Lucky – Was ich dir sagen will - Dagmar Bach - E-Book

Lucky – Was ich dir sagen will E-Book

Dagmar Bach

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Beschreibung

Der zweite Band der neuen Rom-Com-Trilogie von Dagmar Bach voller Urlaubsfeeling, unerwarteter Liebe und mit ein bisschen Magie für Leser*innen ab 12 Jahren Eine Schauspielerin, die in größter Gefahr schwebt. Ihr Bodyguard, der ein Geheimnis hat. Und ein magischer Ort, der Menschen scheinbar unwiderruflich zusammenbringt. Bailey Harris hat ihre Bucket-List im Griff: Publikumsliebling in einer angesagten Streamingserie, einen erfolgreichen Podcast, Spaß im Leben. Nur leider hat sie seit Neuestem auch einen Stalker. Und zu ihrem Entsetzen wird ihr ausgerechnet Jackson als Bodyguard geschickt! Der Jackson, mit dem sie im magisch-verzauberten Junos, einem kleinen Ort an der kalifornischen Küste, ständig aneinandergeraten ist. Baileys Glückssträhne reißt schlagartig ab, vor allem, weil grumpy Jackson sie mit seinen sommerblauen Augen einfach nur rasend macht. Doch als sie vor größter Gefahr nach Junos flüchtet, erfährt Bailey etwas über Jackson, das ihr endgültig den Boden unter den Füßen wegreißt … Alle Umwege führen nach Junos Bay, wo auch die unmöglichste Liebe ihre magische Chance erhält. Im 2. Band der Junos-Bay-Trilogie erwartet die Leserinnen ein Wiedersehen mit alten Bekannten und eine neue, turbulente Romance. - Mit den TropesSmall Town, Grumpy meets Sunshine, Body Guard Romance und Forced Proximity - Traumsetting in Kalifornien: vom Strandhaus in Junos Bay bis zum Megacityflair in Los Angeles - Mit knalligem Farbschnitt (nur in der 1. Auflage!) und exklusiv gestalteten Innenklappen

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Seitenzahl: 385

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Dagmar Bach

Lucky

Was ich dir sagen will

Junos Bay

Band 2

 

 

Über dieses Buch

 

 

Eine Schauspielerin, die in größter Gefahr schwebt. Ihr Bodyguard, der ein Geheimnis hat. Und ein magischer Ort, der Menschen scheinbar unwiderruflich zusammenbringt.Bailey Harris hat ihre Bucket-List im Griff: Publikumsliebling in einer angesagten Streamingserie, einen erfolgreichen Podcast, Spaß im Leben. Nur leider hat sie seit Neuestem auch einen Stalker. Und zu ihrem Entsetzen wird ihr ausgerechnet Jackson als Bodyguard geschickt! Der Jackson, mit dem sie im magisch-verzauberten Junos, einem kleinen Ort an der kalifornischen Küste, ständig aneinandergeraten ist. Baileys Glückssträhne reißt schlagartig ab, vor allem, weil grumpy Jackson sie mit seinen sommerblauen Augen einfach nur rasend macht. Doch als sie vor größter Gefahr nach Junos flüchtet, erfährt Bailey etwas über Jackson, das ihr endgültig den Boden unter den Füßen wegreißt …

 

Alle Umwege führen nach Junos Bay, wo auch die unmöglichste Liebe ihre magische Chance erhält. Im 2. Band der Junos-Bay-Trilogie erwartet die Leserinnen ein Wiedersehen mit alten Bekannten und eine neue, turbulente Romance.Alle Bände der Trilogie:

Happy – Wo du mich findest

Lucky –  Was ich dir sagen will

Truly – Was wir uns erträumen (erscheint voraussichtlich im Herbst 2026)

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.fischer-sauerlaender.de

Biografie

 

 

DAGMAR BACH liebt Harmonie und heißen Tee und hat auch in ihrem Beruf als Innenarchitektin lange dafür gesorgt, dass sich die Menschen um sie rundherum wohlfühlen. Ihr eigener Happy Place sind ihre Geschichten, die sie sich schon immer ausgedacht hat und seit einigen Jahren aufs Papier bringt. Mit ihrem Debüt »Zimt und weg« wurde sie auf Anhieb »Dein SPIEGEL«-Bestsellerautorin. Seitdem widmet sich Dagmar Bach ganz dem Schreiben und beschert ihren Leser*innen regelmäßig lustige und romantische Lesestunden. Wenn sie nicht gerade schreibt, bereist sie gerne die Welt oder erträumt ganz neue Wohlfühlorte für ihre Bücher. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in München.

Impressum

 

 

Zu diesem Buch ist beim Argon Verlag ein Hörbuch erschienen, das als Download und bei Hörbuch-Streamingsdiensten erhältlich ist.

Erschienen bei Fischer Sauerländer E-Book

 

© 2026, Fischer Sauerländer GmbH,

Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: Umschlaggestaltung und -illustration: Petra Braun

ISBN 978-3-7336-0608-4

 

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

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Inhalt

[Widmung]

Podcast mit Bailey Harris – TRUE MAGIC – Gast: Jackson Grant

Prolog

TEIL 1 Bailey

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

Chat zwischen Jackson und Parker

6. Kapitel

Chat zwischen Jackson und Parker

7. Kapitel

Chat zwischen Jackson und Parker

8. Kapitel

Chat zwischen Jackson und Parker

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

Chat zwischen Jackson und Parker

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

TEIL 2 Bailey

23. Kapitel

24. Kapitel

Baileys Nachrichten an Jackson

25. Kapitel

Chat zwischen Parker und Jackson

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

Podcast mit Bailey Harris – TRUE MAGIC – Gast: Jackson Grant

Epilog

Zoey

Für Elisabeth.

Podcast mit Bailey Harris – TRUE MAGIC – Gast: Jackson Grant

Liebe Freundinnen und Freunde, willkommen zur neuesten Folge von True Magic, dem Podcast über magische Orte mit eurer Bailey Harris. Wir haben ja mittlerweile schon einige Gäste gehabt, die mit mir über diesen besonderen kleinen Ort irgendwo an der Küste Kaliforniens gesprochen haben. Über Glück und Unglück und so weiter. Ihr erinnert euch an Noah Evans, meinen Stargast? Seine Geschichte ist ja wirklich schon unglaublich. Und heute – Trommelwirbel – habe ich noch einen Gast hier, der sogar in dem Ort aufgewachsen ist, mittlerweile aber die meiste Zeit des Jahres um die Welt jettet. Willkommen, Jackson.

 

Hi.

 

Jackson, du bist in diesem kleinen Ort aufgewachsen, und ich durfte ja mittlerweile schon ein paar Menschen da kennenlernen, und, Leute, alles dort schreit förmlich nach Magie! Dein Bruder –

 

Hey, hör mal, was hast du noch mal gesagt, bekomme ich dafür, dass ich hier mit dir rumsitze?

 

Ähm – wie bitte?

 

Du hast gesagt, ich bekomme Kohle dafür, dass ich hier ein Interview mit dir mache. Wie viel?

 

Das – das stand in dem Vertrag, den ich dir zugeschickt habe. Den du offensichtlich nicht gelesen hast.

 

Für so einen Scheiß hab ich keine Zeit.

 

Ach, aber Zeit, dich hierherzusetzen, damit du Geld bekommst?

 

Du hast schließlich mich gefragt. Also, wie viel?

 

Gar nichts. Du musst das nicht machen, du kannst direkt wieder gehen.

 

Hey, jetzt hab ich extra eine … Sag mal, spinnst du?

 

Ich zwinge hier niemanden zu irgendetwas. Nichts liegt mir ferner, als deine kostbare Zeit zu stehlen.

 

Weißt du, was? Du kannst mich mal!

 

Okay, liebe Freunde, diese Sendung wird wohl niemals online gehen, und das ist auch besser so, dann müsst ihr Jackson-ich-bin-ein-Arsch nicht ertragen, das erspare ich euch hiermit.

Prolog

Jackson

Ich war zu spät dran, viel zu spät. Wenn ich mich nicht beeilte, würde ich diesen Bus nach L.A. nicht mehr bekommen, und dann hatte ich bald noch ganz andere Probleme.

Und das nur, weil ich auf dem Weg von der Bar hoch zum Ortsausgang noch einmal auf sie getroffen war. Ihr Blick hatte nach der missglückten Podcastaufnahme natürlich Bände gesprochen. Und ihre Begrüßung war mehr als sarkastisch gewesen. Aber ich konnte es ihr nicht verübeln.

Irgendwo über mir hörte ich die Geräusche des Highways, und ich warf einen Blick auf die Uhr. Ich durfte jetzt nicht mehr an sie denken, sondern musste wirklich Gas geben. Die letzten Meter joggte ich und erwischte den Bus noch in allerletzter Sekunde. Der Fahrer mit dem weißen Santa-Claus-Bart tat beim Einsteigen so, als ob er nur auf mich gewartet hätte, was ich nicht ausschließen würde. Immerhin fuhr er schon seit Ewigkeiten diese Strecke und gehörte damit sozusagen zum Junos-Inventar, obwohl er sich unten in der Bucht nie blicken ließ.

Gut eine Woche war ich nun zu Hause gewesen. Nur etwas mehr als eine beschissene Woche, und trotzdem hatte ich das Gefühl, ein Verlierer zu sein. Ein Verlierer, ein Lügner, jemand, der es in den letzten Jahren nicht geschafft hatte, auch nur eine einzige Sache richtig zu machen.

Als ich mich in den Bus setzte, dieses Mal nach Süden, war mir der Abschied nicht schwergefallen. Denn nichts war schlimmer, als seinen Bruder anzulügen, jeden Tag aufs Neue. Vor allem wenn es ein Bruder war wie Mo. Aber es war besser so.

Ich lehnte den Kopf an die Scheibe und zog mir meinen Hut über die Augen. Vielleicht konnte ich so die Wirklichkeit noch ein bisschen ausschließen und so tun, als ob alles in Ordnung wäre.

War es nicht.

Vielleicht hätte ich doch länger bleiben sollen.

Vielleicht …

Um nicht ins Grübeln zu verfallen, nahm ich meinen Rucksack und kramte darin nach meinen Kopfhörern. Ich würde mir meine Gedanken einfach durch Musik aus dem Kopf blasen lassen, ich musste sie nur laut genug aufdrehen.

Doch als meine Finger gerade nach meinen In-Ears greifen wollten, raschelte es unter ihnen. Irgendein Papier war da, und ich nahm es zwischen Zeige- und Mittelfinger und zog es heraus.

»Was zur Hölle …?«, murmelte ich und starrte auf die Buchstaben, die mir entgegensprangen.

Weglaufen ist nicht immer die Lösung, Jackson. Öffne die nächste Tür. Finde heraus, was auf dich wartet.

Schnell schluckte ich die Übelkeit herunter, die sich innerhalb von Sekunden in meinem Innersten breitgemacht hatte.

Was sollte das? Wer hatte mir diese Nachricht geschickt?

Niemand kam an meinen Rucksack. Nicht mal Mo. Dafür sorgte ich, seit Dad vor zwei Jahren verstorben war.

Aber woher kam dann die Nachricht?

Und was, verflucht noch mal, sollte sie bedeuten?

TEIL 1Bailey

Vier Wochen später – L.A.

Von allen Orten auf der Welt ist sie ausgerechnet hier.

1.

»Die Schönheitschirurgen in Hollywood können gar nicht erwarten, bis ich einen Termin bei ihnen mache«, sagte ich düster. »Meine Wangenmuskulatur ist vom vielen falschen Lächeln so ausgeleiert, dass ich bald aussehe wie eine Bulldogge.«

»Du machst das super, Sweetheart«, sagte Noah und grinste mich von seiner Seite unserer Limousine an, die sich im Schneckentempo in Richtung roter Teppich bewegte.

»Muss ich wirklich?« Ich hätte so gerne mein Gesicht massiert, hätte das nicht mein aufwendiges Make-up komplett zerstört.

»Ach komm, in Sachen Faking sind wir beide super, und das beweisen wir heute mal wieder.« Noah schenkte mir seinen besten schmachtenden Boyfriendblick, und natürlich hatte er recht.

Die ganze Welt glaubte, dass Noah Evans und Bailey Harris das neue Hollywood-Traumpaar waren, und wir taten alles dafür, dass es so blieb – denn es schenkte uns herrliche Ruhe und vergleichsweise viele Freiheiten. Allerdings auch leider so obligatorische Kinopremieren wie diese hier, zu denen wir seitdem regelmäßig gemeinsam eingeladen wurden. Die Meute wartete schon hinter den Absperrungen am roten Teppich, und das Blitzlichtgewitter traf gerade Willow und Natasha, die vor uns aus ihrer Limousine stiegen. Genau wie Noah und ich spielten sie in der aktuell angesagten Serie Rising Star.

Unser Wagen kam zum Halten, und ich sog noch einmal tief Luft in meine Lungen, ehe ich wieder alle Kraft in mein hollywoodmäßiges Lächeln steckte.

»Auf drei?«, fragte Noah.

Doch so viel Zeit hatten wir gar nicht mehr, denn in dieser Sekunde wurde meine Tür schon aufgerissen, und ich schwang meine Beine samt strassbesetzter High Heels nach draußen. Verflixt, an hohen Absätzen würde ich mein Leben lang keinen Gefallen finden. Ich war lieber in Wanderstiefeln unterwegs, aber als ich die mal auf dem roten Teppich mit einem Joseph-Altuzarra-Outfit kombiniert hatte, war ich über einen Schnürsenkel gestolpert, hatte die Absperrung samt zwei Fans umgerissen und mir dabei passenderweise noch den Knöchel verknackst. Was mir vermutlich recht geschah, ich hätte einfach einen Elf-Zentimeter-Absatz anziehen sollen, wie es auf dem roten Teppich für weibliche Personen quasi ungeschriebenes Gesetz war.

Ich richtete mich auf und versuchte, nicht zu blinzeln, als die Kameras direkt auf uns gehalten wurden.

»Bailey, hierher!«, gellten die ersten Stimmen von rechts.

»Noah, lächeln!«

»Noah, was willst du unseren Zuschauern sagen?«, tönte eine Stimme von weiter hinten.

»Hey, ihr frisch Verliebten, stimmt es, dass ihr bald eure Verlobung bekannt gebt?«

Wie gut, dass Noah und ich ein Medientraining absolviert hatten. Wir winkten, während wir alle Fragen mit einem so zauberhaften Lächeln ignorierten, dass uns praktisch niemand böse war. Ich hakte mich bei Noah ein, damit ich auf meinen Schuhen nicht schwankte wie ein hundertjähriger Pirat auf hoher See.

»Wird denen denn nie langweilig?«, flüsterte ich ihm zu, und ohne sein eigenes Lächeln zu unterbrechen, murmelte er zurück:

»Niemals.« Damit schwenkte er mich elegant zu den Fotografen, während ich mich zärtlich an ihn schmiegte und ihm schmachtende Blicke zuwarf, wenn er in eine andere Richtung sah. Solche Art von Bildern kamen besonders gut an in der Klatschpresse.

Wir waren echt ein super Team. Und ich musste zugeben, dass es mir tatsächlich Spaß machte, der Öffentlichkeit eine Beziehung mit Noah vorzugaukeln, damit Anouk, Noahs echte Freundin, aus der Schusslinie war. Keine der Hyänen vor uns hatte bisher das Spiel durchschaut, und allein dafür nahm ich jeden Monat einige dieser Events in Kauf.

Rechts und links vom Kinoeingang hatte die Security alle Hände voll zu tun, die Menge im Zaum zu halten. Unzählige Fans in allen Altersklassen drängten sich an die Absperrung, darunter einige mir bekannte Influencer, die leider hauptsächlich mit Rage Bait ihre Klicks generierten. Das fehlte mir noch, dass die da waren – gegen die kamen die echten Fans, oft junge Mädels, nicht an.

»Armes Fan-Girl auf drei Uhr zwischen den Meckerfritzen«, raunte ich Noah zu, und er verstand sofort.

Er zwinkerte mir zu und steuerte mit mir gemeinsam genau auf das Mädchen zu, das ich gemeint hatte – sie war höchstens dreizehn, klein, hatte die Schultern hochgezogen und hielt nervös eine Handyhülle und einen Stift in der Hand.

Noah setzte sein Strahlelächeln auf, von dem ich wusste, dass es echt war. Seine Fans waren ihm wirklich wichtig, es war ihm ein persönliches Anliegen, dass er zumindest versuchte, ein bisschen Nähe zu ihnen herzustellen. Das schätzte ich sehr an ihm, wie so vieles anderes.

Beide signierten wir die Hülle, während Noahs Bodyguard Chad routiniert ein paar ältere Autogrammjäger zurückhielt.

»Wenn ich mal groß bin, will ich genauso werden wie ihr«, sagte die Kleine, als sie ihre Hülle wieder entgegennahm, ganz leise mit hochroten Wangen, und hätte ich in diesem Moment gekonnt, ich hätte sie so gerne an mich gedrückt und ihr versichert, dass sie noch viel toller werden würde als Noah und ich zusammen, wenn sie erwachsen war.

»Sorg dafür, dass sie nicht zerdrückt wird«, raunte Noah Chad zu und nahm wieder meinen Arm, um in Richtung Eingang zu gehen.

»Hey, Bailey! Willow würde so viel besser zu Noah passen!«, rief es von irgendwoher, und ich musste mich beherrschen, nicht die Augen zu verdrehen.

»Jetzt weiß ich wieder, warum ich Katzen lieber mag als Menschen«, sagte ich, während Noah und ich gemeinsam den Rückzug in Richtung Kinoportal antraten.

Wir hatten die Tür auch schon fast erreicht, als es passierte.

»Bailey, schau mal, hier drüben, ein Geschenk für dich!«, tönte eine männliche Stimme zu uns. »Und davon hab ich noch viel mehr!«

Mein Kopf drehte sich wie von selbst in die Richtung, während mein Hirn schon aufstöhnte: Nicht doch, Bailey. Anfängerfehler.

Ich konnte nicht sehen, wer gerufen hatte – aber ich sah sehr wohl das rote Ding, das frontal auf mich zuflog.

Und dann mitten in meinem Gesicht landete.

Nur eine Sekunde, aber ihr Blick spricht Bände. Sie hat mich erkannt. Und jetzt?

2.

»Was zur Hölle?«

Meine Hand schnellte instinktiv zu meiner Wange, die plötzlich brannte wie Feuer, und ich fühlte etwas Feuchtes unter meinen Fingern.

Ich hörte Noah neben mir nach Luft schnappen. »Hast du etwa den Blumenstrauß abbekommen?«

»Das war ein Blumenstrauß? Kein Nagelbrett?«

»Nur Rosen«, sagte Noah, und gemeinsam sahen wir nach unten auf den Teppich vor uns, wo der Strauß zum Liegen gekommen war.

Rosen? Jemand hatte mir Rosen an den Kopf geworfen? Ausgerechnet? Ein riesiger Strauß war das, zartrosa Blüten mit dunklem Rand – eigentlich ganz schön, aber seit mein Ex Max mir eine Zeit lang solche Sträuße zu jeder Tages- und Nachtzeit geschenkt hatte, war ich kein besonders großer Fan mehr von ihnen.

»Du … du blutest an der Wange«, flüsterte Noah alarmiert.

»Von Rosen erschlagen und aufgeschlitzt würde einen Toptitel für eine True-Crime-Podcastfolge abgeben«, murmelte ich.

»Wer war das, Bailey? Hast du die Person gesehen?«

Ich schüttelte den Kopf, fuhr mit dem Handrücken über das Rinnsal und versuchte, alles möglichst unauffällig wegzuwischen.

»Wenigstens passt das Blut farblich exakt zu meinem Kleid«, sagte ich und versuchte ein Lächeln, doch Noah reagierte nicht darauf.

»Schnell rein.«

Mit der Hand an meinem unteren Rücken schob er mich vorwärts und einen Moment später durch die geöffneten Glastüren in das weiträumige Foyer des Kinos. Wie so oft war hier alles eher mittelgeschmackvoll gestaltet, mit viel zu viel Plüsch und Messing, aber das gehörte zu Kinos wohl einfach dazu. Schön angezogene Menschen standen in kleinen Grüppchen herum, plauderten und nippten an ihrem Champagner.

»Soll ich dich zum Waschraum bringen?«, fragte Noah.

»Und da sagen die Leute, du hättest mit Bad-Boy-Cyril aus der Serie so viel gemeinsam«, erwiderte ich leise. »Dabei bist du in echt genau das Gegenteil.«

Zusammen gingen wir zu den Treppen, die ins Untergeschoss führten, doch kurz vorher hielt uns eine Stimme auf, die ich leider nur allzu gut kannte.

»Oh, Bailey, was ist denn mit dir passiert? Du siehst ja entsetzlich aus!«

Natürlich war es Willow, unsere Serienpartnerin, die sich aus einer Gruppe rund um unseren Produzenten Taylor löste. Der Abend wurde tatsächlich immer besser. Willow spielte Noahs Love Interest in Rising Star, und wie in der Serie riss sie ihre schönen Augen auf und hob theatralisch die Hand in Richtung meiner Wange, zuckte dann allerdings zurück.

»Ent-setz-lich«, hauchte sie noch einmal, als ob ich die Pest hätte oder so.

»Ich komme gerade vom Schlammcatchen«, sagte ich nur.

»Du solltest mal die andere sehen«, ergänzte Noah, und Willow lachte glockenhell und komplett aufgesetzt.

»Ihr beide … ehrlich? Okay, dann noch … viel … Spaß?«

Warum musste sie solche Sätze eigentlich immer wie eine Frage klingen lassen? Ich konnte das echt nicht leiden.

Willow dampfte ab, und Noah wandte sich zu mir um, wobei er sich komplett vor mich schob, um mich vor weiteren potenziellen Störenfrieden abzuschirmen.

»Ist wirklich alles in Ordnung? Soll ich lieber Penny holen?«

Penny war unsere neue Managerin, ein echter Schatz, die uns nicht nur das Gefühl vermittelte, dass sie die Dinge für uns regelte. Sie tat es auch.

»Es ist nur ein Kratzer, es geht schon. Ich frische schnell mein Make-up auf, ja? Bin gleich wieder da.«

Ich schlüpfte unter seinem Arm hindurch und lief die Treppe hinunter in Richtung Toiletten. Ich wollte dem Vorfall keinen großen Raum einräumen, so was passierte eben manchmal. Oder?

Wenigstens war hier unten im Gegensatz zum Foyer nichts los. Der Waschraum der Damen war außerdem erstaunlich modern und zum Glück leer.

Für einen Moment stützte ich die Hände auf eines der Waschbecken und starrte mich im Spiegel an. Die Dornen hatten drei tiefe Kratzer auf meiner linken Wange hinterlassen, ich sah aus, als ob ich Streit mit einer Katze gehabt und verloren hätte. Ich seufzte und befeuchtete ein Papierhandtuch, doch ich musste die Zähne zusammenbeißen, als ich mir die Blutspuren aus dem Gesicht wusch, so sehr brannten die Wunden. Mist!

Dann zog ich mein Make-up aus meiner Handtasche und versuchte, so gut es ging, mein Gesicht wiederherzustellen. Wir mussten in den folgenden Stunden noch jede Menge Pressefotos und Selfies mit geladenen Gästen machen, deswegen wollte ich einigermaßen repräsentabel aussehen. Aber ich würde mich sicherheitshalber rechts von Noah hinstellen und mich mit der zerschrammten Wange schüchtern an seine starke Schulter schmiegen. Was man halt immer noch von süßen Filmsternchen, vorwiegend weiblich, erwartete. Vielleicht könnte ich zur Ablenkung im Kopf ein paar Matherätsel lösen.

Ich ließ mir Zeit, denn nach der kurzen Begegnung mit Willow war ich nicht besonders scharf auf Small Talk mit den Leuten da oben, und Noah kam bei solchen Gelegenheiten immer sehr gut allein klar, niemand traute sich, ihn von der Seite anzuquatschen. Ich schnupperte ein bisschen an den bereitgestellten Parfüms am Schminktisch (Rosenduft, echt jetzt?) und probierte die Handcreme aus. Schließlich konnte ich es nicht länger herauszögern und trat aus der Tür, genau in dem Moment, als eine dunkel gekleidete, groß gewachsene Person auf die gegenüberliegende Männertoilette zulief. Sie warf mir einen flüchtigen Blick zu und verschwand hinter der Tür.

Ich blieb wie angewurzelt stehen.

War das nicht …

»Jackson?«

Der Name war automatisch aus meinem Mund geschlüpft, obwohl ich nur einen flüchtigen Blick auf sein Gesicht und seine Gestalt erhascht hatte. Aber die Farbe seiner Augen war mir seit unserer ersten Begegnung vor ein paar Wochen in Junos nicht aus dem Kopf gegangen, weil sie so ungewöhnlich war – Tiefblau, irgendwo zwischen Kornblumen und dem Ozean vor Junos.

Erst hatte er Noah und mir mit ein paar anderen Leuten geholfen, unsere damalige Managerin Cindy loszuwerden, und dann wollte ich ihn noch für meinen Podcast True Magic interviewen. Beim Wollen war es allerdings geblieben, denn Jackson weigerte sich, ohne Honorar auch nur einen Ton zu sagen, sodass ich das Ganze abgebrochen hatte. Seinen Ausdruck dabei konnte ich bis heute nicht vergessen. Er hatte mich an diesem Tag komplett an Cyclops aus X-Men erinnert, sein stechender Blick war mir noch tagelang in meinen Träumen gefolgt.

Das war er eben gewesen, ich war mir sicher!

Ich trat noch einen Schritt vor, aber die Tür zum Männerwaschraum war längst wieder geschlossen. Was machte er hier, ausgerechnet? Wusste Noah davon?

Ich fand meinen Fake-Boyfriend im Foyer, wo er mit unserer neuen Managerin sprach und konzentriert ein Schnittchen nach dem anderen in seinem Mund verschwinden ließ.

Ich zupfte ihn am Ärmel, und er wandte sich mir zu.

»Ich hab eben Jackson gesehen«, raunte ich.

»Jackson?«

»Der aus Junos, Mos Bruder. Du weißt schon.«

Noah wischte sich mit einer Serviette über den Mund und schüttelte dann den Kopf. »Nein, das kann nicht sein, Anouk und ich haben gestern erst seine Story auf Social Media geliked, der ist gerade irgendwo in Südamerika. War es Peru? Oder wo leben die Alpakas?«

Zum Beweis holte er sein Smartphone aus der Tasche und hielt es mir nach kurzem Scrollen unter die Nase. »Mist, die Story ist schon weg, aber schau mal das Video hier, das ist von heute. Das ist sein Kumpel Parker, mit dem er immer in der Weltgeschichte herumreist.«

Ich starrte auf das Video, wo eine steinige Hochebene zu sehen war, auf der ein junger Typ einem zähnefletschenden Tier gegenüberstand. Im Hintergrund hingen bunte Webdecken über einem altersschwachen Zaun. »Jackson, hör auf zu filmen und komm rüber, ich glaub, das Lama mag mich!«, rief der Typ der filmenden Person zu.

Noah steckte das Handy weg. »Jackson ist unterwegs, vermutlich den ganzen Rest des Jahres. Er kommt wirklich nur sehr selten zurück nach Kalifornien.«

Dabei war ich mir eben so sicher gewesen!

»Könntest du nicht trotzdem schnell nachsehen?«

Noah schaute kurz zur Treppe, dann zu mir. »Kann ich machen – aber warum ist dir das so wichtig?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.«

Und ich wusste es tatsächlich nicht, schließlich hatte ich Jackson durchaus deutlich meine Meinung gesagt. Dennoch …

Noah fragte nicht weiter nach und ging nach unten. Ein paar Minuten später war er allerdings schon wieder da und zuckte nur mit den Schultern.

»Unten ist niemand, der Waschraum ist komplett leer.«

»Hm.«

»Abgesehen davon, glaubst du wirklich, dass Jackson zur Premiere eines Films mit dem Titel: Journey of Love – Unter dem Dach der Verliebten geht?«

Vermutlich nicht. Ich hatte mich wohl getäuscht.

Gemeinsam machten wir uns auf den Weg in Richtung Vorführungssaal, wo uns Gisele, eine der zahlreichen Presseleute, begegnete.

Als sie mich genauer musterte, zog sie eine Augenbraue nach oben.

»Wolltest du deine Wange tätowieren, Honey?«

Ich nickte betont fröhlich. »Ja, mit Noahs Initialen. Wegen der Journey of Love und so.«

»Solange die Reise bis an euer Lebensende geht, hast du meinen Segen«, konterte Gisele, und wir mussten lachen.

Ich mochte Gisele, im Gegensatz zu vielen ihrer Kolleginnen war sie lustig und schlagfertig, aber ich zweifelte keine Sekunde daran, dass sie Noah und mich den Wölfen vorwerfen würde, wenn sie auch nur ansatzweise ahnte, dass wir unsere Beziehung in der Öffentlichkeit vortäuschten.

Doch heute würde sie uns nicht auf die Schliche kommen, denn schon erklang der Gong, der alle Zuschauenden ins Kino rief.

»Bereit für die Reise?«, fragte Noah und drückte meine Hand.

»Bereit«, sagte ich. »Solange ich in einem dunklen Kino sitzen darf, wo mich niemand auf meine rosentätowierte Wange anspricht, nehme ich gerne eine kitschige Schnulze in Kauf.«

Ich folgte Noah in den abgedunkelten Raum und ließ mich erleichtert auf meinen Sitz sinken. Die Menge klatschte und johlte, als der Regisseur vor dem Vorhang erschien, um ein paar Worte zu sagen, doch ich ertappte mich dabei, mich ständig umzusehen.

Nach einer großen Gestalt mit strahlend blauen Augen.

Noch eine Karte. Wo kommt die denn jetzt her?

Öffne dein Herz, Jackson. Such dein Glück.

Und was genau soll das bitte schön bedeuten?

Was sollen diese Postkarten? Wer erlaubt sich da einen Scherz mit mir? Ich hab genug am Hals.

3.

»Ich will auch mal eine geheimnisvolle Junos-Postkarte bekommen!«, sagte ich, vergrub meine nackten Zehen im Sand, der immer noch warm vom Tag war, und sah hinaus auf den silbern schimmernden Ozean, über dem gerade ein paar vereinzelte Sterne erschienen. »Eine Karte, die wie bei euch Glück und Liebe und Romantik bis ans Lebensende verspricht.« Ich seufzte. »Am allerliebsten hier.«

Anouk lachte und kuschelte sich auf der Decke näher an Noah, der den Arm um sie gelegt hatte. Es war beinahe windstill, selten für Junos, die Wellen rollten kaum hörbar an den Strand.

»Aber Liebe und Romantik haben die Postkarten mir eigentlich nicht versprochen«, widersprach sie nachdenklich.

Und das stimmte, zumindest was den Wortlaut anging. Aber trotzdem hatten diese Postkarten für Anouk und Noah etwas ausgelöst, was ironischerweise fast als kitschige Hollywood-Liebesgeschichte durchgehen konnte.

Nach dem Stress der letzten Wochen mit unzähligen Presseterminen, den Drehs, den Events und dem ständigen öffentlichen Faken einer Liebesbeziehung hatten wir das Labor-Day-Wochenende genutzt und waren gemeinsam hergekommen. Hier hatten wir endlich Pause, und zwar von allem. Wir, das waren Noah und Anouk, Noahs bester Freund Will, der Tontechniker am Rising Star-Set war und den ich auch sehr mochte, und natürlich Joshua, der uns auf der Fahrt hierher als DJ beglückt hatte.

Ich ließ meinen Blick die dämmrige Bucht von Junos entlangschweifen. Wir saßen am Strand vor der Bar, Mo hatte ein Lagerfeuer entzündet und Fackeln aufgestellt, und ich hätte weinen können vor Freude. Und wunderte mich einmal mehr, dass dieser winzige Ort an der Küste sich viel mehr nach Heimat anfühlte als alle meine bisherigen Wohnorte zusammen. Auf Junos passte der Titel meines Podcasts True Magic einfach perfekt.

»Vielleicht bekommst du ja auch mal eine Postkarte«, sagte Anouk und stützte sich auf ihre Ellbogen. »Wenn du lange genug in Junos bist.«

»Wenn es nur das ist: Ich muss nicht mehr weg. Ich liebe es hier. Sehr viel mehr als meinen Job gerade.«

Noah seufzte. »Ich wünschte, die zweite Staffel wäre endlich abgedreht und wir hätten unsere Ruhe.«

»Keine Besserung in Sachen Rising Star in Sicht?«, fragte Mo. Ihm gehörte die Bar, aber er saß heute bei uns, im Kreis seiner Freunde. Zoey schmiss den Laden in der Zwischenzeit für ihn und hatte uns auch mit Getränken versorgt. Sie war die Tochter von Otis und Inèz und eine der wenigen, die hier in Junos aufgewachsen war.

»Nein, Rising Star wird nicht besser. Im Gegenteil. Serien-Cyril entwickelt sich immer mehr in Richtung Frankensteins Monster«, antwortete Noah düster.

»Ach, komm schon, ich gebe mein Bestes, das zu verhindern. Erinnere dich an die Szene, in der ich dir dabei helfen sollte, krankenhauseigene Drogen zu stehlen. Ich fand es ganz kreativ, dass ich dich in die Kaffeeküche geführt habe.«

Noah lächelte mich an, und ich wusste genau, dass er das Gleiche dachte wie ich: Eher friert die Hölle zu, als dass unser Produzent Taylor oder Serien-Cyril noch mal mehr als fünf Gehirnzellen zur Schau stellen.

Aber tatsächlich wollte ich jetzt nicht an Rising Star denken. Der Abend war zu schön, und ich würde alles ignorieren, was mir schlechte Laune machte, solange ich hier war.

Mein Smartphone summte, und ich warf einen Blick aufs Display.

Lust auf Hiking dieses Wochenende? Meine müden Knochen brauchen dringend Bewegung.

Ich antwortete mit einem Smiley.

Geht leider nicht, bin nicht in der Stadt. Vielleicht nächste Woche?

»Alles okay mit Maxilein?«, erkundigte sich Josh, der sich wie selbstverständlich über mein Handy gebeugt hatte und unverfroren mitlas.

»Josh – schon mal was von Privatsphäre gehört?«

»Ihr alle braucht mich für die Einordnung eurer Gefühle. Glaubt mir.«

Anouk setzte sich auf. »Josh!«, sagte sie warnend.

Ich seufzte. »Er hat nicht ganz unrecht. Ich wünschte, Max würde endlich wieder eine Beziehung finden oder wenigstens mehr Freunde. Immer hab ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich ihn hängen lasse.«

Max war mein Highschoolsweetheart gewesen, aber vor etwa einem Jahr hatte ich mich in der Beziehung mit ihm nicht mehr wohlgefühlt. Ich wusste, er war nicht meine große Liebe, und es wäre unfair gewesen, wenn ich nicht Konsequenzen daraus gezogen hätte. Ihm gegenüber, aber auch mir gegenüber.

»Ja, leidtun kann er einem schon«, mischte sich Josh trotz Anouks Warnung ein. »Immerhin hat er seine Freundin mit der perfektesten Nase der Welt verloren. Wie soll man mit so etwas umgehen?« Er kicherte, und alle anderen fielen mit ein.

»Wann werdet ihr endlich aufhören, über meine Nase zu sprechen?«

»Nie, solange sie so schön klein und gerade und perfekt ist«, konterte Anouk.

Es hatte eine Zeit gegeben, als Anouk tatsächlich geglaubt hatte, dass Noahs und meine Fake-Liebe echt sei. Und in der Zeit hatte sie leider eine gewisse Eifersucht auf meine Nase entwickelt.

»Ich kann sie dir gerne brechen, wenn das weiterhilft«, sagte Will mit funkelnden Augen. »Komm einfach noch mal zu einem Training mit mir. Neulich hast du es ja schon fast selbst geschafft, als du beinahe in meinen Fauststoß gestolpert bist.«

»Ich bin nicht gestolpert, ich habe diese merkwürdigen Übungen mitgemacht, die du Training nennst, und auf einmal war da deine Faust.«

Will lächelte, was er viel zu selten tat. Hier in Junos kam er mir deutlich entspannter vor als in L.A. Vielleicht weil er nicht das Gefühl hatte, Noah ständig vor irgendjemandem beschützen zu müssen. Und weil der Ozean so beruhigend rauschte. Und der Sand diese sanfte Spätsommerwärme abgab.

Als ich wieder nach meinem Glas griff, lag da plötzlich eine beschriebene Serviette.

Genieß den Abend, Bailey. Und vergiss nicht, dein Leben zu tanzen!

»Okay, wer von euch war das?«, fragte ich, und Will stieß mir sanft den Ellbogen in die Seite.

»Du hast es dir doch so gewünscht.«

»Darf man sich hier in Junos einfach was wünschen, und es geschieht? Oh, dann weiß ich was«, sagte ich und klatschte begeistert in die Hände. »Okay, passt auf: Dann wünsche ich mir, dass unser Produzent endlich mal die Drehbuchautorinnen ihren Job machen lässt und nicht immer hineinfunkt, wenigstens nicht bei allen Szenen von Noah und mir. Und dann wünsche ich mir noch, dass Willow mich nicht mehr nervt. Und, ach ja: Ich wünsche mir auch noch eine Idee für ein Geburtstagsgeschenk für meine Mum, mir will partout nix einfallen, vor allem, weil sie immer sagt, dass sie schon alles hat.« Ich nahm noch einen Schluck von meinem Soda.

»So funktioniert das doch nicht«, sagte Josh, und ich hob gekonnt eine Augenbraue in die Höhe.

»Woher weißt du das denn?«

»Weil ich mich gut mit den Karten auskenne, schon vergessen?« Er zwinkerte in Richtung Anouk und Noah. Tatsächlich hatte Josh seine Finger bei ihrer Geschichte mit im Spiel gehabt, auch wenn er das gar nicht bewusst geplant hatte. »Wünsche gelten nicht«, behauptete er. »Man nimmt das, was man von Junos kriegt. Das Pendel kann mal in die eine wie auch in die andere Richtung schlagen. Wie beim Glücksspiel.«

»Ich mag aber kein Glücksspiel. Weil es da die Möglichkeit gibt, dass ich verliere. Und ich hasse es, zu verlieren.«

»Das stimmt«, sagten Noah, Anouk und Will wie aus einem Mund. Ich hatte neulich mit ihnen Spades gespielt, und das war leider etwas aus dem Ruder gelaufen. Erst hatte ich mir anhören müssen, dass ich eine schlechte Verliererin war. Und dann, als sich das Blatt gewendet hatte, eine noch schlechtere Gewinnerin.

»Ja, ja, so ist das tatsächlich in Junos«, mischte sich Devon ein, ein junger Typ, der das ganze Jahr in Junos wohnte. Er war aus der Bar nach draußen gekommen und hatte sich kurz zu uns ans Lagerfeuer gestellt, um zuzuhören. »Früher hab ich auch dauernd verloren. Aber das ist jetzt vorbei!«

Dann schlappte er ohne ein weiteres Wort über die Strandtreppe in Richtung Ortszentrum.

»Was ist denn mit Devon passiert?«, fragte ich in die Runde. Er war seit jeher in Camille verliebt, die den einzigen Laden in Junos besaß, aber diese Liebe war leider sehr einseitig.

Anouk zuckte mit der Schulter. »Keine Ahnung. Das letzte Mal, als ich ihn gesprochen hab, war er jedenfalls noch überzeugt davon, dass die Junos-Glücks-Unglücks-Waage in seinem Fall immer in Richtung Unglück ausschlägt.«

»Für mich gilt das auf jeden Fall nicht«, behauptete ich. »Das, was in L.A. so alles passiert, sollte der Unglücks-Waage ja wohl reichen. Ich meine, nach der Premiere neulich lautete die Schlagzeile: Bailey Harris – Sogar beim Schlammcatchen kann sie nicht punkten.«

»Das hattest du Willow zu verdanken.«

»Ich weiß, ich weiß. Vielleicht muss ich sie einfach mit Liebe überschütten, damit sie aufhört, gemein zu mir zu sein. Möglicherweise hatte sie eine wirklich schlimme Kindheit. Egal.« Ich sah Mo an. »Wie war das jetzt eigentlich? Tanzen wir nun mein Leben?«

Josh sprang lachend auf. »Endlich sagt jemand mal etwas Relevantes! Komm, Will, ich weiß, du zierst dich gerne, aber heute Abend bist du dran!«

 

Tatsächlich gab es kein Halten mehr, als Mo seine Junos-Playlist startete. Im Nullkommanichts waren die Plätze am Lagerfeuer leer, die freie Fläche vor der Bar stattdessen voll mit lieben Menschen, die sich den Alltag aus den Beinen tanzten und alle Lieblingssongs laut mitsangen. Zwischendurch fand ich noch einen Zettel in meiner Hosentasche:

Genieße den Augenblick, Bailey. Ach, und übrigens, deine Nase ist wirklich süß.

Obwohl ich sofort Josh als Kartenschreiber entlarvt hatte, beschloss ich, seinem Rat zu folgen.

Erst nach vielen Liedern und ersten Anzeichen von Heiserkeit vom Mitgrölen machte ich eine kleine Pause und gesellte mich zu Noah und Anouk an die Bar.

»Hey, Zoey, wie läuft’s denn mit der Jobsuche?«, fragte Anouk gerade, und Zoey verzog das Gesicht, sodass die vielen Sommersprossen auf ihrer Nase tanzten.

»Mittelprächtig«, sagte sie, während sie ein paar Gläser polierte. »Weil unser lieber Mo hier mir ausreden will, mehr Arbeit zu übernehmen und noch mehr zu helfen.« Sie seufzte. »Ich seh schon, ich werde niemals genug Geld haben, um von zu Hause wegzukommen und gleichzeitig in Junos zu bleiben. Es sei denn, ich ziehe in Alvaros Höhle.«

»Alvaro hat eine Höhle?«, fragte Will erstaunt.

Mo lachte. »Wir nennen die nur so. Sie liegt am südlichen Ende der Bucht bei den Klippen. Zoey und ich sind als Kinder dort oft klettern gegangen und haben uns ausgemalt, wie es wäre, dort einzuziehen. Alvaro ist immer fuchsteufelswild geworden, wenn er uns erwischt hat, genau wie Jackson. Bei Flut ist es dort nämlich total gefährlich.« Er nahm einen Schluck aus seiner Flasche und sah dann Zoey entschuldigend an. »Du weißt, wie es hier ab Herbst wird. Da ist in der Bar einfach nicht mehr so viel los, da brauch ich nicht noch jemanden zusätzlich.« Was er nicht sagte, war, dass er sich eine Angestellte über die ruhigen Monate nicht leisten konnte.

»Schließt du die Bar über den Winter?«, fragte ich, und Mo nickte.

»Ab etwa Ende Oktober. Dann kann ich mich ein bisschen um Renovierungen kümmern.«

»Was ist mit deinem Bruder? Jackson könnte dir doch auch helfen«, wandte Noah ein, doch Mo zuckte nur mit den Schultern.

»Ich hab ihn gefragt, aber er wird vermutlich den ganzen Winter unterwegs sein.«

Ich unterdrückte ein Schnauben. Seit der Kinopremiere neulich hatte ich nicht mehr an Jackson gedacht, jetzt allerdings war das Bild von ihm sofort wieder da. Das mit meinem Podcast war das eine gewesen, aber dass er Mo immer so hängen ließ? Er war das absolute Gegenteil von seinem sanftmütigen Bruder. Dass die beiden verwandt waren, wollte mir einfach nicht in den Kopf.

»Wo ist er denn gerade?«, fragte ich, obwohl ich die Antwort schon kannte. Irgendwo in Südamerika.

»Hier«, sagte plötzlich eine dunkle Stimme hinter mir, und ich erstarrte in meiner Bewegung.

Und dann steht sie einfach da, in der Bar, bei den anderen. Als ob sie mich verfolgen würde.

4.

Die Stimme kannte ich doch! Dieser samtige Unterton, der so schnell in Zynismus abdriftete …

Ich wandte mich um und sah mich Auge in Auge mit dem Typen, den ich wirklich gar nicht leiden konnte. Mein Nacken fing sofort an zu kribbeln, als ob mein Körper schon genau wüsste, dass ich mich bestimmt gleich wieder aufregen musste. Über unangebrachte Kommentare von ihm.

Die anderen schienen allerdings meine Aversion nicht zu teilen, vor allem nicht Mo, aber der war ja auch der liebste Mensch der Welt und außerdem sein Bruder.

»Jackson? Das ist ja eine Überraschung!«, sagte er und kam freudig um die Bar herum, um seinen älteren Bruder mit einer Umarmung zu begrüßen, die der etwas steif erwiderte.

Jackson wirkte in dieser fröhlichen Bar wie ein Fremdkörper. Von Kopf bis Fuß dunkel gekleidet, einen riesigen Rucksack auf dem Rücken und mit ganz offensichtlich schlechter Laune. Nur die Augen waren so rein und blau, wie ich sie in Erinnerung hatte. Und genau so, wie ich sie vor den Waschräumen bei der Filmpremiere gesehen hatte.

Ich war mir so sicher. Fast hundertprozentig. Na gut, dreiundneunzig Prozent, weil ich tatsächlich einmal auch Matt Bomer und Henry Cavill verwechselt hatte, aber das konnte nun wirklich jedem passieren.

Auch die anderen begrüßten Jackson wie einen verlorenen Sohn, und für die Junos-Clique hatte er zumindest hier und da die Andeutung eines Lächelns auf den Lippen. Für mich nicht. Aber das hatte ich auch nicht erwartet nach unserem letzten Treffen. Also tat ich das einzig Richtige: Ich ignorierte ihn genau so, wie er mich ignorierte, und gesellte mich wieder zu Josh auf die Tanzfläche.

 

Als ich mir eine Stunde später etwas zu trinken holen wollte, stand Jackson immer noch an der Bar. Für einen kurzen Moment überlegte ich, auf mein Getränk zu verzichten, aber die Zunge klebte mir am Gaumen. Abgesehen davon hatte er mich kommen sehen. Er starrte mich sogar förmlich an, als ob ich eine von diesen ekligen japanischen Riesenseespinnen wäre, die ich einmal in einem Museum gesehen hatte – und die mir nächtelang Albträume beschert hatten.

»Wie lange wirst du es diesmal in unserer Nähe aushalten? Wo wir doch eigentlich alle unter deiner Würde sind?«, fragte ich zuckersüß, doch er antwortete nicht sofort. Stattdessen nahm er erst seine Bierflasche und trank einen Schluck.

»Weiß ich noch nicht genau. In Kanada fängt bald die Heli-Skiing-Saison an«, sagte er langsam.

Heli-Skiing. Das musste ein Vermögen kosten. Ich sah mich in der schäbigen Bar um und musste daran denken, was Mo erzählt hatte: dass er über den Winter seine wenigen Ersparnisse in die Renovierung von Mo’s stecken wollte. Die Strandbar war das Vermächtnis seines verstorbenen Vaters. Ihres gemeinsamen Vaters, besser gesagt.

»Du bleibst also nicht, um Mo zu helfen?«

Jackson fixierte mich mit seinen stahlblauen Augen. »Nein. Der kommt gut ohne mich klar.«

Dessen war ich mir nicht so sicher. Aber andererseits war Mo alt genug, um sich mit seinem Bruder auseinanderzusetzen.

Jackson wandte sich ab und fing an, auf seinem Smartphone zu scrollen, vermutlich in der Hoffnung, dass ich das Interesse verlieren und ihn in Ruhe lassen würde. Und das hätte ich auch liebend gern gemacht, wenn mich nicht noch eine Sache brennend interessiert hätte.

»Warst du eigentlich vorletzte Woche in L.A.?«

Er sah auf und runzelte die Stirn. »Was geht dich das an?«

»Weil ich dachte, dass ich dich gesehen hätte.«

»Ich war in Südamerika.«

Sein Blick war felsenfest.

Meiner aber auch.

»Glaub ich nicht. Ich bin mir nämlich sehr sicher, dass du es warst. Im Prince, im Männerwaschraum im Untergeschoss.«

»Wo du auch warst?«

Ich ließ diese Frechheit unkommentiert.

»Vielleicht frag ich einfach Mo, der weiß ja hoffentlich, wo du wirklich gewesen bist.«

»Vielleicht hältst du dich einfach aus Sachen raus, die dich nichts angehen.«

»Also gibst du zu, dass du da gewesen bist?«

»Ich gebe gar nichts zu.«

»Hm-hm«, machte ich und zog eine Augenbraue hoch, was immer super wirkte, wenn ich Leute so richtig anpissen wollte.

Es funktionierte.

Er wandte den Blick ab, nahm noch einen Schluck und knallte dann seine Flasche mit solcher Wucht auf den Tresen, dass ein bisschen Bier rausschwappte.

»Na dann, schönen Abend noch«, sagte ich und winkte, ehe ich zu den anderen zurückging, die sich wieder draußen ums Lagerfeuer versammelt hatten. Es war spät geworden, deutlich nach Mitternacht, doch wir alle wollten noch nicht ins Bett gehen.

Viel zu schön war es hier. Mit dem Rauschen des Ozeans im Hintergrund und der salzigen Luft in der Nase war ich so weit weg von meinem normalen Leben, dass ich gar nicht glauben konnte, dass es L.A. oder gemeine Produzenten oder missgünstige Kolleginnen überhaupt gab.

Anouk und Noah hielten sich an den Händen und blickten aufs Wasser, Josh und Will stritten sich mal wieder leise – über was, konnte ich nicht verstehen, aber ich hatte die Vermutung, dass sie das selbst manchmal nicht so genau wussten. Oder dass das einfach ihr Weg war zu kommunizieren. Ich musste lächeln bei dem Gedanken, was laut Noah Camille einmal über die beiden gesagt hatte: Die beiden wüssten es noch nicht, aber sie hätten ihre ganz eigene Quest. Da konnte etwas Wahres dran sein.

Ich trat zu ihnen, setzte mich auf die Decke, und ungewollt wanderten meine Gedanken ein letztes Mal zurück zu Jackson. Nicht auszudenken, wenn meine Podcastaufnahme mit ihm damals wirklich geklappt hätte. Vermutlich wäre es dann True Crime statt True Magic geworden, weil wir uns gegenseitig an die Gurgel gegangen wären.

Ich mag Menschen, die wissen, was sie wollen. Und Bailey weiß sehr genau, was sie will. Und ich? Ich ahne leider jetzt schon, was ich will.

5.

Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn und schaute mich um. Die Sonne knallte erbarmungslos vom Himmel, dabei war es nicht mal neun Uhr. Wo genau war ich hier eigentlich gelandet? Von Anouks Haus aus gesehen war es mir wie eine ganz hervorragende Idee erschienen, morgens hier oberhalb der Bucht allein ein bisschen hiken zu gehen, jetzt leider gar nicht mehr. Zugegeben, mein Orientierungssinn war nicht besonders ausgeprägt, normalerweise kümmerte sich Max, mit dem ich trotz unserer Trennung ab und zu wandern ging, um die Route – aber das hier war demütigend. Ich war noch nicht mal eine halbe Stunde unterwegs, schon steckte ich mitten im Nirgendwo fest, irgendwo zwischen Dornensträuchern und halb vertrockneten Kiefern.

Wie so oft gab es in Junos keine Internetverbindung, meine Karten-App konnte ich zwar dank GPS nutzen, aber auch da war ich nur ein kleiner blauer Fleck, der sich auf hellbraunem Hintergrund bewegte. Oder eben nicht bewegte, wie jetzt gerade.

Dabei hatte ich doch einfach nur Natur tanken wollen. In ein paar Stunden mussten wir uns wieder auf den Weg nach L.A. machen, aber wenn ich mich weiter hier verlief, würde ich vermutlich heute Abend irgendwo in den Hills hinter dem Hollywood-Zeichen rauskommen. Wenigstens kannte ich mich ab da wieder aus.

Mein extrafrühes Aufstehen war außerdem der Versuch gewesen, noch ein paar Stunden länger dieses Junos-Feeling aufzusaugen, zumal ich heute Morgen noch eine krakelige handgeschriebene Junos-Postkarte in meiner Tasche gefunden hatte:

Die besten Geschenke sind oft nicht die, die man erwartet. Versuch es doch mal mit einem neuen Lockenstab für deine Mutter, die gibt es gerade im Laden in Junos günstig zu kaufen. Das oder diese süßen Aufkleber für die Fingernägel.

Ich tippte darauf, dass die von Camille kam, die natürlich von meinen Wünschen erfahren hatte. Ich musste sie nachher auf jeden Fall noch mal in ihrem Laden besuchen, ehe wir fuhren. Vorausgesetzt, ich fand wirklich wieder zurück in den Ort.

Ich zog die Riemen meines Rucksacks fester und sah den Hügel vor mir hinauf. Ich vermutete, dass ich fast oben am Peak war, von dem aus man laut Anouk den schönsten Ausblick auf die malerischen Häuser des Ortes vor dem Meereshintergrund hatte, doch vor mir erhoben sich nur schroffe Felsen, in deren Spalten es verdächtig knisterte und raschelte – hoffentlich waren das niedliche Eidechsen und süße Geckos. Und von weiter unten hatte es vorhin so ausgesehen, als ob der schmale Trampelpfad exakt hier verliefe, aber jetzt stand ich da ohne auch nur den Hauch eines Weges.

Ich versuchte in Gedanken, die Streckenlänge zu überschlagen, die ich gegangen war. Wenn ich aus dem optimalen Weg nach oben und der zurückgelegten Strecke ein Dreieck bildete und die fehlende Länge ermittelte, müsste ich eigentlich ausrechnen können, wie lange ich noch –

Schräg links vor mir raschelte und krachte es im Unterholz, und zwar richtig laut. Wenn das eine Eidechse war, dann musste sie mindestens hundert Pfund wiegen.

Entsprechend rasant schoss mein Puls in die Höhe.

Ruhig bleiben, Bailey.

Leider ploppte in meinem Kopf sofort mein Gespräch gestern mit Anouk auf, ob es in der Gegend um Junos sicher sei. Es gibt vielleicht ein paar Schwarzbären, aber die sind scheu, hatte sie erklärt. Und Berglöwen. Die sind nicht so scheu, aber denen muss man nur ganz fest in die Augen schauen und sich groß machen, als ob man selbst ein großes, gefährliches Wildtier wäre, hatte sie noch hinzugefügt. Und dann langsam rückwärtsgehen, niemals den Rücken zudrehen. Dann sollte das funktionieren.

Sollte.

Rückwärts war ich allein aus Reflex schon ein paar Schritte gegangen, bis ich mit den Füßen gegen einen größeren Felsen stieß. Groß machen, hieß es, und kurzerhand kletterte ich auf den Stein, denn ich war alles, aber nicht groß und sah noch weniger gefährlich aus. Am besten sollte ich mir wirklich von Will die Nase brechen lassen, vielleicht war das mein fehlendes Attribut.

Wieder raschelte und knackte es, und ich starrte mit so weit aufgerissenen Augen auf die Stelle, bis meine Augen anfingen zu tränen. Mittlerweile spürte ich meinen Herzschlag im ganzen Körper, ich schwitzte an allen möglichen und unmöglichen Stellen und wünschte gerade wirklich, wirklich, unten am Strand geblieben zu sein.

Ein Vogel flatterte auf und flog hektisch davon, doch der Rest des Waldes lag still da. Viel zu still, oder? Hatten nicht eben noch andere Vögel gezwitschert? Was war mit den Geckos oder Mäusen, den Streifenhörnchen? Die waren doch sonst überall.

Ich wagte kurz zu blinzeln. Okay, da war nichts. Noch einmal.

Und genau in der Sekunde, als ich meine Augen kurz schließen wollte, weil sie schon so brannten, passierte es.

Das Geräusch von zersplitterndem Holz erfüllte die Luft um mich herum, die Zweige der nahen Kiefern und Thymianbüsche wackelten, und dann – brach etwas aus dem Dickicht. Ganz klar etwas mit viel Masse.

Meine Sicht verschwamm, aber alles, was ich denken konnte, war:

Definitiv nicht groß genug. Du bist definitiv nicht groß genug, Bailey.