Lucky Twin - Plötzlich Filmstar - Lily Chu - E-Book + Hörbuch

Lucky Twin - Plötzlich Filmstar E-Book und Hörbuch

Lily Chu

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Beschreibung

Auf einmal spielt die Welt verrückt ... Die mitreißende Romcom »Lucky Twin – Plötzlich Filmstar« von Lily Chu jetzt als eBook bei dotbooks. Was Gracie Reed an diesem Tag passiert, stellt ihr Leben völlig auf den Kopf: Erst wird sie von ihrem schrecklichen Chef gefeuert und dann bittet eine berühmte Schauspielerin sie plötzlich, ihr Double zu werden! Die charismatische Wei Fangli und der ebenso unverschämte wie gutaussehende Sam bilden zusammen das goldene Paar des chinesischen Kinos – und verrückterweise gleicht Gracie der jungen Darstellerin bis aufs Haar. Doch in die Rolle von Fangli zu schlüpfen, ist schwieriger als gedacht, vor allem als Gracie beginnt zu ahnen, weshalb Fangli überhaupt eine Doppelgängerin braucht ... Und noch dazu entwickelt sie unpraktischerweise eine außerordentliche Schwäche für Sam, der es einfach nicht bleiben lassen kann, sie aufzuziehen! Wenn das nur gutgeht ... »Ein funkelndes, filmisches Abenteuer, das große Gefühle mit lustigen und lebensnahen Momenten verbindet.« BookTok-Bestsellerautorin Talia Hibbert Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der humorvolle Liebesroman »Lucky Twin – Plötzlich Filmstar« von Lily Chu wird Fans von Ali Hazelwood, Christina Lauren und Elena Armas begeistern. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 626

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Zeit:13 Std. 58 min

Veröffentlichungsjahr: 2024

Sprecher:Betty Schubert

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Über dieses Buch:

Was Gracie Reed an diesem Tag passiert, stellt ihr Leben völlig auf den Kopf: Erst wird sie von ihrem schrecklichen Chef gefeuert und dann bittet eine berühmte Schauspielerin sie plötzlich, ihr Double zu werden! Die charismatische Wei Fangli und der ebenso unverschämte wie gutaussehende Sam bilden zusammen das goldene Paar des chinesischen Kinos – und verrückterweise gleicht Gracie der jungen Darstellerin bis aufs Haar. Doch in die Rolle von Fangli zu schlüpfen, ist schwieriger als gedacht, vor allem als Gracie beginnt zu ahnen, weshalb Fangli überhaupt eine Doppelgängerin braucht ... Und noch dazu entwickelt sie unpraktischerweise eine außerordentliche Schwäche für Sam, der es einfach nicht bleiben lassen kann, sie aufzuziehen! Wenn das nur gutgeht ...

»Ein funkelndes, filmisches Abenteuer, das große Gefühle mit lustigen und lebensnahen Momenten verbindet.« BookTok-Bestsellerautorin Talia Hibbert

Über die Autorin:

Lily Chu liebt es, beim Lesen guter Bücher viel zu lange aufzubleiben. Sie schreibt romantische Komödien mit starken asiatischen Charakteren. »Lucky Twin – Plötzlich Filmstar« ist ihr Debüt, das von Audible zu einem der Best of 2021 gekürt und vom Target's Book Club ausgezeichnet wurde. Lily lebt mit ihrer Familie, zu der auch zwei Katzen gehören, in Toronto.

Die Website der Autorin: lilychuauthor.com/

Die Autorin auf Instagram: instagram.com/lilychuauthor/

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eBook-Neuausgabe Februar 2024

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 2021 unter dem Originaltitel »The Stand-In« bei Sourcebooks Casablanca, Naperville, Illinois

Copyright © der englischen Originalausgabe 2021 Lily Chu

Published by Arrangement with Lily Chu

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2023 Lily Chu und SAGA Egmont

Copyright © der eBook-Ausgabe 2024 dotbooks GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung der Original Illustration von © Leni Kauffman sowie mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ae)

ISBN 978-3-98690-936-9

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit gemäß § 31 des Urheberrechtsgesetzes ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Lily Chu

Lucky Twin – Plötzlich Filmstar

Roman

Aus dem Englischen von Kirsten Evers

dotbooks.

Kapitel 1

13. Juni

Methode: LifePlanX

7.00–––Bei der Arbeit krankmelden.

8.00–––Wäsche waschen (und zusammenlegen).

10.00––Haus verlassen, Termin beim Anwalt.

11.00––Termin mit dem Anwalt.

Mittag––Nach Hause fahren.

13.00––Zweite Ladung Wäsche waschen (und zusammenlegen).

14.00––Ins Fitnessstudio.

15.30––Duschen und chillen (ein Buch lesen; KEIN Netflix, nicht mal EINE Folge).

18.00––Gesundes Abendessen.

19.00––Auf morgen vorbereiten.

20.00––Chillen (ein bisschen Netflix okay).

Mitternacht––Schlafen gehen.

Mein Tag ist dank meiner neuen App, LifePlanX, bis ins kleinste Detail durchgeplant. Es ist ein kleines Kunstwerk, anders kann ich es nicht sagen. Auf dem Bildschirm erstrahlt das Leben der Gracie Reed – perfekt durchorganisiert – in farbenfrohen, hübschen kleinen Reihen und Kolonnen, die Unentschlossenheit oder Faulheit erst gar nicht aufkommen lassen.

Diese Version von Gracie hat ihr Leben im Griff. Diese Gracie ist eine Gewinnerin. Diese Gracie ist so ganz anders als die echte, armselige Gracie, die just die Anwaltskanzlei verlassen hat und erstmal in Tränen ausgebrochen ist, wie das rückgratlose Würmchen, das sie nun mal ist. Immerhin hast du gewartet, bis du draußen warst, gratuliere ich mir selbst. Immerhin hast du nicht vor ihm geweint. Auch ein kleiner Erfolg ist ein Erfolg.

Ich tippe meinen Handybildschirm an, um »Termin mit Anwalt« als erledigt zu markieren. Dadurch fühle ich mich gleich ein bisschen besser, obwohl sich in Wirklichkeit ja rein gar nichts verändert hat. Aber laut der letzten Selbsthilfe-Lektüre, die ich mir einverleibt habe, soll selbst das bloße Aussprechen des Wortes erledigt dafür sorgen, dass der Körper diese unwiderstehliche Droge Dopamin ausschüttet, und ganz ehrlich? Heutzutage muss man nehmen, was man kriegen kann.

Noch ist es nicht Mittag, und so erlaube ich mir eine klitzekleine Kaffeepause, die nicht in der App aufgelistet und deshalb auch eigentlich streng verboten ist. Das Konzept beruht schließlich auf der Voraussetzung, dass jede Minute deines Tages konkreten Aufgaben zugeordnet wird, die dann ohne Zögern oder unnötige Umwege direkt ausgeführt werden. Der Plan ist Programm ist der Slogan. Und damit ich mich nicht vom rechten Weg abbringen lasse, schickt mir die App über den Tag verteilt motivierende Mitteilungen und erinnert mich daran, wo ich gerade sein sollte, beziehungsweise was ich gerade tun sollte – was zugegebenermaßen in den seltensten Fällen mit der Realität übereinstimmt.

Aber egal. Eine kleine Belohnung in Form von Zucker und Koffein habe ich mir schließlich verdient. Ich lasse das Handy in der Tasche verschwinden, setze mir eine Schirmmütze auf und mache mich auf zu meinem Lieblingscafé.

»Na, du siehst ja mal wieder richtig gut gelaunt aus.« Cheri blickt auf, als ich unter dem schrillen Gebimmel der Türglocke eintrete. »Das Übliche?«

Am liebsten würde ich mir angesichts der Strapazen, die ich bereits über mich habe ergehen lassen, etwas Besonderes gönnen – vielleicht einen dieser dekadenten Frappés mit ausgefallenem Aroma, wie Honig & Meersalz oder Salbei-Karamell – aber da sie sich bereits an die Zubereitung eines Latte Macchiatos gemacht hat, nicke ich nur und werfe stattdessen einen sehnsüchtigen Blick in die Vitrine mit den Muffins. »Und Schokolade brauch' ich.«

»Ah, so ein Tag ist es also.« Sie runzelt die Stirn. »Tut mir leid, Süße. Loni hat gerade den letzten für ihre Kleine gekauft.«

Als Loni bemerkt, dass ich sie von der Seite anstarre, winkt sie mir freundlich zu. Hastig versuche ich, meinen unbewusst vorwurfsvollen Blick in ein ebenso freundliches Lächeln zu verwandeln, aber es gelingt mir nicht mehr rechtzeitig. Ihre Augen werden ganz rund und sie drückt sich an ihre Frau, so als suche sie unbewusst Schutz vor meinem unverhältnismäßigen Muffin-Neid. Ihre Frau legt Loni liebevoll den Arm um die Schultern, und mit einem Mal fühle ich mich total bescheuert, weil ich dachte, dass es süßes Gebäck ist, was in meinem Leben fehlt.

»So schlimm kann es doch nicht sein?«, fragt Cheri, die gerade die Espressomaschine mit einem Lappen reinigt. Dann runzelt sie erneut die Stirn. »Ich muss echt aufhören, das zu sagen«, ermahnt sie sich selbst. »Klar kann es so schlimm sein. Du könntest ein gebrochenes Herz haben. Oder gerade eine niederschmetternde Diagnose erhalten haben. Oder du wurdest von irgendeinem Typen nach Strich und Faden verarscht und betrogen, oder hast deine große Liebe verloren, oder bist ganz knapp einem tödlichen Unfall entkommen.« Sie hält kurz inne, so als würde ihr angesichts der schier unendlichen Menge an potenziell schlimmen Dingen, die die Welt zu bieten hat, der Atem stocken. Dann schüttelt sie den Kopf.

Nichts von dem, was sie aufgezählt hat, trifft auf mich zu, aber schlimm ist es schon. Vor achtunddreißig Minuten habe ich all meinen Mut zusammengenommen und habe Fred, einem Anwalt für Arbeitsrecht, mehrere Hundert Dollar in die Hand gedrückt, nur damit er mir sagt, was ich sowieso schon geahnt habe: Dass ich keinerlei Beweise dafür habe, dass mein Chef, Todd, ein verdammter sexueller Ausbeuter ist, und ohne Beweise gibt es keinen Fall, mit dem er mir helfen kann.

»Haben Sie mit der Personalabteilung darüber gesprochen?«, fragte er mich, nachdem ich ihm die Situation genau geschildert hatte.

»Nein.« Und was hätte das auch gebracht? Ich wusste ja, dass sie mir sowieso nicht glauben würden.

Fred blickte mich über die Ränder seiner Gleitsichtbrille hinweg an. »Das ist ja eigentlich immer der erste Schritt, es sei denn, Sie fürchten, dass er sich an Ihnen rächen könnte.«

»Hab' ich. Tu ich.« Todd ist gemeingefährlich, und ich möchte um alles in der Welt verhindern, mich seiner ekelhaften Energie und Boshaftigkeit auch nur eine weitere unnötige Minute auszusetzen.

»Haben Sie es denn überhaupt irgendjemandem erzählt?«

»Nein.«

Er nickte. »Dann brauchen wir Beweise. E-Mails. Tonaufnahmen. Zeugen.«

»Er ist zu clever.« Ich saß ihm steif und verkrampft auf dem Stuhl gegenüber und schämte mich dafür, dass ich ihm bis ins kleinste Detail offenlegen musste, wie ich es zugelassen hatte, dass man mich auf solch erniedrigende Weise belästigt hatte. Ich hatte so viel zu tun gehabt, dass es anfangs sogar leichter gewesen war, Todds Verhalten einfach zu ignorieren und mir selbst einzureden, dass es ja auch alles gar nicht so wild war.

»Dann müssen Sie eben cleverer sein als er.«

»Das ist doch nicht fair.«

»Nein«, stimmte er mir zu. »Aber so funktioniert das nun mal mit dem Gesetz. Besorgen Sie mir Beweise, und wir kriegen ihn ran. Können Sie kündigen?«

Ausgeschlossen, nicht so, wie die Dinge stehen. Ich kann meine Festanstellung nicht riskieren, aber bisher habe ich auch noch keinen neuen Job finden können. Ich seufze. Das sind definitiv keine Probleme, bei denen mir ein Schokomuffin behilflich sein könnte.

»Ich nehme einen Bluebell Blueberry Bomberama«, sage ich an Cheri gewandt, in einem kläglichen Versuch, zumindest eine Entscheidung zu treffen, deren Folgen ich selbst kontrollieren kann. Der Muffin ist vegan und mit Weizenkleie, also mehr ein kleiner Energieschub als eine süße Sünde, aber dank Lonis selbstsüchtigem Kleinkind ist es der einzige Muffin, der noch zur Auswahl steht. Außer natürlich Kardamom-Zucchini, die ebenfalls mit Weizenkleie gebacken sind.

Während ich mich noch seelisch auf eine gesunde Portion unlöslicher Ballaststoffe vorbereite, explodiert plötzlich zu meiner Linken ein Lichtblitz. Mehrere Sekunden lang bin ich völlig geblendet und sehe nur Sterne vor meinen Augen tanzen, bis diese langsam dem Gesicht eines kleinen Mannes im Pink Panther-esken Trenchcoat und Filzhut weichen. »Lächle doch mal, Süße.«

Reflexartig gehorche ich seiner Aufforderung und grinse steif, bis mir bewusst wird, was ich da eigentlich mache. Er drückt erneut ab, und dann ergießt sich ein Tsunami aus Klicken und Blitzen über mich, als sein Fotoapparat in schneller Abfolge gefühlt tausend Fotos von mir schießt. Ich kneife die Augen zu und werfe mir die Arme vors Gesicht, den Muffin noch in der Hand, der jetzt mein Schutzschild gegen das Blitzlichtgewitter darstellt.

Cheri schlägt mit einem schmutzigen Geschirrhandtuch nach dem Mann, der mit hoher Stimme empört protestiert, als sie ihn mitten auf der Brust erwischt und seinen Mantel mit Kaffeesatz verziert.

»Hey, Ansel Adams. Raus mit dir, und lass gefälligst meine Kundschaft in Ruhe. Du hast Hausverbot, verstanden?«

Er öffnet den Mund, will wohl erneut protestieren, aber als sie nach der Kanne mit dem frisch aufgebrühten Kaffee greift und sich drohend über die Theke lehnt, zuckt er nur misslaunig mit den Schultern, wirft mir einen Luftkuss zu und stolziert davon.

Ich drehe mich zu Cheri um. »Ansel Adams?«

Sie stellt die Kanne wieder an ihren Platz und reicht mir mit einem schiefen Lächeln meinen Latte Macchiato. »Mir ist auf die Schnelle kein anderer Fotograf eingefallen.«

»Ansel Adams hat Landschaften fotografiert, glaube ich. Keine Menschen.«

»Wie gesagt. Mir ist nichts Besseres eingefallen. Außerdem brauchst du gar nicht so rumzutönen. Du hast dich gerade hinter einem Muffin versteckt.«

Ich zucke mit den Schultern. »Er hat mich eben überrascht.«

»Klar.« Cheri, die sich ihrer Sache sicher ist, streicht sich mit abwesendem Blick über die knallroten Locken. »Was sollte das überhaupt? Bist du etwa in irgendeinen Skandal verwickelt?«

Skeptisch angesichts dieser überraschenden Möglichkeit kontrolliere ich mein Handy. Aber die einzige Nachricht ist von LifePlanX, die mich an die zweite Ladung Wäsche erinnert, die zu Hause auf mich wartet. »Nichts.«

»Hm. Dann muss er dich mit jemandem verwechselt haben. Macht ja auch Sinn – es wird ja dauernd gefilmt in Toronto. Ach, apropos, hab' ich dir eigentlich erzählt, dass ich letzte Woche Keanu Reeves gesehen habe?« Mit leidenschaftlichen Bewegungen lässt sie den Wischlappen über die Theke gleiten. »Was für ein Gott in Menschengestalt. Es gibt niemanden, der so gut aussieht wie er.«

»Äh, Cheri?« Das ist Loni, die gerade die kleine Mini-Loni in den Buggy setzt, während ihre Frau den Tisch abräumt. »Draußen.« Sie deutet auf die Straße.

Wir schauen durch das große Fenster nach draußen. »Verdammt«, sage ich. »Jetzt sind es schon zwei.« Paparazzo Clouseau steht gemeinsam mit einem Kumpel vorm Café. Beide tragen Fotoapparate mit bedrohlich langen Objektiven um den Hals und gestikulieren wie wild.

»Schnell. Hau durch den Hintereingang ab«, zischt Cheri mir zu.

Die Situation ist mehr als absurd, und nichts davon steht auf meiner To-Do-Liste. Kurz zögere ich und frage mich, für wen die mich wohl fälschlicherweise halten, aber dann laufe ich geduckt in den Flur hinter der Theke und schleiche mich durch die Hintertür in die Gasse hinterm Café. Dabei fühle ich mich angenehm wichtig und promihaft. Aber dieses Gefühl vergeht mir fast augenblicklich, als ich mitten in eine ölige Pfütze trete, die nach Waschbären-Urin stinkt. Verdammt. Am Ende der Gasse finde ich ein winziges Stück Rasen, an dem ich mir die Sohle abwische. Als mein Schuh wieder einigermaßen sauber ist, widme ich mich meinem Latte Macchiato und überlege, was ich jetzt mit meinem Tag anfangen soll. Ich hatte mich ja krankgemeldet, damit ich mich mit dem Anwalt treffen konnte, also muss ich nicht ins Büro. Der Gedanke daran, dass ich Todd für den Rest des Tages nicht sehen muss, bessert meine Laune fast augenblicklich.

Ich nehme mein Handy und öffne die LifePlanX-App. Gemäß meines sorgfältig zurechtgelegten Tagesplans ist es höchste Zeit, nach Hause zu gehen und mich um den Haushalt zu kümmern. Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Wenn das doch nur immer so einfach wäre.

Ich glaube, ich habe schon jedes erdenkliche System für mehr Produktivität im Alltag ausprobiert, aber keines davon hat auf lange Sicht funktioniert. Mein Bullet Journal habe ich letzten Winter in die Ecke gepfeffert, als ich endlich akzeptieren konnte, dass die Demenz meiner Mutter bereits zu weit fortgeschritten war, als dass sie noch hätte alleine leben können. Dabei war es ein wunderschönes Notizheft gewesen, voller handgezeichneter Kalender und Listen, die aber mit der Zeit, wahrscheinlich nicht unähnlich dem Gehirn meiner Mutter, zu einer chaotischen Ansammlung hastig niedergekritzelter Notizen und mit verschiedenfarbigen Textmarkern bunt angestrichenen Namen und Telefonnummern verkamen. Ein Zeugnis meines erbitterten Kampfes mit dem Gesundheitssystem.

Sobald Mom nach Glen Lake gezogen war, ließ ich mein Bullet Journal Bullet Journal sein und versuchte es in meiner Verzweiflung stattdessen mit einem preisgekrönten, minimalistischen Online-Werkzeug. Das wiederum gab ich vor fünf Monaten auf, als mir beim Durchsehen vergangener Wochen vollends bewusst wurde, was ich sowieso schon lange im Gefühl gehabt hatte: Meine To-Do-Listen belegten ganz klar, dass ich immer weniger eigene Projekte zugeteilt bekam und stattdessen immer mehr Aufgaben für andere erledigte … beziehungsweise für eine ganz bestimmte andere Person. Todd, mein Chef und Manager in der Marketing-Abteilung, hinderte mich bewusst daran, mich weiterzuentwickeln, indem er meine Projekte seinem schmierigen Protegé, Brent, gab.

Tagebuchschreiben wurde mein Ventil: Gewissenhaft dokumentierte ich meine Gedanken und Gefühle, bis zu dem Tag, als Todd mir während eines Firmenevents eine Hand auf den Arm legte – und sie ein wenig zu lange verweilen ließ – und mit der anderen Hand meine Hüfte berührte. Kein Grund, sich aufzuregen, oder? Der Raum war schließlich knüppeldickevoll, da kommt man sich halt schnell ein bisschen näher. Es war nur ein kleiner Fehler, nichts, weswegen man gleich ein Fass aufmachte. Und so versuchte ich, nicht weiter drüber nachzudenken. Ebenso in der Woche darauf, als er mich rückwärts gegen einen Tisch drängte, nachdem ich ihm die Prognosen ausgedruckt hatte, und er witzelte, wie schlecht seine Augen doch seien und dass er sich das mal aus der Nähe anschauen müsse. Ich schwieg, nachdem er mich ein ganzes Meeting lang unentwegt angestarrt hatte und dann sagte, dass er eine Schwäche für exotische Frauen hat. Danach gab ich das Tagebuchschreiben endgültig auf. Ich hatte nicht die geringste Lust, die Augenblicke in geschriebener Form festzuhalten und sie so noch einmal erleben zu müssen.

»Hör auf«, sage ich leise zu meinem Handy. »Hör auf damit.«

Nie habe ich diese Worte zu Todd gesagt. Als es anfing, redete ich mir ein, dass es ja schließlich mein Problem sei, nicht seins – ich war diejenige, die überreagierte oder einfach zu sensibel war. Ich suchte den Fehler bei mir und hatte nur unsicher lachen können. Ich wollte schließlich keine Szene machen oder ihn bloßstellen oder gar meinen Job gefährden.

Die Entscheidung, den Termin mit dem Anwalt zu machen, fiel eines Morgens, als ich eingerollt im Bett lag und gegen die Übelkeit ankämpfte, weil ich schon wieder eine Absage auf eine Bewerbung bekommen hatte. Es ist nicht normal, sich jede Nacht in den Schlaf zu weinen. Etwas muss sich verändern. Und zwar schnell.

Mein Handy piept, als LifePlanX mir erneut eine Nachricht schickt, was wiederum in mir einen Pawlowschen Reflex weckt, etwas zu erledigen. Irgendwas. Die Mitteilung blitzt auf meinem Bildschirm auf. Nicht in der Spur? Schau mal auf die Uhr, sagt der Wolf zum Bären.

Was auch immer das bedeuten soll.

Den zusätzlichen Druck durch ein Handy, das mich konstant an mein Versagen erinnert, kann ich jetzt wirklich nicht gebrauchen. »Tschüss, Wolf«, flüstere ich und drücke auf das kleine X in der oberen rechten Ecke der App.

Aber sobald sie vom Bildschirm verschwindet, fühle ich mich schon wieder seltsam verloren. Ich bin nicht gerade stolz auf meine Abhängigkeit von diesen Werkzeugen, die mir helfen sollen, mich besser zu organisieren (oder, wie meine überaus organisierte Freundin Anjali sagt: »Es ist fast so, als bräuchtest du ein Korsett für dein Gehirn.«) – aber abhängig bin ich, das ist eine Tatsache. Ich geb's ja zu. Ich liebe Listen. Ich brauche sie wie die Luft zum Atmen. Alles, was ich durchstreichen, abhaken oder löschen kann, um zu markieren, dass es erledigt ist und ich folglich ein funktionaler, würdiger Mensch bin, bereitet mir ein tiefgreifendes Gefühl der Befriedigung.

Aber fürs Erste bin ich auf mich allein gestellt. Zumindest, bis ich eine neue, praktische App mit Listen im schicken Design heruntergeladen habe.

Ich gehe zur nächsten U-Bahn-Station und zögere kurz, als ich auf dem Bahnsteig stehe. Ohne die strikten Vorgaben meiner App habe ich die Wahl: Ich kann nach Hause fahren und mich in Selbstmitleid suhlen, oder ich könnte meine Mutter besuchen. Nach Hause fahren ist eigentlich gar keine wirkliche Option, weil ein Besuch bei Mom alles andere übertrumpft.

Eine halbe Stunde später erreiche ich mein Ziel und laufe den Rest des Weges nach Glen Lake. Es ist ein schwüler Nachmittag im Juni, und ich spüre, wie sich auf meiner Haut eine schwitzig-klebrige Schicht bildet, die mein Innerstes perfekt widerspiegelt (darf ich vorstellen? Oskar aus der Mülltonne!). Ich halte einen Moment lang bewusst inne und versuche, die negative Energie einfach wegzuatmen. Mom zu sehen ist auch so schon schwer genug, da muss ich mich nicht vorher schon fertig machen.

»Du schaffst das!« Ich pusche mich innerlich noch ein bisschen, bevor ich auf die Klingel am Eingang drücke. Schließlich bin ich nicht diejenige, die hier wohnen muss. Ich habe nur zwei wichtige Aufgaben: für Agatha Wu Reeds Einzelzimmer zu zahlen und fröhlich dreinzuschauen, wenn ich sie besuche.

Die Tür öffnet sich, aber ich zögere kurz, ehe ich über die Schwelle trete. Wie ein Vampir, der eine Extraeinladung braucht. Eine ältere Dame kommt mir entgegen, und ich trete hastig und mit einer Entschuldigung zur Seite. Das bereue ich augenblicklich, denn ich habe ja gar nichts gemacht, weswegen ich mich zu entschuldigen bräuchte. Es ist eine schlechte Angewohnheit, die zum Reflex mutiert ist. Der Dame folgt ein Herr im selben Alter, der seine Hand nach ihrer ausstreckt und sie sich liebevoll an die Brust drückt. Ich versuche, den hungrigen Blick zu unterdrücken, der sich meiner Augen bemächtigt, als ich ihre ineinander verflochtenen Finger anstarre – wer stellt seine eigene Einsamkeit schon gern zur Schau?

Dabei bin ich ja gar nicht so richtig einsam, und nach einem Märchenprinzen sehne ich mich eigentlich auch nicht. Aber manchmal meldet sich ein Teil von mir zu Wort – zwanzig Prozent von mir, höchstens! – und verlangt diese Art von tiefer Verbundenheit und Nähe zu einem anderen Menschen. Die anderen achtzig Prozent sind vernünftiger: Ich habe sowieso zu viel um die Ohren, um mir über Beziehungen und Romantik den Kopf zerbrechen zu können. Außerdem ist es auch viel einfacher, sich nur um eine Person zu kümmern: meine Mom. Kämen da jetzt noch die Bedürfnisse und Sorgen eines zweiten Menschen hinzu, wäre das schlicht zu viel.

Ich seufze verhalten, greife gerade noch nach der Tür, ehe sie ins Schloss fällt, und trete ein.

Die Frau am Empfang blickt auf, als ich auf sie zugehe. Inzwischen kennen wir einander.

»Wie geht es ihr?«, frage ich.

»Sie hat einen gesunden Appetit«, antwortet sie in einem forschen Tonfall.

Ich warte, aber es scheint nicht mehr zu kommen. »Und wie ist ihr geistiger Zustand?« Ich muss mich zurückhalten; ich will sie nicht nerven oder zu viele Fragen stellen.

»Haben Sie schon vom neuen Heim gehört?« Der Themenwechsel der Pflegerin ist Antwort genug. Das ganze Stockwerk weiß, dass ich versuche, einen Platz für Mom im Xin Guang, einem privaten Heim am anderen Ende der Stadt, zu organisieren.

Ich schüttele den Kopf. »Bisher gibt es noch keine freien Plätze.« Und es könnte noch ein Jahr dauern, ehe einer frei wird. Immerhin hätte ich dann noch ein wenig Zeit, um zu sparen. Private Pflegeeinrichtungen sind nicht billig.

Die Pflegerin nickt mit einstudiert verständnisvollem Blick, eine Geste, die ich noch nie so oft gesehen habe wie in der kurzen Zeit, in der Mom jetzt in Glen Lake lebt. »Na, da wird sich schon was ergeben«, versichert sie mir. »Irgendwas ergibt sich immer.«

Es besteht kein Zweifel, dass sich etwas ergeben wird, aber sobald es passiert, muss ich auch das Geld haben, um dafür zahlen zu können. Das bedeutet, dass ich meinen Job brauche, was wiederum bedeutet, dass ich mit Todd klarkommen muss – egal, was das für mein Seelenheil bedeutet. Ich trage mich auf die Besucherliste ein und betrete den Flur hinter der Rezeption.

Glen Lake ist sauber, hat einen guten Ruf und nette Mitarbeiter und liegt nicht allzu weit von meiner Wohnung entfernt. Objektiv betrachtet habe ich ein Heidenglück, dass Mom hier einen Platz bekommen hat. Aber ich fühle mich nicht glücklich. Ich fühle nur Ekel und Abneigung. Ich hasse den ewig und überall präsenten Geruch von Krankenhaus und Suppe, egal, was zum Mittagessen serviert wird. Ich hasse die Farben – eine verblichene Mischung aus Lachs und Meerschaum, die sicherlich irgendwann einmal jemand wegen ihrer beruhigenden Eigenschaften ausgesucht hat. Doch stattdessen erwecken sie den Eindruck eines Badezimmers aus den Siebzigern, das unbedingt mal einen neuen Look verpasst kriegen sollte. Naja, und wo wir schonmal dabei sind, sollten die langweiligen, silbergerahmten Kunstdrucke an den Wänden nicht unerwähnt bleiben. Alles nichtssagende Stillleben mit Löwenmäulchen und Landschaften oder niedliche Tierbabies. Direkt neben der Zimmertür meiner Mutter hängt ein süßes, weißes Kätzchen, das neben einer rosafarbenen Nelke hockt und mir jedes Mal mit unschuldigem Blick entgegen starrt, wenn ich eintrete. Und – welch Überraschung – ich hasse es ebenso leidenschaftlich wie alles andere hier.

Aber am meisten hasse ich Moms Gesichtsausdruck, wenn ich ihre Tür öffne.

Ich halte kurz inne und lasse all das – die Arbeit, Todd, den Anwalt – links liegen, während ich mich um ein nettes Lächeln bemühe, bevor ich die Tür aufstoße und Mom in einem beigen Kunstledersessel am Fenster sitzen und ins Nichts starren sehe. Aus dem Fernseher strömt leise klassische Musik. Einen Moment lang beobachte ich sie nur, während mein Kiefer sich so verkrampft, dass ich Zahnschmerzen kriege. Früher war sie eine Frau, die strickte und nähte und malte. Sie hat selbst Joghurt gemacht und Brot gebacken. Und Aerobic gemacht – aber das war zu einer Zeit, als ein knapper Badeanzug über der Leggings mit passendem Gürtel und Wadenwärmern der letzte Schrei waren. Es ist schwer, sie so unbeweglich und inaktiv zu sehen.

Sie dreht sich zu mir um. Das hereinfallende Licht des Fensters hinter ihr macht es unmöglich, ihren Gesichtsausdruck zu deuten. »Ni hao?«

Die Begrüßung auf Mandarin bedeutet, dass sie nicht in derselben Zeit und Realität lebt wie ich, sondern in der Vergangenheit, in die ich ihr nicht folgen kann. Ich gebe mir die größte Mühe, mir nichts anmerken zu lassen. Ich spreche nur ein paar Worte ihrer Muttersprache, aber genug, um ihr antworten zu können. »Hen hao, ni ne?«

Meine Mutter lebt seit über dreißig Jahren in Kanada, spricht aber noch immer mit Akzent. Als ich klein war, ist mir das nie aufgefallen – es war schließlich die Stimme meiner Mutter, nicht mehr und nicht weniger –, aber im Laufe des letzten Jahres ist der Akzent immer stärker geworden. Der Arzt sagt, dass ich mir das nur einbilde, aber ich glaube, es liegt daran, dass sie in Gedanken so viel Zeit in ihrer chinesischen Vergangenheit verbringt. Ihr Leben dort ist mir ein Rätsel, denn sie hat nie viel davon gesprochen. Sie wollte immer im Jetzt leben, mit dem Blick nach vorn, Richtung Zukunft. Sie weigerte sich sogar, mit mir Mandarin zu sprechen, und bestand darauf, dass es besser sei, sich anzupassen und zu akzeptieren, wo wir jetzt sind, und nicht, wo wir früher einmal waren.

»Die Vergangenheit gehört in die Vergangenheit«, pflegte sie immer zu sagen, wenn ich sie danach fragte. »Verändern kann man sowieso nichts mehr. Lass sie hinter dir, wo sie hingehört.«

Ich bereite mich schon auf einen weiteren anstrengenden Besuch vor, während dessen ich so tun muss, als würde ich verstehen, was sie sagt, aber dann schlägt Mom doch noch ins Englische über. Ich habe mich geirrt. Sie scheint doch einen guten Tag zu haben.

»Deine Haare sind anders«, sagt sie.

Die Kurzhaarfrisur habe ich seit Jahren, aber ich spiele trotzdem damit, so als sei es noch ganz neu und ungewohnt. »Gefällt es dir?«

Mom streckt eine krallenhafte Hand aus und bedeutet mir, näher zu kommen. Als ich gehorche, fährt sie mir mit der Hand durchs Haar und macht ein missbilligendes Geräusch. »Du siehst aus wie ein Junge. Warum willst du bloß immer so aus der Menge hervorstechen?«

Aus der Menge hervorzustechen ist in Moms Welt alles andere als erstrebenswert. Das stammt wahrscheinlich noch aus der Zeit, als sie nach Kanada kam und sich anpassen musste. Für sie war die goldene Mitte immer der beste Weg. Wenn man zu anders war und nicht in der Menge verschwand, wurde man ganz schnell zum Außenseiter, was wiederum nur negative Aufmerksamkeit und im schlimmsten Fall Kritik mit sich führte. Diese Einstellung trichterte sie mir quasi mit der Muttermilch ein. Sogar in der Schule war ich weder eine der Besten noch der Schlechtesten – meine Zeugnisse waren voller Zweien und Dreien.

»Als ich jünger war, hatte ich immer lange Haare«, sagt sie. »Alle hatten das, und so mochte es auch dein Vater am liebsten.«

Obwohl Dad seit einem Jahrzehnt tot ist, treibt es mir immer noch die Tränen in die Augen, wenn wir von ihm sprechen. »So habt ihr euch kennengelernt.« Seinen Geschichten zufolge gab es so wenige junge Frauen mit schwarzem Haar, das so lang und schön und seidig war, dass er gar nicht anders konnte, als sich nach ihr umzudrehen. »Und dann lächelte sie mich an«, sagte er immer, wenn er die Geschichte erzählte. »Und das war's. Ich war verloren.«

»Er hat mich mitten auf der Straße gefragt, ob ich mit ihm ausgehen würde«, setzte Mom dann die Geschichte fort.

Immer, wenn sie sie gemeinsam erzählten, hatte Dad sie an dieser Stelle mit aufgesetzt empörtem Blick unterbrochen und darauf hingewiesen, dass er ja nicht habe wissen können, dass sie eine Stunde außerhalb der Stadt lebte. »Sonst hätte ich niemals angeboten, sie nach Hause zu fahren«, sagte er mit blitzenden Augen, bevor er sie in seine ewig warmen Arme schloss, bis sie quietschte und lachen musste. Das funktionierte überhaupt jedes Mal. Seit seinem Tod habe ich sie nie wieder so lachen gehört.

Aber heute fühle ich mich nicht in der Lage, die märchenhafte Liebesgeschichte meiner Eltern wertschätzen zu können. Ich liebe die Geschichte, aber heute ist sie einfach zu viel des Guten.

Stattdessen frage ich sie, was es zum Mittag gegeben hat (belegte Brote mit Schinken) und wie sie schläft (besser, seit ich ihr bei meinem letzten Besuch das kleine Lavendelkissen mitgebracht habe).

Irgendwann fängt sie wieder an, aus dem Fenster ins Leere zu starren, und ich kann ihr ansehen, dass sie mir entgleitet, und so schnappe ich mir die asiatische Illustrierte, die ich ihr vor ein paar Wochen mitgebracht habe, von ihrem Beistelltischchen. Auf dem Titel posiert einer von Chinas Top-Schauspielern, Sam Yao, im teuren Anzug und sieht zum Dahinschmelzen aus mit seinen bewundernswerten Wangenknochen und den perfekt gestylten, schwarzen Haaren. Seine funkelnden Augen versprechen Abenteuer und Leidenschaft pur – ein Traum, der für jemanden wie mich niemals in Erfüllung gehen wird.

Doch ich lasse es mir nicht nehmen, die Coverstory durchzulesen, ein seichter Artikel, in dem es hauptsächlich darum geht, wie sehr er es liebt, die Welt zu bereisen. Abgesehen von seiner Arbeit, natürlich. Was täte ich nur ohne diese Information. Ich überfliege den Artikel; jede Erwähnung von unvorstellbaren Reichtümern, Luxusleben und Ruhm ist wie ein kleiner Stich mitten ins Herz. Dann werfe ich das Heft zur Seite und sitze schweigend neben Mom, bis es Zeit wird, zu gehen.

Kapitel 2

14. Juni

Drei Aufgaben pro Tag:

Zur Arbeit gehen (siehe Arbeits-To-Do-Liste!).

Wäsche waschen.

Fitnessstudio.

Der nächste Tag ist furchtbar. Nein. Grässlich, grauenhaft, ganz zu schweigen von qualvoll.

Puh, ganz schön viel Negativität. Woran das wohl liegen mag?

Ah, hier noch ein besonders schöner Gedanke: Reiß dich zusammen und hör auf, dich zu beschweren, denn rate mal, wer das Geld braucht? Richtig: du.

Todd beschließt, mich für meinen «krankheitsbedingt« freien Tag gestern zu bestrafen, indem er meinen Projektentwurf vor dem gesamten Team zerreißt, ehe er Brent damit beauftragt, das Projekt zu übernehmen und mir zu zeigen, wie man es richtig macht. Die anderen Männer scheinen daran keinerlei Anstoß zu nehmen, aber Kathy, die Verwaltungsassistentin, wirft mir einen mitleidigen Blick zu.

Ich ignoriere sie, lasse mir nichts anmerken und tu so, als würde mir diese respektlose Geste nichts ausmachen. Nicht im Geringsten. Es ist besser, sich nichts anmerken zu lassen, als zu protestieren: Todd daran zu erinnern, dass er selbst meinen Entwurf vor zwei Tagen abgesegnet hat, wäre verheerend – das hat mich bittere Erfahrung gelehrt. Verheerend für mich natürlich.

Der Tag zieht sich hin wie Kaugummi, und als ich endlich gehen kann, ist es fast sieben. Meiner neuen To-Do-Liste zufolge – ich habe mal wieder bei den Basics, Papier und Stift, angefangen – sollte ich noch ins Fitnessstudio und hinterher die Wäsche waschen, die ich gestern einfach ignoriert habe. Stattdessen werfe ich meine Tasche in die Ecke, ziehe mir meine Turnschuhe an und mache einen ziellosen Spaziergang um den Block. Die Sommersonne hat sich noch nicht ganz hinterm Horizont verkrochen, und so halte ich es für sicher, mich auf den Pfad neben den Bahnschienen zu begeben, der in der Nähe meiner Wohnung verläuft und eine gute Joggingroute ausmacht. Es ist noch ziemlich voll. Einmal muss ich mich an einem wild mit den Armen rudernden Kind auf neuen Inlineskatern vorbeidrücken, und im nächsten Moment einer Gruppe radelnder Männer in voller Fahrradmontur aus dem Weg springen. Scheint fast so, als habe die Tour de France einen Abstecher nach Toronto gemacht – sowas schönes aber auch.

Ich versuche, mich zu entspannen, aber das ungesunde Chaos in meinem Kopf hat schon längst den Rest meines Systems infiltriert, und ich ertappe mich dabei, wie ich einen vorbeischlendernden Kerl mit riesigen silbernen Kopfhörern giftig anstarre. Sein Gesicht ist so dämlich, dass ich schon unwillkürlich die Hand zur Faust balle, die ich ihm am liebsten mitten in seine Visage schlagen würde.

Der Anwalt hat gesagt, dass ich Beweise für Todds unangemessenes Verhalten besorgen muss, aber wie stelle ich das an? Selbst wenn es mir gelänge, ihn auszutricksen, ist er immer noch Technischer Leiter des Unternehmens, und sein Dad spielt Golf mit dem Geschäftsführer. Und abgesehen davon ist Garnet Brothers Investment sowieso nicht dafür bekannt, sich sonderlich für frauenrechtliche Angelegenheiten einzusetzen. Ich wette, sogar ein Schwanzfoto würde nur als harmloser Jungenstreich abgetan werden, und natürlich ist Todd auch viel zu clever, als dass er irgendetwas ganz konkretes tun oder sagen würde, das ich ankreiden könnte. Er sei mir zu nahe gekommen? Ich fühle mich unwohl? Na, da hat wohl jemand ein bisschen zu viel in die Situation hineininterpretiert, mehr nicht. Der Lohn ist auch um Längen besser als überall da, wo ich mich bisher beworben habe, folglich sitze ich hier fest. Dank Moms Einzelzimmer und dem Sparen für die private Einrichtung ist alles, was ich bisher mühsam zur Seite gelegt hatte, zu einem Hauch von Nichts verpufft.

Ich bleibe wie angewurzelt stehen, was einen Jogger dazu veranlasst, mir ein empörtes »Hey!« und einen wütenden Blick entgegenzuschleudern, als er mir gerade noch rechtzeitig ausweichen kann. Der Spaziergang hätte eigentlich eine entspannende Wirkung haben sollen – die Natur, draußen sein, ein wenig Bewegung und all das –, aber am liebsten möchte ich laut schreien. Am besten gehe ich einfach ins Bett. Eine Mütze voll Schlaf wird schon wieder alles richten, oder zumindest dieses Kribbeln unter der Haut ein wenig lindern.

Als ich meine Straße erreiche, kreisen die Gedanken in meinem Kopf so schnell, dass mir fast schon schwindelig ist. Mom. Der Job. Mom. Das Geld. Der Job. Todd.

Während ich darüber nachdenke, wie es wohl wäre, einfach nicht nach Hause, sondern weiterzugehen, bis in alle Ewigkeit weiterzugehen, fährt plötzlich neben mir ein glänzender schwarzer SUV so nah rechts ran, dass ich tatsächlich zur Seite springen muss, um nicht umgefahren zu werden. Diese Art von Auto sieht man normalerweise nicht in dieser Gegend – abgesehen von dem Lexus, der dem Zahnarzt ein paar Häuser weiter gehört. Ich trete automatisch drei Schritte zurück. Das sollte genug sein, damit man mich nicht vom Fleck weg entführen kann. Ich stehe nicht mehr auf dem Bürgersteig sondern einem schmalen Rasenstück und stiere neugierig, aber vergeblich durch die getönten Scheiben, als sich die Tür öffnet.

»Grace Reed?« Ein Gesicht, das mir überaus bekannt vorkommt, blickt mir entgegen, und mir fällt glatt die Kinnlade herunter.

Das Gesicht kommt mir so bekannt vor, denn, abgesehen von der langen, glänzenden Haarpracht – wie aus einer Shampoo-Werbung oder dem Leben der Agatha Wu, die die Bloor Street entlang ihrem romantischen Schicksal entgegen schwebt – ist es mein Gesicht. Diese Frau ist meine Doppelgängerin. Wir haben dieselbe Gesichtsform, dasselbe spitze Kinn, dieselben runden, dunklen Augen – der einzige Unterschied ist, dass meine von dunklen Schatten umgeben sind, die von Erschöpfung herrühren, während ihre kunstvoll im Smokey Eye-Stil geschminkt sind. Ihre Haut sieht glänzend und frisch aus. Meine Haut glänzt auch, ist aber alles andere als frisch.

»Oh, wow«, sage ich und starre sie entgeistert an. »Ich muss es wissen – du arbeitest nicht zufällig in einer Bar in Danforth? Mir wird andauernd gesagt, dass ich eine Doppelgängerin habe, die im East End in irgendeiner Bar arbeitet.«

Die Frau starrt mich ähnlich entgeistert an, wodurch wir uns nur noch ähnlicher sehen.

Also rede ich einfach weiter. Auch, weil mein Mund vergessen hat, wie man damit aufhört. »Ach was, natürlich nicht. Sonst würdest du schließlich nicht in so einem schicken Wagen herumfahren. Moment mal. Woher weißt du eigentlich, wer ich bin?« Die schiere Überraschung darüber, jemandem zu begegnen, der mein Zwilling sein könnte, hat diese offensichtliche erste Frage vollkommen in den Hintergrund gedrängt. Ich mache noch einen Schritt zurück.

»Du bist doch Grace Reed?«, fragt die Frau erneut.

»Gracie«, korrigiere ich sie, ehe es mir nun doch die Sprache verschlägt. Jetzt weiß ich nämlich, woher ich dieses Gesicht kenne: Das ist Wei Fangli.

Wei Fangli, Superstar des chinesischen Filmbusiness, steht auf meiner Straße. Ich hätte sie sofort erkannt, wäre die Tatsache, dass sie hier auf meiner Straße steht und mit mir redet, nicht so absurd und abwegig. So habe ich den Menschen vor mir im ersten Moment gar nicht mit dem Promi assoziiert.

Moment mal, Wei Fangli steht hier auf meiner Straße und weiß, wer ich bin?

Sie schaut einmal die Straße rauf und runter. »Setz dich doch ins Auto, bitte«, sagt sie. »Ich würde dich gern etwas fragen.«

»Ähm, besser nicht.« Ich trete noch einen letzten Schritt zurück, bis sich die nadeligen Äste einer Fichte in meinen Haaren verfangen. Was will Wei Fangli in einer Wohngegend in Toronto? Ich blicke mich um und stelle sicher, dass das keine Reality-Show ist und sich nirgends irgendwelche Kameraleute verstecken.

»Bitte?«

»Warum kommst du nicht raus?« Ein Kompromiss, weil ich schon ein bisschen neugierig bin.

Sie scheint ernsthaft drüber nachzudenken, als eine Hand in der offenen Tür erscheint und sie am Ellenbogen festhält. Die Hand gehört einem Mann im schwarzen Anzug, der sich vorlehnt.

Sogar mit der Sonnenbrille sieht er so umwerfend gut aus, dass mein Gehirn sich kurzzeitig selbst außer Gefecht setzt. Er ist ebenfalls Asiate, hat pechschwarzes Haar, das ihm elegant in die Stirn fällt, eine schmale Nase und einen Kiefer, der so scharf geschnitten ist, dass man sich glatt daran verletzen könnte. Und obwohl er sitzt, sieht man deutlich, dass er hochgewachsen und schlank ist und breite Schultern hat. Sein blendendes Aussehen verschlägt mir erneut die Sprache, sodass ich kurz in Panik gerate. Aber dann meldet sich die Bitterkeit zurück: Was fällt ihm ein, so gut auszusehen? Jemand, der so gute Gene hat, sollte ein kleines Glöckchen um den Hals tragen, um normalsterbliche Mäuschen wie mich vorzuwarnen. Auch er kommt mir trotz der Sonnenbrille irgendwie bekannt vor, aber wo könnte ich jemandem wie ihm schon einmal begegnet sein? Höchstens in meinen Träumen.

Noch bevor ich ihn identifizieren kann, lehnt er sich wieder zurück, und die beiden unterhalten sich leise. Und schließlich setzt Fangli doch einen Fuß auf den Asphalt. Sie trägt elegante Sandalen, mit so hohem und dünnem Absatz, dass ich befürchte, er könne unter ihrem Gewicht zerbrechen. Diese Schuhe haben wahrscheinlich eine Monatsmiete gekostet.

Wie habe ich jemals denken können, dass diese Frau meine Doppelgängerin ist? Wei Fangli ist makellos. Sie bewegt sich wie eine Tänzerin und ihre Haltung ist so perfekt, dass ich automatisch den Drang verspüre, mein Kinn zu heben und mich ein wenig aufrechter hinzustellen.

»Wie gesagt, ich habe ein Angebot für dich«, sagt sie und bleibt in der offenen Autotür stehen. »Aber ich ziehe ein wenig Privatsphäre vor. Komm doch bitte ins Auto. Es dauert auch nur fünf Minuten.«

Warum ich mich zu ihr ins Auto setze? Bin ich lebensmüde? Ja, vielleicht, aber vor allem bin ich es leid, Gracie Reeds normales Leben zu führen und langweilige, sichere Gracie Reed-Dinge zu tun. Egal, was passiert, wenn ich in dieses Auto steige, es wird zumindest endlich mal etwas anderes, etwas Neues sein. Und nach dem heutigen Tag wünsche ich mir nichts sehnlicher.

Auch das Innere des Wagens lässt mich schlucken: Zwei Paar weißer Ledersitze liegen einander gegenüber, getrennt durch ein kleines Regal mit Wasserflaschen und Minibar. Ein Hauch von Chanel No. 5 hängt in der Luft, aber ich kann nicht ausmachen, ob das Fangli oder der Wagen selbst ist. Neben mir sitzt dieser Mann, und jetzt, wo ich im Auto sitze, schaue ich ihn mir genauer an, während ich krampfhaft versuche, dabei so normal wie möglich zu wirken. Er lehnt sich ein wenig zurück, sodass sein Gesicht im Schatten liegt. So, als wolle er sich aus dem Gespräch raushalten.

Ganz ehrlich, dieser Mann sieht so unecht gut aus, und diese Lippen … wow. Trotz der Surrealität der ganzen Situation muss ich andauernd nur diese Lippen anstarren. Sie sind das platonische Ideal von Lippen und passen zu den hohen Wangenknochen und scharfen Augenbrauen, die perfekte, gerade Akzente in dieses makellose Gesicht setzen. Dann nimmt er seine Sonnenbrille ab. Dunkle Augen blitzen darunter hervor, und er zieht ein wenig die Mundwinkel herunter, als er mich stirnrunzelnd anblickt. Ich fühle mich so, wie man sich fühlt, wenn man an der höchsten Stelle der Achterbahn angekommen ist und darauf wartet, ohne Vorwarnung in die Tiefe zu stürzen. Und dann kommt der Moment des Falls, der Erkenntnis, und ich weiß, wer er ist.

Sam Yao, der Sexiest Man in the World (wurde ganz offiziell sogar letztes Jahr vom Celebrity-Magazin gekürt) sitzt direkt neben mir.

Ich sitze im selben Auto wie Wei Fangli und Sam Yao. Sogar ich weiß – peinlicherweise dank Moms Klatschblättern –, dass die beiden die Creme de la Creme des chinesischen Kinos sind. Und sie wollen was von mir.

»Warum bin ich hier?«, frage ich. Ich sollte nervös sein, vielleicht sogar Angst haben, aber irgendwie hat es auch was, in so einem luxuriösen SUV zu hocken. Das nimmt einem zumindest schonmal die gröbste Angst. Hätten sie mich in einen anonymen weißen Kastenwagen gezerrt, wäre ich vielleicht nicht ganz so ruhig.

»Du weißt, wer wir sind?«, fragt Fangli.

»Ich weiß, wem ihr ähnlich seht«, antworte ich.

»Ich bin wirklich Wei Fangli.« Sie hat einen unerwartet nordamerikanischen Akzent. »Könntest du dir vorstellen, ein bisschen Geld zu verdienen?«

Ich lehne mich ruckartig im Sitz zurück. »Oh, wow. Na, damit hatte ich jetzt ehrlich gesagt nicht gerechnet. Ich fühle mich wirklich geehrt und ich bin auch wirklich total pro-Sexarbeit, aber mein Ding ist das nicht.«

Sam schnaubt. »Du denkst, wir wollen Sex mit dir haben?«

Er macht sich eindeutig über mich lustig, aber mein Gehirn nimmt nur die Worte Sex mit dir wahr und fängt gleich an zu phantasieren.

»Nein?« Nur weil ich endlich wieder in der Lage bin, Worte zu formulieren, weiß ich deswegen noch lange nicht die richtige Antwort. Meine arbeitsplatzbedingten Angstzustände sind dem unangenehmen Gefühl gewichen, in der Gegenwart von Superstars wie ein sprachloser Volltrottel dazustehen.

Warum wollte Fangli, dass ich mich zu ihr ins Auto setze?

Dann zeigt sie mir ein Foto auf ihrem Handy-Bildschirm, und langsam verstehe ich den Grund. »Das bist doch du«, sagt sie. Das ist keine Frage.

Das Foto zeigt mich, wie ich mich vergeblich hinter einem Muffin zu verstecken versuche. »Möglich«, sage ich zögernd. Noch kann ich nicht beurteilen, worauf das Ganze hinauslaufen soll.

»Und das hier auch.«

Auf diesem Bild schiele ich hinter dem Gebäck und unter meiner Schirmmütze hervor, als hätte ich ein Gespenst gesehen. Das bin eindeutig ich, da gibt es nichts zu bestreiten. »Irgend so ein Typ hat einen Haufen Fotos von mir gemacht.«

Sie zeigt auf die Bildangabe. »Ich weiß. Er dachte, du bist ich, und jetzt echauffiert sich das Internet über meine neue Weizenkleie-Diät. Zum Glück hattest du die Mütze auf, sodass ich nicht auch noch den Kurzhaarschnitt erklären muss.«

»Tut mir leid.« Warum entschuldige ich mich für meine eigenen Haare? »Ich mein' ja nur … Ich wollte nur einen Kaffee kaufen. Ich hab' ihm ja nicht gesagt, dass ich du bin.« Hoffentlich kann ich sie so überzeugen, dass ich nicht absichtlich ihre Doppelgängerin gespielt habe.

Fangli lacht. »Natürlich nicht. Er heißt Mikey und seine Spezialität sind ungestellte, aber leicht peinliche Fotos. Die anderen Paparazzi halten nichts von ihm, aber mit seiner Masche macht er richtig dicke Kohle. Und so bin ich auf die Idee gekommen …«

Sam unterbricht sie. »Das ist übrigens alles streng vertraulich hier, und wenn du damit zu irgendeiner schmierigen Zeitschrift gehst, schwöre ich dir, dass du's bereuen wirst.«

Ich starre ihn entgeistert an. »Ist das hier Improvisationstheater, oder was? Und du spielst den übertrieben bösen Bösewicht?«

»Denk bloß mal kurz drüber nach, wie leicht wir dich gefunden haben.«

Er mag sexy sein, aber ein Arsch ist er auch, und das gefällt mir nicht im Geringsten. Mit einem Mal fällt alle Sprachlosigkeit von mir ab, als mein selbstbewusstes Ich das kleine Mäuschen-Ich aus dem Weg schubst und sich nach vorne drängelt. Ich starre ihn mit all meiner aufgestauten Wut im Blick an. »Ganz ehrlich? Ich bin nicht diejenige, die hier um einen Gefallen bittet, falls dir diese Tatsache noch nicht bewusst ist.«

Daraufhin entbrennt eine hitzige Diskussion zwischen Fangli und Sam. Da ich kaum Mandarin spreche, bleibt mir der Inhalt verborgen, und so nutze ich den Augenblick, um wieder ein wenig auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren. Ich sitze in einer Luxuskarre mit zwei Schauspielern, und eine davon sieht mir so ähnlich, dass es schon ein wenig verrückt ist.

Hier muss ich mir meine Scham eingestehen: Kennst du das, wenn die Leute sagen, dass du einem Promi ähnlich siehst, aber du protestierst vehement? Vor allem jedoch vehement errötend und geschmeichelt, denn im Geheimen bist du ebenfalls der Meinung, dass du dieser Person ähnlich siehst ¬– ganz besonders nach ein paar Cocktails, wenn du im schwach erleuchteten Bad in den Spiegel schaust und die Haare auf eine ganz besonders schicke Art und Weise fallen.

Tja, hin und wieder gibt es Leute, vor allem die, die sich für chinesische Filme interessieren, die mir sagen, dass ich aussehe wie Wei Fangli, und an meinen superguten Tagen, meinen spektakulären Tagen, und aus einem ganz bestimmten Winkel betrachtet, denke ich, dass sie vielleicht recht haben. Es tut gut, meine Selbsteinschätzung von offizieller Seite bestätigt zu bekommen.

Fangli scheint Sam einen verbalen Schuss vor den Bug gesetzt zu haben, denn er lässt sich aufgebend im Sitz zurücksinken und verschränkt die Arme vor der Brust, während er äußerst melodramatisch aus dem Fenster starrt. Sie wirft ihm einen langen Blick zu und wendet sich dann wieder an mich.

»Sam macht sich nur Sorgen um mich«, erklärt sie.

Aber was hat das bitte mit mir zu tun? Plötzliches Misstrauen lässt mich noch einmal das Innere des Wagens genau unter die Lupe nehmen. Vielleicht ist es keine Reality-Show, sondern eine von diesen Game-Shows, die darauf abzielt, willkürlich ausgewählte arme Trottel von der Straße bloßzustellen, indem man sie für einen Haufen Bares dazu bringt, nackt durch die Gegend zu laufen oder irgendwas Schleimiges zu trinken.

»Ich möchte, dass du dich zwei Monate lang für mich ausgibst.« Sie lächelt, als sei es das Normalste der Welt, das von einer Wildfremden zu verlangen.

»Ich … als du? Willst du etwa, dass ich in einem Film mitspiele?« Ich versuche, nonchalant zu wirken, aber innerlich spüre ich schon die Aufregung, auf der Bühne einen Charakter zum Leben zu erwecken, wie damals in der Theater-AG meiner Schule. Aber das ist lange her, und es ist sicher etwas völlig anderes, in einem richtigen, professionellen Film mitzuspielen, als in einer High-School-Produktion von Die Hexenjagd.

»Nein, ganz und gar nicht«, sagt sie schnell. »Ich arbeite gerade an einer Theaterproduktion und mein Team besteht darauf, dass ich mich regelmäßig in der Öffentlichkeit sehen lasse, aber ich möchte mich viel lieber auf die Arbeit konzentrieren. Ich habe keine Lust auf die ganze zusätzliche Publicity, also wollte ich dich fragen, ob du dir nicht vorstellen könntest, für Events und so mein Double zu sein?«

Als ich sie direkt ansehe, fällt mir auf, dass ihre vornehme Blässe nicht nur vom Make-up herrührt wie zunächst angenommen. Aus nächster Nähe sieht sie ungesund aus, fast schon ein wenig gespenstisch.

»Ich glaube nicht, dass wir uns dafür genug ähneln«, sage ich.

Sie wedelt mit dem Handy-Bildschirm vor meinem Gesicht herum. »Das sehe ich aber anders! Vor allem mit Make-up. Und du wirst natürlich für deine Zeit bezahlt.«

»Wieviel?« Ich werde es nicht tun, aber wissen will ich es doch. Neben mir murmelt Sam irgendetwas Unverständliches, aber ich tu es Fangli nach und würdige ihn keines Blickes.

»Wir wissen, dass du einen Job hast. Die meisten, aber nicht alle Events sind entweder abends oder am Wochenende. Ich denke, hunderttausend sind ein faires Angebot.« Ihre Stimme ist ruhig.

»Willst du mich verarschen?«

Sam atmet tief aus. »Fangli flucht nie.«

»Ich bin ja auch nicht Fangli.«

Fanglis Blick hält ihn davon ab, noch einen draufzusetzen, und so lehnt er sich abermals zurück und konzentriert sich auf die Welt hinter den getönten Scheiben.

Ich drehe mich wieder zu ihr um. »Woher weißt du eigentlich so viel über mich?«

»Als ich das Foto gesehen habe, habe ich einen Privatdetektiv engagiert.« Sie sagt das mit einer solchen Selbstverständlichkeit, als wäre das die einzig logische Erklärung.

Jetzt muss ich doch laut lachen. Ein Privatdetektiv. Das ist wirklich zu viel des Guten.

»Wir denken, der Betrag ist dem Job angemessen«, sagt sie.

Hunderttausend Dollar würden bedeuten, dass ich, ohne lange zu fackeln, zuschlagen könnte, wenn im Xin Guang für Mom ein Zimmer frei würde. Und ich müsste mir keine Sorgen darüber machen, dass Mom in ein Doppelzimmer verlegt wird, wenn ich mir ihr Einzelzimmer in Glen Lake nicht mehr leisten kann. Es ist wirklich verlockend, aber obwohl ich mein langweiliges altes Leben leid bin, will ich mich auch nicht von zwei stinkreichen Megastars manipulieren lassen, die Menschen wie mich nur als Marionetten sehen, mit denen man spielen kann. Ich höre Moms Stimme in meinem Kopf flüstern: Tu nichts zu verrücktes. Sei normal.

»Ich weiß nicht …« Es ist immer einfacher, kein definitives Nein auszusprechen.

»Ich bitte dich.« Ihr Gesicht wirkt angespannt. »Hundertfünfzig.«

Das ging aber schnell. »Ich denke drüber nach«, gebe ich schließlich nach. Fanglis flehender Blick und die Wahnsinnssumme sind einfach zu schwer zu ignorieren.

Sie reicht mir eine Visitenkarte. »Danke.«

Ich nehme die Karte, weil ich nicht weiß, wie ich sie ablehnen soll, ohne unhöflich zu wirken.

»Melde dich bitte spätestens in zwei Tagen bei mir«, fügt Fangli hinzu. »Es ist wichtig, dass wir so schnell wie möglich beginnen.«

»Verstanden.« Das bedeutet weder ja noch nein. Ich will das ja gar nicht. Oder? Nein, natürlich nicht. Ich habe mir zwar vorhin einen Ausweg aus meinem langweiligen Leben gewünscht, aber doch nicht so. Ich will eine nachhaltige Einnahmequelle und eine vernünftige Ausstiegs-Strategie. Etwas Stabiles und Sicheres. Das hier scheint mir weder das eine noch das andere zu sein.

Sam sagt nichts, als ich aus dem Wagen steige.

Kapitel 3

15. Juni

Erledige es einfach (Das Gröbste zuerst):

Todd aus dem Weg gehen (das Gröbste).

Zur Arbeit gehen (siehe Arbeits-To-Do-Liste!).

Wäsche waschen.

Fitnessstudio.

Warteliste vom Xin Guang kontrollieren.

Eine halbe Stunde lang lesen.

Als erstes nach dem Aufwachen werfe ich einen Blick auf meine Arbeits-To-Do-Liste. Da stehen etwa zwanzig Aufgaben, die ich im Laufe des Tages schaffen muss, und als ich mein Handy weglege, bin ich schon völlig demotiviert. Was ich brauche ist eine Liste, die mich motiviert; nicht eine, die mir das Gefühl gibt, dass ich niemals mit meiner Arbeit hinterher komme. Ich lege die Idee in meinem mentalen Aktenschrank ab, wo ich all meine Träume und Wünsche für die ultimative, perfekte To-Do-Liste, meinen weißen Wal der Planungstools aufbewahre.

Neben meinem Handy liegt die Visitenkarte, auf der der Name Wei Fangli sowohl auf Englisch als auch auf Chinesisch steht. Es gibt eine Telefonnummer, aber keine E-Mail-Adresse. Ich drehe und wende die Karte in meiner Hand und schließe die Finger darum, sodass sich die Ecken in meine Haut bohren. Einhundertfünfzigtausend Dollar. Niemals war das ernst gemeint, denn welcher gesunde Mensch versucht schon, ein Body Double, eine Wildfremde, von der Straße weg zu engagieren? Aus reiner Neugierde googele ich »Wei Fangli Vermögen«.

Naja. Leisten kann sie es sich zumindest.

Neben dem Artikel ist ein Foto von Fangli, und ich nehme mein Handy mit vor den Spiegel und halte es neben mein Gesicht. Unsere Gesichtsform ist so ähnlich, dass wir Schwestern sein könnten. Ich lasse das Handy sinken und suche stattdessen in einer der offenen Browser-Tabs auf meinem Laptop nach dem Foto aus dem Café, das ich gestern Abend, nachdem ich nach Hause gekommen war, gesucht hatte. Wenn mein Gesicht zur Hälfte vom Muffin und der Schirmmütze verdeckt ist, sehe ich die Ähnlichkeit zu Fangli noch mehr.

Ich will damit keineswegs sagen, dass ich umwerfend aussehe. Unter dem Bild steht »Wei Fanglis einzigartige Züge haben eine magnetische Anziehungskraft, die die herkömmlichen Schönheitsstandards weit übersteigt«, was so viel heißt wie »Sie sieht ein bisschen komisch aus, aber irgendwie funktioniert es.«

Tja, genau wie bei mir – nur, dass mein Gesicht nie so wirklich funktioniert, außer, wenn es darum geht, dass mich wildfremde Leute anstarren und fragen, woher ich komme. Oder – und das ist mein persönlicher Favorit – was ich bin. Jedes Mal, wenn ich mit Dad unterwegs war, haben die Leute abwechselnd ihn und mich angestarrt, während sie versuchten, zu verstehen, woher ich meine exotischen Züge habe, denn sie sind eindeutig nicht westlich. Ich sah anders aus als sie, und das wussten sie, aber es gefiel ihnen nicht, dass sie nicht wussten, warum ich anders aussehe.

Ist ja auch alles egal. Selbst, wenn das Geld nicht wäre, wäre ich niemals im Stande, mich zwei Monate lang für einen chinesischen Filmstar auszugeben. Erstens spreche ich kein Mandarin, und zweitens fehlt mir das … Selbstbewusstsein …, das Wei Fangli eindeutig hat. Fangli ist es gewöhnt, eine Person des öffentlichen Lebens zu sein; sie hat jahrelange Erfahrung. Wenn sie einen Raum betritt, stolpert sie nicht über ihre eigenen Füße oder überlegt, was man am besten mit seinen Händen macht. Es gibt ungelogen eine ganze Reihe von Videos mit dem Titel »So steigst du eine Treppe hinab wie Wei Fangli«, die analysiert, wie sie die Stufen herunter schwebt, ohne auf ihre Füße zu schauen, und sich dabei noch elegant den langen Schal über die Schulter wirft. Ich bin nicht tollpatschig, aber ich bin mir meines absolut uneleganten Körpers bewusst genug, um in solchen Situationen gut und gern einfach komplett zu erstarren. Dafür hat mir ja schon ein einziger Paparazzo gereicht. Was würde ich erst tun, wenn ich einer ganzen Horde von ihnen begegne?

Ich werfe mein Handy aufs Bett und mache mich für den Tag bereit. Ich entscheide mich für meinen eckigen schwarzen Blazer – die sichere Wahl –, den ich mit einem dicken, karamellfarbenen Rollkragenpulli kombiniere, sodass der Blazer unter den Armen ein wenig kneift. Für Juni eindeutig viel zu warm, aber im Büro ist es immer kühl. Meinen roten Lieblingslippenstift trage ich schon lange nicht mehr, aber man erwartet einen gewissen schicken Stil, und so trage ich stattdessen einen nicht gerade schönen, neutral-beigen Ton auf, den ich in der Drogerie vom Ramschtisch mitgenommen habe. Eine Schicht Wimperntusche. Sonst nichts. Das Spiegelschränkchen, wo ich meine Parfumsammlung aufbewahre, lasse ich zu. All die hübschen Fläschchen voller Blumenduft und exotischer Würze. Doch zur Arbeit trage ich kein Parfum mehr.

Ein Blick in den Spiegel bestätigt, wie ich mich fühle: Ich sehe aus wie eine gepolsterte Couch. Kein Wunder, dass Sam Yao denkt, es sei Wahnsinn, mich als Double für Fangli einzusetzen. Recht hat er.

Obwohl ich früher als sonst von zu Hause aufbreche, bedeutet die Verspätung der U-Bahn, dass ich drei Minuten zu spät im Büro ankomme. Brent hebt demonstrativ das Handgelenk, um auf die Uhr zu sehen, als ich durch die Tür trete, nur um zu signalisieren, dass ihm meine Unpünktlichkeit nicht entgangen ist. Ich weiche seinem Blick aus und schalte meinen Computer an, doch schon wird der kleine Ball aus purer Anspannung in meiner Magengrube ein bisschen größer. Das einzige Geräusch im Büro ist das Klackern der Tastaturen, und natürlich ist Brent einer von denen, die besonders laut – und falsch – tippen, und so höre ich alle paar Sekunden die Delete-Taste. Dat-dat-dat-dat-dat. Klick. Klick, klick. Dat-dat-dat.

Garnet Brothers ist eine Investmentfirma, und die Marketingabteilung, in der ich als Projektmanagerin beschäftigt bin, ist hauptsächlich damit beschäftigt, die Öffentlichkeit auf subtile Art und Weise daran zu erinnern, dass sich nur Vollidioten selbst um ihre Finanzen kümmern. Es ist ein langweiliger, aber gut etablierter Arbeitsplatz, was der eigentliche Grund dafür war, dass ich mich für diesen Job entschied, und nicht für die wesentlich spannendere, aber natürlich auch weniger sichere Position bei einem jungen Tech-Start-up. In der ersten Stunde des Arbeitstages befasse ich mich mit den E-Mails, die ich nicht schon vom Handy aus beantwortet habe. Die Hälfte davon sind Dinge, um die sich eigentlich andere Leute kümmern sollten, aber die bei mir abgeladen wurden, weil es eben einfacher ist. Für die anderen Leute, nicht für mich. Die meisten sind reine Routine, aber ein paar davon erfordern, dass ich mit Todd Rücksprache halte, bevor ich antworten kann. doch dafür reicht auch eine E-Mail und ich muss kein Meeting mit ihm buchen. Ein kleines Geschenk von mir an mich.

»Gracie.« Todds aalglatte Stimme ertönt über die Wand meines Abteils hinweg. Als ich mich umdrehe, steht er viel zu nah hinter mir, und seine blauen Augen blitzen kühl. »Komm mal in mein Büro. Sofort, bitte.«

Er dreht sich um und erwartet eindeutig, dass ich ihm folge. Ich gehorche natürlich und spüre Brents bohrenden Blick im Rücken, während ich davon träume, wie ich ihm hinterm Rücken den Mittelfinger zeige. Todd wartet, bis ich eingetreten bin, und schließt dann seine Bürotür hinter mir. Ich könnte mir selbst dafür in den Hintern beißen, dass ich mein Handy an meinem Platz habe liegen lassen.

»Ganz schön tantig, dein Outfit heute«, bemerkt er. »In dem schwarzen Kleid und mit dem roten Lippenstift hast du mir besser gefallen. Das sah heiß aus.«

»Ha ha, danke.« Meine automatische Antwort ekelt mich an. Ich bin eine eigenständige, erwachsene Frau. Ich sollte ihm sagen, dass er hingehen soll, wo der Pfeffer wächst, aber ich kann nicht. Ich kann einfach nicht. Meine Abhängigkeit von diesem Job ist wie eine Schlinge um meinen Hals, wie ein Maulkorb.

»Weißt du, du wärst viel attraktiver, wenn du mehr lächeln würdest«, sagt er, während er sich breitbeinig auf die Ecke seines Schreibtisches setzt und seinen Gürtel richtet. »Ich glaube, wir könnten eine Menge Spaß miteinander haben.«

Ich muss an Sam denken und krame das Selbstbewusstsein wieder hervor, das er gestern Abend in mir geweckt hat. »Glaube ich ehrlich gesagt nicht.« Meine Stimme klingt dabei alles andere als selbstbewusst.

»Ach nein?« Er klingt überrascht.

Ich schüttele den Kopf.

»Tja, schade. Gracie, du bist fristlos gekündigt.«

»Wie bitte?«

Er klatscht ein ausgedrucktes Foto auf den Tisch. »Du hast dich gestern krankgemeldet. Sieht so vielleicht jemand aus, der krank ist?«

Es ist dasselbe Paparazzi-Bild, das Fangli mir gezeigt hat. Ich versuche, zu retten, was zu retten ist, denn schließlich kann ich meinen Job nicht verlieren.

»Das ist Wei Fangli. Steht doch drunter.«

»Und warum hält Wei Fangli dann die Handtasche in der Hand, die in diesem Moment neben deinem Schreibtisch steht?«, fragt er. Es ist, als würde man einer Schlange beim Sprechen zuhören. »Selbst unter der Mütze erkenne ich doch sofort, dass das Gracie Reed ist. Gib's einfach zu, dann wird's leichter für dich.«

Dann leckt er sich die Lippen, und obwohl mein Magen sich so verkrampft, dass ich all meine Körperbeherrschung aufbringen muss, um nicht vor Schmerzen in die Knie zu gehen, gelingt es mir, meine Stimme ausdruckslos zu halten und ihm zwischen die Augen zu starren. »Das bin nicht ich.«

»Die Personalabteilung stimmt mir zu; du bist einfach keine Bereicherung mehr für diese Abteilung«, sagt er. »Und dieses Foto ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Es sei denn, du willst noch etwas hinzufügen?« Sein Blick gleitet an mir herab, und mir wird schlecht.

Ich weiß genau, was er damit sagen will. Laut aussprechen kann er es natürlich nicht, denn er ist zu clever, um mir konkrete Munition an die Hand zu geben, aber die Anspielung lässt sich nicht verleugnen. Ebenso wie die Tatsache, dass er mir, wenn ich ihn darauf anspreche, sagt, ich solle mir doch nichts einbilden. Diese niederschmetternde Erkenntnis gibt mir den Rest, und was auch immer er in meinem Gesicht sieht, lässt seines erhärten. Er schiebt mir ein Dokument zu. »Deine Kündigung. Die unterschreibst du bis Ende der Woche. Die Security bringt dich noch zur Tür.«