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Luca ist nach außen hin ein typischer Siebzehnjähriger. Er ist faul und trotzig, schläft gerne viel und vertreibt sich die Langeweile mit Videospielen. Für sein Alter üblich, gibt es für ihn außerdem zur Zeit nichts Wichtigeres, als jeden Winkel seiner Sexualität zu erkunden. Aber obwohl er offen schwul lebt, hütet er ein Geheimnis. Niemand weiß, dass er sich zu älteren Männern hingezogen fühlt. Als er eine Affäre mit einem zwanzig Jahre älteren Mann eingeht, verheimlicht er diese selbstredend, doch er bekommt genau das, was er sich immer gewünscht hat: Einen verdorbenen Liebhaber, der sein dunkles Verlangen teilt. Gemeinsam stillen sie während heißer Sommertage ihre intimsten Träume und leben ihre schmutzigsten Wünsche miteinander aus. Ein verborgener Garten samt Schubben werden zu ihrem heimlichen Liebesversteck. Luca entdeckt sein wahres Ich, während zwischen ihnen eine verbotene Liebe entfacht, die so manch verruchte Fantasie wahr werden lässt. Doch es gibt ein Problem, Lucas Liebhaber ist kein geringerer als sein Geschichtslehrer…
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Seitenzahl: 489
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Kadri Leander Wright, Billy Remie
Luca - Zwischen Nichts und Allem
Gay- Roman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
1 – desire me
2 – let me in
3 – call me Master
4 – love me
Nachwort
Impressum neobooks
Auch wenn es nervt, hier ein kleines Vorwort, damit es nicht zu Missverständnissen kommt.
„Luca“ ist ein etwas ausgefallenerer pikanter Roman im Bereich Gay und spielt im Kopf eines unverblümten jungen Mannes.
Auch hier gilt: Alle Personen, Orte und Ereignisse sind rein fiktiv!
Und jetzt viel Spaß beim Lesen.
»Hinsetzen!«, bellte es von der Tür her.
Nicht laut, nicht aggressiv, jedoch dunkel und auf eine Art selbstischer, wie es nur von einem Mann kommen konnte, dem die natürliche Fähigkeit angeboren war, Befehle zu erteilen.
Augenblicklich plätscherte mir ein dunkler Schauder über den Rücken, während ich dieses eine Wort geradezu in mir aufsaugte.
Um mich herum ging eine Welle durch meine Klassenkameraden, als sie sich augenblicklich zu ihren Plätzen begaben. Ich leckte mir derweil noch fahrig über die Lippen und versuchte, meine Fantasien unter Kontrolle zu halten.
»Klappe!«, gab Mr. Olsson noch hinterher, als vereinzelte Tratschtanten in den hinteren Reihen glaubten, ihr geflüstertes Geschnatter wäre nicht zu hören.
Und ja, ich weiß, dass wir im deutschsprachigen Raum unsere Lehrer mit einem formellen »Herr« ansprechen. Und nicht mit Mr.
Aber ich persönlich habe den Eindruck, dass sich das, wie vieles andere in unserer Sprache ebenfalls, gelinde gesagt ziemlich beschissen anhört.
Probieren wir es aus: Herr Olsson.
Seht ihr, klingt scheiße.
Also bin ich vor langem dazu übergegangen, meine Lehrer mit Mr, Mrs. und Miss anzusprechen. Die meisten von ihnen fanden es sogar ziemlich amüsant. Mrs. Müller sagte über mich, ich wäre ja so reizend, und kniff mir dabei stets großmütterlich in die schmalen Wangen.
Wenn ich es darauf anlegte, konnte ich meine Lehrer ganz gut um den Finger wickeln. Jedoch zu meinem Verdruss nicht gänzlich alle, und leider besserte meine manchmal charmante, selbstischere Art meine Noten auch nicht auf.
Mr. Olsson gehörte zu jenen Leuten, die für meine alberne Art immer nur einen etwas längeren eindringlichen aber stummen Blick übrig hatten, ehe er mich einfach ignorierte.
Der Mann konnte mich nicht ausstehen, seit wir uns das erste Mal draußen im Flur begegnet waren. Ich konnte mir nicht erklären, warum. Auch wenn ich ein typisch aufmüpfiger Teenager war, hatte ich doch bisher noch nicht das Vergnügen mit ihm gehabt, außerdem vermied ich ernsthafte Auseinandersetzungen mit den Lehrern, da meine schlechten Noten bereits genug Ärger bei mir zu Hause bedeuteten. Aber kaum, dass er in meine Richtung sah, spießten mich seine scharfen Blicke aus seinen Adleraugen auf, wenn ich es auch nur wagte, die Hand im Unterricht zu heben.
Schließlich war er dann gezwungen, mich zu beachten. Wie konnte ich es auch nur wagen?
Mr. Olsson knallte die lederne Aktentasche auf den Tisch und stellte seinen Kaffee-to-go-Becher ab, dann begann er den Unterricht wie jede Stunde, indem er sich zur Tafel umdrehte und das Thema groß daran schrieb, als hielte er uns alle für zu dämlich, um uns an das zu erinnern, was wir gerade durchnahmen.
Und, zugegeben, neunzig Prozent meiner Mitschüler waren wirklich derart einfältig, wie er letztlich annahm. Mich inbegriffen. Weil ich, sobald er mit seinem herrischen »Hinsetzen« den Raum betrat, vollkommen außer Stande war, ihn mir nicht halbnackt mit einer Reitgerte in der Hand vorzustellen, die er gebieterisch in seine Hand schlägt, während er breitbeinig vor mir steht und mich mit seinem stechenden Blick aus seinen moosgrünen Augen durchbohrt.
»Hinsetzen!«
Ich hörte es immer wieder in meiner Fantasie, noch eine Spur betonter als in der Wirklichkeit.
»Auf Ihren Schoß, Mr. Lehrer?«, hörte ich mich bereits lüstern fragen, sperrte die Vorstellung aber schleunigst aus, bevor das Zelt in meiner Hose zu offensichtlich wurde.
Er war übrigens mein Geschichtslehrer, seit Anfang des Schuljahres, als ich mal wieder sitzen blieb und eine weitere Runde in der Neunten drehen durfte.
Was soll ich sagen, es ist nicht leicht für einen Siebzehnjährigen den extremen Hormonhaushalt mit dem Pflichtgefühl, etwas für meine Zukunft zu tun, zusammen zu bringen. Alles, woran ich denken konnte, war mein harter Schwanz. Und es brauchte nicht viel Anreiz, um meinen Kumpel zu wecken. Ihn dann wieder schlafen zu schicken, war um einiges schwieriger. Deshalb standen kostenlose Pornos aus dem Internet eindeutig vor dem Lernen. Und es machte es nicht besser, dass Mr. Olssons militärische Strenge meine Fantasie nur noch intensiver beflügelte. Jede Schulstunde aufs Neue.
Ein Lehrer der Geschichte stellte ich mir bisher wie folgt vor: Ein betagter Mann, nicht größer als ein abgebrochener Meter, kreisrunder Haarausfall, vielleicht ein silberner Bartschatten. Auf jeden Fall eine dicke Brille, die auf seinem krummen Nasenbein sitzt und die Knitterfalten unter seinen kleinen Augen betont. Und natürlich nicht zu vergessen sein Tweet-Jackett.
Jene klischeehafte Vorstellung – mögliche Abwandlungen vorbehalten – trafen bisher auch immer wieder zu. Aber nicht bei Mr. Olsson! Ähm … Nope!
Auch wenn ich bereits seit frühster Jugend eine geradezu bedenkliche Anziehungskraft gegenüber älteren Männern verspürte, überschritt meine Neigung doch nie die Altersgrenze von Fünfzig.
Mein Geschichtslehrer war absolut noch nicht in der Nähe eines halben Jahrhunderts. Ich schätzte ihn auf Mitte Dreißig. Und er war eine abgefuckte Sexbombe!
Na gut, ich übertreibe wohl etwas. Er war jetzt nicht dieser Muskelgott, wie sie mich von Covern diverser Hochglanzmagazine ansprangen, oder einer dieser Hollywood-Filmschauspieler-Traumtypen. Aber für meinen Geschmack war er purer Sex.
Seine Schultern waren breit, unter seinen immer locker sitzenden Hemden, die er nicht in seine Stoffhose stopfte, sondern flattern ließ, waren die Konturen zweier schöner Brustmuskelberge zu erkennen. Ob darunter ein malerisches Six-Pack verborgen lag, konnte ich nicht bestimmen, da sein Bauch unter dem weiten Stoff verborgen blieb. Ich war allerdings ohnehin noch nie der Typ gewesen, der nur auf Muskeln fixiert war.
Mr. Olsson besaß Tattoos, gelegentlich konnte ich schwarze Ränder unter dem Stoff hervorblitzen sehen, seine Arme, Brust und der Hals waren damit übersäht, doch er wusste sie zu verbergen, sodass es ein Geheimnis für mich blieb, ob es sich um Rocker-Tattoos oder filigrane Schnörkel handelte. Er war groß, aber nicht wie ein Hüne, einfach nur groß. Gut zwei, drei Köpfe dürfte er mich überragen, doch es hatte sich noch keine Gelegenheit geboten, meine These zu überprüfen. Außerdem gehörte ich zu der Sorte: Winzling. Also war dieser Vergleich nicht unbedingt aussagekräftig für seine Größe. Trotzdem, er war groß, zumindest für mich. Sein Haar hatte die Farbe von Milchkaffee, er trug es hinten und an den Seiten recht kurz, fast undercut-like, wie ich einen trug, und vorne ergoss es sich in schicklicher Manier über seiner glatten Stirn. Er besaß einen Kinn- und Oberlippenbart, der wesentlich dunkler, ja fast braun, wirkte. Seine Gesichtszüge waren mit Abstand die markantesten, männlichsten, grimmigsten und ausgeprägtesten die ich jemals erblicken durfte. Und, bei Gott, ich schwöre, er hatte den geilsten, knackigsten Arsch der Welt! Keine Riesenkiste, sondern klein, rund und zum Hineinbeißen.
Wenn er sich allerdingts umdrehte, wie in jenem Moment, als er der Tafel den Rücken zukehrte, war sein Paket vorne hinter seinem Hosenschlitz auch nicht zu verachten. Sofern er denn nicht mogelte und es mit einem verdammt dicken Sockenknäuel ausgestopft hatte.
Ich schüttelte den Kopf und riss mich zusammen, als Mr. Olsson zu sprechen begann. Genug fantasiert, sagte ich mir, wusste aber sofort, dass sich meine Libido nur für eine kurze Weile daran halten würde, denn es kostete mich bereits nach wenigen Sekunden einiges an Willenskraft, nicht auf den Schritt meines Lehrers zu starren, in dem eine weiche Beule hin und her gewogen wurde, während Mr. Olsson vor der Klasse auf und ab ging und über die Hitlerjugend berichtete.
Ich mochte die Geschichte über den zweiten Weltkrieg nicht sonderlich. Nicht, dass ich zimperlich gewesen wäre, eigentlich bezeichnete ich mich als ziemlich abgebrüht und kaltherzig, aber jenes Thema langweilte mich. Wir nahmen die Nazi-Zeit ohnehin nur durch, weil es zurzeit ein politisches, gesellschaftliches Thema war. Und als wäre das nicht genug, liefen darüber auch noch unzählige Dokumentationen im Fernseher. Mir kam es zu den Ohren raus.
Hat unser Land wirklich nicht mehr an Geschichte zu bieten?
Weshalb es mir schwerfiel, meine Konzentration auf Mr. Olssons Worte zu richten. Ich versuchte es, indem ich ihm auf den Mund starrte, aber das führte lediglich dazu, dass ich mir vorstellte, wie er den Kopf dreht, mich ansieht und sich lasziv für mich die Lippen leckt.
»Komm her«, will mir sein Blick sagen, »ich will dich schmecken.«
Meine Vernunft tippte mir auf die Schulter und fragte mich, ob es mir noch ganz gut ging.
Nein, konnte ich nur antworten, denn ich war vollkommen verschossen in meinen Geschichtslehrer.
Merkt man gar nicht, oder?
Ich bin nicht dumm, mir war sehr wohl bewusst, dass die Chance auf ein Lehrer-Schüler-Techtelmechtel gerade mal bei ernüchternden nullkommanullnullnulleinem Prozent lag.
Oder so ungefähr.
Jedenfalls waren meine Aussichten sehr gering, überdies mochte er mich auch nicht sonderlich. Ich glaubte, er hielt mich für faul und unterbemittelt. Wenn ich ihm eine Frage zu einem Thema stellte, seufzte er immer, als hätte ich etwas sagenhaft Dummes von mir gegeben.
Allerdingst war ich tatsächlich faul, jedoch hielt ich mich bisher eigentlich selbst für recht clever. Aber Mr. Olsson schien diesbezüglich nicht mit mir übereinzustimmen.
Ich schweife ab.
Jedenfalls stand ich auf meinen Lehrer. Und zwar so richtig. Aber auf die rein sexuelle Art! Ich verhielt mich nämlich nicht wie ein verliebtes, kleines Mädchen und malte Herzchen um seinen Namen. Nein! Ich konnte mir lediglich jedes Mal auf der Stelle ordentlich einen von der Palme wedeln, wenn ich ihn auch nur sah. Und ich war mir ziemlich sicher, dass meine Hose bereits von innen leicht feucht wurde, da mein Schwanz dank meiner kleinen perversen Fantasien wie ein undichter Wasserhahn leckte. In weiser Voraussicht hatte ich deshalb immer eine schwarze Hose an, wenn Geschichte auf dem Plan stand, damit man keine Flecke erkennen konnte.
Mr. Olsson ging plötzlich dazu über, die Tische abzulaufen. Ich hatte gar nicht mitbekommen, welche Aufgabe er uns aufgetragen hatte, und wartete verwundert auf die Blätter, die er austeilte. Er war der einzige Lehrer, der das selbst in die Hand nahm, die meisten anderen beauftragten einen Schüler für das Austeilen diverser Unterlagen, andere wiederrum ließen einen Stapel einfach herumreichen. Aber nicht mein Mr. Olsson – und ja, ich betitele ihn im Geheimen gerne als den meinen – nein, er setzte sich selbst in Bewegung, legte jedem seiner Schützlinge ein Blatt sorgfältig umgedreht vor die Nase, erzählte dabei weiter über die großen geschichtlichen Ereignisse der Menschheit, beantwortete Fragen und hörte sich Thesen an.
Als er bei mir ankam und das Blatt auf den Tisch legte, konnte ich nur seine große Hand anstarren. Er drehte die aus einem Buch kopierte Seite herum, damit ich sie lesen konnte, doch seine langen Finger verharrten darauf, sodass ich an seinem gebräuntem Arm nach oben sehen musste.
Er blickte mich an.
Unergründlich trafen mich seine moosgrünen Augen und schienen mich aufspießen zu wollen. Ich starrte einfach nur zurück, konnte nicht einmal blinzeln, das Herz schlug mir bis zum Hals.
»Wollen Sie meinem Unterricht weiterhin beiwohnen, Mr. Vogt?«, fragte er mich und zog eine dunkle Augenbraue nach oben, die unter seinen leicht wehenden Haarspitzen verschwand.
Ich musste lachen, weil er mein übliches MR. nachgeahmt hatte. Er schien anzufangen, es zu mögen. »Ähm ... Ja?« Ich grinste breit und charmant mitten in sein Gesicht, doch er verlor seine eiserne Miene nicht.
Sein scharfer Blick wurde noch eine Spur strenger, sodass ich beinahe lustvoll darunter erzitterte. »Ähm?«, wiederholte er meinen dämlichen Laut, und seine Stimme klang, als wollte er mir die Gelegenheit bieten, mich zu korrigieren.
»Natürlich will ich das, Mr. Olsson«, verbesserte ich mich umgehend. Nicht, dass mir was an Geschichte oder Zeit im Unterricht überhaupt gelegen hätte, aber ich wollte nicht die wenigen Augenblicke, die mir mit ihm vergönnt waren, verschenken.
Er beugte sich zu mir hinab, der Geruch von Kaffee und altem Leder schlug mir entgegen. »Dann hängen Sie gefälligst nicht so schlaff wie ein nasser Sack auf ihrem Platz! Und heucheln sie wenigstens Interesse, Mr. Vogt!«
Ich richtete mich sofort gerade auf und rückte mit dem Stuhl an die Tischkante heran. »Ja, Mr. Olsson«, murmelte ich kleinlaut, mein Lächeln war verflogen.
Er ging weiter, einige meiner Klassenkameraden kicherten über mich, aber er wusste dies mit einem einzigen, stummen Blick zu unterbinden.
Herrgott, er ist so streng … Ich fand seine herrische Ader unglaublich anziehend. Und obwohl ich mich etwas gedemütigt fühlte, geilte mich seine ganze Art mal wieder derart auf, dass ich auf meinem Stuhl herumrutschte, um Platz in meiner Hose zu schaffen.
Kaffee und Leder. Ich schloss für einen flüchtigen Augenblick genüsslich die Augen. Er roch nach Kaffee und Leder. In jenem Moment war es mir noch nicht bewusst, aber ich würde diesen Geruch niemals wieder vergessen.
Nachdem er mir so nahe gekommen war, konnte ich seinem Unterricht nur noch körperlich beiwohnen. Meine Gedanken waren weit fort, gemeinsam mit ihm. Oder nein, eigentlich waren wir immer noch im selben Raum, allerdings allein, und statt der ganzen Klasse etwas über die Nazi-Zeit zu erzählen, erzählte er mir, dass er meinen Leib ebenso begehrte, wie ich den seinen.
Ich seufzte gelegentlich leise, aber nur, wenn ich sicher war, dass er mich gerade nicht beachtete. Seltsamerweise kam es mir an jenem Tag zum ersten Mal so vor, als sähe er immer wieder in meine Richtung. Nicht streng, sondern grübelnd. Als hätte ich etwas gesagt oder getan, das ihn sehr zum Nachdenken brachte.
Und tatsächlich sprach er mich in jener Stunde häufiger als üblich an, als hätte er durchgehend ein waches Auge auf meine Haltung. »Gerade sitzen, Mr. Vogt!«, ermahnte er mich eins ums andere Mal. Ich bildete mir ein, ein amüsiertes Aufblitzen in seinem Gesicht zu erkennen, wenn ich daraufhin ertappt zusammen zuckte und mich gehorsam aufrichtete.
»Halten Sie den Kopf oben«, trug er mir auf, wenn ich mein Kinn auf meine Hand stützte, ganz beiläufig, während er unterrichtete, sodass kaum jemand Notiz davon nahm, wie sehr er sich an mir festgebissen hatte.
»Nicht Träumen«, warf er gelegentlich in meine Richtung, und ich blinzelte mich aus Tagträumen, in denen er die Hauptrolle spielte, zurück in die Gegenwart.
Ich hatte mich noch nie aggressiv gegen Regeln aufgelehnt, zumindest nicht gegenüber Lehrern, aber ich war doch noch nie derart bestrebt gewesen, zu tun, was sie von mir verlangten. Bei ihm war es anders. Einerseits wollte ich ihm imponieren, er sollte mich sehen, mich bemerken, er sollte erkennen, dass ich nicht so dumm war wie ich mich oftmals gab. Aber andererseits wollte ich Dinge tun, die ihm missfielen, damit er mich wieder zurechtweisen konnte, denn auch dadurch erlangte ich seine Aufmerksamkeit.
Als die Stunde zu Ende ging, fühlte ich mich emotional ausgepowert und auf eine wohlige Weise erschöpft, wie nach einem Onanier-Marathon an einem heißen Samstagnachmittag, wenn mir langweilig gewesen war. Dieses Spiel zwischen ihm und mir hatte etwas von einer Tischtennis-Partie, bei jener eindeutig er gewonnen hatte, denn ich war müde geworden, und er hatte mich ausgestochen.
In diesem Fall verlor ich jedoch gern, denn als ich nach der Stunde an seinem Pult vorbei ging, glaubte ich, ihn lächeln zu sehen, als er mir verstohlen nachblickte.
»Mr. Olsson?« Es brach aus mir heraus, bevor ich mich bewusst entschieden hatte, mich noch einmal zu ihm umzudrehen.
»Ja?« Er blickte von seinen Unterlagen auf, das Klassenbuch lag aufgeschlagen vor ihm auf dem Tisch. Er hielt einen Kugelschreiber bereit.
Wird er meine Träumerei etwa aufschreiben?
So pingelig kann doch nicht einmal er sein, glaubte ich.
Ich würde es wohl nie erfahren.
Ich warf einen flüchtigen Blick über die Schulter. Die Klasse leerte sich einem beständigen Strom gleich, wie ein reißender Fluss. Eine Kolonie Ameisen, die den Bau verließ, wenn er in Brand steckte. Keiner nahm Notiz davon, dass ich stehen blieb. Ich war nur ein Schüler, und er war nur ein Lehrer. Es war nicht ungewöhnlich, noch zu bleiben, und doch fühlte ich mich, als täte ich etwas Verbotenes.
»Ich wollte nur …«, begann ich und sah ihn wieder an. Aber er bedachte mich mit einem seiner berühmten Blicke, die sich in mich zu bohren und zu strafen schienen, für etwas, das ich mir nicht erklären konnte. Es sei denn, es galt bereits als verwerflich, dass ich es wagte, ihn auch nur anzusprechen.
»Ich finde Ihren Unterricht nicht langweilig«, versuchte ich, mein Verhalten zu erklären, denn ich wollte auf keinen Fall, dass er sich dadurch gekränkt fühlte.
Er zog eine Augenbraue nach oben, als wäre es ihm gleich. Mir doch egal, schien er sagen zu wollen. »In Ordnung«, tat er die Sache ab und senkte wieder den Kopf über dem Klassenbuch.
»Ich meine«, hielt ich ihn auf und machte einen Schritt auf ihn zu, damit er mich nicht einfach so abspeisen konnte, »ich finde jeden Unterricht langweilig. Aber das liegt nicht an Ihnen, ich wollte nicht …«
»Sagst du das zu jedem Lehrer?« Er blickte nicht auf, als sei es ihm egal, ob wir dieses Gespräch weiter führten.
Ich schüttelte irritiert den Kopf. »Ähm … Nein!?«
»Ähm«, wiederholte er mich, dieses Mal glaubte ich, ein wenig Belustigung aus seiner Stimme heraus zu hören. Er schielte zu mir auf, ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen.
Ich grinste und zuckte mit den Schultern. »Ich meine: Nein.«
Das schien ihn zufriedenzustellen. Er seufzte, legte den Kugelschreiber in die Falte zwischen den Seiten des Klassenbuchs und lehnte sich zurück. Die Art und Weise wie er den Fuß über das Knie legte und die Hände über seinem Bauch faltete, wirkte derart lässig und selbstsicher, dass ich ihn noch anziehender fand.
Ebenso signalisierte mir seine gesamte Körpersprache: Ich höre dir zu.
Von jetzt auf gleich, als hätte ich die Zauberformel entschlüsselt, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Als hätte ich eine Prüfung bestanden, die mich in den Rang der zu beachtenden Personen erhob. Dies war so völlig neu für mich, dass ich stockte. Denn ich war es absolut nicht gewohnt, dass Erwachsene mir derart ihre Aufmerksamkeit schenkten. Die meiste Zeit fühlte ich mich in der Welt ziemlich unsichtbar. Ich war weder Kind genug, um beachtet zu werden, noch gehörte ich bereits zu den Erwachsenen, um von jenen ernst genommen zu werden. Und dieses einsame Gefühle wurde mir in dem Moment bewusst, als er mich aufmerksam betrachtete und mich ansah, als wäre ich wie er. Ein Mann.
Ich bin mir nicht sicher, ob er mir meine Gefühle anhand meiner Angespanntheit ansehen konnte, jedenfalls erleichterte er mir dieses Gespräch, indem er anfing: »Deine Noten sind nicht gerade gut.«
Das war noch nett ausgedrückt. Sie waren unter aller Sau.
»Ich kann mich nicht so gut konzentrieren.« Ich senkte verlegen den Blick. Er hält mich für dumm, dachte ich ernüchtert.
»Du hast nie deine Hausaufgaben und träumst im Unterricht«, es klang nach einem strengen Tadel. Nach einem ernsten Tadel, nicht nach den lauten Schimpftriaden meiner Mutter und meines Vaters, die ich genervt über mich ergehen ließ, aber niemals ernst nahm. »Ich würde es schlicht Disziplinlosigkeit nennen. Und nicht auf eine fehlende Konzentrationsstärke schieben, Luca.«
Ich musste mir ein unpassendes Lächeln verkneifen. Er nannte mich vertraut beim Vornamen, das tat er selten. Vermutlich aus Respekt, er behandelte all seine Schüler wie vollwertige Erwachsene, blickte uns auf einer Stufe mit sich in die Augen, wenn er mit uns sprach. Nahm unsere Thesen und Fragen ernst.
Es sei denn, wir verhielten uns ihm gegenüber wie Kinder, dann wurde er streng und bellte »Hinsetzen« und »Klappe«.
Beides hätte ich zu gerne einmal in einem anderen Kontext gehört.
Ich sagte dazu nichts, starrte nur hinab auf den Boden. Seine Schuhspitze stand in meinem Blickfeld. Wildleder. Schick und wild zugleich.
Sollte ich jetzt gehen? Aber ich konnte mich nicht vom Fleck bewegen. Er betrachtete mich dafür deutlich zu eingehend. Ich glaubte, das Aufkommen eines Knisterns in der Luft zu erspüren, doch es konnte auch allein von meiner Seite aus kommen.
Sei es drum, es war absolut spannend, weil es ebenso durchweg verboten wäre, gäbe es da wirklich eine aufgeladene Stimmung zwischen uns, ganz gleich, ob er es auch fühlte.
»Überprüft bei dir zu Hause niemand, ob du lernst und deine Aufgaben erledigst?«, wollte er schließlich wissen.
Mir entkam ein Schnauben. »Klar«, erwiderte ich gelogen. In diesem Moment hatte ich das dumme Bedürfnis, Zuhause und Familie in Schutz zu nehmen. Dabei stimmte das gar nicht.
Meine Eltern waren beide vollberufstätig und kamen erst gegen Abend nach Hause. Seit ich dreizehn bin koche ich mittags selbst für mich. Und bereits in Grundschulzeiten hatte niemand nachgeprüft, ob meine bejahte Antwort auf die Frage, ob ich meine Hausaufgaben erledigt und gelernt habe, auch der Wahrheit entsprach. Ich bin das jüngste von zwei Kindern, und irgendwie war ich immer ein wenig mir selbst überlassen. Hinzu kam, wie bereits erwähnt, die Tatsache, dass mich ohnehin niemand für voll nahm, vor allem nicht meine Eltern. Ich war siebzehn und unsichtbar.
Mr. Olsson nickte, aber ich konnte ihm ansehen, dass er mir nicht glaubte.
»Gut«, sagte er.
»Gut«, wiederholte ich.
Er lachte, weil ich ihn nachplapperte. Und dann war es vorbei. Er stellte beide Füße auf den Boden und wandte sich wieder ab, signalisierte mir, dass ich gehen konnte.
Ich drehte mich um und schlurfte zur Tür. Nun fühlte ich mich noch ermatteter, außerdem biss sich das unangenehme Gefühl einer Abfuhr an mir fest.
»Eine Nachhilfe täte Ihnen vielleicht gut«, rief er mir plötzlich nach. Ein Beweis dafür, dass er wusste, dass ich gelogen hatte.
Ich drehte mich noch einmal zu ihm um, doch er schrieb bereits fleißig weiter, mit einer tiefen Falte zwischen den Augenbrauen, als sähe er schlecht und trüge eigentlich eine Brille.
»Zu teuer«, tat ich die Sache ab. Immerhin hatte ich gewiss keine Lust auf eine langweilige Alte, die mir mehrmals die Woche meine Nachmittage stahl, jene ich fest für fernsehen, Videospiele zocken und wichsen eingeplant hatte.
»Vielleicht tut es ja jemand aus Nächstenliebe«, gab er spöttisch zurück und schielte mir mit einem leichten Schmunzeln entgegen.
Die Vorstellung auf Nachhilfe war so abturnend, dass mir jegliche Freude, mich mit ihm zu unterhalten, verging. Ich verzog missgelaunt mein Gesicht und zuckte mit den Schultern. »Vielleicht.«
»Sie brauchen nur etwas, dass Sie motiviert, Mr. Vogt«, er sah mich altklug an, »und Sie sollten danach suchen. Sie sind siebzehn. Das Leben hat bereits begonnen, machen Sie was draus.«
Ich ruckte erneut mit den Schultern. Mir doch egal. Diese Art von Gespräch war derart langweilig und nervig, dass ich zumindest kurzweilig von meiner Geilheit geheilt wurde.
Als ich danach in die Pause schlurfte, kam ich jedoch nicht umhin festzustellen, dass sich ein eiserner Wille in mir auftat.
Ich hatte absolut keine Lust, irgendetwas in meinem trägen Leben anders zu machen, mich aufzuraffen und an meine angebliche Zukunft zu denken, die für mich noch so weit entfernt lag, und doch war ich angespornt, weil er mich offensichtlich nicht, wie befürchtet, für dämlich hielt. Aus unerfindlichen Gründen wollte ich ihn nicht enttäuschen.
Hinzu kam meine Faszination für seine Strenge. Wobei ich es vielleicht etwas ehrlicher ausdrücken sollte: ich lechzte sabbernd danach, dass er mich zurechtwies. Egal wie, egal wann, egal weshalb. Hauptsache sein scharfer Blick und seine eiserne Miene trafen mich – und sein schneidender Tonfall ließ mich zusammenzucken, und dann erzittern.
Bitte, sei nett zu mir, mag mich, wollte ich ihm zurufen, aber bitte, lass mir nichts durchgehen.
Und vielleicht lag mein ganzes Verhalten, meine ganze Lustlosigkeit einfach nur daran, dass ich mich nach Disziplin sehnte.
Ich brauche das!
Die nächsten Tage verliefen ähnlich aufreibend. Während ich mir in den Kopf gesetzt hatte, zu beweisen, dass ich mich verbessern konnte, wenn ich wollte, war mein Schultag von Bangen erfüllt.
Ich bangte darum, ihn zu sehen, selbst wenn ich kein Unterricht bei ihm hatte. In den Pausen hoffte ich, dass er die Aufsicht hatte, und hielt Ausschau nach ihm, wie er mit seinem üblichen Kaffee über den Hof schlenderte, sodass mich meine Clique alsbald fragte, was mit mir los sei, und nach wem ich suchte. Sie neckten mich bald darauf, weil sie glaubten, ich schwärmte heimlich für jemanden.
Sie hatten recht, allerdings war das Objekt meiner Begierde ein Lehrer.
Sie wussten, dass ich schwul bin. Alle wussten es. Ich selbst habe es immer gewusst und nie ein Geheimnis daraus gemacht. Was mein Leben nicht gerade vereinfacht hatte.
Wenn du bereits als – sehr frühreifer – Junge bei jedem freien Männeroberkörper im Schwimmbad zu sabbern anfängst, weißt du es einfach. Außerdem waren meine Fantasien stets eindeutig, als ich anfing, mich für meinen Schwanz zu interessieren. Zugegeben, das Ding war immer sehr interessant gewesen, denn man konnte wahnsinnig tolle und witzige Sachen damit anstellen. Aber erst als er mir diese herrlich prickelnden und warmen Gefühle verursachte, lernte ich seinen wahren Wert zu schätzen. Er war zu mehr als zum körpereigenen Feuerwehrschlauch gut. Oder mehr als ein »Stift«, mit den ich in den Schnee »zeichnen« konnte.
Okay, letzteres tue ich heute noch, wenn ich im Winter draußen mal pinkeln muss. Niemand außer mir konnte so präzise ein Phallussymbol in den Schnee »malen«. Leider konnte ich damit nicht unbedingt viele Menschen beeindrucken.
Jedenfalls kenne ich so etwas wie Scham nicht, wenn es um meine Sexualität geht.
Ich würde mich nicht als klischeehaft schwul bezeichnen. Auch wenn ich gestehen muss, dass ich wohl durch und durch passiv bin. Was bedeutet, ich lass mich gern besteigen. Wobei, ich reite natürlich auch gerne. Worauf ich eigentlich hinaus will: ich lass mich ficken.
Klar, ich kann es auch anders herum, ich bin da sehr flexibel, aber richtig geil werde ich erst, wenn mir jemand etwas in den Arsch schiebt. Und ich gehe damit auch ganz unverblümt um. Warum lügen oder es schüchtern umschreiben? Es ist, wie es ist. Arschfick bleibt Arschfick, auch durch die Blume gesprochen.
Aber mal davon abgesehen, wie ich Sex praktiziere – was ja auch nur mich etwas angeht – sehe ich mich selbst nicht als Klischee. Ich trage keine schrillen Farben, rede nicht mit nasaler Stimme, gehe nicht ständig in Clubs. Mein Aussehen ist für mich auch nicht das Wichtigste. Ich bin ein typischer Normalo, würde ich sagen, allerdings dass ich eben schwul bin. Nicht, dass die Sexualität eines Menschen tatsächlich aussagekräftig für seinen Charakter wäre.
Ich stehe auf Actionfilme, um so überdrehter, um so geiler. Ich fahre auf Ballerspiele ab, hatte nie eine Barbie und verabscheue Rosa. Ich verwende nur ein einziges Duschbad für Haare und Haut, und es riecht nach Moschus. Ich trage meine Socken so lange, bis meine Mutter sagt, ich solle die Dinger wegschmeißen, sie würde lieber das Haus in Brand stecken, als sie zu waschen. Meine T-Shirts sind weit, dunkel und mit den Covern von Heavy-Metal-Bands geschmückt. Dazu trage ich meistens graue oder schwarze Jeans, die etwas tief liegen, aber derart eng sind, dass sie nicht rutschen können.
Denn mein Arsch ist so ziemlich das Geilste an meinem kleinen, schmächtigen Körper, weshalb ich ihn gern betonte.
An mein Haar lasse ich nur Wasser und das Haarfärbemittel meines Vertrauens. Da ich das banale Straßenköterblond meines Schopfes nicht mochte, färbte ich sie immer blauschwarz – schwärzer geht es nicht. Ich trage mein Haar durchgestuft und wild, etwa wie eine von diesen Manga-Figuren. Nicht, dass ich je einen Manga gelesen hätte, aber ich kenne die ein oder andere Anime-Serie und legte meinem Friseur eine Vorlage hin. Er hat nicht schlecht geguckt.
Die längsten Spitzen waren auf Höhe meines schmalen Kinns, die kürzesten verhingen halb meine silbergrauen Augen. Unter den Fransen trage ich allerdings einen Undercut.
Ich habe einen Tunnel im Ohr – natürlich das »schwule« Ohr, ich will ja Flagge zeigen – und Piercings in der Unterlippe, Zunge und zwischen den Augenbrauen. Aber nein, ich bin kein schwuler Goth oder Punk oder Emo, oder was es sonst noch so gibt. Ich bin ein Normalo, mit dem Hang zu Piercings.
Vielleicht wollte ich aber auch nur Aufmerksamkeit erregen. Was mir nicht gelang. Das einzige, das mir gelegentlich Beachtung einbrachte, war meine Sexualität.
»Hey, Schwuchtel«, wurde ich angesprochen. Dagegen habe ich nichts, ich bin eben der einzige auf meiner Schule, außerdem war ich nicht zimperlich. Ich hatte meinen Freundeskreis, bestehend aus ein paar Videospiel-Nerds und Punk-Kids, da war es mir doch gleich, ob der ein oder andere Spasti auf meiner Schule Witze darüber machte, dass ich mit anderen Jungs vögelte.
Gerade erst hatte ich eine – für mich – lange Beziehung beendet, weil ich mich einfach nicht mehr darauf konzentrieren konnte. Ich habe ihn nicht auf diese Weise geliebt, wie er mich, und es war nicht fair, dieses Spiel weiter zu treiben. Zumal er noch passiver war als ich, und ich keinen Bock mehr hatte, ihn zu ficken. Hinzu kam meine Besessenheit von meinem Lehrer, sodass ich lieber zu den Fantasien über Mr. Olsson wichste, als mit einem anderen Jungen zu schlafen.
Meinen Freunden hatte ich erzählt, dass ich meinen Kleinen abgeschossen hatte.
»Bringst du Mica am Samstag mit?«, hatte Timo, mein alter Kindergarten Freund, gefragt.
Im Übrigen war er der einzige, der nach meinem ganz offiziellen Outing damals nicht den Kontakt zu mir abgebrochen hatte.
Wahre Freundschaft eben, und das obwohl ich mir keine bessere staatlich geprüfte Hete als ihn vorstellen konnte, denn in keinem Zimmer hingen so viele nackte Weiber wie in seinem. Der Kerl war absolut auf Brüste fixiert. Weil Mama ihn mit der Flasche fütterte, zogen wir ihn immer auf.
»Ne«, sagte ich jedenfalls, »hab ihn abgesägt.«
Mehr gab es nicht zu erklären. Sie nickten. »Cool.«
Um so neugieriger wurden sie jedoch, als ich jede Pause hoffnungsvoll umherblickte. Vermutlich, weil ich mal klipp und klar gesagt hatte, ich würde niemals jemandem nachgucken, mit dem ich auf dieselbe Schule ging. Erstens, weil ich ihn dann jeden Tag sehen müsste. Zweitens, weil ich, wie erwähnt, der einzige Schwule hier war und ich mich nie in eine Hete vergucken würde.
Sie witterten, dass ich meine eigenen Regeln gebrochen hatte, und wollten sich lustig machen.
Ich versuchte, sie zu ignorieren und gab mich cool. Wenn sie stichelten und mich mit den Ellenbogen anstießen, mich angrinsten, zuckte ich gelassen mit den Schultern. Und wenn schon. Aber ich verriet nie, wirklich nie, ganz gleich, wie beharrlich sie waren und mich daran erinnerten, dass Freunde sich alles erzählten, wem meine ganze Aufmerksamkeit galt.
Ich wollte ihn sehen, aber jedes Mal, wenn ich ihn erblickte, blieb mein Herz vor Freude stehen. Oh Gott, da ist er! Und wenn mich dann auch noch sein Blick streifte, war ich wie festgewurzelt, mir entwich jegliche Beherrschung. Ich wollte mir die Kleider vom Leib reißen und mich ihm vor die Füße werfen.
»Ich habe nicht gelernt, Mr. Olsson. Das dürfen Sie mir nicht durchgehen lassen.« Und er lächelt mich daraufhin mit einem verschlagenen Schmunzeln an. »Bestraf mich! Begehre mich!«, will ich ihn auffordern. »Denn ich begehre auch dich.«
Das ich ihn will, konnte ich bereits vom ersten Moment an nicht leugnen, als ich bereits sabbernd mit den Augen an seinem Körper und Gesicht hing, aber je mehr Wochen verstrichen waren, je mehr ich seiner Strenge ausgeliefert gewesen war, je inbrünstiger verzehrte ich mich nach ihm.
Ich wollte mich an ihm reiben. Ihm meinen Schwanz an den strammen Schenkel drücken und ihm ins Ohr flüstern: »Siehst du, wie steif du mich machst?«
Dass er unerreichbar schien, machte ihn noch anziehender. Es war Folter, wenn ich ihn sah, aber es war noch tausendfach schlimmer, ihn nicht zu sehen.
Und mit all diesen Gedanken, Gefühlen und Fantasien war es natürlich noch schwieriger, mich zu konzentrieren. Na immerhin die Hausaufgaben für Geschichte hatte ich stets sporadisch fertig, aber wenn er mich dann ansah und aufforderte, ihm das Arbeitsblatt, den Aufsatz, meine Recherche vorzulegen, behauptete ich, ich hätte es vergessen, dabei lag es unter meinem Block versteckt.
Plötzlich war ich schüchtern, wollte nicht, dass er wusste, dass ich es wegen ihm tat. Und er schien enttäuscht, wütend, weil ich seine Worte nicht angenommen hatte.
Auch wieder nur so ein sturer Teenager, schien sein Blick eins ums andere Mal zu sagen. Dabei wollte ich ihn doch vom Gegenteil überzeugen. Mehr noch, ich wollte etwas, worüber ich mich noch einmal mit ihm unterhalten konnte. Wollte ihm zeigen, dass wir die gleichen Interessen hatten, dass ich gescheit bin, und es sich für ihn lohnte, das Wort an mich zu richten, mir zuzuhören.
Also lernte ich, wenn ich zuhause war. Ich lag im Bett, mein Tablet in der Hand, und las so viel über die Themen, die er mit uns durchnahm, bis mir der Kopf rauchte.
Trotzdem blieb nichts hängen.
Meine Gedanken glitten immer wieder ab. Ich sah ihn vor mir an der Tafel, wie sein Rücken sich bewegt, während er Daten an die Tafel schreibt und uns erzählt, welches bedeutendes Ereignis sich an jenem Tag zutrug. Ich sah, wie er am Pult sitzt, sich über Tests beugt, um sie zu korrigieren, und sich mit den langen Fingern das Haar aus der Stirn streicht. Ich sah ausschließlich ihn vor mir, nicht die Worte, die ich las und doch nicht las.
Also brach ich immer wieder ab, jeden Nachmittag, da ich mich einfältig fühlte. Und das Letzte, womit ich mich auseinandersetzen wollte, war meine angeborene Lernschwäche.
Deshalb lernte ich ungern, denn wenn ich etwas nicht verstand, kam ich mir unterbemittelt vor. Und so wollte ich mich nicht selbst sehen. Lieber tat ich so, als wäre ich nur faul, statt dumm. Es war ja auch nicht so, als wäre jemand in greifbarer Nähe, der sich die Zeit hätte nehmen können, mir das ein oder andere bei den Hausaufgaben zu erklären.
»Papa, Mama, wie geht dies, wie geht das? Wie wende ich jene Formel an? Wann und aus welchem Grund geschah dies und jenes? Wie wird dieses Wort geschrieben, wann setze ich ein Komma?« Fragen, die ich meinen Eltern nicht stellen konnte, weil sie nicht da waren. Und wenn sie es waren, keine Zeit hatten.
Die Tage frustrierten mich, weshalb ich übellaunig wurde.
Doch freitags, nur eine Woche später, hellte sich meine Stimmung etwas auf, denn unser Sportlehrer war erkrankt, und die Vertretung übernahm Mr. Olsson.
Wir waren nicht allein. Freitags hatten wir in den letzten beiden Stunden immer Sport, gemeinsam mit einer anderen Klasse. Wir wurden dann ganz systematisch aufgeteilt. Oder sexistisch, wie man es auch nennen konnte. Denn alle mit einem Gehänge zwischen den Beinen spielten in der einen Hälfte Fußball, alle anderen mit einem Spot-BH absolvierten Turnübungen in der anderen Hälfte.
Mir konnte es recht sein, ich mochte weder Mädchen, noch Turnen.
Aber ich bin ein ganz respektabler Stürmer. Was mir vermutlich auch einen gewissen Respekt bei den Heten einbrachte.
»Für eine Schwuchtel kann er verdammt gut spielen«, sagen sie über mich.
»Schwuchteln sind eben ausdauernd und können immer gut einlochen«, konterte ich stets mit einem charmanten Augenzwinkern. Ich kann über mich selbst lachen, ich nehme mich auch selbst nicht so ernst. Wäre ja schrecklich, wenn ich ständig alles auf die Oberkante legen würde, was mir jemand hinterherruft, oder wenn ich mich über üble Nachreden von Unwissenden aufregen würde. Man kann sich auch anstellen, sagte meine Mutter früher immer, wenn ich wegen irgendetwas weinte. Und diese Philosophie habe ich irgendwann übernommen. Es lebt sich ziemlich leicht damit.
Ich freute mich auf Sport und schlug bereits erwartungsvoll die Hände zusammen, als ich aus der Umkleide kam. In meinem Kopf spann ich die naive Vorstellung zusammen, es könnte Mr. Olsson vielleicht gefallen, mich schwitzen zu sehen. Wenn mir das T-Shirt am nassen Körper klebt, könnte er möglicherweise Gefallen an mir finden.
Ich bezweifelte, dass er schwul oder bi war, auch in meinen Fantasien war er immer hetero. Aber vielleicht bin ich ja heiß genug, ihn eine Ausnahme machen zu lassen? In meiner Vorstellung gelang es spielend leicht, ihn umzudrehen. Aber ich war immer gut darin, mir das Unmögliche auszumalen.
Timo lief neben mir her und faselte etwas über Bier und Chips, die ich am Samstag mitbringen sollte, wenn wir uns alle bei ihm zum Abhängen trafen. Ich wusste noch gar nicht, ob ich kommen würde, nickte aber einfach mal, weil ich keine Lust hatte, zu erklären, dass ich lieber allein in meinem Zimmer wäre.
Je mehr die Fantasien über Mr. Olsson in meinen Kopf Einzug erhielten, je weniger Lust hatte ich auf Gesellschaft. Ich wollte viel lieber in meiner perversen, kleinen Traumwelt leben, in jener ich über dem Pult gebeugt meinen nackten Arsch in die Luft streckte und darauf wartete, dass er in mich glitt. Vorzugsweise mit einem echt langen, breiten Gemächt, härter als jedes Stahlrohr.
Träumen darf man ja noch.
Als ich in die Turnhalle trat, teilte er gerade die Teams ein. Mr. Dupont, unser eigentlicher und zurzeit erkrankter Sportlehrer, überließ diese Aufgabe immer uns Schülern selbst, aber auch hier musste Mr. Olsson alles bestimmen.
Als er mich sah, deutete er auf mich, und ich wartete darauf, dass er mich zuteilte, aber er sagte streng: »Mr. Vogt, Sie nicht.«
Ich zuckte überrascht zurück. »Ähm … warum?«
»Ähm schon mal gar nicht, Mr. Vogt. Sie können die Zeit nutzen, um die vergessenen Hausaufgaben nachzuholen.« Er wandte mir die kalte Schulter zu und zeigte weiter auf meine Mitschüler.
Als er Timo aufrief, sah dieser mich mit einem halbernstgemeinten, entschuldigenden Lächeln an, hob die Schultern und verschwand.
Seufzend wartete ich ab, denn Mr. Olsson ignorierte meine Blicke und Rufe kontinuierlich, bis er fertig war und sich mir zudrehte.
Er blickte auf mich hinab und blinzelte mit trügerischer Gelassenheit. »Hol deine Sachen, Luca«, trug er mir auf, ich konnte eine leise Warnung in seiner Stimme vernehmen, »wenn du die Aufgaben von gestern nachgeholt hast, kannst du mitspielen.«
Mitspielen … ich würde lieber mit ihm spielen. Alleine. Und kein Fußball, obwohl mein Spiel auch etwas mit Bällen zu tun hatte.
Der Witz an der ganzen Sache war, dass ich die Hausaufgaben bereits gemacht hatte. Aber wenn ich ihm das gesagt hätte, wäre dies wohl nicht wirklich gut bei ihm angekommen. Was er wohl von mir gehalten hätte, wenn ich ihm zu erklären versuchte, weshalb ich einen Vermerk im Klassenbuch in Kauf genommen hatte, weil ich meine Hausaufgaben vor ihm versteckte, wie ein verliebtes Mädchen einen Liebesbrief.
War es das für mich? Meine Art, »Liebesbriefe« zu schreiben, indem ich die Aufgaben erledigte, die er mir auftrug?
Er zog eine Augenbraue ungeduldig nach oben. »Jetzt gleich!«
Jetzt gleich! Mit einem deutlich gesprochenen Ausrufezeichen, das einem knallenden Peitschenschlag gleichkam. Ich war zugleich verärgert und in Erregung versetzt.
Ich wandte mich genervt ab, sein Blick brannte in meinem Nacken, während ich zu den Umkleiden schlenderte und meinen Rucksack holte.
Es gab in der Turnhalle Räume mit Spiegeln, Zuschauerscheiben, Krankenliege und Tischen, in jene ich mich setzen und auf die Halle blicken konnte. Dorthin zog ich mich zurück und tat ein paar Minuten so, als würde ich schreiben, während ich in Wahrheit Mr. Olsson beobachtete, der mit Miss Martin, der Sportlehrerin der anderen Klasse, am Rand des Spielerfelds stand und sich unterhielt.
Sie war jung, blond und ganz nett anzusehen. Timo gaffte ihr immer nach, und sie war ganz sicher nicht nur für ihn eine geile Wichsvorlage. Aus naheliegenden Gründen konnte ich ihr nichts abgewinnen, aber sie war immer leicht mit einem Lächeln zu bezaubern. Die Frau lechzte mehr nach Aufmerksamkeit als eine frisch geschiedene, korpulente Dame mittleren Alters.
Ich wünschte, sie wäre weniger attraktiv, als ich sah, wie sie lachend eine Hand auf Mr. Olssons muskulösen Oberarm legte und sich auffällig die Haare nach hinten warf. Auch er lachte, in seinen Augen stand ein Flirt.
Ich war nie ein eifersüchtiger Mensch gewesen, aber als ich das sah, brodelte es in meinem Magen. Ich wollte aufstehen und mich dazwischenwerfen. Ihr klar machen, dass sein Schwanz mir gehörte.
Aber ich wusste, dass das nur in meiner Fantasie stattfand und nichts mit der Realität zu tun hatte.
Ich stellte mir die beiden unwillkürlich nackt vor, sie unter ihm, und er mit diesen schmälernden Hüften zwischen ihren Schenkeln. Wie sein knackiger Arsch auf und ab hob, während er sie gnadenlos fickte und sie zum Schreien brachte. Und wie er aufsieht und mir ein komplizenhaftes Lächeln zuwarf.
Er kann es ihr besorgen, dachte ich schelmisch. Ob sie es aushielt und ob sie es auch ihm besorgen konnte, wagte ich anzuzweifeln.
In meiner Fantasie brauchte Mr. Olsson mich. Nur mich! Mit einem deutlich gesprochenen Ausrufezeichen am Ende. Weil er mit mir alles machen konnte, machen durfte, was immer er mit mir machen wollte. Mein Körper hätte ihm gehören können, jeder Zoll davon. Ich wollte es ihm gern sagen, es ihm zuraunen: »Du kannst in mein Innerstes eindringen. Sanft, hart, schnell, unendlich langsam. Ganz gleich, wie du es willst, mein Leib gehört dir. Dring in ihn ein, mach ihn nass, bring ihn zum Glühen, berühr ihn nur endlich.«
»Fertig?«, fragte Mr. Olsson, als ich ihn an der Tür zur Halle einige Minuten später antraf. Er hatte mich im Flur gesehen und seinen Plausch mit Miss Martin unterbrochen. Das schien ihm nicht gefallen zu haben. Mir dafür umso mehr.
Er sollte nicht dieser Trine, sondern mir seine Aufmerksamkeit schenken.
»Fertig, ja.« Vor allem mit meinen Nerven. Ich reichte ihm das Blatt, das ich bereits den ganzen Tag mit mir herumschleppte. Es stand das Datum von gestern darauf. Eigentlich hatte ich es durchstreichen wollen, habe es aus Trotz dann doch gelassen. Es interessierte mich, ob er Gedanken dazu hatte. Ich wollte es einerseits provozieren, ihm Gelegenheit geben, über mein irrsinniges Verhalten zu grübeln, mir aber einen Ausweg offenlassen.
Vielleicht dachte er sich nichts dabei, vielleicht ja doch. Er könnte richtige Schlüsse ziehen, wäre er sehr aufmerksam. Dann kann ich immer noch behaupten, ich hätte mich vertan.
Er bemerkte es nicht, und meine Gedanken waren völlig sinnlos gewesen. Es enttäuschte mich, dass er es nicht sah, dass er nicht begriff, dass ich die Hausaufgaben aus Scham vor ihm versteckte. Weil ich etwas Intimes damit verband. Beinahe als würde ich seine Unterwäsche anziehen.
Ob er wusste, dass ich hart wurde, wenn ich mich an die Geschichtshausaufgaben setzte, nur weil ich brav das tat, was er von mir verlangte?
Ich wollte, dass er mich danach fragte.
Und obwohl ich nie den Mut hätte, ihm eine ehrliche Antwort darauf zu geben, wollte ich dennoch kurz diese gewisse Spannung zwischen uns spüren. Ich wollte es knistern fühlen.
Aber von seiner Seite aus schien sich kein Sturm auftun zu wollen, nicht einmal ein warmes Lüftchen. Es schien, als würde ich der wilden und freien Natur ausgeliefert sein, während er mich durch einen sterilen Kasten heraus beobachtete.
Ich war der peitschende Wind, und er der Fels, dem ich nichts anhaben konnte.
»Ist das alles?«, fragt er mich herablassend.
Ich war sprachlos. Immerhin hatte ich eine ganze halbe Seite zu Stande gebracht. Ich war wirklich stolz darauf. Selbst auf die geistreiche Einleitung: Hitler war ein krankes Arschloch.
»Wieso?«, fragte ich entsetzt, es machte mich traurig, dass ich es versucht hatte und gescheitert war. »Was ist falsch daran?«
»Es ist etwas kurz«, gab er zu bedenken, »und es steckt kein Leben darin.«
»Ja, das ist nun mal Geschichte«, belehrte ich ihn. Ich musste mich immerhin verteidigen.
Er nickte zustimmend, versuchte mir aber sachlich zu erklären: »Aber erweck die Geschichte zum Leben, Luca! Wie kam es zu alledem? Warum tat er, was er tat? Wer war der Mann, wie kam es zu seinen Gräueltaten, wann und aus welchem Grund geschah dies und das. Und vergiss dabei nicht, dass Geschichte nicht verurteilend ist. Die Geschichte ist unparteiisch, sie erzählt uns nur die Ereignisse. Nur die Tatsachen. Ich will nicht deine Meinung darüber hören, Luca, ich will wissen, was von dem, was ich dir beibrachte, du noch weißt.«
Da war es wieder, das Gefühl, dass sich jemand für mich Zeit nahm. Er hätte mir auch einfach sagen können, ich sollte mich mehr anstrengen, doch das tat er nicht. Er nahm sich eine Minute, um mich zu beachten. Mir zu erklären, was er denn eigentlich von mir erwartete.
»Geschichte bedeutet, Fakten zusammen zu tragen, ganz genau! Das habe ich doch auch getan! Was Sie jetzt aber von mir verlangen, gehört wohl doch ehe zum Bereich Deutsch und Psychologie. Aber rein geschichtlich habe ich meine Aufgabe doch erfüllt. Sehen Sie, es stehen alle wichtigen Daten da! Wenn es Ihnen so wichtig ist, streiche ich gerne die persönliche Meinung, aber dann wird die Seite auch nicht voller.«
Ich war ein unverbesserlicher Klugscheißer.
»Ich erwartete einen Aufsatz, keine Stichpunktliste.« Aber ich hatte ihn zum Schmunzeln gebracht, und ich schmunzelte zurück. Während jenem stillen, lachenden Blick waren wir auf einer Wellenlänge. Und ich freute mich bis tief in meinen Bauch, der unter seinem Lächeln warm glühte, als hätte ich einen Schluck Alkohol genommen.
Schließlich sah er sich das Blatt noch einmal an und seufzte schwer. »Gut, ich lass es durchgehen.«
»Echt jetzt?« Ich war überrascht.
Er schmunzelte wieder. »Echt jetzt«, äffte er mich nach, und ich grinste breit.
»Dann mach jetzt die anderen.«
Mein Lächeln verschwand. »Wie?«
»Die Hausaufgaben für die anderen Fächer«, erklärte er mir. »Deutsch. Mathe. Los, setz dich dran. Und mach auch die, die du für Morgen brauchst.«
»Die kann ich doch zu Hause machen!«, warf ich ein. »Sport ist übrigens auch wichtig!«
Er musterte mich plötzlich. Was sollte dieser grübelnde Blick bedeuten? War ich ihm nicht sportlich genug? Nicht muskulös genug?
»Ich mache gerne Sport!«, protestierte ich und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. Mein herausfordernder Blick sprühte Blitze zu ihm rauf.
Mr. Olsson lächelte nachsichtig. »Gewiss. Aber das Vergnügen kommt nach der Arbeit.«
So einer ist er also. Das ist ja langweilig … und enttäuschend.
»Außerdem wissen wir beide, dass du zu Hause gar nichts machen wirst. Jetzt setz dich ran, dann kannst du die zweite Stunde vielleicht noch mitmachen.«
Er wurde abgelenkt, weil sich zwei meiner Mitschüler wegen eines angeblichen Fouls rauften. Ich sah ihm böse nach, gehorchte aber und ging wieder zurück an meinem Platz.
Ich wollte mich natürlich beeilen, doch bereits bei Deutsch verzweifelte ich. Wir sollten eine Personenbeschreibung formulieren. Doch es frustrierte mich zunehmend, dass ich die Schreibweise der Wörter, die ich in meinem Kopf hatte, nicht kannte, dass ich es sein ließ. Meine alte Deutsch-Lehrerin in der Grundschule sagte immer, ich hätte eine Rechtschreibschwäche. Keine Ahnung, was das ist, und ob sie recht hatte. Meine Mutter hatte dazu immer nur gesagt: »Ach so ein Quatsch, der Junge ist einfach nur faul.«
Faul. Das war ich immer. Wenn mich jemand beschrieb, war ich immer nur der Faule. Insgeheim gefiel mir es nicht.
Ich seufzte und setzte mich an Mathe. Da ich nicht aufgepasst hatte, kamen mir die Formeln vor, als würde ich versuchen, ägyptische Grabinschriften zu entziffern. Warum sind da so viele Buchstaben? Das ist doch Mathe, kein Deutsch!
Verdammt. Ich schmiss den Bleistift hin und schlug die Stirn auf die Tischkante. »Ich bin so dumm«, klagte ich leise. Ich musste schniefen, weil mir meine geringe Intelligenz Tränen in die Augen trieb. Frusttränen. Schamtränen.
»Klappt es nicht?«
Mir gefror das Blut in den Adern zu Eis, als ich seine Stimme hörte. Schnell rieb ich meine Augen trocken und hob den Kopf.
»Ich hab mich nur kurz ausgeruht«, gab ich zurück. Ich wollte mir keine Blöße geben, weder vor ihm noch vor sonst jemanden, nicht einmal vor mir. Ich wollte meine Gefühle unter einer eiskalten Schicht Coolness verbergen. Mir doch egal, ob ich es kann oder nicht. Mir ist einfach alles egal.
Doch das stimmte nicht.
»Woran liegts denn?« Er kam in den Raum, zog einen rollbaren Hocker von der Krankenliege zu mir herüber und setzte sich neben mich.
Kaffee und Leder. Er roch wieder danach. Und er war mir so nahe, dass ich sehen konnte, wie die Stoppeln auf seinen Wangen nachwuchsen.
»Ich bin nur müde«, log ich, als er sich zu mir hinüber über das Buch beugte. Jeder andere Schüler wäre vermutlich ausgewichen, wenigstens ein Stück. Ich nicht, ich blieb sitzen, und hätte mich am liebsten ihm entgegen gelehnt.
Ob er mich auch roch? Was nahm er wohl wahr? Den Moschusgeruch meines Duschbades, die Amberhölzer mit Vanille meines Deos? Meinen Schweiß, der mir auf der Oberlippe stand?
Roch er mich genauso gerne wie ich ihn?
Mr. Olsson verzog unglücklich die Miene. »Mathe war auch nie meine Stärke.«
Ich blinzelte ihn überrascht an. Konnte es wirklich sein, dass wir etwas gemeinsam hatten? Dass wir beide Mathenieten waren, die an der Supermarktkasse übers Ohr gehauen wurden? War ich doch nicht der einzige, der diese Hieroglyphen nicht entziffern konnte?
»Lass mal sehen.« Er zog das Buch zu sich heran und grübelte, während er sich langsam über den langen Kinnbart strich.
Er hat was von einem Piraten, ging es mir durch den Kopf. Seine Tattoos, sein lässiges Hemd, sein Bart, alles schrie nach Freibeuter. Ich wäre gern ein paar Monate allein mit ihm auf See. Dann, wenn sogar Delphine für ihn zu Meerjungfrauen wurden, würde ich bestimmt nicht von seiner Bettkante geworfen werden.
»Du musst …«, er sah mich an und stockte, zuckte beinahe ein Stück zurück. »Hörst du zu?«
Ich blinzelte meine Trance fort, denn sein Tonfall klang streng. »Sicher«, bestätigte ich, konnte meine Augen aber nicht von seinen losreißen.
Er blickte mir noch einen Herzschlag lang unergründlich in die Augen, Gott weiß, was er in jener Sekunde dachte.
Schließlich sah er auf die aufgeschlagene Buchseite hinab, als wäre nichts gewesen, während mir der Atem im Halse stecken geblieben war und mein Schwanz in der Hose wuchs.
»Das wird so gemacht …«, begann er und versuchte, mir den Rechenweg zu erklären. Die ersten beiden Formeln rechnete er mir aus, um es mir deutlich zu zeigen. Ich konnte Dinge besser verstehen, wenn man sie mir vormachte, statt nur zu erklären. Und er war geduldig, obwohl ich anfangs zu schüchtern und beschämt war, Fragen zu stellen. Ich nickte einfach, wenn er nachhakte, ob ich es verstanden hätte, und gab mich trotzig, wenn er wollte, dass ich es ihm vor machte.
Er wurde nicht wütend, auch nicht genervt, er sagte keine herabwürdigenden Dinge wie: »Das ist doch ganz einfach, Luca.« Sondern er verwendete Worte wie: »Du musst dich nicht schämen, ich habe mich viel dümmer angestellt als du.«
Hatte er das? Vermutlich manipulierte er mich. Vielleicht aber auch nicht. Es bestand zumindest die Möglichkeit, dass wir etwas gemein hatten. Dass er wie ich war. Dass wir uns vermutlich zu seiner Schulzeit ganz ähnlich gewesen wären.
Ich ließ mich darauf ein, dass er mir half. Und plötzlich war Sport auch nicht mehr so wichtig. Das hier war viel besser. So nahe würde ich ihm vermutlich nie mehr wieder kommen.
Mathe war viel zu schnell erledigt.
»Deutsch klappt auch nicht so«, sagte ich, meine Würde vergessend, weil ich wollte, dass er bei mir sitzen blieb.
»Zeig mal«, forderte er mich auf.
Und ich zeigte es ihm.
Plötzlich verstand ich, was es mit der Relativitätstheorie auf sich hatte. Wir waren fast durch, aber es kam mir so vor, als hätte er sich gerade erst neben mich gesetzt.
Verdammt, warum musste er denn auch mein Lehrer sein!
Wobei, wenn ich ehrlich bin, machte dies einen Teil seiner Faszination aus.
Ich wollte schlichtweg meinen Lehrer verführen.
War es nicht seltsam, dass, wäre es anders herum, er sich strafbar machen würde, ich aber einfach so damit durchkam, weil ich der Schüler war. Ich könnte mich nackt in seine Umkleide stellen und auf ihn warten, ihn mit mir dort einsperren, ihn bedrängen, ohne von der Schule zu fliegen. Allerhöchstens würde ich einige ernste Gespräche über mich ergehen lassen müssen, aber ein Rausschmiss wäre erst dann fällig, wenn er sich wegen mir ernsthaft bedroht fühlte. Es brauchte deutlich mehr als einen einzigen Verführungsversuch meiner Seite aus, um eine echte Strafe heraufzubeschwören. Aber würde er es auch nur wagen, jetzt seine Hand ganz unschuldig auf mein Knie zu legen, wäre er der Perverse.
Als mir die Vorstellung kam, starrte ich unwillkürlich hinab auf mein Bein. Es war dem seinem so nahe, nur eine Handbreit Luft stand zwischen uns. Er überprüfte gerade die Personenbeschreibung, bei der er mir geholfen hatte, indem er mir das ein oder andere Wort erklärte, mir neue Wörter beibrachte, die passender klangen und einfacher zu schreiben waren.
Ich stieß ganz beiläufig mit meinem Knie gegen seines, noch bevor ich mich davon abhalten konnte, und beobachtete die Reaktion in seinem Gesicht.
Er zuckte überrascht zusammen und nahm sein Bein fort. »Oh, Entschuldigung.« Er war es, der sich entschuldigte, obwohl ich ihn angestoßen hatte.
Ich ließ mir Zeit, bevor ich erwiderte: »Macht nichts.« Und ich sagte es nicht einfach so daher, wie wenn man es jemanden nachrief, der einem auf der Straße mit der Schulter anrempelte und der sich dann halbernstgemeint entschuldigte, während er bereits weiter ging. Sondern ich sagte »Macht nichts« mit einem Lächeln. Bedeutsam. Es darf ruhig wieder vorkommen.
Er schien die Bedeutung nicht zu bemerken, er las weiter, was wir zusammen zu Papier gebracht hatten, und setzte ein paar Kommas, die ich vergessen hatte.
Ich war enttäuscht und atmete frustriert aus.
Dann spürte ich es.
Sein Knie an meinem. Er stieß es nicht so an wie ich, nicht so kräftig und ungeschickt, er lehnte es gegen meines, als habe er lediglich sein Bein entspannen wollen und dabei haben sich rein durch Zufall unsere Knie berührt.
Ich zuckte nicht zurück. Sein Bein blieb, wo es war.
War das ein Test? Sollte ich nun von ihm abrücken?
Und wenn ich nicht wollte?
War es eine Frage, auf die ich mit einer bestimmten Geste antworten sollte?
Oder bildete ich mir all das nur ein?
Mir schlug das Herz bis zum Hals, und dort, wo wir uns berührten, stand meine Haut in Flammen. Ich wollte meinen Schenkel gegen seinen pressen, ganz fest, und dann darüber reiben. Würde das noch als Versehen durchgehen, als Zufall? Wohl kaum.
Ich blieb wie angewurzelt sitzen, weil ich Angst hatte, den Zauber zu durchbrechen. Und er schien plötzlich äußerst lange zu brauchen, um die Seite zu Ende zu lesen.
Oder bildete ich mir auch das nur ein?
»Gut«, sagte er und stand dann auf.
Ich sah ihn verblüfft an. Das war alles? Mehr gab es nicht zu tun? Ich überlegte fieberhaft, ob ich nicht noch mehr Hausaufgaben hatte, aber leider war das nicht der Fall.
Er lächelte mich gönnerhaft an, aber irgendwie hatte ich den Eindruck, dass sich etwas Schüchternes auf seine Gesichtszüge geschlichen hatte.
Hat sein Knie doch ganz bewusst an meinem gelegen?
Und wenn ja, was wollte er mir damit signalisieren?
Es war herrlich spannend, mir diese Fragen zu stellen, dass mir die Pumpe krampfte.
»Dann los, ab in die Halle mit dir«, er winkte mich nach draußen, als wollte er mich plötzlich sehr schnell loswerden.
Dabei wollte ich lieber weiter mit ihm lernen.
Er beobachtete mich. Ich konnte es spüren, während ich dem Ball nachjagte, wie der Fuchs dem Kaninchen. Oder wie ein verblödeter Köter dem Spielzeug. Seine Blicke brannten, als würden Feuerpeitschen aus ihnen züngeln und mich schlagen. Hinterkopf, Nacken, Rücken, Brust waren davon betroffen, aber überwiegend konnte ich es auf meinem verschwitzten Profil spüren.
Oder war auch dieser Eindruck wieder nur reines Wunschdenken? Vielleicht sah er gar nicht so oft zu mir rüber, wie ich es gerne hätte, möglicherweise spielte mir meine Fantasie Streiche.
Aber immer wieder, wenn ich zu ihm blickte, begegneten uns unsere Augen. Er wich meinen aus, tat so, als hätte er nur zufällig gerade in meine Richtung gesehen, als ich mich ihm zuwandte.
Ich stolperte über meine eigenen Füße, immer wieder, weil ich mich mehr nach ihm umsah, als nach dem Ball.
Miss Martin gesellte sich wieder zu ihm, aber obwohl er lächelte, hatte ich den Eindruck, dass er ihrem Geplauder nur noch mit kühler Höflichkeit folgte. Wie jemand, der gerade den Kopf voller anderer Dinge hatte, es aber nicht zugeben wollte.
Möglicherweise bedeuteten seine Blicke aber auch lediglich Mitleid, denn ich hatte ja gerade bewiesen, dass ich ohne Hilfe nicht einmal die einfachsten Dinge erledigen konnte.
Sah er nun meinen Körper an, fand er Gefallen an mir, oder überlegte er, ob es für mich nicht besser wäre, auf eine Sonderschule zu wechseln, für besonders langsame Kinder? Und grübelte er bereits, wie er das möglichst höfflich und sachlich meinen Eltern vorschlagen konnte, ohne sie oder mich zu kränken?
War er deshalb so nett gewesen, als er sich zu mir setzte? Hat er sich möglicherweise nur ein Bild von der Schwere meiner Lahmheit gemacht?
Der Gedanke gefiel mir überhaupt nicht, ganz und gar nicht. Und nicht nur deshalb, weil ich von der Schule genommen und von meinen Freunden getrennt werden konnte. Nicht einmal, weil ich dann ganz offiziell sonderbar und langsam in den Augen der Gesellschaft wäre. Sondern, weil ich von ihm nicht so gesehen werden wollte. Er sollte mich nicht für dumm halten, nicht einmal für lernbehindert, oder wie auch immer man es freundlich ausdrücken mochte.
Ich wollte ja, dass er etwas Besonderes in mir sah, aber gewiss nicht, weil er mich für besonders beschränkt hielt.
Und ich wollte ihm beweisen, dass ich nicht langsam war, wollte ihn um jeden Preis davon überzeugen, dass ich nicht bemitleidenswert war.
Obwohl ich auch sein Mitleid genommen hätte, wäre das alles, was er mir gegenüber an Gefühlen hätte aufbringen können.
Ich könnte ihn erpressen. Emotional erpressen. Ein bisschen auf »armer, dummer Junge« machen. Und so wie ich mich kannte, wäre ich mir dafür auch gewiss nicht zu schade. Also behielt ich diesen Gedanken als Plan B im Hinterkopf. Allerdings blieb Plan A, ihn zu überzeugen, dass ich auch so gescheit sein konnte, wie er es war.
Ich hatte mein Handy vergessen. Es war nicht das erste Mal, dass ich es in der Umkleide nach dem Sport liegen ließ, also ging ich davon aus, dass es nicht für immer verloren blieb. Am Montagmorgen würde ich es wieder abholen können, denn leider fiel es mir erst auf, als ich bereits in meinem Zimmer den Rucksack in eine Ecke schmiss.
Weshalb ich mich schleunigst an meinen Computer setzte und einen Chat mit Timo begann. Jedoch nur kurz, denn dann entschlossen wir uns, eine gepflegte Runde via Headset zu plaudern und dabei einen Shooter zu spielen.
Das kam mir auf zwei Arten zu Gute. Zum einen lenkte es mich von meinen immerwährenden Fantasien über Mr. Olsson ab, zum anderen konnte ich das unerträgliche Gestöhne aus dem Nebenzimmer auf diese Weise nicht mehr hören.
Mein Bruder poppte mal wieder irgendeine Alte, und ich konnte es wie üblich durch die papierdünne Wand mitverfolgen, die meine winzige Abstellkammer, die ich Zimmer nannte, von seinem Prinzengemach, dass die Präsidentensuite unserer Wohnung war, trennte.
Wen auch immer er da abgeschleppt hatte, ich konnte ihr helles Stimmchen bereits vernehmen, als ich die Wohnung aufgeschlossen hatte, und sie klang ätzend. Wie eine Maus, die man über eine Feuerzeugflamme hält. Und die Dinge, die sie von sich gab, lagen irgendwo zwischen absurd und lächerlich witzig. Oh du bist so geil! Oh du fickst mich so gut. Oh ich liebe es, deinen Schwanz zu schlucken, er schmeckt so gut!
Nicht, dass ich kein Verfechter des schmutzigen Geredes wäre, ganz im Gegenteil, ich steh voll auf Dirtytalk, aber ich konnte es ihr nicht abkaufen. Vielleicht, weil sie von meinem Bruder sprach, und ich anhand des rhythmischen Polterns seines Bettes, das gegen meine Wand krachte, mit Bestimmtheit sagen konnte, dass er nicht gut war. Hinzukam, dass ich den Gestank seines Zimmers kannte, und ich mir nicht vorstellen konnte, dass sein Schwanz gut schmeckte, wenn er so roch.
