LULUS MISSION - Angelika Schaeuffelen - E-Book

LULUS MISSION E-Book

Angelika Schaeuffelen

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Beschreibung

In den Fängen des machtbesessenen Ego Puppenspieler führen die Menschen ein fremdbestimmtes, seltsam gehetztes Leben. Ihre unbeschwerte Natur, ihr intuitives, freudiges inneres Kind ging ihnen verloren. Custos, Hüter dieser verlorenen Kinder, bittet Lulu, ein außergewöhnliches Mädchen, um Hilfe. Sie soll die Menschen aufrütteln und sie an ihre inneren Kinder erinnern, damit diese wieder heimkehren können. Lulu nimmt entschlossen den Kampf gegen Ego Puppenspieler auf. Doch dann macht sie eine überraschende Erfahrung. In ihrer direkten und zugleich warmherzigen Art gibt Lulu auch dem Leser Impulse, über sein Leben nachzudenken: Wie stark ist mein eigenes Ego? Wie viel Raum bleibt für mein inneres Kind? Meine Wünsche und Lebensträume – habe ich diese aus den Augen verloren?

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Seitenzahl: 127

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Angelika Schaeuffelen

LULUS MISSION

Eine Geschichte innerer Heimkehr

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1

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Danksagung

Über die Autorin:

Impressum neobooks

1

Lulu macht sich langsam Sorgen.

Es ist einige Monate her, dass sie hier gelandet ist und was sie bisher erlebt hat, verwirrt sie zunehmend. Zunächst erschien ihr dieser Ort durchaus aufregend angesichts der zahlreichen Möglichkeiten, die sich die Menschen hier geschaffen haben. Aber immer deutlicher merkt sie, dass dabei etwas ganz und gar nicht stimmt.

Lulu sieht es an den ernsten, angespannten Gesichtern, die etwas Gehetztes widerspiegeln. Wie von Geisterhand geführt eilen die Menschen durch die Straßen, ohne dass sich für Lulu erschließt, für wen oder was sie so herumhetzen und welch so wichtige Aufgabe sie in aller Welt hier zu erledigen haben.

Dabei sind die meisten Menschen durchaus freundlich zu Lulu. Sie hat sogar schon einige Freunde gewonnen, was nicht verwunderlich ist, denn Lulu zieht fast jeden, den sie trifft, in ihren Bann. Wenn sie lächelt, schimmert ihr eines Auge grün und ihr anderes türkis. Doch sieht man das - abgelenkt von ihren fröhlich tanzenden roten Locken und ihrem reichlich großen Mund - erst auf den zweiten Blick. Meist trägt Lulu einen knallorangenen kurzen Mantel mit aufgesetzten Taschen, ein Blickfang, da er nicht gerade mit ihren roten Haaren harmoniert. Aber das kümmert Lulu herzlich wenig.

Lulu taucht mal da und mal dort auf und bleibt selten länger an einem Ort. Keiner weiß, wo sie herkommt. Angesichts ihres gütigen Wesens, gepaart mit einem ungewöhnlich tiefen Blick in die Seele der Menschen, haben diese manchmal das Gefühl, Lulu sei nicht von dieser Welt. Deswegen hört man häufig „unsere kleine Fee“, wenn von Lulu geredet wird.

Doch das wirklich Besondere an Lulu ist etwas, was die einen anzieht, die anderen dagegen eher das Weite suchen lässt, wenn sie Lulu begegnen: Lulu blickt hinter die Fassade der Menschen und spricht direkt und unverblümt aus, was sie im Innern ihres Gegenübers fühlt. Deshalb sieht man nicht selten Leute um die Ecke huschen, wenn Lulu erscheint. Denn wer hat schon immer Lust, sich in die Seele schauen zu lassen und sich ungemütlichen Fragen zu stellen.

Wenn Neugierige von ihr wissen möchten, wo sie zu Hause ist, hat sie stets eine ausweichende Antwort auf Lager und lenkt schnell und geschickt das Gespräch in eine andere Richtung.

Selbst Pedro, mit dem Lulu am häufigsten ihre Zeit verbringt, hat bis heute nichts über Lulus Herkunft herausgefunden. Irgendwann hat er aufgehört, sie mit Fragen zu bedrängen, weil er instinktiv spürt, dass er Lulu damit womöglich vertreibt. Und das will er auf keinen Fall, denn Pedro ist ein Freigeist und liebt es, sich mit Lulu auszutauschen. Niemals ist ihm jemand begegnet, der so unbedarft und unvoreingenommen schlaue Fragen stellt.

Pedro ist ein Bücherwurm. Die ohnehin schon kleinen Zimmer seines winzigen, aber äußerst behaglichen Häuschens direkt am Rande des Parks sind entsprechend vollgestopft mit philosophischen Abhandlungen, Märchen, Romanen, Krimis und Abenteuergeschichten.

Auch Lulu liebt Bücher und so sieht man die beiden oft in dem kleinen, etwas verwilderten Gärtchen vor Pedros Haus sitzend, sich gegenseitig vorlesend oder über die Welt und die Menschen philosophierend – jedenfalls am Wochenende. Unter der Woche bleibt dafür wenig Zeit, denn Pedro arbeitet als Programmierer in einer großen Computerfirma, ein Job, der gar nicht so richtig zu ihm passt, findet Lulu.

Die allgemeine Rastlosigkeit der Menschen macht auch vor den Kindern nicht halt. Meist kommen diese erst nachmittags aus der Schule. Dann hetzen sie direkt zum Sporttraining, Musikunterricht oder Nachhilfe. Deshalb gelingt es Lulu nur selten, mit ihnen zusammen ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, nämlich ziellos und zeitlos durch die Gegend zu streifen.

Spricht Lulu die Menschen darauf an, warum sie es bei allem, was sie tun, so furchtbar eilig haben, sind diese nicht einmal erstaunt. Sie wissen sogar genau, was Lulu meint. Dann nicken sie wissend mit dem Kopf, lächeln etwas müde und sagen mit einem Gesichtsausdruck, den Lulu nicht deuten kann, dass sie nun mal tausend wichtige Dinge zu erledigen hätten und dass diese Tätigkeiten durchaus erfüllend seien. Lulu brauche sich wirklich nicht um sie zu sorgen.

Doch für Lulu scheint es, als plätschere das Leben so für die Menschen dahin. Sie sind - gefangen in dem, was sie stets meinen, erledigen zu müssen - weder glücklich noch unglücklich. Immerhin gönnen sie sich ab und zu etwas Schönes für ihre Sinne, mal einen Saunaabend, einen Besuch im Theater oder Kino oder ein paar Stunden Lesen bei angenehmer Musik. Lulu spürt, wie wohltuend dies für die Menschen ist.

Doch eines Abends, nach einem Klavierkonzert, welches die Zuhörer tief berührte, geschieht etwas Sonderbares.

Wie Lulu spazieren die Leute, noch von der Musik beseelt, zu dem großen Parkplatz vor der Konzerthalle.

Lulu will sich gerade auf ihr Fahrrad schwingen, als sie erstarrt. Ohne ersichtlichen Grund ändern die Konzertbesucher - eben noch zu ihren Autos unterwegs - ihren ursprünglich eingeschlagenen Weg und eilen, wie von unsichtbarer Hand gezogen, alle in dieselbe Richtung.

Es ist, als gäbe es da einen Magneten, der die Menschen unwiderstehlich anzieht. Diejenigen, die ihr Auto gestartet hatten, nehmen sich nicht mal Zeit, den Motor wieder abzustellen, sondern steigen direkt aus und reihen sich in den Menschenstrom ein. Das Ganze geschieht in einem militärischen Gleichschritt, der Lulu einen Schauer über den Rücken jagt.

Zutiefst erschrocken widersteht Lulu nur mit Mühe dem Drang, ebenfalls ihren Blick in die Richtung zu wenden, in die alle so gebannt marschieren. Sie ahnt, dass sie ansonsten ebenso diesem merkwürdigen Sog erliegen würde.

Voll damit beschäftigt, ihr Fahrrad durch die einzig freie Lücke Richtung Ausfahrt zu lavieren, übersieht Lulu das von rechts kommende Auto Pedros. Dieser, selbst abgelenkt von dem Chaos auf dem Parkplatz, erblickt Lulu erst in letzter Sekunde. Er reißt das Lenkrad herum, verpasst Lulu nur um Haaresbreite und prallt gegen einen Parkpfosten. Durch den Aufprall schlägt er mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe. Als er verwirrt aufschaut, folgt sein Blick automatisch den Menschenmassen. Ehe Lulu irgendetwas unternehmen kann, steigt Pedro aus seinem Wagen und reiht sich im Gleichschritt in den Menschenzug ein. Das verzweifelte Rufen von Lulu scheint er überhaupt nicht zu hören.

Lulu ahnt, dass sie Pedro nicht helfen kann, ohne auch in den Sog zu geraten. Schweren Herzens verlässt sie den Parkplatz.

Doch dort draußen wird es nicht besser. Die ganze Stadt hat sich in Bewegung gesetzt. Und es erscheint Lulu, als wäre sie die Einzige, die vor diesem Sog flüchtet.

Dem Menschenstrom entkommen, fährt sie durch leer­gefegte Straßen und fühlt sich plötzlich einsam. Traurig setzt sie sich an den Straßenrand und schaut die verlassene, dunkle Gasse entlang. Ob sie doch den Menschen hinterherlaufen sollte, um zu sehen, was sie so anzieht?

Noch während Lulu diesem Gedanken nachhängt, überfällt sie tiefe Müdigkeit und sie schließt erschöpft die Augen. Kurz vor dem Eindämmern, im Zustand zwischen Wachen und Schlafen, fühlt Lulu sich plötzlich mit einem mächtigen Sog in einer Spirale nach oben gezogen. Dies geschieht in so rasender Geschwindigkeit, dass sie das Bewusstsein verliert.

2

Als Lulu zu sich kommt, findet sie sich in einem riesengroßen, hellen Raum wieder. Sie hat das Gefühl, tagelang geschlafen zu haben, so erholt und energiegeladen fühlt sie sich.

Gebannt schaut sich Lulu um und reißt überrascht die Augen auf: Tausende kleine, spielende Kinder tummeln sich um sie herum.

Nicht weit von ihr, inmitten der Kinder, entdeckt sie einen Mann, der eine enorme Wärme und Freundlichkeit ausstrahlt. Lulu fühlt sich sofort zu ihm hingezogen.

Der Mann bahnt sich einen Weg zwischen den ausgelassenen Kindern hindurch. Dabei wendet er sich jedem Kind, an dem er vorbei kommt, mit einem freundlichen Wort, einem Kuss, einem Streicheln über die Wange und warmherzigen Lächeln liebevoll zu.

Lulu beobachtet ihn dabei genau. Sie schmunzelt, als sich ein kleines Mädchen in seinem vollen, zu einem Pferdeschwanz gebundenen weißen Haar festkrallt.

Auf diesen Armen kann er bestimmt einen Haufen Kinder auf einmal tragen, denkt Lulu bei sich, als sie den kräftigen Oberkörper betrachtet.

Fast ist der Mann bei Lulu angekommen und da sieht sie auch sein Gesicht genauer. Die unzähligen Falten sprechen für ein beträchtliches Alter, doch die strahlenden, völlig ungetrübten Augen lassen das Gegenteil vermuten. Die Bewegungen des Mannes wirken jugendlich, seine Ausstrahlung gelassen.

Irgendwie zeitlos, sinniert Lulu vor sich hin.

„Hallo Lulu“, wird sie von ihm begrüßt. Die warmherzige Stimme dringt sofort in Lulus offenes Herz und sie schaut in tiefblaue Augen. Wie das Meer, empfindet Lulu, als sie in seinen Blick eintaucht.

„Wer bist du?“, fragt sie gespannt.

„Ich bin Custos, Hüter der verlorenen Kinder“, gibt er Lulu freundlich Auskunft.

Lulu schaut verblüfft über die Kinderschar und Custos erklärt: „Ich wache solange über diese Kinder, bis sie wieder zurück nach Hause geholt werden.“

„Wo ist denn ihr Zuhause?“, fragt Lulu mit verwundertem Blick auf die zahlreichen kleinen Wesen, deren Alter Lulu auf drei bis fünf Jahre schätzt.

„Jedes einzelne Kind hier gehört zu einem ganz bestimmten Menschen. Dort ist eigentlich sein Zuhause. Aber es ist diesem Menschen verloren gegangen und dadurch völlig schutzlos geworden. Ich passe auf jedes Kind auf, bis es von seinem Menschen wieder abgeholt wird. Dazu müssen sich die Menschen allerdings endlich mal auf die Suche nach ihren verlorenen Kindern begeben.“

Lulu ist erschüttert: „Das heißt, wenn die Menschen ihre Kinder nicht suchen, kommen auch die Kinder nie mehr nach Hause zurück?“

„Ja, genau so ist es, Lulu.“

„Und was passiert dann mit diesen Kindern?“, fragt Lulu mit großen Augen. „Wie lange kannst du denn auf sie aufpassen?“

Custos schaut Lulu jetzt ernst an: „Ich passe auf sie auf, bis sie sterben.“

Nach kurzem Nachdenken schlussfolgert Lulu mit unbehaglichem Blick auf die Kinderschar: „Das bedeutet, die Kinder können sterben, ohne je wieder nach Hause gekommen zu sein?“

„So traurig es ist, Lulu, leider ja.“

„Aber du passt doch auf sie auf! Wieso sterben die Kinder trotzdem?“

„Sie sterben“, erklärt Custos, „wenn der zu ihnen gehörende Mensch stirbt. Das kann ich nicht verhindern. Ich kann nur so lange auf sie aufpassen, wie der Mensch selber am Leben ist.“ Und als er den erschrockenen Blick Lulus sieht, fährt er fort: „Ja, Lulu, das ist traurig. Deshalb versuche ich ja auch, die Menschen daran zu erinnern, dass es da noch ein Kind gibt, das sie vergessen haben.“

Lulu kann es nicht so recht fassen: „Heißt das, die Menschen haben ihre Kinder nicht nur verloren, sondern auch noch völlig vergessen? Aber warum?“

„Am Anfang waren die Menschen noch oft unglücklich und haben ihr Kind gesucht und vermisst. Aber dann sind sie immer tiefer in die Fänge von Ego Puppenspieler geraten. Und der hat dafür gesorgt, dass sie ihre Kinder endgültig aus dem Gedächtnis verlieren.“

Lulu schaut Custos etwas verständnislos an: „Und wie gelingt es diesem Ego… - wie?“

„Ego Puppenspieler. Du meinst, wie es ihm gelingt, dass die Menschen ihre Kinder vergessen? Er lenkt sie ab. Du hast ja auch schon gemerkt, dass die Menschen manchmal wie von Sinnen herumeilen und gar nicht zur Ruhe kommen.“

„Ja!“, ruft Lulu aus. „Das konnte ich noch nie verstehen! Da steckt also dieser Ego Puppenspieler dahinter?“

Custos nickt. „Ganz genau, er ist es, der die Menschen antreibt, immer noch mehr zu arbeiten, um noch mehr Erfolg und Geld einzuheimsen. Es gefällt ihm ganz und gar nicht, wenn sich die Menschen von Musik, Kunst und Theater inspirieren lassen. Und so treibt er ihnen dies mit allen Mitteln aus.“

„Aber wie schafft er das?“ Lulu schaut jetzt äußerst gebannt zu Custos, auf dessen Stirn zum ersten Mal Sorgenfalten aufgetaucht sind.

„Ego Puppenspieler zieht die Menschen immer öfter in SEIN Theater, in welchem ER seine Puppen tanzen lässt. In diesen Theaterstücken werden jene Puppen zu Helden, die erfolgreich sind und denen es durch viel harte Arbeit gelingt, Macht und Geld zu erringen. Ruhm, Macht und Geld machen die Puppenhelden glücklich, jedenfalls in den Geschichten des Puppenspielers. Seine Theaterstücke haben immer das gleiche Happy End: Stets stehen die fleißigen, gehorsamen Puppen besser da als die faulen oder herumträumenden, die in seinen Geschichten als wertlose Nichtsnutze die Welt nur belasten und gefährden.“

„Ach so!“, ruft Lulu aus. „Und die Menschen eifern dann den Helden nach und stürzen sich wieder in die Arbeit?“

„Genau, so ist es, Lulu. Doch das ist längst nicht alles. Ego Puppenspieler arbeitet noch mit viel perfideren Tricks. In seinem Theater fängt er seine Zuschauer quasi als lebende Puppen ein. Während er diese in den Bann seiner Geschichten zieht, wirft er gleichzeitig seine Fäden aus, die wie unmerkliche Tentakel seine nichtsahnenden Zuschauer einfangen. Die klebrigen Fäden docken direkt an den Menschen an und bleiben an ihnen hängen, auch wenn diese nach Hause gehen.“

„Ach, daher kommt der Name Ego Puppenspieler?“

Custos nickt anerkennend: „Ja, Lulu. Weil er die Menschen wie Puppen tanzen lässt. Sie sind zu seinen Marionetten geworden. Wenn sich zum Beispiel einer von ihnen, einer uralten Sehnsucht folgend, endlich mal entspannt und ein bisschen Ruhe gönnt, zupft Ego Puppenspieler kurz am Faden und sein Marionettchen schreckt auf und macht sich wieder an die Arbeit.“

Lulu runzelt die Stirn: „Aber die Menschen könnten sich doch auch wehren. Warum gehorchen sie immer gleich, wenn Ego-Puppenspieler an ihrem Faden zieht?“

„Tja, Lulu, da hat der Puppenspieler mehrere Methoden auf Lager, aber eine davon ist besonders tückisch: Er lässt über seine Fäden Schuldgefühle in die Menschen krabbeln. Sie sehen aus wie kleine schwarze Nagetiere und besetzen zunächst die Gedanken der Menschen. Dann denken die Menschen zum Beispiel: Was sitze ich hier so faul herum. Ich habe doch noch so viel zu tun! Oder: Wie das Rosenbeet schon wieder aussieht. Ich muss unbedingt das Unkraut herausrupfen! Und wenn sie diese Gedanken ignorieren – was schon nicht einfach ist – krabbeln die Nagetierchen in die Eingeweide der Menschen und fressen sich Stück für Stück immer tiefer hinein, werden dabei immer dicker, verursachen erhebliche Magenschmerzen und nehmen ihnen manchmal sogar die Luft zum Atmen. Wer dies öfter durchgemacht hat, hört schon bald auf den ersten Gedanken und springt lieber mal schnell auf, um das Unkraut zu rupfen.“

„Das ist ja gruselig!“ Lulu schaudert es bei der Vorstellung.

„Das ist es wirklich, Lulu“, stimmt ihr Custos bei. „Von oben betrachtet sieht das Ganze wie ein riesengroßes Spinnennetz aus, in dem die Menschen hilflos zappeln. Und sie haben fast keine Chance, Ego Puppenspieler zu entkommen. Denn sobald sie anfangen, mal wieder ihrer Intuition zu folgen oder womöglich ihr Herz ein bisschen zu öffnen, zieht Ego Puppenspieler sie an seinen Fäden in sein Theater und treibt ihnen ihre Intuition oder Gefühlsduseleien, wie er es nennt, gründlich wieder aus.“

Bei diesen Worten fällt Lulu der ganze Schrecken der Nacht nach dem Konzert auf dem Parkplatz wieder ein.

Custos, der sieht, was in Lulu vorgeht, bestätigt: „Ja, Lulu. Dies genau ist die Erklärung für dein Erlebnis nach dem Konzert.“

„Aber warum macht dieser Ego Puppenspieler das denn alles?“, ruft Lulu aus. „Warum lenkt er die Menschen so ab, dass sie nicht mehr an ihre Kinder denken?“

„Ego Puppenspieler liebt es einfach, Macht über die Menschen zu haben. Er genießt es, die Menschen nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. Und genau diese Macht würde er verlieren, wenn die Menschen ihre Kinder wieder zu sich zurückholten.“