3,99 €
Ein philosophisches Märchen über ein verlorenes Mädchen und Friedrich Nietzsche. Bei diesem Werk handelt es sich um eine künstlerische Studie zur Erfahrung der Philosophie von Friedrich Nietzsche. Dabei wurde auf literarischem Weg versucht, mit Ideen, biographischen Anspielungen und Interpretationen sein Denken und Wirken zu veranschaulichen, in Form von verschiedenen Charakteren lebendig zu machen und sich mit ihnen symbolisch auseinanderzusetzen. Ursprünglich war eigentlich geplant, eine akademische Hausarbeit zu diesem Thema zu verfassen, doch nach einiger Zeit bemerkte der Autor, dass es unmöglich ist, Nietzsches Philosophie zu reflektieren, ohne mit dem Dichten zu beginnen. Für die Leser sei noch erwähnt, dass keinerlei Kenntnisse über Nietzsche vorausgesetzt werden, auch wenn diese sicherlich interessante Wegbegleiter auf "Lucys Reise" sein könnten.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2020
Ein philosophisches Märchen über ein
verlorenes Mädchen und
Friedrich Nietzsche.
Für Rike.
Bei diesem Werk handelt es sich um eine künstlerische Studie zur Erfahrung der Philosophie von Friedrich Nietzsche. Dabei wurde auf literarischem Weg versucht, mit Ideen, biographischen Anspielungen und Interpretationen sein Denken und Wirken zu veranschaulichen, in Form von verschiedenen Charakteren lebendig zu machen und sich mit ihnen symbolisch auseinanderzusetzen.
Das Märchen umfasst dabei weder eine einfache Beschreibung, noch eine Lobpreisung seines Denkens. Es ist nach heutigem Forschungsstand unbestritten, dass Nietzsches Weltanschauung zu Zeiten des zweiten Weltkrieges keine geringe Rolle in der Verbreitung von sozialdarwinistischen Ideologien spielte. Dennoch, oder vielleicht genau aus diesem Grund, besteht in der Auseinandersetzung mit dieser Thematik auch noch im Jahr 2020 eine außerordentliche Dringlichkeit, um den Schrecken zu Beginn des 20. Jahrhunderts näher zu begreifen.
Ursprünglich war eigentlich geplant, eine akademische Hausarbeit zu diesem Thema zu verfassen, doch nach einiger Zeit fiel mir auf, dass es unmöglich ist, Nietzsches Philosophie zu reflektieren, ohne mit dem Dichten zu beginnen.
Die Eule
Der Reisende
Die Mediziner
Der Farbensammler
Der Weinhändler
Der erste Mensch
Die drei Angler
Der Dichter
Nachwort des Dichters
I
Als das Mädchen erwachte, fand sie sich auf einem kleinen Hügel mitten in der Natur wieder. Die Sonne brannte auf ihren nackten Körper. Sie spürte einen stechenden Schmerz in ihrem Rücken und Beinen. Neben ihr lag ein kleiner Rucksack.
„Warum bin ich bitte nackt?“, murmelte sie grimmig. „Sieht ganz danach aus, als wäre ich wie ein Engel vom Himmel gefallen. Wie großartig.“
Ein schmerzerfülltes Grinsen zierte ihre Lippen, während sie sich aufraffte. Sie erblickte das verschwommene Bild einer wunderschönen Landschaft, die sich über ihr ganzes Sichtfeld erstreckte. Vor ihr lag eine gigantische Wiese mit tausenden Blumen in allen Formen und Farben, welche sich im Wind bewegten, um so ihre Pollen in die weite Welt hinaus zu pusten. Die verschiedensten Insektenarten schwirrten zwischen den Blumen umher, doch erst beim genaueren Hinsehen erkannte das Mädchen, wie die Bienen unter ihnen systematisch ihren Nektar sammelten, um ihn anschließend in die Welt hinaus zu tragen. Jede Biene schien exakt für eine Blume verantwortlich zu sein. Am Horizont, hinter dem Wald, war ganz verschwommen ein Gebirge zu erkennen, welches sich in jede Himmelsrichtung ausstreckte und für das Mädchen wie eine Mauer wirkte.
„Vor was man sich an einem solchen Ort wohl schützen muss?“, dachte sie sich und grinste erneut.
Sie schreckte jedoch zurück, als plötzlich ein Schatten über ihrem Kopf hinweg flog. Die grelle Sonne schmerzte in ihren Augen, als sie hastig in den Himmel blickte, um zu sehen, wer oder was so bedrohlich um sie herum flog. Sie fühlte sich wie eine Art Beute, welche jederzeit von einem Raubtier verschlungen werden könnte.
Es war ein Vogel, der langsam auf sie zuflog. Nach einiger Zeit erkannte sie, dass es sich ohne Zweifel um eine Eule handeln musste. Der mit schwarzen Federn bekleidete Raubvogel sah mit rot leuchtenden Augen auf das nackte Mädchen herunter, welches zusammengekauert auf der Spitze des Hügels lag.
Langsam landete die Eule neben ihr und bohrte ihre Krallen in das Gras.
„Das Vieh muss locker 5 Meter groß sein!“, dachte das Mädchen, immer noch vor Schmerz und Angst gelähmt.
Die Eule drehte langsam ihren Kopf zu ihr herunter. Sie öffnete ihren Schnabel und begann zu sprechen:
„OH, da ist ja meine junge Lucy! Jetzt sehe ich erst, dass du dir weh getan hast! Wenn ich nur gewusst hätte, dass du so wenig aushältst. Vielleicht war es auch ein wenig tollpatschig von mir, dich aus drei Metern auf diesen Hügel fallen zu lassen, aber streng genommen bist du sowieso selbst schuld, also fang erst gar nicht an, mir Vorwürfe zu machen!“
Verwundert betrachtete Lucy den massiven Körper der Eule. Ihre Stimme war viel zu hoch für ihre Größe, aber dennoch sprach sie im sanften Ton zu ihr. Auch dass sie überhaupt sprechen konnte erschien Lucy seltsam, aber aufgrund ihres sarkastischen Untertons wollte sie es erst mal dabei belassen. Ihre Angst legte sich ein wenig; ihre Neugier wurde geweckt: „Also hast du mich an diesen Ort gebracht?“, fragte sie mit so ruhiger Stimme wie möglich, auch wenn sie sich ein leichtes Zittern nicht verkneifen konnte. Die Eule nickte zustimmend. Ihre Augen hatten ihre bedrohliche Aura verloren, es wirkte fast schon so, als habe sie ein wenig Mitleid mit ihr.
„Darf ich fragen, wer du bist? Wieso hast du mich hierher gebracht? Welchen Tag haben wir?...“ Lucy schüttelte ihren Kopf und schaute auf den Boden, dann auf die Wiese, auf die Bäume, auf die Berge, auf die Eule und wieder auf den Boden. „Wo bin ich überhaupt? Von wo komme ich?“ Erst in diesem Moment fiel ihr auf, dass sie kaum Erinnerungen in sich trug. „Und die beinahe wichtigste Frage: Wieso bin ich nackt?“
„Nicht so hastig, leider ergeben deine Fragen nicht sonderlich viel Sinn: Die Zeit spielt in dieser Welt nach anderen Regeln. Aber falls es dich beruhigt, kann ich dir versprechen, dass du deine Kleidung noch früh genug finden wirst“, antwortete die Eule belustigt, „und was dein Gedächtnis angeht; das wird sich schon wieder erholen. Vielleicht nicht vollständig, aber dafür bist du ja auch überhaupt nicht hier.“
Sie putzte sich mit ihrem Schnabel die schwarzen Federn auf ihren Flügeln und es hörte sich an, als würden Säbel übereinander rasseln.
„Und wofür bin ich nun hier?“, fragte Lucy ein wenig verwirrt.
Die Eule blickte ihr ins Gesicht und zwinkerte, während sie sprach: „So viele Fragen hat die junge Dame. Dabei hat sie wohl noch nicht gelernt, die richtigen Fragen zu stellen. Die wichtigen Fragen zu stellen. Ich verspreche dir, wenn du bereit bist, dich vor das wichtigste Rätsel zu stellen, so erhältst du auch im selben Atemzug alle Antworten auf all deine Fragen.“
„Und was ist das wichtigste Rätsel?“, fragte Lucy.
„Die wichtigste Frage!“, sagte die Eule und stieß ein leises Kichern aus.
Lucy kniff die Augen zusammen: „Hast du Spaß daran, mich mit deinem verwirrenden Gezwitscher zu ärgern? Findest du es etwa witzig, ein junges Mädchen nackt in eine Welt hinein zu werfen, in der sie nicht groß geworden und ihr vollkommen unbekannt ist? Ist das so etwas wie ein Spiel für dich?“
„Schon wieder so viele Fragen. Du bist völlig ängstlich und blind in dieser Welt und trotzdem suchst du nach so vielen Dingen. Wahrscheinlich wüsstest du nicht einmal, was du mit einem dieser Dinge wirklich anfangen solltest, wenn du sie erst einmal gefunden hättest. Ausnahmsweise möchte ich dir eine Frage stellen, sonst säßen wir noch morgen hier: Was nützt dem Maler schon die Farbe auf dem Pinsel, wenn er noch nicht einmal die Oberfläche kennt, auf die er sein Kunstwerk legen kann?“
Lucy dachte ein wenig nach. Sie erinnerte sich verschwommen, wie sie ihre Bilder bisher nur auf normale Leinwände oder auf Papier gemalt hatte. Abgesehen davon ergab die Frage auch sonst nur wenig Sinn, weil für sie immer die Idee eines Motivs im Vordergrund stand. Über die Oberfläche hatte sie sich nie wirklich viele Gedanken gemacht; wozu sollte man dies auch tun? „Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass du Ahnung von Kunst hast“, schnaubte sie. „Du hast nicht einmal Finger, um einen Pinsel zu schwingen oder sonst etwas in dieser Art auf die Beine zu stellen. Und wenn du etwas über Kunstwerke wissen solltest, dann nur, weil du dir fremde Gemälde auf fremden Leinwänden aus fremden Köpfen angesehen hast! Du besitzt keine Oberfläche und ebenso wenig Pinsel, also was soll deine Frage?“
Ihre Stimme erhob sich, doch die Eule blieb gelassen, fast schon amüsiert. „Wie kommst du darauf, dass ich kein Künstler sei? Hab ich etwa keinen Kopf?“ Die Eule schaute Lucy erwartungsvoll an.
„Natürlich!“, dachte sie nach einiger Zeit, holte tief Luft und fragte: „Wer bin ich?“
Zufrieden schaute die Eule in den Himmel. „Wurde aber auch Zeit.“
II
„Und wie soll ich dein sogenanntes Rätsel lösen? Ich war schon immer ich und werde niemals jemand anderes sein“, fragte Lucy, woraufhin die Eule antwortete: „Du hast nichts in dieser Welt gesehen und schon willst du ein Urteil über sie fällen.“
Sie drehte ihr den Rücken zu und lief langsam in Richtung eines Trampelpfades. „Du wirst schon sehen. Ach, und bevor ich es vergesse: Ich möchte dir zwei kleine Geschenke mit auf den Weg geben...“
Die Eule glitt mit ihrem Schnabel durch ihr Federkleid und übergab Lucy ein graues Notizbuch und eine weiße Leinwand.
„Vielen Dank“, sagte sie skeptisch und packte beides in ihren Rucksack, „dann wäre dein 'größtes Rätsel' und die 'Frage aller Fragen“ wohl geklärt. Jetzt kommen wir bitte zu meinem wichtigsten Rätsel: Was habe ich genau mit diesem Ort zu tun? Es scheint mir fast, als wolltest du es mir verschweigen.“
Lucy lief den Hügel, auf dem sie aufgewacht war, hinab auf den Trampelpfad zwischen den Blumenfeldern. Die Hitze des Sonnenlichts drückte in ihren Verstand und die verwirrenden Fragen des Vogels machten ihre Situation auch nicht angenehmer.
Die Eule antwortete nach einiger Zeit: „Niemand an diesem Ort trägt einen Namen und seine Geschichte spielt stets in der Gegenwart. Eine Legende besagt, dass sie vor ungefähr 17 Jahren entstanden ist. Viele Bewohner sind allerdings schon weitaus älter und niemand weiß so recht, wie das überhaupt möglich ist. Entweder unsere Ahnen belügen uns, oder die anderen sind aus irgendeinem Grund einfach hier 'erschienen'. Vielleicht war es auch ein Gott, der sie aus anderen Welten hier her brachte?“ Die Eule lief neben Lucy her, mit gesenktem Kopf und ruhigem Schritt.
Verwirrt schüttelte Lucy den Kopf. „Das war keine Antwort auf meine Frage! Wieso gerade ich? Du hast mich immerhin hier her geschleppt! Du kannst mir nicht erzählen, dass du mir nicht mehr zu sagen hast! Ich bin völlig fremd in dieser Welt, ohne Karte, Kompass oder ähnlichen Dingen, und nun möchtest du mich hier einfach abladen und davon fliegen“
“Nun mach mal halblang!“, sagte die Eule im ernsten Ton. „Du denkst wahrscheinlich, dass du so eine Art 'Heldin' oder 'Auserwählte' wärst, die unbedingt eine heilige Prophezeiung oder ähnlichen Blödsinn erfüllen muss, um das Böse in der Welt zu besiegen oder die Macht wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Leider muss ich dich enttäuschen; das bist du nicht. Nichts und niemand erwartet oder verlangt irgendetwas dergleichen von dir. Ich habe dich in diese Welt geworfen, nun bist du auf dich allein gestellt. Du bist frei, junger Vogel, also fliege nun, wohin du willst und erfülle so viele Aufgaben, wie du möchtest.“
Lucy schwieg eine Weile, während sie die Bienen und Schmetterlinge am Rand des Trampelpfades beobachtete. Irgendwie beneidete sie die Tiere um ihre Sorglosigkeit: Sie schienen nicht danach zu fragen, ob ihr Tun einen Sinn ergibt. Schon seit ihrer Geburt ist ihnen wohl das Geschenk der blinden Zielstrebigkeit mitgegeben worden. Ob sie wohl die Last von Verantwortung für das eigene Glück überhaupt kennen? Wissen sie überhaupt, was Glück bedeutet?
Wahrscheinlich nicht. Könnten sie sprechen, würden sie bestimmt bestreiten, dass es so etwas wie Glück überhaupt gibt. Diese Glücklichen.
Also sah Lucy zur Eule und sprach mit besorgter Stimme: „Wenn dieses Gefühl von Enge und Schwebe der Ruf der Freiheit ist, dann will ich nicht auf ihn hören! Ich flehe dich an, hättest du nicht eine kleine Aufgabe für mich, oder wenigstens einen Hinweis, woran ich mich in dieser Welt orientieren könnte?“ Sie war den Tränen nahe und die Luft um sie herum schien sich zu erhitzen.
Wie aus dem Nichts begannen die Bienen von den Feldern neben dem Trampelpfad wild zu summen und schwirrten über die Köpfe der beiden umher. Lucy erschrak beim Anblick des Schwarms und spürte eine starke Vibration auf der Haut. Es fühlte sich elektrisch an, als wären die Bienen in ihren Adern gefangen, die sich mit aller Kraft zu befreien versuchten. Das Gefühl dauerte nicht allzu lang an und nach kurzer Zeit verteilten sie sich wieder mit ruhigem Summen auf den Blüten der Wiese.
„Was hatte das denn zu bedeuten?“, fragte sie die Eule, die mit rot leuchtenden Blick auf Lucys herunter sah und blinzelte.„ Was wärst du denn bereit, für eine Aufgabe zu opfern?“, fragte sie mit erschreckend tiefer Stimme.
Lucy antwortete eingeschüchtert: „Wie du siehst habe ich nichts dabei, außer einem Rucksack. Also, was habe ich schon zu verlieren?“
Die Eule hob ihre zerzausten Augenbrauen. „Natürlich wirst du nichts verlieren, was du am Körper trägst, jedoch hast du unendlich viele Dinge zu verlieren, mit wenigen Ausnahmen, die du in deinem Körper tragen könntest. Was du gewinnen oder verlieren wirst, zeigt sich erst, wenn du dich für eine Aufgabe entschieden hast. Wie du weißt, hat jede Entscheidung seine Konsequenzen und ich versichere dir; nun hast du die schwersten Zügel in der Hand. Also sag mir; bist du dazu bereit?“
Lucy runzelte die Stirn. „Also willst du mir nun doch helfen? Wie eigenartig. Sag mir; wieso fühlt es sich für mich an wie ein Teufelspakt? Was springt für dich dabei raus?“
„Na was soll schon für mich dabei herausspringen, wenn du eine meiner Aufgaben erledigst?“, fragte die Eule. „Hör mir gut zu: Meine Herausforderungen sind kein Zuckerschlecken, und wären sie es doch, dann wäre diese Aufgabe dennoch scharf und bittersüß. Wenn du diese Reise beginnst, gibt es kein zurück mehr. Du könntest auch einfach hinaus in diese Welt gehen und dir etwas anderes suchen.“
Darauf hatte Lucy gewartet. Sie wollte sich nicht anmerken lassen, wie sehr sie sich über das Angebot der Eule freute. Also schüttelte sie den Kopf und sprach: „Nein, wenn du mich schon hier her brachtest, so will ich dir auch einen Gefallen tun. Nun sag schon, was hast du für mich?“
Die Augenbrauen der Eule hoben sich erneut. „Nun gut“, sagte sie und zeigte mit ihrer Flügelspitze den Trampelpfad entlang. „Lauf einfach weiter; irgendwann wirst du das Land des Fischers finden. Meine Aufgabe war es eigentlich, diesen Dolch dorthin zurück zu bringen, doch das kannst du nun erledigen. Sein letzter Besitzer war ein wenig, nennen wir es mal, ungeschickt. Also nimm dich in acht; die Klinge wurde in Schlangengift getaucht. Fass ihn niemals mit bloßen Händen an, solang er noch davon benetzt ist. Es sind schon stärkere Menschen an seiner Macht zugrunde gegangen, glaube mir.“
Die Eule bewegte erneut ihren Schnabel durch das schwarze Federkleid auf ihrem Rücken und holte einen kleinen Dolch mit goldenen Griff und roter Klinge hervor. Sie platzierte ihn vor Lucys Füße.
„Aber wie kann ich das Land des Fischers denn erkennen?“, fragte Lucy und bückte sich zum Dolch hinunter. Das Ende seines Griffs ähnelte einer Sonne, die von einer Schlange umschlungen war.
„Das wirst du wissen, sobald du es gefunden hast; glaube mir“, versicherte die Eule und platzierte anschließend ein kleines Stofftuch neben den Dolch. „Sobald du diese Waffe in deinen Besitz genommen hast, musst du deine Aufgabe erfüllen. Also frage ich dich zum letzten mal; nimmst du sie an?“
Lucy zögerte noch eine Weile, bis sie schließlich den Dolch mit dem Tuch ergriff. Ein ohrenbetäubender Knall ließ sie zusammenzucken. Die Erde bebte für einen Moment, sodass Lucy zu taumeln begann. „Und was war das nun wieder?“, erschrak sie.
Die Eule schaute in den wolkenfreien Himmel. „Also ein Gewitter war es sicherlich nicht“, spottete sie.
Lucy legte den Dolch in in ihren Rucksack. „Und wie kann ich das Land des Fischers finden? Ich nehme mal an, dass es nicht am Ende dieses Pfades liegen wird.“
Die Eule schüttelte den Kopf. „Das kann ich dir nicht beantworten. Was ich dir allerdings versprechen kann: Wenn du von nun an die Ideen dieser Welt mit offenen Ohren und Augen empfängst, so wirst du es finden. Wessen Ideen das möglicherweise sein werden, hast du soeben entschieden. Und wer weiß, vielleicht errätst du ja auf deiner Reise des größten Rätsels Lösungsweg?“
Lucy stutzte. „Also kann man mir dort sagen, wer ich bin? Weiß es vielleicht der Fischer?“
„Nein, ich denke nicht“, antwortete die Eule. „Doch vielleicht wirst du auf deiner Reise lernen, zu werden, der du bist.“
Noch bevor Lucy etwas zu diesem Widerspruch sagen konnte, sprach die Eule weiter: „Genug davon; von hier an trennen sich unsere Wege. Ich wünsche dir viel Glück auf deiner Reise durch diese chaotische Welt. Sicherlich wirst du vielen Dingen begegnen, die du nicht verstehen wirst, doch ich verspreche dir, es lohnt sich, genauer hinzusehen. Aber ich warne dich: Verlasse auf keinen Fall die Trampelpfade und Straßen auf deinem Weg zum Land des Fischers. Halte dich fern vom Wald. Es könnte sein, dass ein ungeschultes Auge dort nichts weiteres erkennt, als puren Wahnsinn. Wenn du dich dennoch verlaufen solltest: Folge den Bienen; das sind weise Tiere und wenn du Glück hast, sind sie ab und zu auch hilfsbereit.“
Die Eule breitete ihre Flügel aus. „Leb wohl! Wir werden uns eines Tages wiedersehen, versprochen. Erinner' dich an unser Gespräch. Ich bin niemals wirklich fort..“ Mit einem heftigem Windstoß stieg die Eule in Richtung Himmel empor, sodass sich Lucy ihre Hände vor das Gesicht halten musste, um keinen Staub in die Augen zu bekommen.
„NEIN WARTE“, schrie Lucy verzweifelt. Doch es war zu spät und sie konnte nur zusehen, wie der Raubvogel am Horizont verschwand. Sie fühlte sich von ihr allein gelassen, ja schon fast betrogen.
Wie konnte die Eule es nur wagen, sie mit nichts als einem giftigen Dolch und einer verwirrenden Wegbeschreibung in diese Welt hinaus zu lassen?
Also lief Lucy den staubigen Trampelpfad weiter entlang. Stunde um Stunde folgte sie ihm, während die pralle Wüstensonne auf ihren Kopf herab schien. Durch ihre Hitze wirkte die gesamte Umgebung wie eine Fata Morgana, sodass Lucy befürchtete, dass sie das Land des Fischers nicht einmal erkennen würde, wenn es direkt vor ihr läge. Die Blumen auf den Feldern verwelkten. Wahrscheinlich würde sie bald durch einen Sonnenstich sterben.
Erschöpft sackte sie zusammen und spielte mit dem Gedanken, einfach dort sitzen zu bleiben und abzuwarten, bis die Eule wieder käme, um sie dort wieder wegzubringen. Irgendwann müsste sie ja kommen, sonst würde sie schließlich ihr Versprechen eines Wiedersehens brechen. Aber wie sehr kann man sich schon auf das Wort eines Raubvogels verlassen?
Das Mädchen verharrte eine Zeit lang in ihrer Position auf dem Boden und schaute in den Himmel. Ein leichte leichte Brise zog übers Land und ein paar kleine Wolken begannen die Sonne zu verdecken, sodass sich die Luft ein wenig abkühlte und die Schweißperlen auf ihrer Stirn zu trocknen begannen. Auch ihr Geist schien sich ein wenig zu erholen, ein paar Gedanken der Klarheit durchzogen ihren Verstand. Sollte sie es nicht wenigstens versuchen?
