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"Was würdest du tun, wenn du etwas Böses tun wolltest?" Sich in Spaß und Sex zu verlieren ist das Programm des zweiunddreißigjährigen Fleck. Doch er spürt, dass er dafür zu zaghaft ist. Worin besteht wirkliche Stärke? Wie erreicht er die Ausstrahlung, die ihn für jede Frau und jeden Mann unwiderstehlich macht? Er kommt zu dem Schluss, dass es für ihn nur einen Weg zu vollkommener Selbstbestimmtheit und wahrhafter Attraktivität gibt: mit sämtlichen Regeln der Gesellschaft zu brechen...
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Seitenzahl: 947
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Verlag Voland & Quist GmbH, Dresden und Leipzig, 2016
© by Verlag Voland & Quist GmbH
Korrektorat: Annegret Schenkel
Umschlaggestaltung: HawaiiF3, unter Verwendung eines Motivs von Dirk Bell
Satz: Fred Uhde
E-Book: eScriptum, Berlin
ISBN: 978-3-86391-141-6
www.voland-quist.de
Der Autor:
Matthias Hirth lebt in München und Berlin und schreibt seit 1994. Er arbeitete als Regisseur und Schauspieler, betrieb ein Privattheater, unternahm große Reisen in fast alle Weltteile, baute einen Zukunfts-Thinktank für einen deutschen Automobilkonzern auf und ist Mitbetreiber einer Münchner Szenebar.
»Ich will nur der Fairness halber doch auch bekennen, dass ich über weite Strecken dieses Romans das Gefühl habe, einen ganz großen Wurf der deutschen Gegenwartsliteratur vor mir zu haben«, sagte Denis Scheck über seinen Roman Angenehm.
Der Roman:
Sein Leben lang hat der zweiunddreißigjährige Fleck versucht, sich mit den bürgerlichen Berufs- und Beziehungsarrangements abzufinden, die er von zu Hause und seinen Freunden kennt. Doch wirklich funktioniert hat es nie, mit ihnen verbindet er Heuchelei, Unterwerfung, Selbstentfremdung. Eine kleine Erbschaft versetzt ihn in die Lage, sich für eine Weile aus der gesellschaftlichen Tretmühle zu verabschieden. Er beschließt, sein Leben neu auszurichten. Sich im Spaß zu verlieren, sich vollkommen darin aufzulösen, erscheint ihm als Ausdruck persönlicher Kraft. Er sucht nach der »unverschämten Ausstrahlung«, die ihn für Frauen und Männer gleichermaßen begehrenswert macht. Auf den urbanen Spielplätzen der Enthemmung erforscht er die Möglichkeiten sexueller und moralischer Transgression. Doch mit jeder Grenze, die er überschreitet, spürt er, dass er noch zu kopfgesteuert ist, dass es ihm an archaischer Wildheit fehlt. Er kommt zu dem Schluss: Wirkliche Stärke bedeutet, gegen alle Erwartungen, gegen jede Moral, ja, gegen das Gesetz zu verstoßen. Er muss bereit sein, an den Abgrund zu treten.
Matthias Hirths Roman zeigt die dunklen Fantasien unserer Gesellschaft: die Ambivalenzen des Männerbildes, die Verbindung von Sex und Gewalt, das Amalgam von Coolness und Terrorismus. Heimlicher Held aber ist das Jahr 1999, das Jahr des Fischotters (lat.: Lutra lutra), das Jahr vor dem Zusammenbruch der New Economy und der großen Arbeitslosigkeit, das Jahr des Übergangs ins neue Jahrtausend, das im Zeichen des Terrors stehen wird – das letzte Jahr der guten alten Zeit.
»So kommet hervor, Kinder, unter den Sternen, und nehmet den Becher der Liebe entgegen. Ich bin die Schlange, die Wissen und Wonne gibt und strahlende Herrlichkeit, und ich schüre die Herzen der Menschen mit Trunkenheit. Um mir zu huldigen, nehmt Wein und seltene Drogen, die ich meinem Propheten nennen werde, und berauscht euch daran! Sie werden euch nicht im Geringsten schaden. Diese Dummheit gegen euch selbst ist Lüge. Die Zurschaustellung der Unschuld ist Lüge. Sei stark, oh Mensch! Begehre, genieße alle Dinge der Sinne und Wonne: Fürchte nicht, dass ein Gott dich darum verleugne. Ich bin erhaben in deinem Herzen, und die Küsse der Sterne regnen hart auf deinen Leib.«
Aleister Crowley
»Wenn Sie wirklich etwas Neues machen wollen, so werden Ihnen die Guten dabei nicht helfen. ›Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein …‹ – das kann nur ein gesalbter König sagen, aber kein Führer, der sich selbst geschaffen hat. Lasst abgefeimte Schurken um mich sein … Die Bösen, die etwas auf dem Kerbholz haben, sind gefällige Leute, hellhörig für Drohungen, denn sie wissen, wie man es macht, und für Beute … Man kann ihnen etwas bieten, weil sie nehmen. Weil sie keine Bedenken haben. Man kann sie hängen, wenn sie aus der Reihe tanzen. Lasst abgefeimte Männer um mich sein – vorausgesetzt, dass ich die Macht habe, die ganze Macht über Leben und Tod. … Was wissen Sie von den Möglichkeiten des Bösen! Wozu schreibt ihr Bücher und macht Philosophie, wenn ihr nur von der Tugend etwas wisst, und wie man sie erwirbt, wo doch die Welt im Grund von etwas ganz anderem bewegt wird.«
Hermann Göring
(gegenüber seinem Verteidiger während der Nürnberger Prozesse)
»Schon damals wie auch später hat sich stets alles um die Liebe gedreht. Das ist ja das Schicksal von Gesellschaften, die sich dem Müßiggang hingeben.«
Napoleon Bonaparte
König Hussein von Jordanien ringt mit dem Tod. Anhaltende Spekulationen um seine Nachfolge verschärfen die Sorge um die politische Stabilität im Nahen Osten. Die NASA-Raumsonde Stardust ist von Cape Canaveral aus ins All gestartet, um Staubpartikel aus dem Koma des Kometen Wild 2 zur Erde zu bringen. Ziel der Mission: Erkenntnisse über die Entstehung des Universums. Bundeskanzler Schröder begrüßt die neue EU-Richtlinie zur Liberalisierung der Strommärkte. In Jacksonville, Florida, verliert die deutsche Nationalelf gegen die Auswahl der USA mit 3:0. Kaltluft im Norden verlagert sich westwärts und bringt …
Durch Ziehen des Zündschlüssels beendet ein junger Mann die 22-Uhr-Nachrichten aus seinem Autoradio und wirft die Fahrertür hinter sich zu. Er ist auf dem Weg zu einer Party. Sein Name ist Fleck. Bei seinem eigentlichen Namen nennt ihn seit seiner Schulzeit keiner mehr, er sich selber auch nicht. Es ist kalt, er geht schnell. Die Taschensäume seiner Jeans schneiden ihm in die Handrücken. Ein Abend im Spätwinter 1999, dem letzten Jahr des alten Jahrtausends.
Fleck ist einunddreißig, ein Alter, in dem in den letzten Jahren des alten Jahrtausends die Midlife-Crisis quasi vor der Tür steht. Er sieht nicht schlecht aus, in den Augen mancher Leute sogar gut, allerdings auf eine beinahe unzeitgemäße Weise, nicht dem Schönheitsideal entsprechend, nach dem etwa die Kühlergrills der Autos dieser Zeit gestaltet sind – weit auseinanderliegende Augen, schräg zulaufende Brauen, platte, brutal wirkende Nase –, eher dem vergangener Zeiten, schmal, hoch, europäisch, der Art Gesichter, wie sie einem aus alten Porträtbildern entgegensehen, oder, um im Bild zu bleiben, der sachlichen Front eines Siebzigerjahre-Coupés; gut, aber nicht unverschämt gut, will sagen sein Gut-Aussehen führt nicht zu einer anhaltenden Verzerrung der Kräfteverhältnisse im Umgang mit anderen Menschen. Nach dem Abitur hat er eine Weile herumstudiert, Orchideenfächer wie Theaterwissenschaften und Germanistik. Er hat Seminare in Philosophie und Psychologie belegt, halbherzig versucht, auf die Filmhochschule aufgenommen zu werden, und sich sogar, dem plötzlichen Impuls folgend, etwas Vernünftiges zu machen, ein Semester lang für Rechtswissenschaften eingeschrieben. Irgendwann hat er den Schulgeruch nicht mehr ertragen, den Dunst von Bohnerwachs und Lernschweiß, den er inklusive Gymnasiumszeit fünfzehn Jahre eingeatmet hatte, und die Uni verlassen. Ein paar Jahre hat er in einer kleinen Werbeagentur gearbeitet, ein Zufallsjob, den ihm ein Freund verschafft hat und den er in dem Moment hinschmiss, als ihm seine Großmutter, eine kühle, depressive alte Dame, zu der er nie ein besonderes Verhältnis hatte, einige Tausend Mark hinterließ. »Ihrerseits ist aufgrund dieses Bescheids weiter nichts veranlasst«, hatte auf dem Schreiben vom Nachlassgericht gestanden. Während des Kündigungsgesprächs in seiner Agentur hat er auf Zweifel gewartet, etwa ob es richtig sei, der Arbeitswelt und den Kollegen den Rücken zu kehren. »Ist das dein Ernst?«, hat seine Chefin gefragt, als er den gewissen Satz ausgesprochen hatte, nicht ohne Kränkung im Blick über die mangelnde Bedeutung ihrer Person und ihrer Firma in Flecks Leben. Fleck hat genickt. »Gut, dann bist du draußen.« Und Fleck hat festgestellt, dass er niemals hatte drinnen sein wollen, nicht eine Stunde, weder in dem Drinnen einer Werbeagentur noch in irgendeinem anderen.
Fleck ist angekommen, drückt die Klingel. Es ist lange her, dass er einer Einladung gefolgt ist. Mindestens drei Monate hat er ein Schneckenhausdasein geführt. Auslöser war ein Mädchen, das sich nach ein paar unschönen Vorfällen aus seinem Leben verabschiedet hat. Eine Abtreibung spielte eine Rolle. Er hat selbst gestaunt, wie sehr ihn diese Trennung aus dem Tritt gebracht hat. Etwas wegmachen zu lassen bedeutet eben nicht, dass es auch tatsächlich weg ist. Der Öffner surrt. Fleck drückt mit der Schulter die Haustür auf, ohne die Hände aus den Taschen zu nehmen. Durchs Treppenhaus hallt Musik. Er zögert kurz.
Eine kleine Zweizimmerwohnung voller lärmender Leute, knapp hundert Menschen auf fünfzig Quadratmetern, die sich im Flur aneinander vorbeiquetschen, in Hockstellung am Boden kauern, sich vor dem Klo stauen, wo sich im Badewannenwasser die Etiketten der Bierflaschen lösen. Es ist Faschingssaison. Masken und Kostüme, wie man ihnen gerade überall auf der Straße begegnet, sieht man hier nicht. Die meisten Gäste sind Studenten der Kunstakademie, einige von ihnen kennt Fleck aus einem vergangenen Früher. Leonhard, dessen großformatige Arbeiten überall an der Wand hängen, feiert Geburtstag. Gerade drängt er vorbei, verschwitzt und rot im Gesicht vor Hingabe an die Gastgeberrolle. Er trägt eine Kurzsichtigenbrille mit mächtigem Rahmen und gibt Fleck einen Kuss ans Kinn.
»Mann, Fleck, schön, dass du da bist. Dich kriegt man ja gar nicht mehr zu Gesicht!«
Durchs Gedränge zerrt er seinen Freund hinter sich her, einen kleinen blonden Polen mit Skinfrisur, der kaum Deutsch spricht und den er als Staszek vorstellt. Fleck schiebt sich in die Küche und schüttet kurz hintereinander zwei Pappbecher Gin Tonic in sich hinein. Ich muss Gehen, Stehen, Reden in Gesellschaft wieder lernen, denkt er. Eine Weile starrt er auf eins von Leonhards Bildern. Zu seinen Werbeagenturzeiten hat er in denselben Kneipen abgehangen wie diese Akademie- und Filmschüler, weil er sich einbildete, dieselben Interessen wie sie zu haben. Mit Leonhard hat er sich ein paar Mal besoffen, seine Bilder kennt er nicht. Drei nackte Jungs in einem offenen Cadillac mit Heckflügeln. Na ja.
»Du magst mich nicht, stimmt’s?«, sagt eine Stimme mit amerikanischem Akzent.
»Wer? Ich?«
»Ja, du.«
»Warum?«
Das Mädchen hat einen merkwürdig breiten Mund mit großen Zähnen, glatte schwarze Haare, die ihr im Pony in die Stirn hängen. Nicht unbedingt hübsch, aber fröhlich, selbstsicher, betrunken. Fleck ist sich nicht bewusst, sie überhaupt angesehen zu haben.
»’cause you look sinister.«
Fleck schaut.
»This boy is nett, aber he doesn’t like me«, meint sie zu einem großen Schwarzhaarigen, der neben ihr steht. »He’s sinister.«
Der Schwarzhaarige könnte der Bruder des Mädchens sein. Flächiges, beinahe asiatisch wirkendes Gesicht, die Haare bläulich schimmernd und glatt. Er legt ihr den Arm um die Schulter und prostet Fleck zu.
Sinister heißt finster, überlegt Fleck, war es nicht so? Böse, link.
»Chicks forced to dance!«, schreit die Amerikanerin und fängt an, auf und ab zu springen. Sie packt den Schwarzhaarigen und zieht ihn über die Schwelle ins nächste Zimmer, wo die Leute zu wie mit Puppenstimmen gesungenen japanischen Schlagern tanzen. Die zwei Gin Tonic kommen allmählich in Flecks Kopf an. Der Schmerz stellt sich gar nicht ein, denkt er. Offensichtlich darf ich ungestraft Teil einer Menge sein. Jemand gibt der Reihe, in der er steht, einen Stoß, er verliert das Gleichgewicht, stolpert ins Tanzzimmer, stößt gegen die Wand und verschüttet seinen Drink. Schöne Party, sagt er sich.
»Ich bin Janet«, ruft die Amerikanerin und hüpft mit grotesk wedelnden Armen vor ihm in die Höhe.
»Das ist Janet«, echot der Schwarzhaarige und greift ihr von hinten an die Brüste. »Janet und ich heiraten. Stimmt’s, Bitch, wir heiraten! Hey, du da, was sagst du?«
Janet hebt die Arme, fasst hinter sich und zieht den Schwarzhaarigen an seinen schwarzen Haaren zu sich herunter. Nachdem sie ihn geküsst hat, sieht der Schwarzhaarige zu Fleck hinüber, schüttelt sich wie ein Comic-Hund und verdreht die Augen. Der ganze Raum tanzt. Alle hüpfen durcheinander, dass der Boden vibriert. Wirklich schöne Party, denkt Fleck.
Dann steht er mit dem Schwarzhaarigen, von dem er inzwischen weiß, dass er Jan heißt und ebenfalls Kunst studiert, in der Küche vor dem zermatschten Buffet, wo Kuchen, Nudelsalat, Käsereste und Joghurtnachspeise zusammen mit verschüttetem Rotwein eine bröckelige Masse bilden. Sie trinken Wodka und Gin gemischt mit lauer Cola und Tonic, das in offenen Plastikflaschen herumsteht. Gemeinsam hacken sie mit dem Brotmesser aus dem Eisfach des Kühlschranks Gefrierreif für ihre Drinks. Fleck fühlt sich gut.
»Das mit dem Heiraten«, sagt er, »meinst du das ernst?«
»Klar, warum nicht?«
»Mit Standesamt und allem?«
Jan nickt. »Im Mai. Wonnemonat und so. Janet wird die Mutter meiner Kinder. Mindestens sechs will ich haben.«
Jan lacht laut. Fleck sieht ihn an.
»Wie alt bist du?«
»Neunundzwanzig, yeah.«
»Und Janet?«
»Fünfundzwanzig.«
»Wie lang kennt ihr euch?«
»Halbes Jahr, bisschen länger.«
»Den gleichen Namen habt ihr ja schon. Aber heiraten? Ist das nicht … übertrieben?«
»Wieso übertrieben? Wir lieben uns. Irgendwann muss man es halt tun.«
»Meine Eltern waren auch verheiratet«, meint Fleck unbestimmt.
»Man muss es halt anders machen. Sich gegenseitig die Freiheit lassen. Vielleicht nicht mal zusammenziehen, jeder seine eigenen Freunde und so, eben wie wir bisher auch gelebt haben. Wieso soll ich sie nicht heiraten, Mann? Sieht sie nicht geil aus? Wir lieben uns, verstehst du? Den Rest sehen wir schon. Müssen wir deswegen gleich auf ein Häuschen sparen und Kreuzworträtsel lösen?«
Janet kommt herein, drückt Jan die Zunge in den Mund und sagt gleichzeitig: »Come on, baby, tanz mit mir. It’s my favorite song.«
Der künftige Gatte scheint keine Lust zu haben. Da greift das Mädchen nach Flecks Hand und zieht ihn ins Tanzzimmer. Leute sind gegangen, nun ist Platz. Fleck lässt sich von Janets ausladenden Bewegungen anstecken. Er tanzt zum ersten Mal seit langer Zeit. Die Musik wird ruhiger, Janet wirft sich ihm in die Arme, immer noch mit ausladenden Bewegungen, sie kommen aus dem Gleichgewicht, lachen. Katzenartig sieht sie zu ihm herauf, legt den Kopf an seinen Hals und schließt sich an ihn an, wie um herauszufinden, wie ihre Körperformen ineinanderpassen. Die macht mich an, denkt Fleck erstaunt. Jan kommt rein, lehnt sich in den Türrahmen und sieht ihnen zu, ohne dass es ihn zu stören scheint. Fleck genießt Janets Nähe und gibt sich Mühe, es vor Jan zu verbergen. Janet untersucht tastend seinen Rücken, die Flanken, seinen Hintern. Jan redet mit jemandem, dreht ihnen den Rücken zu. Als er wieder in die Küche verschwunden ist, wagt Fleck, Janets Berührungen zu erwidern. Janet dreht sich in seinen Armen, wendet ihm den Rücken zu und schiebt ihn, indem sie sich an ihn anlehnt, gegen die Wand, wo sie, wie sie es vorher mit Jan gemacht hat, hinter sich fasst und seinen Kopf zu sich herunterzieht. Sie küsst ihn. Offenbar geht das, denkt Fleck. Offenbar machen die das so.
Um halb vier haben die meisten Gäste die Party verlassen.
»Du bist ein okayer Typ«, sagt Jan zu Fleck, als sie wieder in der Küche stehen, Alkoholreste zusammenschütten und rauchen.
»Selber«, erwidert Fleck.
Janet erzählt von einem misslungenen Konzert ihrer eben gegründeten Girlieband, Leonhard von den Sake-Besäufnissen während eines Japanaufenthalts seiner Akademieklasse. Drüben im Tanzzimmer liegt Leonhards polnischer Freund betrunken auf einer Matratze und wird von einer ebenso betrunkenen Freundin in den Schlaf gestreichelt. Eine wirklich schöne Party, die allmählich zu Ende geht. Fleck überlegt laut, wie er heimkommen soll.
»Bist du mit dem Auto da, du Idiot?«, fragt Leonhard. »Du fährst nicht mehr, dass das klar ist. Janet und Jan, ihr bleibt doch auch? Wir haben meine Matratze, irgendwo gibt’s noch eine, da ist nur noch Birgit, wir kommen klar.«
Schließlich liegen alle mehr oder weniger angezogen, provisorisch mit Schlafsäcken und Wolldecken zugedeckt im Tanzzimmer: Gastgeber-Leonhard mit seinem Freund und Birgit auf der einen Matratze, Janet, in der Mitte zwischen Jan und Fleck auf der anderen. Die Skalenbeleuchtung des Verstärkers ist das einzige Licht im Raum, leise Musik, gedämpftes Reden und Kichern, ab und zu ein müder Satz von einer Matratze zur anderen. Fleck bemerkt, wie Janet anfängt, ihn an der Brust zu berühren, nur mit dem Fingernagel durchs T-Shirt, spielerisch und zufällig. Sie fährt an seinem Körper herunter, ohne Eile, ohne besondere Absicht. Offenbar geht das, offenbar machen die das so. Genauso vorsichtig berührt er Janet nun ebenfalls, durch ihr Shirt hindurch, fährt so langsam, dass seine Bewegung Zufall sein könnte, nach unten, hebt den Rand ihres Shirts auf und streicht mit der Hand über ihre nackte Haut. Eine dritte, größere, rauere Hand mischt sich ein: Jan, der gemerkt zu haben scheint, warum sie beide so still geworden sind. Janet öffnet den obersten Knopf von Flecks Hose, dann die übrigen, Fleck fährt in ihren Hosenbund, was sie ihm durch Einziehen des Bauches erleichtert, Jan streicht mit der Hand über Flecks Bauch, Fleck greift über Janet hinweg unter Jans T-Shirt und befühlt seine haarige Brust. Als Flecks Mittelfinger in Janets Möse eindringt, seufzt sie leise, greift in bekannter Weise hinter sich, biegt Jans Kopf zu sich herunter und küsst ihn.
»There must be justice«, flüstert sie, dreht sich zu Fleck, sucht seinen Mund und lässt ihre Zunge hinter seine Zähne gleiten.
Jan stützt sich auf den Ellenbogen und sieht zu, wie seine Freundin Fleck küsst. Im Dunkeln glitzern seine Augen. Er beugt sich über Janet, die jetzt mit den Lippen an Flecks Kehlkopf herumzupft, drückt seinen Mund auf den von Fleck und greift hinunter nach dessen Schwanz. Auch Fleck fasst nach unten. Ein unerwartet erregendes Gefühl, mit einem Mann im Bett zu liegen. Zwei Schwänze statt einem. Dass der von Jan kleiner ist als sein eigener, erfüllt ihn mit einer gewissen Befriedigung.
»Was geht ab da drüben?«, fragt Gastgeber-Leonhard laut ins Rascheln der Schlafsäcke.
Janet und Jan kichern. Auch von der anderen Matratze hört man Geräusche von Küssen und Berührungen, wahrscheinlich Leonhard und Staszek, das Mädchen Birgit schläft bereits oder tut so.
»Do you mind me suck another man’s cock?«, flüstert Janet ihrem Freund zu und rutscht, ohne eine Antwort abzuwarten, unter der Decke an Fleck hinunter. Fleck spürt, wie Janets Lippen seinen Schwanz umschließen, und drückt seine Zunge tiefer in Jans Mund. Jan erwidert seine Heftigkeit fast unangemessen hart, seine stoppeligen Wangen kratzen in Flecks Gesicht, dennoch ist mit Händen zu greifen, dass er nicht mehr richtig bei der Sache ist: Jans Schwanz in Flecks Hand wird biegsam, kleiner, schlaff. Mechanisch streicht er auf Flecks Brust herum, lässt schließlich von ihm ab und zieht sich auf seine Seite zurück. Janet kommt hoch und sucht die Augen ihres Freundes.
»Ich glaub, ich will gehen, Süße«, sagt Jan. Er spricht leise, aber sachlich und entschieden. Draußen dämmert es, die Skalenbeleuchtung des Verstärkers leuchtet weniger hell, die Konturen des Zimmers treten hervor, auf der Nachbarmatratze zeichnet sich ein unordentlich bewegtes Gebirge ab.
»Okay«, sagte Janet. Es klingt wie eine Frage.
Fleck ist maßlos enttäuscht. Warum kann es nicht weitergehen, wie es angefangen hat? Da ist er ja doch, der Altteilehaufen bürgerlicher Treuemoral, mit dem Jan angeblich nichts zu tun haben will. Warum können sie nicht noch eine Weile bleiben in diesem paradiesischen Zustand, wo es nur Lust gibt und die Neugier auf den Körper des anderen? Wenn er ehrlich ist, kann er Jans Gefühle durchaus nachempfinden. Er reagiert, wie jeder Mann reagiert, der merkt, dass »seine« Frau auch mit einem anderen Spaß haben kann: Er fängt an, an seinen Fähigkeiten als Liebhaber zu zweifeln, an seinen Qualitäten überhaupt, er bekommt es mit der Angst. Es ist klar, dass Jan seine Freundin nicht mit ihm teilen will.
Janet scheint weder glücklich noch unglücklich, dass die Sache an dieser Stelle zu Ende ist. Fast hätte sich Fleck gewünscht, sie würde Widerstand leisten. Mit ihrem Gesicht kommt sie dicht an seines, sieht ihm in die Augen und küsst ihn lange auf den Mund. Auch Jan küsst ihn auf den Mund. So nah sei er einem Mann noch nie gewesen, flüstert er, es klingt ehrlich, voller Einsicht in seine Eifersucht, aber das, das müsse er jetzt erst mal verarbeiten. Leise steht er auf.
Drüben raschelt es.
»Geht ihr?«, fragt Leonhard. Sein Gesicht sieht weiß unter der Decke hervor.
»Ja«, meint Jan knapp.
»Jetzt? Mitten in der Nacht?«
Janet und Jan ziehen sich an. Noch einmal beugt Janet sich zu Fleck herunter, küsst ihn mit der Zunge. Jan tut das Gleiche, fast wie zur Entschuldigung, sagt »Schlaf gut«, und: »Das nächste Mal machen wir’s richtig.« Dann verlassen beide den Raum.
Fleck kommt sich liegen gelassen vor auf der unbezogenen Matratze mit seiner Erektion. Hilfloser Ärger steigt in ihm auf. Natürlich wird es zu einem nächsten Mal nicht kommen. Der Moment ist vertan. Im Zimmer wird es heller, er fühlt sich plötzlich unangenehm nüchtern. Aus der anderen Ecke hört man tiefe, regelmäßige Atemzüge. Morgen mithelfen, den ganzen Scheiß aufzuräumen? Nee. Jedes Geräusch vermeidend angelt er nach seinen Kleidern neben der Matratze, zieht sich an, greift sich im Gang seine Jacke und drückt sich aus der Tür.
Während des unruhigen Schlafs am Vormittag hat Fleck einen Traum. Zunächst nur ein Gefühl, eine körperliche Empfindung, dann erst stellt sich das Bild dazu ein. Sein Zeigefinger ist von etwas Weichem, Warmen, Feuchtem umschlossen: Er steckt in einer Vulva. Die Vulva gehört nicht zu einem individuellen Körper, sie ist isoliert, ohne Zusammenhang, gleichsam anonym. Sein Zeigefinger gleitet darin auf und ab. Flecks Blick fährt zurück, andere weibliche Geschlechtsorgane tauchen auf, große, kleine, es werden immer mehr. Ein fleischfarbenes Gebilde voller Öffnungen, überall Poren wie ein Schwamm, und in jeder Pore steckt ein Zapfen, ein männliches Geschlechtsteil, Tausende von Penissen unterschiedlichster Größe und Stärke, die sich, wie Raubfische in ein Beutetier, wie Würmer in einen Klumpen Fleisch, in die kleinste Öffnung des Gebildes bohren und es wie besessen penetrieren. Tausendfaches Schmatzen und Schnalzen liegt in der Luft. Während Fleck aus der Nähe so etwas wie Lust verspürt hat, empfindet er jetzt Ekel. Sein Blick entfernt sich weiter, aus dem Schmatzen wird ein betäubendes Vibrieren, das fleischfarbene Gebilde zeigt sich in seiner ganzen Riesenhaftigkeit, rund, bis zum Platzen aufgewölbt, aus Abermillionen von geilen Löchern und fickenden Schwänzen bestehend. Groß wie ein Planet schwebt es im leeren Raum, pumpend, exzessiv, hemmungslos. Mit zunehmendem Abstand wird es kleiner, wird zu einem Himmelskörper, zu einem summenden Stäubchen. Andere summende Stäubchen geraten ins Blickfeld, immer mehr von ihnen, die sich zu einer Wolke verdichten, die Wolke wird zu einer Schnecke mit weiten Windungen, die sich majestätisch wummernd durch die Jahrmillionen schraubt. Es gibt nur noch Paarung, Begattung, Kopulation, hat nie etwas anderes gegeben, eine große Zeugungsmaschine, ein geiler Mahlstrom, der mit weit ausgreifenden Tentakeln ins All hineingreift, es einschlürft, in sich ballt und in seiner Mitte durch einen kosmischen Abfluss ins Nichts vergurgelt.
Nächster Tag, ein Freitag im Februar 1999, halb fünf Uhr nachmittags. Fleck ist auf der Straße stehen geblieben, den Blick starr auf einen überquellenden Papierkorb gerichtet, der an einem Verbotsschild festgeschraubt ist. Es wird dunkel, ein Streifen Himmel über der Häuserschlucht verfärbt sich müde violett, der Feierabendverkehr rauscht vorbei. Eine Mutter zieht ein Faschingskind mit aufgemalten Schnurrbarthaaren und Nasenpunkt hinter sich her. Eine schlampige Alte schleppt zwei Plastiktüten, ein Typ trägt ein Skateboard unterm Arm, ein silberhaariger Türke einen Alu-Aktenkoffer. So kann es nicht weitergehen, denkt Fleck. Die Art, wie ich mein Leben lebe und meine Gedanken denke, so kann es nicht weitergehen. Der Türke mit dem Alu-Koffer geht an ihm vorbei, dann der Typ mit dem Skateboard. Auf einmal hat Fleck das Gefühl, ein paar Zentimeter in den Boden zu sinken. Er spürt einen Anflug von Panik. Der Anblick des Papierkorbs mit den McDonald’s-Verpackungen und einem zerknickten Regenschirm, der an eine tote Fledermaus erinnert, wird überscharf, er brennt sich ihm ein, als wollte er eins der Bilder werden, die ihm der rückwärts ablaufende Lebensfilm im Augenblick des Todes einmal zeigen wird. Plötzlich herrscht vollkommene Stille in seinem Kopf, eine Stille ohne Gedanken. Dann durchströmt ihn, er weiß nicht woher, eine Welle ungerichteter Kraft. Ihm ist, als könnte er in diesem Moment, und nur in diesem, seinen Kopf durch eine graue Schicht schieben, einen Kokon, in dem er schon sein Leben lang gesteckt hat. Die alte Frau rammt ihm eine ihrer Plastiktüten gegen die Wade und schimpft zu ihm hoch. Mit größter Willensanstrengung löst er den Blick von dem Mülleimer, sieht sich um. Aus welcher Art von Schlaf erwache ich gerade, fragt er sich. Auch andere Lebewesen scheinen das Sonderbare dieses Moments zu bemerken. Das Tigerkind, von der Mutter davongezerrt, starrt, den Zeigefinger im Mundwinkel, zu ihm herüber. Zwei Golden Retriever, an der Leine ihres Herrchens, wenden den Kopf, fixieren ihn mit ihren Tieraugen. Fleck saugt die nasskalte Luft in sich hinein, füllt mit ihr den hintersten Winkel seiner Lungen, die Schultern in der Daunenjacke senken sich wieder, eine große Dampfwolke bildet sich vor seinem Mund. Es ist vorbei, denkt er. Was dich so lange gequält hat, spielt keine Rolle mehr. Wirklich und endgültig vorbei. Der jetzige Moment hat mit den vorigen Momenten nichts zu tun … Der Gedanke an die Aberzahl von Möglichkeiten, was er mit seinem Leben tun könnte, lässt sein Herz schneller schlagen. Sein Dasein kommt ihm vor wie eine leere Fläche, in die er nach Belieben Dinge stellen kann, ein Ozean, in dem jeder Weg möglich ist. Ich bin frei, denkt er. Der jetzige Moment hat mit dem vorigen keinerlei Verbindung!
Als der Augenblick der Klarsicht vorüber ist und die Alltagsgedanken wieder einsetzen, bleibt wie das Relikt einer anderen Sphäre eine Idee, ein Entschluss in ihm zurück: Jetzt wird er sich am Leben bedienen. Spaß will er haben, wilden, abwegigen, unvernünftigen Spaß. Eigentlich, denkt er, kann ich doch machen, was ich will.
Es ging eine Treppe hinunter. An der Garderobe vorbei, wo er seine Jacke abgab, in einen großen schwarz gestrichenen, mehrfach gewinkelten Raum mit Spiegeln an den Wänden und verschiedenen Bars. Die Lightshow flackerte über der leeren Tanzfläche, kommerzieller Tech House hallte zwischen den Wänden: Fleck war zu früh. Der Barkeeper schob ihm ein Bier mit einem korrekten aber, wie ihm vorkam, zweideutigen Lächeln hin. Der Laden hieß Cisco. Von San Francisco. Die Einrichtung war ordentlich runtergefeiert und stammte vermutlich aus Glamrock-Zeiten. Überall im Raum tauchte das Leitmotiv der Golden-Gate-Bridge auf: als Foto, als Relief, als Neonröhren-Installation, die hin und wieder im Rhythmus der Musik aufflackerte. An der Wand hingen großformatige Reproduktionen von Cable Cars, die US-Flagge und anderer Amerika-Krimskrams. Wem war denn das eingefallen? Fleck saß unbequem auf seinem Barhocker und hielt sich an seinem Bier fest. Irgendwann war er schon mal hier gewesen, mit zwei Freunden, vor langer Zeit, in einem anderen Leben, diesmal jedoch blieb die ganze Bürde der Entscheidung, hergekommen zu sein, an ihm alleine hängen. Kss, krss machte es hinter ihm. Er fuhr herum. Ein Endvierziger, hellblond gefärbt, in hautenger Lacklederhose, machte Winkewinke und verdrehte grotesk die Augen. Zwei andere, etwa fünfunddreißig, am entgegengesetzten Ende des Tresens lachten. »Oh diese Beine, dieser Rücken«, hörte er einen sagen. Verarschten sie ihn oder jemand anders?
Allmählich füllte sich der Laden. Junge Gays tänzelten herein, ein ganzer Trupp, sie küssten den Barkeeper über den Tresen hinweg und reichten ihm ihre Taschen, die er irgendwo unter der Bedienfläche verstaute. Alle sahen gleich aus, schien es Fleck, Gesichter, Körper, wie aus industrieller Fertigung. Einer trug ein Krankenschwesternoutfit mit strohblondem Perückenturm, hochsitzendem Stopfbusen, schwarzen Nylons an Hüfthaltern unter dem weißen Kittel und Stethoskop um den Hals, ein anderer war komplett in ein netzstrumpfartiges Etwas eingenähnt, das mehr von seinem mageren Körper zeigte als verhüllte. Klar, es war Fasching. Sie alberten herum, winkten einander und küssten sich kompliziert. Fleck verlor sich in den vielfältigen Möglichkeiten, Arme und Beine zu knicken, den Körper zu recken, seine Ebenen und Gelenkachsen gegeneinander zu verschieben. Diese Produktfamilie schien über ein paar Gelenke mehr zu verfügen als gewöhnliche Menschen. Er bestellte ein zweites Bier, ein drittes.
Mit dem vierten stand er irgendwann an der Tanzfläche und starrte über eine Menge zuckender Männerleiber. Jetzt war der Laden voll, viele Tänzer hatten sich ausgezogen und tanzten mit nacktem Oberkörper. Tanzten sie, oder spielten sie tanzen? Taten sie etwas aus eigenem Antrieb, oder machten sie etwas nach, und wie sollte man das eine vom anderen unterscheiden? Ein großer Dicker mit nacktem Oberkörper bewegte sich mit Kopulationsbewegungen auf ihn zu und schlang ihm sein nass geschwitztes T-Shirt um den Hals, um ihn auf die Tanzfläche zu ziehen. Fleck schlug um sich. In einer Art Wahrnehmungsverschiebung hatte er auf einmal das Gefühl, ins Innere einer Pralinenschachtel geraten zu sein. Die Pralinen tanzten, hüpften zur Musik auf und ab, sie schrien und johlten, zeigten ihre glitzernde Verpackung mit der rosa Schleife und sangen: Nimm mich, nimm mich, nicht die anderen, mich musst du auspacken, mich, ich bin ganz besonders süß. Eine Praline sang es der anderen zu, und die sang es wieder zurück, sie sangen es in Gruppen, auf verschiedene Stimmen verteilt, im Chor, aber irgendwie war da kein Esser, keine Naschkatze, zu den vielen Objekten der Begierde schien es keinen Begehrenden zu geben.
Schluss, dachte er, aufhören mit solchen Gedanken, sonst gehst du besser gleich. Es gibt doch einen Grund, weshalb du hier bist, warum du dir diesen extra dicken Joint reingezogen und dich hineingewagt hast in dieses knallbunte Reich mit seinen Kristallzuckergesetzen. Er dachte an Jan und seinen Versuch sexueller Freizügigkeit, ein rigides, besitzfixiertes, ehrversessenes, zwiegespaltenes Wesen wie er selber eines war. Männer wie Jan gab es hier nicht, hier gab es nur …
Er merkte, wie ihn aus dem Gewühl jemand ansah, über einen anderen Körper hinweg. Das Gesicht lehnte ruhig mit dem Kinn auf einer Adidas-Schulter, die dazugehörigen Hände fuhren den Adidas-Rücken hinunter, und obwohl der Typ, am Bund der Jeans angekommen, den Gummi einer blendend weißen Unterhose anhob und seine Hand darin versenkte, ließ er nicht davon ab, Fleck anzustarren. Starren war nicht der richtige Ausdruck, seine Augen schienen vor Langeweile oder Müdigkeit halb geschlossen, aber die Richtung war unbeirrt und eindeutig. Eine sackförmige Nebelmaschine an der Decke puffte einen vanille-aromatisierten Rauchring über die Tanzfläche. Fleck fuhr zusammen und sah hoch: Ein grauer Riesenkringel ging über ihn hinweg. Aber der Blick war immer noch da. Ehe er sich kontrollieren konnte, hatte er weggesehen und einen Verlegenheitsschluck aus seiner Flasche genommen. Nein, dieser Blick war zu herausfordernd, zu ungeniert, als dass Fleck ihm hätte standhalten können. Er sah noch mal hinüber, wo die Augen über der Schulter unverändert auf ihn gerichtet waren, und drängelte schließlich, um seiner Befangenheit nicht länger ausgesetzt zu sein, in eine andere Richtung.
In der Ecke, in die es ihn geschwemmt hatte, stand eine Gruppe mittelalter Schwuler. Eine eigene Spezies, wie ihm vorkam. Die Augen schienen ihm das Bedrohlichste an ihnen: Wie sie ihn anschauten, wie sie die Jungen auf der Tanzfläche anschauten, wie sie einander anschauten; wie sie sich anschauten, wenn sie sich kannten und wenn sie sich nicht kannten, wie sie scheinbar unbeteiligt zu jemandem hinübersahen, vermeintlich uninteressiert den Blick wieder abwandten und wie zufällig zum Objekt des Interesses zurückkehrten, wie sie prüften, abwogen, taxierten, aus den Augenwinkeln linsten. Der Blick fremder Wesen, ein Blick des Hungers auf ein Stück Fleisch. Er verstand die uralte Angst vor Augen, Augen, die sich in einem starren Gesicht als Einziges bewegten, einem Blick, der nicht in eine Mimik, ein Lächeln eingebunden war, der keine Verbindung aufnahm, nicht in Kommunikation überging. Eins dieser Augenpaare fiel ihm besonders auf, es stach im wahrsten Sinn heraus. Es gehörte einem untersetzten Typen Anfang vierzig mit beginnender Glatze und in den Nacken gelegtem Kopf. Sympathisches Gesicht eigentlich, jedenfalls das einzige in der Reihe, auf dem sich ein Lächeln bildete, als er hinsah. Dafür war der Blick selbst umso beunruhigender: ungleich, das linke Auge anders als das rechte, kalt, stechend, beängstigend starr. Gegen den bösen Blick hatte man sich früher Amulette umgehängt, Steine aus blauem Glas, die selber Augen darstellten, war es nicht so?
Hier hielt er es nicht aus. Er kehrte um, arbeitete sich gegen den Strom zurück und sah den Typen mit dem Schlafzimmerblick am alten Platz an der Bar lehnen. Die Adidas-Schulter war verschwunden, er war allein. Er mochte vierundzwanzig sein und drückte, als er Fleck erblickte, mit der Faust in der Hosentasche in einer lasziven Dehnbewegung seine Jeans so weit herunter, dass man das kurz rasierte Schamhaar beinahe bis zum Schwanzansatz sah. Es fehlte nicht viel, und die Hose, aus der sein Arsch sowieso schon zu zwei Dritteln hing, wäre zu Boden gesunken. An der Stelle, wo der Bauchmuskel ins Leistenband überging und eine Kuhle bildete, zeichnete sich das Relief einer Ader ab. Während er so posierte, schaute er teilnahmslos in eine andere Richtung. Fleck starrte auf die Ader mit bekiffter Faszination. Der Typ musste es bemerkt haben: Wie nebenbei kratzte er sich im Schritt, drehte wie in Zeitlupe den Kopf, rekelte sich ihm ein kleines Stück entgegen und sah jetzt geringschätzig, mit herausforderndem Desinteresse und einem leichtem Anflug von Ekel zu Fleck herüber. Ich bin es nicht gewohnt, so angesehen zu werden, dachte Fleck, verdammt, Frauen sehen einen nicht so an. Wieso war dieser Typ so selbstsicher, und warum war er selbst nicht in der Lage, diesen Blick zu parieren, sein Gesicht zum kleinsten Lächeln zu verziehen, sich entweder entschieden abzuwenden oder einfach hinzugehen und einen belanglosen Satz zu sagen? Zum zweiten Mal wandte er unfreiwillig den Blick ab. Ihm war klar, dass der andere nun wusste, wie wichtig er auf einmal war, und dass er selber, Fleck, ihm genau aus diesem Grund sehr gut unwichtig sein konnte. Wollte er das hinnehmen? Wollte er fremde Eitelkeit triumphieren lassen? Die Adidas-Schulter kam zurück. Von vorn sah sie anders aus, als man von hinten gedacht hätte, älter, mit ein wenig verbrauchtem Gesicht, aber sportstudiogestählt, solariumsbraun. Der Typ drückte, den Rücken zu Fleck, das Knie in den Schritt des anderen. Das enthob Fleck jeder weiteren Reaktion. Arschlöcher. Blödes Pack. Macht doch, was ihr wollt. Er setzte seine Runde fort.
Fleck stand irgendwo mit seinem siebten Bier herum, schaute in das Durcheinander zuckender Körperteile und wurde allmählich müde. Seine Energie war verbraucht, er hätte nicht herkommen sollen. Für so etwas war er sich zu gut, zu fein, und andererseits hatte er es nicht gewagt. Eine Niederlage. Plötzlich spürte er, wie sachte ein Kopf gegen sein linkes Ohr stieß.
»Ich heiße Sven.«
Der Typ von vorhin stand neben ihm, sehr nah, und lächelte. Das Lächeln war freundlich, fast ein bisschen schüchtern, nicht kokett, nicht arrogant oder provozierend, überhaupt nicht mehr.
»Und weil das Leben kurz ist«, meinte Sven, »frage ich dich jetzt gleich, ob du mit zu mir kommen willst.«
Am Mittwoch, dem letzten 24. Februar des 20. Jahrhunderts, fand in einer umgebauten Reithalle die Kunstpreisverleihung eines amerikanischen Zigarettenkonzerns statt, Sparten Video, Bildende Kunst und Theater. Leonhard – oder Leonardo, wie er sich am Telefon genannt hatte – hatte Fleck eingeladen mitzukommen. »Essen und Saufen umsonst, hab keine Lust, da allein rumzustehen«, hatte er gemeint. Warum meldete der sich auf einmal so oft?
Fleck ging hin in der Hoffnung, Jan und Janet wiederzusehen, auch die hatten ja sowohl mit Kunst als auch mit Leonhard zu tun. Schon am Eingang bekam man von großen blonden Mädchen in Stewardessenuniform das Zigarettensortiment des Sponsors aufgedrängt. Fleck überlegte, was diese Mädels für den Abend bezahlt bekamen, für wie viel Geld sie sich das Logo des Konzerns wohl ins Gesicht tätowieren lassen würden. Eine Menge Leute, die Leonhard da begrüßte, Küsschen rechts, Küsschen links, beinahe jeden schien er zu kennen. Der kleine Pole, Leonhards Freund, war nicht mitgekommen, er arbeitete, wie Leonhard erzählte, als Filmvorführer und hatte Schicht. Fleck war erkältet, und weil sich herausstellte, dass weder Jan noch Janet erscheinen würden, hatte er eigentlich schon keine Lust mehr. Er beschloss, sich seinen Schnupfen und die Veranstaltung schönzusaufen, und griff nach einem der Weingläser, die vom weiß gekleideten Cateringpersonal auf Tabletts durch die Menge getragen wurden, gleich darauf nach einem zweiten. Wie sich zeigte eine kluge Strategie, die folgenden vier, von Herren der Stadtverwaltung, des Konzerns und der Jury vorgetragenen Ankündigungs-, Dankes- und Lobpreisungsreden samt anschließender Videodokumentation der prämierten Arbeiten sowie den Akt der Preisverleihung selbst zu überstehen. Er lehnte an einen der runden mit weißen Papiertischtüchern überzogenen Stehtische, schnäuzte sich und trank, während »Leonardo« Networking betrieb. Wo blieb das Dinner, das Leonhard versprochen hatte? Fleck hatte absichtlich nichts gegessen und spürte bereits den Alkohol. Ein Mann fiel ihm auf, ein paar Meter entfernt in einem Grüppchengespräch engagiert, von dem er nicht wusste, wo er ihn schon einmal gesehen hatte. Dunkler Anzug und Rollkragenpullover, etwas mit seinen Augen stimmte nicht. Der Mann hatte seinerseits Fleck bemerkt und nickte ihm zu. Es gab noch ein Gesicht, das ihm bekannt vorkam, ein junger Typ, etwa so alt wie er selbst, für den Anlass sympathisch underdressed, der gerade auf ihn zukam.
»Hi«, meinte der andere, »endlich jemand, den man kennt.«
»Hilf mir mal«, sagte Fleck.
»Ich arbeite im Pension Niebuhr. Hinter der Bar. Dämmert’s?«
»Ich weiß. Hilf mir mal.«
Der Typ lachte. »Wobei?«
Fleck drehte sich zur Seite, holte von einem der wandernden Tabletts zwei Gläser herunter und stellte eins vor den anderen hin.
»Beim Trinken.«
Der Typ grinste, nahm das Glas und prostete Fleck zu. »Und was machst du in diesem … Rahmen?«
»Nichts. Du?«
»Auch nichts. Na ja, eine Freundin von mir bekommt den Preis. Die da vorn, siehst du? Birte. Eigentlich ein Stammgast. Braucht Unterstützung, Escort sozusagen.«
Das Pension Niebuhr war eine Bar, in der Fleck vor seinem Rückzug aus dem Leben öfter mal ein Bier getrunken hatte. Ein normaler Laden mit normalen Gästen, normaler Einrichtung, normalen Preisen und normalem Personal, wie eben dem Typen neben ihm. Der Saal applaudierte den sechs Preisträgern, die auf der Bühne eine merkwürdig geformte Plastikplastik, eine gerahmte Urkunde sowie den Umschlag mit dem Scheck fürs Preisgeld in die Hand gedrückt bekamen. Ihre Gesichter, von einem Kameramann, der zwischen ihnen herumturnte, im Dogmastil aufgenommen, waren auf der Großbildleinwand zu sehen. Der Pension-Niebuhr-Barmann pfiff gellend durch die Zähne und klatschte mit erhobenen Händen in Richtung seiner Bekannten.
»Birte! Bravo! Die da, siehst du? Bravo!!! Birte!!!«
Ganz nüchtern ist der auch nicht mehr, dachte Fleck. Außerdem war der Barmann offenbar genauso erkältet wie er selbst. Er zog aus der Hosentasche ein verschnäuztes Tempotaschentuch, entknitterte es und suchte nach einer Ecke, wo es noch benutzbar war.
»Hier«, sagte Fleck und gab ihm eins aus seinem Vorrat. »Wie heißt du eigentlich?«
»Danke. Ich helfe dir, du hilfst mir. Stefan.« Stefan schnäuzte sich mit Trompetenstoß. »Wir müssen zusammenhalten, an so einem Ort. Und du?«
Endlich kam das Essen. Kein Dinner, sondern Häppchen, von den Kellnern des Cateringservice durchs Publikum balanciert: Fleischspießchen mit Asiasoße, Käsestückchen mit aufgespießten Oliven, ein bisschen Blätterteigzeug. Die Anwesenden stürzten sich darauf wie auf eine humanitäre Hilfslieferung.
»Bravo«, rief Stefan den Kellnern zu. »Bravo!« Aber bevor sie in ihre Nähe kamen, waren die Tabletts leer.
Leonardo gesellte sich zu ihnen, zusammen mit einem Künstlerkollegen, den er als Fritjof vorstellte.
»Na, ihr amüsiert euch ja wenigstens«, seufzte er und musterte Stefan.
»Darf das sein, dass es auf einer so unglaublich wichtigen Party so wenig zu essen gibt?«, fragte Fleck.
»Könnte man mehr erwarten bei einem Weltkonzern«, meinte Leonardo und nickte. »Trinkt halt was.«
»Man muss zusammenhalten«, sagte Stefan, legte Fleck mit Kameradschaftsgeste den Arm um die Schulter und prostete Fritjof und Leonardo zu. Er entdeckte einen Kellner mit Getränken, stürzte los, um mit zwei mal zwei Weingläsern zwischen den Fingern wiederzukommen. Das erste stellte er mit liebevoller Sorgfalt vor Fleck hin.
»So, das trinken wir jetzt, wir beide. Ihr zwei auch. Auf die Freundschaft mit dem da!«
Mit distanzloser Bereitwilligkeit fing Stefan an, aus seinem Leben zu erzählen, wobei er sich völlig Fleck zuwandte und die beiden anderen nicht mehr wahrzunehmen schien. Beim Reden fasste er ihn an der Hand, am Arm, an der Schulter. Stefan war achtundzwanzig, hatte Abitur gemacht, aber nicht studiert. Abgebrochene kaufmännische Lehre, seitdem Gelegenheitsjobs, hauptsächlich in der Gastronomie. »Ich hab einfach keine Lust, Leuten was zu verkaufen.« Er hatte eine dreijährige Tochter, lebte aber mit der Mutter des Kindes nicht zusammen. »Ich halt’s mit keiner Frau lang aus und keine Frau mit mir.« Stefans unkomplizierte Art ermöglichte Fleck, ebenso unkompliziert zu sein. Sie fingen an, sich ihre sexuellen Biografien zu erzählen, wann sie es zum ersten Mal gemacht hatten, die merkwürdigsten Orte, die merkwürdigsten Arten und Weisen, die ärgsten Peinlichkeiten, wobei es völlig gleichgültig war, dass Leonardo und sein Bekannter zuhörten. Sie tranken immer mehr, lachten, und wenn ihnen die Nase lief, putzten sie sie sich gegenseitig. Leonardo kommentierte Stefans Überschwänglichkeit mit einer schlüpfrigen Oh-là-là-Miene. Der Mann im Rollkragenpullover sah immer wieder zu der Gruppe und nickte nachdrücklich, sobald Fleck zufällig hinschaute. Jetzt fiel es ihm wieder ein: Er war einer von den Mittelalten aus dem Cisco, der mit den ungleichen Augen.
»Komm, wir machen einen Spaziergang«, rief Stefan und packte Fleck unterm Arm.
Sie drängelten sich durch das Publikum hinaus unter den aufgewölbten Nachthimmel voller glasklarer Wintersterne. Es war eisig kalt, dichte Atemwolken standen ihnen vor den Gesichtern, unter ihren Schritten knackten gefrorene Pfützen.
»Mann, der Mond«, rief Stefan, »siehst du den Mond?« Er zeigte auf die nadelfeine Sichel über dem schwarzen Kubus der Reithalle in ihrem Rücken. »Und da! Orion mit dem Schwert.«
Sie gingen daran, über ein großes metallenes Schiebetor zu klettern, das ans Gebäude anschloss, einfach so, ohne besonderen Grund. Fleck machte die Räuberleiter, Stefan trat mit nassen Stiefeln in seine Hände, balancierte einen Moment mit ausgebreiteten Armen oben auf der breiten Metallkante und sprang auf der anderen Seite hinunter. Fleck fasste in den gefrorenen Reif auf dem Tor, trampelte mit den Beinen gegen die metallene Wand wie gegen ein Donnerblech, brachte einen Oberschenkel auf die Brüstung, bis er bäuchlings oben lag, und als er schließlich unten neben Stefan stand, befand er sich in einem Fuhrpark von orangefarbenen Mülllastern und Kehrfahrzeugen. Beide waren außer Atem und stießen Wolken aus wie Dampflokomotiven. Der vor ein paar Tagen gefallene Schnee glitzerte. Fleck schob seine eisigen Hände in die Taschen. Wie früher, dachte er. Alles wieder gut.
»Komm her«, sagte Stefan, nahm ihn mit dem Arm in einen Klammergriff und küsste ihn. Sie küssten sich. In der kalten Luft liefen ihre Nasen hemmungslos. Sie putzten sie sich gegenseitig, küssten sich. Stefan drängte ihn gegen das Metalltor und küsste ihn. Er packte Fleck, hob ihn hoch und drehte ihn im Kreis. Er pisste dampfend gegen einen Müllwagen, kletterte in die Kabine einer Kehrmaschine. Irgendwann froren sie derart, dass sie zur Party zurückkehrten.
»Ich liebe den«, rief Stefan, als sie mit einem frischen Glas Wein wieder am Tisch bei Leonardo standen, »wirklich, ich liebe den!« Seine Nase lief, er wischte sich mit dem Ärmel darüber, drehte sich in den Raum und schrie zum Nebentisch hinüber: »I love him, ohne Scheiß. Ich liiiebe den!«
So besoffen kann ich gar nicht werden, dass ich derart aus mir herausgehe, überlegte Fleck. Er bewunderte Stefan maßlos, für seine Direktheit, sein Ungestüm, dafür, dass ihm komplett egal war, was andere Leute dachten.
Stefan sprang in die Höhe und winkte heftig.
»Birte! Mann, sie hat den Preis bekommen«, schrie er. »Birte! Hey! Komm her, Birte. Hierher!«
Ein schlankes Mädchen mit kurzen, rabenschwarz gefärbten Haaren kam heran, und wieder fing Stefan an, von »diesem Kerl« zu schwärmen, den er da kennengelernt hatte: Er nahm Fleck an den Schultern, schüttelte ihn, drehte ihn, um ihn Birte von allen Seiten zu zeigen, packte ihn an den Haaren, umarmte ihn, strahlte, lachte, trank immer mehr und erzählte jedem, ob er es hören wollte oder nicht, wie sehr er Fleck mochte. Durch weit geöffnete Schleusen flutete seine Begeisterung heraus.
»Stefanchen, Süßer«, fragte Birte besorgt, »was ist dir denn? Was ist denn mit Stefan los? Was habt ihr denn dem Stefan ins Glas getan?«
Die ganze Zeit sah Leonardo Fleck mit einem wissenden Lächeln an. Warum sieht der jetzt so zufrieden aus?, fragte sich Fleck. Weil er annimmt, dass ich jetzt in die große rosa Partei der Schwulen eingetreten bin? Weil er mir damit sagen will: Ich hab’s ja gleich gewusst, dass du eine Schwester bist? Und doch spürte Fleck, dass Leonardo, dass Fritjof, dass Birte, eigentlich alle in ihrer Umgebung, auch wenn sie noch so überlegen lächelten, Stefan und ihn beneideten. Stefan tat etwas, das sie allesamt, wie sie da standen, verlernt hatten: Er ließ seinen Gefühlen freien Lauf, und dieser Aufwand an Entäußerung galt ihm, Fleck. Er war nicht wenig stolz, Auslöser so eines Überschwangs zu sein. Mochten sie beide noch so besoffen sein, was zwischen ihnen ablief, musste echte Freundschaft und Wärme ausstrahlen, jenseits aller Geschlechterkonvention, es konnte gar nicht anders sein. Genau wie Stefan im Augenblick war, musste ein Mann sein: großzügig, vielleicht ein wenig großspurig, freigiebig mit sich selbst, irgendwie ein bisschen dumm, gutherzig, bereit zu Kopfsprung und Extrem. Birtes Versuche, sich in den Mittelpunkt zu rücken, indem sie Leonardo gegenüber den Preis herunterspielte und geringschätzig über Veranstaltung und Veranstalter redete, hatten keine Chance. Ein wenig später sah Fleck sie im Gespräch mit dem Augenmann, der ihr kaum zuhörte, sondern, so oft es die Höflichkeit erlaubte, zu ihm und Stefan hinüberstarrte.
Pünktlich um eins löste sich die Veranstaltung auf. Die Kellner vom Cateringservice setzten ihre Wir-wollen-auch-mal-nach-Hause-Gesichter auf und sammelten die Gläser ein. Fleck ließ sein Auto nicht stehen (dies war einer von den Abenden, wo kleinliche Vorsicht oder Vernunft keine Rolle zu spielen hatten), vielmehr setzte er in einer vollen Runde durch die Stadt die Preisträgerin, Leonardo und Fritjof direkt vor der jeweiligen Haustür ab. Stefan, der neben ihm auf dem Beifahrersitz saß, stieg jedes Mal aus und verabschiedete den Abgelieferten in einem umständlichen Ritual. Der ist ja unfassbar besoffen, dachte Fleck, als er beobachtete, wie er Birte hochhob, in die eine und die andere Richtung trug und schließlich vor ihrem Hauseingang absetzte.
Dann waren sie allein. Fritjof war gerade in seinem Haus veschwunden, im Wagen herrschte merkwürdige Stille. Stefan blickte zu Fleck hinüber, legte ihm die Hand auf den Oberschenkel, zog sie aber gleich wieder weg. Er sah zum Fenster hinaus, lachte, sah wieder zu Fleck.
»Komm«, rief er, »jetzt fahren wir zum Hauptbahnhof und kaufen uns ne Asiatin. Und dann stecken wir ihr zwei Finger rein, und wenn’s ihr gefällt, die ganze Hand.«
Fleck wurde klar, dass die Sache vielleicht eine ganz neue Wendung nehmen würde.
»Okay, machen wir«, sagte er.
»Okay«, erwiderte Stefan, als hätte er Widerspruch erwartet.
»Und? Wo stehn sie, deine Asiatinnen?«
Ein Spiel, ganz offensichtlich. Ein Männerspiel. Auf einen extremen Vorschlag schien es geboten, mit einem extremeren Vorschlag zu antworten. Wollte man sich dem Spiel von jemandem entziehen, musste man es nur noch entschiedener spielen als er.
»Ich weiß, wo die stehn«, sagte Stefan.
Fleck legte den Gang ein. »Wo?«
»Hey, hast du überhaupt Geld dabei? Ich hab nämlich keins.«
»Ich hab Geld dabei. Hundertfünfzig. Reicht das?«
»Also dann …«
Fleck fuhr los. »Also wohin?«
»Ach komm«, meinte Stefan und gähnte.
Fleck bremste wieder ab und sah ihm ins Gesicht.
»Scheiß auf die Asiatinnen, fahren wir zu dir.«
Mit der Ferse stößt Fleck die Kühlschranktür zu und hält Stefan ein Bier hin. Wie ein Kurzsichtiger ohne Brille untersucht Stefan die Dose, bricht den Aufzieher ab, kichert und stellt sie achselzuckend auf den Tisch.
»Ich kann’s nicht mal mehr aufmachen.« Er greift nach Flecks Dose, nimmt einen schwungvollen Schluck, wobei der halbe Inhalt durch den Raum spritzt, und grinst. »Sollen wir uns ausziehen?«
Stefan schwankt, als er aus seiner Hose steigt.
»Was ist denn das, was du da anhast?«, fragt Fleck.
Eine seltsame Kombination von langer Unterhose und Unterhemd mit einer langen Reihe von Knöpfen in der Mitte ist unter Stefans Klamotten zum Vorschein gekommen, eine Art Body aus dem Zweiten Weltkrieg.
»Schenk ich dir«, sagt Stefan, mit Aufknöpfen beschäftigt. »Wart ’n Moment.« Er schlüpft heraus und hält ihm das Teil hin. »Hier, ist für dich, nimm ruhig.«
»Und was ziehst du morgen an?«
»Gar nichts.«
Stefan lacht, fischt unter Gleichgewichtsproblemen ein gebrauchtes Tempo aus seiner Hose, die auf der Erde liegt, schnäuzt sich und lässt es fallen. Dann stellt er sich nackt in die Mitte des Zimmers und breitet die Arme aus.
»Und was sagst du? Alles dran, wie ich gesagt hab.«
Auch Fleck hat mit seinem Gleichgewicht zu tun, als er sich auszieht. Die Stimmung ist ambivalent, wie kurz vor dem Umschlagen. Wie es kommt, ist es mir recht, denkt er.
»Und? Was machen wir jetzt?«, fragt Stefan. Seine Stimme klingt forciert unternehmungslustig.
»Keine Ahnung«, erwidert Fleck.
»Wir beiden müssen mal ’nen Umzug machen.«
»Ich soll dir beim Umziehen helfen, oder was?«
»Nein, Mann, ich bin doch schon nackt.« Stefan kichert. »Ich meine einen richtig krassen Umzug. Von hier nach da, von da nach hier. Von einer Bar in die nächste und durch die Clubs. Saufen, koksen, kiffen, Autos klauen. Na ja, Autos klauen … Jagen und sammeln. Abschleppen, aufreißen … Rumziehen eben. Was anpacken halt, Mann.«
»Ja, können wir schon machen.«
»Ja, machen wir. Krass, krass.« Stefan schwankt.
»Komm, wir legen uns erst mal ab«, schlägt Fleck vor und deutet auf das Bett.
Als sie nach einigen Schwierigkeiten mit der Koordination in der Horizontale angekommen sind, fängt Stefan an zu weinen. Er legt den Kopf an Flecks Schulter, drückt sich an ihn, und mit einem Schlag laufen die Tränen. Erst heult er nur, dann beginnt er wild zu schluchzen, wie Fleck es bei einem Mann noch nie erlebt hat. Schließlich bricht es aus ihm heraus: Seine Tochter, die Mutter des Mädchens, mit der er nicht mehr zusammenlebe, warum nur, Birte, mit der er auch irgendwann mal in die Kiste gesprungen sei, als er mit der Mutter des Kindes noch zusammen war, scheiß Seitensprünge, dann wieder seine Tochter, wie lieb, wie klein, wie süß.
Reue, überlegt Fleck, das muss Reue sein, Schuldbewusstsein. Aber Schuld woran? Reue weswegen? Aus dem Nichts scheint dieses Gefühl auf Stefan losgesprungen, sich auf ihn zu werfen und ihn hin und her zu schleudern.
Er wisse nicht, warum er jetzt heulen müsse, ruft Stefan, dreht sich mit einem Ruck der Beschämung weg, dann wieder zurück, entschuldigt sich, springt mit einem Satz aus dem Bett, Scheiße!, torkelt, schlägt mit dem Kopf halb absichtlich gegen die Wand, um sich dann mit einer überschwänglichen Bitte um Verzeihung wieder auf Fleck zu werfen. Schluchzend bleibt er auf ihm liegen. Er wäre so gern normal !
Was er denn damit meine, fragt Fleck verblüfft, er sei doch normal! Normaler als alle anderen!
»Nein«, beharrt Stefan, »ich bin es nicht! Eben nicht!!!« Er schreit es hinaus.
Ob es mit ihm zusammenhinge, fragt Fleck, weil er jetzt mit ihm im Bett liege?
Nein, nicht mit Fleck, auf keinen Fall, nur mit ihm allein!
Mit allem hat Fleck gerechnet, nur nicht mit diesem Vulkanausbruch von Verzweiflung. Gleichzeitig versteht er Stefan auf der Stelle. Was sich da abspielt, ist eine angemessene Reaktion. Aber worauf genau? Während er den nackten, von konvulsivischen Schluchzern geschüttelten Stefan festhält, versucht er seine Gedanken zu sammeln. Auf den Zwiespalt eines Wesens, das so gerne ein ganzer Mann im Sinn der Gesellschaft sein will? Auf den Riss, der sich in ihm auftut, vielleicht nur, weil ihn eine gewisse Experimentierlust überkommt? Auf das Grauen vor allem, was mit der Welt der Schwulen zusammenhängt? Fleck denkt an den Abend im Cisco zurück, an dem es ihm vor Kurzem ähnlich ergangen ist. Stefan ist nur ehrlich, freimütig, wie er es den ganzen Abend gewesen ist. Die ganze Gewalt der Trauer über die verlorene Männlichkeit tritt Fleck da klar gefühlt entgegen.
Irgendwann ist Stefan eingeschlafen, im Schlaf weiterschluchzend, und Fleck kann nichts für ihn tun, als ihn, der jetzt allein und untröstlich in seiner Schamschleife kreist, im Arm zu halten.
Meinhard Z. hatte sein rechtes Auge bei einem Verkehrsunfall verloren, in dessen Folge ihm auch ein Teil seines Stirnbeins durch ein Stück Silber ersetzt worden war. Dieser Unfall war nicht der einzige: Katastrophen, Krankenhausaufenthalte, unglückliche Fügungen und Missgeschicke zogen sich durch sein Leben mit der Folgerichtigkeit eines Tapetenmusters. Der Fahrer des Wagens, sein bester Freund, war bei dem besagten Unfall ums Leben gekommen. Der einzige Mann, mit dem er jemals so etwas wie eine Beziehung gehabt hatte, starb mit fünfunddreißig an einem Aneurysma. Kleinstadtjugend im Sauerland. Engherziges, bigottes Elternhaus. Als er dreizehn war, verbrannten Mutter und Vater mitsamt dem Haus der Familie. Mit fünfzehn verführte ihn ein mit der Familie befreundeter Handwerksmeister, der sich bis dahin väterlich um ihn gekümmert hatte, in der Waschküche, ein Ereignis, mit dem er sich und anderen seinen Hang zum Selbsthass und seine Neigung zu sehr jungen Männern erklärte. Im Alter von vierunddreißig und sechsunddreißig je ein Selbstmordversuch, danach diverse Psychiatrieaufenthalte. Jetzt war Meinhard zweiundvierzig. Er hatte sein Studium lange hinausgezogen und betrieb (das Einzige in seinem Leben, was er nach einigem Drängen als Erfolg bezeichnet hätte) seit einigen Jahren zusammen mit einem Studienkollegen eine kleine Galerie. Meinhard war dicklich, x-beinig und klein, die Haare gingen ihm aus, infolge seiner Wirbelsäulenverletzung hielt er den Kopf immer ein wenig in den Nacken gelegt. An das Pech, das so nachhaltig an ihm klebte, hatte er sich gewöhnt. Zu intelligent, um es einfach zu ertragen, hatte er es zu seinem persönlichen Merkmal erklärt. Was blieb ihm auch anderes übrig? Seine Chancen in der Szene waren nicht gerade groß. Zwar gab es immer wieder anlehnungsbedürftige Jungs mit desolaten Biografien, die, jedenfalls für eine Weile, einen verständnisvollen Freund und klugen Zuhörer einem Herumtreiber ihres Alters vorzogen, Meinhard hatte jedoch die Begabung, sich unter ihnen stets das undankbarste Exemplar herauszusuchen. Dabei ging er jedes Mal wieder aufs Ganze, setzte die gesamte Gefühlsvehemenz ein, zu der er in solchen Fällen in der Lage war, mit dem Ergebnis, dass er das verschreckte Ziel seiner Leidenschaft wie einen Haken schlagenden Hasen vor sich hertrieb, bis es die Igelstacheln aufstellte, bis es anfing ihn zu beschimpfen, zu beleidigen, auszulachen. Und das bestätigte ihm dann, was er über sein Leben ohnehin schon wusste.
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