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Lisa bleibt keine Zeit für Trauer. Die Ereignisse überschlagen sich, als es während der Feuerbestattung zu einer Auseinandersetzung mit einem fremden Rudel kommt. Kurze Zeit später erhält sie eine makabre Einladung des Vampirfürsten Sangeros. Nur in Begleitung ihrer besten Freundin macht sie sich auf den Weg zum sogenannten Adlerhorst. Aber anstatt ihr Rudel zu finden, macht sie Bekanntschaft mit der Magie der Vampire. Der Fürst hat sich niedergelassen und feiert mit der Hautevolee seinen Einstand. Merkwürdige Klänge einer fremdländischen Musik veranlassen die Anwesenden, ihre sexuellen Fantasien voll auszuleben. Schockiert erkennt Marie nicht nur die Bürgermeisterin unter den lüsternen Gästen, sondern auch die Wahrheit hinter Maries Vermutung, dass die Machenschaften der Vampire bis in die höchsten Regierungskreise reichen. Blind vor Entsetzen treten sie den Rückweg an. Dort auch hier lauert Gefahr. Gefangengenommen und verschleppt von einem fremden Rudel droht neue Gefahr.
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Seitenzahl: 323
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Eine ganze Woche ist seit unserem Versuch, die Vampire aus dieser Gegend wieder zu vertreiben, vergangen. Unser Scheitern verursachte mir noch immer Magenschmerzen. Ständig fragte ich mich, wie wir nur so leichtfertig unser aller Leben aufs Spiel setzen konnten. Für jeden von uns hätte es den Tod bedeuten können, so mir nichts, dir nichts, in eine alte Burg einzubrechen und einen auf Rambo zu machen. Wir kannten weder unseren Gegner, noch diese Burg. Eigentlich, so wurde mir klar, hatten wir uns selbst auf dem sprichwörtlichen Silbertablett serviert. Es war reines Glück, dass wir wieder lebend aus der Sache rausgekommen sind.
Ich gab mir selber am meisten Schuld. Gerade einmal eine Woche verbrachte ich hier in den Bergen und war dabei, einige der hier lebenden Leute besser kennen zu lernen, als ich mich Hals über Kopf in dieses Abenteuer stürzte. Meine magischen Fähigkeiten, die mir noch immer ein Rätsel waren, sind mir wohl zu Kopf gestiegen. Mit dieser Aktion hatte ich mich heillos übernommen, das wurde mir klar. Immer wieder zerbrach ich mir den Kopf, warum ich so gehandelt hatte. Aber ich fand keine Antwort darauf. Eigentlich war ich ein besonnener Mensch. Handelte überlegt und zurückhaltend. Das komplette Gegenteil von dem, was ich mir hier geleistet hatte. So oft ich mir auch den Kopf zerbrach, ich fand keine logische Antwort darauf.
Die letzten Tage waren schrecklich. Mein ganzes bisheriges Leben hatte ich nicht so viel geweint, wie in dieser kurzen Zeit, die ich hier war. Zum ersten Mal in meinem Leben nahm ich an einer Bestattung teil. Ich wusste nicht, ob es immer so herzzerreißend war, einen Menschen zu Grabe zu tragen, aber ich fühlte mich anschließend ausgelaugt und leer.
Einen Tag nach unserer Rückkehr bereitete Shenandoah alles für die Feuerbestattung der beiden toten Wölfe vor. Die Körper wurden gewaschen und die Wunden gereinigt. Anschließend wurden sie mit all ihren Habseligkeiten auf eine extra angefertigte Trage aus Holz gebettet. Die Höhle war feierlich mit Fackeln geschmückt, die rund um die Uhr brannten. Alle Wolfsmenschen des Dorfes erwiesen den beiden Toten die letzte Ehre.
Magena und Yima waren noch immer nicht aufgetaucht. Sie blieben verschwunden. Onatha hatte jede Hoffnung verloren, dass die beiden Frauen noch am Leben waren. Nur Nola versuchte verzweifelt ihren Kummer zu verdrängen und gab nicht auf, daran zu glauben, ihre Mutter Magena lebend wiederzusehen.
Marie und ich hielten uns zurück. Wir verbrachten viel Zeit in unserer Hütte, um das Fiasko wieder und wieder durchzukauen. Detailliert zerpflückten wir jeden unserer Schritte und brachten dadurch einige Fehler zu Tage. Schlussendlich akzeptierten wir unsere taktischen Fehltritte und mussten unsere Unerfahrenheit eingestehen. Nachmittags saß ich oft auf der Veranda im Schaukelstuhl und beobachtete stundenlang die kleinen Vögel, die das neue Vogelhaus bevölkerten. Wir hatten es bei einem unserer Dorfbesuche gekauft und im Garten an einen Baum gehängt. Jeden Tag kamen immer noch mehr Vögel, um sich ihr Futter abzuholen. Besonders amüsant fand ich einen kleinen Vogel, der einen blauen Irokesen auf dem Kopf trug. Vorsichtig hüpfte er von Ast zu Ast, um eine eventuelle Gefahr frühzeitig zu erkennen. Hastig zuckte sein Köpfchen in alle Richtungen, ehe er sich ein Körnchen schnappte und schnell wieder davonflog. Von so einem kleinen Kerl konnten wir noch viel lernen. Im Vergleich zu ihm waren wir wie Raubritter in das alte Schloss eingefallen. Unglaublich.
„Willst du auch ein Bier?“ Marie war auf die Veranda gekommen und hielt zwei Flaschen in ihren Händen, von denen sie mir eine direkt vor die Nase hielt.
„Ja, danke.“
„Was denkst du gerade?“ Marie ließ sich im Schneidersitz auf den Boden nieder und sah zu mir auf.
„Ach, nichts Neues.“ Gab ich frustriert zurück.
„Erzähl.“ Kurz und bündig forderte sie mich auf, meine Gedanken laut auszusprechen.
„Ich weiß auch nicht genau. Irgendwie lässt es mir keine Ruhe. Immer wieder frage ich mich, wie ich nur so dumm sein konnte.“ Ich nahm einen Schluck aus der Bierflasche und drehte sie dann in meinen Händen. Die Flasche war eiskalt und beschlagen. Dann wischte ich mir meine feuchten Finger an meiner Hose ab, ehe ich mir nachdenklich über die Stirn rieb.
„Hmm.“ Marie schaute nachdenklich zum Wald hinüber. „Vergiss es! Du kannst es nicht mehr ändern. Wir haben Scheiße gebaut und damit basta. Wie lange willst du dir noch deswegen das Hirn zermartern?“
Sie hatte ja Recht. Es war vorbei und war nicht mehr zu ändern. Und trotzdem. Als ich ihr keine Antwort gab, stellte Marie ihr Bier auf den Boden und zog ihre Zigaretten aus der Hosentasche. Sie zündete sich eine an und inhalierte tief. Langsam blies sie den Rauch wieder aus. „Weißt du, ob Freki eine Freundin hat?“
Wie vom Donner gerührt starrte ich sie an. „Was soll das denn jetzt heißen?“ Fragend zog ich eine Augenbraue in die Höhe.
„Nur so. Ich war nur neugierig.“
„Ja klar. Nur neugierig! Dass ich nicht lache. Du hast dich wohl in ihn verguckt, gab’s zu!“ Meine Laune hatte sich schlagartig gebessert. Dachte ich mir doch, dass sich da was anbahnt!
Marie schaute mich bedrückt an. „Fändest du es blöd, wenn es so wäre?“ Vorsichtig schielte sie zu mir rüber.
„Überhaupt nicht! Ich weiß nur nicht, ob es möglich ist …?“ Plötzlich war es überhaupt nicht mehr lustig. Konnte ein Mensch überhaupt etwas mit einem Wolfsmenschen anfangen? Bestürzt musste ich feststellen, dass ich auch darauf keine Antwort hatte. Vielleicht ging das gar nicht? Wäre es gefährlich? Oh Mann! Das hier war mein Rudel und ich hatte nicht den blassesten Schimmer, wie diese Leute lebten. Peinlich berührt wurde ich schon wieder mit der Nase darauf gestoßen, dass ich keine Ahnung hatte, was es hieß, Teil eines Wolfsrudels zu sein.
„Sorry, hab ich einen wunden Punkt getroffen?“ Marie sah mich bedrückt an. Ich schüttelte den Kopf und langte nach meinen Zigaretten. Dann ließ ich meinen Kopf wieder auf die Lehne zurückfallen und starrte gedankenverloren in den Himmel hinauf. Irgendwie musste ich endlich damit beginnen, meine Wissenslücken zu schließen. Mein Wissen reichte weder aus, die Wölfe im Kampf gegen Vampire anzuführen, noch hatte ich die geringste Ahnung, wie das tägliche Leben dieser Menschen aussah. Vollständig erdrückt über diese Erkenntnis stieß ich einen tiefen Seufzer aus.
„Was ist denn los? Warum sagst du mir nicht endlich, was dich so bedrückt?“ Marie berührte mich kurz am Fuß, um mich aus meinen Gedanken zu reißen.
„Ich bin an allem Schuld. Zwei sind tot und zwei werden vermisst. Wenn ich nicht hier wäre, würden diese Menschen noch leben und bei ihren Familien sein!“
„Was redest du denn? Woher willst du wissen, wie es wäre, wenn du nicht hier wärst? Die Vampire wären so und anders da. Du hast nichts falsch gemacht!“ Marie packte mein Knie und zwang mich, ihr in die Augen zu sehen. Eindringlich starrte sie mich an und versuchte mich zu überzeugen.
Verunsichert wollte ich ihr gerade widersprechen, als sie mir ins Wort fiel. „Hör auf, dir selber die Schuld zu geben! Du hast dein Bestes gegeben. Das haben wir alle! Und wir haben versagt. Aber eine verlorene Schlacht ist nicht das Ende der Welt. Wir haben unsere Lektion gelernt und werden nicht mehr so blauäugig in eine Falle laufen! Glaub mir, bitte!“
„Marie! Hier sind meine Wurzeln, das ist meine Heimat! Und ich habe nicht die geringste Ahnung, was es eigentlich bedeutet, die Priesterin eines Werwolf Rudels zu sein. Ich komme wie die Jungfrau zum Kind! Versteh mich bitte nicht falsch! Ich spüre, dass ich hierher gehöre, aber im Grunde weiß ich gar nichts. Ich weiß weder, wer ich bin, noch was ich machen soll! Ich weiß noch nicht einmal etwas über das Dorf und seine Bewohner! Es ging alles so schnell, verstehst du? Irgendwie wurde ich einfach mitgerissen, ehe ich wusste, auf was ich mich eigentlich einlassen würde. Ich will jetzt nicht jammern oder jemand anderem die Schuld geben, aber wie soll ich das Rudel führen, wenn ich keine Ahnung von irgendwas habe?“ Tränen traten in meine Augen und ein Kloß steckte in meinem Hals. Schnell sah ich zur Seite, um mich wieder unter Kontrolle zu bringen. Marie stand von ihrem Platz auf und beugte sich zu mir runter. Fest nahm sie mich in die Arme und streichelte mir mit ihrer Hand über den Kopf. Das war zu viel für mich. Meine mühsam aufgebaute Fassade fiel in sich zusammen, als ich hemmungslos zu weinen begann. Erst als meine Tränen versiegten und ich ein Taschentuch brauchte, um mir die Nase zu putzen, ließ Marie mich los und reichte mir wortlos ein Päckchen Taschentücher. Dankbar nahm ich es entgegen und schnäuzte mich ordentlich laut.
„Jetzt hör mir mal ganz genau zu. Du hast nichts falsch gemacht! Keiner erwartet von dir, dass du perfekt bist! Wir alle haben noch viel zu lernen. Nicht nur du. Aber gib dir die Zeit, die du dafür brauchst. Überleg mal, was du hier schon Gutes getan hast! Toopi wäre ohne deine Hilfe gestorben! Und das Rudel hätte sich vielleicht schon längst total zerstritten!“ Kurz ließ Marie ihre Worte auf mich wirken, ehe sie weiter beschwörend auf mich einredete. „Jetzt denk endlich positiv! Es ist noch keiner gelernt vom Himmel gefallen!“
Entschlossen packte sie mich an der Hand und zog mich hoch. „Und jetzt komm mit. Verschwende nicht deine ganze Energie mit Nachdenken. Ich hole inzwischen die Messer, okay?“
Vielleicht lag sie mit ihrer Meinung gar nicht mal so falsch und ich sollte mich besser auf die Zukunft konzentrieren, als über die Vergangenheit nachzugrübeln. Es war nicht mehr zu ändern. Was geschehen war, war geschehen und nichts konnte es wieder rückgängig machen. Aber ich konnte eine Lehre aus dieser Erfahrung ziehen, um nicht noch einmal die gleichen Fehler zu machen. Ich musste dieses Kapitel endlich abschließen und positiv in die Zukunft schauen.
Halbherzig folgte ich Marie in den kleinen Garten vor der Hütte, um mit ihr zu trainieren. Viel Zeit blieb uns nicht mehr, denn am Abend sollte die Feuerbestattung stattfinden, an der wir teilnehmen würden.
Marie schaffte es, mich von meinen Gedanken abzulenken, indem sie ein echt hartes Training mit mir durchzog. Wir verlagerten unseren Schwerpunkt auf Zweikampf und dem Umgang mit Messern. Meine Reaktionszeiten waren Marie noch immer ein Dorn im Auge. Sie war der Ansicht, ich bräuchte noch immer zu lange, um auf einen Angriff kontern zu können. Deshalb hatte sie unsere Trainingseinheiten verschärft. Unsere Kämpfe hatten nichts mehr damit zu tun, Schläge und Tritte nur anzudeuten. Wir trainierten reale Duelle. Anfangs konnte ich nicht mit aller Kraft auf Marie eintreten oder ihr den Arm auf den Rücken drehen. Zu viele Hemmungen, sie verletzen zu können, hielten mich davon ab. Sie aber provozierte mich so lange, bis ich mich mit all meiner Kraft gegen ihre Angriffe zur Wehr setzte. Sie forderte vollen Einsatz. Und war ich nur halbherzig bei der Sache, war ich es, die blaue Flecken kassierte. Das Training war hart, lenkte mich jedoch erfolgreich von meinen Versagensängsten ab.
Nach dem harten Training waren wir beide total erledigt. Durchgeschwitzt bis auf die Unterwäsche lagen wir im Gras und sahen den Wolken dabei zu, wie sie ständig ihre Form änderten.
„Es ist schon nach Fünf! Steh auf, wir müssen noch duschen! Sonst schaffen wir es nicht mehr rechtzeitig.“ Marie war bereits aufgestanden und bückte sich nach den Messern. Ich setzte mich auf und half ihr, sämtliche Trainingsgeräte zu reinigen und in die Hütte zu bringen. Marie ließ mir den Vortritt und so verschwand ich im Bad. Ich stand vor dem Waschbecken und starrte gedankenverloren mein eigenes Spiegelbild an. Meine Haare waren wild zerzaust und einige Strähnchen, die sich aus dem Pferdeschwang gelöst hatten, klebten feucht auf meiner Stirn. Als ich mein Shirt über den Kopf zog und in die Ecke mit der Schmutzwäsche warf, in die kurz darauf auch mein Sport-BH flog, atmete ich erleichtert auf. Es war eine Wohltat, diese einengende Erfindung namens BH loszuwerden. Dann schlüpfte ich noch aus der Hose und stand kurz darauf nackt vor dem Spiegel. Ein schneller Rundumblick ließ mich ein paar neue blaue Flecken und Abschürfungen erkennen. Es war jedoch nicht dramatisch, weshalb ich mich dann endlich unter die Dusche stellte und meinen Körper genüsslich einschäumte. Dann rasierte ich mir meine Achseln und Beine. Mit geschlossenen Augen wartete ich darauf, bis auch der letzte Rest Duschgel und Shampoo im Gully verschwand. Erst dann verließ ich eingehüllt in ein großes Badetuch die Dusche. In meinem Schlafzimmer bearbeitete ich meine Achseln mit einem Deo Roller, ehe ich nur mit einer Unterhose bekleidet vor dem Schrank stand und überlegte, was ich für diesen Anlass anziehen sollte. Schließlich entschied ich mich für die neue schwarze Hose aus dem Army-Shop und ein ebenfalls schwarzes Langarm-Shirt.
Seit unserer Begegnung mit den Vampiren gingen Marie und ich nur noch bewaffnet aus dem Haus. Keiner von uns wusste, wann sie wieder zuschlagen würden und wir wollten notfalls darauf vorbereitet sein. Deshalb nahm ich auch meinen Messergürtel von der Kommode und schlang ihn um meine Taille. Dann ging ich auf die Veranda, um mir eine Zigarette anzuzünden und auf Marie zu warten, die gerade unter der Dusche stand.
Die Nachmittagssonne war noch warm genug, um mit hochgekrempelten Ärmeln und geschlossenen Augen, im Schaukelstuhl zu sitzen und ein wenig vor mich hinzuträumen. Als Marie fertig umgezogen vor mir stand, teilte ich ihr meinen Entschluss mit. Ich war bei meinen Überlegungen draufgekommen, dass es sinnlos war, das Geschehene wieder und wieder durchzukaufen. Es änderte nicht das Geringste. Es war eine Lektion und ich hatte sie gelernt. Punkt. Aus. Irgendwie musste ich damit klarkommen, dass in meinem Leben nicht immer alles nach Plan gehen würde. Auch Rückschläge muss man einstecken können, sonst geht man daran kaputt. Aber man kann das Beste daraus machen und das hatte ich vor. Überall auf der Welt starben Menschen durch Krankheiten, Unfälle, Krieg und Anschläge. Auch hier, in dieser ländlichen Idylle. Es war kein Land der Seligen, der Eindruck täuschte gewaltig. Auch ich musste schmerzhaft lernen, dass der äußerliche Schein oft trügt. Das stand für mich jetzt fest.
Mit jedem Tag würde ich dazulernen, stärker werden und mit meinen Fähigkeiten besser umgehen können. Es war nur eine Frage der Geduld. Daran würde ich noch arbeiten müssen.
Neu motiviert von meinen Erkenntnissen, lächelte ich Marie zu, die geduldig vor mir stand und darauf wartete, dass ich aufstand. Auch sie hatte sich für die neue schwarze Hose mit den aufgesetzten Taschen an den Oberschenkeln entschieden. Dazu trug sie feste schwarze Stiefeletten und ein dunkelrotes Shirt. Marie schlüpfte gerade in ihr Pistolenhalfter und kontrollierte die Messer, die an passenden Scheiden an ihrem Gürtel befestigt waren. Für den Fall, dass es abends kühler wurde, trug sie eine schwarze Lederjacke über dem Arm. Das erinnerte mich daran, dass ich mir noch meine Jacke holen musste. Beinahe hätte ich sie vergessen. Marie hatte ein wenig Make-up aufgelegt. Ein zarter Hauch von Rosé auf den Lippen und die Wimpern waren getuscht. „Gut schaust du aus!“ Meine Worte waren aufrichtig gemeint und wieder einmal bewunderte ich Marie für ihre coole Ausstrahlung.
„Danke, das Kompliment kann ich nur zurückgeben.“ Marie betrachtete mich von Kopf bis Fuß und pfiff dann anerkennend durch die Zähne. Vergnügt summte sie vor sich hin und hatte ein Lächeln im Gesicht. So schweigsam hatte ich sie schon lange nicht mehr erlebt. Normalerweise plapperte sie bei so einem Spaziergang munter vor sich hin. An diesem Tag aber hatte sie einen ganz verträumten Ausdruck in den Augen und war mit ihren Gedanken wohl meilenweit entfernt.
„Dann los!“ Ließ ich Marie wissen und schnappte mir beim Hineingehen meine Jacke von der Garderobe. Im Flur streifte ich die bequemen Filzpatschen ab und schlüpfte in meine alten Bergschuhe. Die waren zumindest eine Zeit lang wasserdicht, sollte es wieder einmal regnen.
Wir schlenderten gemütlich den Pfad Richtung Wald entlang, als mir auffiel, dass Marie besonders gut gelaunt war. Ob Freki wohl der Grund war, dass sie so ein Strahlen an sich hatte? Verträumt hopste Marie freudestrahlend den Weg entlang. Sie war mit ihren Gedanken weit fort.
Ich ließ sie träumen und überlegte zum x-ten Mal, was die Vampire wohl in der Zwischenzeit alles angestellt hatten. Fast eine Woche war seit unserem Zusammentreffen vergangen. Es war ruhig geblieben. Keine weiteren verschwundenen Teenager und auch sonst keine Spur von den Blutsaugern. Hatten sie sich wieder verzogen oder warteten sie nur auf den richtigen Augenblick, um zuzuschlagen? Ich hoffte auf die erste Möglichkeit, doch mein Bauchgefühl vertrat eher die wahrscheinlichere These, dass sie noch immer dort oben waren und nur auf ihren Einsatz warteten. Das Rudel war so sehr mit der eigenen Trauer beschäftigt, dass ich es nicht übers Herz brachte, meine Befürchtungen laut auszusprechen. Ich wartete noch immer auf die richtige Gelegenheit, meine Vorahnungen laut kundzutun. Ständig ermahnte ich mich zu mehr Geduld. Leider nur mit mäßigem Erfolg. Die Aussicht eines neuen Angriffs drückte schwer auf meine Seele, aber ich musste mich zurückhalten, bis die Feuerzeremonie beendet war. Erst danach würden die einzelnen Mitglieder wieder langsam zur Tagesordnung übergehen und hoffentlich die Zeit finden, ein klärendes Gespräch mit mir zu führen. So viele Fragen brannten mir auf der Seele! „Nur noch ein paar Stunden, dann kriegst du hoffentlich ein paar Antworten.“, redete ich mir ein. Immer wieder musste ich mich selber zu mehr Geduld mahnen.
Als wir bei der Waldlichtung ankamen, waren bereits einige Leute da, die mithalfen, die Feuerbestattung vorzubereiten. Die Menschen durchstreiften den Wald, um trockenen Reisig oder Holz zu suchen, welches sie in Stofftaschen sammelten und anschließend mittig in die Feuerstelle leerten. Es war bereits ein netter kleiner Haufen entstanden, der nun mit Holzspänen und kleineren Ästen bedeckt wurde. Immer wieder kam jemand auf die Lichtung, um seine Tasche in den Steinkreis zu entleeren. Je später die Mitglieder des Rudels zu der Lichtung kamen, desto größer wurden die Holzscheite, die auf dem Haufen landeten. Schön langsam wurde es dunkel und der Platz auf der Lichtung war mit Menschen übersät. Nur noch vereinzelt kamen neue Leute hinzu, die Ihr gesammeltes Holz auf den großen Scheiterhaufen warfen. Ich sah auf meine Uhr und stellte fest, dass es beinahe sieben Uhr abends war. Die Zeremonie würde bald beginnen.
Mein Blick huschte immer wieder über die Anwesenden, die in kleinen Grüppchen beieinander standen und leise miteinander sprachen. Nur wenige Gesichter kamen mir bekannt vor. Viele hatte ich bis dahin noch nie in meinem Leben gesehen.
Auch ich wurde neugierig gemustert, wie ich feststellen konnte. Verstohlene Blicke streiften immer wieder meine Augen, wenn ich mich nach vertrauten Menschen umsah.
Chaska trat auf mich zu und verbeugte sich vor mir, ehe er seine Faust mit den zwei ausgestreckten Fingern auf sein Herz legte. „Guten Abend, Wenona. Darf ich vorstellen, das ist meine Nichte Nituna.“ Das Mädchen legte sich seine Faust auf Stirn und Herz und neigte seinen Kopf. Als sie ihren Kopf wieder hob blickten mich zwei haselnussbraune, neugierige Augen an. Unzählige Sommersprossen überzogen ihre Nase und ihre Wangen. Schüchtern lächelte sie mich an und schlug dann schnell ihre Augen nieder, als ich zurücklächelte.
„Hallo! Ich bin Lisa. Oder Wenona. Wie auch immer. Es freut mich, dich kennenzulernen.“ Ich schenkte ihr ein ehrliches Lächeln und streckte ihr meine Hand hin. Das Mädchen ergriff sie und schüttelte dann heftig ihren Kopf, dass ihr Pony wild nach links und rechts schaukelte. Erleichtert stieß sie einen Seufzer aus und schenkte ihrem Onkel einen Seitenblick. „Ich weiß, mein Onkel hat mir schon von dir erzählt. Ich bin froh, dass du jetzt bei uns bist!“ Ihre offene Art gefiel mir.
„Das ist Marie, meine beste Freundin.“ Ich drehte mich ein wenig zur Seite, um die Sicht auf Marie freizugeben und sie ebenfalls bekannt zu machen. Nituna gab auch ihr die Hand und sie wechselten ein paar Worte. Dann wurden wir von Onatha unterbrochen, die lautstark um Ruhe bat.
„Ich heiße euch alle herzlich Willkommen! Leider ist es ein trauriger Anlass, der uns heute zusammenführt. Wir wollen uns gemeinsam von unseren Brüdern verabschieden und ihrer gedenken.“ Stille legte sich über die Lichtung und auf den meisten Gesichtern war tiefe Betroffenheit und ehrliche Trauer erkennbar. Einige Männer traten an Onatha heran und warteten auf ihr Zeichen. Unter ihnen waren Anubis und Cheveyo. Die anderen Männer kannte ich nicht. Dann konzentrierte sich meine Aufmerksamkeit wieder auf die Mitte des Platzes mit seinem Steinkreis.
Ein riesiger Berg Holz inmitten der Feuerstelle wartete darauf, in Brand gesteckt zu werden. Daneben waren auf einem Holzgestell die Leichen aufgebahrt. Die toten Körper strahlten eine friedliche Ruhe aus, während sie von den Anwesenden betrauert wurden. Onatha hatte gute Arbeit geleistet. Es waren keinerlei Kampfspuren mehr erkennbar. Das Blut war abgewaschen und die Wunden abgedeckt. Bunte, mit Runen bedruckte Baumwolltücher dienten den beiden Wölfen als Unterlage. Zugedeckt waren die Körper mit einer bunten Stoffdecke, die aus vielen unterschiedlichen Stoffstreifen in lockerer Webtechnik hergestellt wurde. Damit war sichergestellt, dass keine der grausamen Wunden für die Anwesenden sichtbar war. Erleichtert atmete ich auf, als ich die zugedeckten Wölfe betrachtete. Es hätte mir ganz sicher auf den Magen geschlagen, Randulfs nackten Körper samt abgezogenem Fell erneut zu sehen. Die letzten Tage hatte mich das Bild des nackten toten Wolfes nicht mehr losgelassen und suchte mich sogar in meinen Träumen heim.
Marie bückte sich, um irgendetwas vom Boden aufzuheben, das ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Stillschweigend hielt sie mir ihre offene Handfläche hin. Kleine, durchsichtige, leicht grünliche Steinchen lagen in ihrer Hand. Ein fragender Ausdruck lag auf ihrem Gesicht, aber es kam kein Laut aus ihrem Mund.
Unbewusst fuhr ich mir mit der linken Hand über mein Gesicht und konnte noch immer die feuchten Spuren meiner Tränen an meinen Fingern spüren, die ich unbemerkt in den letzten Minuten vergossen hatte. Sind das wieder meine Tränen? Sofort fiel mir mein Erlebnis in der Höhle ein, als ich ebenfalls Tränen vergossen hatte, die dann als kleine Steinchen auf dem Boden lagen. Wie kleine Kristalle sahen sie aus. Als Marie meine Verwunderung bemerkte, schlossen sich ihre Finger um ihren Fund und ließ sie schnell in ihrer Hosentasche verschwinden. Ihr Blick versprach, dass wir uns später darüber unterhalten würden.
Gerade waren einige Leute dabei, auf den Holzhaufen zu klettern, um eine ebene Fläche für die beiden Leichenbahren zu bereiten. Das sah ganz schön gefährlich aus. Schließlich war der Haufen an die fünf Meter hoch und nicht befestigt.
Acht Männer in dunkler Kleidung stellten sich neben den Bahren auf, bereit, sie an allen Ecken hochzunehmen und an ihren Platz auf dem Scheiterhaufen zu legen, als Onatha die Freigabe dafür erteilte.
Geschickt stiegen die Männer mit ihrer Last den Holzhaufen empor und betteten die beiden toten Wölfe zur letzten Ruhe.
Als alle wieder ihren Platz eingenommen hatten, trat Namida an den Steinkreis heran. In der einen Hand hielt sie eine brennende Fackel, während in ihrer anderen Hand eine Messingschale lag, in der würzige Kräuter und Weihrauch langsam verbrannten und die Luft mit einem schweren Duft durchzog. Namida kniete neben dem Steinkreis und hielt ihre Fackel in den Holzhaufen, der sofort zu brennen begann. Die Augen hatte sie geschlossen, als warte sie auf etwas. Noch ehe ich darüber nachdenken konnte, was ich tat, ging ich schon näher an den Steinkreis heran und kniete mich ebenfalls neben Namida auf den Boden. „Mutter Erde, nimm unsere Brüder auf in deinen fruchtbaren Schoß. Lass sie teilhaben, am Kreislauf der Natur und für immer mit uns verbunden sein!“ Wie ferngesteuert senkten sich meine Hände auf den Boden um eine Handvoll Erde zu nehmen und auf den Holzhaufen zu werfen. Hell loderten die Flammen auf, als die Staubkörnchen auf den Holzhaufen herabrieselten.
„Mutter Erde nimm unsere Brüder zu dir!“ Echote es aus den Reihen der Leute.
Dann streckte ich meine Arme Richtung Himmel. „Wasser! Reinige unsere Brüder mit deinem klaren Nass! Komm zu uns und hilf uns, unsere Brüder mit Mutter Erde zu vereinen!“ Kaum hatte ich meine Worte ausgesprochen, als auch schon ein kleiner Regenschauer einsetzte und das Gemurmel der Anwesenden übertönte.
„Kostbares Wasser nimm unsere Brüder mir dir!“
Anstatt das Feuer zu zerstören, loderte es noch wilder auf, um auch die höheren Ebenen zu erreichen. Wild züngelten die Flammen empor und fraßen sich durch das trockene Holz, um die toten Körper zu befreien.
„Luft! Bring unsere Brüder bis in den letzten Winkel der Welt, damit sie allgegenwärtig sind! Lass sie über uns wachen, wo immer wir auch sind. Sende ihnen deine Leichtigkeit, damit sie frei werden von all ihrer körperlichen Schwere!“ Eine weitausholende Bewegung meiner Arme ließ mein Shirt flattern, als ein kräftiger Windstoß über die Lichtung wehte, der den Anwesenden und auch mir die Haare wild durcheinander wirbelte.
„Luft begleite unsere Brüder auf ihrer Reise!“ Kam es einstimmig zurück.
„Feuer! Nimm unsere Brüder in dich auf! Hülle sie ein in deine wohlige Wärme und weise ihnen den Weg nach Lupus Caelum!“ Meine Hände, gerade noch abgekühlt durch die Erde, das Wasser und den Wind erglühten an den Fingerspitzen und verbanden sich mit dem Feuer vor mir zu einer einzigen großen Stichflamme, die nun auch die Toten erreichte und sie in gleißend-helles Licht hüllte. Manche der Anwesenden hatten ihre Augen mit einer Hand abgeschirmt, um nicht geblendet zu werden, als sie ihren flehenden Chor anstimmten.
„Feuer hülle unsere Brüder ein und lass ihre Seelen frei, damit sie heimkehren können!“
Wie auf ein Zeichen hin, verebbte der Chor wieder. Nur die Geräusche des Waldes waren noch zu hören.
Erschöpft ließ ich meine Hände in den Schoß fallen. Namida sah mich mitfühlend an und lächelte mir aufmunternd zu. „Das hast du sehr gut gemacht.“
„Ich fühle mich total gerädert.“ Gab ich leise zurück.
„Das wird schon werden. Dir fehlt ganz einfach die Gewohnheit. Und außerdem kostet es enorm viel Energie, nach so langer Zeit deine Kräfte aus den Tiefen deiner Seele zu befreien. Sie sind gut versteckt in deinem Unterbewusstsein vergraben. Aber du wirst sehen, mit jedem Mal wird es dir leichter fallen, deine Magie zu kanalisieren und entsprechend einzusetzen.“ Amüsiert beobachtete ich Namida, die neben mir saß und mit ihren Händen in der Luft herumfuchtelte, während sie sprach. Es war eine Wohltat, dieses Lob aus dem Mund dieses Mädchens zu hören. Sie forderte nichts von mir ein und erwartete auch sonst nichts von mir. Sie ließ mich einfach machen und honorierte mein Bemühen. Sie verlieh mir neuen Mut.
Zögerlich nickte ich, als sie geendet hatte. „Hoffentlich hast du Recht. Nach so einer Aktion könnte ich mich hinlegen und ein paar Stunden schlafen.“
„Keine Sorge. Lass dir Zeit. Wir haben so lange auf dich gewartet, da kommt es auf ein paar Tage länger auch nicht mehr drauf an. Ich für meinen Teil bin schon froh, dass du überhaupt gekommen bist. Außerdem finde ich, dass du total nett bist. Du hättest auch eine eingebildete Zicke aus der Stadt sein können. Zum Glück bist du das nicht.“ Namidas offene Worte berührten mich zuriefst in der Seele. Die wenigsten Leute, die ich kennenlernte waren so offen und ehrlich wie sie.
„Danke. Ich finde die meisten Menschen hier auch sehr nett.“ Das war meine ehrliche Meinung. Kurz und bündig.
Wir sahen uns noch kurz an, ehe wir in stillem Einvernehmen unsere Augen wieder auf den brennenden Holzhaufen richteten. Wunderschön war die Kraft der Flammen, die ihrer ungezügelten Wildheit freien Lauf ließ. Mein Gesicht glühte von der Hitze, die das Feuer ausstrahlte und doch blieb ich auf meinem Platz sitzen und starrte in das hypnotisierende Flammenmeer vor mir.
Erschrocken fuhr ich herum, als sich eine Hand auf meine Schulter legte. Verwundert starrte ich in Maries Augen, die mich besorgt anblickten. „Alles in Ordnung mit dir?“ Eine Sorgenfalte hatte sich auf Maries Stirn abgezeichnet, als sie neben mir in die Hocke ging und mich prüfend ansah.
„Ja, alles okay. Ich bin nur müde.“ Gab ich ehrlich zurück. Marie schien zufrieden und nickte mehrmals.
„Willst du einen Schluck?“ Marie hielt mir eine Flasche Wasser hin, die ich dankbar entgegennahm. Meine Kehle war wie ausgetrocknet von der Hitze und meiner Ansprache. Ich setzte die Wasserflasche an den Mund und trank mehrere Schlucke hintereinander. Dann reichte ich die Flasche wieder zurück und starrte wieder nachdenklich in die Flammen. Marie setzte sich nun ebenfalls zu uns und ließ sich ebenfalls vom Feuer in seinen Bann ziehen.
Plötzlich wurde ich durch lautes Gerede hinter mir aus meiner Benommenheit gerissen. Einige Männer und Frauen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, standen zusammen und stritten sich. Angestrengt versuchte ich zu verstehen, um was es ging. Als der Lärmpegel immer weiter anschwoll, erhob ich mich von meinem Platz, um herauszufinden, was da vor sich ging. Gerade als ich auf die Menge zugehen wollte, kam es zu einer handfesten Auseinandersetzung. Da erkannte ich Akando, der hart von der Faust eines fremden Mannes getroffen wurde. Die Wucht des Schlages ließ ihn einige Schritte nach hinten taumeln, ehe er sich wieder fing und einen Schritt nach vorne machte. Akando war mindestens 1.85 groß und doch wirkte er klein, als er erneut auf seinen Kontrahenten zuging und etwa einen Meter vor ihm stehen blieb. Der andere Mann überragte ihn um mindestens zwanzig Zentimeter und wirkte sogar noch größer, weil sein Kopf bis auf einen schmalen Haarstreifen in der Mitte seines Kopfes kahlgeschoren war. Akando blutete aus dem Mund und hatte eine Risswunde oberhalb des rechten Wangenknochens. Seine Augen blitzten wütend und hatten schon beinahe seinen wölfischen Farbton angenommen. Er verzog seinen Mund zu einem wütenden Knurren, als der Größere weit ausholte und seine Faust wieder auf Akandos Gesicht zuraste. Dieser wich dem Schlag geschickt aus, indem er seinen Oberkörper weit nach hinten beugte. Dann ging er blitzschnell in die Hocke und schleuderte seinem Gegner sein ausgestrecktes Bein in einem Halbkreis in die Kniekehlen. Ein lauter Aufschrei begleitete den Riesen, als er in die Knie sank und seine Arme stützend von sich streckte. Akando schnappte sich seinen Kopf und rammte ihm sein Knie mit voller Wucht mitten ins Gesicht. Ein lautes Knacken war zu hören, welches mir Gänsehaut verursachte. Wie angewurzelt blieb ich auf meinem Platz stehen und verfolgte mit angehaltenem Atem die Kampfszene wenige Meter weiter.
Laut winselnd wand sich der Riese auf dem Boden und heulte laut vor sich hin. Er hielt sich die Hände vor sein Gesicht. Blut quoll aus seiner Nase hervor und rann zwischen seinen Finger hindurch auf den Boden. Akando stand über seinen Gegner gebeugt da und stieß zwischen zusammengebissenem Kiefer einige Worte aus. Leider konnte ich sie nicht verstehen, dafür war ich zu weit entfernt. Zum Glück bemühten sich einige Rudelmitglieder, hauptsächlich Frauen, eine Massenschlägerei zu verhindern. Sie drängten die Menge mühsam zurück und sprachen beschwichtigend auf sie ein.
Einige der Anwesenden rümpften angesichts der sich eben gebotenen Szene die Nase. Aus den Gesprächsfetzen konnte ich entnehmen, dass sie es pietätlos fanden, sich auf einer Beerdigung zu schlagen. Sie hatten keinerlei Verständnis für das Verhalten der Beiden übrig. Angewidert verließen sie die Lichtung und verschwanden im Wald. Für sie war die Feuerbestattung zu Ende. Der große Holzhaufen war zusammengeschrumpft und loderte nur noch etwa zu einem Drittel vor sich hin.
Als meine Aufmerksamkeit wieder zu den Streithähnen zurückkehrte, drehte sich Akando gerade um und wollte den Schauplatz verlassen. Er versuchte, sich durch die Mauer aus Menschen zu quetschen, als er mit einem Ruck nach hinten gerissen wurde. Eine Schlinge aus Metall lag um seinen Hals und Akando versuchte verzweifelt, die tödliche Enge mit seinen Fingern zu lockern, um Luft zu bekommen. Sein Gesicht war dunkelrot angelaufen und seine Augen schienen jeden Moment aus den Höhlen zu springen. Ein panischer Aufschrei drang aus meiner Kehle, ehe ich auf die Kämpfenden zueilte. Zwei starke Arme legten sich um meine Taille und hielten mich fest, ehe ich die Möglichkeit hatte, in die Szene einzugreifen. Wütend drehte ich mich um und schrie meine Entrüstung aus mir heraus. „Was fällt dir ein? Lass mich sofort los! Ich werde nicht zulassen, dass jemand getötet wird!“ Meine Hände zitterten stark, als ich in Leskaros erstaunte Augen sah. Erschrocken über die Heftigkeit meines Ausbruches ließ er mich los.
Sofort nutzte ich die Gelegenheit, mich wieder umzudrehen und das Geschehen weiter verfolgen zu können. Der große Typ mit dem Irokesen auf seinem Kopf stand breitbeinig auf dem Gras und hielt das Ende seines Drahtes fest umklammert. Unweit vor ihm lag Akando noch immer auf dem Rücken und kämpfte mit dem Drahtseil um seinen Hals. Das diabolische Grinsen auf dem blutigen Gesicht des Gegners veranlasste mich dazu, meinen rechten Arm auszustrecken und meinen Zeigefinger genau auf die tödliche Halsschlinge zu richten. Mit einem lauten Knall explodierte das Metall und flog in glühenden Funken in alle Richtungen. Akando lag röchelnd auf dem Boden und hustete sich die Lunge aus dem Leib. Er drehte sich um und kniete auf allen Vieren auf dem Boden. Hustend und schwer nach Luft schnappend hielt er seinen Kopf gesenkt. Er war kurz vor dem Ersticken. Röchelnd und hilflos lag er da. Es war ein schrecklicher Anblick. Tief hatte sich die Seilschlinge in das Fleisch eingegraben und hinterließ eine rote Strieme. Akando würde wohl noch einige Zeit brauchen, bis er wieder bei Kräften war.
Total perplex starrte der große Wolfsmensch zu mir herüber und fluchte laut. Dann spuckte er wütend zur Seite und starrte mich erneut an. Ich hielt seinem Blick stand und blieb ganz ruhig. Schließlich wandte er sich von mir ab und stapfte wutschnaubend zu einer wartenden Gruppe. Dort drehte er sich auf dem Absatz um und zeigte mit dem Finger auf mich. „Dafür wirst du büßen, kleine Hexe! Wir sehen uns schon bald wiedersehen! Dann werde ich dir zeigen, was ich mit Weibern wie dir mache!“ Demonstrativ spuckte er noch einmal aus, nachdem er erst lautstark grunzend seinen Rotz durch die Nase hochzog und ihn dann mit voller Wucht durch den Mund wieder ausspie. Ekel stieg in mich hoch, als ich ihm dabei zusah, wie selbstzufrieden er sich mit seiner linken Hand in den Schritt fasste und sein Ding zurechtrückte. Dann verschwand auch diese letzte Gruppe im Wald und ließ nur noch mein Rudel, das aus etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Mitgliedern bestand, zurück. Geschockt hatte die Gruppe beobachtet, was eben vorgefallen war. Akando erhob sich langsam aus seiner Lage und warf mir einen kurzen Seitenblick zu, ehe er sich alleine auf den Weg machte.
Achak, der blinde alte Mann trat neben mich und schüttelte ungläubig den Kopf. „Was hast du getan, Mädchen?“
„Das, was getan werden musste.“, gab ich lauter zurück, als beabsichtigt.
Der alte Mann schaute weiterhin ins Leere, als er weitersprach. „Es ist gefährlich, sich mit einem fremden Alpha anzulegen. Du musst aufpassen. Er wird alles versuchen, um seine Ehre vor den Augen seines Rudels wieder zu erlangen. Du hast ihn gedemütigt. Vor aller Augen. Das ist nicht gut. Das ist gar nicht gut.“ Nachdenklich legte er seinen Kopf in den Nacken und schwieg.
„Ja hätte ich vielleicht zusehen sollen, wie jemand einen meiner Leute umbringt?! Sicher nicht! Das wird niemals geschehen!“ Um meine Worte zu untermauern, stampfte ich einmal mit dem Fuß auf, ehe ich mich umdrehte und nach Marie Ausschau hielt. Jetzt brauchte ich dringend einen Menschen an meiner Seite, der zu mir hielt und meine Ansicht teilte. Der verstand, warum ich das getan hatte. Erleichtert fing ich ihren Blick auf und ließ mich in ihre Arme sinken, als sie auf mich zueilte. Sie verstand mich, das wusste ich. Es brauchte keine Worte, um mir Maries Verständnis sicher zu sein. Ich spürte es auch so. Die anklagenden Blicke, die mir manche Mitlieder verstohlen zuwarfen, ließ mich mein Gesicht in Maries Schulter vergraben. Heiße Tränen brannten in meinen Augen und Hilflosigkeit machte sich breit.
Leskaro schaute betroffen auf den Boden und schien eingeschnappt zu sein. Mir egal. Wie konnte er es wagen, mich davon abhalten zu wollen, ein Leben zu retten? Ich verstand es einfach nicht. Hatte ich schon wieder irgendeine ihrer Regeln verletzt? Dann müssen sie mich halt aufklären! Wie aufs Stichwort hörte ich auf einmal Maries Stimme. „Scheiß´ drauf! Ich finde, es war richtig, wie du gehandelt hast.“ Ein kleiner Trost, dass zumindest ein Mensch zu mir hielt.
„Es war leichtsinnig von dir, einen fremden Leitwolf herauszufordern. Und dann noch ausgerechnet Lycos.“, ertönte Onathas Stimme hinter mir. „Hoffentlich wenden sie sich jetzt nicht gegen uns. Das hätte uns gerade noch gefehlt.“
Wütend drehte ich mich um und funkelte sie an. „Es ist mir sowas von egal, ob er mich mag oder nicht. So etwas lasse ich nicht zu. Niemals! Auf keinen Fall werde ich irgendwelchen Übergriffe tolerieren.
„Akando hat ihn herausgefordert.“ Mischte sich nun wieder Leskaro in das Gespräch ein.
„Woher willst du das wissen?“ Mein Gesicht schnellte zu ihm herum und ich stemmte meine Arme auf meine Hüften. „Warst du dabei? Hast du gesehen, was passiert ist? Weißt du, worum es bei diesem Streit ging?“ Meine Stimme war eiskalt und schneidend in der Stille der Nacht.
Beschämt senkte er seinen Blick. „Nein. Aber …“
„Nichts aber! Egal was Akando gesagt oder getan hat. Nichts ändert meine Meinung. Jedes Mitglied verdient meine Hilfe. Egal was auch sein mag. Nichts rechtfertigt den Tod eines Menschen. Habt ihr das verstanden? Bjomolf und Randulf haben mit ihrem Leben bezahlt. Erweist ihnen zumindest die Ehre und schätzt euer Leben mehr.“ Jedem der Umstehenden sah ich entschlossen in die Augen. Und keiner wagte ein weiteres Wort zu sagen. Sie alle wichen meinem Blick aus.
Mit diesen abschließenden Worten und einem letzten Blick auf den Steinkreis, in dem nur noch ein Haufen Glut zu sehen war, packte ich Maries Arm und machte mich auf den Heimweg. Ich hatte genug für diesen Tag. Dann halt nicht. Sollten sie doch machen, was sie wollten. Ich würde mich nicht ändern.
Mit zusammengekniffenen Lippen stapfte ich noch immer wütend den Weg zurück, den wir gekommen waren. Wie konnte man nur so verblendet sein? So voreingenommen? Keiner wusste, warum Akando so reagiert hatte. Niemand aus unserem Rudel war dabei gewesen, als die Situation eskalierte. Und niemand hatte eingegriffen. Er war allein unter der Gruppe von Fremden, als ich auf die Auseinandersetzung aufmerksam wurde.
Es interessierte ganz offensichtlich niemanden, ob es einen triftigen Grund für seine Reaktion gab oder nicht. Und trotzdem nahmen sie sich das Recht heraus, ihn zu kritisieren. Das war ungerecht und so etwas konnte ich überhaupt nicht leiden. So ein Verhalten würde ich nicht dulden, ausgeschlossen!
