Lügen einer Lady - C. L. Potter - E-Book

Lügen einer Lady E-Book

C. L. Potter

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Beschreibung

Können Maud und Lady Christabel den guten Ruf einer Lady retten? London, Sommer 1912. Ihre unkonventionelle Tante Lavinia bittet Lady Christabel um Hilfe. Eine Freundin Lavinias ist dem Charme eines Lakaien erlegen, der ihr eine Kette gestohlen hat und sie nun damit erpresst. Lady Christabel und Maud sollen versuchen, das Schmuckstück zurück zu stehlen. Nachdem Maud den Verdächtigen kennenlernt, kann sie nicht glauben, dass er zu einem Verbrechen fähig ist. Sie setzt alles daran, seine Unschuld zu beweisen – und bringt dadurch sich und Lady Christabel in Lebensgefahr. In ihrem zweiten Fall müssen die Amateurdetektivinnen Herz und Verstand einsetzen.

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Ein Fall für Maud & Lady Christabel

Lügen einer Lady

C. L. Potter

Inhalt

Das Buch & Die Autorin

Figuren

Blackwell Castle

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Nachwort: Fakten und Fiktion

Danke!

Wie es weiter geht…

Copyright © 2020, AIKA Consulting GmbH,

alle Rechte vorbehalten.

Berliner Straße 52, 34292 Ahnatal

www.christianelind.de

Originalausgabe August 2020

Coverdesign, Satz und Layout: Wolkenart - Marie-Katharina Wölk, www.wolkenart.com

unter Verwendung von Bildmaterial von ©Shutterstock.com

Lektorat : Katrin Rodeit, www.julia-rodeit.de

Korrektorat: Claudia Heinen, www.sks-heinen.de

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung der Autorin.

Für die Links zu Webseiten Dritter übernehme ich keine Haftung, da ich mir diese nicht zu eigen mache, sondern lediglich auf sie verweise, mit Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung.

Personen und Handlung sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Markennamen und Warenzeichen, die im Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.

Das Buch & Die Autorin

Das Buch

London, Sommer 1912. Ihre unkonventionelle Tante Lavinia bittet Lady Christabel um Hilfe. Eine Freundin Lavinias ist dem Charme eines Lakaien erlegen, der ihr eine Kette gestohlen hat und sie nun damit erpresst.

Lady Christabel und Maud sollen versuchen, das Schmuckstück zurück zu stehlen. Nachdem Maud den Verdächtigen kennenlernt, kann sie nicht glauben, dass er zu einem Verbrechen fähig ist. Sie setzt alles daran, seine Unschuld zu beweisen – und bringt dadurch sich und Lady Christabel in Lebensgefahr.

Die Autorin

C. L. Potter ist das Pseudonym von Christiane Lind, unter dem sie Landhauskrimis schreibt. Seitdem Christiane das erste Mal nach Südengland reiste, ist sie Herrenhäusern und deren Geheimnissen verfallen.

Figuren

Lentune Hall

Maud Gulliver, Zofe

Christabel Mowgray, Ladyschaft von Maud

Upstairs

Rosalind Mowgray, Countess of Waldeford, Christabels Mutter

Alastair Mowgray, Earl of Waldeford, Christabels Vater

Dahlia Mowgray, Christabels Schwester

Basil Mowgray, Christabels Bruder

Lavinia Mowgray, Christabels unverheiratete Tante

Althea Haddington, Viscountess of Chelmsdale, Freundin von Lavinia

Eugene Haddington, Earl of Chelmsdale, Sohn von Althea

Downstairs

Harold Rowe, Butler

Jessamine Eggerton, Hausdame

Nellie Cramton, Köchin

Rupert Kendall, Chauffeur

Harold Knight, Lakai

Gladys Bannerman, Hausmädchen

Enid Gillinham, Hausmädchen

Lucy-Anne Buxton, Küchenhilfe

Blackwell Castle

Upstairs

Cuthbert Comerford, Earl of Marchbrooke, Gastgeber

Ulrica Comerford, Viscountess of Marchbrooke, Gastgeberin

Baldwin Comerford, Sohn

Juliet Comerford, dessen Ehefrau

Sapphire Comerford, Tochter

Downstairs

Theodore Wycliff, Butler

Prudence Forbes, Hausdame

Gaston Brooks, Koch

Miles Stickland, Chauffeur und Stallbursche

Fenella Munro, Zofe

Damian Ellis, Lakai

Roderick Drake, Lakai

Millicent Robins, Hausmädchen

Effie Plowman, Hausmädchen

Ida Linfield, Küchenmädchen

Charles Norman, Detective Inspector der Metropolitan Police (Scotland Yard)

Leslie Fudge, Detective Constable

Kapitel Eins

Wollen Sie heute nicht in den St. James’s Park, Mylady?« Maud war bemüht, sich ihr Erstaunen nicht anmerken zu lassen. Schließlich hatte Lady Christabel jeden Nachmittag der vergangenen Wochen in den Grünanlagen verbracht, in dem verzweifelten Bemühen, ihren Geliebten Nicholas Fleeth dort erneut zu entdecken. Bisher war die Suche erfolglos geblieben, was der Laune ihrer Ladyschaft nicht guttat. Und wenn Lady Christabels Stimmung schlecht war, bedeutete das eine unerfreuliche Zeit für ihre Zofe.

»Maud.« Den Tonfall kannte Maud nur zu gut. So sprach Lady Christabel immer, wenn sie ihr etwas Bedeutsames mitzuteilen hatte. Also etwas, das ihre Ladyschaft für bedeutsam hielt. Maud teilte diese Einschätzung nicht immer.

»Ja, Mylady?«

»Ich habe eine Entscheidung getroffen.«

Das Schweigen war so erwartungsvoll, dass Maud einfach fragen musste: »Was für eine, Mylady?«

»Ach, lass dieses ständige Mylady hier, Mylady da.« Lady Christabel schnaubte. »Wir haben so viel miteinander erlebt, da kannst du ›Mylady‹ weglassen, wenn wir allein sind.«

»Wenn Sie wünschen, My…« Maud hatte lange gebraucht, die komplizierten Anredeformen für die bessere Gesellschaft zu lernen. Jetzt fiel es ihr schwer, davon abzuweichen. »Was haben Sie für eine Entscheidung getroffen?«

»Ich werde Nicholas aufgeben. Wenn er es nicht für nötig erachtet, sich bei mir zu melden, ist er meiner nicht wert.«

»Haben Sie wieder Liebesromane gelesen?«, konnte Maud sich nicht verkneifen, wechselte aber rasch das Thema, bevor ihre Ladyschaft sich ärgerte. »Sind Sie sich wirklich sicher, Mr Fleeth gesehen zu haben?«

Obwohl Maud sich geschworen hatte, diese Frage niemals zu stellen, schlüpfte sie ihr über die Lippen. Denn selbst Lady Christabel musste einsehen, dass sie sich geirrt haben konnte. Ihre Ladyschaft hatte nur einen flüchtigen Blick auf den Mann im St. James’s Park werfen können und war ohnehin aufgeregt gewesen, weil »The Strand Magazine« ihre Detektivgeschichte veröffentlicht hatte.

Mauds Meinung nach klammerte ihre Ladyschaft sich an einen Strohhalm, weil sie nicht akzeptieren konnte, dass ihr Geliebter mit der »Titanic« untergegangen war. Aus ihrem Leben vor Lady Christabel kannte Maud diese Weigerung, den Tod eines geliebten Menschen hinzunehmen, nur zu gut. Aber das konnte sie ihrer Ladyschaft nicht sagen. Vor allem nicht, wenn sie dieses Gesicht machte.

»Ja, ich würde Nicholas immer und überall erkennen.« Lady Christabel schob die Unterlippe vor und verengte die Augen. »Er will mich nicht. Ich werde mein Leben neu beginnen.«

»Sie haben jeden Nachmittag Ausschau gehalten. Wollen Sie es nicht wenigstens so lange versuchen, bis wir nach Lentune Hall zurückkehren?«

In zwei Wochen endete die Londoner Saison, was Maud sehr bedauerte. Sie würde das Leben und die bunte Vielfalt, ja selbst den Krach und den Gestank der Metropole vermissen. So prachtvoll der Landsitz der Familie Mowgray auch war, die Ruhe dort empfand Maud als zu still. Aber sie hatte sich vor drei Jahren dafür entschieden, hatte aus gutem Grund das Leben in der Stadt gegen einen Unterschlupf auf dem Land eingetauscht.

»Ich werde nicht weiter nach Mr Fleeth Ausschau halten«, sagte Lady Christabel in überaus ernstem Tonfall. »Falls ich mich irre und ihn verwechselt habe, mache ich mich nur unglücklich.«

Maud faltete einen Schal zusammen und schwieg. Sicher hätte sie tröstende Floskeln finden können, aber sie schätzte ihre Ladyschaft zu sehr, als dass sie Lady Christabel mit hohlen Worten abspeisen würde.

»Falls ich mich nicht getäuscht habe …«, Lady Christabels Stimme brach. »Warum hat er mir nie ein Lebenszeichen geschickt?«

In ihren graublauen Augen glitzerten Tränen, was Maud bedauerte. Schnell, sie musste sich etwas überlegen, um ihre Ladyschaft auf andere Gedanken zu bringen. Statt einer Antwort stupste sie daher Amelia Butterworth an, die schlafend auf dem Sofa lag. Meist gelang es dem schneeweißen Kätzchen durch seine Kapriolen, Lady Christabel abzulenken. Aber Amelia Butterworth schien das Unglück ihrer Besitzerin vollkommen gleichgültig zu sein. Die Katze öffnete ein Auge, gähnte und schloss es wieder.

»Du Ungetreue.« Maud drohte der schneeweißen Katze spielerisch mit dem Finger. »Es hat nicht lange gedauert, bis du aus dem Dienstbotenflügel in die besseren Gefilde entwischt bist. Obwohl ich dir das Leben gerettet habe.«

»Genau genommen habe ich sie aus dem Brunnen gezogen«, antwortete ihre Ladyschaft, »aber dankbar ist sie deshalb nicht. Ich habe den Eindruck, sie will zu meiner Mutter übersiedeln.«

Zu Mauds Überraschung hatte die gestrenge Lady Rosalind Mowgray sich Hals über Kopf in das possierliche Kätzchen verliebt. Maud hätte Wetten darauf abgeschlossen, dass Amelia Butterworth, die sie heimlich »Kitty« nannte, ins Gartenhaus verbannt werden würde. Stattdessen bekam sie besseres Essen als die Dienstboten und durfte ihren pelzigen Hintern auf Kissen aus Samt und Seide platzieren.

Da hätte man doch ein bisschen Dankbarkeit erwarten dürfen, nicht wahr? Aber selbst Maud konnte dem Kätzchen nicht böse sein. Was wusste das Tier schon von den Irrungen und Wirrungen der Menschenleben?

»Möglicherweise hat Mr Fleeth einen guten Grund, sich bedeckt zu halten.« Maud wollte zwar nichts einfallen, was so ein schnödes Benehmen rechtfertigte, aber vielleicht halfen ihre Worte Lady Christabel über ihren Kummer hinweg. »Sie haben selbst gesagt, seine Arbeit bringt ihn mit gefährlichen Leuten zusammen.«

Denn Mr Fleeth war ein Journalist, der sich dem Aufdecken skandalöser Zustände in London, vor allem in den Armenvierteln des East End, verschrieben hatte. Das wenige, was Maud davon mitbekommen hatte, erschien ihr bedrohlich. Denn allzu häufig waren es die reichen Familien Londons, die von dem Elend profitierten. Und mit denen legte man sich besser nicht an.

»Inzwischen fürchte ich, er hat mich nur benutzt.« Ihre Ladyschaft presste die vollen Lippen zu einem schmalen Strich zusammen, ihre graublauen Augen glänzten erneut verräterisch. »Nicholas Fleeth wollte Zugang zu den besseren Kreisen und ich war das Mittel.«

Wieder schwieg Maud. Sie wollte Lady Christabel widersprechen, wollte ihr sagen, dass Mr Fleeth sie voller Liebe angesehen hatte. Hätte der junge Journalist es darauf angelegt, sich bei den Lords und Ladys einzuschleichen, hätte es leichtere Wege gegeben. Maud war sicher, dass Mr Fleeth ihre Ladyschaft ebenso geliebt hatte wie sie ihn. Daher wollte ihr auch kein Grund einfallen, warum er sang- und klanglos verschwunden sein sollte.

Nur um sich von Lady Christabel zu trennen – nein, auch dafür hätte es einfachere Möglichkeiten gegeben. Weder Maud noch ihre Ladyschaft würden wohl je erfahren, was es mit seinem Verschwinden auf sich gehabt hatte.

»Dabei hätte Nicholas es besser wissen müssen.« Lady Christabels Stimme klang belegt. Sie zog sich die Katze auf den Schoß, was Amelia Butterworth mit einem Fauchen quittierte. »Mir sind alle Privilegien und Rechte vollkommen unbedeutend.«

»Haben Sie eine weitere Detektivgeschichte geschrieben?« Auch wenn sie Lady Christabel mochte, fühlte Maud sich nicht in der Stimmung, mit ihr über deren Liebesglück zu philosophieren. Zu unterschiedlich waren ihre Lebenswelten. Die schrecklichen Ereignisse auf Ashburn Abbey hatten sie zwar einander nähergebracht, aber sie würden Lady und Zofe bleiben und nie Freundinnen werden können.

»Ach, Maud, wie gelingt es dir nur immer, den Finger in die Wunde zu legen?« Ein Seufzen begleitete die Worte. »Ich habe eine Blockade.«

Hölle und Hinkebein. Wie sollte ich ahnen, dass Lady Christabel nichts mehr einfällt? Hoffentlich kommt sie nicht auf die Idee, wir bräuchten einen neuen Mordfall, damit sie wieder schreiben kann.

Glücklicherweise klopfte es in diesem Augenblick an der Tür, was Maud einer Antwort enthob.

»Mylady?« Gladys, das jüngere Hausmädchen, streckte ihren Kopf zur Tür herein. »Ihre Eltern bitten Sie, in den roten Salon zu kommen.«

Maud und Lady Christabel wechselten einen Blick. Ihre Ladyschaft erhob sich so schnell, dass Amelia Butterworth gänzlich unelegant von ihrem Schoß purzelte. Das Kätzchen zischte und hieb mit seiner winzigen Pfote nach Lady Christabel. Die Krallen verhakten sich im überbordenden Stoff des Kleides. Maud blieb nichts anderes übrig, als sich vor ihre Ladyschaft zu knien, um die Katze zu befreien, die am Kleid hin und her schaukelte. Zum Dank zog ihr Amelia Butterworth die Krallen über den Handrücken, bevor sie mit hochgerecktem Schwanz an Gladys vorbei davongaloppierte.

»Sie soll nicht hinauslaufen!«, rief Lady Christabel, aber viel zu spät. »Mutter wird nicht begeistert sein.«

»Kommen Sie, Mylady.« Maud wischte sich das Blut mit einem Taschentuch ab. »Wir wollen Ihre Eltern nicht warten lassen.«

Auf dem Weg in den roten Salon, der sie an den Porträts der streng blickenden Vorfahren vorbeiführte, entdeckte Maud, dass Amelia Butterworth auffällige Fäden gezogen hatte. Hölle und Hinkebein! Das würde Lady Mowgray bestimmt Maud ankreiden. Schließlich oblag es der Zofe, darauf zu achten, dass die Kleidung ihrer Ladyschaft stets perfekt aussah. Aber in Lady Christabels Zimmer zurückzukehren, war keine Option, denn man ließ den Earl und die Viscountess of Waldeford nicht warten. Daher öffnete Maud die Tür und betrat hinter ihrer Ladyschaft den Salon.

»Christabel. Wie siehst du nur aus?« Selbstverständlich hatte Lady Mowgray den Fehler sofort erspäht. Als wäre das nicht schlimm genug, raste ein weißes Schemen an Maud vorbei in den Salon und begann, seine Krallen am Sofa zu wetzen.

Ich werde meine Stelle verlieren, alles wegen dieses frechen Katzentiers.

Lord Alistair Mowgray schüttelte den Kopf und schien etwas Ärgerliches sagen zu wollen. Allerdings war es dafür bereits zu spät.

»Da ist ja mein Schatz«, säuselte Lady Mowgray mit einer überaus sanften Stimme, die Maud der stets etwas kühl wirkenden Viscountess of Waldeford nicht zugetraut hätte. »Was du für kräftige Krallen hast.«

Üblicherweise hätte Maud sich Amelia Butterworth gegriffen und rausgesetzt, aber das wagte sie nicht. Lady Christabel, Lord Mowgray und Maud konnten nur stumm beobachten, wie das Kätzchen Faden um Faden aus dem rot gemusterten Stoff zog. Endlich hatte Amelia Butterworth genug und hüpfte Lady Mowgray auf den Schoß, wo sie sich einrollte.

»Christabel!« Den Tonfall kannte Maud nur zu gut – und fürchtete ihn. Lady Christabel ging es gewiss ähnlich.

»Ja, Mutter?«

»Am kommenden Sonntag begleitest du uns nach Epsom zum Abschlussrennen der Saison.« Ein Seufzer begleitete die Worte. »Dudley Gillet würde sich gewiss freuen, dich zu sehen.«

»Mutter! Du weißt, ich finde ihn entsetzlich.«

Maud konnte nur zu gut verstehen, warum Lady Christabel nicht verheiratet werden wollte. Vor allem nicht an Lord Gillet, der ein furchtbarer Langweiler war. Allerdings war der Druck, sich endlich einen passenden Ehemann zu suchen, gestiegen, seitdem Lady Dahlia, Lady Christabels jüngere Schwester, sich verlobt hatte. Ihre Ladyschaft hatte Maud anvertraut, dass sie lieber in ein Kloster ginge, als so einen hochnäsigen Gecken wie Dahlias Verlobten auch nur in Betracht zu ziehen.

»Christabel, es ist beschlossen.« Selbst der Earl of Waldeford zuckte zusammen, wenn Lady Mowgray in diesem Ton sprach. »Heute Nachmittag hat Lavinia um deinen Besuch gebeten.«

Aus dem Augenwinkel sah Maud, wie sich Lady Christabels Miene aufhellte. Lavinia Mowgray, die Schwester von Lord Alistair, war unverheiratet, unabhängig und sehr glücklich – und damit ein Vorbild für ihre Ladyschaft.

»Sehr gern. Ist sonst noch etwas?«

»Nein.« Lady Mowgray schüttelte den Kopf und streichelte Amelia Butterworth, die leise schnarchte.

Als sie an der Tür angekommen war, musste Maud sich einfach noch einmal umdrehen, um diesen überraschenden Anblick zu genießen: Die überaus elegante Dame, die völlig versunken das weiße Kätzchen streichelte. Plötzlich verzog ihre Ladyschaft angeekelt das Gesicht, streichelte aber unbeirrt werden.

Maud stupste Lady Christabel an, die sich umdrehte und sofort erkannte, was geschehen war. Amelia Butterworth litt unter Blähungen, die man nicht hörte, aber roch. Sehr stark roch. Sowohl Maud als auch Lady Christabel flohen sofort, wenn das passierte; daher bewunderte Maud Lady Mowgray für deren Durchhaltevermögen.

»Selbst wenn mir Nicholas jetzt entgegenkäme und mich anlächelte und um Verzeihung bäte, selbst dann würde ich an ihm vorbeigehen, als wäre er ein Fremder.«

»Das wäre äußerst unhöflich.«

»Nein, das hat er verdient.«

»Was Ihre Tante wohl wünscht?«, versuchte Maud, das Thema zu wechseln. Denn »Ich würde Nicholas Fleeth ignorieren« hatte sie heute bereits in vier Variationen gehört. »Vorsicht!«

Da das Wetter sich von seiner besten Seite zeigte, hatte Lady Christabel darauf bestanden, zu Fuß den Weg bis zum Treffpunkt mit ihrer Tante zurückzulegen. Maud schätzte das nicht, weil das für sie bedeutete, Obacht auf Taschendiebe oder andere verdächtige Gestalten geben zu müssen. Jetzt näherte sich ihnen ein wohl zwölfjähriger Junge, der viel zu zerlumpt aussah, um im eleganten Belgravia zu Hause zu sein. Doch das Kind lief an ihnen vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

»Maud, du bist zu misstrauisch. Nicht jeder arme Mensch ist ein Verbrecher.«

Woher wollen Sie das wissen? Wie vielen armen Menschen sind Sie bisher begegnet?

Manchmal reizte es Maud schon, ihre Gedanken laut auszusprechen, aber Lady Christabel würde sie höchstwahrscheinlich nicht verstehen. Also beließ sie es bei einem allgemeinen »Besser vorsichtig als hinterher schlauer«.

In dem Moment rempelte ein stämmiger Mann sie rüde im Vorbeigehen an. Gerade, als Maud ihn scharf zurechtweisen wollte, erreichte ein Geruch ihre Nase und ließ sie alles andere vergessen. Verbrannter Salbei! Sofort fühlte sie sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Patrick hatte immer darauf bestanden, ihn abzubrennen, obwohl Maud es hasste, wie schwer sich der Geruch auf ihre Haare und Kleider legte. Selbst nach tagelangem Lüften meinte sie, die würzige Süße noch erschnuppern zu können, und erinnerte sich an das, was er für sie bedeutete: Betrug und Trauer.

Überrascht und erschreckt blieb sie stehen. Ihre Gedanken rasten: Wer war dieser Kerl? Kannte er sie? Kannte sie ihn?

Kapitel Zwei

Maud, was ist denn los mit dir?« Christabels Ton klang scharf, denn sie war in ihre Zofe hineingelaufen, als diese abrupt stehen geblieben war. »So abwesend kenne ich dich nicht.«

»Entschuldigung, Mylady.« Maud wich ihrem Blick aus und schien etwas in der Menge zu suchen.

Bevor Christabel sie erneut rügen oder fragen konnte, was die Aufmerksamkeit ihrer Zofe fesselte, entdeckte sie eine bekannte Gestalt.

Durchschnittlich groß, von durchschnittlicher Figur, mit Haaren von einem unauffälligen Braunton hätte man Lavinia Mowgray leicht übersehen können, wären nicht ihre blitzenden braunen Augen und der meist lächelnde, etwas zu breite Mund gewesen. Tante Lavinia war keine Schönheit wie Christabels Mutter, aber sie strahlte Lebendigkeit und Lebensfreude aus, was Christabel viel anziehender fand. Wenn man den Gerüchten Glauben schenken konnte, hatte es einige Gentlemen gegeben, die dem Grübchen in Lavinias rechter Wange verfallen waren.

»Komm, Maud, dort ist meine Tante.«

Es erschien Christabel, als folgte ihr die Zofe nur widerwillig, als wollte sie lieber hier auf der Straße verweilen und nach etwas Ausschau halten. Maud war immer etwas unkonventionell gewesen, aber das war wahrhaftig zu viel des Guten.

»Maud!«

»Entschuldigung, My...« Maud schüttelte den Kopf, als wäre sie aus einer Trance oder einem Traum erwacht. »Ich dachte, ich hätte jemanden gesehen …«

Kurz überlegte Christabel, ob sie ihre Zofe schärfer zurechtweisen sollte, aber sie entschied sich dagegen. So kapriziös Maud in vielerlei Hinsicht war, so kam sie einer Freundin für sie am nächsten. Ganz zu schweigen davon, dass Maud und sie ein gewaltiges Geheimnis teilten – die Wahrheit über den Tod eines Lords.

»Tante Lavinia, gut siehst du aus«, log Christabel, die sich erschrocken hatte, wie erschöpft und plötzlich gealtert ihre sonst so agile und lebensfrohe Tante wirkte. »Wo wollen wir hingehen?«

In der Nachricht hatte Lavinia nur geschrieben, dass sie Christabel dringend sehen musste und ihre Hilfe benötigte. Ob es mit einem Verbrechen zu tun hatte? Ehrlicherweise hoffte sie das sogar, um endlich ihre Schreibkrise zu überwinden. Es gab nichts Bittereres, als vor einem leeren Blatt Papier zu sitzen, Hunderte von Ideen im Kopf, die sich aber nicht niederlegen ließen. Ihre erste Kurzgeschichte hatte sich wie von selbst geschrieben. Umso mehr schmerzte es, dass sie nach dem großen Erfolg einer Veröffentlichung im »The Strand Magazine« kein veröffentlichungswertes Wort mehr zu Papier brachte.

»Christabel, liebes Kind. Ich bin dir so dankbar, dass du Althea und mir helfen willst.« Tante Lavinia nahm Christabel in die Arme, eine äußerst ungewöhnliche Zurschaustellung von Gefühlen, an der man ablesen konnte, wie aufgewühlt ihre Tante war. »Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der Erfahrungen mit Ermittlungen hat.«

»Lady Christabel?«, ließ sich Maud vernehmen, der Ton eine Mischung aus Überraschung und Empörung. »Sie hatten versprochen …«

»Tante Lavinia weiß nur, dass du und ich versucht haben, den Tod von Lucian Willmington aufzuklären.«

»Was ich überaus mutig finde, mein liebes Kind. Wie schade, dass ihr nicht erfolgreich wart.«

Aus dem Augenwinkel bemerkte Christabel, wie Maud sich entspannte und ihr zunickte. Hatte ihre Zofe wahrhaftig gedacht, Christabel würde ihr Versprechen brechen, das sie nach den Ereignissen auf Ashburn Abbey gegeben hatte? Dennoch gehörte es sich nicht, dass Maud sie vor ihrer Tante dermaßen anfuhr. Es wurde Zeit für ein Gespräch, in dem sie ihrer Zofe den Platz wies. Aber erst einmal stand die Frage an, warum Tante Lavinias Freundin Hilfe benötigte.

»Kannst du mir sagen, worum es geht?« Christabel passte ihren Schritt dem schlurfenden Gang ihrer Tante an, während Maud sich zurückfallen ließ. »Deine Nachricht klang überaus geheimnisvoll.«

»Ach, Kind, das soll Althea dir selbst sagen. Mir steht es nicht zu, über ihr Dilemma zu reden.«

Nun war Christabels Neugier geweckt. Gemeinsam mit ihrer Tante bog sie in eine der Straßen ein, die zum St. James’s Park führten. Von hier aus war es nicht weit zum Buckingham Palace. Wenn Lavinias Freundin sich hier ein Stadthaus leisten konnte, gehörte sie sicher zum Bekanntenkreis von Christabels Familie. Christabel hatte bereits überlegt, ob sie jemanden mit dem ungewöhnlichen Vornamen »Althea« kannte, aber ihr war niemand eingefallen. Ihre Neugier wuchs, als sie sich einem der typischen Londoner Stadthäuser aus weißem Stein näherten. Die Fassade war eher schlicht gestaltet, nur ein runder Erker gab dem Gebäude etwas Verspieltes.

Maud nahm die Karten von Christabel und ihrer Tante und klingelte. Nachdem ein hochmütig aussehender Butler ihre Visitenkarten auf einem silbernen Tablett entgegengenommen hatte, bat er sie um einen Moment Geduld.

Was für ein Unfug. Tante Lavinia hat die Verabredung für uns getroffen. Warum müssen wir uns noch diesem albernen Ritual unterziehen?

Endlich kehrte der Butler zurück, sein Blick etwas freundlicher als zuvor.

»Lady Haddington bittet Sie in den weißen Salon. Folgen Sie mir freundlicherweise.«

Christabel nutzte die Gelegenheit, sich im Innern des Hauses umzuschauen.

---ENDE DER LESEPROBE---