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In der Winterstadt der Elfen erfrieren die letzten Hoffnungsfunken. Freunde werden zu Fremden. Doch noch halten die Übermächtigen stand – wenn auch mit knapper Not. Inmitten der Misere sucht Marai wild entschlossen einen Weg, den verschwundenen Kostja zu retten. Das, was in der Welt hinter der Welt auf sie wartet, beeinflusst jedoch mehr als ihre Rettungsaktion, sogar mehr als die bevorstehende Endschlacht gegen Perrin. Denn hier, umringt von mystischen Wesen an einem Ort ohne Zeit, lauert die alles entscheidende Frage: Wer ist das Lichtmädchen und was ist sein Schicksal?
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Seitenzahl: 674
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Über die Autorin
Marta Kubis, Jahrgang 1984, wuchs in Aachen auf, wo sie mehrere Jahre Literaturwissenschaften studierte. Zusammen mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern lebt sie in der Nähe von Stuttgart.
WREADERS E-BOOK
Band 224
Dieser Titel ist auch als Taschenbuch erschienen
Vollständige E-Book-Ausgabe
Copyright © 2023 by Wreaders Verlag, Sassenberg
Verlagsleitung: Lena Weinert
Druck: epubli – Neopubli GmbH, Berlin
Umschlaggestaltung: Jasmin Kreilmann
Lektorat: Lena Kamenzin, Annina Anderhalden
Satz: Elci J. Sagittarius
www.wreaders.de
ISBN: X
Für meine Familie
Prolog
In der Welt hinter der Welt gab es keine Zeit. Es gab keine Stunden, keine Tage oder Nächte, keine Veränderungen in der Atmosphäre, die es erlaubt hätten, die Spanne zwischen zwei Ereignissen zu messen. Nur ein mitternachtsblaues Zwielicht, das sämtliche Farben übertünchte, erfüllte den fremdartigen Ort, verlieh ihm gleichzeitig einen tiefen Frieden sowie etwas Unheilvolles.
Der Junge wusste nicht, wie lange er schon zwischen den verfallenen Häusern der fremden Stadt umherirrte. Wurde er müde, rollte er sich unter einem Baum zusammen und schlief. Wurde er hungrig, aß er, was er in den verlassenen Gebäuden fand. Den Rest der Zeit lief er, auf der Suche nach etwas, an das er sich nicht erinnern konnte. Die Fassaden um ihn herum waren zersprungen und dichte Ranken krochen die Mauern entlang, als würde die Natur sich all das zurückholen, das ihr zuvor geraubt worden war. Waren sie schon immer da gewesen, fragte er sich nicht zum ersten Mal, oder drangen sie immer dann hervor, wenn er nicht hinsah und nur aus seinen Augenwinkeln die unsteten Bewegungen wahrnehmen konnte? Machte es überhaupt einen Unterschied? Er musste weiter. Dies war die einzige Gewissheit, die ihm geblieben war.
Weiter. Immer weiter.
Anfangs hatte er versucht, sich an den Fragmenten seiner Erinnerungen festzuhalten. Der pochende Schmerz, der von der Wunde an seinem Kopf herrührte, half ihm dabei, gaukelte ihm vor, real zu sein. Aber allmählich war ihm der Halt verloren gegangen. So sehr er auch gekämpft hatte, nach und nach waren ihm die Bruchstücke durch die Finger geglitten. Zuerst war es sein Name gewesen, dann der Grund seiner Suche. Nur das Mädchen verweilte lange in seinen Gedanken, bevor es ihm ebenfalls entglitt und er sich nicht mehr an seine Züge erinnern konnte. Es spielte keine Rolle. Er musste weiter. Auch wenn er nicht zu sagen vermochte, wer er einst gewesen war, trieb dieser unbestimmte Drang ihn voran. Tief in seinem Inneren spürte er, dass er etwas finden würde, wenn er nur lange genug weiterging. Manchmal drohte die Verzweiflung ihn zu überwältigen, mehr als nur einmal hatte er sich Tränen vom schmutzigen Gesicht gewischt. Doch so lange ihn seine Beine trugen, trottete er weiter, ohne große Hoffnung und ohne Ziel.
Weiter. Immer weiter.
1
Vakuum
Marai hatte nicht gewusst, dass selbst zu atmen eine Anstrengung bedeuten konnte.
Einatmen. Ausatmen.
Wie ein Metronom schlug dieser Gedanke seit Tagen ihren Takt an. Sie war sicher: Wenn er versiegte, würde sie das Atmen vergessen, und so konzentrierte sie sich in den ausgehöhlten Stunden nur auf diesen einen Befehl.
Einatmen. Ausatmen.
Vor ihrem Gesicht stiegen weiße Wölkchen auf, die sich rasch im Morgennebel verloren. Dunkel ragten die kahlen Bäume aus der farblosen Landschaft heraus, ihre Äste verkrustet vor Schnee. Hier und da konnte Marai die klobigen Gestalten der Golems ausmachen, die immer wieder zwischen den Büschen auftauchten. Mit behäbigen Bewegungen stampften sie durch den Garten, ihre Glieder steif und unnatürlich. Ihre Patrouillen waren ebenso verstörend wie nutzlos. Immerhin hatten die Elfen nicht ein einziges Mal auch nur den Versuch eines Angriffs unternommen. Nein, die Golems waren den Preis nicht wert, den sie gezahlt hatten.
Gedankenverloren scharrte sie mit dem Fuß ein paar Schneeklumpen von Henriks Terrasse, die mit einem leisen Knirschen in den erfrorenen Blumenbeeten verschwanden. Sie konnte kaum noch ihre Zehen spüren, dennoch türmte sich ein unüberbrückbarer Widerstand in ihr auf, ins Haus zurückzukehren. Durch die mit Eisblumen überzogenen Bogenfenster konnte sie die ersten Übermächtigen sehen, die durch das Wohnzimmer zur Küche schlurften, um sich mit den schwindenden Vorräten ein karges Frühstück zuzubereiten. Es würde nicht mehr lange dauern, bevor auch dieser Luxus sein Ende fand, immerhin gestaltete sich die Nahrungssuche zunehmend ertragloser. Entweder waren die Läden leergeplündert oder die Lebensmittel vernichtet worden, verbrannt oder zerschlagen, vermutlich von den Elfen, die ihren Plan, ihre Feinde auszuhungern, augenscheinlich beschleunigen wollten. Die Feststellung hätte sie erschüttern müssen, stattdessen verspürte sie eine geradezu erschlagende Gleichgültigkeit. Hunger empfand sie ohnehin keinen, vielleicht hatte sie sich auch schlicht an ihn gewöhnt. Der bloße Gedanke an Essen genügte jedenfalls, um ihr den Magen umzudrehen.
Ein weiterer Schneeklumpen ging über Bord. Wie eine Krankheit hatte sich die Leere in ihr ausgebreitet und durchdrang sie bis in den letzten Winkel.
Mit Kostja hatte Marai auch sich selbst verloren und die brüllende Stille, die er hinterlassen hatte, ließ sich nicht füllen. Wie ein Lauffeuer war sie auf Henriks Villa übergesprungen. Niemand wagte es, die Stimme zu erheben, Gespräche wurden leise und gedämpft geführt und erstarben, sobald Marai den Raum betrat. Kaum jemand sah ihr noch in die Augen, nicht nach dem, was geschehen war. Mehr denn je fühlte sie sich wie ein Schatten, der ziellos durch die viel zu großen Zimmer irrte.
Während der ersten Tage nach Kostjas Verlust hatte sie sich in Jonas’ und Elisas Zimmer verschanzt und mit aller Macht versucht, sich das Gefühl des Fallens ins Gedächtnis zurückzurufen: den Moment damals am Bahnhof, als es ihr wie durch Zauberhand gelungen war, den Schleier der Welt zu zerreißen und tiefer in sie hineinzustürzen. Doch ganz gleich, wie sehr sie sich bemühte – die Welt um sie herum blieb, wie sie war. Nach und nach hatte sich ihre Verbissenheit in Verzweiflung gewandelt, ehe sie von einer lähmenden Lethargie abgelöst wurde.
Hinter dem Fenster tauchte Resa auf, die selbst zu dieser frühen Stunde ordentlich gekleidet und mit adrett hochgestecktem Haar Kaffeetassen an Christoph, Celina und Quint verteilte. Die vier wirkten ernst, aber deutlich gelöster als sonst, und es dauerte einige Atemzüge, bis sie begriff, dass es an ihrer Abwesenheit lag. Ihre Brust wurde enger. Es musste schön sein, von ihrem Schmerz eine kurze Pause zu bekommen. Sie schnaubte verächtlich, doch der Laut blieb in ihrer Kehle stecken, als sie die beiden Gestalten ausmachte, die ins Wohnzimmer traten: Casper, hochgewachsen und noch schlaksiger als sonst, das Gesicht müde und ausgemergelt, und Lara, die wie ein Schoßhündchen hinter ihm hertrottete. Mit heißen Krallen kroch die Wut in Marai herauf, sie konnte sie gallebitter auf der Zunge schmecken. Resa bedachte das Mädchen mit einem mütterlichen Blick, legte ihr die Hand auf die Schulter und sagte etwas, das Lara ein dankbares Nicken entlockte. Marai bemerkten sie nicht. Einen Herzschlag lang rang sie mit dem Impuls, einen Schneeball gegen die Fensterscheibe zu pfeffern, nur um in den kurzen Genuss des Schuldbewusstseins ihrer sogenannten Freunde zu kommen. Schließlich gewann jedoch ihre Würde die Oberhand und sie wandte sich ab, in der Hoffnung, so den scharfen Schmerz zu ersticken, der in ihr aufgeflammt war.
Ihre Schuhe durchbrachen die jungfräuliche Schneeschicht, als sie ihre Schritte zum Haupteingang der Villa lenkte. Sie wäre gerne länger auf der Terrasse verblieben, aber sowohl die Kälte als auch Laras Ankunft trieben sie hinein.
Marai wusste selbst nicht, wohin ihre Füße sie trugen, die schwarzweiß geflieste Eingangshalle entlang und die geschwungene Treppe hinauf. Erst als sie sich vor der vertrauten Tür wiederfand, von der bereits der Lack abbröckelte, sah sie auf. Der Schlüssel knackte widerstrebend im Schloss, ehe sie sich mit einem vernehmlichen Quietschen aufstoßen ließ.
»Marai.« Der Wächter hatte sich mittlerweile an ihre häufigen Besuche gewöhnt, denn in seinen Zügen fanden sich weder Überraschung noch Misstrauen. Er trat von dem winzigen Fenster weg, durch das dämmriges Tageslicht auf den Dachboden floss, doch nach nur wenigen Schritten blieb er unschlüssig stehen.
Marai hatte derweil die Tür hinter sich zugezogen und umtänzelte ein paar Bücherstapel, die sich auf dem Boden neben seiner provisorischen Schlafstätte auftürmten. Sie hatte keine Ahnung, ob er die Bücher las, die sie ihm in rauen Mengen hinaufschleppte, um ihm die leeren Stunden angenehmer zu gestalten, aber er hatte sie auch nie darum gebeten aufzuhören. Schweigend ließ sie sich auf die Matratze sinken, wobei sie dem Blick des Wächters auswich. Dieser nahm auf einer eingestaubten Kiste Platz, die Augenbrauen zu einem besorgten Runzeln zusammengezogen. Während seiner Zeit in Henriks Villa hatten sich subtile Veränderungen in sein Äußeres geschlichen. Auch wenn er nicht unbedingt an Gewicht gewonnen hatte, so hatte sein Gesicht die ausgemergelte Härte verloren, die ihn so viel älter hatte wirken lassen. Allmählich konnte sie in ihm wieder den Mann ausmachen, dem sie vor drei Jahren im Bunker gegenübergestanden hatte.
Marai hätte selbst nicht zu erklären vermocht, weshalb es sie immer wieder zu ihm zog. Schließlich war es nicht so, als könnte Noah Scholl ihr auf irgendeine Weise Trost spenden. Nein, er versuchte es nicht einmal. Meistens saßen sie nur schweigend beieinander, bis die Finsternis sie verschluckte und es für das Mädchen an der Zeit war, sich wieder in ihr Zimmer zurückzuziehen. Auch dieses Mal hatte sich eine beharrliche Stille über die beiden gesenkt, die der Wächter nicht zu brechen wagte. Es war Marai, die nach einer gefühlten Ewigkeit endlich das Wort an ihn richtete.
»Quint und Henrik haben gestern die Golems zum Leben erweckt.« Sie wusste nicht, weshalb sie ihm davon berichtete. »Jonas hat mir davon erzählt. Er wollte, dass ich mitgehe und sie mir ansehe, aber angesichts der Umstände …«
Noah, der in Gedanken versunken den abgenutzten Holzboden betrachtet hatte, hob überrascht den Kopf. Beharrlich wartete er darauf, dass sie fortfuhr, doch sie hatte sich in ihren eigenen Gedanken verloren. Ihre Augen ruhten blicklos auf dem schmutzigen Geschirrstapel, der neben der Tür darauf wartete, von ihr in die Küche mitgenommen zu werden.
»Es ist gut, dass es funktioniert hat«, sagte er zögernd, da sie keinerlei Anstalten machte fortzufahren. Zumindest gelang es ihm, ihre Aufmerksamkeit zurückzugewinnen.
»Das klingt nicht besonders überzeugend«, bemerkte sie, während sie ihre Knie an die Brust zog.
»Nun, ich will nicht verhehlen, dass mir eure kleine Golemarmee nicht ganz geheuer ist. Aber angesichts der gegenwärtigen Situation wäre es töricht, sich von solchen Befindlichkeiten leiten zu lassen. Es ist eine Chance mehr.«
Das Mädchen stieß ein bitteres Lachen aus. »Ach ja? Eine bessere, als wir mit Kostja hatten?« Sie sprach seinen Namen aus wie eine Herausforderung, doch zu ihrer Überraschung wich Noah ihrem Blick nicht aus.
»Nein«, antwortete er unumwunden. »Ich habe Kostja kämpfen sehen und selbst die Stärke und Widerstandsfähigkeit der Golems können seine Fähigkeiten nicht aufwiegen. Abgesehen davon, dass er nicht auf Befehle anderer angewiesen war, um zu handeln.«
Über Marais Gesicht huschte eine schmerzhafte Regung. »Ist«, korrigierte sie ihn automatisch.
»Entschuldige, ich wollte damit nicht sagen, dass –«
»Schon gut«, winkte sie müde ab. »Zumindest redest du über ihn. Von den anderen erwähnt niemand auch nur seinen Namen, jedenfalls nicht, wenn ich in der Nähe bin. Vermutlich denken sie, ich wäre so labil, dass ich Henriks Haus bis auf die Grundmauern abbrennen würde.« Die Wut, die in den letzten Tagen immer dicht unter der Oberfläche gebrodelt hatte, kochte erneut hoch. »Als wäre er nur irgendein Kollateralschaden, der zwar bedauerlich, aber einkalkuliert war.«
»Das ist leider nicht ungewöhnlich«, seufzte Noah. »Viele Menschen wissen nicht, wie sie mit der Trauer anderer umgehen sollen. Diese Erfahrung machen alle, die jemanden verloren haben, der ihnen nahesteht.«
Es war nur eine weitere Erfahrung, auf die Marai gern verzichtet hätte. In ihrem kurzen Leben hatte es kaum Berührungspunkte mit diesem Thema gegeben. Sie war zu jung gewesen, um sich an den Tod ihres Großvaters zu erinnern, und Lavards Tod hatte sie zwar bis ins Mark erschüttert, jedoch nicht diesen allumfassenden Schmerz zufolge gehabt. Einige Sekunden lang drohte er, sie wieder zu übermannen, und sie holte ein paarmal zittrig Luft.
»War es auch so, als deine Mutter gestorben ist?«, fragte sie, um sich von ihrem eigenen Elend abzulenken.
Noah nahm ihr ihre Neugierde nicht übel. »O ja. Nicht mit allen, aber mit manchen Personen aus meinem Umfeld durchaus«, antwortete er bereitwillig. »Selbst bei den Wächtern, für die eine solche Situation nun wirklich nichts Ungewöhnliches ist, gab es einige, die sich mit mir und meinem Schicksal schwertaten.«
Seine Offenherzigkeit spendete ihr zwar kaum Trost, doch sie vermittelte ihr das Gefühl, nicht vollends allein zu sein.
»Zumindest haben sie die Mörder deiner Mutter nicht mit offenen Armen in ihrer Mitte aufgenommen«, schnaubte sie verbittert. »Ich meine, von Celina und Christoph habe ich nichts anderes erwartet, aber …« Sie brach ab, unfähig, ihre Empörung in Worte zu kleiden. »Und dann darf sie auch noch bei den Golems helfen, als würde das irgendetwas wiedergutmachen.« Ihre Stimme wurde unwillkürlich lauter. »Nur weil Henrik und Quint ihre Fähigkeiten benötigten.« Es gelang ihr nicht mehr, still sitzen zu bleiben. Leise Flüche vor sich hinmurmelnd erhob sie sich von der Matratze und fing an, zwischen den aufgetürmten Kisten und Möbeln auf und ab zu wandern. »Niemanden scheint es zu interessieren, dass sie uns alle mit ihrem kleinen Rachefeldzug beinahe umgebracht hätte. Nein, die Arme hatte ja keine andere Wahl!«
»Haben sie das zu dir gesagt?«, unterbrach Noah ihre Tirade behutsam.
»Natürlich nicht. Aber es ist so was von offensichtlich. Die anderen überschlagen sich regelrecht, um sie zu trösten. Als wäre sie das eigentliche Opfer der Geschichte. Gott, ich hasse sie so sehr!«
Marai erwartete einen Einwand von Seiten Noahs, irgendetwas, das ihr klarmachen sollte, wie sehr sie Lara Unrecht tat, doch der Wächter ließ sich von ihrem Wortschwall keineswegs aus der Ruhe bringen.
»Meinst du, irgendeiner von ihnen hätte auch nur die Möglichkeit erwähnt, Kostja zurückzuholen? Allmählich bekomme ich das Gefühl, ich bin die Einzige, die sich darum schert, was aus ihm geworden ist.« Schaudernd dachte sie an den sonderbaren Ort, an dem sie sich selbst vor nicht allzu langer Zeit wiedergefunden hatte.
»Ich glaube nicht, dass es ihnen gleichgültig ist.«
Marai blieb empört stehen. »Nimmst du etwa gerade die Übermächtigen in Schutz?« Allein die Vorstellung, Noah könnte in diesem Fall mit seinen Widersachern sympathisieren, verschlug ihr die Sprache. »Ich dachte, wenn es jemand verstehen würde, dann du!«
»Das tue ich«, unterbrach er sie, »und nichts liegt mir ferner, als das Verhalten deiner Freunde zu rechtfertigen. Aber ich weiß auch, wie sehr der eigene Schmerz blenden kann. Ich weiß, du willst das nicht hören, doch das ist etwas, das du dir in der gegenwärtigen Situation nicht erlauben darfst.«
Eine weitere Welle der Bitterkeit brach über Marai zusammen.
»Du denkst also auch, ich sollte einfach weitermachen wie gehabt, ja? Das, was passiert ist, abhaken und die Rolle spielen, die mir alle aufdrücken wollen.«
Seltsamerweise traf sie das härter, als sie zugeben mochte. Gerade von Noah hatte sie sich mehr versprochen.
»Ganz und gar nicht.« Jetzt war es an ihm aufzustehen. Mit ein paar raschen Schritten war er bei ihr. »Aber ich bin kein Narr, Marai. Wir wissen beide, weshalb du hier bist. Du kommst zu mir, weil du genau weißt, wie ich zu den Übermächtigen stehe, und du dir in deiner Wut und deiner Enttäuschung Bestätigung wünschst.« Er klang nicht unfreundlich, im Gegenteil. Das Mitgefühl, das in seinen Worten mitschwang, war geradezu greifbar. »Und du hast recht. Was auch immer dort unten vor sich geht, verlangt dir sicherlich mehr ab, als ich mir vorstellen kann. Aber gibt es wirklich niemanden, der deine Meinung teilt? Sind ausnahmslos alle von der Anwesenheit dieses Mädchens begeistert?«
Am liebsten hätte Marai diese Fragen hitzig bejaht, doch dann biss sie kurz die Zähne zusammen.
»Nein«, gab sie zu. »Nicht alle. Jonas und Elisa trauen ihr kein bisschen. Vor allem Jonas. Er hält sie für unberechenbar. Es war auch seine Idee, dass ich bei Elisa und ihm im Zimmer schlafe. In meinem alten konnte ich ja schlecht bleiben.« Sie hütete sich davor, dem Grund einen Namen zu geben. Wenn es etwas gab, das ähnlich schmerzhaft war wie der Verlust Kostjas, dann das.
Noah war klug genug, nicht auf ihren letzten Kommentar einzugehen.
»In dem Fall solltest du dich an diejenigen halten, die dir weiterhin Rückendeckung geben. Es mag pathetisch klingen, aber allein wirst du weder gegen die Elfen bestehen noch einen Weg finden, Kostja zurückzubringen. Es ist verständlich, dass du dich von deinen Emotionen leiten lässt, aber wenn du etwas erreichen willst, musst du strategisch vorgehen.«
Ein Teil von Marai hätte ihm gern widersprochen, wenn auch nur aus alter Gewohnheit. Die kühle Kalkulation, mit der er an die Sache herantrat, deckte sich nicht so recht mit der Richtung ihres moralischen Kompasses. Nicht, dass er ihr in der Vergangenheit besonders gute Dienste geleistet hätte. Gedankenverloren sah sie zu Noah auf, der mit einer steilen Sorgenfalte zwischen den Brauen an sie herangetreten war – dicht genug, dass sie die Hand nach ihm hätte ausstrecken können, wenn es ihr beliebte.
»Also gut«, stimmte sie langsam zu. »Nehmen wir an, ich würde dir zustimmen. Was soll ich deiner Meinung nach tun? Einen neuen ›inneren Zirkel‹ um mich scharen? Mich von den Plänen der Übermächtigen distanzieren und mein Ding machen? Obwohl ich über keinerlei Autorität in der Gruppe verfüge?«
»Du verfügst über eine größere Autorität, als du glaubst«, fiel Noah ihr beinahe ins Wort. Zum ersten Mal zeichnete sich in seiner Stimme eine Spur von Ungeduld ab. »Du nutzt sie nur nicht. Jedenfalls nicht genug.«
»Klar, weil ich ja auch irgendeinen Hebel habe –«
»Marai, du bist der Hebel.«
Sie war zu verblüfft, um zu widersprechen. Noah ließ sie ohnehin nicht zu Wort kommen.
»In diesem Krieg bist du die letzte Instanz«, fuhr er fort. »Deine Entscheidungen überwiegen die ihren. Das ist der einzige Grund, weshalb ich überhaupt hier bin. Weil du es dir in den Kopf gesetzt und deinen Willen durchgeboxt hast.«
Marai starrte ihn an, als hätte er nicht mehr alle Tassen im Schrank. »Aber das war etwas komplett anderes«, protestierte sie, doch der gewünschte Nachdruck in ihrer Stimme blieb aus.
»War es das?« Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Soweit ich das beurteilen kann, ist es dir gelungen, einen Wächter in ihr geheimstes Hauptquartier zu bringen, ohne dass es die geringsten Konsequenzen für dich gehabt hätte.«
Nun hatte Noah Scholl vollends den Verstand verloren. War ihm wirklich nicht bewusst, was für ein Risiko sie für ihn auf sich genommen hatte? Sie wollte es ihm gerade ins Gedächtnis zurückrufen, doch etwas hielt sie zurück. Was waren denn die Konsequenzen gewesen? Sicher, die Übermächtigen waren wenig begeistert von der Anwesenheit des Wächters, aber niemand hatte ernsthafte Anstrengungen unternommen, ihn loszuwerden. Zugegeben, Celina, Christoph und Victor hatten keinen Hehl aus ihrer Abneigung ihr gegenüber gemacht, doch diese Antipathie war nicht erst durch ihre Treffen mit Noah Scholl begründet gewesen. Selbst Jonas, der den Wächter ohne das geringste Zögern dem Tod überlassen hätte, hatte sich mit ihrer Idee verblüffend schnell arrangiert.
»Also gut.« Marai drückte sich an ein paar verstaubten Kisten vorbei. »Vielleicht hast du damit tatsächlich nicht ganz unrecht.«
Ohne sich nach ihm umzudrehen, fischte sie den langstieligen Schlüssel aus ihrer Jeanstasche. Mit einem vertrauten Knarzen schwang die Tür auf und gab den Weg auf die schmale Holztreppe frei, die hinab führte. Hinter ihr machte Noah einen unsicheren Schritt in ihre Richtung.
»Marai, falls ich etwas gesagt haben sollte, was dich verletzt hat, tut es mir leid. Es war nicht meine Absicht …« Er brach ab, als sie neben der geöffneten Tür innehielt und ihn mit ihren grünen Augen herausfordernd musterte. »M-Marai?«
Ungeduldig verlagerte sie ihr Gewicht von einem Bein auf das andere. Als er immer noch nicht reagierte, deutete sie mit einer ausladenden Geste auf die Treppe. »Also, was ist? Kommst du jetzt oder nicht?«
Es kam nicht oft vor, dass Noah es sich erlaubte, seine Unsicherheit offen nach außen zu tragen. Dieses Mal jedoch starrte er Marai an, als erwartete er jeden Augenblick das Zuschnappen einer heimtückischen Falle.
Das Mädchen schnalzte ungehalten mit der Zunge. »Du kannst mir echt nicht weismachen, dass du gerne hier oben eingepfercht bist. Ich habe jedenfalls keine Lust mehr, mit hier jeden Tag den Hintern abzufrieren.«
Noah zögerte weiterhin. »Bist du dir darüber im Klaren, dass du damit einen offenen Kampf provozieren könntest?«, fragte er leise.
Marai zog nur missmutig die Brauen hoch. »Ich dachte, meine Entscheidungen würden die ihren überwiegen? Zumindest warst du eben noch darauf erpicht, mich das glauben zu lassen.«
»Marai –«, fing er erneut an, doch sie ließ ihn nicht ausreden.
»Ich befolge hier nur deinen Ratschlag: Ich denke strategisch. Denn seien wir mal ehrlich; zurzeit gibt es nur sehr wenig Menschen, denen ich geneigt bin zu vertrauen. Wenn du mich fragst, wäre es daher äußerst hirnrissig, einen davon auf diesem verdammten Dachboden eingesperrt zu lassen.«
Der Wächter schwieg beharrlich, den Blick forschend auf sie gerichtet, als versuche er, ihre wahren Intentionen herauszulesen. Schließlich nickte er.
»Nun gut. Wenn es das ist, was du tun möchtest.«
Insgeheim hatte Marai mit mehr Gegenwehr von seiner Seite gerechnet. Nicht zum ersten Mal beneidete sie Noah um die Fassung, hinter der er seine Emotionen so sorgsam zu verbergen wusste. Bemüht darum, es ihm gleichzutun, zwang sie sich, die Stufen mit stoischer Ruhe hinabzusteigen, den Kopf erhoben, jederzeit bereit, einem der Übermächtigen über den Weg zu laufen. Dennoch machte sich das Donnern ihres Herzens unangenehm in ihrer Brust bemerkbar. Den Wächter aus seiner Gefangenschaft zu entlassen, gehörte nicht unbedingt zu den durchdachtesten Ideen, die sie in letzter Zeit gehabt hatte, und der Mut, der vor wenigen Augenblicken aus ihrer Sturheit geboren worden war, verflüchtigte sich mit jeder Treppenstufe. Noah folgte ihr, ohne weitere Fragen zu stellen. Entweder vertraute er ihrem Urteil oder er wappnete sich innerlich gegen die Eskalation, die sie jeden Moment erwarten mochte.
Marai hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, wohin sie ihn führte, ihre Beine trugen sie instinktiv in Richtung des Wohnzimmers, das mittlerweile vermutlich vor Leben pulsierte. Mit vorgetäuschter Selbstsicherheit stieß sie die schwere Tür auf und stolzierte erhobenen Hauptes und mit Noah auf ihren Fersen in den lichtdurchfluteten Raum.
Die Gespräche, die gedämpft zu ihnen in den Flur hinausgedriftet waren, verstummten abrupt. Marai kam nicht umhin, eine gewisse Genugtuung zu empfinden angesichts der Fassungslosigkeit, die ihnen entgegenschlug, sowie eine unbestimmte Erleichterung, weil sie auf den ersten Blick weder Casper noch Lara ausmachen konnte. Dafür schien Celina, die sich mit Resa unterhalten hatte, vor lauter Schreck einen Schwächeanfall zu erleiden: Ihr glitt beinahe die Kaffeetasse aus der Hand.
»Was …?«, fing sie an, doch die Frage blieb ihr auf halbem Weg im Halse stecken.
Auch Jonas, der gemeinsam mit Elisa am offenen Kamin saß und das Feuer in unnatürliche Höhen sprießen ließ, war mit einem Satz auf den Beinen. Die Flammen züngelten bereits seine Finger entlang, doch hielt er sie vorerst in Schach. »Was zum Teufel macht der hier unten?«
»Hast du den Verstand verloren?« Die schrille Panik in Celinas Stimme war den Auftritt eindeutig wert, stellte Marai mit düsterer Befriedigung fest. Bevor sie zu einer Antwort ansetzen konnte, war jemand neben sie getreten. Padriac, der von einem der bodentiefen Fenster aus die behäbigen Bewegungen der Golems beobachtet hatte, war mit ein paar raschen Schritten an ihrer Seite, die Hand beschwörend auf ihren Arm gelegt.
»Marai«, fing er leise an. »Du musst ihn sofort wieder zurück nach oben bringen. Seine Anwesenheit gießt nur noch weiteres Öl ins Feuer.«
Ungeduldig schüttelte Marai seine Berührung ab. »Ich weiß nicht, wovon du redest«, antwortete sie so laut, dass auch die anderen sie hörten. »Ob ich oben bei ihm bin oder er unten bei mir, sollte für euch keinen Unterschied machen.«
»Hör zu«, fuhr der Elf eindringlich fort. »Ich verstehe, dass du gerade eine furchtbare Zeit durchmachst, aber …«
Also das goss ja wohl Öl ins Feuer.
»Du kannst gerne bei Casper petzen gehen!«, zischte sie ihm zu. »Ihr habt euch doch sonst immer so viel zu erzählen. Und ich wette, Alissa und Lara wird das auch brennend interessieren.«
Padriac wich zurück, als hätte sie ihn geohrfeigt. Beinahe tat er Marai leid. Beinahe. Doch der Gedanke daran, dass er nur Stunden nach ihrer Rückkehr aus der Schwimmhalle ausgerechnet Casper aufgesucht hatte, während sie sich noch immer krampfhaft an Jonas klammerte, fachte die Glut in ihrem Inneren weiter an. Als hätte Casper das geringste Recht auf die Entschuldigungen oder Erklärungen gehabt, die der Elf ihm zugestanden hatte. Nein, Padriac hatte mit dieser Kontaktaufnahme seine Seite gewählt und Marai wurde übel, wenn sie nur an ihn dachte. Selbst jetzt unternahm er keinen weiteren Versuch mehr, sie zurückzuhalten. Stattdessen sah er sie nur mit diesem wehmütigen Bernsteinblick an, der ihr trotz allem das Herz zu zerreißen drohte.
»Aber er hat doch recht!«, stimmte Celina aufgebracht mit ein. »Du darfst ihn nicht hierher bringen. Er ist ein Gefangener … er …«
»Ach, und wer will mich aufhalten?«, unterbrach Marai sie unwirsch. »Du etwa? Das würde ich gerne sehen.«
Celinas blasse Lippen bewegten sich fieberhaft, doch es gelang ihr nicht, einen Ton hervorzubringen. Hilfesuchend wandte sie sich den anderen zu. Resa legte ihr beschwörend die Hand auf die Schulter.
»Ist schon gut, Celina. Lass sie in Ruhe. Sie wird wissen, was sie tut.« Dennoch war der Blick, mit dem sie Marai bedachte, alles andere als zuversichtlich. Beschwichtigend drückte Resa die immer noch bebende Celina auf die gepolsterte Fensterbank zurück. Diese schien es nicht einmal zu bemerken, zu sehr war ihre Aufmerksamkeit auf den Wächter in Marais Rücken fixiert.
Obwohl Noah ihr ein ähnliches Szenario prophezeit hatte, erstaunte es Marai zu sehen, wie halbherzig der Protest der Übermächtigen ausfiel. Elisa machte einen unsicheren Schritt auf sie zu, doch dann verharrte sie zögernd an dem prasselnden Kaminfeuer. Jonas hingegen, die Hand immer noch in Flammen gehüllt, trat ihnen in den Weg.
»Ich habe zwar keine Ahnung, was das hier werden soll, aber ich hoffe, du hast dir das gut überlegt.« Er sprach zu dem Mädchen, doch sein Blick war über ihre Schulter auf den Wächter gerichtet.
Marai hielt es nicht für den besten Moment, um zuzugeben, dass sie sich die ganze Sache im Grunde überhaupt nicht überlegt hatte. Stattdessen nickte sie mit so viel Selbstvertrauen, wie sie aufbringen konnte. Dem Hünen genügte dies anscheinend, denn das Feuer in seiner Hand erstarb und nur ein leichter Rauchgeruch blieb in der Luft haften. Dennoch ließ er den Wächter nicht aus seinen Augen.
»Komm ja nicht auf die Idee, hier irgendwelche krummen Dinger abzuziehen«, wandte er sich leise an Noah. »Du tust, was sie dir sagt. Du atmest nicht einmal ohne ihre Erlaubnis. Ein falscher Schritt und du wirst dir wünschen, niemals aus eurem stinkenden Bunker herausgekrochen zu sein.«
Der Wächter zeigte keine Gemütsregung.
»Behalt ihn im Auge«, wandte Jonas sich nun wieder Marai zu. »Und sollte dir wegen dem da irgendjemand blöd kommen, sagst du mir Bescheid, dann kläre ich das für dich.«
Dieses Mal gelang es Marai nicht, ihre ungerührte Fassade aufrechtzuerhalten. Vor allem da Jonas nun seine große Hand auf ihre Schulter sinken ließ.
»D-danke«, stammelte sie verwirrt.
Er drückte leicht zu. »Na los, zisch ab. Sonst kriegt Celina einen Herzinfarkt.«
Er gab den Weg zur Küche frei und obwohl ein Teil von Marai immer noch damit rechnete, er würde Noah eine runterhauen, blieb er friedlich.
»Das war nicht ganz die Reaktion, mit der ich gerechnet habe«, gab Marai zu, als sie endlich außer Sichtweite waren.
Der Wächter quittierte dies mit einem spöttischen Blick. »Ich muss zugeben, ich bin ebenfalls erleichtert, dass dein kleines Experiment nicht nach hinten losgegangen ist. Noch nicht.«
Sie zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Du hast Jonas doch gehört. Jetzt wird sich bestimmt niemand ernstlich querstellen. Möchtest du etwas trinken?« Sie wandte ihm den Rücken zu und machte sich umständlich daran, den kleinen Campingkocher anzufachen, den Henrik vor einigen Tagen in den Trümmern eines geplünderten Ladens gefunden hatte. »Wir haben noch Tee zur freien Verfügung. Der Kaffee wurde leider rationiert.« Ohne auf eine Antwort zu warten, holte sie zwei Tassen aus dem Schrank und hängte die Teebeutel rein.
»Marai.« Der Nachdruck, mit dem Noah ihren Namen aussprach, ließ sie innehalten. Widerwillig drehte sie sich zu ihm. Mit hochgezogenen Brauen wartete sie darauf, dass er fortfahren und ihr die Standpauke halten würde, die ihr nach solch einer impulsiven Entscheidung zustand, doch der Wächter ließ sich von ihrem Schweigen nicht aus der Ruhe bringen.
»Was ist?«, frage sie, als sie die Stille nicht länger ertrug.
»Danke.«
Beinahe hätte sie mit den Augen gerollt. »Bedanke dich mal nicht zu früh. Zwar gehe ich nicht davon aus, dass dir irgendeine unmittelbare Gefahr droht, zumindest nicht, solange wir Jonas auf unserer Seite haben. Das heißt aber nicht, dass die anderen sonderlich begeistert sein werden.«
Sie beobachtete, wie das Wasser langsam anfing, Blasen zu werfen. Gleichzeitig versuchte sie, das unangenehme Drücken in ihrer Magengegend zu ignorieren, das mit jedem Atemzug zuzunehmen schien. Jetzt, wo ihr Trotz abgeebbt war, wurde ihr erst bewusst, wie wenig sie die Folgen ihrer Impulshandlung abschätzen konnte. Padriacs Worte kamen ihr wieder in den Sinn.
Seine Anwesenheit gießt nur Öl ins Feuer.
Vermutlich hätte sie auf ihn hören sollen. Nicht zum ersten Mal überkam sie das unstillbare Verlangen danach, mit jemandem über die gesamte Misere zu sprechen. Wie sehr vermisste sie Kostjas Stimme in ihren Gedanken. Zurück blieb lediglich das emotionale Vakuum, das er zurückgelassen hatte und das sie immer wieder in die Tiefe zu ziehen drohte.
Auch wenn Marai nach Noahs Befreiung bestrebt gewesen war, das Bild kühler Ungerührtheit an den Tag zu legen, so war sie doch vernünftig genug, keine direkte Eskalation zu provozieren. Für den Rest des Tages ging sie den Übermächtigen, soweit es möglich war, aus dem Weg. Nachdem Noah und sie ihre bitteren Schwarztees hastig geleert und einige leere Stunden in der Bibliothek zugebracht hatten, war es ihr nicht schwergefallen, den Wächter am Nachmittag davon zu überzeugen, sie auf einen Spaziergang durch den Garten zu begleiten. Obwohl Noah seine stoische Gelassenheit nicht abgelegt hatte und selbst auf Marai den Eindruck machte, das alles würde ihn nichts angehen, so musste unter dieser Fassade zumindest ein Funke der Angst schwelen. Das Mädchen kam nicht drumherum, den Wächter für seine Selbstbeherrschung zu bewundern. Ihr selbst konnte jeder die besinnungslose Wut aus dem Gesicht ablesen. Einem Teil von ihr war dies gleichgültig, schließlich gab es keinen Grund, ihre Gefühle zu verschleiern, waren sie doch ohnehin allen Anwesenden bekannt. Dennoch war ihr bewusst, dass diese offene Zurschaustellung ihrer Emotionen als Schwäche ausgelegt werden konnte.
Immer wieder beobachtete Marai den Wächter aus den Augenwinkeln, als wäre es ihr so möglich, hinter seine unbewegte Maske zu linsen, doch auch vor ihr erlaubte Noah sich nicht die geringste Regung. Selbst als sie ihn voll kühler Berechnung in den Teil des Gartens führte, in dem die Golems verweilten, entgleisten ihm die Züge nicht für einen Herzschlag. Dabei waren die grobschlächtigen Gestalten mit den kräftigen Gliedern und den dilettantisch geformten Gesichtern seit ihrer Erweckung noch verstörender als ohnehin schon. Regungslos warteten sie auf Befehle, kein Zucken verriet, dass sie mehr waren als bloße Statuen. Und doch glaubte Marai, etwas Lebendiges in ihnen zu erkennen, etwas, das ihr die Nackenhaare aufstellte und sich kalt um ihre Brust legte. Sie ließ einen von ihnen über die schneebedeckte Wiese marschieren, ihre Aufmerksamkeit mehr auf Noah Scholl gerichtet als auf den Golem, der tiefe Spuren in dem unberührten Weiß hinterließ. Doch auch diese Demonstration brachte seine Ruhe nicht ins Wanken. Er kniff lediglich seine Augen zusammen, wie jemand, der im Begriff ist, die Funktionsweise einer komplexen Maschine zu enträtseln.
Erst als sich die Dunkelheit langsam auf sie herabsenkte wie ein schmutziges Tuch und die Konturen der umstehenden Bäume verwischte, lenkten die beiden ihre Schritte zurück zu Henriks Haus. Das Gebäude hob sich schwarz von dem dämmergrauen Himmel ab und nur in einigen wenigen Fenstern war der flackernde Schein des Feuers zu sehen, das Jonas in den offenen Kaminen entfacht hatte. Obwohl Marai wusste, dass die Villa durch eine Reihe komplizierter Sprüche und Zauber unauffindbar war, bereitete ihr das schwache Leuchten Unbehagen. Mit der Finsternis kam stets die Erinnerung an die Shin’raun und das Parkhaus zurück, in dem sie mit Kostja und Noah die Leichen gefunden hatten. Unwillkürlich rutschte sie etwas näher an den Wächter heran, als wäre er im Falle eines unerwarteten Angriffs nicht ebenso ein leichtes Ziel wie sie.
»Keine Sorge«, brach er unvermittelt die Stille, die sie seit geraumer Zeit begleitet hatte. »Dein leichtentflammbarer Freund ist ein Stück hinter uns. Mit ihm sollte dir keine allzu große Gefahr drohen.«
Erstaunt warf Marai einen kurzen Blick über ihre Schulter. Tatsächlich konnte sie in einigen Metern Entfernung die Gestalt von Jonas ausmachen, der mit den Händen in den Jackentaschen hinter ihnen durch den Schnee stapfte.
»Ich hab gar nicht gemerkt, dass er uns gefolgt ist«, gab sie unumwunden zu. Nicht eine Sekunde war ihr der Gedanke gekommen, einer der Übermächtigen könnte sich an ihre Fersen geheftet haben. »Sein Vertrauen in mein Urteilsvermögen scheint also doch nicht so groß zu sein.«
Noah warf ihr einen spöttischen Blick zu.
»Seine Anwesenheit hat weniger mit deinem Urteilsvermögen zu tun als mit dem Umstand, dass er mir jegliche Gräueltat zutraut«, bemerkte er.
»Hier misstraut doch jeder jedem«, stellte sie mit einem Anflug von Bitterkeit fest, doch sie verstummte, als sich die Umrisse einer Gestalt auf der Terrasse aus der Dämmerung schälten. Das schwache Glimmen einer Zigarette schwebte in Dunkelheit und malte noch tiefere Schatten auf das spärlich beleuchtete Gesicht. Doch selbst wenn sie seine Züge nicht ausmachen könnte, hätte Marai ihn binnen eines Herzschlages erkannt. Abrupt blieb sie stehen, wobei sie beinahe über die hohe Schneekante gestolpert wäre. Neben ihr streckte Noah die Hand aus, um sie im Falle eines Sturzes abzufangen, doch da es für so ein beherztes Eingreifen keine Veranlassung gab, folgte er stattdessen ihrem erschrockenen Blick.
»Alles in Ordnung?«, ertönte hinter ihnen Jonas’ Stimme.
»Ja«, antwortete Noah langsam, da das Mädchen keine Anstalten machte, sich zu Wort zu melden.
»Mit dir habe ich nicht geredet«, blaffte es aus der Dunkelheit.
»Es ist nichts.« Es gelang Marai nicht, das Zittern aus ihrer Stimme zu verbannen. Zornig versuchte sie, den Kloß in ihrem Hals herunterzuschlucken, doch ihre Kehle fühlte sich an, wie Schmirgelpapier. Anscheinend hatte ihre Antwort keine sonderlich beruhigende Wirkung auf ihren Leibwächter, denn Jonas hatte bereits zu ihnen aufgeschlossen. Die Hände hatte er aus den Taschen genommen, doch zumindest standen sie nicht in Flammen. Noch nicht.
Der Aufruhr im Garten war auch der Gestalt auf der Terrasse nicht entgangen. Das Glimmen der Zigarette erstarrte für einige Sekunden in der gleichen Position, ehe es im hohen Bogen in der Finsternis verschwand. Dann beugte der Mann sich über das Geländer, als könne er so genauer erkennen, was sich dort unter ihm abspielte. Jonas, der ihn nun ebenfalls bemerkt hatte, stieß einen entnervten Seufzer aus.
»Der hat mir jetzt auch noch gefehlt«, brummte er zu sich selbst. Obwohl Marai schwieg, konnte sie dem Hünen nur aus ganzem Herzen beipflichten. Wenn es einen Menschen auf der Welt gab, den sie nicht sehen wollte, dann ihn. Dennoch würde sie sich garantiert nicht die Blöße vor ihm geben, wie ein eingeschüchtertes Reh im Garten herumzustehen, nur weil Casper mal wieder das Bedürfnis nach einer Zigarette hatte. Ohne seiner Anwesenheit irgendeine weitere Reaktion zuzugestehen, stieg sie die breite Treppe zur Terrasse hinauf. Das Knirschen des Schnees verriet ihr, dass auch Noah und Jonas ihrem Beispiel gefolgt waren.
»Marai?«
Sie wäre an ihm vorbeigelaufen, aber der leise Schmerz, mit dem Casper ihren Namen aussprach, ließ sie widerwillig innehalten. Dennoch weigerte sie sich, ihn auch nur anzusehen. Stattdessen starrte sie durch die hohen Fenster ins Wohnzimmer, wo sich so gut wie alle anderen Übermächtigen versammelt hatten. Sie konnte Padriac und Alissa erkennen, die am Esstisch saßen und angeregt miteinander sprachen. Zwischen den feinen Brauen der Träumerin hatte sich eine tiefe Sorgenfalte eingegraben.
»Marai«, wiederholte Casper beinahe flehend. Das überraschte sie nun doch ein wenig. Sie hatte erwartet, die Anwesenheit Noahs würde ihn explodieren lassen wie eine Bombe, aber er schien den Wächter nicht einmal wahrzunehmen. Erst jetzt wurde Marai bewusst, dass er bereits von Padriac über ihre neuste Verrücktheit auf den aktuellen Stand gebracht worden sein musste und folglich alles andere als überrascht war, sie in der Begleitung Noah Scholls vorzufinden. Nun gut, dann konnte es um seinen Seelenfrieden zumindest nicht allzu schlecht bestellt sein. Sie wollte ihn hier draußen stehen lassen, zerfressen von seinen eigenen Schuldgefühlen, die ihn hoffentlich nachts genauso wenig schlafen ließen wie dieses emotionale Vakuum sie, das er in ihr hinterlassen hatte. Und doch gehorchten ihre Beine nicht, als wären sie auf den Marmorplatten festgefroren. Sie hasste ihn dafür, dass er nach wie vor so eine Macht über sie hatte.
Was auch immer er ihr sagen wollte, es gelang ihm nicht. Er warf Jonas und Noah einen gepeinigten Blick zu, doch wenn er gehofft hatte, sich auf diese Weise etwas Privatsphäre mit dem Mädchen zu erbitten, so musste er sich eine Niederlage eingestehen. Keiner der beiden machte auch nur die geringsten Anstalten, sich der ungelenken Situation zu entziehen. Zumindest Noah besaß genügend Taktgefühl, um ein paar Schritte Abstand zu ihnen zu halten, doch Jonas hatte sich mit verschränkten Armen neben Marai aufgebaut und starrte ihn herausfordernd an.
»Marai, bitte …«, fing Casper nun zum dritten Mal mit bebender Stimme an. »Können wir reden, nur für einen Moment?«
Er trat ein paar verzweifelte Schritte auf sie zu, doch darauf hatte Jonas gewartet.
»Hey, du kennst die Regeln.« Mit erhobenem Kinn baute er sich vor Casper auf. »Du fasst sie nicht an. Du sprichst sie nicht an. Du siehst sie nicht einmal an. Wenn sie was von dir will, wird sie dich das schon wissen lassen. Bis dahin hältst du dich von ihr fern.«
Jetzt würde Casper sicherlich in die Luft gehen, schließlich hatte Jonas es selbst an guten Tagen geschafft, ihn mit deutlich harmloseren Aussagen in Rage zu versetzen. Doch die Wut, auf die sie wartete, blieb nach wie vor aus. Casper sah sie nur mit diesem grauenvollen Schmerz an, der ihr seit Kostjas Verschwinden so vertraut war. Vor Kurzem noch hätte es ihr die Tränen in die Augen getrieben und es wäre ihr schier unmöglich gewesen, ihm nicht jede Verfehlung zu verzeihen. Doch obwohl es weh tat, ihn so zu sehen, fand sie keinen Funken des Mitgefühls für ihn. Stattdessen warf der Zorn in ihr erneut Blasen und drohte, in kürzester Zeit seinen Siedepunkt zu erreichen. Wie konnte er es wagen, sie mit solchem Schmerz anzusehen? War er nicht einer der Gründe für all das Leid, das auf sie herabgestürzt war? Und hatte nicht er diejenige ihr vorgezogen, die ihnen Kostja genommen hatte? Sollte er doch an seinem verfluchten Elend ersticken!
»Ich habe ihm nichts zu sagen«, antwortete sie mit einer Härte, die sie selbst erschreckte. Dieses Mal wich sie Caspers Blick nicht aus, sie wollte sehen, wie er unter ihren Worten zusammenzuckte, wie der Kummer ihn langsam ertränkte. Eine gemeine Genugtuung strömte durch ihre Adern wie Gift, als er den Kopf senkte und die Zähne zusammenbiss. Doch das Gefühl verebbte so schnell, wie es gekommen war, und hinterließ einen schalen Nachgeschmack.
»Komm, Mädchen.« Jonas legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Es ist scheißkalt hier draußen.«
Ohne Gegenwehr ließ sie sich von ihm durch die Terrassentür ins Innere des Wohnzimmers führen. Die Gespräche verstummten, als seien sie mit einem Messer abgeschnitten worden, als Marai mit Jonas und dem Wächter im Schlepptau eintrat.
Sie starren mich an, als wäre ich diejenige, die uns alle an die Elfen und die Shin’raun ausgeliefert hat.
In der hintersten Ecke erkannte sie Lara, die mit blassen Wangen und geröteten Augen zwischen Celina und Christoph saß und mit unsteten Fingern eine dampfende Tasse umklammert hielt. Ihr ganzer Körper spannte sich an wie eine Bogensehne und sie machte den Eindruck, als würde sie jeden Moment zu heulen anfangen, wie es ihre Art war.
Das Schweigen folgte Marai bis in den Flur hinaus, ehe die schwere Tür mit einem dumpfen Knall hinter ihr zufiel.
2
Spurensuche
Waren die Tage in Henriks Villa für Marai eine Qual, so ertrug sie diese immer noch leichter als die schier unendlichen Nächte, die dunkler waren als jemals zuvor. Stundenlang starrte sie in die Finsternis, so lange, bis sie glaubte, Muster und Gestalten zu erkennen, die sich langsam zu Bildern zusammenfügten. Die Kathedrale, die Runen, die feucht in das schwere Pergament sickerten, die brennende Schwimmhalle und schließlich – Kostja. Manchmal kam es ihr so vor, dass sie nur die Hand nach ihm auszustrecken brauchte, um ihn zu berühren, so deutlich konnte sie jedes Detail ausmachen; die kleine Narbe neben seiner Augenbraue, die Art, wie er beim Lächeln einen Mundwinkel leicht höher zog. Doch ihre Gedanken blieben leer, seine dunkle Stimme wehte nicht durch sie hindurch. Sie war allein.
Nur wenige Meter von ihr entfernt schliefen Jonas und Elisa fest aneinandergeschmiegt, ihr Atem leise und gleichmäßig. Die zwei taten alles, um ihr ein Gefühl des Halts zu vermitteln, viel mehr, als Marai ihnen zugetraut hätte. Manchmal, wenn sie darüber nachdachte, zog sich ihr Inneres vor Dankbarkeit zusammen, und sie war wütend auf sich selbst, dass die Bemühungen der beiden nicht ausreichten, um die Wunden zu schließen. Nein, stattdessen zog es ihr dummes Herz weiterhin zu Casper, obgleich sie wusste, wem er in diesen Augenblicken zur Seite stand und Trost spendete.
Doch nicht nur das war der Grund für die zahlreichen schlaflosen Stunden, in denen sie sich in ihrem Bett hin und her wälzte. Die Vorstellung, Alissa könnte sich ihre Gabe zunutze machen und sie in ihren Träumen heimsuchen, genügte, um sie nie tiefer gleiten zu lassen als in einen unruhigen Halbschlaf, der sie erschöpft und dementsprechend gereizt zurückließ.
»Möchtest du etwas frühstücken?«, fragte Elisa sanft, als Marai am nächsten Morgen im Begriff war, ihre Haare zu einem unordentlichen Dutt hochzudrehen.
»Ich habe keinen Hunger.«
Die Loreley seufzte. »Marai, das kann so nicht weitergehen.«
Ihre Offenheit brachte Marai aus dem Konzept. Fragend wandte sie sich der jungen Frau zu. »Wieso? Unsere Nahrung wird ohnehin langsam knapp. Ist doch gut, wenn wir sparsam sind.«
»Erzähl mir nicht, dass Sparsamkeit der Grund ist. Du hast kaum etwas gegessen, seit …« Sie brach ab, als fürchtete sie, zu weit vorgedrungen zu sein.
»Seit?« Marais Stimme war merklich kälter geworden.
Elisa zögerte, dennoch hielt sie der kühlen Verdrossenheit stand, die ihr nun entgegenschlug. »Seit wir Kostja verloren haben«, beendete sie leise.
Marai rechnete es ihr hoch an, dass sie seinen Namen erwähnte, statt sich einer ausweichenden Umschreibung zu bedienen. Ein bitteres Schnauben konnte sie sich trotzdem nicht verkneifen.
»Verloren haben«, echote sie düster. »So kann man es natürlich auch beschreiben.«
Elisas Lippen verzogen sich zu einer schuldbewussten Grimasse, aber noch immer ließ sie sich nicht aus der Fassung bringen. »Ich werde nicht so tun, als wüsste ich, was du durchmachst. Nicht nur wegen Kostja, sondern …«
Dieses Mal sprach sie den Satz nicht zu Ende. Das ungeschriebene Naturgesetz, das es verbot, Casper in Marais Gegenwart auch nur zu erwähnen, hielt sie zurück. Stattdessen schlug sie einen anderen Pfad ein.
»Wir wissen nicht einmal, was genau mit ihm passiert ist«, wagte sie sich tapfer vor. »Wenn er an demselben Ort gelandet ist wie du, dann ist er am Leben. Aber du brauchst deine Kräfte, um irgendetwas auszurichten. Du wirst weder gegen Perrin bestehen noch Kostja helfen können, wenn du nicht auf dich achtest.«
Sie machte eine Geste, als wolle sie Marai in den Arm nehmen, bremste sich jedoch. Es versetzte dem Mädchen einen Stich zu sehen, wie sehr die Loreley sich um sie bemühte. Am liebsten hätte sie etwas Aufmunterndes zu Elisa gesagt, aber jegliche Zuversicht war ihr längst verloren gegangen.
»Denkst du wirklich, ich hätte nicht versucht, ihm zu folgen?«, fragte sie schärfer als beabsichtigt. »Ich tue nichts anderes, als irgendwie wieder den Weg dorthin zurückzufinden. Aber meine sogenannten Fähigkeiten sind komplett für die Tonne. Ich kann nichts aus eigenem Antrieb tun, ich reagiere lediglich. Und von euch kann ich diesbezüglich keinerlei Hilfe erwarten, nichts für ungut. Die einzige Hoffnung, die Kostja hat, bin ich, demzufolge ist er dermaßen aufgeschmissen, das glaubst du gar nicht. Da ist es völlig egal, ob ich esse und schlafe oder nicht.«
Sie hatte gar nicht bemerkt, wie sie sich in Rage redete. Erst das Knistern und die flirrenden Vibrationen der Luft um sie herum ließen sie innehalten. Auch Elisa war die Änderung der Atmosphäre nicht entgangen. Beunruhigt wanderte ihr Blick durch das Zimmer, als wartete sie nur darauf, dass etwas in Flammen aufging.
Marai fühlte sich mit einem Mal schrecklich müde. »Keine Sorge, ich zünde schon nichts an.« Sie vermochte selbst nicht zu sagen, weshalb sie so sicher war. Hastig drehte sie der Loreley den Rücken zu, um ihr so das Ende des Gesprächs anzuzeigen.
»Marai?«
Entweder hatte Elisa keinen Sinn für subtile Andeutungen oder sie war hartnäckiger, als das Mädchen angenommen hatte. Widerwillig wandte sie sich um. »Ja?«
»Es tut mir wirklich von ganzem Herzen leid.«
Dieses Mal wusste Marai nichts zu erwidern und für einen Augenblick war sie nicht sicher, ob sie die Tränen zurückhalten konnte. Sie räusperte sich kurz, in der Hoffnung, ihrer Stimme einen festen Klang zu verleihen.
»Trefft ihr euch heute wieder mit denen aus den anderen Gruppen?«, wechselte sie halbwegs glatt das Thema. Im Grunde war es ihr gleichgültig. Mehr als nur einmal hatte sich ihr der Gedanke aufgedrängt, zu Perrin zu marschieren und der ganzen leidigen Angelegenheit ein Ende zu setzen, indem sie sich entweder auf dem Silbertablett servierte oder ihn auf wundersame Weise kaltmachte.
Elisa schien ihr Interesse jedoch als gutes Zeichen zu deuten, denn die Sorge, die sie eben noch zur Schau gestellt hatte, ebbte ein wenig ab. »Ja. Wir müssen sie auf den neusten Stand bringen, was die Golems anbelangt. Sie wissen nicht, dass Henrik und Quint es geschafft haben, sie zum Leben zu erwecken«, erzählte sie mit vorgetäuschtem Enthusiasmus. »Außerdem haben auch die anderen noch ein paar … nennen wir es ›Projekte‹, von denen sie uns berichten wollten. Möchtest du nicht mitkommen?«
Hätte Elisa sie noch vor einer Woche gefragt, wäre Marai bereits startklar an der Tür gewesen, doch nun widerstrebte ihr der bloße Gedanke an ein solches Unterfangen.
»Nein, danke. Ich bin sicher, ihr kommt auch ohne mich zurecht.«
Elisa machte den Eindruck, als ob sie noch etwas sagen wollte, aber dann besann sie sich eines Besseren. Wahrscheinlich war sie sich sehr wohl der Tatsache bewusst, dass es nur wenig gab, das Marai einen Ausflug in der Begleitung Caspers und Laras schmackhaft gemacht hätte.
»Vielleicht morgen«, sagte sie mit einem schwachen Lächeln. »Jonas kann dir ja nachher Gesellschaft leisten, während wir weg sind. Ihr werdet bestimmt etwas finden, um euch die Zeit zu vertreiben.«
»Er muss nicht wegen mir hierbleiben«. Die Worte kamen ungeduldiger heraus, als sie beabsichtigt hatte. »Gerade Jonas könnt ihr im Fall eines Kampfes gut gebrauchen. Als die Shin’raun an der Kathedrale angegriffen haben, wärt ihr ohne ihn aufgeschmissen gewesen.«
Elisas Hand schoss instinktiv zu dem Verband an ihrer Schulter, der durch den Pullover verborgen wurde. Sie war nicht die Einzige, die Wunden davongetragen hatte. Lediglich Padriac, den die Shin’raun mieden wie der Teufel das Weihwasser, und Victor, der von seiner Gabe ohne Zögern Gebrauch gemacht hatte, waren heil heimgekehrt. Zum Glück waren die meisten Verletzungen nur oberflächlich gewesen, Kratzer und Blessuren, die sich rasch hatten verbinden lassen und die zwar schmerzhaft, aber nicht ernst waren. Nur Resa hatte zwei Tage lang das Bett hüten müssen, ehe sie ihr Knie wieder belasten konnte.
»Mach dir um uns keine Sorgen«, winkte Elisa entschlossen ab. »Wir kommen auch ohne Jonas zurecht. Außerdem weißt du ganz genau, dass es fahrlässig wäre, dich ohne Schutz zurückzulassen.«
Marai verkniff sich den Hinweis auf ihre eigenen Fähigkeiten, so unausgereift wie sie waren. »Ich weiß genau, dass ihr ihn vor allem wegen Noah hierlasst.«
Elisas Lippen wurden schmal. »Das kannst du uns nicht ernsthaft übelnehmen.«
»Schon gut.« Marai zuckte die Achseln. Ihr stand nicht der Sinn danach, das Gespräch in diese Richtung zu lenken. Die Fronten waren bereits festgefahren genug, ohne dass sie den Wächter mit hineinzog. »Viel Glück bei eurem kleinen Ausflug. Und pass auf dich auf, ja?«
Sie gab Elisa keine Gelegenheit mehr zu antworten. Stattdessen machte sie sich, wie es ihrer Gewohnheit entsprach, auf den Weg zum Dachboden. Obwohl sich die Loreley ganz offensichtlich einen anderen Ausgang des Gesprächs gewünscht hatte, so war es ihr dennoch unwissentlich gelungen, ein winziges Samenkorn in Marai zu pflanzen. Es waren nicht ihre fruchtlosen Bemühungen, zu dem Mädchen durchzudringen, die Wurzeln geschlagen hatten. Vielmehr war es die vorsichtige Chance auf Kostjas etwaige Rettung, die sich leise aus ihren Worten herauskristallisiert hatte. Sie mochten sich zwar noch nicht allzu lange kennen, doch sie schien Marai nicht der Typ für leere Versprechungen und falsche Hoffnungen zu sein. Denn dass es eine Möglichkeit gab, in diese fremdartige Welt hinabzutauchen, stand außer Frage. Die Resignation, die von Marai Besitz ergriffen hatte, wurde durch eine Welle der Verbissenheit abgelöst und plötzlich konnte sie nicht schnell genug bei Noah sein. Dieser hatte sich, obgleich der Dachboden nicht länger abgeschlossen war, abends gehorsam von Marai hinaufbringen lassen und sie war sicher, dass er dort auf ihre morgendliche Ankunft wartete.
»Ich muss mit dir reden«, platzte es aus ihr heraus, noch bevor sie die Tür komplett aufgestoßen hatte.
Noah, der über eine Schüssel voll Wasser gebeugt stand, ließ seinen Einwegrasierer sinken.
»Guten Morgen«, grüßte er sie mit hochgezogenen Brauen, doch Marai war nicht in der Stimmung für Plaudereien.
»Erinnerst du dich daran, als ich auf dem Bahnsteig verschwunden bin?«
»Glaubst du wirklich, ich könnte so etwas jemals vergessen?« Hastig trocknete er sich das Gesicht mit einem kleinen Handtuch ab.
»Ich möchte, dass du mir genau erzählst, was du beobachtet hast«, fuhr Marai fort, wobei sie seinen Einwand ignorierte. »Alles, was dir aufgefallen ist. Egal was.«
Die Erkenntnis, die sich nun in seinen Zügen abzeichnete, irritierte sie ein wenig, doch sie schob diese Empfindung rasch beiseite.
Noah hingegen seufzte tief. »Ich fürchte, das wird eine sehr kurze Erzählung. Was auch immer mit dir geschehen ist, ging so schnell vonstatten, dass weder der Junge noch ich Zeit hatten, es zu realisieren.«
»Aber du hast es doch gesehen«, drängte Marai ihn ungeduldig. »Irgendetwas muss dir im Gedächtnis geblieben sein. Das ist ja nichts, was alle Tage passiert.«
Beinahe erwartete sie, er würde widersprechen, aber Noah fuhr sich nur nachdenklich mit der Hand über sein unsauber rasiertes Gesicht. »Ich erinnere mich daran, dass die Luft um dich herum ganz sonderbar ausgesehen hat. Nur für einen Moment. Als wäre die Realität, die dich umgab, plötzlich … dünner geworden.« Er zögerte. »Aber ich kann dir nicht sagen, wie verlässlich dieses Bild ist. Ich kann nicht ausschließen, dass es sich lediglich um eine optische Täuschung gehandelt hat, ausgelöst durch Adrenalin und Panik. Es ging alles so verdammt schnell. Und du darfst nicht vergessen, wie viele Shin’raun um uns herum waren. Ich muss leider gestehen, dass meine Aufmerksamkeit dadurch ein wenig gelitten hat.«
Marai hörte ihm nur noch mit halbem Ohr zu. Seine Beschreibungen erweckten Bilder zum Leben, die sie am liebsten festgehalten hätte. Die Art, wie die Luft um Kostja geflimmert hatte, als wäre sie zum Bersten gespannt. Der Riss, den sie zu sehen geglaubt hatte.
»Denkst du, ich könnte es wieder tun?«, fragte sie langsam. »Willentlich, meine ich. Nicht so wie auf dem Bahnsteig. Oder in der Schwimmhalle.« Das Letzte fügte sie kaum hörbar hinzu.
»Ich sehe keinen Grund, weshalb es nicht möglich sein sollte«, antwortete er vorsichtig. »Es ist dir bereits zweimal gelungen, die Fähigkeiten dafür besitzt du. Allerdings bin ich nicht sicher, ob du sie erzwingen kannst.«
»Das ist mir auch schon aufgefallen«, brummte Marai entnervt. »Deswegen dachte ich, dass ich es irgendwie … rekonstruieren kann. Meinen eigenen Spuren folgen, sozusagen.«
Sie schwiegen eine Weile.
»Darf ich etwas dazu sagen?«
Seine ausgesuchte Höflichkeit ließ sie aufblicken.
»Es wird dir vermutlich nicht gefallen.« Er holte tief Luft, wie um sich schon mal gegen ihre Reaktion zu wappnen. »Beide Male, als du diese Passage geöffnet hast, warst du in einem emotionalen Ausnahmezustand und hast dich blind von deinen Instinkten leiten lassen. Du hast rein impulsiv gehandelt, es lag niemals in deiner Absicht, einen solchen Durchgang, oder wie auch immer du es nennen magst, zu kreieren. Eine solche Kraft kontrollieren zu lernen, könnte Monate dauern, wenn nicht noch länger.«
»Aber so viel Zeit habe ich nicht. So viel Zeit hat Kostja nicht!«, unterbrach sie ihn gereizt.
»Natürlich nicht«, gab Noah unumwunden zu. »Wenn du mich fragst, hast du zwei Möglichkeiten: Entweder wir warten darauf, dass sich in den kommenden Tagen eine ähnliche Notsituation ergibt, in der du instinktiv die Realität dahingehend manipulierst, dass sie dich verschluckt. Oder du konzentrierst dich auf den Krieg und schulst deine Fähigkeiten gezielt, sobald er vorbei ist.«
Zumindest in einem Punkt behielt Noah recht: Die Vorschläge gefielen ihr ganz und gar nicht. Andererseits wusste sie nicht, was sie erwartet hatte. Der Wächter war nun mal kein Übermächtiger. Das zweite Gesicht ließ ihn die Welt so wahrnehmen, wie sie war, aber das bedeutete nicht, dass er auch die Fähigkeit hatte, sie nach seinen Vorstellungen zu verändern. Dass er ihr keine handfesten Lösungen lieferte, mit denen sie etwas anfangen könnte, hätte sie vorhersehen müssen. Stattdessen stellte sich kalte Enttäuschung in ihr ein, die ein scharfes Gefühl von wütend machender Hilflosigkeit nach sich zog. Sie wollte schon die Fäuste ballen und etwas Beißendes hervorzischen, als ihr ein unvorhergesehener Gedankenblitz kam. Einer, der ihr bereits vor drei Jahren durch den Kopf geschossen war und ihr Leben aus den Weichen gehoben hatte.
Bücher.
Antworten fand man in Büchern. Und im Gegensatz zur Städtischen Bibliothek hatte Henriks Sammlung eine beeindruckende Vielfalt an Werken über die magische Welt und ihre Absonderlichkeiten.
Marai wartete geduldig, bis sich die Übermächtigen wie von Elisa angekündigt auf den Weg machten. Nur Jonas blieb zurück, doch gegen diesen Umstand hatte das Mädchen keine Einwände mehr. Für einen kurzen Moment war ihr das Herz stehengeblieben, als Casper Anstalten machte, ebenfalls zu bleiben, vermutlich um den weiteren Versuch einer Aussprache zu unternehmen. Es waren Christoph und Alissa gewesen, die leise auf ihn einredend seinen überaus dämlichen Plan vereitelt hatten. Es dauerte trotzdem beinahe den gesamten Vormittag, bis sich Marai von diesem Schreckmoment erholt hatte, zumal die Enttäuschung, die sie angesichts seines Aufbruchs verspürt hatte, sie mehr ärgerte, als sie sich selbst eingestehen mochte. Sie war froh über die Ablenkung, die ihr heute zuteilwerden würde, und sie schalt sich selbst eine Idiotin, weil ihr die Idee nicht schon viel früher gekommen war.
Das Gefühl verwässerte erst in dem Moment, als sie mit Jonas und Noah im Schlepptau die schwere Tür zu Henriks Bibliothek aufstieß. Sogleich schlug ihr das Flüstern unzähliger Bücher entgegen, getragen vom Geruch staubigen Papiers und alter Druckerschwärze. Sie schloss die Augen und ließ sich von der Illusion des Heimkommens umspülen. Beinahe glaubte sie, die zahlreichen Stunden, die sie in der Stadtbibliothek zugebracht hatte, heraufbeschwören zu können.
»So, und was jetzt?«, brach Jonas die fragile Atmosphäre. Ostentativ ließ er seinen Blick über die Regale schweifen, die sich in langen Reihen bis zur Decke auftürmten. Bereits als Marai ihn von diesem Unterfangen in Kenntnis gesetzt hatte, hatte sich seine Begeisterung in Grenzen gehalten. Die Anwesenheit des Wächters tat ihr Übriges, um seine Laune gen Nullpunkt tendieren zu lassen. Die Aussicht, seine Nase in Bücher stecken zu müssen, trug auch nicht sonderlich dazu bei, seinen Gemütszustand zu verbessern.
»Wir suchen nach Büchern über magische Rituale und die Welt hinter der Welt«, entgegnete Marai mit einem Anflug längst verlorengeglaubter Hoffnung. »Bei der Sammlung, die Henrik angehäuft hat, muss es hier irgendetwas geben, das uns helfen kann, Kostja zu finden.«
Jonas’ Mundwinkel zuckte skeptisch, doch er brachte es nicht über sich, ihre neu entfachte Zuversicht zu ersticken. Gehorsam trottete er hinter ihr her.
Marai ließ die ersten Regale, von denen sie wusste, dass sie ausschließlich Romane enthielten, achtlos hinter sich und steuerte den Teil der Bibliothek an, der die magischen Fachschriften enthielt. Mittlerweile kannte sie sich hier einigermaßen aus, so häufig, wie sie Bücher für Noah geholt hatte.
Schwungvoll schob sie die dunkle Rollleiter die Regale entlang, ehe sie die Sprossen erklomm.
»Sei vorsichtig«, mahnte Noah von unten, während er besorgt den Kopf in den Nacken legte.
Marai ignorierte seine Warnung, während sie ihren Zeigefinger die verschlissenen Buchrücken entlang gleiten ließ. »Passt auf, ich reiche euch schon mal paar Bücher an, mit denen wir anfangen können …«
Weiter kam sie nicht, denn in just diesem Moment hatte sie mit einiger Anstrengung den ersten Wälzer aus den dichtbepackten Reihen gehievt – der sie prompt mit sich zog. Mit einem Quieksen rutschte sie mehrere Sprossen der Leiter hinab. Erst ein fluchender Jonas beendete ihre Schlitterpartie.
»Warum bist du so?«, brummte er mit einer Mischung aus Vorwurf und Resignation. Kopfschüttelnd stellte er sie wieder auf die Beine. Bevor sie etwas erwidern konnte, erklomm er die Leiter und begann konzentriert die Titel zu studieren, ehe er Noah und ihr eine umfassende Auswahl herabreichte. Schon bald arbeiteten sie sich durch die altertümlichen Schriften, die vor ihnen ausgebreitet auf dem runden Mahagonitisch lagen. Dabei gab sich Marai redlich Mühe, Jonas’ demonstrativ unmotiviertes Blättern und sein gelangweiltes Stöhnen zu ignorieren. Der Hüne machte keinen Hehl daraus, dass er nur mitmachte, um ihr die Laune nicht zu verderben, und dafür war sie ihm mehr als dankbar. Es verstärkte das Gefühl, das Elisa an diesem Morgen in ihr geweckt hatte, und sie war fest entschlossen, die Bibliothek nicht eher zu verlassen, bis sie zumindest einen Anhaltspunkt hatte, der sie ihrem Ziel näherbringen würde.
Doch schon nach wenigen Stunden machte sich Ernüchterung in ihr breit. Henriks Bibliothek war zwar deutlich besser ausgestattet, als Marai zu hoffen gewagt hatte, aber entweder war ihr Problem zu spezifisch, um in den Werken Erwähnung zu finden, oder (und dieser Gedanke erschreckte sie mehr, als sie sich eingestehen mochte) so wenig bekannt, dass schlicht keine Informationen darüber existierten. Sie hatte es aufgegeben, neue Bücher zum Tisch zu schleppen, und hatte sich stattdessen zwischen den Regalen auf dem Boden niedergelassen. Um sie herum waren die Bücherstapel in die Höhe gewachsen, weitere Folianten lagen neben ihr – teils aufgeschlagen, teils mit provisorischen Lesezeichen markiert, für die Marai ein paar Haargummis und Kaugummipapierchen verwendet hatte, obgleich der Informationsgehalt der Passagen mehr als dürftig war. Mit jeder ergebnislosen Seite nahm ihre Frustration zu und immer öfter entschlüpfte ihr ein entnervtes Seufzen. Noah und Jonas hüteten sich, sie auf die Sinnlosigkeit ihres Unterfangens hinzuweisen, doch auch sie legten ein Buch nach dem anderen auf den Stapel, der nur darauf wartete, weggeräumt zu werden.
Die Mittagszeit war längst verstrichen und allmählich meldete sich Marais Magen zu Wort, doch sie weigerte sich, ihm nachzugeben. Wer wusste schon, ob Kostja in den Tiefen der Realität, in die er gestürzt war, nicht ebenfalls Hunger litt? Allein die Vorstellung genügte, um Marais Hals zuzuschnüren. Mit neuer Verbissenheit griff sie nach dem nächsten Buch, als ein erstickter Laut vom Tisch sie aufblicken ließ.
»Das darf doch nicht wahr sein«, brachte Jonas gepresst hervor, wobei er das vor sich aufgeschlagene Buch anstarrte, als hätte es ihn gebissen.
»Was ist los?« Heiße Aufregung wallte in Marai auf. Ungelenk rappelte sie sich vom Boden auf. »Hast du etwas gefunden?«
»Und ob«, grunzte Jonas düster. »Hört euch das mal an: Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine Loreley ihre Gabe in gewissen Situationen unbewusst einsetzt. Starke Bedürfnisse und Vorlieben können durchaus einen Einfluss auf die Stimmgewalt haben, ganz gleich wie subtil er sich gestaltet. Daher ist es imperativ für eine Loreley, sich genau mit ihren eigenen Wünschen und etwaigen Verlangen auseinanderzusetzen, um sie gezielt zu erkennen und nicht ihren Willen anderen unwissentlich aufzuzwingen.«
Seine Stimme überschlug sich beinahe vor Entrüstung. Marai hingegen starrte ihn verwirrt an. Selbst Noah hatte mit gerunzelter Stirn sein Buch sinken lassen.
»Verstehst du denn nicht?«, fuhr Jonas ungeduldig fort. »Hast du eine Ahnung, wie oft ich im vergangenen Jahr diese vollkommen irrationale Lust auf Anchovipizza bekommen habe, wenn ich mit ihr zusammen war? Wir haben bestimmt einmal die Woche diese verdammte Pizza bestellt!«
Marai und Noah wechselten einen verständnislosen Blick.
»Marai, ich hasse Anchovis. Dieses verdammte Biest!«
Anklagend stierte er auf die eng bedruckte Seite, als enthielte sie das gesamte Unglück seines Lebens. Marai hingegen überlegte, ob sie ihm besagtes Buch nicht über den Schädel ziehen sollte.
Ein unvermitteltes Trommeln gegen die Fensterscheibe ließ sie zusammenzucken. Sofort hatte Jonas sein kleines Problem vergessen und war mit einem Satz aufgesprungen, als könne allein seine Nähe ihr Schutz bieten. Dann entspannte er sich, als er den Raben auf dem Fenstersims erkannte.
