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Ein Mensch lässt sein Leben Revue passieren, nicht bewusst, es passiert ihm. Das macht es ihm leichter, weil er resümieren kann. Die Bilanz seines Lebens geht in Richtung Ausgeglichenheit. Es bringt ihm Verständnis von Dingen, die passierten, erleichtert ihm den Sinn des Lebens zu erkennen. Ergreifend der Lebensweg. Ein Buch, das Hoffnung macht, auch Ängste nimmt. Lügen, immer wieder verbreitet, werden durch Wiederholung umfangreicher, schließlich zur Wahrheit. Die Umwelt nimmt diese auf, und Realität ist entstanden. Lügen sind jetzt biographisch, die Wahrheit ist nicht mehr existent.
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2019
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ES BEGINNT
SCHAUKEL
ÜBERBLICK
FAMILIE
MUTTER
SCHAUKEL
ELTERN
HEPATITIS
ARZTKINDER
BEINBRUCH
PISTOLE
ES WIRD LEICHTER
ERPRESSUNG
MUTTER HEIRATET
STUDIUM BEENDET
ERKENNTNIS
NEUANFANG
DOPPELSPIEL
NEUES STUDIUM
SOHN
IRRWEG
WESTINGHOUSE
EINSAMKEIT
ERKENNTNIS
BÜHNE
SCHLUSS
RÜCKKEHR
BANDSCHEIBE
GROSSMUTTERS TOD
MACHT
ABITUR
LICHT KOMMT NÄHER
VATERS TOD
AUSZUG SOHN
AUGUST
HERZ OP
AUSZUG MUTTER
LETZTE BEFREIUNG
SCHAUKEL
August Bachschup ging in sein Bett noch während das Fernsehspiel lief. Es war 23:28 Uhr. Richtig müde war er eigentlich nicht, nur fühlte er sich plötzlich eigenartig matt und konnte sich nicht mehr konzentrieren. Es fiel ihm schwer im Badezimmer seine tägliche, abendliche Prozedur der Körperpflege zu absolvieren. Er kam auch nur mit Mühe in seine Nachtwäsche. Als er endlich in seinem Bett lag, nutzte er sein bewährtes Verfahren, um einschlafen zu können.
In den letzten Jahren war es ihm immer schwerer gefallen in den Schlaf zu kommen. Seit vielen Nächten schon war Durchschlafen nicht mehr möglich und eine der schwierigsten Disziplinen, es sei denn August gönnte sich eine Schlaftablette. Längst gehörten die Zeiten der Vergangenheit an, wo er noch überlegte, welche Chemie er seinem Körper zuführen wollte. Nach einer, vor Jahren erfolgten Herzoperation musste er täglich wenigstens 7 Tabletten einnehmen, um ein einigermaßen störungsfreies Leben zu führen.
Sein bewährtes Verfahren in den Schlaf zu kommen war in seinem Bett liegend das Fernsehgerät einzuschalten und die Ausschaltautomatik auf 30 Minuten zu programmieren. Mehr als diese wenigen Minuten brauchte er erfahrungsgemäß nicht. Meist war er schon nach 15 Minuten eingeschlafen und im Reich der Träume angekommen. Allerdings barg dieses Verfahren eine Gefahr. Je schneller er einschlief umso wahrscheinlicher wurde die Möglichkeit durch das automatische Ausschalten des Gerätes wieder aufzuwachen. Geschah das, war an einen Schlaf überhaupt nicht mehr zu denken, dann lag August die ganze Nacht wach und grübelte vor sich hin.
Heute war alles etwas anders. Noch bevor er den Fernseher anmachen konnte, war er schon in einen matten, aber wohligen Dämmerzustand gefallen. Die Verwunderung und die damit verbundene Heiterkeit, die dieses Geschehen auslöste, konnte August nicht richtig einordnen, da er ohne irgendeine Vorwarnung eingeschlafen war. Er wusste nicht wie lange er geschlafen hatte als er mit Brustschmerzen aufwachte. Seine Zunge klebte am Gaumen fest, aber er hatte keine Kraft die Wasserflasche neben seinem Bett zu greifen, um daraus zu trinken. Er lag fast leblos auf dem Rücken und spürte diese stechenden, krampfartigen Schmerzen in seiner Brust. Auch das Nitrospray in seiner Nachttischschublade konnte er nicht erreichen, da er durch die heftigen Brustschmerzen so gut wie bewegungsunfähig war. August rief nach seiner Frau, die in ihrem Zimmer schlief, ein Umstand der für ein über 40 Jahre verheiratetes Ehepaar auch als normal bezeichnet werden konnte, wenn man über ausreichend Platz verfügte. Nach wie vor liebte August seine Frau und diese Liebe wurde von ihr erwidert. Der Hilfeschrei von ihm war ohne Kraft und dadurch leider stumm. Die von ihm erlebte Lautstärke spielte sich nur in seinem Kopf ab. August war aber dennoch hellwach. Er hatte das Gefühl so klar zu sehen, so direkt zu empfinden wie noch nie in seinem Leben. So kam es dann auch, dass er plötzlich viel Zeit zu haben glaubte, und die Schmerzen einer Erinnerung Raum gaben. August raste in einem Höllentempo durch seine Vergangenheit. Diese Geschwindigkeit ließ ihn auch den Druck auf seiner Brust vergessen. Es irritierte ihn nicht, dass seine Frau nicht auf sein Rufen reagierte. Es fiel ihm auch nicht auf das dieses Verhalten völlig untypisch für sie war. Er war extrem auf sich fixiert und ließ sich durch nichts ablenken.
Im sanften Abendlicht der untergehenden Sonne saß der kleine August auf einer Schaukel im elterlichen Garten. Vergangen war ein wunderschöner Sommertag und die Beinchen, die aus der kurzen Lederhose herausschauten, brannten vom tagsüber erlebten Sonnenlicht. Seine kleinen Hände umfassten fest die rechts und links vorhandenen Seile. Er drückte den in der kurzen Lederhose steckenden Kinderpopo fest auf das Holzbrett. Die von der Sonne rötlich gefärbten Beinchen zeigten gestreckt nach vorne, schwangen hoch hinauf in den Himmel, dann aber gleich wieder nach hinten, weil sie unter die Sitzfläche geschwungen wurden. So nahm August Geschwindigkeit auf und flog dem Himmel entgegen. Immer näher, immer schneller und immer höher. Erst als er seinen Po nicht mehr auf der Sitzfläche halten konnte und auf dem Holz herauf und herunter hüpfte, gab er das Tempomachen auf und ließ sich einfach nur noch schwingen, berauscht von einem einzigen Gedanken. Mit jedem Schwung der ihn vor und zurückführte, spürte er sein überschäumendes Herz rufen: „Ist das Leben nicht schön!“ Dieses Gefühl erfüllte ihn ganz und gar und jedes Mal, wenn er nach oben schwang, konnte er die untergehende Sonne hinter dem Dachfirst sehen. Schaukelte er zurück, lagen alle Etagen des Elternhauses vor seinen Augen bis er nur noch die Erde sah, um dann wieder beim Vorwärtsflug die Fassade des Hauses zu verfolgen damit er das von der untergehenden Sonne verfärbte, rötliche Blau des Himmels sehen konnte. Das war sein Highlight. Er wusste nicht, dass diese gerade so heftig erlebte Emotion ihn einen großen Teil seines Lebens begleiten sollte. Sein Zwillingsbruder Günter war schon im Haus und August hatte den ganzen Garten für sich alleine. Es war ein großes Haus, ein Gebäude mit drei Geschossen, bestehend aus Wohnungen und Büros. Eine breite Zufahrt mündete auf der linken Seite in einen gewaltigen Hof und führte von dort zu 2 riesigen Fabrikhallen. Einige kleinere Hallen säumten den Weg zu den Fabriken. Auf der anderen Seite des Hauses, also rechts befand sich eine Tankstelle. Dahinter boten fast 100 Garagen ebenso vielen Autos Platz. Direkt hinter dem Wohn- und Bürogebäude, zwischen dem Haus und den Fabriken gab es einen Garten mit Hühnerhaus, Sandkasten, Obstbäumen und einen Taubenschlag. Die erwähnte Schaukel stand nur wenige Meter vor der Erdgeschossveranda aber noch vor dem Sandkasten. Für ein Kind von gerade mal 4 Jahren ein wirklich wundervoller Spielplatz, bedachte man die Zeit, in der August das erleben durfte. Es war kurz nach dem 2. Weltkrieg und rundherum lag vieles, wenn nicht alles in Schutt und Asche. Nur hier schien nichts zerstört zu sein, von kaputten Fenstern, Türen sowie kleineren Bombenschäden einmal abgesehen. Es war eine intakte Oase inmitten einer wieder zum Leben erwachenden, zerstörten Öde. August und sein Bruder Günter wuchsen in diesem kleinen Kosmos auf, erlebten täglich die sich neu entwickelnde Welt nach den Schrecken der Vergangenheit. Der Betrieb in der Fabrik, in den Büros trug natürlich dazu bei. Sah man einmal davon ab, dass Günter, sein Zwillingsbruder über ein Jahr in einem Sanatorium für Lungenkranke gewesen war, so verliefen doch die ersten Lebensjahre der beiden Brüder eigentlich problemlos. Nur die Familienverhältnisse überschatteten ihre Jugend. Der Fabrikant und Gründer der Fabriken August Regnaz war der Großvater der beiden Jungen, mütterlicherseits. Er verstarb 1944 und die Zwillinge kannten ihn nur aus Erzählungen, da er vor ihrer Geburt gestorben war. Natürlich war durch den Krieg ein großer Teil seines erarbeiteten Vermögens verloren gegangen. Aber die noch vorhandenen Immobilienwerte, die tägliche Arbeit von vielen Menschen in der Fabrik und der Wiederaufbau machten August und seinen Bruder glauben, wohlhabend zu sein. Unterstützt, gefördert und bestätigt wurde diese Auffassung vor allem durch Helene, die Mutter die eine längst vergangene, einflussreiche, wohlhabende Zeit nicht vergessen konnte. Sie erlebte nach wie vor das Dasein einer reichen Fabrikantentochter, nur ohne Bedienstete und die Privilegien einer hochgestellten Persönlichkeit. Die Arbeit am Erhalt der Fabrik, demonstrierte und bestätigte den Zwillingen eine Existenz ohne Mangel. Vor Allem aber zeugten die täglichen Aktivitäten im Bereich des Unternehmens von einer immensen Macht. In diesen ersten Lebensjahren aber hörte August von seiner Mutter nicht nur wie sich das Leben in einem Unternehmerhaushalt abgespielt hat, er erfuhr auch viel von seinem Vater und auch von seiner Großmutter. Hermann Bachschup bezeichnete sie als Miststück. Er soll die Tochter des verstorbenen Fabrikanten nur in der Absicht geheiratet haben, sich auf diesem Wege in die Geschäftsleitung der Fabrik zu bringen. Das war ihm aber nicht gelungen. Deshalb zeigte er schon bald nach der Hochzeit kein Interesse mehr an seiner Ehefrau. Er machte sie dafür verantwortlich, dass er in der Fabrik nicht das Sagen hatte. Als gelernter Kaufmann war er nicht angestellt worden, weder in der Geschäftsführung noch im normalen täglichen Bürobetrieb. Es kam ihm jedoch nicht in den Sinn, dass dies vielleicht seiner fachlichen Inkompetenz zuzuschreiben gewesen wäre. Er war so gut wie nie zuhause und August hörte täglich, dass sich sein Vater mit anderen Frauen herumtrieb. Die Zwillinge führten ein Leben ohne Vater aber mit einer frustrierten, tonangebenden Mutter an der Seite. Wenn Papa aber einmal zuhause war, kümmerte er sich nicht um ihn und seinen Bruder. Seine häusliche Beschäftigung bestand ausschließlich darin seinen enormen Frust los zu werden. Jetzt, im Bett liegend erinnerte sich August an den ewigen Streit zwischen seinen Eltern. Ganz deutlich hörte er ihre Stimmen. Sein Vater liebte seine Mutter nicht, er hasste sie, er schrie sie an, bezeichnete sie als Lügnerin, als Betrügerin und verletzte sie nicht nur mit Worten sondern auch mit Schlägen. Seine Mutter wehrte sich ebenfalls körperlich, schrie zurück und goss noch Öl in das Feuer der Auseinandersetzung. Sie bezeichnete ihn als tumben Bauernbengel, als kleines Licht, unfähig Karriere zu machen und als verantwortungslosen Vater - als ein Nichts. Dadurch wurde die körperliche Gewaltanwendung durch den Vater gefördert und Mutters Schmerzschreie nahmen an Lautstärke zu. Aber auch ihre Abwehr, ihre Angriffsattacken nahmen an Heftigkeit zu. August zog an der Decke, um sie über die Ohren zu ziehen. Er wollte das nicht wieder hören. Wenn sein Vater nach solchen Krächen verschwunden war, versank seine Mutter in melancholischer Depression und hatte es ‚an den Nerven‘. So nannte sie es, nicht ohne dabei trocken zu weinen. Zu jener Zeit begann sie sich als alleinerziehende, um das Leben ihrer Zwillinge kämpfende Frau darzustellen. Das machte sie in der Umwelt zu einer bewundernswerten Frau. August war zu diesem Zeitpunkt 2 Jahre alt. Er hörte immer wieder seine Mutter erzählen wie sie von der ganzen Familie betrogen und hintergangen wurde. Die Betrüger waren Hermann, ihr Ehemann und auch Katharina, ihre Mutter. Die Oma von August hatte der Erzählung nach ihrer Tochter um das Erbe betrogen. August flüsterte die Worte leise vor sich hin, Worte, die er immer wieder von seiner Mama gehört hatte: „Mein verstorbener Vater hält seine schützende Hand über mich, er zieht alle, die mir Unrecht zufügen zur Verantwortung und straft sie beizeiten! Das gilt nicht nur für mich, sondern auch für euch Kinder, denn euer Opa passt auf uns auf!“ Mit erst 2 Jahren lernte August eine Mutter kennen, die ungeliebt, verraten und alleingelassen war, alles wegen ihrer ständigen Hasstiraden. Ihr Leben bezeichnete sie als eine Qual, hatte sie sich doch alleine um 2 Kinder zu kümmern, und es half ihr niemand dabei, was sie stets betonte. August und sein Bruder Günter hatten früh eine frustrierte, enttäuschte und überlastete Frau als Mutter und sahen sich als Mitverursacher der Misere da sie in den Klagen der Mutter vorhanden waren. Mutter verfügte über kein eigenes Einkommen, erhielt kein Geld von ihrem „Ehemann“ und war abhängig von den finanziellen Zuwendungen ihrer Mutter, die alleine über das Erbe des Vaters verfügte. Durch Großmutters Großzügigkeit mangelte es den Kindern an nichts. Augusts Mutter wurde 1925 geboren und trug den Geburtsnamen eines Mannes, der zu dieser Zeit mit der Oma verheiratet war. Nach der Geburt lebte sie 9 lange Jahre in seinem Hause und nannte ihn Vater. Ihren Erzeuger aber, den Fabrikanten bezeichnete sie in diesen Jahren mit Onkel August. Erst nach der Scheidung und durch die Eheschließung ihrer Mutter mit dem Fabrikanten im Jahre 1934 konnte sie im Haus des leiblichen Vaters wohnen. Jetzt nannte sie ihn Vater und den anderen Mann, den Geburtsnamengeber Onkel. Mit seinen 2 Jahren schon, erfuhr August, dass seine Mutter diese 9 Jahre ihres Daseins als das erste an ihr begangenes Verbrechen bezeichnete. Das war der erste Frevel, der ihr mütterlicherseits angetan wurde. Den Fabrikanten, ihren heißgeliebten Vater hielt sie immer aus diesen Vorwürfen heraus. August erlebte diese Momente echt, rasant, schnell und deutlich. Er empfand diese Zeit genauso wie der kleine Junge damals. Er hörte das Geschrei der Eltern, sah, wie sie auf einander losgingen, hatte wie damals Angst und zog sich zitternd unter die Bettdecke zurück. August musste nach solchen Exzessen die Mutter streicheln, die blutend und heulend um Liebkosungen buhlte. Günter kraulte sie ebenfalls, auf der anderen Seite neben der Mutter liegend. Sie hatte sich zwischen ihre Zwillinge gelegt, um diese Streicheleinheiten empfangen zu können. August flüsterte wieder die Worte, die seine Mutter weinend schluchzte: „Krabbele mich ein bisschen, das tut der Mama gut!“ Er weinte dabei, weil seine Mutter so unglücklich war, sein Bruder tat das auch. Jetzt im Bett liegend heulte er wieder, schmeckte und spürte das Salz seiner Tränen wie vor vielen, vielen Jahren. Seine faltige Hand versuchte die Nässe wegzuwischen.
Die Großmutter der Zwillinge lebte das Leben einer Fabrikantin. Die Oma war von Geburt an vermögend. Sie stammte auch aus einer Fabrikanten-Familie. Durch das Erbe eine noch reichere Frau geworden, residierte sie auf der Belle Etage ihres Wohn- und Bürogebäudes.
Ihre Tochter dagegen war mittellos, und wohnte mit ihren Zwillingen mietfrei, direkt daneben. Später zog sie in eine Erdgeschosswohnung darunter, gleich angrenzend an die Büros der Fabrik. Sie lebte ausschließlich von den Zuwendungen ihrer Mutter und damit in großer finanzieller Abhängigkeit von ihr. Oma versorgte ihre Tochter wie auch ihre Enkel so großzügig wie die laufenden Geschäfte es zuließen. Als Fabrikantin fuhr die Großmutter in einem der erstgebauten Nachkriegscabriolets zu Terminen. Am Wochenende wurde dann auch die Tochter mit ihren Kindern durch die Gegend chauffiert. Wieder vernahm August die verbitterte, traurige Stimme seiner Mutter: „Mit diesem, von meinem Vater erarbeiteten Wagen gondelt die Alte täglich ihren Liebhaber durch die Stadt. Das braucht sie nun nicht mehr heimlich zu machen! Sie muss jetzt auf nichts und niemanden mehr Rücksicht nehmen! Auch nicht auf mich! Nur durch den Tod meines Vaters kann sie so leben“! August hörte das ganz klar und genau so deutlich wie in seinem jungen Leben damals. Er zitterte als er wieder das damalige Gefühl der Verunsicherung spürte. Was sollte er mit solchen Aussagen anfangen? Er liebte doch seine Oma, die immer gut zu ihm war, ihn herzte, mit Spielzeug verwöhnte und ihn auch mal auf den Schoß nahm. Die Erinnerung signalisierte ihm, dass er sehr unter den Umständen zwischen Mutter und Tochter gelitten hatte. Solange August denken konnte, kannte er nur eine Mutter die mit ihrer Mutter größte Probleme gehabt hatte. Sie ließ kein gutes Haar an ihr, und sie beschimpfte und verunglimpfte sie immer wieder. Jedem erzählte sie, dass ihre Mutter ein Biest ist, sie aber keinerlei Möglichkeiten hätte, sich gegen dieses Monster zu wehren. Hier erkannte August zu ersten Mal Hass. „Diese Bestie verfügt über mein Vermögen! Sie hat sich mein Erbe unter den Nagel gerissen! Mit meinem Geld kann sie sich das alles leisten! Mein Vater schlüge sie tot“, posaunte sie immer wieder stimmgewaltig in die Welt hinaus, ob man es hören wollte oder nicht. In Schwung gekommen fuhr sie dann fort: „Außerdem glaubt sie von ihrem Liebhaber, einem Juristen geehelicht zu werden, obwohl der längst verheiratet ist. Dieser Kerl wird meine Mutter niemals zum Traualtar führen! Der hat doch eigene Kinder! Staatsanwalt ist dieser Drecksack und als solcher muss er Regeln einhalten! Ein Verhalten, das Kinder vaterlos macht, kann der sich nicht erlauben! Eine Scheidung und eine Neuheirat würden seiner Karriere schaden und sie zerstören! Dieses Schwein ist nur darauf aus, mein väterliches Vermögen an sich zu reißen und es zu verprassen! Mehr will dieser Lump nicht! Die Alte ist auch noch so blöd zu glauben, da wäre Liebe im Spiel,“ war immer wieder die vorletzte Reminiszenz, die Augusts Mutter in diesem Zusammenhang von sich gab, natürlich immer nur wenn die Beschuldigten nicht anwesend waren. Ihre letzte Ausführung zu diesem Thema lautete stets: „Aber ich muss mich fügen, schon alleine der Kinder wegen!“ Hierbei warf sie immer den Kopf in den Nacken, formte die Lippen zu straffen Muskeln und nickte als Bestätigung. Die ständigen Beschuldigungen brachten August dazu, Angst vor der Großmutter zu bekommen und dadurch wurde auch seine Liebe zu ihr erschüttert. So langsam manifestierte sich aber auch der Gedanke Schuld an der Situation der Mutter zu haben, einfach weil er da war. Ohne ihn und seinen Bruder ginge es der Mutter mit Sicherheit besser.
August warf seine Beinchen nach oben, den Oberkörper nach hinten, lag jetzt waagerecht auf dem Schaukelsitz und war voll des Glückes. „Ist das Leben schön!“, schrie es immer wieder aus ihm heraus und er hatte das sichere Gefühl, dass es immer so bleiben würde. Schön, dass es zu dieser Zeit die Schaukel gab, den Ort, der es zuließ aus dem beklemmenden Alltag zu entweichen.
Hermann Bachschup, der Vater von August und Günter kam aus einem 100 Seelen Ort im Hessischen. Dessen Eltern betrieben dort einen kleinen Bauernhof, wie alle anderen Dorfbewohner auch. Hermanns Vater, Wilhelm Günter musste als Schuster noch dazuverdienen, da der Hof die Familie nicht ausreichend ernährte. Er machte im Ort die Schuhe wie auch die Lederarbeiten, die in der Landwirtschaft für Kuh- und Pferdegespanne anfielen. Die Familie kam so ganz gut über die Runden, in der Nachkriegszeit dann aber sehr gut. Die Bauern hatten sich viel schneller finanziell erholt als die Städter. Ihr Besitz, ihre Felder und ihre Ernte waren viel mehr wert als die mühselig verdiente, immer weniger akzeptierte Reichsmark.
Dieses hessische Dorf war auch der Geburtsort von August Regnaz, dem Großvater der Zwillinge. Hier wurde er 1875 geboren und hier verstarb er am 23. November des Kriegsjahres 1944. Die letzten 6 Monate seines Lebens verbrachte der Kölner Fabrikant in diesem kleinen, aber sicheren Ort. Da seine Fabriken in Köln nach wie vor mit Volldampf für den Endsieg produzierten, waren seine Produktionsstätten für ihn und seine Familie zu einem noch gefährlicheren Standort geworden. Die ständigen Bombenangriffe machten ihm Furcht, und diese Lebensangst veranlasste ihn Köln zu verlassen. Das war ihm möglich, weil er über Grundbesitz in seinem Geburtsort verfügte. Dazu gehörte ein Bauernhof, ein Jagdrevier mit großem Waldbestand und ein Jagdhaus. So konnte August Regnaz sich und seine Familie aus dem immer heftiger werdenden Bombenhagel in Köln heraushalten.
Der kleine August war nach ihm benannt und deshalb war der Opa auch das große Vorbild für den Jungen, obwohl er ihn nur aus Erzählungen kannte.
Sein Opa hatte den ganzen Krieg über als kriegswichtiger Unternehmer in seinen Fabriken für den Endsieg produziert. So nannte man das damals im 1000-jährigen Reich. Geld war also immer in Hülle und Fülle vorhanden. Fabrikant August Regnaz konnte es sich erlauben, pro-Forma der NSDAP anzugehören, war mutig genug Juden zu verstecken, und Menschen durch einen Arbeitseinsatz in seinen Fabriken vor dem Einsatz an der Front zu schützen. Das alles erfuhr der Enkel August aus Erzählungen seiner Mutter. Die nämlich, sah sich als einziger Liebling und als alleinige Vertraute ihres Vaters. Sie selbst bezeichnete sich immer als dessen Augapfel und ließ deshalb ihren Sohn August wissen, dass er genau wie sein Großvater sei. Das machte den kleinen Mann stolz, und für sich selbst zu einer ausgesprochen wichtigen Person.
Sein Zwillingsbruder Günter war nach dem Großvater, dem Bauer und Schuhmacher väterlicherseits benannt und hatte dadurch nicht so gute Karten, wie sie August in den Händen hielt. Alles, was in der elterlichen Ehe der Zwillinge schief ging, wurde Günter zugeordnet, trug er ja schließlich den Vornamen des Großvaters, der den missratenen, eigenen Vater gezeugt hatte!
Als hätte Günter das gespürt, begab er sich nach der Geburt schnellstens in die Abhängigkeit einer Krankheit, erkrankte an Tuberkulose und suchte damit geachtete Aufmerksamkeit. Er war der Erstgeborene, legte bei seiner Geburt August noch schnell die Nabelschnur um den kleinen Hals und würgte ihn fast zu Tode. Trotzdem kam August als Zweiter auf die Welt, wenn auch10 Minuten später. Er wäre dabei fast erstickt und war von oben bis unten blau angelaufen. Sein irdisches Leben begann deshalb mit einer Reanimation. Mit einer Kampferspritze in seinem winzigen Herzchen, aber schon mit dem beschriebenen Lebensgefühl von der Schaukel in sich, entschloss sich der kleine August dort zu bleiben wo er war, nämlich auf dieser wunderschönen Erde. Sich zum Leben bekennend, war er auch wegen des versuchten Mordanschlages seinem Brüderchen nicht gram. August und Günter waren zweieiige Zwillinge, deshalb auch nicht gleich, sondern unterschiedlich. Für die Mutter der Kinder lag folglich von Anfang an nichts näher als festzulegen, dass August der Gute, Günter aber der Schwierige war. Die Aufgaben- und Rollenverteilung für das kommende Leben war somit klar geregelt!
Günter kam wegen seiner Lungenerkrankung in ein Sanatorium und musste dort ein Jahr seines beginnenden Lebens verbringen. August hingegen, bei der Geburt zwar gewürgt, verbrachte das Leben zuhause auf dem Fabrikgelände. Tagtäglich konfrontierte man ihn mit der Hauptperson in der Familie, mit dem abwesenden Günter, dem armen, kranken, im Sanatorium lebenden Brüderchen. Sich Sorgen, um das kranke Kind zu machen, gehörte natürlich zu den ersten Aufgaben einer Mutter. Augusts Mutter bekam durch dieses Leid eine ganz andere Geltung in der Gesellschaft, einen Wert, den man gegen Ehemann, die übrige Welt und die eigene Mutter einsetzen konnte. August stand dadurch immer in der zweiten Reihe und ständig hinten an. Seine Mutter setzte einfach voraus, dass er begriff die zweite Geige spielen zu müssen, war er doch der eingeteilte Gute. Sie beide mussten am gleichen Strang ziehen und Mutter brauchte einen in der Welt anerkannten Wert.
So wurde August zu einem Erwachsenen, obwohl er noch ganz klein war. Günter kam ein Jahr später nach Hause. Für ihn stand jetzt ein Tretauto aus Blech zur Verfügung, August hatte dagegen nur ein Holzdreirad. Beides hatte die Oma gekauft. Ohne dass irgendjemand aus der Familie Günter verraten hätte, dass er wegen der überstandenen Krankheit zuhause Heimvorteile genoss, wusste Günter diese sofort zu nutzen. Alle gaben nach, Mutter, Bruder, Oma und auch Vater, wenn er denn mal involviert war.
So entstand eine Familie in der die Berufungen klar festgelegt und die Aufgaben genau verteilt waren. Oma war das Biest, Vater der Schweinehund, der Staatsanwalt ein Dreckschwein, die Zwillinge die armen Geschöpfe, die es galt, groß zu ziehen und die Mutter eine Heldin, die heroisch alles meisterte und erduldete. August aber avancierte zum Beschützer dieser Heldin und das erklärte sich so:
Die Mutter der Kinder kämpfte für sich und die Zwillinge, nicht nur um sich Wert zu verschaffen, nein, auch aus der Angst heraus etwas falsch zu machen, um nicht deswegen von dem auf dem Papier noch existierenden Ehemann und Vater der Zwillinge zur Rechenschaft gezogen werden zu können. Augusts Mutter war in diesen Jahren eine junge, mittellose Frau, hatte mit 21 Jahren die Kinder geboren, zu einer Zeit wo buchstäblich kein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Zeit bis zu ihrer Ehe aber hatte sie, laut sich ständig wiederholenden Erzählungen als reiche, vom Vater verwöhnte Tochter verbracht.
Ein Erbe hatte sie nicht erhalten. Gemäß Testament wurde ihre Mutter 1944 die Alleinerbin und brauchte jede Mark für die weiter zu führende Fabrik ihres verstorbenen Mannes, das Cabriolet, den Liebhaber, die Reisen und das,
