Verlag: Heyne Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Luna E-Book

Ian McDonald

4.33333333333333 (18)
Bestseller

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Luna - Ian McDonald

Kampf der Fünf DrachenDie Zukunft: Schon lange ist der Mond den Menschen zu einer zweiten Heimat geworden. Doch auf dem Erdtrabanten geschieht nichts, ohne dass die dort ansässigen, rivalisierenden Wirtschaftsgiganten – die sogenannten Fünf Drachen – davon erfahren. Einer davon ist die Corta Helio Corporation unter dem Vorsitz der Patriarchin Adriana Corta. Als junge Frau musste sich Adriana in der brutalen Mondgesellschaft nach oben kämpfen – und hat sich dabei eine Menge Feinde gemacht. Feinde, die Adriana und ihren Clan nun zu Fall bringen wollen …

Meinungen über das E-Book Luna - Ian McDonald

E-Book-Leseprobe Luna - Ian McDonald

Das Buch

Die Zukunft: Der Mond ist den Menschen zu einer zweiten Heimat geworden – trotz der lebensgefährlichen Umweltbedingungen. Doch auf dem Erdtrabanten geschieht nichts, ohne dass die dort ansässigen, rivalisierenden Wirtschaftsgiganten – die so genannten fünf Drachen – davon erfahren. Einer davon ist die Corta Helio Corporation unter dem Vorsitz der Patriarchin Adriana Corta. Als junge Frau wanderte die Brasilianerin auf den Mond aus, um dort ihr Glück zu machen. Entgegen aller Widerstände kämpfte sie sich in der brutalen Mondgesellschaft nach oben und begründete eines der mächtigsten und reichsten Familienimperien auf dem Mond. Doch dabei hat sie sich eine Menge Feinde gemacht. Feinde, die Adriana und ihren Clan nun zu Fall bringen wollen …

Der Autor

Ian McDonald, 1960 in Manchester geboren, ist langjähriger Fernsehredakteur und Schriftsteller. Im Alter von zweiundzwanzig veröffentlichte er seine erste Story, inzwischen zählt er zu den bedeutendsten Science-Fiction-Schriftstellern der Gegenwart. Viele seiner Werke wurden mit Genre-Preisen wie dem Hugo, dem Locus und dem Nebula Award ausgezeichnet. Der Autor lebt und arbeitet in Nordirland.

Mehr über Ian McDonald und seine Romane erfahren Sie auf:

diezukunft.de

Ian McDonald

LUNA

Roman

Aus dem Englischen übersetztvon Friedrich Mader

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Titel der englischen Originalausgabe

LUNA – NEW MOON

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Deutsche Erstausgabe 01/2017

Redaktion: Tamara Rapp

Copyright © 2015 by Ian McDonald

Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe byWilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Das Illustrat GbR, München,unter Verwendung eines Motivs von SuperStock / Blend Images

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN 978-3-641-19295-2V002

www.diezukunft.de

Für Enid

1

In einem weißen Raum am Rand des Sinus Medii sitzen sechs nackte Teenager. Drei Mädchen, drei Jungen. Ihre Haut ist schwarz, gelb, braun, weiß. Immer wieder kratzen sie sich, unermüdlich. Druckabbau trocknet die Haut aus und führt zu starkem Juckreiz.

Der Raum ist eine enge Tonne, kaum hoch genug zum Stehen. Die Jugendlichen hocken zusammengepfercht auf Bänken, die Schenkel an die der Nachbarn gepresst, die Knie an die des Gegenübers. Außer den anderen gibt es nichts zu sehen, trotzdem vermeiden sie den Blickkontakt. Zu nah, zu ausgesetzt. Alle atmen durch eine transparente Maske. Wo die Dichtung ungenau aufliegt, zischt Sauerstoff. Direkt unter dem Fenster des Schleusenausgangs befindet sich ein Druckmesser. Er steht auf fünfzehn Kilopascal. Es hat eine Stunde gedauert, den Druck so weit zu senken.

Draußen herrscht Vakuum.

Lucasinho beugt sich vor und späht wieder durch das kleine Fenster. Das Tor ist deutlich erkennbar, nichts versperrt ihm die Sicht. Die niedrig stehende Sonne wirft lange, tiefe Schatten in seine Richtung. Auf dem schwarzen Regolith wirken sie noch dunkler und könnten viele Gefahren verbergen. Oberflächentemperatur einhundertzwanzig Grad Celsius, hat sein Vertrauter gemeldet. Es wird ein Feuermarsch.

Ein Feuermarsch, ein Eismarsch.

Nur noch sieben Kilopascal. Lucasinho fühlt sich aufgebläht, die Haut gespannt und unrein. Wenn das Messgerät fünf zeigt, wird sich die Schleuse öffnen. Lucasinho sehnt sich nach seinem Vertrauten. Jinji hätte seinen rasenden Herzschlag herunterfahren und den zuckenden Muskel im rechten Oberschenkel beruhigen können. Er fängt den Blick des Mädchens gegenüber auf. Sie ist eine Asamoah; neben ihr sitzt ihr älterer Bruder. Ihre Finger spielen mit dem Adinkra-Amulett um ihren Hals. Sicher hat ihr Vertrauter sie davor gewarnt. Dort draußen kann sich Metall blitzartig in die Haut einbrennen. Dann wird sie ein Leben lang das Zeichen Gye Nyame als Narbe mit sich herumtragen. Ein schwaches Lächeln liegt auf ihrem Gesicht. Hier sitzen sechs nackte, gut aussehende Teenager dicht aneinandergedrängt, trotzdem herrscht in der Kammer nicht ein Hauch sexueller Erregung. Alle Gedanken sind auf das gerichtet, was außerhalb der Schleuse auf sie wartet. Zwei Asamoahs, eine Sun, eine Mackenzie, ein verängstigter, hyperventilierender Woronzow und Lucasinho Alves Mão de Ferro Arena de Corta. Lucasinho hat es mit allen von ihnen bereits getrieben, nur nicht mit der Mackenzie – Cortas und Mackenzies treiben es nicht miteinander. Und nicht mit Abena Maanu Asamoah, deren perfekte Schönheit Lucasinho Corta einschüchtert. Mit dem Bruder aber schon; er macht die besten Blowjobs.

Zwanzig Meter. Fünfzehn Sekunden. Diese Zahlen hat ihm Jinji eingetrichtert. Die Entfernung zur zweiten Schleuse. Die Zeit, die ein nackter menschlicher Körper im blanken Vakuum überleben kann. Fünfzehn Sekunden bis zur Bewusstlosigkeit. Dreißig Sekunden bis zu irreversiblen Schäden. Zwanzig Meter. Zehn Schritte.

Lucasinho lächelt der schönen Abena Asamoah zu. Dann plötzlich blitzen die roten Lichter. Lucasinho ist auf den Beinen, als sich die Schleuse öffnet. Mit einem letzten Atemzug schießt er hinaus in den Sinus Medii.

Schritt eins. Sein rechter Fuß berührt den Regolith und verscheucht jeden Gedanken aus seinem Kopf. Die Augen brennen. Die Lunge lodert. Er droht zu platzen.

Schritt zwei. Die Luft ausstoßen. Raus damit. Null Druck in der Lunge, hat Jinji gemahnt. O nein, das geht nicht, das ist der Tod! Die Luft ausstoßen, sonst explodiert deine Lunge. Sein Fuß setzt auf.

Schritt drei. Er atmet aus. Der Luftzug gefriert in seinem Gesicht. Das Wasser auf der Zunge, die Tränen in seinen Augenwinkeln kochen.

Vier. Abena Asamoah überholt ihn. Ihre Haut ist grau vom Frost.

Fünf. Seine Augen frieren ein. Er wagt es nicht zu blinzeln. Die Augenlider würden festfrieren. Wer blinzelt, wird blind. Wer blind ist, stirbt. Er fixiert die Schleuse, die von blauen Positionslichtern umringt ist. Der bleiche Woronzow setzt sich jetzt ebenfalls vor ihn. Er rennt wie ein Irrer.

Sechs. Sein Herz krampft sich zusammen, kämpft, brennt. Abena Asamoah wirft sich durch die Schleuse und schaut sich um, als sie nach der Maske greift. Sie sieht etwas hinter Lucasinho, ihre Augen werden groß. Ihr Mund öffnet sich zu einem stummen Schrei.

Sieben. Er wirft einen Blick über die Schulter. Kojo Asamoah ist gestolpert, rollt über den Boden. Kojo Asamoah ertrinkt im Meer des Mondes.

Acht. Die blauen Schleusenlichter vor Augen, reißt Lucasinho die Arme zur Seite und bremst seinen fliegenden Lauf.

Neun. Mühsam rappelt sich Kojo Asamoah hoch, doch er ist blind vom Staub, der auf seinen Augäpfeln gefroren ist. Er fuchtelt mit den Händen, torkelt kopflos dahin. Lucasinho packt ihn am Arm. Auf, auf!

Zehn. In seinen Augen pulsiert es rot: ein Lichtkreis, und das Bewusstsein fixiert sich auf den Ring des Schleuseneingangs. Ein Kreis, der sich mit jedem roten Pulsen in seinem versagenden Gehirn zusammenzieht. Luft!, kreischt seine Lunge. Luft! Weiter, weiter! Die Schleuse ist voller Arme und Gesichter. Lucasinho stürzt sich in die ausgestreckten Arme. Sein Blut kocht. In seinen Adern brodelt Gas, jede Blase eine weiß glühende Kugel. Jede Kraft verlässt ihn. Sein Bewusstsein erlischt, doch er lässt Kojos Arm nicht los. Er zerrt an dem Arm, zerrt an dem Jungen; sein ganzer Körper lodert. Dann spürt er eine Erschütterung, hört das Heulen des plötzlichen Druckausgleichs.

In dem winzigen Gesichtskreis, der ihm noch geblieben ist, bemerkt er ein Knäuel aus Gliedmaßen, Haut, Ärschen und Bäuchen, die vor Kondensationswasser und Schweiß triefen. Er hört Ächzen, das in Lachen, Schluchzen, in hemmungsloses Kichern umschlägt. Alle biegen sich vor Lachen. Wir haben den Mondlauf geschafft. Wir haben Lady Luna besiegt.

Blitzartig wieder eine Wahrnehmung: ein seltsamer roter Klecks auf der weißen Schwelle der Schleusentür. Wie gebannt starrt er darauf, bis sein ganzes Bewusstsein nur noch eine Linie ist zwischen ihm und dem roten Punkt. Noch als ihm schwarz vor Augen wird, begreift er, was das für ein Fleck ist. Blut. Beim Zuschlagen hat die Schleusentür Kojo Asamoahs linken großen Zeh erwischt und ihn zu Brei zerquetscht.

Dann wird es dunkel.

Getragen von der Thermik, schwingt sich die geflügelte Frau in die Höhe. Das frühe Licht taucht sie in Gold. Sie streift das äußerste Dach der Welt, dann drückt sie den Rücken durch, legt die Arme an, paddelt mit den Füßen und taucht nach unten wie eine Schwalbe. Einhundert, zweihundert Meter schießt sie in die Tiefe, ein schwarzer Fleck, der aus der falschen Morgendämmerung herabrast, vorbei an Fabriken und Wohnungen, Fenstern und Balkonen, Seilbahnen und Aufzügen, Gehwegen und Brücken. Im letzten Moment breitet sie mit einem Spreizen der Finger ihre Nanofaserfedern aus und beendet den Sturzflug. Dann gleitet sie erneut hinauf, und ihr Gefieder blitzt im heller werdenden Licht. Mit drei Flügelschlägen entfernt sie sich einen Kilometer, bis sie nur noch als goldener Punkt vor der monumentalen Schlucht der Orion-Quadra leuchtet.

»Schlampe«, flüstert Marina Calzaghe. Sie hasst die fliegende Frau für ihre Freiheit, ihr Geschick, ihre vollkommene Haut und ihren straffen, athletischen Körper. Aber am meisten hasst sie sie, weil die Frau ihren Atem für sportliche Aktivitäten verschwenden kann, während Marina um jeden Luftzug kämpfen muss. Marina hat ihren Atemreflex heruntergefahren. Der Chib in ihrem Auge dokumentiert ihre wachsenden Sauerstoffschulden. Immer wenn sie ihre Lunge füllt, kostet es etwas. Ihr Atemkonto ist überzogen. Sie erinnert sich noch gut, wie sie den neuen Chib aus ihrem Auge blinzeln wollte. Er ging nicht weg. Selbst wenn sie mit dem Finger rieb, er blieb mit dem Auge verbunden.

»So einen trägt jeder«, hatte der Angestellte in der Agentur für Einführung und Akklimatisierung der LDC erklärt. »Egal ob eine Jo Moonbeam direkt vom Cycler oder der Adler höchstpersönlich.«

Unmittelbar darauf sprangen die Statuszeilen für ihre vier Grundstoffe an: Wasser, Kohlenstoff, Daten, Luft. Seit diesem Augenblick messen und berechnen sie jeden Schluck und Bissen, jeden Gedanken und Atemzug.

Als sie das obere Ende der Treppe erreicht, verschwimmt ihr alles vor Augen. Sie lehnt sich an die niedrige Brüstung und ringt nach Luft. Vor ihr die schreckliche, überfüllte Leere, erleuchtet von Abertausenden Lichtern. Die Quadras von Meridian sind einen Kilometer tief in den Boden gegraben und folgen einer umgekehrten gesellschaftlichen Ordnung: die Reichen leben unten, die Armen oben. Ultraviolette kosmische Strahlen und geladene Teilchen von Sonneneruptionen bombardieren die nackte Oberfläche des Mondes. Die Strahlung wird zwar schon von wenigen Metern Regolith absorbiert, doch sie löst ein Feuerwerk sekundärer Partikel aus, das die menschliche DNA schädigen kann. Also wühlen sich die Wohngebiete tief nach unten, und die Leute leben so weit von der Oberfläche entfernt, wie sie es sich leisten können. Nur die Industrieebenen liegen höher als Marina Calzaghes Standort, und sie sind fast vollständig automatisiert.

Oben vor dem künstlichen Himmel schaukelt gefangen ein einzelner silberner Kinderballon.

Marina Calzaghe müht sich nach oben, um den Inhalt ihrer Blase zu verkaufen. Der Pissekäufer winkt sie in seine Bude. Ihr Urin ist karg, ockerfarben und trüb. Erkennt sie da Spuren von Blut? Der Pissekäufer analysiert ihre Mineralien und Nährstoffe, und sie bekommt eine Gutschrift. Marina überweist den Betrag auf ihr Netzwerkkonto. Man kann die Atmung herunterschrauben, Wasser organisieren, Essen schnorren, aber Bandbreite gibt es nicht umsonst. Über ihrer linken Schulter verfestigt sich aus einer Gischt von Pixeln ihre Vertraute Hetty. Sie ist ein schlichtes Standardmodell mit kostenloser Skin. Für Marina Calzaghe zählt nur, dass sie wieder im Netz ist.

Nächstes Mal, flüstert sie, als sie weiter nach oben steigt, hinauf zum Dunstfang. Nächstes Mal besorg ich die Medikamente, Blake.

Die letzten Stufen nimmt Marina auf Händen und Füßen. Das Plastiknetz war ein glücklicher Fund, den sie sich geschnappt und versteckt hat, bevor die Sammel-Bots der Zabbaleen ihn recyclen konnten. Ein altbewährtes Prinzip. Das Plastikgeflecht wird zwischen Stützbalken gespannt. Warme, feuchte Luft steigt auf und bildet in der Kühle der künstlichen Nacht kurzzeitig kleine Zirruswolken. Der Dunst kondensiert auf dem feinen Netz und tropft über die Fasern in trinkbaren Mengen in ein Sammelglas. Ein Schlückchen für sie, das meiste für Blake.

Da ist jemand bei ihrem Auffang. Ein großer, monddünner Kerl trinkt aus ihrem Sammelglas.

»Gib das sofort her!«

Der Mann schaut sie an, dann leert er das Glas.

»Das gehört dir nicht!« Sie hat noch immer Erdmuskeln. Selbst ohne Luft in der Lunge könnte sie ihn überwältigen, diese große, bleiche, zerbrechliche Mondblume. »Hau ab, das gehört mir.«

»Jetzt nicht mehr.« Er hat ein Messer in der Hand und hält sie auf Abstand. »Wenn ich dich noch mal hier sehe und irgendwas davon wegkommt, schneid ich dich in Stücke und verkauf dich.«

Gegen ein Messer ist sie machtlos. Weder Handlungen noch Worte, weder Drohungen noch schlaue Einfälle können etwas an der Situation ändern. Dieser Mann mit seinem Messer hat sie einfach zerquetscht. Sie kann nur stumm davonschleichen. Jeder Schritt, jede Stufe ist eine bohrende Demütigung. Auf der kleinen Galerie, von der aus sie die fliegende Frau beobachtet hat, sinkt sie auf die Knie und würgt vor unterdrücktem Zorn. Trocken und unergiebig. Sie hat keine Feuchtigkeit und keine Nahrung mehr in sich.

Sie möchte weg hier, weg vom Mond.

Lucasinho erwacht. Eine klare Hülle liegt so dicht auf seinem Gesicht, dass sie von seinem Atem beschlägt. Panisch hebt er die Hände, um das klaustrophobische Ding wegzureißen. Dunkle Wärme breitet sich in seinem Schädel aus, im Hinterkopf, hinab durch die Arme, den Oberkörper. Aber keine Panik, sondern Schlaf. Ganz zuletzt bemerkt er noch eine Gestalt am Fußende des Betts. Er weiß, dass es kein Geist ist, weil es auf dem Mond keine Geister gibt. Der Stein stößt sie ab; die Strahlung und das Vakuum vertreiben sie. Geister sind fragile Wesen: Schwaden, Schattierungen, Seufzer. Trotzdem steht die Gestalt da wie ein Geist, grau, mit gefalteten Händen.

»Madrinha Flávia?«

Der Geist blickt lächelnd auf.

Eine Frau, die aus Not stiehlt, wird Gott nicht strafen. Auf dem Weg zurück vom Pissekäufer kommt Marina jeden Tag an einem Straßenschrein vorbei: einer Ikone der Gottesmutter von Kasan, die mit einer Konstellation von pulsierenden Biolichtern geschmückt ist. Jeder dieser Gallertkleckse enthält einen Schluck Wasser. Schnell, schuldbewusst, schiebt Marina sie in ihren Rucksack. Vier davon sind für Blake. Er hat ständig Durst.

Es ist erst zwei Wochen her, trotzdem hat Marina das Gefühl, Blake vor Ewigkeiten kennengelernt zu haben. Armut dehnt die Zeit. Und sie ist eine Lawine. Ein einziger kleiner Lapsus stößt den nächsten an und damit weitere, bis alles ins Rutschen kommt und kein Halten mehr ist. Ein abgesagter Auftrag. Ein Tag, an dem die Agentur nicht anrief. Und die winzigen Ziffern am Rand ihres Gesichtsfelds tickten unbarmherzig weiter. Alles rutschte, rutschte. Und dann kletterte sie über Treppen und Leitern die Wände der Orion-Quadra hinauf. Kletterte hinauf aus dem Gewebe von Brücken und Galerien und ließ Straßen und Wohnungen hinter sich auf immer steileren Steigen (denn Aufzüge kosten, und zu den höchsten Ebenen fahren sie ohnehin nicht), bis sie zu den überhängenden Kästen und Würfeln von Bairro Alto gelangte. Die dünne Luft roch nach Feuerwerk: roher Stein, frisch behauen von den Bau-Bots, gesintertes Glas. Gehwege taumelten schwindelerregend vorbei an den Türvorhängen von Steinzellen, nur beleuchtet von dem schwachen Schein, der durch die Türen und die scheibenlosen Fenster drang. Ein falscher Schritt und es blieb nur noch ein langsam verhallender Schrei hinunter zu den Neonlichtern am Gagarin-Prospekt.

Bairro Alto verändert sich mit jeder Lune, und Marina streifte eine halbe Ewigkeit herum, bis sie endlich Blakes Zimmer fand. Suche Mitbewohner für Apt., geteilte Kosten auf Tagesbasis, lautete die Anzeige in den Meridian-Einträgen.

»Ich bleib nicht lange«, sagte sie, als ihr Blick über die zwei Memory-Schaummatratzen, die leeren Plastikwasserflaschen und die abgestellten Essenstabletts in dem Einzelraum glitt.

»Niemand bleibt lange«, antwortete Blake. Dann traten seine Augen hervor, und er krümmte sich zu einem quälend unergiebigen Husten, der alle Knochen seiner schmächtigen Gestalt durchschüttelte. Sein Husten hielt Marina die ganze Nacht wach: drei trockene, seltsam störrische kleine Laute. Dann noch mal drei. Und wieder. Und wieder. Auch in allen folgenden Nächten fand sie keinen richtigen Schlaf.

Husten ist die Melodie von Bairro Alto: Silikose. Mondstaub verwandelt die Lunge in Stein. Auf die Paralyse folgt die Tuberkulose. Mit Phagen eigentlich leicht zu behandeln. Doch die Menschen in Bairro Alto müssen ihr Geld für Luft, Wasser und Wohnraum ausgeben. Selbst billige Phagen sind nur eine ferne Hoffnung.

Marina. Es ist so lange her, dass ihre Vertraute sie zuletzt angesprochen hat, dass sie vor lauter Überraschung von der Leiter fällt. Du hast ein Jobangebot. Der Sturz endet nach einigen Metern; in dieser verrückten Schwerkraft nicht weiter schlimm. Manchmal träumt sie noch immer vom Fliegen. In diesen Träumen umkreist sie als Aufziehvogel ein Uhrwerkmodell des Sonnensystems, das in einem Steinkäfig rotiert.

»Ich nehm es.«

Als Kellnerin.

»Von mir aus.« Sie ist zu allem bereit. Flüchtig geht sie den Vertrag durch. Um eine Arbeit zu finden, musste sie im Preis stark heruntergehen. Dieses Angebot reicht nur knapp. Es deckt kaum mehr als ihren Bedarf an Luft, Wasser, Kohlenstoff und Netz. Immerhin gibt es eine Anzahlung. Sie muss sich ein neues Kostüm ausdrucken lassen. Und sie braucht dringend ein Bad in einer Banja. Ihr Haar riecht schon. Dann noch das Geld für die Zugfahrt.

In einer Stunde muss sie am Hauptbahnhof sein. Marina blinzelt hinunter zur Signatur. Die Kontaktlinse scannt ihr Netzhautmuster und übermittelt es an die Agentur. Vertraute besiegeln die Sache mit einem Handschlag, und auf einmal ist Geld auf ihrem Konto. Ihre Freude ist so heftig, dass es wehtut. Die magische Macht von Geld liegt nicht darin, was man damit besitzen kann, sondern darin, was man damit sein kann. Geld ist Freiheit.

»Hochfahren«, weist sie Hetty an. »Auf die Standardeinstellung.«

Sofort löst sich die Beklemmung in ihrer Lunge. Ausatmen ist wundervoll. Einatmen ist berauschend. Marina schwelgt im Aroma von Meridian: Elektrizität und Schießpulver, Abwasser und Schimmel. Und wenn der Atemzug zu Ende geht, gibt es mehr, einfach so. Tief saugt sie die Luft ein.

Aber die Zeit ist knapp. Um den Zug zu erwischen, muss sie den Aufzug an der West 83 nehmen, der in der entgegengesetzten Richtung von Blakes Wohnung liegt. Aufzug oder Blake? Sie kann sich nicht entscheiden.

Erneut wacht Lucasinho auf. Er versucht sich aufzusetzen, doch der Schmerz lässt ihn zurück aufs Bett sinken. Es ist, als wären ihm alle Muskeln von den Knochen und Gelenken gezogen und die entstandenen Hohlräume mit zermahlenem Glas aufgefüllt worden. Er steckt in einem Druckanzug, wie er ihn zu einem sicheren, gemütlichen Spaziergang auf der Oberfläche tragen würde. Er kann Arme und Hände bewegen. Er lässt die Finger prüfend über seinen Körper wandern. Der Muskelpanzer über seinem Bauch, die Schenkel straff und klar konturiert. Sein Hintern fühlt sich fabelhaft an. Wenn er nur seine Haut berühren könnte! Er muss sich vergewissern, dass sie in Ordnung ist. Er ist berühmt für seine Haut.

»Ich fühle mich wie ein Stück Scheiße. Sogar die Augen tun mir weh. Kriege ich Medikamente?«

Die μ-Opioidrezeptoren in deinem periaquäduktalen Grau werden direkt stimuliert, antwortet eine Stimme in seinem Kopf. Ich kann die Dosis allerdings anpassen. Die pingelige, butlerhafte Diktion seines Vertrauten ist unverwechselbar. Vertraute können nicht gut mit Unklarheiten umgehen.

»Hey, Jinji, da bist du ja wieder.« Lucasinho bemerkt den Chib am rechten unteren Rand seines Gesichtsfelds. Cortas müssen sich eigentlich nicht um diese Zahlen kümmern, aber er ist froh, dass er sie sieht. Der Chib sagt ihm, dass er lebt, bei Bewusstsein ist und konsumiert. »Wo bin ich?«

Du bist in der Sanafil-Klinik in Meridian. Zuerst warst du in einer Überdruckkammer, jetzt trägst du eine Druckhülle. Du warst mehrfach in einem künstlichen Koma.

»Wie lang?« Als er sich wieder aufrichten will, fährt ihm der Schmerz durch alle Glieder. »Meine Party!«

Sie wurde verlegt. Du wirst jetzt wieder ins Koma versetzt. Nachher kommt dein Vater zu Besuch.

An den Wänden entfalten sich weiße medizinische Gelenkarme.

»Nein, warte. Ich hab Flávia gesehen.«

Ja. Sie hat dich besucht.

»Verrat ihm nichts.«

Lucasinho hat nie verstanden, warum sein Vater seine Leihmutter aus Boa Vista verbannt hat. Am Morgen von Lucasinhos sechstem Geburtstag. Er weiß nur, dass Lucas Corta ihr mit tausend Gehässigkeiten zusetzen wird, wenn er erfährt, dass Madrinha Flávia hier gewesen ist.

Nein, verspricht Jinji.

Zum dritten Mal erwacht Lucasinho. Am Fußende des Betts steht sein Vater. Klein, schmächtig. Dunkel und schwermütig, das Gegenteil seines unbeschwerten älteren Bruders. Beherrscht und geschliffen, der Bart dünn wie ein Bleistiftstrich; immer auf eine perfekte Erscheinung bedacht. Seine Kleidung, sein Haar, seine Nägel, alles makellos. Ein kühl urteilender Mann. Über seiner linken Schulter schwebt Toquinho. Dieser Vertraute ist ein kompliziertes Geflecht aus Tönen und Akkorden, aus dem sich manchmal das kaum hörbare Flüstern einer Bossa-Nova-Gitarre herausschält.

Lucas Corta klatscht. Fünfmal, klar und deutlich. »Meinen Glückwunsch. Jetzt bist du ein Läufer.« Innerhalb und außerhalb der Familie ist bekannt, dass Lucas Corta den Mondlauf nie absolviert hat. Der Grund dafür ist sein Geheimnis. Und wer sich zu sehr für dieses Geheimnis interessiert, muss mit schlimmen Folgen rechnen, das hat Lucasinho gehört. »Notfallärzte, Augenbehandlung, Pneumothoraxspezialisten, Überdruckkammer, Druckanzug, Sauerstoff …«

Lucasinho schwingt die Beine über den Bettrand. Die Medizin-Bots haben ihm die Druckhülle abgenommen. Um ihn herum öffnen sich die weißen Wände. Roboterarme entfalten sich mit Angeboten für frisch gedruckte Kleidung.

»Verlegung von Meridian nach João de Deus …«

»Ich bin in João de Deus?«

»Du musst doch zu deiner Party. Die Heimkehr des Helden. Aber gib dir ein bisschen Mühe. Versuch, deinen Schwanz mal fünf Minuten lang im Zaum zu halten. Alle sind hier. Sogar Ariel hat sich vom Clavius-Gerichtshof losreißen können.«

Das Wesentliche zuerst. Metallknöpfe und -dorne gleiten in die sorgsam in seine Haut gestanzten Löcher – jeder zur Erinnerung an ein gebrochenes Herz. Jinji zeigt Lucasinho sein Spiegelbild, damit er die Tolle zur vollen, nur bei dieser niedrigen Schwerkraft möglichen Pracht nach oben frisieren kann: eine Tiefseewoge aus dichtem Hochglanzhaar. Mörderische Wangenknochen und ein Bauch, an dem Steine zerschellen würden. Er ist größer als sein Vater. Alle in seinem Alter sind größer als die zweite Generation. Er sieht unglaublich scharf aus.

»Er wird überleben«, sagt Lucas.

»Wer?« Lucasinho zögert zwischen seinen Hemden und entscheidet sich schließlich für das mit dem beigen, körnigen Muster.

»Kojo Asamoah. Er hat zwanzig Prozent Verbrennungen zweiten Grades, gerissene Alveolen, geplatzte Blutgefäße, Hirnläsionen. Und der Zeh natürlich. Aber er wird wieder gesund. In Boa Vista wartet eine Delegation von Asamoahs, um dir zu danken.«

Vielleicht ist auch Abena Asamoah da. Und wer weiß, vielleicht ist sie so dankbar, dass sie sich von ihm ficken lässt. Lohfarbene Hose mit zwei Zentimeter breiten Aufschlägen und sechs Bundfalten. Er schnallt den Gürtel zu. Socken aus Spinnenseide und die zweifarbigen Loafer. Es ist eine Party, also passt ein Sakko. Er wählt ein Tweedjackett und spürt das leichte Kratzen der Fasern zwischen Daumen und Fingern. Das ist tierisches Gewebe, nicht gedruckt. Ein wahnsinnig teurer Stoff.

»Du hättest sterben können.«

Als Lucasinho in das Sakko schlüpft, fällt ihm die neue Nadel am Revers auf: Dona Luna, das Abzeichen der Mondläufer. Die Schutzheilige des Mondes – Herrscherin über Leben und Tod, Licht und Finsternis, eine Hälfte ihres Gesichts ein schwarzer Engel, die andere ein nackter weißer Schädel. Die Frau mit den zwei Gesichtern. Lady Luna.

»Was hätte die Familie dann getan?«

Woher hat sein Vater eigentlich gewusst, dass er das Sakko mit der Nadel nehmen wird? Erst als die Arme die anderen Textilien zurück in die Wände fahren, bemerkt er, dass alle Jacketts eine Dona-Luna-Nadel tragen.

»Ich an deiner Stelle hätte ihn zurückgelassen.«

»Du warst nicht an meiner Stelle«, sagt Lucasinho. Jinji führt ihm die Gesamtwirkung des Ensembles vor. Schick, aber nicht formell, zwanglos, aber stilvoll und im Trend der Saison: die europäischen 1950er. Lucasinho Corta schwärmt für Kleider und Schmuck. »Ich bin bereit für die Party.«

»Ich fordere einen Zweikampf.«

Hell hallen Ariel Cortas Worte durch den Gerichtssaal. Im nächsten Moment bricht ein Tumult aus. »Das ist unzulässig«, brüllt der Kläger, und der Anwalt donnert irgendetwas von Verfahrensmissbrauch. Ariels Berater – die nach Ankündigung des Gerichtskampfs automatisch zu Sekundanten werden – flehen, betteln, schreien, dass das Irrsinn ist, dass Alyaoums Saschitnik sie in Stücke schneiden wird. Auf der Besuchergalerie herrscht Aufruhr. Die Livestreams der Gerichtsjournalisten überlasten bereits das Netz.

Eine routinemäßige Sorgerechtsschlichtung nach einer Scheidung hat eine dramatische Wendung genommen. Ariel Corta ist die führende Spezialistin für Eherecht – sowohl für Anbahnungen als auch für Trennungen – in Meridian und damit auf dem ganzen Mond. Ihre Nikah-Verträge betreffen alle Fünf Drachen, die großen Dynastien auf Luna. Sie arrangiert Eheschließungen, handelt Annullierungen aus und setzt drastische Alimente durch. Das Gericht, die Besucher auf den Rängen, die Presse, Kommentatoren und Tribunalanhänger sind mit höchsten Erwartungen in das Verfahren Alyaoum gegen Filmus gegangen.

Und Ariel Corta enttäuscht sie nicht. Sie streift die Handschuhe ab. Kickt die Schuhe weg. Schlüpft aus dem Dior-Kleid. Dann steht Ariel Corta in hauchzarten Caprileggings und Sport-BH vor dem Clavius-Gerichtshof. Sie klopft ihrem Saschitnik Ishola auf den Rücken. Er ist ein breitschultriger Yoruba mit rundem Schädel. Ein freundlicher Mensch und ein brutaler Kämpfer. Moonbeams – Neuankömmlinge auf dem Mond – mit ihrer irdischen Muskelmasse sind die besten Gerichtskämpfer.

»Den übernehme ich, Ishola.«

»Nein, Senhora.«

»Er wird mir kein Härchen krümmen.« Ariel tritt vor die drei Richter. »Kein Einspruch gegen meine Herausforderung?«

Richter Kuffuor und Ariel Corta haben eine gemeinsame Geschichte: Sie sind Lehrer und Schülerin. Schon an ihrem ersten Tag an der juristischen Fakultät hat er ihr beigebracht, dass das lunare Recht auf drei Grundsätzen beruht. Der erste besteht darin, dass es kein Strafrecht gibt, sondern nur ein Vertragsrecht. Alles ist verhandelbar. Der zweite besagt, dass weitere Gesetze schlecht sind. Und der dritte lautet, dass ein geschickter Schachzug, eine überraschende Aktion, ein rasantes Wagnis genauso zwingend sind wie vernünftige Argumente und ein Kreuzverhör.

»Frau Anwältin, Sie wissen so gut wie ich, dass wir uns am Clavius-Gerichtshof befinden. Hier kann alles auf den Prüfstand gestellt werden, selbst das Gericht«, erklärt Richter Kuffuor.

Ariel legt Finger und Daumen der rechten Hand zusammen und neigt das Haupt vor den Richtern. Dann wendet sie sich dem Saschitnik unten auf dem Duellplatz zu. Er besteht nur aus Muskeln und Narben, ein Veteran, der mindestens zwanzig Gerichtskämpfe bestanden hat. Schon winkt er sie zu sich: Komm nur, komm runter zu mir aufs Parkett.

»Also kämpfen wir.«

Heftiger Applaus im Saal.

»Das erste Blut entscheidet«, ruft Alyaoums Anwalt Heraldo Muñoz.

»O nein«, schreit Ariel Corta. »Entweder Tod oder nichts.«

Ihre Berater und ihr Saschitnik springen auf. Richterin Nagai Rieko versucht, sich in dem allgemeinen Aufruhr Gehör zu verschaffen. »Frau Anwältin, ich muss Sie warnen …« Unbeeindruckt von dem Tumult steht Ariel Corta da, gelassen, selbstsicher, die Ruhe im Herzen des Sturms. Die Anwälte des Klägers beraten sich mit gesenkten Köpfen. Ihre Blicke zucken zu ihr und dann wieder zurück in die hektische Besprechung.

»Hohes Gericht.« Muñoz hat sich erhoben. »Der Kläger zieht seine Klage zurück.«

Im Gerichtssaal III herrscht atemloses Schweigen.

»Dann weisen wir die Klage ab«, erklärt Richter Zhang. »Die Kosten des Verfahrens trägt der Kläger.«

Zum dritten Mal bricht der Saal in tosenden Applaus aus, lauter noch als zuvor. Ariel genießt die Ovationen in vollen Zügen und sorgt dafür, dass die Kamera sie aus allen Blickwinkeln erfasst. Lässig zieht sie ihre lange, schlanke Titan-Piteira aus der Handtasche, klappt sie auf, schaltet ein und atmet einen dünnen weißen Dunstschwall aus. Sie wirft sich ihre Jacke über die Schulter, hakt die Schuhe an einem Finger ein und stolziert in ihrer Kampfmontur aus dem Gerichtssaal. Der Beifall, die Gesichter, die schwebende Wolke von Vertrauten: Sie saugt alles ein.

Das Gericht ist eine Bühne, ein Prozess nichts weiter als ein Theaterstück.

Der Blick nach draußen kostet; Unterhaltung kostet noch mehr. Daher sitzt Marina im mittleren Abschnitt der unteren Etage und schneidet Grimassen für ein Kind, das durch die Kopfstützen späht. Mit dem Hochgeschwindigkeitszug ist es nur eine Stunde von Meridian nach João de Deus. Ein Kind zu amüsieren genügt als Unterhaltung. Es ist das erste Mal, dass Marina Meridian verlässt. Hier auf dem Mond rast man auf magnetischen Gleisen mit tausend Stundenkilometern über die Oberfläche und sitzt dabei blind in einer Metallröhre. Ebenen, steile Grate, Rillen. Hohe Berge und gewaltige Krater. Alles dort draußen, jenseits dieses warmen, jasminduftenden, pastellfarbenen, ruckelnden Interieurs. Alles grau und staubig. Alles gleich, ohne Glanz. Sie verpasst nichts.

Hetty hat vollen Netzzugang, und so kann sich Marina, als das Kind aufgefordert wird, die Dame in der nächsten Reihe in Ruhe zu lassen, die Zeit mit Musik und Bildern vertreiben. Ihre Schwester hat neue Fotos von der Familie hochgeladen. Da ist ihre neue Nichte und da ihr alter Neffe. Der Schwager Arun. Ihre Mutter im Rollstuhl und mit Schläuchen in den Handrücken. Sie lächelt. Marina ist froh, dass sie die Berge ohne Luft und die schroffen Meere ohne Wasser nicht sieht. Verglichen mit der Pracht des Laubs, dem weichen Blau des Himmels und der grünen See, deren Tiefe sie förmlich riechen kann, erscheint der Mond wie ein weißer Schädel. In diesem Zug kann Marina so tun, als wäre sie zu Hause auf der Erde und könnte nachher zwischen den Bäumen und Vulkanen Kaskadiens einen Spaziergang machen.

Mum fängt am Dienstag eine Behandlung an. Kessie würde nie offen Geld verlangen, doch die Bitte ist da. Mums Arztrechnungen gehen an Marina auf dem Mond. Der große Boom auf dem Mond! Alle halten die Hand auf. Jeder Einzelne, jede einzelne Sekunde am Tag. Marina schluckt ihren Ärger hinunter. Auf dem Mond kommt man damit nicht weiter. Wenn jeder seine Gefühle ausleben würde, wären die Städte bei Einbruch der Dunkelheit nur noch Leichenhallen.

Mit gedrosseltem Tempo nähert sich der Zug jetzt João de Deus. Die Fahrgäste sammeln ihre Sachen zusammen. Laut Hettys Anweisungen soll sie sich beim Sicherheitsdienst an Gleis 6 melden, von dort geht es mit der Privatbahn weiter zum Bestimmungsort. Marina spürt ein leises Prickeln; zum ersten Mal denkt sie darüber nach, was am Ende der Privatlinie auf sie wartet: Boa Vista, der legendäre Gartenpalast der Cortas.

Vor dem Sitzungssaal III drängen sich die Menschen. Ariel Corta ist nie ohne Bewunderer, Anhänger, potenzielle Mandanten und Verehrer aller Geschlechter. Attraktiv ist das Erste, was den Leuten zu Ariel einfällt. Die Cortas waren nie vollendete Schönheiten, doch kein Brasilianer ist wirklich hässlich, und jedes Kind Adrianas zieht mit seiner Anmut die Blicke auf sich. Ariel besticht durch ihre Haltung, die geprägt ist von Gelassenheit, Sicherheit und kühlem Selbstvertrauen. Die Aufmerksamkeit fliegt ihr nur so zu.

Ihr Kollege Idris Irmak bahnt sich einen Weg durch die Küsschen und Gratulationen. »Du hättest da drinnen sterben können.«

»Nein, hätte ich nicht.«

»Er hätte dich in Stücke gehackt.«

»Meinst du?«

Plötzlich packt Ariel Idris mit beiden Händen am Arm und blockiert seinen Ellbogen. Mit dem leisesten Druck kann sie ihn jetzt aus dem Gelenk hebeln wie einen Kronenkorken von der Flasche. Das Gefolge ächzt. Die Kameras stoßen herab, um die Szene besser ins Bild zu bekommen. Das ist sensationell. Die Klatschnetze werden tagelang glühen. Schließlich lässt sie los. Idris schüttelt den schmerzenden Arm. Alle Cortas lernen in jungen Jahren Gracie-Jiu-Jitsu. Adriana Corta ist davon überzeugt, dass jedes Kind eine Kampfsportart beherrschen, ein Musikinstrument spielen, drei Sprachen sprechen, einen Jahresbericht lesen und Tango tanzen können sollte.

»Ja, er hätte mich in Streifen zerschnipselt. Glaubst du, das hätte ich riskiert, wenn ich nicht gewusst hätte, dass Muñoz kapituliert?«

Idris breitet die Hände aus. Erklär den Trick.

»Die Alyaoums waren Kunden der Mackenzies, bis Betake Alyaoum mit seiner Weigerung, Tansy Mackenzie zu heiraten, Duncan Mackenzie vor den Kopf gestoßen hat.« Ariel kann sich der gebannten Aufmerksamkeit der Umstehenden sicher sein. »Dadurch haben sie die Unterstützung der Mackenzies verloren. Wenn mich der Saschitnik der Alyaoums auch nur angekratzt hätte, wäre es zur Vendetta mit den Cortas gekommen, ohne dass das Haus Mackenzie hinter ihnen steht. Das konnten sie nicht riskieren. Ich habe die ganze Zeit auf einen Gerichtskampf hingearbeitet, weil ich genau wusste, dass sie nachgeben müssen.« Sie hält vor der Tür zum Anwaltszimmer inne und wendet sich an ihr Gefolge. »Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen, ich muss zur Mondlauf-Party meines Neffen, und so kann ich einfach nicht gehen.«

Im Anwaltszimmer warten Richterin Nagai und eine Flasche Gin mit zehn Pflanzenaromen auf Ariel.

»Wenn du in einem meiner Verfahren noch mal so eine Nummer abziehst, lasse ich dir von den Saschitniks die Eingeweide rausreißen.« Die Richterin hockt auf dem Rand des Waschbeckens. Alle Anwaltszimmer sind klein und muffig.

»Das wäre eine klare Verletzung der Sorgfaltspflicht.« Ariel wirft ihr Geschäftskostüm in den Entdrucker. Der Schacht schluckt es und reduziert die Sachen zu organischem Rohmaterial. Ariels Vertraute Beijaflor hat ihr bereits das Partykleid ausgesucht: ein asymmetrisch geschnittenes Balenciaga von 1958 mit Trägern und schwarzem Blumenmuster auf Dunkelgrau. »Wenn das Gericht versäumt, die Interessen einer Vertragspartei zu schützen.«

»Warum kannst du nicht einfach Helium abbauen wie deine Brüder?«

»Die sind doch schrecklich langweilig.« Ariel küsst sie auf beide Wangen. »Lucas mit seiner Humorlosigkeit.« Sie begutachtet den Gin: ein Geschenk ihrer Mandantin. »Maßgedruckt. Wirklich eine nette Geste.« Sie neigt die Flasche, um der Richterin ein Glas anzubieten. Diese lehnt mit einem Kopfschütteln ab. Ariel mixt sich einen knochentrockenen Martini.

Rieko tippt sich mit dem linken Zeigefinger zwischen die Augen: die übliche Aufforderung zu einem Gespräch ohne Vertraute. Ariel knipst Beijaflor aus, die sich als kaum zu erkennender Kolibri mit einem ständigen Wechsel irisierender Farben Ariels Textilien anpasst. Kurz darauf verschwindet auch Riekos Vertraute, ein leeres Blatt, das sich zu immer wieder anderen Origami-Modellen faltet.

»Ich will dich nicht lange aufhalten«, sagt Richterin Nagai. »Dir ist vielleicht nicht bewusst, dass ich Mitglied im Pavillon des Weißen Hasen bin.«

»Wie heißt es immer? Wer behauptet, ein Mitglied des Weißen Hasen zu sein …«

»… ist keins.« Die Richterin winkt ab. »Keine Regel ohne Ausnahme.«

Äußerlich ungerührt nippt Ariel Corta an ihrem Martini, aber in ihr vibriert auf einmal alles. Der Pavillon des Weißen Hasen ist ein Beratergremium des Mondadlers, dessen Status sich zwischen Mythos und Wahrheit bewegt. Es existiert, auch wenn es eigentlich nicht existieren kann. Es ist verborgen und zugleich offen sichtbar. Seine Mitglieder bestätigen und leugnen ihre Zugehörigkeit. Auch ohne Beijaflor weiß Ariel Corta, dass sich ihr Herzschlag und ihr Atem beschleunigt haben. Nur mit äußerster Konzentration kann sie verhindern, dass ihre Aufregung die Oberfläche des Martini kräuselt.

»Ich bin Mitglied des Weißen Hasen«, wiederholt Richterin Nagai. »Seit fünf Jahren. Jedes Jahr scheiden zwei Mitglieder aus dem Rat aus. Dieses Jahr bin ich dran. Ich würde dich gern für einen Sitz vorschlagen.«

Ariels Bauchmuskeln spannen sich. Ein Platz am runden Tisch der Macht, und sie steht hier in ihrer Unterwäsche.

»Ich fühle mich geehrt. Trotzdem würde mich natürlich interessieren, warum …«

»Weil du eine außerordentlich begabte junge Frau bist. Weil der Weiße Hase den wachsenden Einfluss bestimmter Elemente aus den Reihen der Fünf Drachen auf die LDC beobachtet und diesen Einfluss ausgleichen möchte.«

»Die Mackenzies.« Keine andere Familie strebt so offen nach politischer Macht. Adrian Mackenzie, der jüngste Sohn des Vorstandsvorsitzenden Duncan, ist der Oko von Jonathon Ayode, dem Mondadler und Präsidenten von LDC, der Lunar Development Corporation. Der Familienpatriarch Robert Mackenzie setzt sich schon lange für die Abschaffung der LDC und die vollständige Unabhängigkeit des Mondes von der Erde ein. Der Mond gehört uns. Ariel kennt die politischen Argumente und Lager, hat sich aber nie dafür interessiert. Sie hat alle Hände voll mit dem lunaren Eherecht zu tun, das ein chaotisches Gebiet fanatischer Loyalitäten, erbitterter Feindseligkeiten und endloser Missgunst ist. Zusammen mit der LDC-Politik ergibt das eine brisante Mischung. Doch ein Sitz im Rat des Adlers … Auch wenn sie nie Mondstaub auf ihrer Haut gerochen hat, ist Ariel eine Corta, und für die Cortas ist Macht wie Atmen.

»Nach Meinung einiger wichtiger Akteure wird es allmählich Zeit, dass die Cortas ihre Abschottung aufgeben und an der Gestaltung der politischen Ordnung auf dem Mond mitwirken.«

Von ihrer gesamten Familie ist Ariel der politischen Macht am nächsten gekommen. Rafa, der Bu-Hwaejang von Corta Hélio, besitzt ökonomische Macht, denn das Unternehmen erleuchtet die Nacht auf der Erde, und Adriana, die Gründerin und Matriarchin von Corta Hélio, verfügt über moralische Macht. Aber bei den älteren Familien sind die Cortas nicht unbedingt beliebt. Sie sind der fünfte Drache und gelten als Emporkömmlinge, als Gauner, die es zu etwas gebracht haben, als grinsende Mörder. Die Cortas schlitzen dir mit einem Lächeln die Kehle auf. Carioca-Cowboys und Heliumhehler, nicht mehr.

Das jetzt ist ihre Einladung in den Kreis der Macht. Die Anerkennung der Cortas als Adelshaus. Mamãe wird voller Hohn sein: Wer braucht den Beifall dieser degenerierten Weichlinge und Parasiten? Trotzdem, für Ariel würde sie sich wohl freuen. Ariel weiß schon lange, dass sie nicht der Liebling, nicht das Goldkind ist, doch wenn Adriana Corta streng zu ihrer Tochter ist, dann nur deshalb, weil sie mehr von ihr erwartet als von ihren Söhnen.

»Also, nimmst du an?«, fragt Rieko. »Das Waschbecken wird allmählich unbequem.«

»Natürlich nehme ich an«, antwortet Ariel. »Was hast du denn erwartet?«

»Vielleicht, dass du es dir durch den Kopf gehen lässt. Als eine Art Sorgfaltspflicht dir selbst gegenüber.«

»Wieso?« Ariel reißt vor Verwunderung die Augen auf. »Ich wäre dumm, wenn ich ablehnen würde.«

»Und die Meinung deiner Familie?«

»Meine Familie ist der Meinung, dass ich nach João de Deus zurückkehren und in einem Sasuit Staub fressen und schwitzen soll. Nein.« Sie hebt ihr Martiniglas. »Auf mich. Ariel Corta, Mitglied des Weißen Hasen.«

Richterin Nagai streicht sich mit dem rechten Zeigefinger über die Stirn. Zurück ins Netz. Ariel knipst Beijaflor an. Auch die Vertraute der Richterin kehrt zurück, gerade als sie hinausgeht. Der Drucker pingt. Das Balenciaga ist fertig. Beijaflor wechselt bereits in die passende Farbe.

Die kleine Luna Corta steckt in einem Ballonkleid mit rotem Pfingstrosenmuster. Das Kleid ist weiß und am Saum gerafft. Ein Modell von Pierre Cardin. Doch Luna ist sechs Jahre alt und hat keine Lust mehr auf schicke Klamotten, also streift sie ihre Schuhe ab und saust barfuß durch den Bambushain. Ihre Vertraute heißt ebenfalls Luna: eine lindgrüne Lunamotte mit großen blauen Augen auf den Flügeln. Lunamotten sind nicht aus Südamerika, sondern aus Nordamerika, hat Großmutter Adriana erzählt. Und du solltest deiner Vertrauten nicht deinen eigenen Namen geben. Da wissen die Leute vielleicht gar nicht mehr, mit wem sie reden.

Plötzlich lösen sich Schmetterlinge aus dem Gestrüpp und wirbeln über Lunas Kopf. Blau, blau wie der falsche Himmel und so breit wie ihre Hand. Die Asamoah-Kinder haben sie in einer Geschenkschachtel mitgebracht und freigelassen. Luna klatscht entzückt in die Hände. In Boa Vista bekommt sie so etwas sonst nie zu Gesicht, weil ihre Großmutter eine starke Abneigung gegen Tiere hat. Alles mit Pelz, Schuppen oder Flügeln ist aus Boa Vista verbannt. Luna jagt dem Band langsam dahinflatternder Schmetterlinge nach, aber nicht, um sie zu fangen, sondern um so frei dahinzuschweben wie sie. Luftwirbel flüstern durch die Bambuslücken und wehen Stimmen und Musik heran. Den Geruch von Essen. Fleisch! Das ist etwas Besonderes. Luna schlingt die Arme um sich. Abgelenkt vom Duft der Grillspeisen, bahnt sie sich einen Weg durch die hohen, wogenden Bambusrohre. Hinter ihr fällt zwischen den riesigen Gesichtern der Orixás Wasser in trägen Kaskaden herab.

Vor dreieinhalb Milliarden Jahren brach aus dem Herzen des Mondes Lava, die in Rillen und Dämmen langsam das Fecunditatis-Becken überschwemmte. Dann starb das Herz des Mondes, die Ströme kühlten ab, und die hohlen Lavaröhren blieben zurück, kalt, dunkel und geheimnisvoll wie verknöcherte Arterien. Im Jahr 2050 kletterte Adriana Corta aus dem Zugangsstollen, den ihre Selenologen ins Mare Fecunditatis gebohrt hatten. Ihre Lichter blitzten über die verborgene Welt einer intakten Lavaröhre, hundert Meter im Durchmesser und zwei Kilometer lang. Ein leeres, jungfräuliches Universum, kostbar wie eine Geode. Das ist der Ort, erklärte Adriana Corta. Hier werde ich eine Dynastie gründen. Innerhalb von fünf Jahren gestalteten ihre Maschinen das Innere, meißelten Gesichter von Umbanda-Gottheiten in der Größe von Häuserblocks aus dem Fels, errichteten einen Wasserkreislauf und füllten den Ort mit Balkonen und Wohnungen, Pavillons und Galerien. So entstand Boa Vista, der Sitz der Familie Corta. Selbst an diesem Feiertag erbebt der Fels von den Vibrationen der Bagger und Sintergeräte, die tief in den Wänden arbeiten und Räume für Luna und ihre Generation ausschachten.

Heute ist Lucasinhos Mondlauf-Party, und Boa Vista hat sein grünes Herz für die Gesellschaft geöffnet. Luna Corta bewegt sich zwischen Amores und Madrinhas, Verwandten und Gefolgsleuten, Asamoahs und Suns, Woronzows und sogar Mackenzies; auch Menschen, die aus keiner bekannten Familie stammen, sind dabei. Hochgewachsene Vertreter der dritten Generation und kleine, gedrungene der ersten. Kleider und Anzüge, Stulpen und Unterröcke, Galahandschuhe und farbige Schuhe. Ein ganzes Dutzend Haut- und Augenfarben. Reichtum und Schönheit. Freunde und Feinde. Luna wurde in diese Welt geboren, die geprägt ist vom Plätschern des Wassers im Hintergrund und vom Wispern des künstlichen Winds in den Bambuszweigen. Sie kennt keine andere. Und an diesem besonderen Tag gibt es sogar Fleisch.

Unter Oxums überhängender Unterlippe hat der Partyservice elektrische Grills aufgebaut. Köche schieben und drehen Spieße. Fettiger Rauch steigt auf zum Himmel, der heute auf helles Nachmittagsblau mit ziehenden Wolken eingestellt ist. Auf einen hellen Erdnachmittag. Kellner tragen große Platten voller Bratspieße zu den Gästen. Luna schneidet einer Serviererin den Weg ab.

»Das ist aber ein hübsches Kleid«, sagt die Serviererin in holprigem Portugiesisch. Sie ist klein und gedrungen. Bewegt sich zu viel für die Schwerkraft. Eine Jo Moonbeam direkt vom Cycler. Ihre Vertraute ist ein billiges Standardmodell mit sich entfaltenden Tetraedern.

»Danke.« Luna wechselt ins Globo, der allgemein gebräuchlichen einfachen Form von Englisch. »Stimmt.«

Die Kellnerin hält Luna ihre Platte hin. »Huhn oder Rind?«

Luna nimmt einen fettigen, saftigen Rindfleischspieß.

»Pass auf, dass du nichts auf dein feines Kleid bringst.« Sie hat einen Norte-Akzent.

»Das täte ich nie«, antwortet Luna mit großem Ernst. Dann hüpft sie hinüber zu dem Steinweg neben dem Bach, der durch das Herz von Boa Vista fließt. Mit ihren kleinen weißen Zähnen knabbert sie an den blutigen Fleischstücken. Da ist Lucasinho mit seiner Dona-Luna-Nadel am Partyjackett und einem Blue-Moon-Martini in der Hand. Um ihn herum seine Mondlauffreunde. Luna erkennt die Asamoah und die Sun. Suns und Asamoahs gehören schon immer zur Familie. Und der merkwürdig bleiche Woronzow ist kaum zu übersehen. Wie ein Vampir, findet Luna. Und das muss die Mackenzie sein. Ganz golden.

»Du hast schöne Sommersprossen«, verkündet Luna, als sie sich in Lucasinhos Gruppe drängt. Sie schaut der Mackenzie voll ins Gesicht. Alle lachen über ihre Forschheit, die Mackenzie am allermeisten.

»Luna«, sagt Lucasinho. »Iss das lieber woanders.« Es soll nett klingen, aber Luna hört genau, was los ist. Er ist sauer auf sie, weil sie ihm bei Abena Asamoah dazwischenkommt. Wahrscheinlich will er Sex mit ihr. Er ist so ein Aufreißer. Zu seinen Füßen steht eine Reihe umgedrehter Cocktailgläser. Ein Aufreißer und betrunken.

»Ich mein ja nur.« Cortas sagen ihre Meinung frei heraus. Luna wischt sich mit dem Handrücken über den Mund. Fleisch, und jetzt hört sie auch noch Musik. »Ich hab auch Sommersprossen!« Sie tippt sich kurz mit dem Finger an ihre Corta-Asamoah-Wange, dann läuft sie weiter. Platschend huscht sie über die Trittsteine im Bach, auf der Suche nach der Musik. Von ihren Füßen spritzt träge die Gischt auf. Partygäste weichen kreischend dem fliegenden Wasser aus, aber mit lächelnden Gesichtern. Luna weiß, dass sie unwiderstehlich ist.

»Tio Lucas!« Luna läuft zu ihm und wirft die Arme um seine Beine.

Natürlich ist er in der Nähe der Musik. Er redet gerade mit der Einwanderin, die Luna das Fleisch serviert hat. Jetzt trägt sie ein Tablett mit blauen Cocktails. Luna hat ihn unterbrochen. Er zaust ihre dunklen Locken.

»Luna, coração, lauf jetzt weiter, ja?« Mit einer sachten Berührung an der Schulter dreht er sie um. Als sie sich entfernt, hört sie, was er zu der Kellnerin sagt. »Meinem Sohn wird kein Alkohol mehr serviert, verstanden? Ich lasse nicht zu, dass er sich betrinkt und sich vor allen lächerlich macht. Wenn er allein ist, kann er tun, was er mag, aber ich will nicht, dass er die Familie blamiert. Wenn er heute noch einen einzigen Tropfen bekommt, sorge ich persönlich dafür, dass ihr alle in Bairro Alto um gebrauchten Sauerstoff bettelt und gegenseitig eure Pisse trinkt. Nicht persönlich gemeint. Bitte richten Sie das Ihrem Chef aus.«

Luna liebt ihren Onkel Lucas. Wie er sich immer zu ihr nach unten beugt, seine kleinen Spiele, seine Tricks und Witze, die nur für sie und ihn sind. Aber manchmal ist er ganz hoch droben und weit weg in einer anderen Welt, die hart und kalt und unfreundlich ist. Luna bemerkt die bleiche Angst im Gesicht der Einwanderin und spürt ein Ziehen im Bauch vom Mitleid mit ihr.

Plötzlich wird sie von Armen gepackt und hinauf in die Luft geworfen.

»Hey, hey, anjinho.«

Als sie herabfällt, wird sie weich wie eine Feder aufgefangen, sodass das Pfingstrosenkleid hoch über ihr Gesicht wogt. Rafa. Luna schmiegt sich an ihren Vater.

»Rat mal, wer gerade angekommen ist. Tia Ariel. Wollen wir sie suchen?« Rafa drückt Lunas Hand, und sie nickt begeistert.

In ihrem todschicken Kleid tritt Ariel Corta aus der Station in den großen Garten von Boa Vista. In der Mondschwerkraft schweben die Schichten ihres Balenciaga von 1958 wie Blütenblätter um sie her. Durch das Gedränge von Gästen geht ein Murmeln. Ariel Corta. Alle haben von Alyaoum gegen Filmus gehört. Luna saust auf ihre Tante zu. Ariel reißt ihre Nichte mitten im Sprung hoch und wirbelt sie herum, während Luna vor Vergnügen kreischt. Jetzt erscheint auch ihre Madrinha Mônica. Herzliche Umarmungen, Küsse. Amanda Sun, Lucas’ Frau. Lousika Asamoah, Lunas Mutter. Rafa, der seine Schwester hoch in die Luft hebt, bis sie ihn mahnt, auf ihr Kleid zu achten. Seine andere Oko, Rachel Mackenzie, befindet sich mit ihrem gemeinsamen Sohn Robson in Queen of the South. Sie setzt kaum einen Fuß nach Boa Vista. Ariel ist froh, dass Rachel nicht hier ist. Es gibt einen schwelenden Streit zwischen ihnen, und die Mackenzies sind nachtragend. Dann: der frisch gebackene Mondläufer persönlich. Er benimmt sich steif und unbeholfen bei seiner Tante, ganz anders als mit seinen Freunden. Kurz ruht ihr Finger auf seinem Dona-Luna-Abzeichen und lenkt seinen Blick auf dessen Gegenstück an ihrer Brust: Stell dir vor, wie ich nackt und reifbedeckt über den kahlen Mond renne.

Als Nächstes die Gefolgsleute der Familie: Finanzvorstand Helen de Braga – sie ist gealtert seit Ariels letztem Besuch in Boa Vista – und der betagte, aufrechte Sicherheitschef Heitor Pereira. Ganz zuletzt erscheint Lucas. Er gibt seiner Schwester einen warmen Kuss. Sie ist die Einzige unter seinen Geschwistern, die er für ebenbürtig hält. Ein Flüstern: Er möchte unter vier Augen mit ihr sprechen. Spielerisch angelt sich Ariel mit behandschuhten Fingern einen Blue Moon von einem vorüberziehenden Tablett.

»Wie läuft es so in Meridian?«, fragt Lucas. »Irgendwie finde ich nie die Zeit, dass ich mal vorbeischaue.«

Ariel weiß, dass ihr Bruder sie für illoyal hält, weil sie sich für das Gesetz statt für Corta Hélio entschieden hat. »Anscheinend bin ich dort gerade berühmt. Jedenfalls für kurze Zeit.«

»Hab schon so was gehört. Klatsch und Gerüchte.«

»Mehr Gerüchte als Sauerstoff, mehr Klatsch als Wasser.«

»Außerdem habe ich aufgeschnappt, dass eine Delegation der China Power Investment Corporation im Saints Peter and Paul sitzt und auf dem Weg hierher ist. Angeblich geht es um einen Liefervertrag mit Mackenzie Metals mit einer Laufzeit von fünf Jahren.«

»So was Ähnliches habe ich auch gehört.«

»Wie es heißt, soll der Mondadler eine Willkommensfeier für sie veranstalten.«

»Stimmt. Und ja, ich bin eingeladen.« Ariel weiß, dass ihr Bruder über ein leistungsstarkes Informationsnetz verfügt. Gut möglich, dass er sogar von ihrem Plausch mit Richterin Nagai im Anwaltszimmer erfahren hat.

»Du warst schon immer geschickt im gesellschaftlichen Umgang. Darum beneide ich dich.«

»Was es auch ist, die Antwort heißt Nein, Lucas.«

Reuig hebt Lucas die Hände. »Ich habe nur ein paar Gerüchte wiedergegeben.«

Ariel stößt ein silbernes Lachen aus. Doch Lucas ist hartnäckig und zäh. Er wird nicht so schnell lockerlassen. Dann kommt mit einem Schwall pfefferartigem Mondstaub ihr Retter.

Vielleicht noch ein bisschen Fleisch. Oder Saft. Lucas hat Tia Ariel in eine Ecke gedrängt. Onkel Lucas ist langweilig, wenn er so ganz aus der Nähe auf jemanden einredet. Plötzlich reißt sie Augen und Mund auf und quiekt vor Begeisterung.

Vom Ende der schluchtartigen Röhre nähert sich eine Gestalt in einem Sasuit. Der Mann trägt seinen Helm unter dem rechten Arm und sein Sauerstoffsystem in der linken Hand. Seine Füße stecken in Stiefeln, und der hautenge Schutzanzug ist ein Flickenteppich aus Logos und Leuchtstreifen, Positionslichtern und Rennabzeichen. Pixel für Pixel verdichtet sich sein Vertrauter, als er Zugang zum Netzwerk von Boa Vista bekommt. Er zieht eine silbrig schwarze Staubspur hinter sich her, die träge auf den Boden sinkt.

»Carlinhos!«

Carlinhos Corta bemerkt, dass seine Nichte auf ihn zusaust, und tritt zurück, aber sie kracht mit ihm zusammen, packt ihn an den Beinen und schleudert eine riesige Staubwolke in die Höhe, die sich wie Ruß auf ihr schönes Pfingstrosenkleid legt.

Zwei Schritte nach Luna folgt Rafa. Er berührt die Faust seines jüngeren Bruders zu einem spielerischen Schlag. »Kommst du von draußen?«

Zum Beweis hält Carlinhos seinen Helm hoch. Mit seinem flickenübersäten Sasuit und dem scharfen Schießpulvergeruch des Mondstaubs ist er ein Pirat auf einer Cocktailparty. Er lässt das Sauerstoffgerät fallen und schnappt sich einen Blue Moon, den er in einem Zug leert.

»Ich sag dir was, wenn man zwei Stunden auf einem Motorrad unterwegs war und die eigene Pisse getrunken hat …«

Rafa quittiert dieses Draufgängertum mit einem Kopfschütteln. »Das verdammte Motorradfahren bringt dich noch mal um. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber irgendwann kommt eine Sonneneruption, und du bist auf einem Staub-Bike draußen, fünf Stunden entfernt von jeder Siedlung. Und dann. Wird. Dein. Carioca-Arsch. Gebraten.« Jedes Wort betont mit einem Stoß an die Schulter.

»Wann warst du denn zum letzten Mal an der Oberfläche?« Carlinhos versetzt seinem Bruder einen leichten Schlag in den Magen. »Was spür ich da? Einen Bauch. Du hast keine Kondition, Irmão. Du musst wieder außenfit werden. Du warst bei zu vielen Besprechungen. Wir sind Heliumgräber, keine Buchhalter.«

Der älteste und der zweitjüngste Corta sind sportbegeistert. Carlinhos’ Leidenschaft sind Staubrennen mit dem Motorrad. Er ist ein Pionier dieses Extremsports. Er hat die Maschinen und die Spezialanzüge entwickelt. Er hat Spuren über die gesamten Imbrium-Apenninen gezogen und das Ausdauerrennen quer über das Mare Serenitatis begründet. Rafas Sport ist nicht so gefährlich und braucht weniger Platz. Er besitzt eine Handballmannschaft. Das Team spielt eine führende Rolle in der Lunar Handball League. Diese Passion teilt Rafa mit seinem Schwager Jaden Wen Sun, dem Besitzer der ebenfalls in der LHL auflaufenden Sun-Tiger. Zwischen ihnen herrscht eine humorvolle und zugleich verbissene Konkurrenz.

»Bleibst du nach der Party hier?«, fragt Rafa.

»Ich hab mir einen Urlaub verordnet.« Carlinhos hat drei Lunen lang im Mare Tranquillitatis Helium abgebaut.

»Komm mit zum Spiel. Damit du mal siehst, was wir machen.«

»Ihr verliert, wie man mir erzählt«, antwortet Carlinhos. »Wo ist eigentlich der Mondläufer? Das mit dem Asamoah-Jungen hab ich schon gehört. Wirklich gute Arbeit. Wenn er mal einen Job draußen möchte, so einen könnte ich gut gebrauchen.«

»Ich glaube, Lucas hat da andere Pläne.«

Einige Schritte hinter Carlinhos steht ein zweiter junger Mann in einem Sasuit, das dunkle Gegenteil des blonden Carlinhos, mit feinen Wangenknochen und schmalen Jägeraugen.

»Wagner, Irmão.« Auch ihn begrüßt Rafa mit einer Berührung der Faustknöchel.

Wagner, der jüngste Bruder, lächelt scheu.

Beschmutzt mit Mondstaub, klammert sich Luna an das Bein ihres Onkels Carlinhos.

»Lasst euch ansehen!« Ariel rauscht mit ihrem Gefolge an. »Meine hübschen Jungs!« Sie neigt den Kopf zum Küssen vor, ohne jemanden zu berühren. Sie will keine Flecken auf ihrem Kleid.

Lucas erscheint mit taktischer Verzögerung. Er begrüßt Carlinhos höflich, aber flüchtig. Sein Augenmerk gilt Wagner. »Ich mag Partys. Die vielen entfernten Verwandten, die man sonst nie sieht.«

Carlinhos geht dazwischen. »Wagner ist als mein Gast hier.«

»Natürlich«, sagt Lucas. »Mein Haus ist dein Haus.«

Zwischen Wagner und Lucas glüht der blanke Hass, bis Carlinhos den Jüngeren am Ellbogen packt und ihn fortzieht, hinein ins Partygeschehen.

»Luna, lauf zu Madrinha Elis«, sagt Rafa.

»Dich müssen wir wohl ein bisschen abputzen.« Madrinha Elis ist eine kräftige Paulistana mit ausgeprägten Wangenknochen, einen Kopf kleiner als die mondgeborenen Generationen. Erdfrauen sind starke Leihmütter. Die Cortas lassen ihre Kinder ausschließlich von Brasilianerinnen austragen. Sie nimmt die rußverschmierte kleine Luna bei der Hand und führt sie weg von den Erwachsenengesprächen, hinüber zu den Musikern.

»Lucas, nicht hier«, flüstert Rafa.

»Er ist kein Corta«, erwidert Lucas knapp.

Eine Hand berührt Lucas. Amanda Sun ist an seiner Seite. »Das war sogar für deine Verhältnisse grob.« Amanda Sun gehört der dritten Generation an; sie ist mondgroß, größer als ihr Mann. Ihre Vertraute Zhen Shake ist tiefrot. Die Suns geben ihren Vertrauten traditionell Oberflächen mit Hexagrammen aus dem Buch der Wandlungen.

»Warum denn? Es stimmt doch«, sagt Lucas. Die Gesellschaft war erstaunt, als Amanda Sun aus dem Palast des Ewigen Lichts in das noch unfertige Boa Vista übersiedelte. Der Nikah hatte es nicht verlangt. Es war eine stark dynastisch geprägte Eheschließung mit sorgsam austarierten Bedingungen und Annullierungsklauseln. Trotzdem kam Amanda Sun nach Boa Vista und lebt inzwischen seit siebzehn Jahren dort. Sie ist so sehr zum Teil des Ganzen geworden wie die friedlichen Orixás und das plätschernde Wasser. Manche Beobachter glauben, dass sie eine langfristige Strategie verfolgt. Die Suns gehörten zu den ersten Siedlern, und sie betrachten sich zusammen mit den Mackenzies als Alteingesessene, als wahre Mondaristokratie. Seit über einem halben Jahrhundert kämpfen sie gegen die Hegemonie der Volksrepublik China an, die das Haus Sun als Brückenkopf für die Herrschaft über den Mond benutzen will. Alle sind sich einig, dass die Suns nie ohne Grund heiraten.

Seit fünf Jahren lebt Lucas Corta in seinem Apartment in João de Deus.

Plötzlich bricht die leise Bossa-Musik ab. Gläser verharren auf dem Weg zum Mund. Gespräche ersterben; Worte verklingen, Küsse gehen ins Leere. Alle Blicke hängen an der kleinen Gestalt, die durch eine Tür zwischen den riesigen, heiteren Orixá-Gesichtern getreten ist.

Adriana Corta ist erschienen.

»Werden sie nicht nach dir suchen?«

Lucasinho hat Abena Maanu Asamoah an der Hand genommen und sie aus dem Trubel weggeführt durch Gänge, die von einem Schimmern aus Nebenräumen erleuchtet werden – Bau-Bots brauchen Licht –, und durch neu herausgeschlagene Hallen, in denen schweres Gerät dröhnt.

»Die küssen sich noch ewig die Hand und schwingen Reden. Wir haben jede Menge Zeit.« Lucasinho zieht Abena an sich. Wärmelampen lindern die permanente unterirdische Temperatur von minus zwanzig Grad, trotzdem ist die Luft so kalt, dass der Atem Wolken bildet und Abena in ihrem Partykleid zittert. Der Mond hat ein kaltes Herz. »Also, was ist das für ein besonderes Geschenk, das du mir geben willst?« Lucasinho lässt die Hand über Abenas Seite nach unten wandern, bis sie auf ihrer Hüfte liegt.

Lachend schiebt sie sie weg. »Kojo hat recht, du bist ein böser Junge.«

»Böse ist gut. Nein, wirklich. Na, komm, wir sind doch beide Mondläufer.« Seine andere Hand streichelt Abenas Lady Luna und bewegt sich wie eine Spinne auf die nackte obere Rundung ihrer Brust zu. »Wir leben. In diesem Moment wahrscheinlich sogar mehr als sonst jemand auf diesem Felsen.«

»Lucasinho, nein.«

»Ich habe deinen Bruder gerettet. Ich hätte sterben können. Fast wäre ich wirklich gestorben. Ich war in einer Überdruckkammer und wurde ins Koma versetzt. Ich bin zurück und habe Kojo gerettet. Das hätte ich nicht tun müssen. Wir kennen alle das Risiko.«

»Lucasinho, wenn du so weiterredest, machst du alles kaputt.«

Er hebt die Hände: Kapitulation. »Und? Was hast du für mich?«

Abena öffnet die rechte Hand. Ein silberner Zahn funkelt ihm entgegen. Blitzschnell presst sie ihn an Lucasinhos linkes Ohr.

Mit einem Aufschrei drückt er die Hand auf den unerwarteten Schmerz. Über seine Finger läuft Blut. »Was hast du gemacht? Jinji, was hat sie gemacht?«

Wir befinden uns außerhalb der Kamerareichweite, antwortet der Vertraute. Ich kann nichts erkennen.

»Ich hab dir ein Andenken an Kojo geschenkt.« Vielleicht ist es nur das rote Glühen der Wärmelampen, doch Lucasinho bemerkt ein Glitzern in Abenas Augen, das er noch nie wahrgenommen hat. Da steht eine Fremde vor ihm. »Weißt du, was über dich erzählt wird? Dass du dir für jedes gebrochene Herz ein Piercing hast stechen lassen. Nun, bei mir ist das anders. Der Dorn, den ich dir ins Ohr gesteckt habe, ist ein versprochenes Herz. Ein Schwur. Wenn du die Hilfe der Asamoahs brauchst – wirklich brauchst; wenn du keine andere Hoffnung mehr hast, wenn du nackt und allein und verlassen bist wie mein Bruder, dann schick mir den Dorn, und ich werde mich erinnern.«

»Das tut weh!«, jammert Lucasinho.

»Dann wirst du dich bestimmt erinnern.« Abena hat einen Fleck Blut von ihm am Finger. Langsam und anmutig leckt sie ihn ab.

Adriana Corta wirkt zart und elegant wie ein Vögelchen zwischen ihren großen Kindern und noch größeren Enkeln. In der Mondschwerkraft hat das Alter wenig Gewicht; ihre Haut ist glatt und ohne Falten; der Körper ungebeugt von seinen neunundsiebzig Jahren. Sie hat die aufrechte Haltung einer jungen Debütantin. Noch immer ist sie die Leiterin von Corta Hélio, obwohl sie inzwischen schon seit Monaten nicht mehr außerhalb von Boa Vista in Erscheinung getreten ist. Auch für viele Bewohner von Boa Vista ist sie ein seltener Anblick. Aber für die Familie kann sie noch immer Flagge zeigen. Adriana begrüßt ihre Kinder. Drei Küsse für Rafael und Ariel. Zwei für Lucas und Carlinhos, einer für Wagner. Luna reißt sich von Madrinha Elis los und flitzt zu ihrer Vovó Adriana. Die Umstehenden quittieren die frischen Flecken auf Adrianas Ceil-Chapman-Kleid mit einem lauten Ächzen. Adriana braucht keine Lady-Luna-Nadel. In ihren wilden Jahren hat sie mehr Vakuum eingesaugt als alle Mondläufer in Boa Vista zusammen.

Lucas lässt sich hinter seine Mutter zurückfallen, als sie sich durch die Schlange von Enkeln, Madrinhas, Okos und Gästen arbeitet. Für jeden hat sie ein freundliches Wort. Vor allem bei Amanda Sun und Rafas Keiji-Oko Lousika Asamoah verweilt sie einige Minuten.

»Und wo ist Lucasinho?«, fragt Adriana. »Wir brauchen unseren Helden.«

Erst jetzt bemerkt Lucas die Abwesenheit seines Sohnes. Er unterdrückt seinen Zorn. »Ich hole ihn gleich, Mamãe.« Toquinho ruft an, doch der Junge ist nicht im Netz. Adriana Corta schnalzt missbilligend mit den Lippen. Lucas geht hinüber zu der Musikgruppe; ein kleines Ensemble mit Gitarre, Klavier, Kontrabass und wisperndem Schlagzeug. »Kennt ihr Águas de Março?«

»Natürlich.« Es ist ein Standard.

»Spielt es ganz sanft. Es ist das Lieblingsstück meiner Mutter.«

Gitarrist und Pianistin nicken einander zu und zählen den subtilen Offbeat ein. Wasser des März, ein wunderbares altes Lied, das Adriana Corta ihren Kindern vorsang, wenn sie auf ihrem Schoß saßen oder in der Wiege lagen. Es ist ein impressionistischer Herbstsong der irdischen Südhalbkugel über Regen und Wind, über Alltagsdinge, über das Universelle im Kleinen, fröhlich und zugleich erfüllt von Saudade. Traumwandlerisch sicher lösen sich die männliche und die weibliche Stimme ab, lebhaft und spielerisch. Lucas lauscht ergriffen. Sein Atem geht flach, der Körper ist angespannt. Tränen treten ihm in die Augen. Musik hat ihn schon immer stark bewegt, vor allem die alte Musik Brasiliens. Bossa Nova, MBP. Fahrstuhlmusik, Mainstream, Smooth Jazz, der angeblich keinen Mumm hat. Die Leute, die das sagen, haben keine Ohren; sie passen nicht auf. Sie hören die Saudade nicht; den süßen Jammer um die Vergänglichkeit der Dinge, der jeder Freude einen Stachel verleiht. Sie hören nicht die gedämpfte Verzweiflung, die Ahnung, dass hinter all der Schönheit und Sehnsucht die schrecklichste aller Bedrohungen lauert.

Lucas schielt zu seiner Mutter. Mit geschlossenen Augen nickt sie zu dem verschlungenen Rhythmus. Er hat sie abgelenkt von Lucasinhos Verschwinden. Darum wird er sich später kümmern.

Der Höhepunkt des Songs ist das aggressive Wechselspiel, in dem sich die Stimmen ins Wort fallen, als würden sie Capoeira miteinander tanzen. Der Mann an der Gitarre und die Frau am Klavier sind wirklich gut. Lucas kannte diese Combo bisher nicht, und er ist froh, dass sie hier sind. Der Song endet.

Lucas muss seine Gefühle unterdrücken. Er applaudiert laut und klar. »Bravo!«

Adriana folgt seinem Beispiel. Dann Rafa, Ariel. Carlinhos, Wagner. Der Beifall zieht Kreise. »Bravo!« Erneut werden Drinks serviert, der peinliche Moment ist vergessen, die Party rollt weiter.

Lucas tritt vor, um ein Wort mit dem Gitarristen zu wechseln. »Vielen Dank. Sie haben den Bossa wirklich im Blut. Meine Mamãe war sehr angetan. Es würde mich freuen, wenn Sie zu mir kommen und in meiner Wohnung in João de Deus für mich spielen könnten.«

»Das wäre uns eine große Ehre, Senhor Corta.«

»Ich meine nicht die Gruppe, sondern Sie persönlich. Bald. Wie heißen Sie?«

»Jorge. Jorge Nardes.«

Die Vertrauten tauschen Kontaktdaten aus. Und dann stürzt sich die Kellnerin, die Jo Moonbeam mit dem Cocktailtablett, urplötzlich auf Rafael Corta.