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"Lügen ist ein blauer Himmel. Eine humorvolle Familien- und Freundinnengeschichte" Eva lügt das Blaue vom Himmel und flüchtet sich in ihre Fantasie. Nur so hält sie es mit dem besten Ehemann von allen, kurz BEVA, und den Grazien Vicky und Rieke sowie der aberwitzigen Verwandtschafts-Bagage aus. Doch auch inmitten schreiend komischer Familienkatastrophen kann sich Eva auf ihre außergewöhnlichen Freundinnen verlassen. Ihre beste Freundin, die Waschmaschine Tinka, leistet Katharsis 24/7. Pons schenkt ihr schöne Wörter mit Erkenntnisgewinn. Zusammen machen sie eine unglaubliche Pilgerinnenreise zurück ins Paradies, die urkomisch und überraschend tiefgründig ist. Mit von der Partie sind außerdem "Eva Reloaded", die Eva ist, wie sie sein könnte, Mutti-Chancellorness und weitere besondere Freundinnen. Das Buch ist eine Hymne an die Fantasie und ein Must-read für alle Frauen und ihre Freundinnen.
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Seitenzahl: 338
Veröffentlichungsjahr: 2020
Ich widme dieses Buch allen, die mir Mut gemacht haben, es zu schreiben.
Das Buch »Lügen ist ein blauer Himmel« ist eine Hymne an die Fantasie. Die Personen und die Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden.
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Epilog
Der beste Ehemann von allen, kurz BEVA, also das Beste von mir, Eva, sitzt am Küchentisch und sagt nichts an diesem Morgen. Er hat doch irgendetwas. Ich betrachte ihn genauer. Er sieht zerknitterter um die Augen aus, auch schmallippiger, blasser. Er scheint nervös. Ich frage, was denn los sei. Er rückt nicht mit der Sprache raus. Meine Gedanken drehen sich weiter im Kreis. Ist was mit seinem Job? Hatte er mal wieder Zoff mit dem Grünspecht? Warum sagt er nicht was? Beunruhigt fange ich an, an den Fingernägeln zu kauen.
Von Rieke, der kleinen der beiden Grazien, werde ich zurechtgewiesen, dass das Kauen eine Unart sei. Sie wolle sich auf dem Abiball nicht mit einer Mutter blamieren, die abgekaute Fingernägel wie ein Teenie hätte. Wenn sie sich zusammenreißen könne, könne ich das auch. Wie alt sei ich noch mal? Sie vergesse es immer.
Frühzeitige Demenz vom andauernden Shoppen bei Zalando, Amazon und Co., denke ich bei mir, traue mich aber nicht, Rieke das zu sagen. Es würde Monate dauern, bis sie es mir verziehe. Ich wäre so was von out. Kein Wort würde sie mehr mit mir reden. Das wäre die absolute Höchststrafe. Wenn Rieke sauer auf mich ist, bringt sie es, mich komplett zu ignorieren.
Erneut fragt sie: »Wie alt bist du noch mal?«
Wahrscheinlich sehe ich aus wie eine unglückliche Portion Blubb-Spinat, als ich »54« sage. Jedenfalls bringe ich die kleine Grazie dazu, auszurufen: »Och Mami!« Ihre Stimme berührt mich und ich begreife, dass ich zärtlich an ihr hänge, und dabei kommt etwas in mir zum Vorschein, von dem ich sicher sagen kann, dass ich es nie gewollt, geschweige denn in mir vermutet hätte: diese Glucke. Die will ich nicht sein und bin es doch immer wieder.
»Och Mami«, wiederholt die kleine Grazie. Mitleidig blickt sie mich an und bekennt: »Nimm’s mir nicht übel, aber weißt du, gerade bin ich sooo froh, dass ich erst 17 bin und noch nicht 54. Ich hab mein Leben noch vor mir. Ist nicht bös gemeint.«
Sie verlässt den Küchentisch, an dem wir gerade noch zu dritt gefrühstückt haben, und verschwindet im Haus.
BEVA sitzt da wie vorher und ich kaue wieder an den Fingernägeln.
Vielleicht überlegt BEVA nur, wie er alles, was auf seinem imaginären Aufgabenzettel steht, erledigen kann. Es stehe immer zu viel drauf auf seinem Zettel, habe ich ihm schon so oft gesagt. Er legt den Unterarm auf den Tisch und bewegt ihn über die Tischfläche wie einen Scheibenwischer.
Nach 25 Jahren Ehe teilt sich BEVA mir meist ohne Worte mit. Und eigentlich ist es ohne Worte besser. Wir finden ohnehin nur die alten und die kennen wir voneinander. Das nervt. BEVA findet das auch.
Im letzten Urlaub an der Ostsee habe ich ein Ehepaar beobachtet, das sich während eines dreigängigen Menüs bloß angeschwiegen hat. Nur mit dem Kellner haben sie ein paar Worte gewechselt. Ich hätte Bravo rufen sollen. Die beiden haben’s kapiert: Schweigen ist Gold. Manchmal wäre es besser, BEVA und ich täten das auch, ich meine, schweigen. Tatsächlich sind wir noch in der Silberphase und sagen einander von Zeit zu Zeit, was wir bereits wissen und was uns aneinander nervt. Mit etwas Glück liegt viel Zeit zwischen von Zeit zu Zeit. Wenn wir ehrlich miteinander reden, fängt es an, schwierig zu werden. Wir hoffen dann, unsere ehrlichen Worte mögen sich irgendwohin verkrümeln, am besten unter den Tisch, so wie ich es früher gemacht habe, wenn ich als Kind in mein Zimmer geschickt wurde. Heimlich habe ich mich danach in die Wohnstube zurückgeschlichen. Alle taten, als sähen sie mich nicht, und vergaßen mich bald.
»Deine Freundin hat gerufen«, reißt BEVAs Stimme mich aus meinen Tagtraum-Gedanken.
»Ja«, antworte ich.
»Und, willst du nicht hingehen? Das Gepiepe nervt.«
»Doch, schon«, sage ich und bleibe sitzen.
Auf meine langjährige Freundin ist Verlass. Sie ist da, wenn ich sie brauche; sie weiß, wann ich sie brauche. Ich kann zu ihr gehen, wenn mir danach ist. Sie hört mir zu, selbst wenn sie kaputt ist. Eine piepsige Stimme hat sie. BEVA kann ihr Gepiepe nicht ausstehen.
Tinka trägt schwer, an vielem, am meisten an sich selbst. Sie wäre gern leicht, leicht wie eine Feder. Ich sage ihr, dass sie es schaffen werde, sie müsse daran glauben, wie ich es täte. Um ihr zu beweisen, dass es mir ernst damit ist, nenne ich sie auch Tinka Bell, doch sie möchte nur Tinka genannt werden, möchte nicht daran erinnert werden, dass sie eigentlich gern wie die Fee Glöckchen in »Peter Pan« wäre. Deren hellen Glockenschlag, der durch ihr Leben hallen könnte, will sie nicht hören, und so bleibt sie lieber Tinka, die Waschmaschine.
Tinka hat Reinheitsformat, ist extrem belastbar, steht selbst im Keller zu mir, wo ich seit Jahren mit ihr abhänge.
Die Zeit rast und wir sind mitgerast, haben uns Beulen und Blessuren bei Stürzen geholt, uns schwergetan mit dem letzten Umzug.
Vor dem Umzug stand Tinka im ersten Stock bei uns in der Küche. Jetzt ist sie im Keller. Down Under. Sie mag es, wenn ich »Down Under« sage. Es verbessert nicht den Zustand, aber der Ausdruck entfremdet Tinka von ihrem Kellerdasein.
Down Under bedeutet unten drunter und ist quasi die Steigerung von unten, aber daran wird Tinka nicht denken. Trotzdem mag es Tinka nach Jahren im Kellerverlies vorkommen, als sei sie heute weiter unten. Oder aber sie vergleicht sich mit den Gefangenen, die nach Australien verschifft wurden. Wäre das besser als Kellertheater?
Auch denkbar ist, dass Tinka an Hochglanzfotos von Down Under, also Australien denkt: Skyline von Sydney, Australiens Küste, das Outback. Ich werde sie doch mal fragen, welche Assoziationen ihr bei Down Under kommen. Eines ist jedenfalls klar: Im Keller gibt es keinen australischen Strand, kein Muschel-Opernhaus, keine Kleiderbügel-Brücke. Im Keller ist kein Honigschlecken wie damals im ersten Stock. Da passte es noch, sie Miele zu nennen. Im Italienischen bedeutet »miele« Honig. Es gab nur kleine Wäscheberge. In der Wohnung war kein Platz für große Berge.
Seit dem Umzug nenne ich Tinka nicht mehr Miele. Sie will es so. Streichen kann sie den Namen nicht. Er lässt sich nicht entfernen, ist ihr Markenzeichen. Und wer weiß, vielleicht wird der Name eines Tages wieder passen.
Tinka und ich waren nach dem Umzug kaputt und in der Zwischenzeit mussten wir Teile ersetzen lassen, ich die Zähne, sie den Gummischlauch, der vom Dreck zerfressen war. Ich habe viel Wäsche und meine Wäsche ist sehr schmutzig.
Meine Freundin sieht mittlerweile nicht mehr aus wie die süße Miele mit dem Honigmondgesicht und ich … Ich vermeide es, mich anzusehen. Auch wenn sie es abstreitet, weiß ich, dass Tinka gern wieder Miele wäre, wenn auch älter und gebraucht, eine, die über Erfahrung und Können verfügt. Eine, die noch viel Zeit hat. Zeit! Ach, lassen wir das.
Wir konzentrieren uns jetzt auf das Wesentliche: Ich lade meinen Berg schmutziger Wäsche bei Tinka ab, sie konzentriert sich auf das Sauberwaschen und Nach-mir-Rufen, wie gerade jetzt.
Wenn Tinka ein Signal von sich gibt und ich nicht komme, piept sie beharrlich und hartnäckig weiter.
Das Piepen nervt BEVA. Er könnte jetzt gerade was dagegen tun, aber dann müsste er in den Keller gehen und dafür ist es doch nicht nervig genug. Da erträgt er es lieber.
BEVA interessiert sich nicht für Tinka. Ich interessiere mich auch nicht für seine Freunde: Jannik, Pete und Björn. BEVA spielt mit ihnen Squash. Streng genommen ist nur Björn BEVAs Freund. Björn hat eine Macke mit seinen Modellautos. Das mit Björn und mir an Silvester weiß BEVA nicht. Wenn die vier mittwochabends Squash spielen, bin ich froh, dass BEVA aus dem Haus ist. Er sicher auch. Ich sehe es dann an seinen Mundwinkeln, die ein klitzekleines Lächeln verstecken.
Jetzt gerade sehe ich, dass er sauer ist. Ich gehe besser zu Tinka. Die meiste Zeit verbringt meine beste Freundin damit, sich im Kreis zu drehen. Das ist uns gemein. Ich drehe mich auch im Kreis. Alles dreht sich um diesen Wäscheberg.
Meine beste Freundin und ich wollen gemeinsam ins gelobte Land. Dafür halten wir einander die Treue. Es ist besser, zu zweit unterwegs zu sein. Wir machen unsere eigene und geheime Pilgerinnenreise, auch wenn es zurzeit nicht so aussieht, als kämen wir jemals an, wissen wir doch, dass es passieren wird. So sei es. Wenn wir dort ankommen, wo das Leben paradiesisch ist und Löwen friedlich mit Lämmern leben und wir, meine Freundin und ich, mittendrin – wenn wir dort ankommen, ist das Katharsisprogramm Geschichte.
Die beiden Grazien möchte ich mitnehmen ins gelobte Land, und BEVA, ja, der muss wohl auch mit, er ist ja das Beste von mir, da sind sich alle einig, so einig, dass ich es auch glaube und als eine unumstößliche Wahrheit betrachte, wie eine physikalische Gesetzmäßigkeit. Bis wir dort sind, bin ich dankbar für die Treue meiner besten Freundin. Wie ein Füllhorn lauter Glücks ist sie. Das sage ich ihr. Oft sage ich es. Ich bin halt sehr gefühlsduselig.
Meine beste Freundin hat jetzt aufgehört zu piepen und ist ganz still. Ich schätze es, wenn sie still ist. Die Grazien sagen eh genug und BEVA sagt meist das, was ich nicht hören will. Einen Moment genieße ich die Stille. Dann öffne ich meine beste Freundin und die geschleuderte Wäsche kommt mir entgegen. Alles sauber.
Nach getaner Arbeit piept meine Freundin immer. Sie zieht ihr Katharsisprogramm konsequent durch. Chapeau!
Ich habe keine Ahnung, welches Programm ich wählen muss, um ins gelobte Land zu kommen, und ohne Programm verirre ich mich in dieser gruseligen Welt. Bei Tinka sehe ich sofort, welches Programm sie braucht, auch ob sie einen Weichspüler benötigt. Bei mir selbst steige ich nicht durch. Mir ist dauerhaft nach Weichspülen, in der Familie und auch sonst, aber das kann nicht richtig sein. Ich bin auf dem Irrweg.
Tinka klagt nicht über die schmutzige Wäsche, mit der ich sie befülle. Ich schließe ihre Tür und drücke Schonwaschgang. Schonung ist genau das, was ich gerade brauche, und ich beschließe, noch eine Weile bei meiner Freundin in Down Under zu bleiben.
Obwohl der Tag fast neu ist, schwillt mir der Kopf von BEVA und den Grazien. Tinka sagt nicht viel, bis auf das Rauschen und Gurgeln. Sie weiß mehr über mich als Google, Facebook und WhatsApp zusammen, seit letztem Jahr auch von Jodie und John. Ich bin seitdem erleichtert. Dass Tinka mir keine Vorwürfe macht, macht es erträglicher.
Ich belade Tinka mit meinen Problemen und sie hält es aus. Sie kann nicht weg; ich auch nicht. Auch das haben wir gemein. Meine Freundin ist treu. Ich weine heimlich über mich und sie, weil sie und ich an mir und meiner schweren Schuld tragen. Dass Jodie und John tot sind, bleibt. Haftet. Ewig. Seitdem hat sich der Tod in mir beheimatet.
Am 17. Dezember habe ich die ganze Nacht bei meiner Freundin auf dem Steinfußboden gesessen. Jedes Jahr am 17. Dezember möchte ich Katharsis all inclusive, »alles vergessen«, drücken. Ich will nicht mehr wissen, dass ich Jodie anfangs nicht wollte. Wie konnte ich nur? Jodie sieht zart und verletzlich aus. Die kleinen Finger. Das dunkle Haar. Sie ist so hübsch. Sie sagen, dass sie nur Stunden hat. John geht. Konsequent. Will sich das Drama nicht anschauen. Eine Stunde später mit dem Auto bei Blitzeis von der Brücke in den eisigen Fluss. Unfall. Tot, eine Stunde vor Jodie. Ich blieb, bleibe. Jodie kann ich nicht reinwaschen.
So sehr ich mich abmühe, werde ich nicht rein. Sauber muss halt reichen fürs gelobte Land.
Tinka hat das Kurzwaschprogramm fast beendet und trommelt. Ich lasse mich aufrütteln, reiße das Kellerfenster auf. Tinka und ich verbinden uns, Seele an Seele, erfrischen uns an der Luft, tanzen wie Drachenschleifen himmelwärts!
»Zieh es durch!«, flüstert meine Freundin im Aufwind. »Zieh es durch!« Wir stürzen ab. »Zieh es durch!«, spricht sie mit tonloser Stimme. »Zieh es durch!«
»Mama!«, ruft die kleine Grazie.
Mein Kopf schmerzt. »Ja.«
»Mama!«
»Mama«, kreischt sie.
Sie wird doch nicht. Ihr ist schon viel passiert. Da ist sie wieder, meine Angst, sie wie Jodie zu verlieren. Ich stürze mit großen Schritten aus dem Waschkeller die gewundene Treppe hoch, blicke mich um.
»Rieke!«, rufe ich. »Wo?«
»Hier oben.«
Ich haste die Treppe hoch und sehe sie am Schreibtisch sitzen.
»Was ist?«, keuche ich.
Die laute Stimme in mir sagt, sie sei keine drei und fast erwachsen, was ich mit einem höhnischen innerlichen Lachen in Abrede stelle.
»Ich wollte dir die neuen Pullis zeigen.«
»Und deshalb …« Ich breche ab, will keinen Streit.
Wieder die Stimme in mir: »Wann begreifst du’s endlich?«
Ich tu so, als hörte ich nichts, hole mir einen Stuhl und schaue mit Rieke Klamotten im Internet an, eine Stunde lang, bis BEVA ins Zimmer kommt und fragt, ob ich mal eben Zeit hätte. Ich werde hellhörig. »Mal eben« kann lang sein, das letzte Mal: eine Studie übersetzen von 60 Seiten. Aber ja, ich hätte Zeit.
Zeit habe ich reichlich. Im Gegensatz zu allen anderen in der Familie habe ich Zeit im Überfluss, das sagen BEVA, die Grazien und auch sonst alle. Hingegen finden sie, mir fehle, was andere hätten: ein richtiger Beruf.
Onkel Gerd meint ebenfalls, Schriftstellerin sei kein richtiger Beruf. Soweit er das beurteilen könne, schriebe ich über die schmutzige Wäsche von Menschen, die es gar nicht gebe. Was für einen Sinn mache das? Und ich machte mir auch noch die Finger schmutzig, wenn ich deren Wäsche sortierte, und behauptete obendrein, mir bereite das Freude. Das sei eine gefährliche Entwicklung. Auch weil ich andererseits über meine eigenen Wäscheberge klagte. Und es komme ja auch nichts raus bei meinem Schreiben. Schriftstellerin sei ein verlorener Beruf. Onkel Gerd sagt auch, er meine es gut mit mir und ich solle die Finger vom Schreiben lassen.
Ich kann die Finger trotzdem nicht davon lassen. Meine Finger suchen sich ihren Weg ins gelobte Land und scheren sich einen Dreck darum, was Onkel Gerd sagt.
»Mama!«, ruft Rieke und zwingt mich, die Gedankenleiter hinabzusteigen.
»Ich warte!«, ruft BEVA. Sein Tonfall gefällt mir nicht.
»Mama!«
Ach ja, die Präsentation über Meeresverschmutzung wollte sie mir vorstellen. BEVA kommt die Treppe hoch.
»Eva, wo bleibst du?«
»Ich hab mal eben keine Zeit.«
»Ich muss morgen mit dem Grünspecht über den Text sprechen, der hat schon seit Tagen Stress gemacht. Komm. Jetzt.«
Er blickt mich an und setzt hinzu: »Bitte.«
Das war es also, was ihn heute Morgen so beschäftigt hat. »Okay, ich komme«, sage ich.
Abwasch, Aufräumen, liegengebliebene Wäsche, Rechnungen, Brief an den Schulelternrat, E-Mails wegen der Demo, Anruf bei BEVAs Mutter – das alles schiebe ich weit weg.
»Du hast es versprochen«, meckert die Kleine.
»Gleich.«
»Gleich in drei Stunden.«
»Gleich, wenn ich kann.«
Rieke knallt die Zimmertür zu, schließt ab. Unten in der Stube sitzt BEVA. Als ich reinkomme, gibt er mir einen Stapel von Unterlagen. Ich sehe sofort, dass es mindestens 30 Seiten sind.
»Liest du den englischen Text mal eben. Ich brauche nur eine kurze Zusammenfassung. Ist wahrscheinlich nur Geschwafel, aber …«
Ich nehme den Stapel Papier.
Um seinen Dozentenjob an der Uni beneide ich BEVA. Sein Studiengebiet Stadtentwicklung ist interessant, sehr sogar.
Die 30 Seiten überfliege ich kurz. Es geht darum, dass die EU mit ihren Programmen eine nachhaltige und sozialverträgliche Stadtentwicklung fördert. Saubere Luft, sauberes Wasser, sozial verträglicher Wohnungsbau und so weiter. Lauter schöne Ziele.
»Vielleicht gehen wir es genauer durch«, meint BEVA.
»Dann lass mich vorab einige Wörter nachgucken«, sage ich bestimmt.
Er nickt. Hat verstanden. Ich gehe.
Schwer beladen mit Wörtern liegt sie auf dem Schreibtisch. Auf dem grünen Umschlag steht: »Komplett aktualisiert« und »Großwörterbuch Englisch.« Es ist nicht die neuste Ausgabe, sondern die von 2008. Das Alter schleicht. Pons schleicht mit, immer bereit, mir die richtige Antwort zu geben. Ich trage meine zweite – kluge – Freundin auf Händen. Während ich BEVAs Text lese, schlage ich bei Pons nach. Ich bin beruhigt. Komme voran. Pons weiß (fast) alles. Ich könnte nicht ohne sie überleben. Keinen Tag. Ungefähr 390.000 Stichwörter und Wendungen verzeichnet meine Freundin Pons. Und jetzt gibt es sogar ein Online-Wörterbuch und eine Community.
Pons kann nicht an sich halten.
Pons, was soll das? Ich spüre deine Aufregung, wenn ich mit den Fingern über deine Seiten gleite. Rätst mir, »Kette« nachzuschlagen. Meinst »chain«. Aha! Ich lese »einen Hund an die Kete legen«, »to chain up a dog«. Was soll das, Pons? Ich bin kein Hund; »seine Ketten zerreißen« heißt »to break one’s chains«. Das soll ich machen, Pons? Lass es, Pons! Mich auf solche Gedanken bringen, stopp! Du willst das nicht. Doch. Kluge Freundin. Ich wolle die Dinge nicht klarer sehen. Ich sei rebellisch wie du. Das muss ich mir merken. Du traust dich was! Stiftest mich an, Pons? Seit wann bist du rebellisch? Immer schon. Wer etwas weiß, rebelliert. Wieso sollte ich? Ich und faule Kompromisse, du gehst weit. Das siehst du anders. Bist, wie ich war, früher, ganz weit weg. Alle reißen an mir. Ich zerreiße mich. Ich muss etwas ändern.
Auf die Brötchen und die Rosinenschnecken mit super viel Zuckerguss kann ich nicht verzichten. Weil ich dafür beim Bäcker bezahlen muss, also eigenes Geld benötige, mir zu Hause die Decke auf den Kopf fällt, ich Abwechslung brauche, auch fürs Schreiben, und ich wirklich meine Ruhe vor den Grazien und BEVA haben möchte, erteile ich Sprachunterricht.
Vor einiger Zeit sagte mir ein Kursteilnehmer nach dem Unterricht: »Das Buch ist wohl Ihre Bibel.«
Mit der Bibel meinte er meine Freundin Pons. Ich fragte nach, was ihn zu dieser Ansicht gebracht habe.
»Sie haben während des Englischunterrichts nahezu die ganze Zeit die linke Hand auf den Buchdeckel gelegt, als würden Sie einen Eid leisten.«
»So wahr mir Gott helfe«, hat auch Mutti-Chancellor bei ihrer Vereidigung gesprochen. Es ist schwer, was sie macht. Wir haben es alle nicht leicht: Mutti-Chancellor, ich, Pons, Tinka. Wir alle brauchen Hilfe.
Im Englischen Garten in München sprach mich vor einiger Zeit ein Obdachloser an und fragte nach einem Euro. Da ich keinen bei mir hatte, gab ich ihm mein letztes Kleingeld, 30 Cent, worauf er sagte: »Man muss nehmen, was man kriegen kann.«
Der Ausspruch beschreibt präzise die Situation, in der ich mich mit meinen Freundinnen befinde. Ich nehme, was ich kriegen kann. Ich heiße alle willkommen. Tinka, Pons und seit Kurzem Mutti-Chancellor, weil ich eine mütterliche Freundin brauche.
Freundinnen sind bei mir dünn gesät. Mutti-Chancellor ist noch dazu eine, die glänzt. Mit den Haaren erst, seit sie diesen Promifriseur hat.
Ich würde auch gern glänzen und obenauf sein. Tatsächlich bin ich unten. Das Kellerdasein fordert seinen Tribut. Damit habe ich alle Hände voll zu tun. Meine Hände sind schwarz vom Stapeln der Briketts, mit denen ich den Ofen im Keller befeuere.
Apropos Ofen, der wollte sich doch auch mit mir anfreunden, aber da habe ich den Daumen runter gemacht. In der Hölle will ich nicht schmoren.
Meine Hände sind übrigens nicht nur schwarz, an der rechten Hand habe ich auch Tintenflecken. Die Füllertinte ist gestern auch auf die Hose gelangt, ausgerechnet auf die helle lachsrosafarbene, und auf das T-Shirt, mitten auf den Stern. Eigentlich habe ich genug schmutzige Wäsche. Ich sehe nun aus wie eine Kohlengräberin mit Schreibambitionen.
Was Mutti-Chancellor betrifft, die schweigt sich aus über schmutzige Wäsche. Mich täuscht sie nicht. Ich werde ihr Kellergeheimnis lüften. Jeder hat doch seine Leiche da unten, sie wahrscheinlich sogar mehrere.
Mit Mutti-Chancellor verhält es sich wie mit einem guten Buch. Macht sie auf gut Wetter, kann ich sicher sein, dass sich das flugs ändern wird, der Himmel gleich rabenschwarz sein und es im nächsten Moment blitzen und donnern wird. Mutti-Chancellor besitzt Pageturner-Qualität, wobei sie die Niederungen geistigen Mülls mit wehenden Armen umschifft und auftrumpft mit Physikstudium und Doktortitel ohne Plagiatsvorwurf. Die Mehrzahl hierzulande verfügt weder über das eine noch über das andere. Nichts ist so anziehend wie das, was wir nicht haben, bei einem guten Buch, Film und bei Freundinnen gleichermaßen. Mutti-Chancellors Qualitäten als Schauspielerin schätze ich. Wie Mutti-Chancellor immer alle Rivalen in ihrer Partei aus dem Ring gefegt hat, um als Championette zu triumphieren. Super Action. Filmreif und cool wie »Willkommenskultur«, ein hochbrisanter und polarisierender Streifen mit ihr, dessen Tendenz zum Meisterwerk niemand bestreiten dürfte.
Für mich ist natürlich wichtig, dass Mutti-Chancellor zu Tinka und Pons passt, mehr noch, sie spornt die beiden anderen an, mir zu helfen.
Wenn mich morgen jemand nach meinen Freundinnen fragt, was höchst unwahrscheinlich ist, weil ich speziell und allein, sagen wir besser, für mich bin, werde ich sagen, eine meiner Freundinnen drehe das ganz große Rad in der Politik. Ich muss nehmen, was ich kriegen kann. Ich habe den Jackpot unter den Freundinnen geknackt. Jetzt bloß nicht größenwahnsinnig werden. Pons und Tinka darf ich nicht vernachlässigen.
Unter Freundinnen gibt es Neid, selbst wenn das keine will. Ich beneide Pons um ihr Wissen, Mutti-Chancellor hingegen wäre wahrscheinlich froh, wenn sie nicht immer die große Politnummer durchziehen müsste und einfach mal auf Familie machen könnte. Ich mutmaße, dass sie mich darum beneidet, dass ich ständig zu Hause sitze und das große 3K-T (kurz: Küche-Kinder-Keller-Theater) betreibe. Vom Boulevardstück bis zur großen Tragödie ist alles vertreten.
Währenddessen sitzt Mutti-Chancellor mehr schlecht als recht die Flüchtlingskrise aus, hoffentlich ohne Hämorrhoiden – ich bin nicht unfair, so etwas passiert. Sie regelt die Dinge eben häufig auf ihre Weise oder auch nicht. Zufrieden kann sie mit dem Ergebnis nicht sein.
Tinka ist auch unzufrieden. Sie hätte gern ein schlankes Format. Da geht es ihr wie mir.
Andere sagen über mich, ich sei speziell, sehr speziell. Es ist eine der besseren Beschreibungen. Das Spezielle färbt ab auf die Grazien. Vicky, die ältere, hat das Potential gesehen, welches das Spezielle unserer Familie in sich birgt. »Wenn wir einfach zu Hause die Kamera laufen lassen und das Ganze auf Youtube online stellen, das wäre es, Mama. Dann brauchst du keine Bestsellerautorin werden. Damit verdienen wir in kürzester Zeit Millionen. Und ihr braucht euch keine Gedanken machen, wie ihr mein Medizinstudium finanziert«, meint sie.
Hätte ich Vickys untrüglichen Geschäftssinn, wäre ich längst eine Geld scheffelnde Autorin und meine Bücher wären, sagen wir, in mindestens 40 Sprachen übersetzt.
Jetzt denke ich doch tatsächlich darüber nach, Vickys Vorschlag umzusetzen.
Meist bin ich gedanklich allerdings bei Rieke. Rieke befindet sich in einem Ausnahmezustand; sie macht Abitur und ich gleich mit. Bin jetzt so kurz vor den Prüfungen bestens vorbereitet, habe diesen Nervenkitzel, dass es schade ist, dass ich nicht wirklich Abi schreiben kann, natürlich nur in den Sprachen.
Seit Rieke Abitur macht, lebe ich zu Hause wie eine Gestrandete auf einer einsamen Insel mit BEVA und Rieke, wenn man mal von Vicky absieht, die mich davon abhält, mich in mein Robinson-Crusoe-Schicksal zu ergeben, und mich mit ihren Famulatur-Geschichten mit dem richtigen Leben, das viel mit Krankheit zu tun hat, in Verbindung hält.
Doch das bringt mich nicht davon ab, mit Rieke zu leiden. BEVA leidet auch mit. Es ist ein Familiending. Da halten wir zusammen und leiden gern. So lieb haben wir unsere Rieke, unsere Kleine, die uns über den Kopf gewachsen ist wie alles.
Es ist furchtbar, was den Schülerinnen passiert. Sie müssen mit Weltuntergangsergebnissen in den Klausuren zurechtkommen. Weltuntergang ist für mein Sensibelchen, mit unter zehn Punkten bewertet zu werden.
Vicky ist nicht zufrieden mit meiner Entwicklung. Nachdem sie festgestellt hat, dass ich in den letzten beiden Monaten erstmals weniger Einnahmen hatte, ist sie ins Grübeln geraten. Vickys Grübelergebnis lautet: Ich sollte einen Ratgeber für Abiplanung und Coaching schreiben, inklusive psychologischer Beratung für Abiturientinnen und deren Eltern, jene, die kurz davor sind, aus dem Fenster zu springen, die Scheidung einzureichen oder einfach nur Burnout-Symptome aufweisen und schreiend aus dem Haus laufen, sich nach Ibiza auf Nimmerwiedersehen absetzen oder nur vergessen wollen, wer sie sind und was sie vorhaben, um dann irgendwo ein neues Leben anzufangen.
Ich sei keine Therapeutin, habe ich Vicky widersprochen. Sie hat kurz überlegt, ob sie einen Wutausbruch bekommen soll. Ich habe es in ihrem Gesicht gesehen, an der Falte, die sie zwischen den Augenbrauen bekommen hat, an der Art, wie sie wild gestikulierte mit den Händen, als führe sie gerade das Skalpell, eine Vorstellung, die mir Angstschauer den Rücken heruntergejagt hat, an ihren zusammengepressten Lippen, die ein Beben unterdrückten. Zu meinem Erstaunen ist es ihr gelungen, nicht zu explodieren.
Sie muss erwachsener geworden sein.
Vielleicht ist die Ursache aber auch der Basketball, der sie letzte Woche am Kopf getroffen hat. Der muss doch mehr bei meinem Riesenlöwenbaby ausgelöst haben, was ich gleich befürchtet hatte und was mich in Angst versetzte. Diese Vorstellung brachte mich kurz an den Rand der Hysterie, denn ich hatte sofort Tante Adele vor Augen in ihren letzten Jahren nach der Hirnblutung. Ich nahm das Riesenlöwenbaby in den Arm und drückte es.
Ich musste seltsam aussehen, während mir die Angst durch den Kopf schoss. Mein Aussehen beunruhigte Vicky. Sie fragte nach, wie ich hieße, welcher Tag denn sei, wann mein Geburtstag sei, bis ich ihr ins Wort fiel und erklärte, sie behandele mich wie einen ihrer Patienten in der Notaufnahme.
Nichts anderes sei angeraten, versetzte sie, zumal ich offensichtliche Ausfallerscheinungen aufwiese. Ich schiene nicht mehr richtig zu hören und sähe aus, als würde ich gleich zusammenbrechen. Und das ständige Kopfschütteln und Zittern der Beine und die fast tonlose Stimme. Als angehende Ärztin müsse sie das ernstnehmen und wenn ich mich von ihr nicht untersuchen lassen wolle, möge ich doch wenigstens zum Arzt gehen. Alles andere sei unter medizinischen Gesichtspunkten unverantwortlich. Ich schluckte und versprach, alles so zu tun, wie sie es mir empfohlen hatte, kreuzte dabei hinter meinem Rücken die Finger, so wie ich es in dieser US-Serie für Teenager gesehen hatte.
Ob es denn okay wäre, wenn ich mich einen Moment hinlegte, habe ich Vicky dann gefragt und als sie nicht antwortete, habe ich gesagt, dass ich in diesem Zustand wohl nicht fahrtauglich sei und dass sie ja zum Dienst müsse und wegen mir sicherlich nicht zu spät kommen wolle. BEVA könne mich später zum Arzt bringen. Zum Glück kam sie nicht auf die Idee, mich zum Arzt mitnehmen zu wollen, als sie kurze Zeit später wegfuhr.
Als ich allein war, habe ich nochmals über diesen Ratgeber nachgedacht. Irgendwie denke ich ständig darüber nach, was eine der Grazien oder BEVA sagen. Die ganze Zeit sind wir miteinander und mit uns selbst beschäftigt. Ein wahrlich nervenaufreibender Job.
Bisweilen kommt beim Nachdenken allerdings auch etwas Sinnvolles raus. Ich meine nicht das mit dem Arzt. Das ignoriere ich. Darin bin ich, seit Vicky studiert, geübt.
Im ersten Semester kam sie ständig mit Mutmaßungen unsere Gesundheit betreffend im Gepäck nach Hause. Wären ihre Diagnosen zutreffend gewesen, hätten sie nichts anderes als den Schluss zugelassen, wir wären dem Tod auf wundersame und unergründliche Weise gleich mehrmals von der Schippe gesprungen. Gleichwohl nahmen wir Vickys Diagnosen dankbar an wie Kinderkrankheiten, von denen man zumeist genest.
Jetzt hält Vicky sich deutlich zurück. Ich meine, zwangsläufig. Schließlich leben wir noch und selbst ihr kamen nach unserer vielfachen Erholung und anscheinenden Unsterblichkeit gewisse Zweifel, die sie selbstverständlich nicht offen aussprach. Lieber sprach sie von unserer überaus robusten Gesundheit und liebäugelte mit dem Gedanken, ihre Fachschaft von der ungewöhnlichen familiären Affinität zur Heilung in Kenntnis zu setzen.
Ich glaube, es war nur der damit verbundene immense Aufwand, der sie davon abhielt, aufklärerisch zu handeln. Sie hätte Termine mit den Verantwortlichen verschiedenster Studien abmachen müssen, worauf sie wahrscheinlich schlicht keine Lust hatte.
Vickys Idee, einen Ratgeber zu schreiben, gefällt mir immer besser. Ich könnte sofort ohne Vorbereitung mit dem Schreiben beginnen. Warum bin ich nicht selbst drauf gekommen, über Abistress zu schreiben? Ein paar Tipps hole ich mir aus der Fachpresse. Und meine Therapeutin könnte ich fragen, ob sie etwas zum Thema beisteuern möchte. Mein Ratgeber könnte auch für sie der Durchbruch sein in ein neues unbekanntes Leben. Vielleicht mache ich sie zur Co-Autorin. Dann ist sie mitverantwortlich und ich krieg die Infos frei Haus und sie wird sich mehr Mühe geben. Ich fühle es schon: »It’s a new life.« So toll, dass es reicht, es in der Fantasie zu leben.
Ich glaube, da bin ich gerade bei meinem zentralen Punkt. Ich liebe es, meine geheimen Wünsche und Fantasien auszuleben, bin ein Kaleidoskop und Chamäleon zugleich.
Was den Ratgeber betrifft, habe ich bereits mögliche Titel vor Augen: »Wie Sie leiden lernen im Abi«, »Leiden will gelernt sein«, »Ein Ratgeber für im Leiden ungeübte Eltern«, »So macht Leiden Spaß!«
Zusätzlich zum Ratgeber könnte ich eine Website Abistressweg.de einrichten und auch verschiedene Fantasie-Reise-Dienste anbieten, von der kurzen Pilgerfahrt bis zur Reise in ferne Galaxien.
BEVA werde ich für Letzteres sicher begeistern, bei seinem Faible für Star Wars und anderen Weltraumschrott.
»Ein lohnendes Geschäftsmodell«, stimmt Vicky zu, als ich ihr später davon erzähle. »Möglichst gleich bundesweit. Das rechnet sich dann besser«, setzt sie hinzu.
Einige Tage später, ich kann mir bei all dem Abistress nicht mehr merken, welchen Tag oder Monat wir haben, ich meine, es ist April, beginnen die Abiklausuren.
Vicky ist gestern zurückgefahren in ihre Studistadt. Abends, als BEVA und ich in der Stube sitzen, klingelt das Telefon. Ein-, zwei-, drei-, viermal.
»Warum gehst du nicht ran?«, fragt BEVA.
»Weil du näher dran bist.«
Er guckt auf die Nummer und meldet sich mit: »Hier ist das allgemeine Seelsorgezentrum. Zurzeit nehmen wir leider keine Kummerpatienten beziehungsweise -studenten mehr auf.«
»Papa, lass das, mir geht’s nicht gut.«
»Ich weiß, Vicky, um diese Uhrzeit geht es dir meistens nicht gut, ich würde sagen, 365 Tage im Jahr.«
»Papa, du nimmst mich nicht ernst.«
»Was ist denn?«
»Gleich leg ich auf.«
»Okay.«
»Ich muss meinen ganzen Stundenplan für dieses Semester umschmeißen, weil sie in letzter Minute noch die Termine für das Praktikum verschoben haben. Und die anderen Kurse sind dicht und ich, ach, es ist schrecklich. Diese Idioten.«
Ich sehe BEVAs Gesicht und die Stirn, wie sie sich in Falten legt, auch sein verkrampftes Lächeln. Schließlich sagt er: »Ach Vicky, das ist nur halb so schlimm. Als mir damals bei der Meldung zur Prüfung zwei Scheine aus Kiel nicht anerkannt wurden und ich noch ein ganzes Semester dranhängen musste, das war schlimm.«
»Papa, das ist lange her, das war im letzten Jahrtausend. Du bist so auf dich fixiert. Kannst du dich nicht mal auf meine Probleme konzentrieren? Glaubst du im Ernst, dass es mich in irgendeiner Weise kümmert, was du damals vor 30 Jahren im letzten Jahrtausend erlebt hast?«
»35.«
»Siehst du, genau, das meine ich. Es geht immer nur um dich.«
»Entschuldige, Vicky, du hast angerufen, nicht ich.«
»Das war ein Fehler.«
»Nein.«
»Hast du meinen Text durchgelesen?«
»Ja, Änderungen habe ich rot markiert.«
»Und die Rechnungen?«
»Überwiesen.«
»Danke. Ich vermisse euch.«
BEVA zögert keinen Moment und erwidert: »Wir dich auch.«
Ich schaue ihn an. Gerade bewundere ich ihn.
»Papa, es war eben nicht so gemeint. Ich bin nur so sauer.«
»Ja«, seufzt BEVA.
»Viel ist mit dir heute Abend nicht los, oder?!«
»Es war ein langer Tag.«
»Wir gehen nachher noch frustfeiern.«
»Ich nicht.«
»Du gehst auch sonst nicht feiern. Dabei habt ihr doch abends unendlich viel Zeit, jetzt, wo ich wieder studiere.«
»Ja, unendlich viel Zeit von acht bis zehn.«
»Warum geht ihr nicht ins Kino? Zurzeit laufen eine Menge guter Filme.«
»So?«
»Papa, du musst mal raus aus der Komfortzone.«
»Ich weiß echt nicht, was du meinst mit Komfortzone. Ich habe im Institut diese Dauerbaustelle und muss bei ohrenbetäubendem Lärm die Studie fertigschreiben und alle, die mitarbeiten sollten, sind krank.«
»Werde doch auch krank!«
»Das sagst du als angehende Ärztin.«
»Gib mir mal Mama.«
»Hallo, meine Süße.«
»Was ist denn mit Papa los?«
»Das klärt ihr besser unter euch.«
»Sonst mischst du dich doch auch ungefragt in alles ein.«
»Wie geht’s dir?«
Ich könnte mir auf die Zunge beißen. So eine blöde Frage.
»Beschissen.«
»Oh Vicky.« Es gelingt mir nicht wirklich, überrascht zu klingen.
»Das macht es nicht besser.«
»Hast du noch was Schönes vor?«
»Manno, wie du mit mir redest.«
»Lernst du heute noch weiter?«
»Das ist alles, was dich interessiert.«
»Du redest immer davon.«
»Wir gehen noch in die neue Bar.«
»Feier schön.«
»Lass mal dieses ›schön‹.«
»Vicky!«
»Und diesen blöden Ton.«
Ich spüre Wut in mir aufsteigen und sage: »Einen schönen Abend noch.«
»Bist du überhaupt lernfähig?«
»Ich lasse mir von dir das Schöne nicht streichen, nur weil es dir lieber beschissen geht.«
Funkstille. Ich ärgere mich über mich selbst. Das Dauertuten in der Leitung bestätigt, was ich ohnehin weiß: Sie hat aufgelegt. Ich fühle mich elend.
Das ändert sich erst, als sie am nächsten Tag wieder anruft, spätabends nach zehn. BEVA schläft schon. Ich nehme das Telefon und gehe aus dem Schlafzimmer. Sie ist gut gelaunt, stelle ich erleichtert fest. Ich frage, ob wir nicht morgen reden könnten, aber sie sagt, es sei wichtig. Sie wisse nun, sie brauche eine Auszeit, und seit ihr das klar sei, gehe es ihr besser. Ob sie sich den Stress in diesem Semester antue, könne sie nicht sagen. Immer für Klausuren lernen und das Leben verpassen sei bescheuert. Ich bin hellwach, als sie mir von der Auszeit erzählt, sie wolle einfach nur chillen und reisen, einfach nichts tun und es sich endlich einmal gut gehen lassen.
»Da bin ich dabei«, sage ich.
Mario habe ihr gesagt, sie solle in Spanien studieren. Da sei alles besser. Dass sie dafür wenigstens ein bisschen Spanisch sprechen können sollte, will ich einbringen, aber sie lässt mir keine Redepause. Offenbar hat sie auch daran gedacht, denn nun erfahre ich, dass nach dem Nichtstun, das sie auf unbestimmte Zeit machen werde, sonst bringe es nichts, und das mit der Entspannung und Neufindung klappe dann auch nicht, aber nach viel, sie gehe von sehr viel Nichtstun aus, da sie richtig abgewrackt sei, wie ein altes Auto mit Getriebeschaden, also nach dieser langen, langen Zeit des Nichtstuns mache sie vielleicht – bloß kein Stress – ein Erasmus-Semester in Barcelona.
Noch bevor ich mich beschweren kann, dass nicht sie das abgewrackte Auto sei, sondern ich, allein schon wegen meines Alters, noch bevor ich das sagen kann, hat sie wieder das Wort ergriffen.
Bei uns zu Hause gibt es keinen Futterneid, aber wenn es um das Leiden geht, kennen wir keine Gnade. Jeder beansprucht den größten Leidensdruck. Es ist überraschend, dass wir bei dieser seelischen Festlegung auf das Leiden nicht den Weg in die tiefe Religiosität gefunden haben, aber auch gut, denn sonst würde ich nicht mal in der Kirche meine Ruhe haben und ständig auf das christliche Kreuz starren und mich damit beschäftigen, wie das Leiden am Kreuz auszuhalten gewesen ist.
Immer noch redet Vicky von Barcelona. Sie redet nicht, sie schwärmt vom, wie sie sagt, »schönen Barcelona«. Ich bin versucht, sie daran zu erinnern, dass sie alles Schöne per se ablehne, bringe es aber nicht übers Herz, weil sie meine Grazie ist. Dann erzählt sie nur noch von Mario aus Barcelona. Mario, so beginnen ihre nächsten Sätze.
Ach, daher weht der Wind, denke ich bei mir und während ich ihr weiter zuhöre, begreife ich es. Vicky ist heillos, blind und verrückt verliebt, alles auf einmal. »Love is merely a madness«, flüstert mir Shakespeare zu. Das mit Shakespeare und mir ist etwas Besonderes.
Wie in Trance nehme ich auf, was Vicky mir über die mediterrane Stadt erzählt. Die Stadt nimmt Konturen an und gottgleich, wie eine in Marmor gemeißelte griechische Statue, erscheint darin Mario, mit einer Attitüde, als sei die Stadt für ihn geschaffen worden. Und Vicky schwärmt vom Parque Güell, Gaudí und Miró und lobt, was ihr sonst als Bildungsbürgerwissen verhasst ist, die allgegenwärtige katalanische Kunst und Kultur, nicht zu vergessen die Sagrada Familia.
Seit wann interessiert sie sich für Kirchen. Ich bin eigentlich diejenige, die gern in eine Kirche geht, aber nicht, um dort Predigten zu hören. Damit habe ich in der Phase, als Vicky wegen der Konfirmation zur Kirche musste, meine Erfahrungen gemacht. Die Predigten waren so langweilig, dass ich den Pastor gefragt habe, ob es denn möglich wäre, die vorgeschriebenen 20 Termine durch eine Spende abzuleisten.
Ich halte den Hörer wieder nah ans Ohr. Vicky klingt begeistert. Ich werde hellhörig, als sie meint, Mario sage, sie müsse sich selbst finden, und dass er sie besser kenne als sie sich selbst. Ich will ihr ins Wort fallen, aber sie blockt ab, erklärt, Mario meine, sie sei völlig fremdbestimmt, in allem. Ich schweige. Wütend bin ich, sehr wütend. Vicky fragt, ob ich noch zuhörte.
»Was für eine Frage?«, gebe ich ihr zur Antwort.
»Manchmal bist du so voreingenommen wie Oma Henni.«
Ich hole tief Luft. Das ist No-go-Area. Ich schweige und gehe mit dem Telefon zu Rieke und reiche ihr den Hörer. Als ich in ihr Zimmer reinkomme, schüttelt sie den Kopf und greift doch nach dem Hörer. Sie weiß, dass Vicky dran ist. Um diese Zeit ruft sonst niemand an.
Ich sollte mal aufschreiben, wie viel Zeit ich am Telefon hänge und Seelenmassage betreibe. Lieber nicht, denn dann würde ich sehen, dass mein Leben von WhatsApp und Telefon aufgefressen wird.
Bei Facebook bin ich nicht. Als angekündigt wurde, dass die Daten von WhatsApp und Facebook miteinander verknüpft werden würden, habe ich spontan alle Chatverläufe bei Whats-App gelöscht, mit dem Ergebnis, dass sie jetzt alles über mich wissen, aber ich eben nichts mehr.
Der Chatverlauf mit Rosa fehlt mir. Abends habe ich gern darin gelesen. Rosa ist eine Frau mit Geist.
BEVA will, dass ich das Licht ausmache. Das mit dem gemeinsamen Schlafzimmer ist keine gute Idee. Ich lösche das Licht und kann nicht schlafen. Ich drehe mich BEVA zu.
»Hörst du das?«, fragt er.
Ich gebe vor, nichts zu hören.
»Bei diesem ätzenden Piepen kann ich nicht schlafen. Gehst du nach unten?«
Ich weiß, er wird nicht aufhören zu nerven, suche meine Hausschuhe und gehe langsam die Treppe runter. Als ich den Waschkeller betrete, freut sich Tinka, mich um diese Zeit noch hier unten zu sehen.
Während ich die Wäsche aus der Trommel nehme, frage ich sie: »Hast du mir etwas zu sagen?«
»Mach dich endlich frei!«
»Darüber reden wir morgen.«
»Schlaf schön!«
Ich drehe den Schalter auf »Aus« und sage: »Du auch.«
Es ist 20 vor acht. Ich trinke meine zweite Tasse Kaffee. BEVA ist weg ins Institut, Rieke zum Treffen mit ihrer Arbeitsgruppe. Die Ruhe ist angenehm. Da klingelt das Telefon. Auf dem Display lese ich »Nicht verfügbar« und weiß sofort, dass meine Mutter Henni dran ist.
»Lebst du noch?«, fragt sie, als sei es das Normalste auf der Welt, ein Telefonat mit diesen Worten zu beginnen.
Ich checke kurz bei mir durch. Das Atmen klappt, die Augen funktionieren. Ich stehe auf und vergewissere mich, dass ich alle Glieder bewegen kann. Denken geht auch, leider, weil dabei ein unüberwindlicher Berg entsteht. Wenn es schlecht läuft – Murphys Gesetz bewahrheitet sich immer –, wächst der Berg in den Himmel: Ein gedankliches Unwetter zieht durch meinen Kopf mit zum Teil wolkenbruchartigen Regenfällen, die sich, böte sich die Gelegenheit, im Keller bei Tinka als Tränenseen entleerten und verpasste Chancen auf ein anderes Leben als seelische Pfützen zurückließen, aber daran will ich nicht denken. Warum tue ich es also?
»Bist du noch dran, Eva?«
»Ich habe gerade wesentliche Vitalitätsfunktionen gecheckt. Ja, ich lebe noch.«
»Und das hat so lange gedauert? Länger dauert mein Mittagsschlaf auch nicht. Vielleicht solltest du deine Nervenleitungen beim Neurologen prüfen lassen. Ich tippe bei dir auf Neuropathie. Ruf noch heute wegen eines Termins an. Luise hat vier Monate auf einen gewartet.«
»Verschon mich damit, dass Luise ihr Leben vorzugsweise in Wartezimmern verbringt und den Ärzten so lange etwas vorjammert, bis sie ihr etwas aufschreiben oder sie mit einer Diagnose, die eine ernsthafte Erkrankung nahelegt oder zumindest nicht gänzlich ausschließt, nach Hause kommen kann. Ist doch so? Oder, Henni?«
»Hendrieke. Nenn mich nicht Henni.«
»Ja, Henni! Oder ist dir Mutti lieber?«
»Eva! Luise war übrigens heute Morgen am Telefon. Sie muss um acht beim Orthopäden sein.«
»Gestern war sie doch noch kerngesund.«
»Wenn ich mich in unserem Club so umblicke – von zwölf auf sechs geschrumpft. Es ist eine Unart, einfach unerhört, dass sie alle wegsterben. Unfassbar! Die Männer zuerst. Wir Damen sind jetzt alle unbemannt.«
»Du tust so, als wärt ihr ohne Mann nichts.«
»Luise schafft sich einen Hund an.«
»Sie hat doch Angst vor Hunden.«
»Die Angst vor dem Hund ist besser, als allein zu sein.«
»Wie stellt sie sich das denn vor?«
