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Zwischen kommunaler Mülldeponie, städtischem Umspannwerk und dem Gelände eines Rocker Clubs, liegt das ''Pärredais''. Es handelt sich um einen Campingplatz am Rande einer Großstadt. Die dort lebenden Bewohner sind bizarre, aber liebenswerte Randfiguren unserer Gesellschaft. Der ebenfalls dort lebende Protagonist ''Remy'' führt den Leser in 13 Kapiteln durch seine groteske und merkwürdige Welt.
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Seitenzahl: 487
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Bernd Dombek
Löwentreter
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kämpingplatz Pärredais
Wiesel
Siegfried & Roy
Die transportable Täuschung
Die Zeitschleife
Transzendente Momente
Auf der Suche nach der globalen Kupplung
Verwicklungen
Luftfracht
Endlich Afrika
Brotlose Kunst
Die Plantage
Impressum neobooks
''Warum hast du die Würstchen aufgeschnitten?''
''Die hab ich nicht aufgeschnitten. Die sind beim Kochen geplatzt!''
Rosi steht leicht angetrunken vor meinem Wohnmobil und schaut durch das geöffnete Fenster. Wie immer in diesem Zustand, besitzt sie dann keine Trennschärfe mehr. Man kann sie nicht als hardcore Alki bezeichnen, aber ihre Bereitschaft jederzeit eine Flasche zu öffnen ist sehr groß. Heute zum Beispiel, hat wieder einmal unser Postbote Schmitz als Anlass gedient.
''Oh, ich glaub wir bekommen Besuch. Da muss ich aber sofort 'ne Flasche rausholen!''
''Nein, Rosi. Ist nur der Briefträger.''
''Ja, jetzt hab ich die Flasche aber schon aufgemacht!''
In Flaschen öffnen ist Rosi einfach unschlagbar. Egal ob Wein, Bier oder Sekt. Zack und auf.
Blitzschnell. Ich hab manchmal das Gefühl, sie braucht die Teile nur anzuschauen und schon fliegen die Korken von ganz alleine heraus.
Mit einem süffisanten,
''...möchten Sie auch ein Gläschen Rotwein, Herr Schmitz? Ich hab schon eingeschenkt...'',
hat sie ihn zum Umtrunk gelockt.
''Da komm ich gerne für rüber Fräulein Roswita'', antwortet Schmitz und ist nur zu gerne in die Falle getappt.
Vielleicht liegt Rosis Neigung zu Flüssigkeiten in der beruflichen Wahl ihres Vaters begründet. Der hat nämlich einen Getränke Handel betrieben. Seit ein paar Jahren ist er aber in den Ruhestand getreten und genießt jetzt sein Rentner Dasein auf Mallorca. Eigentlich sollte Rosi den Laden übernehmen und weiterführen. Da sie wahrscheinlich selbst ihr bester Kunde geworden wäre und das Business in den Bankrott gesoffen hätte, nimmt sie nach längerem Überlegen jedoch Abstand von diesem Vermächtnis.
Außer dem umgebauten Getränke Wagen in dem sie jetzt schon seit einiger Zeit wohnt, erinnert nichts mehr an das Geschäft ihres Vaters. Ist wahrscheinlich auch besser so.
Selbstverständlich sucht Rosi hin und wieder jemanden mit dem sie ihre sentimentalen Momente und die dazugehörenden Spirituosen teilen kann. Hier auf dem Campingplatz ist es eher schwer einen durstigen Kumpan zu finden.
Bei Schmitz rennt sie jedoch mit ihren Anliegen immer offene Türen ein!
Wolfgang Schmitz ist seit einigen Jahren unser Postbote. Ein tapferer, kleiner Mann der sich durch nichts einschüchtern lässt. Er ist seinen eigenen Angaben zufolge, im Algerienkrieg als Söldner dabei gewesen. Scharfschütze!
Deswegen nennen wir ihn hier auf dem Campingplatz nur noch 'Schmitz Plempe'.
Jedem, ob der es nun hören will oder nicht, kaut er mit seinen Söldner Abenteuern das Ohr ab.
Das ist auf Dauer ganz schön anstrengend, weil es sich dabei durchweg um Produkte seiner eigenen Fantasie handelt und daher völliger Blödsinn ist. Er wohnt mit Mutter und Sohn zusammen in einem kleinen 2 Zimmer Apartment. Die Drei sitzen jeden Tag geschlossen vor dem Fernseher und schauen sich seit Jahren immer wieder dasselbe öde Kriegs Video an.
DIE WILDGÄNSE KOMMEN
Mittlerweile können sie den ganzen Film auswendig mitsprechen. Als gemeinsamer Zeitvertreib wird der Ton vom Fernseher ausgeschaltet und jeder synchronisiert seinen eigenen Schauspieler.
Plempe übernimmt natürlich immer die Hauptrolle. In seinem Fall ist es Charlton Heston, der in dem Film einen abgebrühten Söldner spielt. Um die Nebenrollen können sich Mutter und Sohn streiten. Von dem ganzen Söldner Mist sind alle Familienmitglieder inzwischen ganz gehörig von der Rolle geraten und leiden unter akutem Realitätsverlust.
Nach einem Zank um ein Kotelett, bedroht Plempes Mutter ihren Enkel mit der Ankündigung:
''...warte bis der Wolfgang nach Hause kommt! Der schießt dich im Kopp! Mit der Magnum!''
Eine ungewöhnliche Wortwahl für eine 84 Jahre alte Dame. WILDGÄNSE geschädigt eben!
Ich bin mir ziemlich sicher das Plempe ebenfalls einen Dachschaden hat.
Er behauptet felsenfest, dass die von ihm verursachten Verluste in Algerien bei ihm ein tiefes Trauma hinterlassen haben. Ich persönlich hab was Algerien angeht, so meine berechtigten Zweifel. Das mit dem Trauma findet jedoch sofort meine Zustimmung.
Wahrscheinlich dauerhaftes Schädeltrauma!
Bevor er bei der Post angefangen hat, ist Plempe Taxifahrer gewesen.
In einem Anfall seiner Söldner Schübe kurbelt er das Dachverdeck seines Taxis auf, stellt sich auf Fahrer und Beifahrersitz und fährt mit oben heraus schauendem Oberkörper und gezogener Gasknarre im Schritttempo über unsere Prachtallee in der Innenstadt.
Dabei hat er lauthals gebrüllt,
''...und ich knall jeden ab, der hier auf der Straße noch mal 'nen Hamburger frisst!''
Das ältere japanische Ehepaar auf der Rückbank des Taxis, ist von Plempes Vorstellung hellauf begeistert. Sie sind wohl ein paar Minuten vorher von Japan am hiesigen Flughafen angekommen und wollen ihren Enkel Toshi besuchen. Beide sind der deutschen Sprache nicht mächtig, finden es aber rührend, mit welcher Hingabe ein deutscher Taxifahrer dafür Sorge trägt, dass sie störungsfrei und unbeschadet ihren Enkel erreichen können!
Umwerfend!
Man knipst noch schnell ein paar Erinnerungsfotos und nimmt danach mit vielen Verbeugungen und noch mehr Dank voneinander Abschied.
Plempe dienert ganz weltmännisch zurück und bemerkt:
''Das ist alles nicht der Rede wert.''
Ist es dann aber doch, denn kurze Zeit darauf bekommt er die Kündigung mit dem Vermerk, dass so viel Enthusiasmus beim Taxifahren nicht gewünscht sei.
Seitdem ist seine Teilnahme am Straßenverkehr beendet. Ich weiß aber aus sicherer Quelle, dass er immer noch seine Gaspistole mit sich herumschleppt.
Er hat nämlich Wagners kleinen Jack Russel Terrier einmal damit bedroht.
''Ich schieß dich im Kopp! Mit der Magnum!'', soll er dabei gesagt haben.
Nun ja, mit Hunden haben Postboten so ihre Probleme und Algerien lässt sich ebenfalls nicht so leicht abstreifen!
''Bei mir sehen die anders aus'', sagt Rosi.
''Was sieht bei dir anders aus?''
''Die Würstchen! Und die platzen auch nicht bei mir!''
Rosi zeigt besserwisserisch auf meinen Topf.
''Ist schon klar Rosi. Du kochst ja auch nicht mehr!''
Eigentlich ist das was ich mache, auch kein richtiges Kochen. Ich erwärme Dosenfood.
Davon ernähre ich mich vorwiegend in der letzten Zeit, weil die Kohle mal wieder von vorne bis hinten nicht reicht. Deshalb verschwende ich auch den größten Teil meiner Zeit mit der Suche nach billigen Lebensmitteln. Irgendwie muss ich ja schließlich über die Runden kommen.
Bei mir um die Ecke hat jetzt ein ganz neuer Supermarkt eröffnet. Wir haben zwar immer noch den alten Discounter mit den Tiefstpreisen, wo man sich die Regale und anderen Schnick-Schnack gespart hat und die Waren einfach so in den Laden schubst, aber der Neue übertrifft alles. Super billig, fast umsonst! Dafür ist auch so gut wie gar keine Einrichtung mehr dort drin. Bis auf die Kasse! Wird alles aus Kostengründen eingespart.
Die gehen sogar soweit, dass sie das Personal mit zwei Mongoloiden von einer beschützenden Werkstatt aufstocken. Billig hat eben auch seinen Preis. Beide tragen ständig ein
Schildchen am Revers. 'Happy To Help', steht dort fett drauf. Manchmal dürfen sie dem Kunden auch beim Einpacken zur Hand gehen und knallen dann die Waren nach dem Bezahlen völlig ungefiltert in die Plastiktüten. Unten das Obst und Gemüse und oben drauf die schweren Sachen.
''Euer Mongo hat mir gerade meine Tomaten zermanscht!''
''Unser Johannes ist kein Mongo! So 'was sagt man heute nicht mehr! Unser Johannes ist alternativ begabt!''
''Okay, euer alternativ Begabter hat mir gerade meine Tomaten zermanscht!''
''Soll er sie ihnen nochmal separat einpacken?''
''Auf keinen Fall! Geben sie mir einfach eine Jutetasche für die Dosen.''
''Hör'n se' ma', sie sprechen aber schlechtes Deutsch'', ermahnt mich die Kassiererin.
''Wie bitte?!''
''Das heißt gute Tasche und nicht jute Tasche!''
''?!?''
Ich frag mich in solchen Augenblicken, wer von denen eigentlich bekloppter ist. Zumindest ist das beim Johannes dem alternativ Begabten offensichtlicher! Auf dem Schildchen der Kassiererin ist zu lesen,
'Sie werden bedient von Fr. Schenck-Schneck-Nettelbeck'.
Ich finde Leute mit multipler Persönlichkeit echt anstrengend.
Man weiß nie wer gerade zu einem spricht!
''Du weißt doch warum ich nix mehr koche, oder? Hab ich dir doch neulich erklärt'', sagt Rosi.
''Schau mal Rosi, ich bin nur so 'n ottonormal Verbraucher. Hab ich nicht so ganz kapiert. Erklär's mir nochmal!''
''Mein Manni und ich, wir machen nämlich jetzt Diät!''
Manfred Eisenbrech, genannt 'Manni', ist Rosis langjähriger Freund und sein Name wirklich
Programm. Um Rosi auszuhalten, muss man entweder von Haus aus knallhart sein, auf das sowieso alles an einem abprallt, oder man macht Yoga. Am besten in der Position wo man auf dem Kopf steht, weil da das Gehirn am besten durchblutet ist!
''Bis dahin hab ich das schon verstanden Rosi, aber da ist doch noch so ein kniffliges Detail, nicht wahr?''
''Ja! Mein Manni und ich, wir machen nämlich jetzt Kältediät!''
''Wahnsinn! Worin besteht der Trick nochmal dabei?''
''Wir essen alles kalt!''
''Aha. Und wie seid ihr darauf gekommen?''
''Mein Manni und ich, wir waren nämlich im Internetz.''
''Aha.''
''Und da haben wir mal nachgeguckt.''
''Hm.''
''Bei Kalorien. Verstehst du?''
''Ah so!''
''Ja! Und wir haben da rausgefunden, dass das nämlich eine Wärmeeinheit ist!''
''Ist mir völlig neu!''
''Jaaaha! Das ist nämlich so; die Kalorien wirken ja nur wenn sie warm sind!''
''Ach nee?!''
''Doch; und da hab ich zu meinem Manni gesagt, 'Pass mal auf Manni, von jetzt an stellen wir erst einmal alles in den Kühlschrank und lassen das Zeug richtig kalt werden bevor wir es essen'. Ist doch cool was?!''
''Menschenskind Roswita, das ist ja echt genial.''
''Hihihi. Du bist 'n Schatz, Remy.''
''Und was sagt dein Manni dazu?''
''Manni findet es gut, glaub ich. Schließlich profitiert er ja auch von dem Wissen.''
''Siehst du. Und weil ich das alles nicht weiß, koch ich immer noch und mir platzt das Würstchen!''
''Ja eben! Möchtest du auch 'n Glas Rotwein?''
''Nein, ist mir noch zu früh.''
''Kann ich mal kurz reinkommen?''
''Auf keinen Fall! Ich hab grad ein Elektronikteil auseinander geschraubt. Das sind Millionen
winzig kleine Teile und die liegen überall hier drinnen herum.''
Ich kann die Rosi einfach nicht mehr bei mir rein lassen. Schon gar nicht wenn ich mir etwas zu essen bastle. Sie hat nämlich die unangenehme Art an sich, mit dem Bein zu vibrieren. Auf und ab und auf und ab. Und das mit einer unglaublichen Taktzahl. Wie die Kolben bei einem hochgezüchteten Rennmotor. Ich hab ihr schon tausendmal gesagt:
''Kannst du nicht mal das Bein ruhig halten Rosi, oder dir zumindest die Nerven da heraus operieren lassen? Die machen heute so etwas ambulant im Krankenhaus!''
Hat alles nichts genutzt. Das Ergebnis ist immer das Gleiche. Rosis Bein vibriert als hätte es ein Eigenleben und nach ganz kurzer Zeit schaukelt sich mein Wohnmobil unglaublich auf und schwankt hin und her. Dabei kommen meine Sachen ins Rutschen, oder noch schlimmer, mein Essen schwappt über den Topfrand. So etwas brennt sich doch sofort in die heiße Herdplatte ein, sieht nicht gut aus und es dauert Äonen, bis man das verkrustete Zeug wieder abgekratzt hat. Nix da, Rosi bleibt draußen!
''Okay. Wenn das so ist. Vielleicht doch ein kleines Gläschen? So als Absacker?!''
''Rosi, wir haben 11 Uhr vormittags. Du kannst doch nicht allen Ernstes von mir erwarten, mit dir jetzt schon einen Absacker zu trinken. Das ist etwas für Abends. Vielleicht solltest du auch einmal etwas Festes zu dir nehmen.''
''Dürrenberg, mit dir kann man sich überhaupt nicht vernünftig unterhalten. Schmitz Plempe hat übrigens Post gebracht. Ich glaub für dich ist auch etwas dabei.''
Wahrscheinlich sind das wieder nur Rechnungen oder Reklamesendungen. Trotzdem ziehe ich meine Adiletten an und begebe mich zum Büro. Mein Briefkasten hängt am Eingang des
Campingplatzes und fällt seltsamerweise ständig herunter. Vielleicht hängt der über einer Stelle mit erhöhter Erdanziehung, oder ist einfach nur zu schwer. Ich hab ihn jetzt mit ordentlich viel Blumendraht der noch übrig geblieben ist aus der Zeit als ich Bonsais züchten wollte, am Zaun angeknotet. Seitdem weigert sich aber Schmitz Plempe meine Post dort einzuwerfen.
Mein Briefkasten würde ihn doch zu sehr an ein algerisches Freischärler Nest erinnern.
Stattdessen gibt er meine Post im Campingplatz Büro ab. Wohl auch deshalb, um bei Fräulein
Roswita ein Glas Puffbrause oder ähnliche Getränke abzustauben.
Über dem Büro hängt ein handgemaltes Schild mit der Aufschrift:
''KÄMPINGPLATZ PÄRREDAIS – MÄNNÄTSCHMÄNNT''
Dieses Schild hat der Besitzer des Platzes selbst und ohne fremde Hilfe angefertigt.
Herbert Matscholat!
Herr über 20.000qm Grünfläche und 15 Dauercamper. Unser Gott!
Wir nennen ihn Matsche und eigentlich ist er ein prima Kerl. Eine Seele von Mensch.
Es gibt jedoch einen wunden Punkt in seiner Persönlichkeit. Matsche darf sich auf keinen Fall
aufregen. Er hat nämlich ein Leiden, welches in den medizinischen Fachbüchern als 'Peripherer Mommsen' beschrieben wird. Ich hab mal genau recherchiert was es damit auf sich hat und dabei herausgefunden, dass es auf unserem Planeten insgesamt nur drei Menschen gibt die den peripheren Mommsen haben. Und Matsche ist einer davon. Unglaublich!
Wahrscheinlich kommt auch seine recht freie Interpretation der deutschen Schrift daher, obwohl ich mir nach der letzten Rechtschreibreform nicht mehr so sicher bin, ob das nicht doch alles stimmt was er so schreibt. Aber zurück zu Matscholat.
Herbert wird als Sohn seiner Eltern, Alfons und Hilde Matscholat, in der ehemaligen DDR geboren. Bis zu seinem Eintritt in die FDJ ist er nie auffällig gewesen. Im Gegenteil. Er hat mitgemacht, sozusagen. Findet Walter Ulbricht dufte, später Erich Honecker wirklich prima und ist auch sonst sehr engagiert und immer mit dem Aufbau des Sozialismus beschäftigt. Das haben die vom Kader auch schnell bemerkt und ihn dementsprechend gefördert. Keiner weiß aber zu diesem Zeitpunkt, dass der Mommsen schon in ihm schlummert und nur auf die richtige Gelegenheit lauert um auszubrechen. Die Gelegenheit kommt dann genau am 28sten Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik. Matscholat ist zu jener Zeit in der FDJ und bekleidet dort das Amt eines Fahnenträgers. Wie bei allen wichtigen Anlässen in der DDR, werden die Aufmärsche gut organisiert und die Teilnehmer sind handverlesen. Herbert Matscholat befindet sich nicht nur in der engeren Auswahl, nein, er darf sogar wegen seiner Verdienste um den Aufbau des Sozialismus als Fahnenträger an der Spitze der Kolonne marschieren. Was für eine Ehre!
Der Periphere Mommsen ist eine Störung im peripheren Nervensystem mit Auswirkungen auf einen bestimmten peripheren Muskel. Hervorgerufen wird das durch innere Aufregung beziehungsweise Erregung. Das klingt alles ganz schön kompliziert, aber in der Realität konnte man es ziemlich einfach verfolgen. Matscholat marschiert also an der Kolonnenspitze und freut sich. Es geht über geschmückte Straßen und Matsche freut sich noch viel mehr. Dann biegt man ein auf den Platz der Republik.
Und da ist die Tribüne!
Auf ihr stehen, als sozialistisches Konzentrat sozusagen, alle Würdenträger der DDR.
Honni, Mielke, Krenz und sämtliche anderen Funktionäre. Matsche ist vor lauter Aufregung völlig aus dem Häuschen. Je näher die Kolonne der Elite des Staates kommt, desto mehr steigert sich seine Erregung. Genau in dem Augenblick als sie die Tribüne passieren, bemerkt Matsche wie etwas mit ihm geschieht.
Der Mommsen setzt ein!
Die Nerven flattern und der bestimmte periphere Muskel versagt seinen Dienst.
'Pflaatsch', 'Pflaaatsch'; und mit jedem Schritt noch mehr, 'Pflaaaatsch'.
Matsche scheißt sich ein!
Bekackt das Ehrenkleid der Nation vor den Augen vom Stolz der Nation! Großer Gott, wie peinlich. Und weil die Jungs von der FDJ immer kurze Hosen anziehen müssen, läuft die ganze Scheiße obendrein auch noch an seinem Bein herunter und hinterlässt auf der Straße eine Spur des Makels.
Das ist insgesamt fünf Mal passiert und hat dem Kader echtes Kopfzerbrechen bereitet.
''Wie kriegen wir den da wieder weg'', heißt die damalige Losung.
Man kann dem Matscholat aber nicht so einfach Amt und Fahne wieder abnehmen. Hat sich ja nichts zu Schulden kommen lassen. Erschießen geht damals einfacher in der DDR, können die aber auch nicht machen, weil er ja ein verdientes Mitglied im Aufbau des Sozialismus ist.
Also wird er gelinkt. Man macht ihn vom Kader darauf aufmerksam, dass seine Oma im Westen krank ist und ob er denn nicht mal kurz rüber fahren will, um die alte Dame zu besuchen. Die nötigen Papiere sind schon alle ausgefüllt und genehmigt. Er braucht noch nicht einmal etwas zu unterschreiben oder einen Antrag stellen, sondern einfach nur Sachen packen und schon kann es losgehen. Genauso hat Matsche es dann auch gemacht. Er muss dann aber im Rheinland erstaunt feststellen, dass seine Oma kerngesund auf der Veranda sitzt, ihm selber aber die Rückreise in die DDR verweigert wird. An der Grenze wird glatt behauptet, man kenne ihn nicht und das sei ja wohl der billigste Infiltrationsversuch der ihnen jemals untergekommen ist.
Und so ist Matsche hier kleben geblieben.
Später hat ihm seine Oma dann den Campingplatz vererbt und Hand aufs Herz, wir sind hier alle froh darüber. Ist ein aufrechter Kerl. Wir mögen ihn.
''Sofort alle da rauskommen! Ihr Drecksäcke! Ich weiß genau das ihr da drin seid!''
Plempe sitzt im Büro und bedroht gerade ein Frühstücksei mit seiner 'Magnum'.
Meine Güte, kann der Typ nicht mal ein Ei essen wie jeder andere normale Mensch auch?!
'' 'n Morgen Matsche!''
''Guten Morgen Genosse Remy!''
Herbert Matscholat sitzt wie immer in seinem Fernsehsessel und verfolgt seine Lieblingsseifenoper im Fernsehen. Völlig entspannt trägt er seinen alten blauen Trainingsanzug mit dem weißen Streifen an der Seite und dem Schriftzug DDR auf der Brust. Das Ding ist echt Kult. Ich habe ihm einmal ein Computerprogramm gegeben mit dem man Backstage Pässe und ähnliches Zeug fälscht, damit er sich den Zugang zum Bühnenbereich bei 'Heino' Konzerten erschleichen kann. Er hat sich daraufhin einen eigenen Ausweis gebastelt, mit Passfoto und allem Drum und Dran. Den hat er sich laminieren lassen und trägt ihn jetzt voller Stolz an einem Kördelchen immer um den Hals.
'MÄNNÄTSCHER' steht da ganz fett drauf.
Ich glaub mit dem Computerprogramm habe ich ihm einen echten Gefallen getan, denn seitdem sind wir richtig dicke Kumpel. Seinen Trainingsanzug will er mir aber trotzdem nicht vermachen. Schade.
''Ist Post für mich angekommen?''
''Feldpost für dich, Kamerad'', brüllt Plempe vom Frühstückstisch herüber.
Mittlerweile hat er die verdächtige algerische Partisanenstellung im Frühstücksei vollkommen
ausgemerzt. Wahrscheinlich sind alle tot. (noch mehr Trauma)
''Ausgabe an der Waffenkammer!''
Ich greife mir meine Briefe und sehe zu, dass ich da verschwinde. Himmelherrgott nochmal, hat der Typ 'nen Knall. Ich überlege, ob ich nicht doch Rosis Angebot annehmen soll, lasse es dann aber lieber bleiben.
Ist wirklich noch zu früh für einen Absacker.
*
Mein direkter Nachbar auf dem Campingplatz ist Peter Patschulke, genannt 'Wiesel'.
Er stammt aus einer alteingesessenen Schaustellerfamilie, ist also an das Leben auf Rädern gewöhnt und dementsprechend ausgestattet. Wiesel wohnt in einem wunderschönen alten Oberlichtwagen aus Holz. Zwölf Meter lang und mit ausreichender Stehhöhe, versteht sich.
Momentan sieht die Kiste leider so aus, als hätte sie unter Granatbeschuss gelegen.
Zerfetzte Holzplanken, heraushängendes Isoliermaterial und lose Kabel dekorieren die Außenseite. Im hinteren Teil des Wagens fehlt sogar der komplette Boden.
Das alles sieht schon ziemlich krass aus und ist so passiert:
Wiesel reagiert furchtbar empfindlich auf Umwelteinflüsse. Ist sozusagen hypersensibel.
Vor etwa einer Woche, als sein Wagen noch wunderschön ist, hat er mich angesprochen.
''Eh Remy, haste mal eben Zeit?''
''Klar Pitter, was ist denn los?''
''Komm mal kurz rein. Ich muss dir etwas zeigen!''
''Okay.''
Wiesel ist mein Freund und wenn er so fragt, dann muss das auch schon wichtig sein. Also betrete ich den Wagen und bewundere erst einmal den wunderschönen Mahagoni Parkettboden.
''Mensch Pitter, den hast du ja wirklich super eingebaut. Sieht echt geil aus.''
''Nee nee, den wollte ich dir nicht zeigen.''
''Sag bloß, du hast dir die vergoldeten Badezimmerarmaturen geholt. Die mit den Meerjungfrauen?''
''Remy! Jetzt komm rein und mach bloß die Türe zu!''
''?!?''
''Und jetzt guck dir den Scheiß an!''
Wiesel hat mittlerweile sein Thermoholzfällerhemd ausgezogen.
''Ach du meine Güte! Was ist das denn?''
''Ich hab keine Ahnung. Das hat vor ein paar Tagen angefangen und ich sage dir eins Remy, das juckt wie die Sau!''
Wiesel steht mit freiem Oberkörper vor mir und sieht einfach nur katastrophal aus.
Seine Brust, Arme und sein Rücken, sind über und über mit roten Pusteln und Quaddeln bedeckt.
''An den Beinen und am Arsch hab ich den Scheiß auch!''
''Haste das auch am...''
''Ja! Überall.''
''Ist das ansteckend?''
''Ich glaub eher nicht. War schon beim Arzt damit, aber der kann mir auch keine genauere Auskunft darüber geben.''
''Sieht für mich aus wie ein Strahlenschaden. Ich hab dir aber doch damals gesagt, dass im Solarstudio die Röhren beim Karibik Turbo Bräuner gefuckt sind.''
''Da war ich schon seit Wochen nicht mehr.''
''Oh. Was kann das denn sonst noch sein? Sieht ja wirklich übel aus.''
''Ich hab da so einen Verdacht.''
''Kannst du ruhig sagen Pitter, wir sind unter uns.''
''Also, ich glaub hier ist Kroppzeug im Wagen!''
''Was! Echt?!''
''Ja. Ich tippe auf Termiten. Ist doch alles aus Holz hier drin!''
''Meinst du wirklich wir haben jetzt Termiten im Rheinland?''
''Ja dann eben etwas Anderes, aber halt Kroppzeug. Du weißt doch was ich meine. Kroppzeug!''
Wiesel hat schon immer eine Phobie in Bezug auf Insekten und ist nicht gerade tolerant ihnen gegenüber. Grenzt schon fast an eine ausgewachsene Paranoia. Alles was mehr als zwei Beine hat ist ihm wirklich suspekt. Kroppzeug eben.
''Und was willst du jetzt machen?''
''Ich mach die platt. Ich werde schon rauskriegen wo die sich verbunkert haben und dann mach ich die platt!''
''Meinst du wirklich, Pitter?''
''Remy, mir war es noch nie so ernst wie jetzt!''
''Okay.''
Und dann hat Wiesel ernst gemacht. Er ist ein sehr entschlossener Mensch und wenn die Entscheidung erst einmal getroffen ist, gibt es danach kein Halten mehr für ihn. Die nächsten fünf Tage hat er damit zugebracht, seinen Wagen systematisch mit einem Brecheisen zu zerlegen. Erst den Innenraum. Dort riss er die Wandverkleidungen und den wunderschönen Mahagoni Parkettboden heraus, immer auf der Suche nach dem Kroppzeug. Hat sich Tag für Tag ein Stückchen mehr durch den Wagen gefräst. Von hinten nach vorne. Als nach fünf Tagen immer noch nichts gefunden ist, kommt die Außenseite an die Reihe. Auch dort bricht er mit teutonischer Akkuratesse die Verkleidung weg und macht selbst vor der Isolierung nicht halt. Seit zwei Tagen wütet er nun schon außen am Wagen herum. Sieht für mich nicht so aus, als hätte die ganze Aktion Aussicht auf Erfolg.
''Eh Remy, kannst du mal reinkommen?''
Wiesel liegt im zerschossenen Fenster seines Wagens mit einer Tasse Kaffee auf der Fensterbank und winkt zu mir herüber.
''Hör mal Alter, ich hab gerade vorne meine Post abgeholt und da sind Briefe dabei. Eigentlich will ich die gerade mal durchsehen. Also, wenn das noch ein bisschen Zeit…''
''Ist wirklich wichtig Remy. Ich muss jetzt unbedingt mit dir reden.''
''Okay.''
Ich betrete den Trümmer und bin schockiert. Da drin sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen!
''Hast dir ja ganz schön viel Arbeit gemacht Pitter, was?''
''Mach bloß die Tür zu Remy. Oh Mist. Ich geh kaputt!''
''Sag jetzt bloß nicht, dass ist schlimmer geworden mit den Pusteln?''
''Nein. Das ist es ja. Die sind weg!''
''Ja, aber das ist doch super.''
''Ist es eben nicht. Scheiße Remy, ich geh kaputt!''
Pitter sitzt auf seinem Höckerchen, scharrt mit den Füßen, schwitzt und hyperventiliert in eine braune Papiertüte. Irgendwie sieht er völlig zerknirscht aus.
''Du machst mir richtig Angst Alter, also was ist los?''
''Pass auf Remy. Du weißt ja, ich hab keinen Bock auf unseren Waschsalon und...ich geh kaputt, ich geh kaputt...''
''Soweit waren wir schon Pitter. Also was?''
''Ja; und deshalb bring ich meine Wäsche immer zu meiner Mutter.''
''Hmhm.''
''Zum Waschen, verstehst du?''
''Hmhm.''
''Ja; und heute war ich wieder dort um mein Zeug zu holen.''
''Hmhm.''
''Und weißt du was meine Mutter zu mir sagt?''
''Ähmm...nein.''
''Das sie von jetzt an wieder das gute Waschpulver nimmt, weil das Andere wäre zwar billiger, würde aber auf der Haut so Pickel machen und ganz furchtbar jucken! Ich geh kaputt, ich geh kaputt!''
''Heißt das etwa, du hast die ganze Zeit nur eine stinknormale Waschmittelallergie?!''
''Ja! Sag jetzt bloß nix!''
''Ach du Scheiße.''
''Das kannst du laut sagen!''
''Und jetzt?''
''Pfhhhhh.''
''Ich meine mit dem Wagen und so?''
''Pfhhhhh.''
Es gibt Menschen auf unserem Planeten, denen passieren unglaubliche Sachen und Wiesel gehört definitiv dazu. Er ist sozusagen eine lebende 'accident prone zone'.
So wie neulich, als er sich einen neuen Fernseher gekauft hat.
''Remy komm mal rein. Guck ihn dir an!''
''Was denn?''
''Mein neuer TV.''
''Okay.''
Ich betrete also den Wagen und da steht sie, die Megakiste!
''BOOAAHH!!!''
''150 Zoll Bildschirmdiagonale, 1080Pi hochauflösender LED Curved Screen!''
''Whow.''
''High definition!''
''Wahnsinn.''
''Extended ultra resolution!''
''Echt?''
''Phase controlled level balance!''
''Ich glaub es nicht.''
''Iris check pitch button!''
''Irre!''
''High frequency aurora alteration!''
''Pitter...''
''Plasma protected in line scan!''
''PITTER...''
''Ist das neueste Modell von Taboshi. Heißt 'SAMURAI' und hat obendrein noch zwei gegenläufige LFO's!''
''P I T T E R !''
''Was denn?''
''Wozu sind die denn gut, die LFO's?!''
''Weiß ich jetzt auch nicht so genau. Müsste ich mal in der Users Manual nachsehen. Aber 'ne Fernbedienung ist auch noch mit dabei!''
''Wie? Fernbedienung? Keine voice control?!''
''?!?''
Ich muss den einfach unterbrechen. In seiner Euphorie besingt er die Artikel immer so stark, dass einem der Schmalz aus den Ohren herauskommt!
''Und wann geht die Reise los?''
''Was für 'ne Reise? Wohin denn?''
''Na zum Mars. Oder kann man das mit dem Ding etwa nicht?''
''Ts! Remy hör auf mich zu verscheissern!''
''Wie hast du den denn überhaupt hier hinbekommen?''
''Hab ich mir von einer Spedition anliefern lassen!''
''Und hier rein?''
''Hab nur kurz die Tür ausgehangen. Beide Flügel.''
''Mensch Pitter, ist ja jetzt hier besser als im I-Max Kino.''
''JAAAA!!''
Und so streichen die Tage ins Land. Ich bin damit beschäftigt, die neuesten Kinofilme aus dem Internet herunter zu saugen. Dazu muss ich mich aber immer wieder ins WIFI reinhacken. Geht wirklich easy, aber plötzlich ist Schluss. Ich bekomme dann eine Zeit lang die Message, dass der Kunde den ich gehackt habe, seinen Account noch nicht ausgeglichen hat. Bin stark in Versuchung gewesen dem Typ eine Nachricht zu schicken, er soll endlich mal seinen Scheiß bezahlen. Ich muss ja schließlich ins Net. Ohne bin ich aufgeschmissen. Die Durststrecke ist Gott sei Dank nach einigen Tagen wieder vorbei. Er hat gezahlt! Ich habe wieder Zugang ins Net. Alles ist wieder gut! Es ist wirklich ein Genuss, sich Kinofilme auf Wiesels Astronautenteil in HD anzuschauen.
Es ist nur ein bisschen eng im Wagen, weil das Ding so riesige Dimensionen hat.
''Wäre vielleicht besser, wenn man etwas weiter weg von der Mattscheibe sitzen würde, was Pitter?''
''Ich brech die Wand raus, Remy. Morgen brech ich die scheiß Wand raus! Die stört mich sowieso die ganze Zeit.''
''Überleg es dir noch mal Pitter. Lass es ruhig angehen!''
''Remy, ich mein es ernst!''
''Okay.''
Die Wand fällt dann auch am anderen Tag und es wird wirklich sehr geräumig im Inneren. Es wird sogar so geräumig, dass Wiesel noch Platz für vier extra Sessel hat. So sitzen wir also Abend für Abend mit wechselnden Besuchern beim Wiesel und schauen uns Filme an. Jeder von uns hat so seine eigene Vorliebe was Filme betrifft und ich bin stetig bemüht den Wünschen Folge zu leisten. Solange der Typ seine Rechnungen bezahlt, ist downloaden kein Thema. Selbst Schmitz Plempe beteiligt sich mit eigenen Vorschlägen.
''Kannst du nicht mal 'DIE WILDGÄNSE KOMMEN' runterladen, Kamerad? Ist mit Charlton Heston. Der beste Söldnerfilm, der je gedreht wurde. Spielt übrigens in meiner alten Heimat Algerien!''
''Nee Schmitz. Den bekomme ich nur auf so einer Website für Perverse. Da geh ich nicht drauf.''
''Hm.''
Ich persönlich mag Filme, die im Sozialmilieu angesiedelt sind. Ich habe damals gerade 'Serje LaRue' als einen hervorragenden Regisseur entdeckt und bin ganz versessen auf seine Filme.
Bis heute unvergesslich ist sein Debut in Cannes, als er mit der Sozialstudie 'HAST RECHT STEIGER, KOHLE IST SCHWARZ' sämtliche Preise abgeräumt hat. Jetzt habe ich sein neues Epos runtergeladen. Ein Flüchtlingsdrama mit dem Titel 'ZU FUSS IST WEITER ALS ÜBER'N BERG'. Muss ein wahres Meisterwerk sein. Ich habe soweit alles fertig, den Film dekomprimiert und auf blue-ray gebrannt. Es kann losgehen.
''Pitter!''
''Yep!''
''Hör mal, ich hab den neuen Serje LaRue. Den können wir uns ja heute Abend bei dir anschauen. Was meinst du?''
''Nee, geht nicht!''
''Häh? Wieso nicht?''
''Der Fernseher ist kaputt!''
''Was? Jetzt schon? Den hast du doch gerade erst gekauft!''
''Ja, is' aber so!''
''Kannst du den nicht umtauschen? Da muss doch noch Garantie drauf sein.''
''Komm mal eben rein Remy und mach bloß die Tür zu!''
Gut, ich gehe also zum Wiesel rein und mach die Türe zu.
''Erzähl Alter, was ist los?''
''Hör mal Remy, ich hab 'ne Maus hier im Wagen!''
''Ja und? Hab ich bei mir auch. Wir leben ja schließlich draußen auf 'm Campingplatz. Da ist das doch normal. Ist sozusagen Bord Crew.''
''Remy, ich hab die GESEHEN!''
Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht, dass Pitter echt fies vor Mäusen ist.
''Und?''
''Ich wollte die abknallen!''
''Was wolltest du?''
''Erschießen, verstehst du? Ich wollte mich auf die Lauer legen und das Vieh wegputzen!''
''Okay, Pitter. Ich sehe da jetzt trotzdem keinen Zusammenhang. Was hat das denn mit dem Fernseher zu tun?''
''Ja, das war so. Ich sitze also hier im Sessel, guck TV und warte auf die Maus. Hab mein Luftgewehr so auf dem Schoß und denk , 'weißt du was, is' noch früh, mach alles fertig und lad das Ding schon mal durch'. Hab ich dann auch gemacht und wie der Teufel es so will, bin ich danach im Sessel eingeschlafen.''
''Mit der geladenen Knarre auf dem Schoß?''
''Ja. Und weil die Asis bei den Werbeblöcken die Lautstärke immer voll aufreißen, bin ich davon irgendwann aufgewacht!''
''Und?''
''Hab sofort abgedrückt. Scheiße Remy, ich hab voll in den Fernseher geschossen! Der ist jetzt total im Arsch.''
''Ach du meine Güte!''
Damit hat sich Filme gucken in HD erst einmal erledigt.
Da hat der doch echt seinen Fernseher wegen einer Maus erschossen, aber das er jetzt auch noch wegen einem allergischen Ausschlag seinen Wagen massakriert hat, ich weiß wirklich nicht was ich davon halten soll.
''Ich geh jetzt mal zu mir rüber und check meine Post. Bis später.''
''Ja gut, bis später Remy. ''
*
Natürlich heißen die Beiden in Wirklichkeit nicht so. Ist nur ihr Spitzname hier auf dem Campingplatz. Kleben ständig zusammen wie Pech und Schwefel. Ihre gutbürgerlichen Namen lauten Rudolf 'Rudi' Federberg und Nikolaus 'Nickel' Häckler. Sind zwei richtig ausgebuffte Kleinkriminelle. Die Jungs würden zwar nicht auf einem weißen Tiger reiten wie die echten Siegfried & Roy, Nickel hat sowieso eine Katzenhaar Allergie, sind aber ansonsten vor nichts fies. Rudi kommt aus Österreich. Genauer gesagt, aus der Steiermark.
Er ist mehr so der Typ 'gewiefter Hochstapler' und hat meines Erachtens nach manchmal richtig pfiffige Ideen.
Nickel ist eher der Mann für's Grobe mit einem Humor, der für sich alleine schon fast kriminell ist.
Hier sind einige Beispiele aus seiner vergangenen Schaffensperiode.
Nickel hat einmal für kurze Zeit ein Business für Neon Design betrieben.
Das Geschäft ist selbstverständlich eine Briefkastenfirma gewesen!
Ladenbesitzer können sich bei ihm Außenreklame für ihre Geschäfte anfertigen lassen.
Es befindet sich unter ihnen ein Kunde der einen Buchladen für leseschwache Menschen eröffnen will.
''Ich möchte gerne meinen Laden 'Der kleine Legastheniker' nennen. Können sie so etwas in Neon Buchstaben gestalten'', möchte der Kunde wissen.
''Klar. Fahren wir doch mal bei ihnen vorbei und schauen uns die Fassade an'', antwortet Nickel.
Die Beiden vereinbaren einen Termin und treffen sich an dem Geschäft. Dort haben sie die Fassade ausgemessen. Vor Ort muss man dann aber leider feststellen, dass der Schriftzug einfach zu lang ist. Der wird im Leben nicht zur Gänze über den Eingang passen. Nickel zaubert den Vorschlag aus dem Ärmel, ihn einfach zu ändern.
Da der Name sich aber auf jeden Fall auf Leute mit Leseschwäche beziehen soll, ist man in der Auswahl stark eingeschränkt. Nach einigen Überlegungen kommt man zu dem Entschluss, da es sowieso egal ist ob jemand nur ein bisschen lesen kann oder gar nicht, den Buchladen auf den Namen 'Analphabet' zu taufen. Dieses Wort ist kürzer und wird daher eher auf die Fassade passen. Leider hat das dann aber auch nicht funktioniert.
Es ist immer noch ein kleines bisschen zu lang. Nickel kommt dann auf die Idee, das Wort einfach zu trennen. Da der Kunde sich schon in Analphabet verliebt hat, erklärt er sich sofort damit einverstanden.
''Wie trennt man eigentlich Analphabet'', will Nickel wissen.
''An-al-pha-bet'', antwortet der Kunde.
Gesagt, getan. Man wird sich einig und Nickel bekommt den Auftrag. Die Neon Buchstaben sollen alle in pink gehalten werden und bitteschön über den Eingang passen. Genauso ist es dann auch geschehen. Nach ein paar Tagen ist der Schriftzug angefertigt und fügt sich nahtlos auf der Fassade des Buchladens ein. Fortan gibt es in pink Neon folgendes zu lesen:
ANAL
PHABET
Kurze Zeit später bekommt Nickel einen hysterischen Anruf von eben diesem Kunden.
''Hören sie mal Herr Häckler, das mit dem Schriftzug über meinem Laden ist ja wohl ein Witz?!''
''Wieso? Der passt doch genau über den Eingang. Ist richtig geschrieben und auch richtig getrennt! Wo liegt das Problem?''
''Ja, ja. Das stimmt schon mit der Rechtschreibung und ja, auch die Trennung ist irgendwie korrekt, aber an welcher Stelle sie das getrennt haben...ich weiß nicht wie ich das jetzt ausdrücken soll. Schauen sie Herr Häckler, seitdem der Schriftzug über meinem Laden hängt, kommen andauernd Leute zu mir rein und wollen Gummipimmel oder ähnliches Zeug kaufen!''
''Bwuuuuaaaaahahaha!''
Das ist natürlich nicht die Antwort, die der Kunde erwartet hat und so wird von ihm eine Anzeige wegen arglistiger Täuschung erstattet. Er wäre niemals damit durchgekommen, aber weil 'Neon Häckler' eine Briefkastenfirma ist, überdies nie die Mehrwert Steuer zahlt und man keinen Auftrag ordnungsgemäß abgerechnet, bekommt Nickel daraufhin ziemlichen Ärger mit dem Finanzamt.
Die haben ihm dann wegen Steuerhinterziehung einen reingedrückt und so ist er erst mal im Gefängnis gelandet. Das ist zu der Zeit geschehen, als sich USA und UDSSR noch gegenseitig mit ihren Waffenarsenalen bedrohen. Alle in der BRD haben damals die Atomkrieg Paranoia und aus lauter Langeweile und hinterhältigen Humor heraus, nutzt Nickel die Situation gnadenlos zur eigenen Erheiterung aus. Er läuft zu jener Zeit ständig mit einer Aktenkladde, auf deren Umschlag der hochglänzende Siebdruck eines Atompilzes zu sehen ist, durch die Haftanstalt. Allein mit dieser Aktion geht er den verantwortlichen Beamten ganz schön auf die Nerven. Man fürchtet um die Sicherheit und Ordnung in der Anstalt, weil Nickel mit seiner Kladde ständig Öl ins nukleare Feuer gießt. Damit ist für ihn aber nicht genug. Nickel findet, auch außerhalb seines exklusiven Kreises muss der Blick für diese Problematik geschärft werden.
Er schreibt deshalb eine Eingabe an den Petitionsausschuss mit folgender Formulierung:
''Ich, der Untersuchungshäftling Nikolaus Häckler, fordere für den Fall eines atomaren Erstschlages gegen die Bundesrepublik Deutschland,
Erstens:
Einen Strahlenschutzanzug!
Zweitens:
Bei schon erfolgter Kontaminierung durch den Erstschlag, ein Päckchen Jodtabletten zur Bindung der Radioaktivität in der Schilddrüse!
Drittens:
Ein tragbares Telefon!
Viertens:
Für den Fall das meine Haftanstalt kaputt gegangen ist, eine Telefonnummer die ich nach dem Nuklearangriff anrufen kann um zu erfragen, wo ich den Rest meiner ordnungsgemäßen Freiheitsstrafe verbüßen soll!''
Haben die ernst genommen. So ernst, dass man sogar eine Anhörung im NRW Landtag dazu durchführt! Dabei hat sich peinlicherweise herausgestellt, dass es überhaupt gar keinen Plan für so etwas gibt.
Die Politik ist ganz plötzlich durch einen bekloppten Knacki in Zugzwang geraten!
Natürlich reagiert die akademische Riege sofort darauf. Nur ganz kurze Zeit später verwirft das Finanzamt seltsamerweise sämtliche Forderungen gegen Nickel. Er wird durch eine Sonderverfügung blitzschnell auf freien Fuß gesetzt bevor noch mehr Aufruhr stattfindet.
Damit ist Nickel aus dem Knast und die Behörde heilfroh ihn wieder quitt zu sein.
Rudi ist da schon ein ganz anderes Kaliber. Er hat für seine Hochstapelei ein ganz neues Betätigungsfeld entdeckt. Esoterik!
Seit Neuestem schleppt er Magazine an wie, 'The Spirit Above' oder 'The Energy Beyond'.
Mir persönlich ist es völlig schleierhaft wo man solche Käseblätter überhaupt zu kaufen bekommt, aber Rudi hat da so seine Quellen. Das eigentlich Interessante an den Magazinen sind für Rudi aber die Kleinanzeigen. Dort findet man Annoncen wie, 'Wer kann mir meinen Schutzgeist zeichnen?' oder 'Wer kann mir mein Auto auspendeln?' oder 'Wer kann mir meine Aura peelen?'
Alles potenzielle Opfer. Rudi beginnt zuerst mit den Schutzgeistern. Die sind einfach zu zeichnen. Dazu kramt er ein altes Fotoalbum heraus und fertigt mehr oder weniger künstlerisch wertvolle Portraits von seinen Großeltern an. Die werden dann an die Kunden für 100 € das Stück verkauft. Der Einfachheit halber hat er später nur noch fotokopierte Zeichnungen verschickt. Das ist weniger Zeitaufwand und er muss nicht immer wieder Oma und Opa abmalen. Von Beginn an läuft das Geschäft ganz gut und Rudis Ehrgeiz ist geweckt, noch tiefer in die Materie einzudringen.
''Lass uns Seancen veranstalten, Remy'', schlägt er mir eines Tages vor.
''Was ist das denn?''
''Spiritistische Sitzungen. Und die machen wir bei dir drin'', erklärt er.
''Wieso denn bei mir?''
''Du bist der Einzige mit 'nem runden Tisch hier auf dem Campingplatz!''
''Ich weiß nicht so recht.''
''Remy! Ich hab schon drei Interessenten dafür in der 'The Power of Spirit' gefunden. Die wollen 250 € pro Kopf zahlen!''
''Und wie stellst du dir das so vor? Ich meine mit dem Ablauf der ganzen Sache?''
''Hab ich alles schon durchgecheckt. Steht wie 'ne Eins. Nickel hat auch schon eine Kristallkugel besorgt.''
''Wie soll das denn so von statten gehen? Ich hab von so etwas keine Ahnung und mir ist ehrlich gesagt, nicht ganz geheuer dabei.''
''Wir machen das folgendermaßen, Remy. Du, Nickel und ich nehmen jeweils einen Kandidaten zwischen uns. Damit haben wir schon einmal eine gleichmäßige Verteilung am Tisch. Dann legen wir alle unsere Hände auf die Tischplatte und spreizen die Finger bis sich jeder von uns mit dem kleinen Finger berührt.''
''Hmhm. Und das war's schon?''
''Nee Remy. Pass auf, jetzt kommt der Clou. Du, Nickel und ich, werden dabei unsere Daumen unter die Tischplatte haken und auf ein geheimes Zeichen hin, den ganzen Tisch anheben!''
''Bei mir ist es aber doch so eng, Rudi. Mit sechs Leuten da drinnen zu sitzen und dann auch noch meinen Tisch...''
''Hab Vertrauen. Lass uns einen Testlauf machen.''
''Gut, weil du es bist, aber ich bin nicht begeistert.''
Rudi hat alles in Windeseile organisiert und so kommt am selben Abend dann Wiesel:
''Okay Remy, ich bin dabei, aber mach bloß die Tür zu.''
Und es kommt Rosi:
''Mein Manni kommt auch gleich rüber. Hach, ich bin so aufgeregt. Hab 'ne ganze Flasche Röderer getrunken. Hoffentlich hat das keinen schädlichen Einfluss?!''
''Das ist nur ein Test, Rosi'', beruhigt Rudi, ''kann nix passieren.''
Als dann auch noch Nickel und Manni eintreffen, sind wir komplett. Es kann losgehen.
Wir nehmen unsere Plätze in der abgesprochenen Verteilung am Tisch ein.
''Und jetzt legen wir alle zusammen unsere Hände auf die Tischplatte. Mit gespreizten Fingern'', sagt Rudi.
Und da! Kaum das sich unsere kleinen Finger gegenseitig berühren, schwebt das Möbelstück ganz langsam nach oben.
''Wer von euch hebt den denn jetzt schon an? Ich hab meine Daumen noch gar nicht untergehakt!''
''Ich auch nicht'', sagt Nickel.
''Mein Manni und ich haben nix gemacht'', beschwichtigt Rosi.
''...ich geh kaputt...'', röchelt Wiesel.
Nichts desto trotz schwebt das Teil weiter nach oben, bis wir alle mit ausgestreckten Armen daran hängen.
''Drückt den Tisch runter! Verdammt nochmal, drückt meinen scheiß Tisch wieder nach unten!''
Es geht nicht. Das Ding schwebt wie angenagelt in der Luft. Langsam bekomme ich dann doch Panik.
''Wer von euch hält den da oben fest?!''
''Ich nicht'', schwören alle im Chor.
''Was ist denn das hier für ein Scheiß. Ich will meinen Tisch sofort wieder auf dem Boden haben!''
''Ich geh kaputt'', ruft Wiesel.
''Ich werf mich da drauf'', kreischt Rosi, nimmt Schwung und landet auf der Tischplatte.
Das hat geholfen! Mit einem gewaltigen 'RUMMMMS' kracht das Möbelstück wieder zu Boden.
''Hände weg von dem Ding'', rufe ich.
Haben auch alle sofort gemacht. Rosi liegt wie ein Frosch auf der Platte.
''Kann ich jetzt wieder runter'', fragt sie ängstlich.
''Versuch mal, aber sei vorsichtig!''
Der Tisch bleibt unten und wir lassen uns erleichtert in die Stühle sinken. Alle sitzen nun mucksmäuschenstill und kreidebleich darum herum und starren ihn ungläubig an.
'Wupp wupp wupp'.
Rosis Bein vibriert!
''Ich hab nur kurz dran gedacht...'', sagt Rudi in das Schweigen hinein.
''Bitte was hast du?''
''Also, als sich unsere Finger berührten...da hab ich nur ganz kurz gedacht...''
''Was denn?!?''
''..schwebe...''
Just in diesem Moment löst sich der Auspuff meines Wohnmobils und fällt mit einem gewaltigen 'KLONNCK' zu Boden. Und da ist noch ein anderes Geräusch vom Campingplatzeingang. 'PLÄÄSCH'.
Mein Briefkasten ist heruntergefallen!
''Jetzt ist aber Schluss, Rudi! Du machst mir noch Kleinholz aus meiner Bude! Hier drin läuft ab sofort gar nichts mehr! Es reicht mir!''
Das ist der Abend an dem Rudi glaubt, seine medialen Fähigkeiten entdeckt zu haben.
Für mich hingegen ist es eine unruhige Nacht.
Hab immer wieder kontrolliert, ob mein Tisch noch auf demselben Fleck steht.
Die darauf folgenden Tage verbringen Siegfried & Roy damit, am hinteren Ende des Campingplatzes, geschützt durch eine Brombeerhecke, die medialen Fähigkeiten von Rudi zu trainieren. Er hat sich mittlerweile eine Wünschelrute besorgt und lotet nun fleißig die Erdstrahlung vom 'Pärredais' aus.
''Na ihr Zauberer, schon weitergekommen?''
''Ich übe grade mit meiner neuen Kreuzrute. Geht eigentlich ganz gut. Hier sind überall Ausschläge'', sagte Rudi.
''Und ich notiere alles'', doziert Nickel.
''Wir haben nämlich einen Kunden in der 'New Age Energy' gefunden'', strahlt Rudi.
''Und das ist hier die Generalprobe'', erklärt Nickel.
Rudi steht wie aus dem Ei gepellt vor mir und wedelt mit seiner Wünschelrute. Er hat seinen alten steierischen Trachtenanzug angezogen. Eichenlaub am Revers, Enzian Blüten am Ärmelaufschlag und auf den Hosenträgern der Hirschlederhose ist ein röhrender Zwölf-Ender aus geschnitztem Hirschhorn zu sehen.
''Menschenskind, Rudi. Du hast dich ja richtig in Schale geschmissen. Alles für den Kunden?''
''Der Mann ist Oberstudienrat'', sagt Rudi, ''da muss man schon eine kleine Schaueinlage für's Geld einlegen. Ich hab mit ihm telefoniert und erklärt, dass ich aus einer Familie stamme, die auf eine in Jahrhunderte zu zählende Rutengänger Tradition zurückblicken kann. Er ist begeistert. Wie findest du mein Outfit?''
''Geil. Die Strümpfe mit den Troddeln sind echt der Bringer!''
''Danke, die hab ich vom Flohmarkt. Morgen geht es los. Ich hab ein echt gutes Gefühl dabei!''
''Und was macht ihr bei dem Oberstudienrat genau?''
''Sein Haus auf Störungen in der Aura untersuchen!''
''Meine Güte.''
Auf dem Rückweg zu meinem Wohnmobil treffe ich Siegfried & Roy wieder an.
Sie sind wohl gerade von ihrer Aura Mission zurückgekehrt. Nickel trägt seine Atompilzkladde unterm Arm und Rudi seine Wünschelrute in einem Gürtelhalfter. Beide machen einen zufriedenen Eindruck.
''Na Jungs, wie war die Session'', frage ich interessiert.
''Gut! War wirklich easy'', antwortet Nickel.
''Ja'', sagt Rudi, ''ich bin das Haus von oben bis unten abgegangen. Hab dabei irgendwelche Daten durchgegeben und Nickel hat alles notiert.''
''Und? Störstrahlen gefunden?''
''Also eigentlich ist da nichts gewesen. Die Rute hat noch nicht einmal gezuckt, aber das konnten wir so nicht gelten lassen.''
''Und was habt ihr gemacht?''
''Na ja, ich hab dem Mann erklärt, dass sein Haus sozusagen ein 'worst scenario' ist. Nur ein bisschen Ausschlag auf der Rute ist schon sehr bedenklich, aber überhaupt gar keine Reaktion; da muss man ganz besonders vorsichtig sein.''
''Wie ging's weiter?''
''Ich hab nochmal auf unsere jahrhundertelangen Erfahrungen im Rutengehen hingewiesen und das in seinem Haus wohl eine geradezu fantastische Überlagerung von verschiedensten Erdstrahlungen stattfindet. Die lässt meine Wünschelrute sozusagen in einer Nullstellung verharren. Wir sind mit dem Phänomen vertraut, denn bei uns in der Steiermark ist es ähnlich!''
''Grandios. Was hat er dazu gesagt?''
''Gar nichts. War am Boden zerstört. Wir haben ihm dann geraten, sein Bett auf jeden Fall in einen anderen Raum zu stellen, um Schlimmeres zu verhindern. Das hat ihn wieder aufgebaut und zum Schluss war er dann doch sehr angetan. Nickel hat dabei alles aufgeschrieben.''
''Ich hab Männekes gemalt'', bemerkt Nickel grinsend.
''Und wie sieht's mit dem Toto aus'', möchte ich wissen.
''150 €, gut wa'?''
''Mehr habt ihr da nicht herausgequetscht?''
''Wieso?''
''Na ja, ihr hättet dem doch noch eine Isolierung gegen den Strahlensalat auf's Auge drücken können!''
''Ääämmmh...?!''
''Menschenskind, ich hab noch ein paar Meter alten Maschendrahtzaun bei mir unterm Wohnmobil liegen. Den hätte man prima dort verbauen können. So als Isolierung, versteht ihr?''
''Ja, äämmmh...?!''
''Jungs, ihr schwächelt. Übrigens ist mein Zaun kein ordinärer Maschendraht, sondern besteht aus einem besonderen Material.''
''Was ist das denn für ein Material, Remy?''
''Aurora Kupfer!''
''Wie bitte?!''
''Tja Jungs, die Plutonium Folie hab ich nicht mehr!''
''Ts Remy, hör auf uns zu verarschen. ''
*
Es ist wie ich schon vermutet habe, jede Menge Werbung in meiner Post. Broschüren in Hochglanz, die für Männerwindeln werben (Danke schön, ich bin noch nicht inkontinent) und natürlich die obligatorische Staubsaugerreklame.
'Jetzt mit ganz neuem Filtersystem', steht ganz dick auf dem Flyer, 'mit Mikroben Rückhalt.'
Allem Anschein nach hat sich die Paranoia in der Bevölkerung verlagert und fokussiert nun in zunehmendem Maße die gemeine Hausstaubmilbe. Selbst von Beerdigungsinstituten bekomme ich Werbung. Als ob die heutzutage nicht mehr abwarten können, bis man von selber stirbt. 'Sonderdiscount auf sofort Tote! Sterben sie eher, dann wird es billiger!'
Passend dazu, flattert mir auch hin und wieder den Pfarrbrief ins Wohnmobil. Den lese ich aber nicht, weil da meistens immer das gleiche Gesülze drin steht und ich sowieso eher atheistisch eingestellt bin.
Gut finde ich hingegen die Fachzeitschrift der deutschen Fleischerei-Zunft, 'Das Schnitzel'.
Auch der Klassiker unter den Werbewurfsendungen darf nicht fehlen. 'Die Bäckerblume'.
Diese Zeitschrift des deutschen Bäckerei Verbandes ist ganz nach meinem Geschmack. Zwischen den neuesten Getreidepreisen und Backrezepten befindet sich dort auch immer ein Kreuzworträtsel das selbst ich lösen kann. Manche Menschen beurteilen diese Zeitschrift eher als langweilig. Ich hingegen finde sie große Klasse und sehr gut recherchiert. Basta!
Zwischen meiner Post schaut ein Brief heraus. Keine Werbung. Das Kuvert sieht nach einem richtig amtlichen Schriftstück aus. Mit Briefmarke und Anschrift drauf. Ich bin natürlich erst einmal geschockt und kontrolliere die Adresse. Ist meine! Also doch für mich.
Nach näherer Untersuchung entdecke ich auf der Rückseite einen Aufdruck mit dem Text:
'Liegt was in der Rinne - ruf Kinne'
Stimmt. Jetzt fällt es mir wieder ein. Ich habe vor einigen Tagen in der Zeitung bei den Stellenangeboten eine Annonce gelesen. Firma Kinne & Co. KG sucht einen flexiblen Mitarbeiter. Soweit ich mich erinnere ist das eine zeitlich befristete Stelle, aber mit einem unglaublichen Stundenlohn. Grundlohn wäre 25 € die Stunde und das Ganze befristet auf zwei Monate.
Genau das Richtige für mich. Viel Kohle, wenig Arbeit!
Ich habe dann auch sogleich ein Schreiben verfasst und an die Firma versendet.
Das ich ihre Annonce aufmerksam zur Kenntnis genommen und Interesse an dem Job habe, definitiv flexibel bin und es sehr freundlich wäre, mich ebenso aufmerksam zu berücksichtigen. Also das Übliche. Normalerweise gehe ich nicht davon aus, jemals wieder etwas von der Company zu hören. Umso erstaunlicher jetzt dieses Antwortschreiben, denn darum handelt es sich bei dem Brief.
''Sehr geehrter Herr Dürrenberg. Wir haben ihr Schreiben sehr aufmerksam gelesen und Sie in die engere Auswahl gezogen. Wir bitten Sie deshalb sehr freundlich, in unserem Büro vorzusprechen. Über alle weiteren Details werden Sie dort informiert. MfG Kinne & Co. KG''
Kurz und präzise, oder wie mein alter Deutschlehrer immer zu sagen pflegte, nachdem er meine Aufsätze gelesen hat:
''Flott geschrieben Dürrenberg. Respekt! In der Kürze liegt die Würze.''
Aus dem Briefkopf entnehme ich, dass die Firma im Hafen angesiedelt ist. Sehr gut. Ist fast um die Ecke. Da kann ich sogar mit dem Fahrrad hin. Ist das die Schwalbe die den Frühling bringt? Sollte meine finanzielle Misere endlich zu Ende gehen? Der Gedanke nach langer Zeit endlich einmal wieder in meine Lieblings Pommesbude einzukehren, ist geradezu elektrisierend. Von jetzt an kann es nur noch nach oben gehen. Ich entscheide mich für ein sofortiges Handeln und schlüpfe in meine Turnschuhe. Noch ein bisschen Gel ins Haar und ich, Remilus Dürrenberg, bin straßenfertig. Mein Fahrrad steht griffbereit am Zaun. Es kann sofort losgehen.
'Blatupp, blatupp!!'
Nein! Bitte nicht jetzt!
'Blatupp, blatupp!'
Ich steige wieder vom Rad und sehe, das Teil hat einen Mordsplatten. Damit kann ich auf keinen Fall mehr fahren. Soll das schon das Ende der Reise sein? Tausend Fragen kommen mir in den Sinn. Warum gerade jetzt? Wieso passiert mir das? Gibt es da vielleicht einen übergeordneten Zusammenhang? Ist das etwa ein Omen?
''Na, Genosse Remy, Probleme?''
Matscholat beugt sich aus seinem Büro.
''Ja. Mein Fahrrad ist platt.''
''Ganz kaputt'', fragt Matsche.
''Nein. Hat aber einen fetten Plattfuß hinten und eigentlich müsste ich mal grade irgendwo hin.''
''Vor einer halben Stunde hat Schmitz Plempe da dran rumgefummelt.''
''An meinem Rad? Was hat der denn an meinem Rad zu fummeln?''
''Er sagte etwas von Booby-Trap. Ich weiß nicht was das ist, aber auf jeden Fall hat er dein Fahrrad entschärft.''
''Wie bitte? Ich glaub es nicht!''
''Doch. Er hat hier so ein kleines Metallteil zur Sicherung und Verwahrung abgegeben. Ist angeblich ein hochaktiver Zünder.''
Ich bin sofort auf den Knien und checke mein Bike. Was hat der Irre da dran manipuliert? Und da! Jetzt sehe ich die Bescherung.
''Von wegen entschärft! Der Idiot hat mir doch tatsächlich das Ventil rausgeschraubt!''
''Kannst du wieder zurück haben. Liegt hier drin bei mir'', sagt Matsche und winkt mich zu sich herein.
Ich betrete das Büro, folge seinem ausgestreckten Zeigefinger und steige vorsichtig über dicke Stromkabel die im Fernsehsessel enden.
''Gibst du dir jetzt selber Elektroschocks'', frage ich ihn.
''Nein, natürlich nicht. Ich hab seit neuestem einen Elektromotor da drin.''
''Für was ist der denn gut?''
''Weißt du Genosse, ich hab mit Rudi gesprochen. Wegen meinen Schlafstörungen und so.''
(Oh Gott, oh Gott)
''Und was hat er dir so empfohlen?''
''Er vermutet, dass sich meine Schlafposition esoterisch nicht ganz hundertprozentig korrekt auf dem Meridian befindet!''
''Was? Echt?!''
''Ja; und ich soll darauf achten, dass mein Kopf immer auf den Sirius ausgerichtet ist. Das setzt positive Energien frei.''
''Aha'', erwidere ich, ''und wozu dann der E-Motor im Sessel?''
''Feintuning, Genosse. Feintuning. Auch jetzt in diesem Augenblick zeigt mein Kopf in Richtung Sirius. Sollte ich vor dem Fernseher wieder einmal einschlafen, dann wird der Sessel automatisch vom Motor nachjustiert und ich bleibe immer punktgenau im Ziel! Rudi hat alles selber eingebaut und mir einen Vorzugspreis gemacht. Ist 'n guter Mann!''
''Pass nur auf das du nicht vom Meridian abrutschst, Matsche'', sage ich, greif mir mein Ventil und sehe zu, dass mein Fahrrad wieder flott wird. Mit Ventil hält die Luft gleich viel besser im Schlauch und nach einigen Augenblicken exzessiven Aufpumpens ist das Bike wieder klar. Jetzt kann es aber wirklich losgehen. Ich radle also in Richtung Hafen und stelle fest, dass meine Stammkneipe auf dem Weg liegt. Hierbei handelt es sich um ein natürliches Phänomen, denn egal wohin die Reise geht, ich komme immer an meiner Kneipe vorbei. Ich entschließe mich für ein schnelles Bier.
''Ein Alt, bitte.''
Mein Kumpel Schäng ist im Laden, sieht mich und trabt sofort zu mir rüber.
''Na Remy, so früh schon unterwegs?''
''Ja. Bin auf dem Weg zum Hafen wegen einem Stellenangebot.''
''Was ist das denn für eine Stelle?''
Stimmt. Es war gar keine nähere Beschreibung des Jobs in dem Schreiben angegeben.
''Weiß ich nicht so genau. Das wollen die mir erst sagen wenn ich dort bin.''
''Komisch, aber im Hafen passieren sowieso seltsame Dinge.''
''Wie meinst du das?''
''Na ja, vor einigen Tagen hat man dort jemanden aus dem Rhein gezogen. Der Typ steckte einem geplatzten Froschmanndress. Er war nicht mehr so ganz bei sich und sah aus als wäre ein LKW über ihn drüber gefahren.''
''Im Rhein fahren keine LKWs.''
''Eben drum. Das ist ja das Seltsame.''
Bevor ich dort noch kleben bleibe, trinke ich mein Bier aus und verabschiede mich von Schäng.
''Mach's gut Alter. Ich komm vielleicht später nochmal rein. Tschüss.''
''Viel Glück Remy. Tschüss.''
Der Hafen liegt vor mir und entfaltet seine ganze Schönheit. Seit '65 ist da nicht mehr viel los mit Industrie. Deswegen halten sich die Abnutzungserscheinungen auch sehr in Grenzen. Ein kleiner, schicker und schöner Hafen. Ich fahre auf der Uferpromenade und komme an all den schicken Yuppie Booten vorbei. Langsam nähere ich mich der angegebenen Adresse und stehe schließlich vor einem alten Backsteinbau, der noch aus napoleonischer Zeit stammen könnte. Auf einem Schild am Eingang steht:
''Kinne & Co. KG - Tauchräumungen aller Art''
Mit dem Ausdruck kann ich rein gar nichts anfangen. Tauchräumungen? Wie dem auch sei, jetzt bin ich schon mal hier, also wird das auch durchgezogen. Ich erklimme die Stufen und betätige die Klingel.
'SCHHHPTONNNGGG!!'
Von drinnen dringt eine unglaubliche Schockwelle zu mir heraus. Ach du meine Güte, da ist grade etwas kaputtgegangen. Ich hab doch nur geklingelt. Das fängt ja gut an. Der Türsummer ertönt und das Portal öffnet sich.
''Kommen sie ruhig herein'', ruft eine junge Dame vom Empfang zu mir.
Ich schaue mich vorsichtig um, kann aber keine Anzeichen von Zerstörung feststellen. Anscheinend hab ich durch mein Klingeln doch nichts kaputt gemacht. Aber woher kam die Schockwelle?
''Lassen sie sich bitte nicht von unserer Ankerschelle irritieren. Die hat der Chef selber gebaut. Ist wirklich ganz schön laut, nicht wahr'', säuselt die junge Dame und deutet irre lächelnd mit ihrem Finger an mir vorbei.
''Allerdings'', erwidere ich, ''sehr laut sogar.''
Neben dem Eingang steht eine Taucherglocke und gleich darüber hängt ein rostiger Anker an der Decke. Das ist also die hiesige Klingel. Wahnsinn!
''Kann ich ihnen helfen?''
''Eigentlich bin ich gekommen um ihnen zu helfen. Sie haben mir eine Einladung gesendet.''
''Darf ich die einmal einsehen'', fragt die Empfangsdame.
''Natürlich'', sage ich und krame in meiner Jackentasche nach dem Schriftstück. Mist, der Brief ist nicht mehr da! Wahrscheinlich ist er mir bei der Fahrradaktion aus der Tasche geflutscht. Im Geiste notiere ich mir Plempe. Das bedarf Klärung.
''Ähm, tut mir Leid, aber den finde ich jetzt nicht.''
''Macht nichts. Wir haben das bestimmt hier vermerkt. Wie war noch ihr Name?''
''Dürrenberg! Remilus Dürrenberg.''
''Dürrenbersch?''
''Nein, bitte mit G am Ende.''
''Ahh! Also Dürrenberschg.''
''Nein. Dürrenberg! Berg, verstehen sie? Wie Hügel.''
''Ah, jetzt hab ich es. Sie sind also Herr Dürrenhü..''
''NEIN. Sagen sie jetzt bitte nichts mehr! Ich schreib es ihnen auf!''
Meine Güte, noch so eine Bekloppte. Wahrscheinlich hat die Empfangsdame ihren Verstand verloren. Kein Wunder bei einer Ankerklingel, deren Getöse einem die Plomben aus den Zähnen schlägt. Wo bin ich hier bloß gelandet? Nachdem sie meinen Namen eingehend studiert hat, blättert sie eifrig in irgendwelchen Unterlagen.
Plötzlich hellt sich ihr Gesicht auf und sie ruft voller Entzücken:
''SIE SIND DAS!! Warum haben sie das nicht gleich gesagt?!''
Diese Aussage irritiert mich etwas, denn meiner Erinnerung nach habe ich alles sofort gesagt.
Fröhlich hämmert die Dame auf eine Gegensprechanlage ein, bis es im Lautsprecher knistert.
''CHEEEF! CHEEEF! Sofort zum Eingang! WIR HABEN EINEN!''
Mich beschleicht ein komisches Gefühl. Schäng hat Recht. Irgendwie ist es seltsam im Hafen.
Bevor ich jedoch weiter darüber nachdenken kann, öffnet sich eine Stahltüre im hinteren Bereich des Empfangs und ein fast viereckiger Mann betritt den Raum. Ich unterdrücke nur mit Mühe meinen sofortigen Fluchtinstinkt. Meine Güte, was für ein Athlet. Sieht aus als könne er Parkuhren mit bloßer Hand aus dem Boden reißen.
''Da kommt unser Chef'', sagt die Irre.
Mir ist sofort klar, dass ich es hier mit einem Grobmotoriker zu tun habe. Allein die Klingel deutet schon darauf hin.
''Danke Frollein Lehmann. Ab jetzt übernehme ich'', sagt der Würfel.
Schon steuert er mit ausgestreckter Hand und breitem Lächeln auf mich zu. Der Würfel hat Zähne mit denen man Stahlketten zerbeißen kann. Mir fällt ein, dass ich schon ewig nicht mehr beim Zahnarzt war.
Zuviel Schiss!!
''Guten Tag, Herr...?''
''Dürrenberg. Remilus Dürrenberg.''
''Schön das sie so zügig vorbeigekommen sind. Wir haben nämlich ein echtes Personalproblem. Uns ist ein Mann auf einer wichtigen Position ausgefallen und wir suchen seit Tagen händeringend nach Ersatz. Haben sie eine Vorstellung von Tauchräumungen'', fragt der Würfel.
''Eher gar keine, wenn ich drüber nachdenke.''
''Umso besser. Je unvoreingenommener sie sind, desto einfacher wird es am Anfang sein.''
''Erklären sie mir bitte worum es sich hierbei handelt.''
''Schauen sie Herr Dürrenberg, wir halten die Fahrrinne vom Rhein frei. Alles was dort nicht hingehört, außer Kieselsteine natürlich, holen wir raus.''
''Aha.''
''Sie haben keine Vorstellung, was wir da so manchmal finden. Abgerissene Ruderblätter von Schiffen, abgefallene Schiffsschrauben und Anker.''
''So wie der von ihrer Klingel'', frage ich.
''Ja. Ist ein Fundstück. War der erste den mein Vater nach dem Krieg rausgezogen hat. Aber das eigentliche Problem in der Neuzeit sind Fahrräder, Autos und Waschmaschinen.''
''So etwas liegt im Rhein?''
''Ja und noch manches mehr. Heutzutage werden die Burschen auch immer schlauer. Verklappen ihren Mist zu nächtlicher Uhrzeit damit es keiner mitbekommt und entfernen vorher sämtliche Erkennungsmerkmale. Typenschilder, Fahrzeug- und Seriennummer. Alles eben, was auf den Vorbesitzer hindeuten könnte. Wir hatten hier vor einiger Zeit einen Vorfall an der Südbrücke. Man mag es kaum glauben, aber da hat doch tatsächlich so ein Spinner seinen völlig kaputten Lavamat, mit einer Stechkarre durch die halbe Stadt gefahren. Es sind Spuren auf dem Boden gefunden worden, deshalb weiß man zumindest das. Und weil die Südbrücke das niedrigste Geländer von allen Brücken hat, wird dort auch gerne mal Privatschrott rüber geworfen.''
''Soll das etwa heißen, der Typ hat seine Waschmaschine von der Brücke geworfen'', frage ich.
''Genau. Dummerweise fuhr aber gerade in dem Augenblick ein holländisches Schubschiff unter der Brücke durch. Kam Stromabwärts und war von der Brückenseite nicht zu sehen.''
''Ach du meine Güte! Ist etwas passiert?''
''Kann man so sagen. Der Holländer hat sich wohl vorher in Köln einen nagelneuen Ford Fiesta, Modell 'Steffi', gekauft. Der ist auf das Achterdeck gehievt und dort ordentlich vertäut worden. Der arme Kerl muss total geschockt gewesen sein, als der Lavamat genau dort eingeschlagen ist. 'Steffi' hat leider einen Volltreffer abbekommen und musste danach nicht einmal mehr in die Schrottpresse. Die Karre hat es völlig platt gehauen! Das Linke daran ist aber, dass man kein Typenschild und keine Seriennummer mehr auf der Waschmaschine findet. Selbst seine Fingerabdrücke muss der Spinner vorher noch abgewischt haben.''
''Ist ja voll krass!''
''Die werden immer krimineller'', sagt der Würfel resigniert.
''Mal abgesehen davon. Worin würde denn meine Aufgabe in ihrem Betrieb bestehen'', frage ich.
''Herr Dürrenberg, sie können ab sofort unser Floating Manager sein!''
''Whow! Hört sich gut an; und was hab ich denn da so zu tun?''
''Eigentlich nicht viel. Ist ein völlig entspannter Job. Wenn sie Interesse haben, gehen wir mal nach nebenan und ich erkläre es ihnen dort in der Praxis. Mein Name ist übrigens Kurt Kinne und ich bin der Chef von dem Betrieb hier.''
''Darauf hat ihr Fräulein Lehmann schon querverwiesen und ja, ich hab Interesse!''
''Also dann los. Kommen sie mit'', sagt Würfel Kurt.
