Luftpolster - Lena-Marie Biertimpel - E-Book
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Luftpolster E-Book

Lena-Marie Biertimpel

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Beschreibung

Nach dem Selbstmordversuch ihrer Schwester lässt sich die Protagonistin in die Psychiatrie einweisen, um mit dem Schmerz und ihrer Angst umzugehen. Die Tage in der Klinik sind monoton: Die Patient*innen werden geweckt, es folgt der Morgenspaziergang im Hof, die Einnahme der Medikamente am Stützpunkt. Der neue Alltag überfordert sie zunächst, aber gibt ihr Halt und strukturiert ihre Welt. Nach und nach schließt sie Freundschaft mit einer Patientin. Zwischen Zigaretten und Ergotherapie, Zusammenbrüchen und Selbstzweifel sitzen sie zusammen auf der Wiese vor der Klinik und versuchen wieder Boden unter den Füßen zu bekommen, den Versuch eines Neuanfangs zu wagen. Lena-Marie Biertimpel ist ein eindringliches und intensives Debüt gelungen, das von den Traumata einer Familie, von Schuld und Verantwortung erzählt. In knappen Szenen und poetischen Bildern zeichnet der Roman die kreisenden Bewegungen, die ein Trauma auslöst. Darin offenbaren sich die dunklen Abgründe genauso wie das helle Licht der Hoffnung.

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leykam:seit 1585

LENA-MARIE BIERTIMPEL

LUFTPOLSTER

Copyright © Leykam Buchverlagsgesellschaft m.b.H. Nfg. & Co. KG,Graz – Wien 2022

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlaggestaltung: Christine Fischer, unter Verwendung einer Illustration von shutterstock.com/Cute Designs Studio

Lektorat: Senta Wagner

Satz und Typografie: Gerhard Gauster

Gesamtherstellung: Leykam Buchverlag

www.leykamverlag.at

ISBN 978-3-7011-8232-9

eISBN 978-3-7011-8247-3

für mara,unsere haare sind lang gewachsen

Inhalt

what can i do?

monoton

pharsyde

nimmerland

into my arms

liberation

take a fall for me

sweet

right on

what can i do?

ich packe mechanisch ein ladekabel, eine unterhose, mein portemonnaie, meinen tabak, meinen haustürschlüssel und gummibärchen in eine tasche. ich gehe die schmale wendeltreppe hinunter ins erdgeschoss. ich sehe den hinterhofgarten und höre die hühner kreischen. ich stehe vor dem blauen haustor und warte. im taxi riecht es nach abgestandenem zigarettenrauch. auf dem klinikgelände zeigen pfeile in unterschiedliche richtungen. ich suche die nummer sechzehn. der pavillon ist ein altes, weißes gebäude mit großen fenstern. überall wachsen riesige bäume und es gibt holzbänke zum sitzen.

ich muss einen fragebogen ausfüllen. meine handschrift wird nass. ein pfleger zieht mich in ein zimmer. die sonne scheint durch die altbaufenster.

hier ist ihr bett, sagt der pfleger.

ich drehe mich um. das bett neben meinem ist leer.

und hier der kleiderschrank und der schlüssel. er händigt mir einen kleinen schlüssel aus.

hier das badezimmer und handtücher und hier etwas zum anziehen. gleich gibt es mittagessen, sagt der pfleger beim verlassen des zimmers.

ich gehe barfuß zum mittagessen. der plastikboden hält meine füße fest. ich stelle mir vor, wie bei jedem schritt ein bisschen hornhaut am boden kleben bleibt.

der speisesaal ist in den siebzigerjahren stehen geblieben und sieht aus wie in einer jugendherberge. die decke ist mit holz verkleidet. die fenster wurden lange nicht geputzt. die tische sind ebenfalls aus holz und fühlen sich an, als wären sie mit einer dünnen schicht öl bestrichen.

auf den fensterbänken stehen ein paar kunstblumen.

das essen dampft und in den metallschalen bildet sich wasser. die anderen menschen machen mir angst. alle tragen die gleiche mintgrüne jogginghose und das dazu passende oberteil. ich falle heraus mit meinem kleid.

eine frau steht plötzlich neben mir.

wer bist du?, fragt sie.

ich gehe in mein zimmer und setze mich auf mein frisch gemachtes bett. die hellblaue bettwäsche ist glatt und sehr steif. ich habe das gefühl, vom bett zu rutschen.

ich schaue aus dem fenster. ich stehe auf und gehe den gang draußen auf und ab. der gang ist sehr lang und es gibt viele türen. die meisten stehen offen und ich sehe menschen in ihren betten liegen. am einen ende des gangs steht ein altes ledersofa. ein mann sitzt versunken darauf. sein gesicht liegt in seinen händen. er spricht mit sich selbst. ich stehe da und schaue ihn an. ich vergesse die zeit.

mein handy vibriert, ich lese mama und überlege lange, ob ich abheben soll.

ich wollte mal hören, wie es dir geht.

ich bin in der klinik, sage ich.

WAS? oh gott! was ist passiert?, schreit meine mutter ins telefon.

ich schweige. atme aus.

ich kann nicht mehr, sage ich.

die sekunden klicken.

wie geht es dir?, frage ich.

geht so und ehrlich gesagt jetzt noch schlechter, sagt meine mutter.

vor tagen:

haben sie selbstmordgedanken?, fragt der arzt vom psychosozialen notdienst.

ich weiß nicht, sage ich.

gut, dann haben sie keine, sagt er und schneidet eine grimasse.

ich bekomme eine tablette mit nach hause, die soll ich zur beruhigung nehmen.

sie sind so eine schöne frau, sie sollten aufhören traurig zu sein, sagt der arzt und winkt.

auf dem gang kommt mir eine patientin entgegen. sie hat ein rotes band um ihr handgelenk. ich ein weißes, mit zahlen und einem strichcode darauf.

die polizei war heute morgen da und wollte mich mitnehmen, sagt sie.

ihre haare und ihr gesicht sind voller haarfärbemittel. welche farbe wird es?, frage ich.

blond.

sie lächelt.

du musst die farbe im gesicht wegwischen, sage ich, sonst bekommst du flecken.

abends kommt eine schwester an mein bett und reicht mir ein glas wasser und eine tablette.

schlafenszeit, sagt sie.

ich schlucke.

ich werde von einer anderen schwester geweckt. ich schaue aufs handy, es ist 6.30 uhr. die schwester tritt näher und stellt sich vor.

ich bin ihre bezugsschwester Carmen, sagt sie.

was heißt das?, frage ich.

dass sie immer zu mir kommen können, wenn etwas ist. ich nicke.

ach ja, frühstück gibt es um 7.30 uhr, mittagessen um 12.00 uhr und abendessen um 17.00 uhr, also hopp aus dem bett mit ihnen, sagt Carmen.

Carmen hat kurze haare und ist schon etwas älter. sie ist klein und hat einen runden bauch. ihre ohren sind lang gezogen.

sie geht zur tür, lässt sie offen stehen und verschwindet.

ich setze mich langsam auf, gehe zum kleiderschrank und nehme mir die krankenhauskleidung. ich ziehe mich nackt aus, gehe zu meiner tasche und krame die frische unterhose heraus. ich schaue auf meine haarigen beine. ich ziehe die mintgrüne jogginghose und das mintgrüne oberteil an. meine brüste zeichnen sich ab. im badezimmer packe ich eine zahnbürste aus. die zahnbürste ist sehr hart und mein zahnfleisch beginnt zu bluten. ich spüle das blut weg.

ich nehme mein handy und schreibe Johnny: trage mintgrüne krankenhauskleidung und sehe aus wie ein pfefferminzbonbon.

ein arzt, Carmen und zwei weitere personen umkreisen mein bett. Carmen hat ein klemmbrett dabei. der arzt hat graue haare, ist sehr groß und ein bisschen schlaksig. obwohl er keinen bart trägt, erinnert er mich an einen weihnachtsmann.

wie geht es ihnen, wie war die erste nacht?

ich bin sehr müde, sage ich.

verständlich! konnten sie schlafen?

ich habe die erste nacht seit langer zeit durchgeschlafen. aber ich bin wie betäubt, sage ich.

das liegt wahrscheinlich an dem medikament. ihr körper braucht ein paar tage, um sich an den wirkstoff zu gewöhnen, sagt der arzt. am nachmittag machen wir ein längeres aufnahmegespräch, dann besprechen wir alles in ruhe, okay?

eine freundin kommt vorbei und bringt mir einen koffer mit anziehsachen und kosmetik. sie nimmt mich lange in den arm und streichelt meinen kopf. ich habe das gefühl, ich kann nicht mehr sprechen. alles ist dumpf.

falls ich was vergessen habe, sagst du bescheid, ja?

ich packe meinen koffer behutsam aus. die freundin faltet nicht gerne kleidung, also falte ich alles neu und ordentlich. ich wasche mir das gesicht und creme mich ein. die freundin hat sogar an sonnenmilch gedacht. der boden rutscht weg. ich falle auf die kalten badezimmerfliesen und weine und weine.

es klopft an die zimmertür. Carmen setzt sich zu mir. was ist los mit ihnen?

alle geben sich so viel mühe, alle wollen, dass es mir besser geht, aber nichts hilft!

sie sind für sich hier, für niemand anderen. ihnen geht es schlecht, sie hatten zu viel zu tragen und es ist ihr gutes recht, mal nicht zu funktionieren, sagt Carmen ruhig. ich konnte noch nicht mal danke sagen.

das ist okay. es braucht nicht immer ein danke. kommen sie mit mir, sagt sie.

ich stehe vorsichtig auf. alles dreht sich. Carmen nimmt meine hand und wir gehen langsam zum stützpunkt. der stützpunkt sieht von außen aus wie ein ticketschalter am bahnhof. die glasscheiben lassen sich auf und zu schieben. daneben ist eine tür. sie ist geschlossen.

wenn sie uns brauchen, können sie hierherkommen und klopfen, und das immer, auch in der nacht!, sagt Carmen.

die pfleger*innen wohnen im stützpunkt, denke ich.

vor tagen:

und dann fliegt ein insekt durch das offene fenster in meine wohnung. es fliegt direkt auf mich zu. ich renne in die küche und knalle die tür zu. ich setze mich an den küchentisch. ich habe nur eine unterhose an. ich rauche eine zigarette.

ich muss einkaufen gehen. ich bin eine schnecke. im supermarkt kaufe ich fertiggerichte. ich habe luftpolster vorm duschen, das wasser macht meinen kreislauf kaputt. mir wird schlecht, wenn ich mich rieche.

seit dem rot gewordenen handtuch spüre ich meinen körper gar nicht mehr. ich funktioniere nur in gedanken.

die gedanken sind wie wellen und ziehen mich in die tiefe, bis ich keine luft mehr bekomme.

ich finde den raucherraum. ich gehe hinein und setze mich an einen der öltische. mit mir am tisch sitzen drei frauen.

ich bin Mary.

das blond steht dir gut, sage ich.

das ist Bigmama, sagt Mary.

Bigmama wischt sich tränen mit einem taschentuch aus dem gesicht und nickt mir zu.

ich bin Luzie, flötet die dritte und schüttelt mir die hand.

Bigmama laufen neue tränen aus den augen.

sie hat angst um ihren hund Rocky, sagt Luzie in meine richtung.

er ist ganz alleine, die ganze nacht, sagt Bigmama und schluchzt auf.

nach drei gerauchten zigaretten hat Bigmama sich beruhigt und wir verlassen gemeinsam den raucherraum. ein pfleger kommt uns entgegen. Bigmama beginnt wieder zu weinen. der pfleger legt ihr die hand auf die schulter und drückt sie vor dem stützpunkt auf einen stuhl.

ich verspreche ihnen, das wird der hund schaffen, davon stirbt er nicht, wirklich nicht, sagt der pfleger.

aber der Rocky ist alleine, die ganze nacht, der stirbt, sagt Bigmama.

wirklich nicht, sagt der pfleger wieder, der Rocky, der stirbt nicht.

am nachmittag klopft Carmen an meine offene zimmertür.

kommen sie mit mir, sagt sie wieder.

Carmen führt mich den gang entlang.

hier ist das büro der jeweils diensthabenden ärzt*innen, sagt sie.

setzen sie sich. wir werden alles tun, damit es ihnen wieder besser geht, sagt der arzt, der aussieht wie ein weihnachtsmann.

ich nicke und beginne zu weinen. Carmen reicht mir ein taschentuch.

ich kann nicht mehr, sage ich.

ja, sie wirken stark belastet, sagt der arzt. es gibt ein paar fragen, die ich ihnen stellen muss! nehmen sie drogen? nein, also früher viel, vor allem alkohol und gras. ab und an auch was chemisches, sage ich.

wurde bei ihnen eine schilddrüsenunterfunktion festgestellt?

ich glaube nicht.

Carmen machst du bitte einen vermerk fürs blutbild. ich wohne seit einem halben jahr in der neuen stadt. das ankommen war schwierig und hat mir luftpolster gemacht.

wie regelmäßig waren die?, fragt der arzt.

meine familie wohnt am hafen. ich habe zwei schwestern, ich nenne sie meine eine und meine andere.

haben sie eine freundin oder einen freund?

Johnny, der nennt mich Peach und wohnt auch am hafen.

wie weit ist der hafen entfernt?, fragt der arzt.

tausend kilometer.

hilft ihnen die distanz?

ich schlucke wieder tränen.

vorerkrankungen?

meine stimmbänder haben löcher. magensäureverätzungen.

der arzt fragt, ich antworte. er notiert und notiert: meine kopfsteinpflaster, meine luftpolster und alles andere aus meinem leben. er schreibt mir medikamente auf und sagt die namen und wirkungsweisen. ich kann ihm nicht folgen.

wir werden zweigleisig fahren, erst einmal stellen wir sie vernünftig ein und beginnen dann mit den therapien. ich frage mich, welche vernünftige einstellung ich brauche.

ich lerne von Carmen, dass medikamente viermal am tag am stützpunkt abgeholt werden. morgens nach dem frühstück, mittags nach dem mittagessen, abends nach dem abendessen und nachts vor dem schlafengehen.

jeden tag ist visite mit der diensthabenden ärzt*in, sagt sie, ab und an gibt es einzelgespräche mit ihrem arzt.

ich zähle an meinen fingern ab: ich habe Carmen, die aber nicht immer da ist. ich habe einen arzt, der für mich zuständig ist und mich vernünftig einstellt. es gibt einen stützpunkt, wo die pfleger*innen wohnen und ich auch in der nacht klopfen kann. die medikamente hole ich nach den mahlzeiten dort ab.

Carmen begleitet mich zum stützpunkt und ich schlucke eine tablette.

morgen werde ich sie früher wecken, wir müssen noch blut abnehmen, sagt sie.

mein körper wird ganz weich. vielleicht wäre es doch gut gewesen mir zu merken, was für tabletten ich jetzt täglich einnehmen soll, denke ich.

vor monaten:

in der neuen stadt habe ich eine kleine zweizimmerwohnung gemietet. ich hatte glück. sie ist relativ günstig. zusätzlich hat sie ein winziges kabinett, in das gerade ein bett passt. im hinterhof gibt es einen kleinen garten und hühner. die wohnung ist noch karg und kalt.

ich schlafe auf einer alten matratze. die immer-tränen und die ständige luftnot machen es unmöglich, in ein möbelhaus zu gehen.

es gibt keinen horizont in dieser stadt, die häuser türmen sich auf und stehen im weg. das novemberlicht macht alles noch schlimmer. es ist furchtbar sauber. ich verlaufe mich ständig und dann überfallen mich die luftpolster erst recht. mir fehlen meine alten wege und orte: die clubs, die bars, der trubel, der lärm, der pisse-und-schnaps-geruch der s-bahn-station, die genau an meiner alten straße liegt. sieben jahre habe ich dort gewohnt. Johnny und ich haben vereinbart uns nicht zu schreiben. ab und an brechen wir die regel. in meinen tagträumen sehe ich I-love-you-baby auf mich zukommen, die arme ausgestreckt.

I-love-you-baby arbeitet im call shop neben meinem alten hauseingang. wir haben uns fast täglich gesehen und oft vor dem shop zusammen auf der bordsteinkante gesessen. im call shop kann man handys und jegliches zubehör kaufen. es gibt internet for free und menschen sitzen dort an alten computern und skypen.

regelmäßig kommt ein dealer vorbei. er trägt immer einen anzug. es sammeln sich ein paar menschen vor dem call shop. I-love-you-baby spricht nicht gerne über den dealer.

wodka oder kaffee oder beides zusammen?, würde er mich fragen.

wodka!, würde ich sagen.

I-love-you-baby würde im call shop verschwinden und mit einem becher wodka to go zurückkommen. wir würden uns auf die bordsteinkante setzen.

warum sehen wir uns nicht mehr?, würde er fragen.

ich bin in die neue stadt gezogen, wäre meine antwort.

I-love-you-baby würde mir eine zigarette hinhalten und ich würde sie nehmen. anzünden und wodka auf ex.

i love you baby, würde er sagen und ich würde ihm einen arm um die schulter legen.

eine schwester steht bei mir im zimmer.

haben sie schon etwas gegessen oder getrunken?, fragt sie.

wo ist Carmen?, frage ich.

die hat leider gerade keine zeit, sagt die schwester.

ich folge ihr zum stützpunkt und kauere mich auf den stuhl, auf den sie zeigt. ich bin das erste mal in dem raum hinter der tür zum klopfen. es sieht aus wie bei meiner alten hausärztin. mir wird ein elastikband am oberarm angelegt. ich soll eine faust machen. ich zittere.

sie brauchen keine angst zu haben, ich mache das jeden tag, es ist ganz schnell vorbei.

als ich die nadel sehe, wird mir schlecht. die schwester berührt meinen arm.