie behandelten ihn wie einen Onkel in reiferen Jahren, dem man zwar Respekt bezeigt und dessen Schrullen man toleriert, mit dem man aber nichts Rechtes anzufangen weiß. Wozu also hätte er bei ihnen hocken und sich und sie langweilen sollen? Sie hätten sich seinetwegen nur Zwang auferlegt.

Seine Blicke verweilten, wie jedes Mal, wenn er sie sah, bei einem der Mädchen, das ihn in bestimmten Gesten an Wanda, seine Freundin im heimatlichen Greifswald, erinnerte. Ein merkwürdiges Spiel der Natur. Sollte er sie einfach mal ansprechen, nur so, um festzustellen, wie weit diese Ähnlichkeit ging? Wie hätte er seinen Annäherungsversuch begründen sollen? Damit, dass er an seine Freundin denkt, wenn er sie erblickt? Dass sie seine Sehnsucht nach ihr weckt, sie fast ins Unerträgliche steigert? Das dürfte sie wohl als ziemlich geschmacklos empfinden.

Nun hob sie die Augen, ihre Blicke trafen sich, nur kurz, dann sah er beiseite. Ihm war bewusst geworden, dass sie sein Anstarren belästigen musste.

Er dachte viel an Wanda, voller Unruhe wegen der Eigenart des zwischen ihnen entstandenen Verhältnisses, nicht Fisch noch Fleisch, mehr als Freundschaft, weniger als verpflichtende dauerhafte Beziehung. Es lag an ihr. Sie wich aus, suchte offen zu halten, behielt sich Selbständigkeit vor ... obwohl sie ihn wollte. Doch sie wollte auch kein Quäntchen ihrer Freiheit aufgeben. So lange sie zusammen waren, hatte er sich mit ihrem Selbständigkeitstick abgefunden, aber nun ... ein Jahr ist lang, und wer weiß ... da sie sich doch frei fühlte, ungebunden, ihm keinerlei Rechte auf sie zugestanden hatte, die über den Rahmen einer engen Freundschaft hinausgingen.

Kennengelernt hatten sie sich im Persönlichen Arbeitskreis, ein freiwilliger Dienst für die Gesellschaft, zu dem sich Universitätsangehörige verpflichtet fühlten. Nichtteilnahme hätte bedeutet, sich außerhalb der Gemeinschaft zu stellen und auf deren Unterstützung zu verzichten, was einem Unvermögen gleich kam, im Team wirken zu können. Der Studentenrat hätte sich brüskiert gefühlt, die Innung wäre ihm verschlossen gewesen, eine erfolgreiche berufliche Laufbahn erschwert.

Der Zufall hatte es gefügt, dass sie zwei nebeneinander liegende Parzellen im Arboretum betreuten, sie Philologiestudentin im ersten Semester, er bereits mit der Diplomarbeit befasster Historiker. Im Persönlichen Arbeitskreis durften nur einfachste Geräte verwendet werden. Es ging um die Gewöhnung an Handarbeit, darum, der Abhängigkeit von den Automaten, den Servanten jeder Art, entgegenzuwirken, nicht zuletzt aber auch darum, Verantwortungsgefühl für Dinge außerhalb von Beruf und Familie zu wecken. Es ergab sich von selbst, dass sie sich gegenseitig halfen.

Er brachte mehr guten Willen als Talent zu körperlicher Arbeit mit, während Wanda Blick und Gefühl für Praktisches besaß und, sein Ungeschick bald bemerkend, Ratschläge gab und auch notfalls bei ihm mit zufasste. Ein bisschen empfand sie sich wohl als sein Lehrmeister oder Pate, fühlte sich für ihn verantwortlich, so die ungeschriebene hierarchische Rangfolge suspendierend, nach der sie der Anfänger und er der erfahrene Fast-Absolvent war. Fünf Jahre Altersunterschied spielen keine Rolle zwischen einem jungen Mädchen und einem noch jungen Mann, wenn sie erst einmal vertraut miteinander geworden sind. Und das geschah ziemlich rasch.

Vor seiner Abreise hatten sie sich geeinigt, auf Anrufe zu verzichten: Die Zeitverschiebung, die Ungewissheit, ob man gerade störe bei einer wichtigen Beschäftigung. Stattdessen wollten sie sich schreiben. Im Briefe, so herrlich nostalgisch, hatten sie gemeint, ließen sich Gedanken besser ordnen als beim üblichen spontanen Gespräch per Distanz. Das Persönlichste wird oft erst beim Schreiben offenbar, zwingt zur Reflexion der Gedanken und Gefühle.

Das Briefeschreiben war unter den Studenten in den letzten Jahren wieder groß in Mode gekommen, im Gefolge der mächtigen Nostalgiewelle, die fast ganz Europa erfasst hatte. Es galt als grandios, sich lange Briefe mit der Hand zu schreiben, wie es seit Jahrhunderten Menschen taten, die sich Dinge mitteilen wollten, die nur für sie bestimmt waren. Auch Wanda frönte diesem zeitaufwendigen Hobby. Leider nicht mit erwünschter Regelmäßigkeit. Bisher hatte er erst einen Brief von ihr erhalten, recht allgemeinen Inhalts und große Eile verratend. Sie war wohl stark beschäftigt ... womit ...? Man kann sich allerlei denken. Seine Antwort war entsprechend kühl ausgefallen.

Der Servant servierte endlich.

Adam frühstückte gemächlich. Der Kaffee, heiß und stark, wie er ihn liebte, das Algengelee, na ja, die Erdnussbutter klebrig, das Brot flockig weiß und weich wie Watte. Eine derbe Schwarzbrotstulle müsste man mal wieder beißen können, dachte er. Im Haferflockenbrei, nicht bestellt und trotzdem geliefert, weil ein Frühstück ohne ihn hier nicht denkbar war, rührte er nur mit dem Löffel.

Er konnte frei über seine Zeit verfügen, doch er, an feste Arbeitszeiten gewöhnt, hatte es sich zur Pflicht gemacht, das Studio des Archivs um Punkt acht Uhr zu betreten und es erst wieder zu verlassen, wenn um sechzehn Uhr geschlossen wurde.

Den Mittagsimbiss konnte er in der „Butike“ der Archivangestellten, wie der kleine Ruheraum mit Speisemöglichkeit genannt wurde, einnehmen. Sein großes Schlafbedürfnis, Folge der ungewohnten Höhenluft, brachte ihn jeden Morgen in Konflikt mit seinem Pflichtbewusstsein; er war stolz darauf, dass er der Versuchung, bis in den Vormittag hinein zu schlafen, noch niemals erlegen war. Die Erbarmungslosigkeit des Weckrufers ersetzte seinen nicht so starken Willen. Immerhin, das Weckprogramm tippte er abends ein, kämpfte damit erfolgreich gegen den Widerstand seines schlafhungrigen Leibs, schlug ihm gewissermaßen ein Schnippchen. Denn er wusste um seine Schwäche.

Jetzt allerdings begann er sich zu fragen, welchen Sinn seine tägliche Selbstüberwindung eigentlich noch habe. Fast zwei Monate lang hatte er nun schon Quellenmaterial gesichtet, ohne etwas gefunden zu haben, das geeignet gewesen wäre, seiner Dissertationsarbeit die wünschenswerten Glanzlichter aufzustecken.

Sein Thema, an dem er ein Jahr lang in Greenley, im Zentralarchiv für Publikationen des zwanzigsten bis zweiundzwanzigsten Jahrhunderts im nordamerikanischen Raum, arbeiten wollte, hieß: „Publizistische Äußerungen in Massenmedien als nutzbares Quellenmaterial für den Geschichtsforscher“.

Da im Archiv sämtliche Original-Drucke und Original-Aufzeichnungen bewahrt wurden, hatte er geglaubt, ein erholsames Jahr genießen zu können. Ein Irrtum, wie sich herausgestellt hatte. Gerade die unübersehbare Fülle der Exponate brachte ihn zur Verzweiflung. Sie waren widersprüchlich, unverständlich oft, enthielten kaum Angaben von dokumentarischem Wert, mit denen er hätte etwas anfangen können. Ihn bedrückte auch, dass der abgelegene Ort keine Möglichkeiten bot, Beziehungen anzuknüpfen oder zu festigen, die ein junger, strebsamer Wissenschaftler nun mal braucht, um voranzukommen. Er strampelte, am Rande der Welt gewissermaßen, wie die berühmte Fliege in der Milch, doch die rettenden Butterklümpchen wollten sich nicht bilden.

In Greenley, verschlafene Landstadt auf der Hochebene östlich der Rocky Mountains, nördlich von Denver, schien die Zeit stehengeblieben zu sein. Ein Ort im Grünen. Es gab hier sogar noch Straßen mit Einzelhäusern, von gepflegten Rasenflächen umgeben, unter hohen Platanen, Fichten und Ahornbäumen. Ein erstaunlich weitläufiges und erschreckend stilles Nest, Mittelpunkt eines auf traditionelle Landwirtschaft sowie moderne Methoden der Nahrungsmittelgewinnung spezialisierten Gebietes. Lediglich die berühmte Hochschule für Landwirtschaft und das Zentralarchiv besaßen überregionale Bedeutung, wobei letzteres so gut wie keine Rolle im Leben der Stadt spielte. Viele ihrer Bewohner wussten nicht einmal, wo es sich befand. Es lag außerhalb in westlicher Richtung, in den Bergen, ehemals Sitz einer ständigen Ausstellung von Landmaschinen. Vor dreißig Jahren hatte die regionale Verwaltung das solide, vollklimatisierte Bauwerk der Kulturbehörde zur Verfügung gestellt, und diese - immer in Raumnot - hatte, da die weltabgeschiedene Lage publikumsabhängige Einrichtungen ausschloss, das Archiv in ihm untergebracht.

Adam warf einen Blick auf die Uhr und erhob sich. Es war Zeit, sich auf den Weg zu machen. Die Betreuerinnen des Archivs, zwei Damen reiferen Alters, würden sich beunruhigen, wenn er sich verspätete. Er war zurzeit der einzige Hospitant. Sie brannten darauf, ihm jeden Wunsch zu erfüllen, und auch darauf, sich mit ihm zu unterhalten. Unter zwanzig Minuten kam er selten davon.

Der Rollweg trug ihn den gewaltigen Bergzügen entgegen, deren zerklüftete Kämme aufzackende Gipfel krönten, die, teils schon schneebedeckt, bläulich kalt schimmernd, in den blauen Himmel eingewachsen schienen, als schlössen sie die Welt ab. Bis zu halber Höhe Hochwald, dann Krüppelgehölz, darüber nackter Fels, dessen Farbe je nach Wetter und Winkel der Sonneneinstrahlung zwischen dunklem Grau und hellen Brauntönen wechselte.

Etwas Unnahbares und zugleich Lockendes ging von dieser Hochgebirgssilhouette aus, das ihn, den Mann aus der Norddeutschen Tiefebene, wie ein Anhauch von Außerirdischem anrührte. Es ließ sich nicht in Worte fassen, nur empfinden.

Im Studio des Archivs wurde er schon erwartet, freundliche Begrüßung, dann das obligatorische Gespräch, das die netten Damen fast vollständig bestritten; sie genossen es, dass er da war und sie brauchte. Ihr Tun glich dem unscheinbaren Fleiß von Ameisen, vollzog sich in der Abgeschiedenheit des Archivs. Sie pflegten und konservierten den Thesaurus, der zu kostbar war, um ihn allein der Obhut von Servanten anzuvertrauen. Sie mussten sich emsig regen, kannten wahrhaftig keine Langeweile. Doch das war unpersönlich, Routine, vollzog sich anonym. Wie viel aufregender, dem Gast aus Europa im Studio bei der Arbeit über die Schulter sehen zu können. Der Unterschied zwischen Konfektion und Maßatelier. Wobei in seinem Falle hinzukam, dass er Dauerhospitant war, ihnen schon fest zugehörig, und sämtliche Publikationen eines ganzen Zeitabschnittes durchackerte, die meisten noch so unberührt wie am Tage ihrer Katalogisierung. Er bestätigte ihnen damit, dass hier nicht nur lauter unnützes Zeug lagerte, wie ihre Bekannten in der Stadt abfällig zu äußern liebten.

Endlich auf seinem Stammplatz im Studio setzte er sein Werk fort, Magazine, Tageszeitungen, Dissertationen und Dokumentationen aller Art durchzusehen, abzuhören, auf für ihn wichtige Hinweise hin abzuklopfen und zu verdauen, obwohl er von Tag zu Tag mehr 

empfand, dass das meiste von dem für einen mit normaler Vernunft begabten Menschen unverdaulich sei.

Er hatte zuvor keine Vorstellung davon gehabt, wer alles und womit bemüht gewesen war, den Geist der Amerikaner des 21. Jahrhunderts zu verwirren. Die meisten Schwierigkeiten bereiteten ihm die dickleibigen Magazine, zur Hälfte mit ganzseitigen Reklamen gefüllt für Dinge, deren Sinn er kaum erahnte, der Rest erschütternd flache, sinnlose Geschichten und einige wenige auf das Zeitgeschehen bezogene Artikel, die ihn aber mehr verwirrten als belehrten. Die vielfältigen Anspielungen, Bezugnahmen, Ironismen und dergleichen mehr erschwerten das Verständnis zusätzlich. Am informativsten war noch die Fülle der Fotos.

Aber schon die Bildunterschriften ließen mehr Fragen als Antworten entstehen … trotz wort- beziehungsweise sinngetreuer Übertragung durch den Archiv-Servanten in Interling - ein Kurzwort für „Lingua artistico simpla el Mundo entere“, dieser sperrige Begriff war nur noch Fachleuten bekannt – der Weltsprache, die bereits die Kleinsten neben ihrer jeweiligen Muttersprache lernten.

Als der bevorstehende Zusammenschluss zur Großen Völkerunion eine gemeinsame Sprache dringlich machte, wurde deren Auswahl einem Kongress übertragen. Diese scheinbar einfache Aufgabe komplizierte sich unerwartet, weil neben Englisch, Russisch, Deutsch, Französisch, Spanisch auch noch Chinesisch vorgeschlagen wurde mit der Begründung, das werde ohnehin bereits von fast einem Drittel aller Erdbewohner gesprochen, es sei nur recht und billig, wenn sich der Rest der Menschheit anbequeme. Dagegen polemisierten die Anhänger der europäischen Sprachen, brachten gewichtige Gegengründe vor wie: Zu schwer erlernbar für Nichtasiaten, die Schrift auch in modifizierter Form untauglich für gedachten Zweck, ohne indes die chinesische Delegation zur Rücknahme ihres Antrages bewegen zu können. Nach wochenlangen heftigen Debatten drohte der Kongress ergebnislos auseinanderzugehen. Es war klar, dass unter diesen Umständen keine der vorgeschlagenen Sprachen die Zwei-Drittel-Mehrheit erhalten konnte.

Einen Ausweg aus der Sackgasse wiesen schließlich die Vertreter der spanisch sprechenden Länder, nachdem sie sich intern beraten hatten. Da Einigung auf eine der Nationalsprachen offenbar unmöglich, zögen sie ihren eigenen Antrag zurück, brächten dafür aber einen neuen ein. Sie schlügen vor, eine Kunstsprache nach dem Vorbild des Esperanto zu wählen. Das System liege vor, es brauche lediglich den aktuellen Bedürfnissen angepasst zu werden. Weder sei kulturelle Überfremdung davon zu befürchten, noch Verletzung von Nationalgefühlen, was in jedem anderen Falle unvermeidlich sei.

Die Mehrzahl der Delegierten bezeichnete den Vorschlag als unreal. Die Kosten für das Einführen eines völlig neuen Lehrfaches weltweit seien viel zu hoch, es fehle an ausgebildetem Lehrpersonal und an geeigneten Unterrichtsmethoden. Dennoch musste er, da einmal gestellt, auf die Vorschlagsliste gesetzt werden, als der Kongress, um gegenüber der Weltöffentlichkeit das Gesicht zu wahren, die mit wachsender Ungeduld ein Ergebnis verlangte, endlich die Wahl beschloss.

Die ersten beiden Wahlgänge endeten wie erwartet, keine der vorgeschlagenen Sprachen erhielt eine nennenswerte Mehrheit. Doch dann brachte der dritte und letzte Wahlgang die Riesenüberraschung: 72,6 % der Delegierten hatten für die Kunstsprache votiert und sie zur Weltsprache gekürt.

Interling hatte sich dann rasch durchgesetzt, man bediente sich der Kunstsprache bald an jedem Ort ebenso mühelos wie der Muttersprache, die jedoch ihre Bedeutung behielt, nicht zuletzt als künstlerisches Ausdrucksmittel, wie denn jegliches Kunstbemühen in den Traditionen der jeweiligen Nationalkultur wurzelt und von daher Impulse für die Eigenart von Inhalten und Formen empfängt.

Hatte sich Adam nicht doch mit seinem Vorhaben übernommen?

In ihm festigte sich die Meinung, dieses transozeane Land müsse damals Psychopaten ausgeliefert gewesen sein. Wer anders hätte sich noch Ende des einundzwanzigsten Jahrhunderts für ein fliegendes Kriegsschiff, getarnt als „Fliegendes Forschungslabor“, begeistern können? Ein Begriff, der seither in allen möglichen Variationen zum Grundvokabular der meisten Publizisten zu gehören schien und damals mit wachsender Hysterie verwendet worden war, so, als bedrohten Monster aus dem Weltall die Erde und könnten jeden Augenblick über sie herfallen. Der Irrsinn gipfelte in dem berüchtigtsten Projekt namens „Löwentatze“ - eben jenes „Fliegende Forschungslabor“ -, dazu bestimmt, Milliarden Menschen in Europa und Asien umzubringen, was gerade noch in letzter Stunde verhindert werden konnte.

Obwohl das genau in sein Thema passte, ließ es sich doch nur allenfalls als bekanntes Beispiel verwenden. Die das Mordprojekt „Löwentatze“ betreffenden Fakten waren in den seitdem vergangenen fast zweihundert Jahren längst bis ins Detail erforscht und be- und verurteilt.

Es war zum Verzweifeln: Berge von Stoff und trotzdem kein Ansatzpunkt für seine Arbeit. Er sah sich in einem Irrgarten, aus dem scheinbar kein Weg zu neuen oder wenigstens originellen Erkenntnissen führte, die man nach so langem intensivem Forschen zu Recht von ihm erwarten durfte. Und allmählich lief ihm die Zeit davon.

Am Abend schrieb er an Wanda, obgleich eigentlich sie an der Reihe war. Er musste sich Luft machen und hatte sonst niemanden, dem er sich anvertrauen mochte.

Liebe Wanda,

warum vernachlässigst du mich? Ich dürste nach ein paar Zeilen von dir wie ein in die Wüste Verschlagener nach Wasser. Ich werde hier langsam trübsinnig, die endlos weite Ebene, die gewaltigen Höhenzüge - mir fehlt die See. Zu den jungen Leuten finde ich noch immer keinen Kontakt. Unsere Interessen sind wohl zu verschieden. Wir grüßen uns freundlich und leben nebeneinander her. Ich führe ein Einsiedlerdasein.

Doch viel mehr deprimiert mich, dass ich mit meiner Arbeit im Archiv nicht vorankomme, obwohl ich schon ungeheuer viel Material gesichtet habe. Je tiefer ich eindringe, desto widersprüchlicher, verworrener, unverständlicher erscheint mir alles. Mir ist, als müsste ich einen Code entziffern, zu dem der Schlüssel verloren ging. Ich sehe, lese, höre ... aber wie ein Fremder in einem Land, dessen Sprache er nicht versteht.

Ich glaubte, alles Wesentliche über jene Zeit zu wissen, jetzt habe ich begriffen, ich kannte nur die großen Zusammenhänge, kaum etwas von der Unmenge scheinbarer Nebensächlichkeiten, die ebenfalls zum Sachkomplex gehören und erst in ihrer Gesamtheit das reale Bild der Epoche ergeben. Doch deren Zeugnisse sind so vieldeutig, dass ich nicht zu erkennen vermag, was das Geschehen damals wirklich beeinflusst hat und in welchem Maße. Kaum habe ich eine Einsicht gewonnen, wird sie von der nächsten Quelle über den Haufen geworfen. Ich bin völlig konfus und, was noch schlimmer ist, mutlos.

Am liebsten möchte ich alles hinschmeißen und nach Hause, ins schöne alte Greifswald zurückflüchten. Wozu quäle ich mich hier? Es hat ja doch keinen Sinn. Und wäre nicht die Furcht vor der Blamage ...

Ich bitte dich, schreib mir! Bald! Von dir, von der lieben kleinen Stadt, von den Querköpfereien unserer Meistermacher, die von hier aus nicht ganz so groß erscheinen wie ihren Adepten vor Ort. Um die Wahrheit zu sagen, ich habe grausames Heimweh. Glaub mir, das ist ein schlimmes Leiden, es äußerst sich als schmerzende Sehnsucht ... unter anderem nach dir.

Dein Adam

Schon nach zwei Tagen traf ihre Antwort ein.

Hallochen, Adam,

du machst mich schwach! Du weißt doch, dass ich vor der Prüfung stehe und wie irre ackern muss. Ich finde kaum Zeit zum Essen und Schlafen. Und dann nervst du mich mit deinem Versagerkomplex. Entschuldige schon, aber mir kommen die Tränen ob deines Jammerbriefes. Schäme dich! Ein erwachsener Mensch und stellt sich an wie ein Vögelchen, das aus dem Nest gefallen ist. Sehnsucht ...! Na und? Habe ich auch, aber deswegen die Prüfung schmeißen? Ehrlich, Adam, du solltest dich mehr beherrschen!

Nun zu deinen Schwierigkeiten: In meinem dummen Sinn denke ich mir, dass sich jedes Problem mit logischem Denken und einiger Systematik lösen lassen müsste. Mir scheint, du hast so was wie eine Gleichung mit vielen Unbekannten vor dir, mit der du nicht zurechtkommst. Das kann nur eine Ursache haben - dein Ansatz ist falsch!

Im Prinzip interessieren mich lebende Historiker weitaus mehr als tote Historie, doch auch die Philologie hat ihre Geschichte; sie ist, erinnere dich, voller Analogien zu deinem Fall. Denk nur mal an die Keilschrift und die ägyptischen Hieroglyphen, die den zeitgenössischen Fachleuten nicht nur als Codes ohne Schlüssel erschienen. Es war tatsächlich an dem. Bis es nach jahrhundertlangem Umherrätseln Grotefend und Champollion gelang, diese Codes zu knacken, indem sie von einzelnen Wörtern ausgingen, deren Sinn deutbar war. Was natürlich nun stark vereinfacht ist, Adam. Aber das Prinzip, verstehst du, das Prinzip! Du brauchst wahrscheinlich einen Bezugspunkt, von dem aus sich das Faktenchaos ordnen lässt.

Damit enthülle ich dir sicher kein Geheimnis. Dass du dennoch schwimmst, liegt, wie ich vermute, daran, dass du gewöhnt bist, alles mit den Augen der Autoritäten deiner Zunft anzustarren. Mein Vorschlag: Versuche mal, deine eigenen zu gebrauchen! Schließlich waren nicht mal die antiken Götter unfehlbar, wie man weiß.

Ich bin gut in Ratschlägen, was? Ach, verstehst du, es regt mich einfach auf, dass sich ein Kerl wie du, der doch allerhand - zumindest fachlich - auf der Pfanne hat, so anstellt, als sähe er den Wald vor lauter Bäumen nicht, obwohl du doch nur das beschissene Brett vor deinem Kopf weg tun musst statt zu jammern!

Das als Kopfwäsche.

In unserem alten Greifswald sind die Meistermacher immer noch die Größten und versichern es sich gegenseitig. Die X und der Y liefen nun endgültig auseinander, der Klatsch muss sich neue Opfer suchen. Im Frühjahr soll mit der Renovierung der Aula begonnen werden, jetzt sucht man verzweifelt nach Leuten, die noch Ahnung von mittelalterlichen Bautechniken haben und merkt auf einmal, dass unsere nostalgische Bewegung - dir zur Kenntnis, ich mische seit vier Wochen im Vorstand mit - die einzige Quelle ist, aus der man fischen kann. Was aber noch lange nicht bedeutet, dass man sie, unsere „Weck-Bewegung“ ... treffender Begriff, 

oder?... nun mit freundlicheren Augen betrachtet. Wir sind ihnen nach wie vor die Aufmüpfigen, die am altehrwürdigen Zopf herumschnippeln statt ihn zu bewundern. Erst vorige Woche bezogen wir wieder mal Dresche seitens der halbkundigen Fachwelt, weil wir, ohne zuvor ihren Segen einzuholen, in der Eldenaer Klosterruine ein Konzert organisiert hatten, das die Freunde von den Bänken riss: Alte Musik - Jazz, Rock und so - mit den von uns restaurierten Originalinstrumenten aus deren Zeit. Das Wehgeschrei hallte bis in die umliegenden Orte. Oh! Diese verderbte Jugend! Das alte Lied. Hier singt man es nach wie vor. Danach brauchst du dich wirklich nicht zu sehnen. Ehrlich, ich beneide dich, du bist mal raus aus diesem Mief von Tradition, Überzeugung von der eigenen Unfehlbarkeit und penetrantem Rechtdenken. Du bist frei und nur dir selbst verantwortlich. Wenn ich könnte, wie ich wollte, stünde ich morgen vor deiner Tür. Ich sehne mich sehr ... nach Höhenluft, nach Weite und anderen Tapeten und ein bisschen auch nach dir. Aber bilde dir ja nichts darauf ein. Ich wüsste auch nichts, was du mit mir anfangen wolltest, wo du doch nicht mal mit deinen eigenen Problemen klar kommst.

Wann ich dir das nächste Mal schreibe, weiß ich noch nicht. Es kann sehr lange dauern, vielleicht bis zum Frühjahr. Sei mir bitte deswegen nicht böse, es ist einfach nicht drin ... ich ertrinke fast vor Arbeit: das Examen, die Diplomarbeit und das ganze Programm. Die Nostalgiker, ich meine die Weckbewegung, die ich auch nicht hängen lassen kann, wo ich doch gerade erst gewählt bin - ich hoffe, du verstehst. Tust du doch?

Alsdann, mein Alter, reiß dich zusammen und fühle dich geküsst von deiner

Wanda

Ihn bewegten widersprüchliche Gedanken, als er den Brief aus der Hand legte. Das war typisch Wanda: klug, resolut, scharfzüngig, ein unter ständigem Hochdruck stehender Dampfkessel und betriebsam wie ein Hochhauslift. Die lange Trennung von ihm schien sie aber gut ertragen zu können. Oder wollte sie es ihm nur leichter machen? Doch ihre Ankündigung, sie werde nun monatelang nichts mehr von sich hören lassen, war nicht eben dazu angetan.

Sein Puls ging schneller, als er sich vorstellte, sie wäre ihrem Impuls gefolgt und stünde plötzlich in seinem Zimmer. Er sah sie vor sich: im hellgrauen Reisedress, in der Pose „Hier bin ich!“ - sogleich von ihm und dem Apartment Besitz ergreifend. Ihre großen, grauen, etwas schräg geschnittenen Augen mustern ihn prüfend, als überlege sie bereits, was an ihm zu verändern sei. Sie war nur mittelgroß, wirkte aber stämmig, jedenfalls kräftig, dabei erregend weiblich. Ein weiches, rundes Blondinchen. Die Nase ... na ja ... mit einem kecken Stups, nicht gerade klassisch. Das rundliche Gesicht unter der kurzen Ponyfrisur, die vollen Lippen um den großen, immer wie zum Lachen bereiten Mund, die ziemlich ausgeprägten Wangenknochen verhießen ein heiteres Naturell, Gutmütigkeit und Hingabefähigkeit, doch mit einem Hauch von Strenge darüber. Vielleicht machte das das kleine, aber feste und eine Winzigkeit vorstehende Kinn, möglich aber auch, dass ihre ganze Haltung dazu beitrug. Sie hielt sich sehr gerade, wie Distanz fordernd. Ach ja, sie war schon ein kapriziöses Geschöpf ... und nicht nur äußerlich. Manitou und ich wissen Bescheid: oben Schokolade, darunter Stahlbeton ... wenn sie es so will. Die Natur muss ihren Willen aus Edelstahl gemacht haben.

Er seufzte sein Fantasiebild weg.

Was das andere betrifft, dachte er, das Brett vor meinem Kopf, obwohl wenig schmeichelhaft für mich, auf jeden Fall bedenkenswert. Man wird ja wirklich unmerklich zum Ableger des geistigen Ziehvaters, sieht mit dessen Augen, bedient sich seiner Methoden. Selbstverständlich, welcher denn sonst? Was aber, wenn sie nicht zum Ziel führen, weil aus einer anders gearteten Praxis heraus entwickelt? Dann steht man wie vor einer Mauer und resigniert. Dabei brauchte man vielleicht nur um die Ecke zu gehen, um eine Tür zu finden. Ich glaube, genau das hat Wanda gemeint. Wobei sie mich, bei Lichte gesehen, als Wissenschaftler abqualifiziert ... weil sie mich indirekt der Todsünde zeiht, nur anerkannte Lehre bestätigen zu wollen, statt unvoreingenommen nach Erkenntnis zu forschen, was allein wissenschaftliche Arbeit als solche legitimiert.

Muss ich mir diesen Vorwurf zuziehen? Er überlegte und kam zu dem Schluss: Nein ... oder doch nur bedingt. Wenn ich mir etwas vorzuwerfen habe, dann lediglich mein Unvermögen, gleich den richtigen Zipfel zu erwischen. Und dass ich deswegen versucht war, aufzustecken. Aber auch weitaus Größere sind schon schwach geworden in vergleichbaren Situationen.

Nun gut ... beschlafen wir die Sache erst mal.

Wandas Brief hatte Adam bewusst gemacht, dass er endlich eine Konzeption finden musste. Er verbrachte Stunden damit, darüber nachzudenken, wie sie aussehen könnte und wie er weiter vorgehen sollte, nachdem seine bisherigen Forschungen so gut wie kein nennenswertes Ergebnis gezeitigt hatten.

Auf jeden Fall schien es uneffektiv, weiterhin ziellos, auf eine vage Hoffnung hin, in den Medienrelikten zu wühlen. In den Unmassen von Exponaten, die er inzwischen durchgesehen hatte, war nichts zu entdecken gewesen, dem nachzugehen etwas in der Art versprochen hätte, wie es seinem Mentor, Professor Delgare, und ihm bei der Formulierung seines Themas vorgeschwebt hatte. Die Vorstellung, das Archivmaterial könne eine sprudelnde Quelle neuer Erkenntnisse sein, war illusionär.

Eine Niederlage ...?

Nun, nicht unbedingt ... in der Medizin gilt ein negativer Befund als erleichternd positiv. Es kommt immer auf den Standpunkt an, von dem aus man ein Ergebnis betrachtet.

Sein Thema klang zwar programmatisch, ließ sich aber durchaus auch anders interpretieren, wenn er die Arbeit anders anlegte. Wie ...? Eine verdammt gute Frage und verdammt schwer zu beantworten.

Aber eigentlich blieb ihm ja kaum eine Wahl. Wenn er Delgare nicht brüskieren wollte, indem er dessen Intentionen ad absurdum führte und ihn solcherweise als notorischen Fantasten denunzierte, was natürlich nicht in Betracht kam, konnte er nur noch auf ein Ausweichmanöver sinnen.

Vielleicht, überlegte er, sollte ich die retrospektive Betrachtung eines besonders spektakulären Zeitereignisses zum Schwerpunkt meiner Arbeit machen? Die Löwentatzenaffäre böte sich an; ihrer Monströsität und schrecklichen Folgen wegen, nicht zuletzt aber auch wegen ihrer gravierenden Auswirkungen auf das Verhalten der Menschen zueinander Ende des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Die Vorgänge damals waren allerdings rundum erforscht, transparent wie ein frisch geputztes Fenster, doch mit einem kleinen Dreh, einem präzisierenden Unterthema, wie „Hintergründe und Folgen des Löwentatzendramas in der Sicht zeitgenössischer Massenmedien“ oder so ähnlich, wäre schon noch einiges herauszuholen.

Vor allem enthöbe es ihn des Zwanges, gänzlich neue Erkenntnisse beizubringen, wenn er auf eine Studie des Zeitgeistes umstiege, wie er sich in den Druckerzeugnissen jener Jahre widerspiegelte; am Beispiel einiger in den Eklat verstrickter Personen ließen sich Methoden, Prinzipien und Grenzen damaligen publizistischen Wirkens anschaulich vorführen.

Angesichts der Rivalitäten an der Fakultät könnte sich eine solcherweise gestaltete Konzeption sogar als taktischer Vorteil erweisen. Die Prüfer aus dem gegnerischen Lager würden möglicherweise objektiver urteilen als sonst zu befürchten für einen erklärten Parteigänger Delgares, weil nicht provoziert, eigene Positionen zu verteidigen.

So viel Adam auch grübelte, etwas Besseres wollte ihm nicht einfallen.

Also mach ich es so, entschloss er sich endlich. Väterchen Delgare wird zwar enttäuscht sein, wenn ich Fisch statt des erhofften kapitalen Bocks nach Hause bringe, aber es ist nicht meine Schuld, dass ich in dem Revier, das er mir zubestimmt hat, keinen vor die Flinte bekommen habe.

Danach fühlte er sich wie ein Pfadfinder, der nach stundenlangem Umherirren im Walde in der Ferne das Lagerfeuer seiner Gruppe erblickt.

Kapitel II

Während der beiden folgenden Tage fütterte Adam den Archiv-Servanten mit den bisher vorliegenden Aufzeichnungen und ließ nach ursächlichen Zusammenhängen suchen, in der Hoffnung, auf diese Weise einen Anhalt für sein weiteres Vorgehen zu finden. Das Ergebnis lohnte den Aufwand. Es stellte sich heraus, dass fast alles direkt oder indirekt zwei Problemkreise tangierte, die wiederum miteinander korrespondierten.

Der eine war die Massenbewegung, die nach langem, opferreichem Kampf gesiegt und die längst überfällige gesellschaftliche Umwälzung erzwungen hatte, so endlich das letzte Hindernis für die „Große Völkerunion“ beseitigend - nach Platon als Idealstaat „Politeia“ von den Völkern betitelt, dieser Idealvorstellung menschlichen Zusammenlebens - für ihn das wichtigste und bedeutendste Geschehen jener Zeit, verlockend, darüber zu arbeiten.

Sein Thema verwies ihn jedoch auf die Jahrzehnte davor, auf die Zeit der letzten krampfhaften Versuche der Plutokraten, sich die Welt erneut zu unterwerfen, die in dem ungeheuerlichsten Massenmordplan der an Massenmorden wahrlich nicht armen Geschichte gipfelten, jenem „Fliegenden Forschungslabor“ - die Medien hatten es „Löwentatze“ genannt - das sich dann als Sternenkriegsschiff entpuppte, dem anderen Komplex, den ihm der Servant annonciert hatte.

Die vorliegenden Indizien ließen keinen Zweifel daran, dass von dem sagenhaften Kosmosungetüm aus kurzlebige biogenetische Toxine verstäubt werden sollten, die, nur auf den menschlichen Chromosomensatz wirkend - geruchlos, unsichtbar, vor Einsetzen der Wirkung kaum nachweisbar - bei jeder Erdumkreisung auf einem Streifen von mehreren hundert Kilometern Breite jeden menschlichen Organismus ohne vorangehende Krankheitssymptome blitzartig töteten.

Ein teuflischer Plan!

Doch es war den Verantwortlichen gelungen, alles Beweismaterial rechtzeitig zu vernichten, auf das sich die von der Weltöffentlichkeit geforderte Anklage wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit hätte stützen können. Am Ende schien es, als hätten die Völker der Erde nur einen Alptraum gehabt.

Auch heute ließ sich anhand amtlicher Dokumente lediglich beweisen, dass das Sternenkriegsmonstrum für ungeheure Kosten auf dem Mond gebaut worden war, kostspieligstes Kriegsinstrument aller Zeiten, und - eben fertiggestellt - unter dem Druck der sich gerade formierten „Großen Völkerunion“ sogleich wieder abgewrackt werden musste. Und dass beides - Bau und Verschrotten - trotz unmäßigsten Anziehens der Steuerschraube den regionalen Haushalt derart belastet hatte, dass sich die Regierung dieser Region schließlich gezwungen sah, ihre Zahlungsunfähigkeit zu erklären.

Offensichtlich, überlegte Adam, hängt alles Geschehen in jener Zeit mit dem Höhepunkt des Sternenkriegswahnsinns zusammen. Es beeinflusste jeden Bereich des nationalen Lebens, aber dieses Stoffgebiet ist längst gründlich durchforstet und ausgiebig kommentiert, kaum denkbar, dass sich da noch eine vergessene Rosine herauspolken lässt. Was soll’s also?

Allerdings, grübelte er weiter, gilt das mehr für den Gesamtvorgang, hinsichtlich seiner Ursachen und Ergebnisse und deren Folgen. Das Umfeld hat meines Wissens noch niemand beackert. Eigentlich seltsam, dass über ein Projekt, an dem ganze Industrien beteiligt waren, keine Details bekannt geworden sind. Sicher, die Verbrecherchefs hatten die höchste Geheimhaltungsstufe befohlen, und niemand Außenstehender ist an das Unding herangekommen. Die Abwehrmaßnahmen und das Ultimatum der „Großen Völkerunion“ entsprangen einem sehr ungefähren Wissen um die drohende Gefahr, nur den Fertigstellungstermin hatte sie nach durchgesickerten Informationen über Personal- und Materialbewegungen vorausberechnen und dadurch den optimalen Zeitpunkt für ihr Eingreifen abwarten können.

Dennoch, ein derartiges Riesengeschäft kann einfach nicht unbemerkt geblieben sein. Es muss Finanzierungsdebatten gegeben haben, Konkurrenzkämpfe, Korruptionsskandale und Ähnliches, das Auswirkungen auf einen größeren Personenkreis hatte, somit an die Öffentlichkeit drang, ohne indes mit dem Massenmordprojekt in Verbindung gebracht zu werden. Solche Dinge schlagen sich nicht in offiziellen Dokumenten nieder, sondern höchstens in der Medienmakulatur jener Zeit. Wenn Namen genannt und Verbindungen angedeutet wurden, dann in ihr. Wie, wenn er sich einen besonders miesen Typ vornähme, ihm nachspürte, seine dunklen Geschäfte zu entwirren suchte? Vielleicht führte ihn der Bursche auf eine Spur, der zu folgen sich lohnte. Na, und wenn nicht, ein paar themengerechte Beispiele sprängen auf jeden Fall dabei heraus. Also, nahm er sich vor, gehe ich es halt mal von der Seite her an. Probieren geht über studieren. Man wird ja sehen ...

Sein Vorhaben erwies sich als unerwartet bleiern. Skandale und lautstark ausgetragene Wirtschaftskämpfe genug, aber nichts, was auf Differenzen zwischen den Großen schließen ließ. Es schien, als hätten sie ihre Anteile am Löwentatzengeschäft zuvor ausgehandelt und so was wie ein Ad-hoc-Kartell gebildet, dessen Manager dafür sorgten, dass keinerlei Interna durchsickerten. Zwar beschäftigten sich die Publikationen ausgiebig mit Konzernen, Trusts, Banken, doch blieben die sie beherrschenden Personen anonym. Wenn Namen genannt wurden, stellte sich jedes Mal heraus, dass es sich nur um leitende Angestellte handelte, um Ausführende also, die ihm nichts nützten.

Endlich, als er schon erwog, das scheinbar zwecklose Suchen aufzugeben, stieß er auf einen gewissen Arthur T. Homespun, den die Wirtschaftsjournale - aber schon nach dem Scheitern des Monsterprojektes - teils heftig anfeindeten, teils als genialen Selfmademan bewunderten. Es ging dabei um ungewöhnlich erfolgreiche Börsenspekulationen im Zusammenhang mit einem Schrottmonopol.

In Ermangelung eines geeigneteren Vorhabens entschloss sich Adam noch ein paar Tage ans Bein zu binden und wenigstens diesen Homespun unter die Lupe zu nehmen. Er versprach sich nicht viel davon. Ein Außenseiter offenbar, der durch besonders skrupellose Machenschaften auf sich aufmerksam gemacht hatte. Insofern passte er in sein Thema, als Demonstrationsobjekt vielleicht. Und das wäre ja auch schon was.

Nach Tagen mühseligen Suchens schien ihm, er habe wider Erwarten einen glücklichen Griff getan. Nach einer Woche war er sich dessen sicher. Dank der hervorragenden Archivtechnik, die er nun gezielt einsetzen konnte, hatte er in Skandalblättern, deren Daseinszweck offenbar darin bestand, Klatsch zu verbreiten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens durchzuhecheln, einige Notizen entdeckt, giftige Anmerkungen eigentlich nur, denen er unter anderen Umständen, selbst wenn er zufällig auf sie gestoßen wäre, keine Beachtung geschenkt hätte. Die einzelnen Giftspritzer boten nur Details, pikant zwar, aber unbedeutend, doch in ihrer Gesamtheit erhellten sie, dass Homespun den Grundstock zu seinem Vermögen als Makler für Personen in allerhöchsten Regierungspositionen gelegt hatte, wobei der legale Charakter der von ihm im Auftrage dieser Persönlichkeiten betriebenen Geschäfte sehr offen angezweifelt wurde. Diese Beziehungen, hieß es, seien niemals abgerissen, dauerten an, würden nur verheimlicht. Der Griff in die Staatskasse erfolge nach wie vor. Nur Homespun wurde mit Namen genannt, sein Hauptboss figurierte als Mister P. Aus verschiedenen Anspielungen ließ sich jedoch unschwer erkennen, dass es sich um den damaligen Präsidenten der Regional-Regierung handelte, der solcherweise indirekt bezichtigt wurde, sein hohes Amt mit Hilfe Homespuns zur persönlichen Bereicherung zu missbrauchen.

In den seriösen Wirtschaftsblättern, die er daraufhin noch einmal gründlich durchging, fand er nichts, was diesen ungeheuerlichen Vorwurf bestätigte, nur eine beiläufige Bemerkung zu einer von Homespun getätigten Transaktion mit einer Firma, die, wie aus einer anderen Quelle hervorging, daraufhin dem Präsidenten große Summen gezahlt hatte. Man schien daran nichts Anstößiges gesehen zu haben. Auch ein Präsident hat schließlich Vermögen und muss es arbeiten lassen. Dennoch, Homespun war also tatsächlich als Makler des Präsidenten tätig gewesen, angesichts des Rufes, in dem der Börsianer stand, doch recht eigenartig. Bis zu seinem großen Coup hatten die Medien nur selten von Homespun Notiz genommen, doch wenn es geschah, dann in beleidigender Form. Er wurde als Gauner und Bauernfänger charakterisiert, von mehrfachem betrügerischem Bankrott war die Rede, von Bestechung und Erpressung von Juristen und Journalisten, von Unterschlagung und Steuerhinterziehung. Drei Mal hatte er wegen solcher Delikte vor Gericht gestanden und war jedes Mal frei gesprochen worden: wegen Mangels an Beweisen. Man war sich einig darüber, dass ein Mächtiger seine Hand über ihn halten müsse. Wer? Nun, da kam nur einer in Frage ... anders wurde kein Schuh draus.

Alles sprach dafür, nichts dagegen, dass er einen der verborgenen Nervenknoten des damaligen Wirtschaftsgeschehens aufgespürt hatte. Querverbindungen deuteten sich an, Beziehungen zwischen Ober- und Unterwelt, Betrugsmanöver größten Stils, die ihm den Atem verschlugen. Vieles Unerklärliche, unmotiviert Erscheinende im Umfeld des Löwentatzendesasters, an dem Generationen von Wissenschaftlern herumgerätselt hatten, entpuppten sich ihm als logische Konsequenz einer von krankhafter Macht- und Profitgier bestimmten Plutokratenherrschaft.

Seine Idee, im Abhub der Massenmedien zu wühlen, unkonventionell zu arbeiten, eine Methode zu wählen, die Angriffspunkte bot, erwies sich als immer faszinierender. Der öffentliche Weg als Sackgasse? Durchaus möglich, dann muss man entweder umkehren oder es mit einem Trampelpfad probieren. Er hatte es riskiert und war jetzt davon überzeugt, seinem Ziel nahe zu sein.

Er verbiss sich förmlich in seine Arbeit, täglich türmten sich neue Stapel von Archivexponaten auf seinem Schreibtisch und oft vergingen Tage, ehe er wieder einen nützlichen Hinweis fand. Nach und nach wuchs die Zahl der winzigen Puzzlestückchen so weit an, dass er sie, zunächst versuchsweise, zum Bild zusammenfügen konnte. Es blieben noch viele Lücken, doch mit einiger Fantasie ließ es sich bereits erkennen.

Kapitel III

Einige Zeit schien es, als sei über den Lebensweg der Stella Blayr nichts weiter in Erfahrung zu bringen. Sofern über sie geschrieben oder gesprochen wurde, geschah es im Zusammenhang mit der Katastrophe auf dem Mond: viel patriotische Phrasen, wenig Informatives, keine Fotos. In Adam festigte sich die Meinung, sie sei eines jener überspannten, nach Sensationen gierenden Luxusgeschöpfe, die mit ihrem Leben nichts Vernünftiges anzufangen wussten und sich deshalb in alle möglichen Abenteuer stürzten. Die einigermaßen hübschen machten durch ihren Männerverbrauch von sich reden - wie Stella Blayr offenbar, suchten sich auf diese Weise zu erregen.

Er war schon willens, sich mit dem zu begnügen, was ihm über sie vorlag, da stieß er in der populärwissenschaftlichen Monatszeitschrift „Mysterion“, an deren Inhalt eigentlich nur ihr Anspruch als Verbreiterin wissenschaftlicher Erkenntnisse mysteriös war, auf einen mit bemerkenswerter Sachkenntnis geschriebenen Gedenkartikel für Stella Blayr, der seine Vorstellung über sie ins Wanken brachte.

Aus einfachen bürgerlichen Verhältnissen stammend, hieß es in ihm, der Vater Landarzt, die Mutter Lehrerin, sei sie früh verwaist und bei ihrem Onkel Arthur T. Homespun aufgewachsen, der sie, selbst kinderlos, wie eine eigene Tochter geliebt habe. Ihr Wunsch, Astronomie und Astrophysik zu studieren, habe ihn darum sehr bekümmert, weil Trennung von ihr bedeutend, doch dem Glück seines Mündels habe er nicht im Wege stehen wollen. Nach mit Glanz bestandenem Examen und Assistenten-Zeit an der Wilson-Sternwarte sei sie ans Mondobservatorium berufen worden, wo sie vier Jahre lang als Mitglied einer Arbeitsgruppe an der Auswertung der von kosmischen Sonden übermittelten Daten und Fotos beteiligt gewesen sei. Doch dann habe sich der Gesundheitszustand ihres Onkels bedenklich verschlechtert und sie genötigt, ihre bis dahin ungewöhnlich erfolgreiche Karriere als Wissenschaftlerin aufzugeben, um ihn pflegen zu können. Sie wollte ihm auch nach dessen Gesundung nahe sein, ein Rückfall stand zu befürchten, sie entschloss sich, das Management des „Vereins zum Schutze guter Gene“ zu übernehmen.

Ihr tragischer Tod müsse als Folge ihrer ausgeprägten Verantwortungsgefühle gesehen werden. Sie, die Monderfahrene, habe es als ihre Pflicht empfunden, den von ihr zu patriotischem Dienst unter den lebensfeindlichen Bedingungen des Erdtrabanten aufgerufenen Frauen zur Seite zu stehen. So habe Stella Blayr fast unbemerkt von der Öffentlichkeit eine Tat vollbracht, die ihr für immer einen Platz im Ehrenbuch der Nation sichere.

Verdammt, dachte Adam bekümmert, als er die Schrift aus der Hand legte, die Dame eignet sich kaum als Beispiel einer moralischen Dekadenz; ich kann sie aber als Kontrastfigur verwenden. Etwas Licht lässt den Schatten umso deutlicher hervortreten.

Er suchte nach weiteren Hinweisen und fand tatsächlich in den entsprechenden Jahrgängen der Arbeitsberichte mehrere Hinweise auf sie. Sie war also wirklich Astronomin ... und nicht irgendwo, sondern am berühmtesten Institut der Welt, das unter den qualifiziertesten Wissenschaftlern auswählen konnte. Damals wie heute.

Er fand von ihr verfasste Beiträge, die sich, soweit er das Fachkauderwelsch verstand, mit irgendwelchen Problemen interstellarer Materie befassten.

Im letzten Heft des Jahrganges, in dem sie ihren Job kündigte, stieß er auf das sechs Seiten lange Protokoll einer Disziplinarverhandlung gegen sie. Was er da las, warf einige Flecken auf ihren Charakter.

Es hatte seit längerer Zeit Auseinandersetzungen mit ihr gegeben, weil sie, uneinsichtig, verbohrt geradezu, offenkundige Tatsachen ignoriere, sich darüber hoffnungslos zerstritt, bis schließlich eine weitere Zusammenarbeit unmöglich wurde.

So viel er davon begriff, ging es bei diesem Streit um eine von ihr entwickelte und hartnäckig verfochtene Hypothese, die sich auf Messdaten und Fotos einer außer Kontrolle geratenen Raumsonde stützte und - vereinfacht ausgedrückt - besagte, dass es im Weltall einen Planeten mit den gleichen biologischen Bedingungen wie auf der Erde gäbe.

Aus dem Protokoll ging jedoch hervor, dass die Angaben irreal und durch Defekte an den Apparaturen zustande gekommen waren.

Beobachtungen mit dem Teleskop und andere Untersuchungen hätten bewiesen, was die Kollegen von Anfang an vermutet hatten, dass es in dem von ihr bezeichneten Raumsektor

keinerlei Materie, geschweige denn ein ganzes Sonnensystem, gebe.

Ihre sogenannte Hypothese müsse daher als unwissenschaftlich zurückgewiesen werden.

Niemand stelle in Abrede, hieß es zum Schluss, dass die Kollegin Stella Blayr ausgezeichnete Arbeit leiste, doch nun habe sie sich in eine Idee verrannt, die den Ruf des Observatoriums untergraben könne. Da sie auf ihrem Irrtum beharre, sei man gezwungen, die Konsequenzen zu ziehen. So bedauerlich es sei, im Interesse des Arbeitsklimas, das durch ihr Verhalten schwer gestört sei, halte man es für das Beste, sie löse ihr Arbeitsverhältnis.

Daraufhin hatte sie gekündigt und nicht etwa, wie im „Mysterion“ nachzulesen, wegen ihres erkrankten Onkels. Doch verriet es einiges über den Charakter der Frau: starrköpfig, überheblich und unbelehrbar.

Und dann entdeckte er endlich ein Foto von ihr. Das Wochenmagazin „Lady“, ein Machwerk aus Reklame und Gesellschaftsklatsch, brachte ein ganzseitiges Bild, etwas unscharf zwar - ein Schnappschuss wahrscheinlich -, das eine attraktive junge Dame zeigte, zwei Stunden vor dem Start, wie dem Bildtext zu entnehmen war.

Die ganze Pose bewies starke emotionale Bewegung, das Gesicht geprägt von Tränenspuren im perfekten Make-up.

Adam stutzte. Wie konnte sie, die Monderfahrene, sich wegen ein paar Wochen Aufenthalt auf dem Mond, mehr Zeit war für die Abwrackarbeiten nicht geplant, so echauffieren?

Eigenartig.

Stella Blayr war zweifellos eine schöne Frau, groß und schlank, klare Stirn, dunkle Augen, betonte Jochbeine, das Gesicht umrahmt von rötlichem kurzem Haar. Damals war sie dreiunddreißig, wie er wusste.

Ihm wurde klar, dass es anscheinend nur dieses eine Foto von ihr gab. Weshalb diese Kamerascheu? Eine fotogene Frau wie Stella Blayr ... sollte „Lady“ gewagt haben, das Bild ohne ihr Plazet zu bringen?

Wenig wahrscheinlich, keine Zeitschrift setzt wegen eines unbedeutenden Fotos seine Existenz aufs Spiel ... und Stella Blayr war nicht die Person, die sich so was bieten ließ. Der Redaktion dürfte das bekannt gewesen sein. Demnach müsste sie doch zugestimmt haben, obwohl das ihrem sonstigen Verhalten widerspräche.

Er schlug im Anhang nach: „Das Foto auf Seite 27 wurde veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis von Mr. Homespun.“

Wie das? Wenn jemand, dann kannte ihr Onkel die Marotte seiner Nichte. Hatte ihn die Zeitschrift bestochen? Unsinn. Und nach dem Unglück hatte er ihren Willen doch stets respektiert und kein einziges Foto freigegeben.

Das ließ nur einen Schluss zu: Die Privatsekretärin hatte sich einen Nebenverdienst verschafft, zweifellos wurden Unsummen für ein Foto von Stella Blayr geboten. Für sie war es bestimmt kein Problem, dem viel beschäftigten Chef zwischen zahllosen Routine-Papieren, die er unmöglich alle lesen wollte und konnte, eines unterzumogeln und unterschreiben zu lassen. Dass dieses Foto nie wieder erschien, durfte als Beweis dafür gelten, dass er seinen Fehler bemerkt und korrigiert hatte.

Das lenkte Adams Aufmerksamkeit auf eine weitere befremdliche Tatsache: Auch von keiner der auf dem Mond verunglückten Frauen existierten Fotos.

Die sonst so findigen Reporter vermochten keine alten Familienbilder aufzutreiben - unbegreiflich. Als sei alles, was an diese Frauen erinnerte, systematisch vernichtet worden.

Dieser Drang nach Anonymität war völlig zeituntypisch. Er musste auch wirtschaftliche Folgen nach sich gezogen haben. Denn, gesetzt den Fall, die Erbberechtigten der verunglückten Frauen wären infolgedessen nicht festzustellen gewesen, und es hatte ganz den Anschein, wem wären dann die obligatorischen Lebensversicherungen ausgezahlt worden? Das war jedoch geschehen, enorme Beträge für jedes Opfer - aber an wen?

Im Archiv fanden sich keine detaillierten Unterlagen der Versicherungsgesellschaft für das fragliche Geschäftsjahr, nur für die Jahre davor und danach ... ein Zufall?

Noch ein Zufall?

Adam Zumstein registrierte erstaunlich viele Zufälle im Umfeld der Mondkatastrophe und suchte weiter und entdeckte schließlich Sicherungskopien der Kontenbewegungen der Versicherung während des Unglücksjahres.

Nach den ausposaunten Behauptungen der Gesellschaft, den Erben die fällige Versicherungssumme ausgezahlt zu haben, hätte in den Listen die ausgezahlten Beträge an die Hinterbliebenen zeitgleich als Ausgabe erscheinen müssen. Doch das war nicht der Fall. Stattdessen ermittelte der Servant einen adäquaten Betrag auf dem Konto des Vorsitzenden des „Vereines zum Schutze guter Gene“, diesem Homespun.

Wieso das ...? Sollte Homespun es übernommen haben, dieses Geld an die Erben weiterzuleiten? Darauf gab es nicht den kleinsten Hinweis. Vor dem Dschungel seines Geschäftsgebarens versagte schließlich selbst der Servant. Nicht einen einzigen Empfänger konnte er ausmachen. Sonderbar erschien ebenfalls, dass die Publikationsorgane nichts erwähnten ... wenn jemandem plötzlich so viel Geld zufällt, redet er darüber, die meisten jedenfalls, auch wenn die Auszahlung mit der Auflage einherging, über die Vorgänge Schweigen zu bewahren. Einige wären mit Sicherheit der Versuchung erlegen, sich ihrer Verwandtschaft oder ihrer Freundschaft mit einem Nationalhelden zu rühmen.

Einzige Schlussfolgerung: Niemand hatte das Geld erhalten.

Alles deutete auf eine Unterschlagung großen Stils hin, die sich in die lange Reihe Homespun’scher Betrügereien würdig einreihte.

Obwohl nun eigentlich alles klar zu sein schien, wurde Adam das Gefühl nicht los, als werde das Bild, das sich ihm jetzt von den Ereignissen des Löwentatzen-Crimes bot, zur Mitte hin unscharf. Doch er konnte nicht sagen, woher es rührte. Die einzelnen Puzzlestückchen, die er nach und nach gefunden hatte, ließen sich nur auf die Weise zusammenfügen, wie er es getan hatte. Wahrscheinlich, überlegte er, rührt mein Unbehagen daher, dass gerade in der Bildmitte ein paar leere Flecken geblieben sind. An sich ist das nicht schlimm, weil ja die vorhandenen sieben Zehntel des Bildes dessen Anlage und Struktur so deutlich erkennen lassen, dass die Fehlstellen ohne weiteres nachgezeichnet werden können.

Restauratoren beschädigter Fresken, wie sie gelegentlich unter dem verwitterten Putz alter sakraler Bauten entdeckt werden, stehen vor der gleichen Situation und haben es meist wesentlicher schwerer.

Dennoch fühlte er sich veranlasst, sämtliche Fakten, die als gesichert gelten konnten, noch einmal kritisch unter die Lupe zu nehmen. Er musste sich vergewissern, dass er sie nach menschlichem Ermessen richtig erkannt und interpretiert hatte, bevor er mit der endgültigen Konzeption begann.

Da ist also zunächst dieser skrupellose Gauner Homespun, sinnierte er, der mit Hilfe oder im Auftrage des Präsidenten an der Börse spekuliert und einen Coup landet, der ihn - zusammen mit den aus seinem „Verein zum Schutze guter Gene“ erzielten Gewinnen - fast über Nacht zu einem der reichsten Männer der Region macht.

Unklar bleibt, warum sich die Finanzgewaltigen zur Mitgliedschaft in diesem Verein gedrängt haben, ebenso, welche Bewandtnis es mit dessen ominöser Samenbank hatte. Und weshalb Homespun den Verein einen Tag vor der Katastrophe auf dem Mond auflöste. Ein Typ wie er gibt ein derart lukratives Geschäft nicht grundlos auf - weshalb genau einen Tag vor dem Ereignis?

Nun zu Stella Blayr. Nach ihrem Scheitern als Wissenschaftlerin hat sie sich als Managerin jenes geheimnisvollen Vereins betätigt und gleichzeitig eine Vermittlungsagentur für junge Frauen betrieben, die gewillt sind, auf dem Mond einer nicht näher definierten Tätigkeit nachzugehen, wobei ihr die Einrichtungen des Vereins offenbar voll zur Verfügung stehen, was darauf schließen lässt, dass ihr Onkel die damit verbundenen beträchtlichen Aufwendungen - ein reines Verlustgeschäft doch - zu tragen bereit ist. Dass das aus reiner Anhänglichkeit an seine Nichte geschehen ist, scheint bei einem Profitjäger seines Formats einigermaßen unwahrscheinlich. Vermutlich dürfte ihm der Reklameeffekt so viel wert gewesen sein.

Weniger leuchtet ein, weshalb der von ihr inszenierte Ausflug in die - demi monde? - hauptsächlich akademisch gebildeten Frauen ermöglicht wird. Und warum sie sich ihnen selbst zugesellt. In dem Interview, dem das einzige Bild beigefügt ist, das von ihr existiert, begründet sie ihren Entschluss mit ethischen Grundsätzen: Sie empfände es als zwingende Pflicht, die Arbeit - welche? - ihrer Geschlechtsgenossinnen nach Kräften zu unterstützen.

Klingt gut, kann mich aber nicht überzeugen, befand Adam.

Denn diese ausgesprochen talentierten und gebildeten jungen Frauen drängen sich ja freiwillig - zum Liebesdienst? Sie verschaffte ihnen nur Gelegenheit, ihm zu obliegen, und das hat ihr Gewissen vorher keineswegs belastet.

Ich denke mir, sie hat ebenfalls vom Reklamerummel profitieren wollen. Dafür spricht, dass sie ihre Identität nicht wie die anderen wechselt beziehungsweise geheim hält. Nach der Rückkehr hätte sie allein im Mittelpunkt gestanden. Weshalb aber Jammer und Tränen, als sei es ein Abschied für immer? Um den Effekt zu erhöhen? Dann muss sie eine verdammt gute Schauspielerin gewesen sein. Auf dem Foto wirkt es echt.

Was sie damals nicht ahnen konnte, sie kehrte wirklich nicht mehr zurück. Wochen später ist sie zusammen mit den anderen Frauen umgekommen, nicht ohne eigene Schuld, trotz mehrjähriger Monderfahrung nimmt sie eine Meteoritenwarnung auf die leichte Schulter.

Die amtliche Untersuchungskommission nennt als Verursacher der Katastrophe einen Meteoriten mit nie zuvor und danach beobachteten Eigenschaften und führt das Ausmaß des Unglücks auf diesen zurück. Das bestätigen auch die Observatorien auf der Erde, wenngleich sie übereinstimmend darauf verweisen, dass infolge starker Störungen kurzfristig keine exakte Beobachtung möglich war. Doch die Bahnparameter und Eigenschaften des Unglücksbringers sind erkannt und berechnet worden, die Angaben darüber schwanken zwar, aber nicht so sehr, dass sie Anlass zu Zweifeln geben. Es hat also seine Richtigkeit mit ihm.

Von den Maßnahmen, die nach dem tragischen Ereignis getroffen werden, kann man das nicht ohne weiteres sagen. Der Unglücksort bleibt gesperrt, nur die Rettungsmannschaft, aus dem Rest der im nicht betroffenen Teil der Löwentatzenwerft befindlichen Schrottarbeitern gebildet, kann mit Bergungs- und Aufräumarbeiten beginnen. Die Verantwortlichen berufen sich auf den noch in Kraft befindlichen Vertrag, als man ihnen deshalb Vorwürfe macht, obwohl „Löwentatze“ schon bis zur letzten Metallplatte verschrottet war.

Welche Geheimnisse hätten noch erkundet werden können?

Die Bürokratie scheint die wahre Erbsünde der Menschen zu sein.

Ein Bericht irritiert Adam besonders: Insgesamt wurde dreizehnmal so viel Material zum Mond hintransportiert wie zur Erde zurück, wie ein kluger Reporter ausgerechnet hatte.

Wie das? Die Fachwelt rätselte, ohne der Angelegenheit besondere Bedeutung beizumessen.

Man hatte es eilig, reinen Tisch zu machen. Die Verunglückten sind nur noch anhand der Erkennungsmarken zu identifizieren, ihre unkenntlichen Überreste werden zusammengetragen und chemisch aufgelöst - bis auf ein paar Gramm, die zur symbolischen Trauerfeier in einer Urne zeremoniell zur Sonne expediert werden, wie es die Verblichenen gewünscht haben, als sie bei Vertragsabschluss auf die Gefahren hingewiesen wurden, die das Leben auf dem Mond bedrohen.

Adam ließ sich noch einmal alles durch den Kopf gehen und kam zu dem Schluss, es gebe trotz einiger Ungereimtheiten keinen Anlass, die gewonnenen Erkenntnisse in ihrer Gesamtheit anzuzweifeln.

Sicher haben mich diese merkwürdigen Widersprüche im Verhalten Homespuns und Stella Blayrs irritiert, dachte er. Aus heutiger Sicht erscheinen sie wirklich unerklärlich. Das will aber nicht viel besagen. Es ist ja bekannt, dass damals Profitgier und Reklamesucht unglaublichste Blüten trieben und zu Gaunereien inspirierten, von denen heute niemand mehr begreift, wie jemand auf sie hereinfallen konnte. Eines der großen Probleme meines Fachs: Man findet niemals vollständigen Zugang zur Mentalität seiner Forschungsobjekte, man kann nur vermuten und unterstellen, auf Indizien bauen und läuft immer Gefahr, Unwesentliches für wesentlich zu nehmen ... und umgekehrt. Denkbar, dass genau deshalb vieles scheinbar Widersinnige in deren Handeln transparent würde. Man gewahrte wahrscheinlich Antriebe, geheim, unterschwellig wirksam, keiner Logik zugänglich, in Tiefenschichten wurzelnd, die einen am eigenen Verstand zweifeln ließen.

Menschen bis in die feinsten Verästelungen ihrer Psyche zu erkennen ist unmöglich - selbst bei Nahestehenden bleibt stets ein Rest Ungewissheit, wie erst bei Personen, von denen uns lange Zeiträume trennen - hier müssen wir uns mit objektiven historischen Vorgängen begnügen, mit dem für uns Fassbaren.

Genau das kann ich auch nur tun. Etwas bleibt immer im Dunkeln. Damit muss ich mich abfinden. Was könnte ich aber noch aufspüren? Da ist was, ich sehe es nicht, doch ich weiß es, aber was? ... such weiter, signalisierte etwas eindringlich in ihm.