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Palermo. Ein Mann will wissen, was es mit einem Lied auf sich hat, das er mag: Lume Lume. Woher kommt es genau? Wer kann ihm helfen, den Text zu übersetzen? Die Suche wird zu einer Reise durch seine eigene Welt, bevölkert von Rumänen wie Sizilianern, von Pakistani, Kosovaren oder Bangladeshi, von vielen Nachbarn und vielen Freunden - alle mit ihren Eigenheiten, alle mit jedem Recht auf diese Eigenheiten. Andrea Camilleri, Sizilianer wie Vetri, beschreibt den kleinen, eigenwilligen Roman als 'Handbuch für das Zusammenleben in der Welt'.
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Seitenzahl: 118
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Nino Vetri
Roman
Mit einer Anmerkung von
Andrea Camilleri
Aus dem Italienischen von
Andreas Rostek
edition.fotoTAPETABerlin
ISBN 978-3-940524-41-6
Für diese Ausgabe und für die Übersetzung
© edition.fotoTAPETA Berlin 2013
Das italienische Original erschien 2010
unter dem Titel Lume Lume im Verlag Sellerio
© 2010 Sellerio Editore, Palermo
Umschlagfoto: © testfight / Quelle photocase
Foto Innenklappe: © Hochland / Quelle: photocase
Umschlaggestaltung: Gisela Kirschberg, Berlin
Satz und Gestaltung: Gisela Kirschberg, Berlin
Gesetzt aus der Minion und Frutiger
Wir danken Adelheid Mittorp für die Unterstützung.
MIR HAT SCHON IMMER ein rumänisches Lied gefallen, das Lume Lume heißt. Mit seinem schönen Crescendo von Stimmen und Bläsern. Ich habe gedacht, es wäre doch schön, es zu spielen. Aber ich kenne den Text nicht. So wie er gesungen wird, hört er sich so sehnsüchtig an, fast herzzerreißend. Ich habe im Wörterbuch wenigstens den Titel gesucht. Lume: Welt, Leute.
Also müsste Lume Lume Leute Leute heißen. Oder Welt Welt. Oder Welt Leute. Oder Leute Welt. Oder es ist womöglich eine Art von Genitiv. Also könnte es Leute der Welt sein. Oder die Welt der Leute.
Leute der Leute oder Welt der Welt würde ich ausschließen. Obwohl …
Ich lass mir jetzt den Text von meinen rumänischen Nachbarn aufschreiben, hab ich überlegt, dann kann ich das Lied spielen oder auch unter der Dusche singen.
Lumeeee! Lumeee!
Meine rumänischen Nachbarn sind vier an der Zahl. Drei Jungs sehe ich spät nachmittags, wenn sie dreckig und voller Zement zurückkommen, und dann abends, wenn sie ausgehen und auf drei Meilen nach Shampoo riechen, mit den guten Klamotten an und dem Handy in der Hand. Der vierte kümmerte sich um einen Jungen im Rollstuhl, für den die Familie keine Zeit hat.
Dieser Junge, also der im Rollstuhl, hat sich bei einem Theaterkurs angemeldet. Der Rumäne, der Claudio heißt, begleitet ihn.
Claudio hat mich vor ein paar Wochen zu einem Vorspiel des Jungen eingeladen, um den er sich kümmert.
Und zu meiner großen Überraschung habe ich gesehen, dass er ebenfalls auf die Bühne tritt. Und er schiebt nicht etwa nur den Rollstuhl. Zu zweit spielten sie eine Rolle. Irgendwie ein Mittelding zwischen einem Puppenspieler samt Puppe und einer mythologischen Figur mit zwei Köpfen, vier Beinen und zwei Rädern. Und wenn der Junge im Rollstuhl, der auch Probleme mit dem Sprechen hat, einen Satz nicht zu Ende bringen konnte, griff Claudio ein, und der andere verrenkte sich mächtig, um ihn anzusehen, als wolle er sagen: ja, genau das wollte ich sagen.
Ich wollte auf dem Treppenabsatz auf die Rumänen warten. Mohammed kam aus seiner Wohnung, mein Nachbar aus Bangladesch.
Ich habe ihn nach den Rumänen gefragt. Er wusste nichts. Jedes Mal fragt er mich: dein Vater, wie geht’s ihm? Die Mädchen gut? Die Frau? Deine Mutter? Dann alles okay. Salam aleikum!
Ich wollte zurück in meine Wohnung, um was zu essen, ich habe Mohammed eingeladen. In Ordnung, hat er gesagt.
Am Tisch habe ich gesehen, dass er heimlich das Besteck mit einem Tuch abputzte. Er war ein bisschen peinlich berührt und hat mir gesagt, das ist nicht hygienisch, und hat dabei auf die Gabel geguckt. Wir essen mit den Händen, ist hygienischer.
Mit den Händen hygienischer?
Ja, hat er mir erklärt, weil jeder seine Hände ordentlich mit Seife wäscht. Dann packen wir das Essen auf einen Teller in der Mitte des Tisches mit einem Löffel, den aber niemand in den Mund nimmt. Dann legt jeder das Essen mit dem Löffel auf seinen Teller und isst mit den sauberen Fingern. Bei der Gabel dagegen weiß ich nicht, wer sie vorher benutzt hat …
Ist auch wieder wahr …
Dann sind wir zum Rauchen wieder auf den Treppenabsatz gegangen und haben auf die Rumänen gewartet. Wenn du sie nicht siehst, merkst du nicht mal, dass sie zu Hause sind, so leise sind sie. Du Glücklicher! sagt ein Freund von mir, dessen Nachbarn Schlagzeuger aus Brasilien sind.
Mohammed ist Moslem und sehr gläubig.
Wenn er über Politik redet, präsentiert er einem Ideen, die irgendwie fantastisch und schrecklich gleichzeitig klingen.
Iran und die Vereinigten Staaten, findet er, sind heimliche Verbündete. Zwei imperialistische Mächte, die die Welt unter sich aufteilen wollen. Iran hat den Amerikanern den Irak überlassen. Im Gegenzug will Amerika, dass Iran Israel in Ruhe lässt, aber dafür gibt er ihm: Syrien, Jordanien, Libanon und den gesamten Balkan! Warum also unterstützen die Vereinigten Staaten die albanischen Moslems? Das Attentat auf die beiden Zwillingstürme, sagt Mohammed und flüstert fast dabei, haben die Juden und die Serben gemacht! Um Amerika eine Warnung zu verpassen!
Wenn ich die politischen Theorien Mohammeds höre, bleibt mir der Mund offen stehen. Eine Welt, aufgeteilt in islamische Fundamentalisten und christliche amerikanische Neopuritaner!
Ohne irgendein Mittelding!
In der Zwischenzeit ist die Tür von Signora Licata halb aufgegangen.
Signora Licata habe ich noch nie ganz gesehen.
Sie hat einen übergewichtigen Neffen, der ihr den Einkauf bringt und dabei auf der Treppe keucht. Sie lässt ihn hinein, schließt die Tür und redet auf ihn ein. Man versteht die Worte nicht, aber der Ton ist immer vorwurfsvoll.
Ja, ja, Tante, antwortet der übergewichtige Neffe dann immer und keucht.
Von ihr kenne ich das halbe Gesicht und die halbe Stirn, verdeckt von halb roten, halb weißen Haaren.
Hat etwas Geometrisches.
Dann ist Mohammed nach Hause gegangen. In der Zwischenzeit ist eine junge Französin heraus gekommen, die ab und zu ein Zimmer im Haus mietet und dann eine Weile hier wohnt.
Ich gehe spazieren, hat sie zu mir gesagt, kommst du mit? Wir sind zum Markt gegangen, sie geht gern auf dem Markt spazieren.
Der Markt war voller Gerüche und Farben, wie immer, und voller Leute.
So viele Leute! habe ich gesagt. Lume Lume!
Das heißt Leute, Welt. Das ist ein rumänisches Lied, habe ich gesagt.
Aber vielleicht heißt es auch Leute der Welt, hat die Französin gesagt … oder Welt der Leute …
Ja, ich weiß, habe ich geantwortet, das habe ich auch schon gesagt.
Auf dem Markt war ein Filmteam von Italienern aus dem Norden dabei, Aufnahmen zu machen. Sie hatten einen Typen abgestellt, um den Leuten, die vorbei kamen, Anweisungen zu geben.
Guckt nicht in die Kamera, sagte er, guckt nicht in die Kamera!
Nur, dass dadurch dann alle mit dem Blick die Kamera suchten, in die sie nicht gucken sollten. Welche Kamera? fragten sie. Und sie suchten sie mit dem Blick.
Der Regisseur regte sich furchtbar auf.
Das geht doch nicht, alle gucken in die Kamera …
Sagte er.
Darauf haben sie beschlossen, die Leute einige Minuten festzuhalten, mit dem Ergebnis, dass sie einen leeren Markt filmten, ohne Leute, ohne Lume Lume. Es waren sogar Touristen aus dem Norden dabei. Sie waren ganz weiß. Lichtdurchlässig. Leuchtend. Wie verzaubert vor einem roten Haufen von Tomaten.
Wer weiß, dachte ich, ob es für sie gut riecht oder stinkt.
Der Markt ist voller Sachen aus Afrika! sagte die Französin, die in Afrika gewesen war. Sieh’ mal diese getrockneten Fische, sagte sie, die habe ich in Afrika gegessen. Sieh’ mal den Ingwer, daraus macht man einen erfrischenden und aphrodisisch wirkenden Energiedrink.
Ich habe ihn dann probiert. Ja gut, erfrischend ist er, angenehme Nebenwirkungen habe ich nicht gespürt.
Wir haben uns draußen hingesetzt und ein Bier getrunken. Ein Zigeuner mit seinem Akkordeon kam vorbei. Ich habe ihn gerufen, kennst du Lume Lume? Das ist ein rumänisches Lied.
Ja, hat er gesagt.
Einen Euro.
Ich habe ihm einen Euro gegeben, er brachte sich in Position, er konzentrierte sich, indem er den Kopf zurücklegte.
Lumeee! Lumeeee!
Ich habe eine Gänsehaut gekriegt, und die Tränen kamen mir auch noch …
Hörst du nicht? sagte ich zu der Französin, Lume Lume!
Dann haben wir ihn gebeten, sich zu uns zu setzen, ich habe ein Bier bestellt, ich habe eine Serviette genommen und einen Stift, kannst du mir den Text aufschreiben?
Er fing etwas verlegen an zu lachen …
Ich Kosovo … Lied rumänisch … Den Text, den hab ich erfunden …
Aber die Musik war genau die … es heißt Leute Leute Welt Welt.
Dann hat er uns erzählt, dass er aber einmal in Rumänien war.
Er war auf einem Fest in einem Dorf. Es dauerte drei Tage. Drei Tage Wodka und Musik. Und Schwein am Spieß.
Ein wunderbares Fest, nur dass er am Ende zusammengeklappt war, er war eingeschlafen und sie hatten ihm die Schuhe geklaut.
Er sagte das lachend. Geld hatte ich keins mitgebracht … sagte er. Mit einem verschmitzten Blick.
Und bist du nicht wütend geworden? Hast du nicht das Gefühl gehabt, verraten worden zu sein? fragte die Französin.
Nein, hat er geantwortet. Und mit den Schultern gezuckt. In Kosovo sagen wir Sprichwort: besser Freund mit Fehler als kein Freund …
Wir haben noch mehr Bier bestellt. Dann wollte der Zigeuner unbedingt bezahlen.
Dann sind wir aufgestanden, ein bisschen blau, wir sind nach Hause gegangen und haben Lume Lume mit dem erfundenen Text gesungen, und ab und zu habe ich wiederholt, besser ein Freund mit Fehlern als keinen Freund! Also, ich bin nicht ganz einverstanden, sagte die Französin.
ICH HABE EINEN DER VIELEN COUSINS von Mohammed getroffen. Seit einiger Zeit hatte ich ihn nicht gesehen. Wo warst du? habe ich gefragt. Ich bin jetzt da oben, in Vicenza, hat er mit einem nördlichen Akzent geantwortet, also, da sind wir ja in Europa, anders als hier …
Hat er gesagt.
Das ist mir sofort quer gegangen, diese Geschichte mit Europa, dass wir hier nicht Europa sind, dann aber habe ich gedacht, eine Beleidigung ist das sicher nicht, nicht Europa zu sein … im Gegenteil …
Er wird doch kein Anhänger der Lega* geworden sein? In sechs Monaten? Einer aus Bangladesch und Anhänger der Lega?
Ich bin zu Mohammed gegangen, um ihn nach seiner Meinung zu fragen.
Du, sag mal, deiner Meinung nach, sind wir in dieser Stadt hier in Europa?
Ein bisschen ja … hat er mir geantwortet.
Ein bisschen nein … habe ich gesagt.
Ja, ein bisschen ja, ein bisschen nein.
Und ist das bisschen ja größer oder das bisschen nein?
Das bisschen nein …
Dann hat er sogar einen Stadtplan genommen, von hier bis hier, hat er gesagt und eine imaginäre Linie mit dem Finger gezogen, wenn da eine Fußgängerzone wäre, oder wenigstens eine Haltestelle der U-Bahn oder der Tram oder ein Fahrradweg, aber ein langer, dann wäre das Europa. Von hier bis hier nicht.
Dem Europa-Teil fehlt etwas, um Europa zu sein, dem Nicht-Europa-Teil fehlt nichts, um nicht Europa zu sein. Verstehst Du? hat er zu mir gesagt.
Verstehe.
Aber wenn es nicht Europa ist, was ist es dann? habe ich gefragt.
Das weiß ich nicht … hat er geantwortet.
Man weiß nicht, was es ist. Ist auch in Ordnung.
Aber ist es etwas Negatives?
Ein bisschen ja, ein bisschen nein.
Und ist das bisschen ja größer oder das bisschen nein?
Gleichgroß. Hat Mohammed zu mir gesagt.
Gleichgroß.
Einmal war ich mit Mohammed im Bus. Eine surreale Situation. Ein Bus voller Frauen aus dem Osten.
Also meiner Meinung nach sind wir hier die einzigen Italiener, hat er zu mir gesagt.
Mohammed ist auf der Suche nach Arbeit in der ganzen Welt herumgekommen. Er war in Afrika, in Deutschland … in mehreren arabischen Staaten. In reichen Staaten. Mit Luxus-Palästen, extralangen Limousinen, wunderschönen Frauen verhüllt von Design-Burkas. Wenn nicht sogar Super-Design-Burkas, hat er gesagt.
Aber konnte man das spüren, dass sie wunderschön waren?
Man spürte es, man spürte es. Hat er geantwortet. An den Augen.
In Mohammeds Zimmer hängen große Fotos seines Landes. Teeplantagen, enorme Tiger, die sich zwischen Wasserfällen und üppigem Grün räkeln. Und ein paar Filmplakate.
Auf einem sieht man einen Polizisten mit ein bisschen Bauch und einem Schnurrbart, der die Pistole auf eine Art Gangster richtet, auch der mit Bauch und Schnurrbart, er umarmt eine Frau, die einen terrorisierten Eindruck macht. Wie heißt der Film? habe ich ihn gefragt … Verhängnis, hat er mir geantwortet.
Einmal habe ich ihn getroffen, als er auf Bengali mit einem Freund sprach. Aus ihrem Gespräch habe ich folgende Worte verstanden: Elfmeter, verdammter Schiedsrichter, Parade. Man kann sie offenbar nicht in Bengali übersetzen.
SIE SIND MIT KARTONS, Schachteln, Holzkisten, mit eigenartigen Eisenbehältnissen angekommen …
Die erste Welle aus Bangladesch.
Einer von ihnen hat eine Wohnung in unserem Haus gemietet. Die Bewohner waren schließlich ein Dutzend. Eine Menge Leute.
Es war auch schwierig, ihnen zu erklären, dass man Pipi nicht im Innenhof des Hauses macht, sondern an dem Ort, den wir Toilette nennen. Jede Wohnung hat wenigstens eine.
Ich habe es ihnen freundlich erklärt.
Das wissen wir doch, antworteten sie mir. Empört. Aber wir sind fünfzehn, das Klo immer besetzt …
Ach! Fünfzehn, nicht ein Dutzend? Ja dann …
Signora Licata war verängstigt, bestürzt, entrüstet.
Ab und zu öffnete sie die Tür, streckte das halbe Gesicht hervor und zischte: Schweine aus Bangladesch!
Dann hat der Hausbesitzer sie alle weggejagt. Er hatte rausgekriegt, dass sie fünfzehn geworden waren.
Schweine aus Bangladesch!
Zischte Signora Licata.
Die zweite Welle war eine Familie. Normal. Eine normale Familie. Vater, Mutter, zwei Töchter. Alle sehr sympathisch.
Die Töchter hießen Bobita und Rumena.
Sie kamen oft und spielten mit meinen Töchtern.
Oder sie kamen, um bei mir zu kochen.
Können wir bei dir kochen? Das Gas bei uns ist alle …
Ich sah ihnen gern beim Kochen zu.
Tonnen von Reis. Wirklich Riesentöpfe.
So wie man bei uns auf dem Land das Brot zu Hause für eine ganze Woche machte.
Und jedes Haus hatte seinen schönen Holzofen. Und an einem Tag in der Woche machte man Brot, das dann in Tücher eingewickelt wurde, damit es länger hielt.
Und jeden Tag wickelte man ein Tuch auf, und heraus kam das Brot, das frisch und duftend war wie am ersten Tag.
Und auch den Wein machte jeder selbst. Und jeder hatte ja seine drei Quadratmeter Land mit Trauben, um Wein zu machen.
Land, soweit man sah, und Trauben, so viele man brauchte. Sagte man so.
Wenn sie einkaufen gingen, trugen Rumena und Bobita riesige Säcke mit Reis und Zwiebeln.
Was macht ihr denn mit den ganzen Zwiebeln? fragte ich. Zwiebeln sind gesund! antworteten sie.
Wir essen immer Reis und Zwiebeln mit Fleisch oder Fisch.
Einmal habe ich gesehen, wie sie Fisch zum Trocknen auf den Balkon legten. Wirklich auf den Boden.
