M. Das Buch des Krieges - Antonio Scurati - E-Book

M. Das Buch des Krieges E-Book

Antonio Scurati

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Beschreibung

Ein mahnendes Beispiel für die Politik in Europa Mussolinis Untergang – packend erzählt Als Benito Mussolini im Juni 1940 vom Balkon des Palazzo Venezia aus »die Stunde der unwiderruflichen Entscheidungen« verkündet, ist das der Anfang vom Ende: Der unaufhaltsame Niedergang des Faschismus hat begonnen. Mitreißend und brillant schildert der Roman den Kriegsverlauf an den Fronten: von Afrika bis Griechenland, vom Balkan bis zu den Alpen, wo die italienischen Armeen auch Engländern und Franzosen gegenüberstehen. Doch die verhängnisvollen Entscheidungen und katastrophalen Niederlagen häufen sich – und die Welt lässt sich von Benito Mussolini nicht mehr täuschen. Glänzend rekonstruiert Antonio Scurati Mussolinis erschreckenden Wahn und seinen Niedergang. »Das Buch des Krieges« ist ein großer literarischer Wurf und ein Mahnmal gegen den Faschismus. 

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Seitenzahl: 751

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Dies ist der Umschlag des Buches »M. Das Buch des Krieges« von Antonio Scurati, Verena von Koskull

Antonio SCURATI

M

DAS BUCH DES KRIEGES

Roman

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull und Michael von Killisch-Horn

Klett-Cotta

Impressum

Questo libro è stato tradotto grazie a un contributo per la traduzione assegnato dal Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale italiano.

Die Übersetzung dieses Buches kam dank einer Förderung des Italienischen Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten und Internationale Zusammenarbeit zustande.

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »M. L’ora del destino«

im Verlag Bompiani, Mailand

© 2024 Antonio Scurati. Published by arrangement with The Italian Literary Agency

Für die deutsche Ausgabe

© 2024 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte sowie die Nutzung des Werkes für Text und

Data Mining i. S. v. § 44 b UrhG vorbehalten

Printed in Germany

Cover: Klett-Cotta-Design, nach einem Entwurf von Anzinger & Rasp Kommunikation GmbH, München

Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen

Gedruckt und gebunden von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-608-98827-7

E-Book ISBN 978-3-608-12357-9

»Das Opfer ist der Held unserer Zeit. Opfer zu sein verleiht Prestige, verschafft Aufmerksamkeit, verspricht und fördert Anerkennung, erzeugt machtvoll Identität, Anrecht, Selbstachtung.« Das hat uns Daniele Giglili in einem vor einigen Jahren erschienenen, wegweisenden Essay gelehrt. Womöglich war auch das ein Grund, weshalb ich mich zu dem Versuch entschloss, den Faschismus aus der Perspektive der Faschisten zu erzählen, aus einer Perspektive, die den Fokus vor allem auf die Vollstrecker der Gewalt, denn auf ihre Opfer legt. In diesem Sinne schildere ich im vorliegenden vierten Band die entscheidenden Jahre des Zweiten Weltkrieges aus dem Blickwinkel der Italiener an sämtlichen Kriegsfronten, an die Benito Mussolini sie schickte - aus dem Blickwinkel der Täter. Tatsächlich darf keinesfalls aus dem Gedächtnis verloren werden, dass die Italiener als Aggressoren und Invasoren überall dort kämpften, wohin der Faschismus sie zu töten und zu sterben verdammt hatte: in Griechenland und Albanien, in Nordafrika, in Jugoslawien und in Russland. Doch darf diese Gewissheit uns nicht vergessen lassen, dass die unselige, vernunftwidrige, verbohrte Entschlossenheit der Faschisten, unsere Väter und Großväter in den Reihen der Nazi-Verbrecher kämpfen zu lassen, nicht nur die Angegriffenen, sondern auch die Angreifer zu Opfern machte. Ein ganzes Volk endete im Schlachthaus der Geschichte. Unser Volk.

1940

Italo BalboTobruk, 28. Juni 1940

Der Mann am Steuer des Höhenbombers hat die lodernden Flammen fest im Blick. Voraus der Rauch der Brände, die sich im Osten erheben, im Rücken das letzte Licht der sinkenden Sonne am westlichen Horizont. Das ist nun einmal das Schicksal der im Abendland Geborenen.

Seine Augen, blind für die beiden Unermesslichkeiten – die blauschimmernde des Meeres und die goldgelbe der Wüste –, sind über das funkelnde Armaturenbrett hinweg auf das Flugfeld geheftet, das übersät ist von kleinen Bränden infolge der Detonationen.

Was siehst du, Pilot, in den orangegelben Lohen dort unten im Osten? Die Vergangenheit, die Zukunft oder nur die dumme Ewigkeit der Gegenwart? Ist dieser trübe, blakige Qualm aus Naphta und Pech das seit Anbeginn der Zeit von Dichtern besungene größte Schauspiel der Welt, der Krieg?

Während Italo Balbo am Steuer seiner dreimotorigen SM.79 sitzt, kommt um 17:30 Uhr des 28. Juni 1940 Tobruk in Sicht. Balbo ist vierundvierzig Jahre alt, dreifacher Vater und hat keine Illusionen mehr.

Mit zwanzig Jahren Hauptmann der Alpini im Großen Krieg, gleich darauf Einpeitscher des Squadrismus in der Poebene, mit sechsundzwanzig Quadrumviro des Marsches auf Rom, mit siebenundzwanzig Befehlshaber der Miliz, Luftwaffenminister mit dreiunddreißig; abgefeimt, waghalsig, brutal, große, schwarze Augen, Spitzbart und ein nettes, verschlagenes Lächeln. Nach der erfolgreichen Atlantiküberquerung in Formation Anfang der Dreißigerjahre wurde der Sohn einer Grundschullehrerin aus Ravenna in den Vereinigten Staaten jubelnd empfangen: Der italienische Held prangte auf dem Titelblatt der Time, und der Chicagoer Bürgermeister benannte eine Straße im Stadtzentrum nach ihm. Jetzt, zehn Jahre später, ist er noch immer der berühmteste Flieger Italiens, der ruhmreichste Faschist neben Mussolini und der Einzige aus der Führungsriege, der einen militärischen Posten ersten Ranges bekleidet: Der Atlantikflieger ist nicht nur Gouverneur von Kyrenaika, Tripolitanien und Fessan, sondern auch Oberbefehlshaber von ganz Nordafrika.

Doch während er, die sinkende Sonne im Rücken, von Westen auf die Festung Tobruk zugleitet, die zum ersten Mal seit Kriegsbeginn von einem englischen Luftangriff getroffen wurde, ist Italo Balbo an diesem Spätnachmittag des 28. Juni 1940 auch und vor allem ein enttäuschter Mann.

Nachdem er sich bereits Ende der Zwanzigerjahre aus der Politik zurückgezogen hatte (»Politik interessiert mich nicht mehr. Sollen sie doch machen, was sie wollen. Ich widme mich der Luftwaffe.«), schickte ihn sein Duce, der ihn fürchtet und beneidet (»Balbo ist der Einzige, der in der Lage wäre, mich umzubringen.«), Mitte der Dreißigerjahre in den exotischen Müßiggang eines vergoldeten afrikanischen Exils (»Er hat mich hierher versetzt, damit ich vor Langeweile krepiere.«). Seitdem hat er seine Tage im Kreise eines kleinen Hofstaats alter Provinzfreunde aus der Romagna mit arabischen Oasen-Fantasien, Dünen-Ausritten an der Seite von Beduinen in wehenden Burnussen und fruchtlosem Aufbegehren gegen Benito Mussolinis unumschränkte Macht vergeudet. Trotz seines harten Vorgehens gegen die libyschen Juden gehörte Balbo zu den wenigen führenden Köpfen des Regimes, die sich der Verfolgung der italienischen Juden widersetzten – viele seiner Freunde aus Kindertagen sind Juden, und er hat sie nicht im Stich gelassen –, gegen das Bündnis mit Nazideutschland ankämpften – über die Deutschen diskutiert er nicht, er hasst sie – und den Wahnsinn eines Krieges verurteilten, von dem er ahnt, dass Italien und der Faschismus vernichtet daraus hervorgehen werden. Doch erstarben seine lauten Töne stets im dumpfen Röcheln der vom Kolostrum des Korpsgeistes genährten Polemik und des persönlichen Grolls, dem letzten Trost des Mythomanen, der sein eigenes Drama über das der Welt stellt.

Monatelang flüsterte die Legende des Faschismus – aus Angst, gehört zu werden – ein paar alten Freunden zu: »Es wird hart, verdammt hart, wir sind nicht in der Lage, ernsthaft Krieg zu führen«, und schob mit noch leiserer, vor ersticktem Protest bebender Stimme hinterher: »Aber wir sind rund zehn Jahre jünger als Er, lasst uns durchhalten, die Zeit ist auf unserer Seite.« Mit dem neuen Weltkrieg am Horizont, schrieb der Oberbefehlshaber von Nordafrika monatelang alarmierte, ebenso mutlose wie glühende Briefe an den Duce und an Badoglio. Wie kann man, mein Duce, Krieg führen gegen das britische Empire mit großen Infanterieeinheiten, die nur über begrenzte, heillos veraltete Artillerie und keinerlei Panzerabwehr oder Flak verfügen? Ihr müsst begreifen, mein Duce, dass es zwecklos wäre, abermals Tausende Männer loszuschicken, wenn wir sie nicht mit den zum Vorrücken und Kämpfen unerlässlichen Mitteln versorgen können. Vor einer Batterie Maschinengewehre würde heutzutage selbst Cäsars prächtigste Legion in die Knie gehen, lieber Duce. Monatelang flehte der Gouverneur von Libyen den Generalstabschef Badoglio an, ihm modernes Kampfgerät, mobile Divisionen und Panzerwagen zu schicken, um seine als schnellen, überwältigenden und ultrabrutalen Angriff geplante Offensive in die Tat umzusetzen, die ihn binnen weniger Wochen bis Alexandria und dann nach Suez bringen sollte. Über Monate haben Mussolini und Badoglio ihn enttäuscht, ihm Scharen unbewaffneter Soldaten geschickt, ihm geboten, in der Defensive zu bleiben, und seine Befürchtungen in kaum halbstündigen Kriegsräten, in denen Lastwagen, Panzer und Kanonen mit keinem Wort erwähnt wurden, achtlos beiseite gewischt. Du bist Soldat, sagten sie und appellierten an seinen Stolz, gehorche und kämpfe. Du bist Befehlshaber, gemahnten sie ihn und appellierten an sein Pflichtgefühl, nimm deine restlos marode Truppe und tu, was du kannst: Klammere dich an den Boden. Dann kam der Krieg, und er tat, wie ihm geheißen: Er klammerte sich an den Boden.

Für Italo Balbo, Luftmarschall des Imperiums, waren die ersten Kriegstage bittere Tage. Mit angehaltenem Atem wartete die Welt auf einen italienischen Angriff Maltas, der die britische Flotte aus dem zentralen Mittelmeer vertreiben sollte, und Balbo wartete auf die Mittel und den Angriffsbefehl gen Osten, um die »Blutsauger der Völker« aus Nordafrika zu verjagen. Stattdessen gab es nur das brudermörderische, opportunistische, fruchtlose, unrühmliche und feige Geplänkel in den Alpen.

So waren es die Engländer, die ihn in Libyen angriffen. Überschaubare, aber entblößende, demütigende Angriffe. Gezielte Bombardierungen aus der Luft, Schwärme formidabler, unbesiegbarer Spitfires, die am strahlend blauen Himmel auftauchen, Vorposten zerstören und wieder verschwinden; punktgenaue, blitzschnelle Offensiven, unaufhaltsame Spähpanzer, welche die 10. Armee von hinten attackieren, Panzerkolonnen zerstören, Kommandeure des Pionierkorps samt Lageplänen der Minenfelder in ihre Gewalt bringen und spurlos wieder in den Weiten der Wüste verschwinden.

Schließlich ist Balbo durchgedreht. Frustriert angesichts der heillosen Unterlegenheit seiner Mittel, seiner läppischen Panzer, die beim ersten Treffer wie Streichholzschachteln in Flammen aufgehen, gedemütigt von der Panik seiner Soldaten, die ihm von der Fahne gehen, sobald Engländer auftauchen, und zu Fuß Richtung Basis fliehen, zum Gespött gemacht von diesem entwürdigenden Feind, der zielsicher Krieg führt, weil er weiß, dass der Italiener über keinerlei Panzerabwehr verfügt, hat Balbo den Verstand verloren. Wohl wissend, dass ein Einsatz der Luftwaffe gegen Bodenfahrzeuge grundfalsch ist, hat er seine Flieger auf eine verzweifelte Suche geschickt. Tagelang haben sich Bomber-, Sturm- und Aufklärungsstaffeln, die ohne die notwendige Wartung ihrer Flugzeuge und ohne Rücksicht auf deren technische Besonderheiten wegen der widrigen klimatischen Bedingungen fast durchgehend im Tiefflug unterwegs waren, in dem vergeblichen Versuch aufgerieben, die verdammten Spähpanzer aufzustöbern. Als oberster Befehlshaber hat Balbo sich als Erster in die gefahrvolle Jagd gestürzt. Rasend vor unstillbarer Wut, setzte er auf seine Wunderkräfte, zeigte seine totemische Gestalt an sämtlichen Fronten, um der Truppe Mut zu machen, und flog über die ohnmächtigen, wehrlosen Massen seiner Soldaten hinweg, die sich in der Entsetzlichkeit der endlosen, brennenden Wüste verloren; vergeblich jagte er dem Gespenst eines zum Schlag bereiten und sogleich wieder verschwundenen Feindes nach, in einer Schlacht, deren Tragik immer mehr der von Fleisch gegen Eisen glich: das eigene Fleisch gegen fremdes Eisen. Nicht die leibliche, feste Hand am Stahl, um ihn gegen den Feind zu zücken, sondern das feindliche Eisen, tödlich ins eigene, blanke, wehrlose Fleisch gerammt.

Dennoch hat der verbohrte, verblendete Luftmarschall seinen Piloten befohlen, die englischen Panzerfahrer zu jagen, und seine Flugzeuge dazu verdonnert, gegen die ockerfarbene Wüste Krieg zu führen. Allein das zählte: So gefährlich die Jagd auch sein mochte, es durfte kein Zweifel daran bestehen, dass die Faschisten nicht Beute, sondern Jäger waren.

Dann, dank des überwältigenden Sieges der verhassten Deutschen in Frankreich, schlug die Mutlosigkeit plötzlich in hochfliegende Träume um. Frankreichs Kapitulation ließ Italien aufleben, das keinerlei Hemmungen hatte, die bis tags zuvor verabscheuten Verbündeten um Unterstützung zu bitten. Bestens gelaunt und voller Zuversicht, schrieb der Zocker Balbo überspannte Briefe an die Generäle: »Das Spiel ist gewonnen, wir müssen nur noch abwarten, dass es mit ein paar unerheblichen Begleitschäden unsererseits zu Ende geht. Habe ich recht, mein Lieber?«, und ließ sich vor seinen Freunden zu Prahlereien hinreißen: »Was die Bewaffnung betrifft, sind die Engländer stark, aber es fehlt ihnen an Tatkraft und Schneid. Wir schlagen sie locker.«

Mit diesem wiedergefundenen Kampfgeist eines D’Artagnan ist Italo Balbo am 28. Juni 1940, dem achtzehnten Kriegstag, um fünf Uhr nachmittags vom Flugplatz Darna gestartet, um am Steuer seiner mit drei Maschinengewehren bewaffneten, blitzschnellen und reichweitenstarken SM.79, auf deren bleifarbenem Rumpf das vom Namen seiner Ehefrau Emanuella abgeleitete Kürzel I-Manu prangt, abermals Jagd auf englische Spähpanzer zu machen. Und als sei das grausame Fest des Krieges ein fröhlicher Ringelreigen, hat er bei bereits laufenden Motoren kurzerhand beschlossen, die Aufstellung seiner Mannschaft zu ändern und neben dem Kopiloten, dem Bordmechaniker und dem Funker auch seine Getreuen aus den heroischen Zeiten der Atlantiküberquerung mitzunehmen: seinen Neffen Lino, seinen Schwager Cino, den persönlichen Dichter seiner Ruhmestaten Nello Quilici sowie die alten Ferrareser Freunde Caretti und Brunelli. Fünf Passagiere, die sich stehend in den dunklen, beengten Raum unter dem Flugzeugbuckel quetschen. Im selben Überschwang hat Balbo, kaum dass ihn im Flug die Nachricht des englischen Angriffs auf Tobruk erreichte, eine spontane Kursänderung vorgenommen. Der launische, grausame Gott der Schlacht hatte seine vernichtende Hand auf den Flugplatz von Gazala gelegt, dort musste man auf schnellstem Wege hin.

Flankiert von einer dreimotorigen Zwillingsmaschine mit General Porro am Steuer, dringt Italo Balbo kurz vor 17:30 Uhr in den Luftraum von Tobruk ein. Am blitzblauen Himmel keine Spur der neun englischen Flugzeuge, die eben erst die Startbahn bombardiert haben. Die ganze Welt und mit ihr die jahrtausendealte Menschheitsgeschichte schrumpft auf die Rauchsäulen zusammen, die in der glasklaren Luft selbst aus fünfzig Kilometern Entfernung gut zu sehen sind. Auf sie richtet der Kriegspilot die Nase seines Bombers, denn genau dort, zwischen den Bombenkratern und brennenden Treibstofflagern, muss man jetzt sein. Es bleibt keine Zeit für die sinnlose Dreihundertsechzig-Grad-Wende in dreihundert Metern Höhe, um sich vorschriftsgemäß zu erkennen zu geben. Eine Nachricht an den Funker des Flugplatzes genügt, der den Empfang ohnehin schon bestätigt hat.

Italo Balbos erfahrene Hand am Steuerknüppel justiert den Kurs, der ihn binnen weniger Sekunden exakt senkrecht zum Flugplatz lenken soll. Sein Blick ist noch immer auf den Qualm der Feuer geheftet.

General Porro, der sein Flugzeug ganz dicht an das des Marschalls gebracht hat, macht ihm wiederholt Zeichen, einen südlicheren Kurs einzuschlagen, um dem bombardierten Feld auszuweichen. Doch Balbo sieht die Zeichen nicht. Er kann sie nicht sehen, will sie vielleicht nicht sehen, denn jetzt ist er endlich wieder ganz er selbst, ist wieder zwanzig Jahre alt, Schlagstock in der Faust, um einen Schädel einzuschlagen und in der Bar oder im Bordell eine neue Geschichte erzählen zu können, jetzt ist er wieder allein mit seinem brutalen Ungestüm, seines Glückes gewiss, strotzend vor Überheblichkeit, auf den Lippen ein verächtliches Piloten-Feixen für die erbärmlichen Menschlein und ihr kleines Leben dort unten auf der Erde. Der Squadrist im Höhenrausch ist zurück.

Die von den Küstenbatterien und dem Kreuzer San Giorgio auf Reede in der Bucht von Tobruk abgefeuerte Artilleriesalve zerreißt die Trommelfelle. In wenigen Sekunden detonieren Tausende Schuss aus 20-mm-Maschinenkanonen. Geblendet von der tiefstehenden Sonne und in panischer Angst vor einem unschlagbaren Feind, haben sich die Artilleristen am Boden auf ihre Geschütze gestürzt und mit dem Beschuss der eigenen Leute begonnen.

Porro leitet einen jähen Sinkflug ein und geht möglichst tief hinunter, um sich aus dem Schussfeld zu bringen. Doch Balbo nicht. Die Tanks am linken Flügel stehen in Flammen, dennoch verringert er seine Flughöhe nur langsam, bleibt trotz der auf ihn feuernden Idioten unbeirrt auf Kurs.

Plötzlich schießt sein Flugzeug in die Höhe. Der von den Geschossen verwundete und gegen die Sitzlehne geschleuderte Pilot hat die Steuerhebel instinktiv zu sich herangerissen. Jetzt ist er eine Stoffpuppe, kann sich nicht kontrollieren, zittert wie noch nie in seinem Leben. Doch er spürt nichts.

Wie ist das möglich? Er hatte immer geglaubt, wenn es so weit wäre, gäbe der Schmerz ein untrügliches Zeichen, Verwundung und Verwundeter seien eins. Stattdessen muss man ausgerechnet jetzt, da der letzte Schritt gekommen ist und Arme, Beine und Herz in einem wilden Tanz zu zappeln beginnen, feststellen, dass man nicht den leisesten Schimmer hatte und dass alles in diesem vom Abendrot geblendeten Leben ein einziges Missverständnis ist. Das außer Kontrolle geratene Flugzeug stürzt nicht einmal senkrecht zu Boden, wie es sich für ein tragisches Finale gehören würde, sondern sackt siechend ab, fast im Gleitflug. So bleibt Zeit, das verängstigte Wimmern der im Flugzeugbauch eingesperrten Kameraden zu hören, die Freudenschreie seiner Soldaten am Boden zu vernehmen, die unfähig sind, auch nur einen einzigen Schuss gegen die englischen Angreifer abzugeben, aber jetzt jubeln, nicht ahnend, dass sie ihren Befehlshaber vom Himmel geholt haben. Vielleicht bleibt sogar noch Zeit, mit aufgerissenen Augen in den gähnenden Abgrund zu starren, der den Blick erbarmungslos erwidert.

Die ganze Nacht brennt die Leiche des Luftmarschalls im zerschellten Flugzeugwrack. Erst, wenn das von siebentausend Litern Benzin genährte Feuer verloschen ist, wird man sie bergen können. Man wird bis zum Morgen warten müssen. Was dann noch vom Toten übrig ist, gleicht allenfalls einem verkohlten, krummen Zweiglein. Um den gefallenen Helden zu identifizieren, wird man auf eine im Aschehaufen gefundene Zahnprothese zurückgreifen müssen.

Benito Mussolini wird von Italo Balbos Tod in Alpignano erfahren, einem winzigen Flecken unweit des Kleinen Sankt Bernhard, wo er eine Parade der Truppen abnimmt, die seine armselige Alpenschlacht geschlagen haben. Die Anwesenden werden bezeugen, dass der Duce keinerlei Gefühlsregung zeigte. Vielmehr hat er unverzüglich General Graziani angerufen, der den Gefallenen ersetzen soll, und seine Tour durch unbedeutende Bergnester, vom Mont-Cenis über den Colle di Tenda bis nach Mondovì, wie geplant fortgesetzt. Augenzeugen beschreiben ihn als redselig, heiter, von sich eingenommen. Also genau wie immer.

Abgesehen von einem höflichen Telegramm an die Witwe, wird Mussolini dem Mann, der mehr als jeder andere zum Aufstieg des Faschismus beigetragen hat, kein Wort des letzten Grußes widmen. Der Abschied vom lebenslangen Kameraden geht ohne eine Silbe der Trauer oder des Bedauerns vonstatten.

Vielmehr lautet der Befehl, nicht mehr von ihm zu sprechen.

Waffenbrüder holten Italo Balbo vom Himmel, doch wird sein Name nicht von der sanft ergriffenen Hand des Freundes ins Totenbuch geschrieben.

Vor der Stärke der Achse streckt Frankreich die Waffen und hört auf zu kämpfen. Endlich hat die Stunde Englands und seiner Verbündeten geschlagen. Italien und Deutschland werden sich auf euch stürzen, um die unbelehrbaren Fortführer dieses grausamen Kampfes zu bestrafen, der den Niedergang der plutokratischen Demokratien für alle Zeit besiegeln soll.

Engländer, Ägypter und Araber der westlichen Wüste, Sklaven der verbrecherischen Londoner Regierung, lasst die Waffen fallen, denn wer Widerstand leistet, wird keine Ruhe finden.

Italo Balbo, Appell hinter die feindlichen Linien,

18. Juni 1940

Unsere alten, nur mit Maschinengewehren ausgerüsteten Sturmpanzer sind längst überholt; die Maschinengewehre der englischen Spähpanzer… werden sie mit Schüssen durchsieben und fröhlich die Panzerung durchschlagen; wir haben praktisch keine gepanzerten Fahrzeuge. Aber auch die Panzerabwehrwaffen sind größtenteils veraltet, und für die modernen gibt es meist keine passende Munition. So wird die Schlacht zu einem Kampf Fleisch gegen Eisen… Wäre es nun, da der Krieg in Frankreich zu Ende geht, wohl möglich, von den Deutschen rund fünfzig ihrer herrlichen Panzer und ebenso viele Spähpanzer zu erhalten?

Italo Balbo, Telegramm an Pietro Badoglio, 20. Juni 1940

Die Situation [in Tunesien] klärt sich auf … Du musst also nichts weiter tun, als im Osten standzuhalten … Ziehe sämtliche Fahrzeuge im Osten zusammen. Unternimm alles, um am 15. [zu einem Angriff gegen die Engländer] bereit zu sein. Gib mir Bestätigung.

Pietro Badoglio, Telegramm an Balbo, während der sich bereits auf dem Flug nach Tobruk befindet, 28. Juni 1940

The British Royal Air Force expresses its sympathy in the death of General Balbo – a great leader and gallant aviator, personally known to me, whom fate has placed on the other side.

Von englischen Fliegern über einem italienischen Feldlager in der Kyrenaika abgeworfene Nachricht, unterzeichnet von Arthur Longmore, Oberkommandierender der RAF im Mittleren Osten, 30. Juni 1940

Sonntag ist Balbo dreißig Tage tot, dazu fahre ich nach Ferrara. Der Befehl lautet, nicht mehr darüber zu sprechen.

Emilio De Bono, Quadrumviro des Marsches auf Rom und General der Armeegruppe Süd, Tagebuch, 25. Juli 1940

Benito MussoliniSommer 1940

Die Wunde hat sich erneut geöffnet. Schon wieder. Ausgerechnet jetzt.

Eigentlich nicht erstaunlich. Wunden sind nun einmal weder totes Fleisch noch nekrotische Wucherungen, sondern lebendig, sie spüren die Zeit, den Wechsel der Jahreszeiten. Und hören nie auf zu bluten.

Narben haben etwas Hypnotisierendes. Sie bergen eine geheimnisvolle Weisheit, ein verborgenes Gedächtnis des Blutes. Dieser kleine, nichtsnutzige, kümmerliche, nackte, farb- und geruchlose Faserflicken – Narbengewebe wird nicht braun, es schwitzt nicht und ist unbehaart –, anders als normale Haut minderwertig und behelfsmäßig über einer Verletzung gewachsen, die der Splitter einer vor über zwanzig Jahren, im Februar 1917, nicht an der Front, sondern während einer Schießübung versehentlich detonierten Granate hervorgerufen hat, erwacht nun aus seinem Winterschlaf, als wollte er Sympathie mit diesem neuen Krieg bekunden und daran erinnern, dass jedes Gerinnsel unstabil ist, keine Verletzung je wirklich vernarbt und der Mensch eins mit seiner Wunde ist.

Doch auch diese x-te kleine Blutung wird schnell versiegen. Der Krieg – daran hat der Duce des Faschismus keinen Zweifel – wird bald vorüber sein. Dann kehrt der andere, schleichende, tröpfelnde, endlose Alltagskampf zurück, um die Menschen daran zu hindern, sich gegenseitig niederzumachen, ihnen beizubringen, es auf legale Weise zu tun, sie zu zwingen, miteinander auszukommen; ein unblutiges Gemetzel namens Politik. Dann ist er wieder gefragt.

Mit seiner Erklärung im Unterhaus, Großbritannien werde weiterkämpfen, die Briten würden an den Stränden kämpfen, auf den Landungsplätzen, auf den Feldern und in den Straßen, sie würden auf den Hügeln kämpfen und sich niemals ergeben, die Schlacht in Frankreich sei zu Ende, doch nun beginne die Schlacht Englands, hat Premierminister Churchill seine Landsleute zutiefst bewegt. Schöne Worte, die Worte eines Literaten – was für Schwachköpfe.

Die Wahrheit ist – da hat sein zwielichtiger Justizminister Grandi recht, Präsident der Kammer der Bünde und Korporationen und angesehenster Italiener in Albion –, dass die Engländer nicht durchhalten werden, sie sind nicht mehr die großartigen Abenteurer, die ein Weltreich eroberten, sondern ein Klüngel aufgeregter Herren mit Regenschirm. Obendrein stehen sie inzwischen allein da. Die Deutschen haben mit ihrer beispiellosen Art zu kämpfen – dieser Mischung aus Präzision und Raserei, neuester Technik und atavistischer Grausamkeit, feiner Art und Dahinschlachten – in weniger als einem Monat Polen erobert, die Niederlande in einer Woche, Frankreich in sechs, und Dänemark und Norwegen zur Kapitulation gezwungen. Nach dem Sturz Haakons VII. von Norwegen (der mit seinem Sohn Olav wochenlang in einer Holzhütte im skandinavischen Wald hauste, ehe die Engländer ihn in Sicherheit brachten) und der niederländischen Königin Wilhelmina (die nach London floh) hat auch König Leopold III. von Belgien sich ergeben. Die anderen werden folgen: Rumänien, bis gestern noch frankophil und stolz auf seine Neutralität, hat die alten Verträge zerrissen und sich unter den Schutz des Deutschen Reiches gestellt. Die gekrönten Häupter neigen sich eines nach dem anderen, von den Alpen bis zur Nordsee, von den Karpaten bis zum Atlantik ist das alte Europa deutsch; die Russen, Hitlers Verbündete, streichen ihren Gewinn ein und reißen sich Finnland, die baltischen Länder und Teile Polens unter den Nagel; die Amerikaner, die nicht eingeschritten sind, als die Nazis auf Paris marschierten, werden es jetzt, da Großbritannien vor der Invasion steht und der Wählerwille Roosevelt zu Isolationismus zwingt, erst recht nicht tun.

Nein, England steht allein da, es wird den Winter nicht überleben. Dafür würde er, Mussolini, seine Hand ins Feuer legen. Wie damals, als er in den Alpen angriff. Hitler hat sich, nachdem er Frankreich überrollt hat, verblendet von seinen Rassentheorien – seit jeher ist er davon überzeugt, das weiße Weltreich der Engländer werde Ordnung in die Welt der minderen Rassen bringen – einen Monat lang darauf versteift, den Briten einen Friedenszweig hinzuhalten, doch Churchill hat ihm erzürnt in die Hand gebissen und seinen Generälen befohlen, die Landung vorzubereiten. Es ist eine Frage von Wochen, vielleicht nur von Tagen. Kein Zweifel, der Krieg wird bald vorüber sein. Vielmehr steht zu befürchten, dass er allzu schnell zu Ende geht.

Diese und keine andere Furcht begleitet Benito Mussolini im Sommer 1940, in dieser Stimmung beginnt er seinen Tag: in der Angst, dass plötzlich der Frieden ausbricht und die Wunde vorzeitig verheilen könnte.

Es ist das »Danach«, das ihn umtreibt. Während sich alle wie mit Zinnsoldaten spielende kleine Jungs für das Kaliber der Kanonen oder die Tonnage der Kriegsschiffe begeistern – besonders Hitler ist ganz versessen auf solche Details, sogar die Abzeichen der Reserve-Abteilungen kennt er auswendig –, darf Benito Mussolini nicht einen Moment lang das »Danach« aus dem Blick verlieren: Das, was passieren wird, kaum dass alle die Waffen niedergelegt haben. Dieser bifokale Blick – ein Auge auf der Bühne und eines im Parkett – ist seine Bürde, die ihn zwingt, die Militäroperationen gegen den Feind zu beobachten, ohne dabei die Spielzüge seines Verbündeten, dessen Pläne und die sich abzeichnenden bilateralen Beziehungen nach Kriegsende aus dem Blick verlieren. Hitler kann sich erlauben, einen von ideologischem Furor befeuerten Krieg zu führen – die Rassen, die Juden, die tausendjährigen Reiche –, doch er muss Realist bleiben, auf prekäre Gleichgewichte und unverhoffte Chancen achten. Er, Benito Mussolini, ist der einzige Stratege der Achse. So viele Kröten er auch schlucken muss – und die Alpenschlacht hat er noch immer nicht verdaut –, am Ende wird sowieso alles von ihm abhängen, von seiner im kindischen Kriegstreiben bewiesenen Kunst der Politik. Sein Quell der Freude und sein quälender Kummer ist und bleibt die erwachsene Welt.

Er weiß, dass das Land von seinem Niedergang munkelt, er liest die Polizeiberichte, in denen getuschelt wird, er sei »nicht mehr derselbe wie früher«, ihm würde »die Situation aus der Hand gleiten«, dass er »über die tatsächliche militärische Vorbereitung hinters Licht geführt wurde« und »wir Deutschland gänzlich ausgeliefert sind«.

Arme Idioten, verführt von den Fanfarenstößen und dem Rasseln der Kettenfahrzeuge. Die Gerüchtemacher begreifen nicht, dass seine Kriegsliebe von Anfang an immer rein platonisch war. Der Waffengang gegen Frankreich sollte lediglich dazu dienen, dass man sich mit dem Sieger an den Verhandlungstisch setzen kann. Sie wissen nicht, dass sein Entschluss, im Moment des Waffenstillstands mit Frankreich auf die dem Sieger zustehenden Gebiete zu verzichten, nur vorläufig ist. Die Liste ist fertig, lang, detailliert und von Hitler persönlich abgesegnet: Korsika und Nizza, Malta, Tunesien und vielleicht ein Teil von Algerien; Einfluss auf Ägypten, den Sudan, Palästina, Syrien, Transjordanien sowie den Irak und die Ost- und Südküste der arabischen Halbinsel einschließlich Aden; Französisch- und Britisch-Somaliland; Einfluss auf Jugoslawien und Griechenland. Er wartet nur auf den richtigen Moment, den Franzosen und Engländern die Rechnung zu präsentieren. Doch darf dieser Moment weder zu spät noch zu früh eintreten. Sollte die französische Kapitulation erfolgen, ehe die italienischen Truppen Suez erreicht haben oder auf den Balkan vorgedrungen sind, würde Hitler ihm bei Friedensverhandlungen den üblichen Teller Linsen vorsetzen. Benito Mussolini, der politische Kopf der Achse, versteift sich nicht auf die Eroberung bestimmter Gebiete, auf die Namen dieser oder jener gottverlassenen Lehmhüttensiedlung in der Wüste, er blickt weiter, denkt größer, sieht eine mediterrane Vorherrschaft als Gegengewicht zur kontinentalen Übermacht Deutschlands, er sieht Europas Osten, den es unter römischen Einfluss zurückzubringen gilt, und wenn er ganz genau hinschaut, sieht er den römischen Adler sogar im Mittleren Osten aufscheinen, er sieht den Faschismus, der sich gen Tigris und Euphrat und von da aus durch den Suezkanal bis zum Indischen Ozean ausbreitet.

Aus diesem Grund hört er allen zu und bestärkt deren Eroberungsideen. Die von General Roatta, der Jugoslawien überfallen will, die von Ciano, der nach seinem Krieg in Griechenland lechzt, die von Ribbentrop, der auf Hitlers Geheiß sämtlichen Vorhaben für den Balkan eine Absage erteilt, damit sich die Verbündeten in Nordafrika auf England konzentrieren. Sogar die Schweiz ist Mitte Juli zu einer potenziellen operativen Bühne geworden: Die Armee hat ihm einen Plan vorgelegt, die helvetische Nation gemeinsam mit Deutschland untereinander aufzuteilen. Die Generäle – auch das weiß er – nennen ihn einen Improvisator, werfen ihm vor, Angriffspläne mit der gleichen Unbekümmertheit zu schmieden und zu verwerfen, mit der er sich einen Kaffee bestellt, aber die Generäle sind ein Haufen Schwachköpfe, Überbleibsel einer verknöcherten Welt, Relikte des letzten Jahrhunderts, die nicht begriffen haben, dass man Kriege im zwanzigsten Jahrhundert nicht mit Truppen, sondern mit Weltanschauungen gewinnt, nicht mit der Anzahl der Divisionen, sondern mit der Sprengkraft des Willens, der im heillosen Chaos der Welt den richtigen Moment ergreift. Man muss sich bereithalten, sich die Gegebenheiten zunutze machen, mit dem Strom schwimmen. Im Frieden wie im Krieg. Das ist Politik. Das ist Leben. Das ist alles.

Mögen große Teile Europas und viele altberühmte Staaten dem Griff der Gestapo und dem abscheulichen Machtapparat der Nazi-Herrschaft verfallen sein oder noch verfallen: Wir werden nicht wanken noch weichen. Wir werden ausharren, wir werden in Frankreich kämpfen, wir werden auf den Meeren und Ozeanen kämpfen, wir werden mit wachsender Zuversicht und zunehmender Stärke in der Luft kämpfen, wir werden unsere Insel verteidigen, was immer es uns auch kosten möge, wir werden auf den Dünen kämpfen, wir werden auf den Landungsplätzen kämpfen, wir werden auf den Feldern und in den Straßen kämpfen, wir werden auf den Hügeln kämpfen; wir werden uns niemals ergeben.

Winston Churchill, Rede vor dem Unterhaus, 4. Juni 1940

Ich: »Wir können auch mit einem kurzen Krieg leben, aber nicht so kurz, dass uns, eingebunden, wie wir sind, keine Zeit bleibt, einen Sieg in Afrika zu erringen. Wir müssen dem Sieg einen Namen geben können.«

Mussolini: »Sie haben recht. In Kürze werde ich Graziani den Befehl zum Angriff geben, genau wie zuvor beim Marsch auf Neghelli… mich erreichte bereits die Nachricht, dass die 100 000 Engländer in Ägypten entsetzlich unter Hitze und Durchfall leiden und schlappmachen… Ich fürchte, Graziani, der die Schwarzen verachtet, wird sich an denen austoben. Man muss auf die Engländer zielen. Die Ägypter freuen sich, wenn wir den Platz der Engländer einnehmen; sie sagen, wir hätten mehr Herz.«

Aus den Notizbüchern Alberto Pirellis, Staatsminister und Gummimagnat,

12. Juli 1940

Man muss sich darüber klar sein, dass es am Verhandlungstisch anteilig zugeht: Wer mehr genommen hat, kriegt auch mehr… Es ist Zeit, in die Gänge zu kommen. Unsere Streitkräfte sind gewaltig: Männer, Gefährte, Flugzeuge. Man muss durch die Wüste, das ist wahr. Aber in der Wüste kann man nicht rasten, man muss marschieren… Die Luftwaffe ist erstklassig. Die Armee ist schwerbewaffnet… Der Zustand der Truppen ist hervorragend… Unter den Alpini die übliche Angewohnheit, Wein zu saufen… Saufen sollte man wenig. Trauben sollte man essen, wie es die Menschheit seit jeher getan hat, bis der Jude Noah sie vergoren hat.

Benito Mussolini zum Ministerrat, 10. August 1940

Inmitten von größtem Durcheinander und Verwirrung macht man weiter: Alle kommandieren, außer das Oberkommando. Wer das letzte Wort hat, hat recht. Mit verstörender Unbekümmertheit werden alle naselang strategische Pläne geändert. Es heißt: In zwei Wochen muss man gegen Jugoslawien bereit sein, oder in acht Tagen greifen wir von Albanien aus Griechenland an, mit der gleichen Unbekümmertheit, mit der man sagen würde: Lasst uns einen Kaffee trinken gehen. Der Duce hat keine Ahnung, was es heißt, einen Krieg gegen die eine oder die andere Nation vorzubereiten, in der Ebene oder im Gebirge, im Sommer oder im Winter… Wir rüsten die Einheiten mit 50 oder 75% der nötigen Mittel aus, die Rohstoffe werden knapp, die Versorgung aus anderweitigen Quellen bleibt aus… Wenn der Krieg nicht bald endet, kann es… zum Kollaps kommen.

General Quirino Armellini, Kriegstagebuch, 15. August 1940

Mario RoattaSommer 1940

Balbo ist tot, Graziani ist in Afrika, um ihn zu ersetzen, und sein Vize Mario Roatta ist nun Stabschef des italienischen Heeres. Die Ausrüstung, Ausbildung und Organisation der gesamten Armee obliegt jetzt ihm, dem dreiundfünfzigjährigen Sohn eines einfachen Hauptmanns der Infanterie, er bestimmt, wie sich die italienische Verteidigungspolitik gegenüber der Welt verhält. Eine brillante Karriere, ganz zweifellos.

Nicht schlecht für einen Offizier, auf den man erstmal keinen Pfifferling geben würde. Der mittelgroße, zarte, doch zur Fülle neigende Mann mit dem bebrillten Mongolengesicht – vorspringende Wangenknochen, schmale Augen –, dem stumpfen Blick des Kurzsichtigen und den zu einem degoutierten Lächeln verzogenen Lippen gibt sich so frostig, dass seine Unfähigkeit zu zwischenmenschlicher Nähe nicht zu übersehen ist. Wenn so ein Mensch auf einem so entscheidenden Posten sitzt, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder tickt er nicht richtig, oder er verfügt über außergewöhnliche, geradezu tückische Intelligenz. In seinem Fall hat niemand, der ihm einmal persönlich begegnet ist – gleich ob Italiener, Deutscher oder Spanier –, je den geringsten Zweifel gehegt: Nicht sein mangelnder Biss, sein schwacher Charakter, das Unbehagen gegenüber der gemeinen Menschheit haben ihn an die Spitze der Pyramide katapultiert, sondern seine Beobachtungsgabe, sein außerordentliches Gedächtnis, das beharrliche Lauschen auf das stille Murmeln der Welt.

Allerdings ist nicht immer alles glatt gelaufen. Mario Roatta hat Zeiten erlebt, in denen alles verloren schien, Umschwünge, die seine Karriere von einem Tag auf den anderen zu beenden drohten. Und die wird er nicht vergessen.

Vor allem seine Zeit in Spanien war Segen und Fluch zugleich. Damals, als Chef des italienischen Militärischen Nachrichtendienstes SIM, hatte Roatta zusammen mit Admiral Wilhelm Canaris, seinem mächtigen und überaus gefürchteten deutschen Pendant und langjährigen Vertrauten, hinter den Kulissen die Strippen gezogen, um Italien und Deutschland zum Einsatz an der Seite von Francisco Francos nationalistischen Putschisten zu bewegen. Es war ihm sogar gelungen, im Gemetzel des Bürgerkrieges den Oberbefehl über das italienische Korps der freiwilligen Truppen zu erlangen. Und obwohl er alles andere als ein mitreißender Menschenführer ist, ein fähiger Organisator zwar, jedoch zögerlich beim Kommando im Feld, hatte er als Held debütiert und einen siegreichen Angriff auf Malaga geführt, bei dem eine Maschinengewehrsalve seinen linken Arm zertrümmerte. Doch hatte der Ruhm nicht länger als einen Monat gewährt. Am 18. März 1937 war ein taktischer Gegenschlag der Republikaner an der Front von Guadalajara nicht zuletzt aufgrund von Fehleinschätzungen seinerseits in einen verheerenden Rückzug der faschistischen Legionäre gemündet. Nach diesem Debakel sollte sich der Krieg, der sich bereits dem Ende zu nähern schien, noch zwei weitere Jahre hinziehen. Was die Niederlage noch bitterer machte, war die Tatsache, dass in der 12. Internationalen Brigade die antifaschistischen Freiwilligen des Garibaldi-Bataillons kämpften, gegründet und aus der Ferne gelenkt von verhassten Emigranten wie Carlo Rosselli.

Doch einen Geheimdienstchef sägt man nicht leichtfertig ab, so unselig dessen Fehler im Feld auch gewesen sein mögen. Mario Roatta kennt zu viele Geheimnisse seiner Männer, die er in der Schlacht nicht zu führen wusste. Deshalb wurde er lediglich zurückgestuft und in ein kleineres Kommando im Norden verbannt. Der zusammen mit seinem Bruder Nello von französischen Auftragsmördern des SIM in der Normandie ermordete Carlo Rosselli bezahlte für die Schmach der faschistischen Truppen mit dem Leben.

Nach dem Ende des Spanienkrieges und der Unterzeichnung des Stahlpaktes hatte man General Roatta mitsamt seinen Geheimnissen als Militärattaché nach Berlin beordert, um die Vorbereitungen der deutschen Verbündeten für einen weiteren, größeren, schrecklicheren und endgültigeren Krieg auszuspähen. Also hatte er aufmerksam beobachtet, ganz genau hingehört und kein Blatt vor den Mund genommen, als Mussolini ihn unvermittelt fragte, wie er die Pläne des Deutschen Reiches für die besetzten Länder nach Ausbruch des Konfliktes einschätze. Sie würden annektiert, hatte er geantwortet, zu Vasallen der deutschen Ordnung gemacht, und nicht nur die besetzten Länder, sondern auch die Verbündeten, ohne Ausnahme.

Während dieses Fazit durch die Stille des Weltkartensaals im Palazzo Venezia hallte, hatte der Duce des Faschismus ungerührt geschwiegen, keineswegs überrascht von der unseligen Prognose und fast erleichtert, diese entsetzliche Wahrheit zu hören, als sähe er sich mehr in seinen Ängsten denn in seinen Hoffnungen bestätigt – wenn auswegloses Grauen die Alternative ist, ist wache Angst mitunter eine große Erleichterung –, und hatte den Unheilspropheten zum Unterstabschef des Heeres befördert. Und damit sich dessen Voraussage nicht erfüllte, beeilte er sich, Krieg gegen das bereits besiegte Frankreich zu führen, grimmig entschlossen, sich an der Schwesternation auszutoben, die bereits am Boden lag.

Aus militärischer Sicht waren die Tage der Alpenschlacht absurd, schwachsinnig geradezu, eine unvergessliche Woche dilettantischer Improvisation, tragischer Opportunismen und kolossaler Widersprüche. Allein bei dem Gedanken stößt es Mario Roatta noch übel auf. Seit 1939 hatte die Militärführung die unüberwindlichen Schwierigkeiten eines Angriffsplans zur Bezwingung des Alpenbogens studiert – er selbst hatte in einer klarsichtigen Denkschrift unmissverständlich davon abgeraten, Krieg gegen Frankreich zu führen –, aber Benito Mussolini, Duce der Nation in Waffen, wollte der militärische Aspekt einfach nicht einleuchten. Für ihn war Krieg nicht die Fortführung der Politik mit anderen Mitteln, ihm diesen Rang zuzugestehen, fiel ihm gar nicht ein. Der Krieg der Generäle war lediglich der dumme Diener seiner »genialen« Politik, ein Diener mit bluttriefenden Händen zwar, aber deshalb nicht weniger Diener und nicht weniger dumm.

Die irre Woche hatte am 18. Juni 1940 begonnen, als General Roatta und Galeazzo Ciano Mussolini zu einem Treffen mit Hitler nach München begleiteten. Der Duce hatte die von Roatta persönlich abgefassten italienischen Forderungen in der Tasche, die Deutschland dem geschlagenen Frankreich bei einem Waffenstillstand stellen sollte: Demobilisierung des Heeres, Aushändigung sämtlicher Waffen, Verlegung der Demarkationslinie bis zur Rhone, unverzügliche Übergabe der Flotte, Zugriff auf die Marinestützpunkte von Oran, Mers-el-Kébir, Casablanca, Beirut, Besetzung Korsikas, Tunesiens, der somalischen Küste. Forderungen, die eine Nation, gegen die Italien noch keinen einzigen Schuss abgefeuert hatte, demütigen und berauben würden. Gerechtfertigt durch was? Durch den resolutesten Feldzug des modernen Zeitalters, den die deutschen Verbündeten über die Niederlande und Belgien gegen die anglofranzösischen Streitkräfte geführt hatten. In nur sechs Wochen hatte die ungeheuerliche, von Hitlers Panzerdivisionen am 10. Mai losgeschlagene Offensive die beiden Armeen vernichtet, die bis dahin als die mächtigsten der Welt gegolten hatten. Erst danach, am 10. Juni, hatte Mussolini nach monatelangem Lavieren beschlossen, den westlichen Demokratien den Krieg zu erklären. Ein Wettlauf gegen die Zeit begann, um in einem bereits geführten und vom Verbündeten gewonnenen Krieg mitzumischen, bevor eine Waffenruhe eintrat. Es war ein verzweifelter Wettlauf: Vier Tage nach dem kriegslustigen Aufruf vom Balkon des Palazzo Venezia am 14. Juni 1940 erreichte die 87. Infanterie-Division der Wehrmacht Paris, und sämtliche Uhren der Ville Lumière wurden auf Berliner Zeit umgestellt.

Als er seine Chance schwinden sah, hatte Mussolini Roatta den direkten Befehl erteilt, mit den Operationen zu beginnen, welche die Italiener binnen weniger Stunden über die Alpen bis nach Marseille bringen sollten. Am selben Abend war die Anordnung jedoch durch einen Gegenbefehl seines direkten Vorgesetzten Rodolfo Graziani widerrufen worden:

»Die Feindseligkeiten mit Frankreich liegen auf Eis.«

Was war passiert? Hitler hatte verkündet, Frankreich habe bereits eine Waffenruhe gefordert. Das vor einer erfolgreichen italienischen Offensive unterzeichnete Papier würde Mussolini daran hindern, sich als Sieger mit an den Verhandlungstisch zu setzen.

Am Morgen des folgenden Tages bestieg der Duce mit seiner langen Forderungsliste in der Tasche den Zug nach München. Im Führerbau traf er auf einen Hitler, der sich gegenüber den Besiegten ungewöhnlich milde und großzügig zeigte. Der triumphierende Führer hatte – von der Übergabe der Flotte abgesehen – keinerlei Einwände gegen die italienischen Ansprüche, mahnte den Verbündeten jedoch zur Besonnenheit: Frankreich solle nicht gedemütigt, sondern in der Hoffnung gewiegt werden, dass sich die Fortführung des Krieges gegen England vermeiden ließe. »Mäßigung ist gefragt«, hatte der unmäßige Mann gesagt, »die Augen dürfen nicht größer sein als der Magen.« Mussolini machte wie gewohnt gute Miene zum bösen Spiel. Doch schon im Zug zurück ordnete er an, Frankreich binnen drei Tagen anzugreifen.

Ein völlig absurder Befehl. In nur vierundzwanzig Stunden sollte eine defensive in eine offensive Aufstellung verwandelt werden. Ein Ding der Unmöglichkeit. Der Duce hatte keinerlei fachliche Einwände gelten lassen. Und Mario Roatta, zu klug, um echter Faschist zu sein, aber auch zu schlau, um seine glänzende Karriere über den Haufen zu werfen, brachte keinerlei Einwände vor. Wie von ihm vorausgesehen, mündete die italienische Strategie in heilloses Chaos.

Um einen Sieg Italiens über die Franzosen zu erringen, ehe die Deutschen die Waffenruhe unterzeichneten, schickte General Guzzoni, der zu Unrecht den Zusammenbruch des Feindes witterte, zwei ganze Divisionen – die Motorisierte Division Trieste und die Alpini-Division Taurinense – über verschneite, von den Verteidigern sabotierte Bergsträßchen zum Angriff. Ziel: Sich so schnell wie möglich mit General Keitels rasch von Norden vorrückenden deutschen Truppen in Chambéry zusammenschließen. Ergebnis: Auf Minenfeldern in die Luft fliegende Panzer, Raupenketten, die sich in Drahthindernissen verfangen, Fahrzeuge mit Motorschaden, eine riesige Kolonne Soldaten, den Feuerstößen auf gottverlassenem, kargem Terrain hilflos ausgesetzt, auf dem die Verwundeten verblutend zurückgelassen werden.

Zwei Tage später, am Abend des 22. Juni, als die Nachricht vom Waffenstillstand zwischen Frankreich und Deutschland eintraf, hatten die italienischen Soldaten, die bis nach Marseille vordringen sollten, nur wenige hundert Meter auf französischem Boden zurückgelegt und lieferten der Welt, die mit angewidertem Entsetzen einem historisch einzigartigen Schauspiel zusah, das Bild eines in die Enge getriebenen Siegers. Nach zwei weiteren Tagen blindwütiger Kopfstöße gegen die französische Mauer kam es auch in den Alpen zum Waffenstillstand: In den vier Tagen blutiger Kämpfe hatte die französische Verteidigungslinie kaum einen Kratzer abbekommen. Die Zahlen der in einem dilettantischen Angriff auf befestigte Stellungen durch sinnlose Befehle geopferten italienischen Soldaten beliefen sich auf 642 Tote, 2631 Verwundete, 2151 Erfrorene, 616 Vermisste. Auf französischer Seite gab es 37 Tote und 84 Verwundete. So lautet die Bilanz der ersten faschistischen Schlacht im Zweiten Weltkrieg. Eine irrwitzige, schmachvolle, demütigende, verlorene Schlacht.

Und tatsächlich hat der Duce, von dieser Demütigung nicht kaltgelassen und nachdem er lange gegen die Italiener gewettert hat, General Roatta und Galeazzo Ciano befohlen, angesichts des Waffenstillstands mit den Franzosen, der gegen Abend in der Villa Incisa unterzeichnet werden soll, einen neuen, abgespeckten Text zu verfassen. Einen Text, der die vorherigen Forderungen mit ritterlichem Verzicht, ja, mit strategischem Masochismus geradezu zusammenstutzt, werden doch nicht einmal mehr die zur Kontrolle des zentralen Mittelmeeres unerlässlichen französischen Marinestützpunkte in Tunesien und Algerien gefordert. Roatta und Ciano arbeiteten die ganze Nacht, strichen einen Punkt nach dem anderen.

Dann, in den ersten Morgenstunden, trug der General – ein geschätzter Polyglotte, der mehrere Sprachen ganz gut beherrscht, darunter Polnisch, Deutsch, Spanisch, Französisch und Englisch – die zahmen Kapitulationsbedingungen in Übersetzung vor. Die ob solcher Großzügigkeit fassungslosen französischen Delegierten überschlugen sich vor Dankbarkeit.

Nun bleibt Italien kaum mehr als das eroberte Terrain, also so gut wie nichts. Unterdessen liegen die Gefallenen versprengt in den Alpentälern, von einem Schleier späten Schnees barmherzig zugedeckt. Man wird sie nie finden.

Doch all das war gestern, heute ist der Tag der Fanfaren. Schon bald wird der Krieg zu Ende sein. Davon sind fast alle überzeugt, allen voran Mussolini. Deshalb kann sich Mario Roatta die ersten Wochen des Sommers 1940 einer alten Marotte widmen: der Eroberung Jugoslawiens.

Wenn Sprichwörter, wie ein Sprichwort besagt, die Weisheit der Völker sind, dann stimmt es, dass manches Schlechte auch sein Gutes hat. In diesem Fall verlangt der kriegerische Stolz eines gedemütigten Mussolini nach rascher Wiedergutmachung. Jugoslawien könnte sie bieten, und General Roatta, der sich auf die Schwächen der Menschen besser versteht als auf ihre Stärken, zögert nicht, sie ihm anzutragen. Der Entwurf ist bereits fertig: Zwei Armeen, bestehend aus 38 der 48 in Italien stationierten Divisionen, würden an der julischen Grenze angreifen, derweil eine dritte Division die Offensive an den Flanken durch die ehemals österreichischen und nun in deutscher Hand befindlichen Provinzen Kärnten und Steiermark vorantriebe. Sofern angemessen eingebunden, würden Deutschland, Ungarn und Bulgarien die Flanken während des Vormarsches decken. In höchstens einem Monat könnte man die Einheiten in Position bringen. Zu Mariä Himmelfahrt wäre man in Belgrad.

Beim Duce muss man nur auf das Feuer des gekränkten Stolzes blasen, um das unter der Asche seiner alten Jugoslawienwut begrabene Fünkchen neu zu entfachen. Eine leichte Übung. Die Menschen, das weiß Roatta nur zu gut, lassen sich liebend gern zu Hass anspornen.

Die zur Verfügung stehenden Kampfmittel sind knapp und nicht besonders schlagkräftig… Unter den gegebenen Umständen wäre es die beste, wenn nicht die einzige Lösung, nicht in den Krieg zu ziehen.

Notiz des Generals Mario Roatta an den Generalstab,

27. Dezember 1939

Dem Feind auf den Fersen bleiben – wagemutig – unerschrocken – sich ihm entgegenwerfen.

Mario Roatta, Einsatzbefehl an die Generäle der Alpini-Division,

17. Juni 1940

Es ist der Rohstoff, der mir fehlt. Auch Michelangelo brauchte Marmor für seine Statuen. Hätte er nur Ton gehabt, wäre er nur Keramiker gewesen. Ein Volk, das über sechzehn Jahrhunderte Amboss war, kann nicht in wenigen Tagen Hammer werden.

Benito Mussolini an Galeazzo Ciano zum katastrophalen italienischen Angriff auf Frankreich, 21. Juni 1940

Mussolini möchte die Unterzeichnung [des Waffenstillstands mit den Franzosen] so sehr wie irgend möglich verschieben, in der Hoffnung, dass Gambara… bis Nizza durchstößt. Das wäre eine schöne Sache, aber werden wir zur rechten Zeit durchkommen?

Galeazzo Ciano, Tagebuch, 22. Juni 1940

Man hat die Männer in einen sinnlosen Tod geschickt, zwei Tage vor dem Waffenstillstand, mit den gleichen Methoden wie vor zwanzig Jahren. Sollte der Krieg in Libyen und Äthiopien auf die gleiche Weise geführt werden, hält die Zukunft zahlreiche Bitterkeiten für uns bereit.

Achille Starace, Stabschef der Freiwilligenmiliz für die nationale Sicherheit nach der Rückkehr von der Alpenfront, 25. Juni 1940

Nach weniger als drei Tagen, 32 Kilometern… haben [unsere Soldaten] heftigste Widerstände durchbrochen… Begeisterung der Truppen: Sie wollen mich, lassen mich nicht durch.

Telefonat Benito Mussolinis mit Clara Petacci nach der Truppeninspektion am Kleinen Sankt Bernhard, 28. Juni 1940

Edda Ciano MussoliniEilzug Rom – Turin über Mailand, Sommer 1940

Am Ende verlangt man von Frauen nur eines: dort zu bleiben, wo man sie hingesteckt hat. Am Herd, im Wohnzimmer oder unter den Scheinwerfern des Kabaretts, im Kloster, um die Latrinen zu putzen oder einen Alkoven zu wärmen: Frauen haben verfügbar zu sein, zu lächeln und klaglos ihre Rolle zu spielen. Während sie tage-, jahre-, jahrhundertelang reglos blieben, haben sie gelernt, die Männer zu durchschauen und sie dafür zu bemitleiden, dass sie nicht wissen, was Warten bedeutet. Denn das ist ihr Verhängnis.

Hör sich einer bloß all die Männer am Bahnhof und in den Zugwaggons an: Aufgeregt schwadronieren sie vom Krieg, als stünden sie im Zentrum des Universums. Und wer sollte auch daran zweifeln, schließlich sind sie immer noch die Hauptfiguren! Sie sind es, die in großen Zimmern hinter verschlossenen Türen über das Los der Welt entscheiden, vom Balkon verkünden, die Stunde des Schicksals habe geschlagen, zu den Waffen greifen, sich zum Opfer bereitmachen und sogleich ins staubgetrübte Licht der Glorie treten.

Sie, die geborene Querulantin, beachtet sie kaum, sie hält den Blick starr auf die hinter den Zugfenstern vorbeiziehende Landschaft gerichtet und lässt sich von der aufgekratzten Stimmung wiegen, die ihr Vater verfügt hat. Endlich hat auch er sich von seiner Tochter überreden lassen, an der Seite der »fabelhaften Streitkräfte« des Führers ins Feld zu ziehen; so hat er es tags zuvor verkündet. Wer weiß, wer ihm dieses honigsüße Adjektiv in die Rede geschrieben hat, vielleicht seine grässliche Geliebte, die Petacci, dieses elende Weibsbild.

Ringsherum nur Kriegsasthma und fiebrige Männer und zugleich Langeweile, nichts als nervtötende Langeweile. Mit der Zeit wird alles zum Déjà-vu, in der Liebe wie im Krieg. Also ist sie aufgebrochen, um nicht vor Langeweile zu sterben. Ständig in Bewegung bleiben, niemals innehalten, niemals dort verharren, wo die Männer einen haben wollen.

Ihr ist der Platz der Tochter, der Gattin und der Mutter zugewiesen: alles Motive derselben Münze – ganz egal, welche Seite oben liegt. Vielleicht bietet ihr der Krieg endlich die Chance, an ihrem statischen Dasein zu rütteln. Nun kann sich die dankbare Tochter, hingebungsvolle Mutter und liebevolle Ehefrau in ein weißgekleidetes Wesen verwandeln, das bereit ist, die Hände in leuchtend rotes Blut zu tauchen: in eine Rotkreuzlerin.

Deshalb hat sie, die Contessa Edda Ciano Mussolini, ihre Kinder Ciccino, Dindina und Mogolotto an diesem Morgen in Gretas Obhut gelassen – die ihr wie immer auf Deutsch einen guten Morgen gewünscht und damit sogleich die Laune verdorben hat – und ist nach Turin aufgebrochen, wo sie gleich morgen mit der Krankenschwesterausbildung beginnen wird. Man hat ihr versichert, die Sache sei schnell erledigt, eine reine Formalität: Statt die Zeit über Büchern zu verplempern, kann man sofort unter Beweis stellen, dass man für Extremsituationen gewappnet ist. Natürlich kann sie den gestrengen Vestalinnen des von Prinzessin Marie José, der belgischen Gemahlin von Umberto von Savoyen und Schwiegertochter von Vittorio Emanuele III., jüngst erst reformierten Roten Kreuzes schlecht sagen, dass sie ihre Fähigkeit, nächtelang ohne Schlaf auszukommen, an den Spieltischen erworben hat, und auch nicht, dass sie die Schmerzen eines Amputierten zu lindern versteht, weil sie die Wirkung von Opium und Alkohol zur Genüge kennt. Doch ausnahmsweise einmal ist sie sich absolut sicher, dass es nicht dem Privileg, Mussolinis Tochter zu sein, zu verdanken ist, wenn sie mit einem raschen Lehrgang erledigen kann, was anderen eine monatelange Ausbildung abverlangt. Sie ist bereit, in vorderster Reihe zu stehen, besser gesagt: Sie steht in vorderster Reihe, seit sie geboren ist.

Sie ist die wahre Tochter dieses Jahrhunderts der Revolutionen. Sie, die beim Standesamt mit »Vater unbekannt« gemeldet wurde und jahrelang ungetauft blieb – so wollte es die anarchische Kirchenfeindlichkeit ihres Erzeugers; sie, die die geheimen Nachrichten, die Benito und Onkel Pietro Nenni im Bologneser Gefängnis während der antiimperialistischen Aufstände mit der Außenwelt austauschten, als kleines Mädchen unter ihrem Kleidchen schmuggelte; sie, die jeden Abend auf einem Hocker stehend Racheles Läusekamm ertrug; sie, die mit der Mutter auf Lastern voller Soldaten zum an Paratyphus erkrankten Vater reiste und der erbärmlichen Kriegshochzeit ihrer Eltern beiwohnte; sie, die sich ein einziges Mal einen Spielkameraden ganz für sich allein heranzog – einen prächtigen Hahn mit rotem Kamm, der ihr überallhin folgte – und dann den entsetzlichen Schmerz erfuhr, ihn stundenlang im Suppentopf kochen zu sehen, weil die frisch von Vittorio entbundene Mutter eine kräftigende Brühe brauchte; sie, die ganze Abende bis tief in die Nacht damit zubrachte, unter dem Schreibtisch des Herausgebers des Popolo d’Italia zu spielen, weil Papa Benito sie bei sich haben wollte; sie, die auf den Argwohn pfiff, mit dem die hochwohlgeborenen Schülerinnen des Florentiner Pensionats von Poggio Imperiale sie beäugten, und ihnen die Straßenkinder des Bottonuto vorzog, die wussten, aus welchem Holz sie geschnitzt war, und ihr den Spitznamen »Sandokan« gaben; sie, die den Fernen Osten tatsächlich bereiste, seine Vergnügungen genoss, aber auch die Grausamkeit seiner Soldaten im Japanisch-Chinesischen Krieg bewunderte; sie, die ohne mit der Wimper zu zucken hinnahm, dass alles – all das, was ausschließlich ihr zustehen sollte – an ihren Gatten ging, denn zurückzustecken ist nun einmal das Schicksal der Frauen. Sie, Edda Ciano Mussolini, ist der ausgebliebene Erstgeborene eines von verstiegener Geltungssucht überrannten Jahrhunderts, das dazu verdammt ist, sich selbst zu verschlingen.

Edda mit den männlich breiten Schultern und dem Cäsar-Profil, geschminkt wie Messalina. Edda, perfekt, um dem zahlenden Publikum der ganzen Welt vorgeführt zu werden, solange sie möglichst den Mund hält oder ihn nur aufmacht, um zuzustimmen und wohlwollend zu lächeln. Sie, geboren in den elenden, berauschenden Zeiten der sozialistischen Hoffnungen, aufgewachsen mit dem Gebrüll der Squadristen und schließlich im falschen Moment erblüht, in der pestigen Luft der Vereinbarungen und Bündnisse. Edda, die das beklemmende Meer der Menschenmassen hasst, jedoch – gäbe man ihr einen Balkon, von dem sie sich aufschwingen könnte – die Wahrheit zu sagen wüsste, weil sie der Lügen überdrüssig ist.

Doch das Äußerste, was sie, die vom ratternden Zug Gewiegte, sich erlauben darf, ist eine Illusion von Wandel, von Veränderung, die es ihr immerhin für eine Weile erlauben wird, Tochter, Ehefrau und Mutter von Soldaten zu sein, die so schwer verwundet sind, dass sie nur stöhnend ihre Dankbarkeit flüstern können.

Wieder Déjà-vus, Wiederholungen, die trügerischen Übereinstimmungen und üblichen Missverständnisse. Der Zugführer kündigt den Umstieg Mailand–Turin an. Heute bezeichnet Milano–Torino den Zug, der sie zur Rotkreuzlerin macht, bis gestern war es der verruchte Cocktail des Quisisana auf Capri, gemixt aus Punt e Mes, Campari, Selters, Eis und Zitrone, der perfekte Begleiter für die langen Nächte auf der Insel des Lasters. Einen kurzen Moment schließt Edda die Augen und nickt ein. Die sprudelnden Bläschen des Milano–Torino verwandeln sich in Tausende dem Balkon des Palazzo Venezia zugewandte Köpfe, die wie aus einem Mund »Krieg! Krieg!« brüllen, sich dann von ihren Hälsen lösen und wie winzige, sterbende Sterne zerplatzend in den Himmel steigen.

Während der Zug weiter Richtung Norden rattert, öffnet Edda wieder die Augen. Jetzt träumt sie nicht mehr. Sie blättert in einem Gedichtbändchen, das ihr in einer Nacht trauriger Trunkenheit der wunderliche, taubstumme Fakir geschenkt hat, der wie ein Derwisch tanzte, um die feine Gesellschaft auf Capri zu unterhalten. Die Verse stammen von einer Belgierin, die ein paar Jahre zuvor Ferien auf der Insel machte und genauso andersherum war wie der Fakir, eine Lesbierin. Wie jede Frucht der Langeweile sind sie abstoßend schwermütig und atmen dennoch ein klares Omen:

»Der Kaiser macht Angst. Der Kaiser hat Angst. Die Klippe ist seine Zuflucht.«

Wie ein sich seiner Niedertracht brüstender Schmeichler

färbt sich der Himmel zu Ehren des Caesar purpurrot.

Das Reich ist ohne Aufstand und das Schicksal ohne Zufall.

Die Welle unter seinem Boot ist dienstfertig sanft.

gibt ihm Halt und Lust.

Das Ufer mit seinen Bergen, seinen Städten, seinem Vulkan,

Scheint seine Krone und scheint sein Joch zu sein …

Mit Schrecken betrachtet er, wie sich seine Geschwüre schließen,

verarztet mit Galle und Wein, die ihn von innen zersetzen.

Dank der Dichter kennt er den Vorgeschmack der Gruft

Und glaubt bereits den Geruch seiner Verwesung zu riechen.

Er macht Angst. Er hat Angst. Die Klippe ist sein Zufluchtsort …

Gealtert, in Purpur gehüllt und bereit für das Leichentuch,

ahnend, ein Gott zu sein, ist Tiberius bereits allein.

Marguerite Yourcenar, Capri, erschienen in La revue bleue, Nr. 12,

15. Juni 1929

Benito MussoliniRom, 18. August 1940

In der zweiten Augusthälfte wird Benito Mussolini vorübergehend von einer Privatsache abgelenkt. Seine junge Geliebte Clara Petacci erkrankt schwer, und er eilt an ihr Krankenbett. Mitten im Krieg steht, tiefbekümmert und fürsorglich wie ein frisch verliebter Schulbub, plötzlich der italienische Diktator bei den Eltern der jungen Frau vor der Tür der Villa Camilluccia. Geschmeichelt und verlegen lassen sie ihn in ihrem Wohnzimmer Platz nehmen, holen das gute Geschirr aus seinem jahrzehntelangen Schlummer und servieren ihm Tee.

Doch Mussolini ist rastlos, er plaudert kurz mit den Petaccis und hat es eilig, wieder zu verschwinden. Denn in der Zwischenzeit hat der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop dort draußen in der großen, schrecklichen Welt jeden italienischen Angriffsplan auf Griechenland und Jugoslawien zunichtegemacht. Der Feind, den es zu besiegen gilt, heißt Großbritannien. Italien soll seinen Beitrag leisten und in Nordafrika zuschlagen. Höchste Zeit, dass sich der Duce zum entscheidenden Angriffsbefehl durchringt. Der Krieg, der echte, kann nicht mehr warten. Doch was tun seine Generäle? Sie flennen, füllen ihre Leere mit Gejammer, unmöglichen Forderungen, Bedenken und Haarspalterei. Seit Monaten liegt er Rodolfo Graziani in den Ohren, den Angriff im Osten vorzubereiten, um die Engländer zu verjagen, aber der eiert herum, fordert mehr Männer und Waffen, weicht aus. Seit Monaten ordnet er an, sich für einen Sprung nach Ägypten bereitzuhalten, sobald der erste deutsche Soldat einen Fuß auf englischen Boden setzt, um den sicheren deutschen Erfolg im Norden mit einem Sieg am Mittelmeer auszugleichen. Aber das schlechte Wetter im Ärmelkanal zögert den Moment weiter hinaus, und Graziani trödelt noch immer. Wieder einmal muss er sich selbst um alles kümmern.

Und so kommt der vom »Danach« bedrängte Benito Mussolini, der fürchtet, ein jähes Ende des Krieges gegen die Engländer könnte zu einem kulanten Friedensvertrag mit Frankreich und also zur Streichung der italienischen Forderungen führen, nach der Rückkehr von einem Privatbesuch im Hause Petacci am 18. August 1940 zu dem Schluss, dass der richtige Moment gekommen ist.

Der Duce greift zum Telefonhörer, lässt sich mit der Führung der italienischen Streitkräfte verbinden und brüllt einen unumstößlichen, endgültigen, unaufschiebbaren Befehl:

»Die Engländer in Ägypten angreifen!«

Nachrichten aus Berlin lassen den entscheidenden Angriff unmittelbar bevorstehend erscheinen. Mussolini hält sie für glaubwürdig und ist davon überzeugt, dass wir am Ende des nächsten Monats den Sieg und den Frieden erreicht haben werden. Aus diesem Grunde will er das Unternehmen in Ägypten beschleunigen.

Galeazzo Ciano, Tagebuch, 18. August 1940

Der Überfall auf England ist entschieden, die Vorbereitungen stehen kurz vor dem Abschluss, er wird stattfinden. Zeitlich kann das in einer Woche oder in einem Monat sein.

An dem Tag, an dem die ersten deutschen Soldaten englischen Boden berühren, werden Sie zeitgleich angreifen. Ich sage noch einmal, dass ich Ihnen keine territorialen Vorgaben mache, es geht nicht darum, auf Alexandria zu setzen, und auch nicht auf Sallum. Ich verlange nur, dass Sie die Engländer, die Sie vor sich haben, mit aller Macht angreifen.

Benito Mussolini, Telegramm an Rodolfo Graziani, 19. August 1940

Rodolfo GrazianiItalienische Kyrenaika, Sommer 1940

Im Sommer 1940 ist Rodolfo Graziani, Marschall von Italien und Sohn des Amtsarztes aus dem winzigen apenninischen Kaff Filettino, gerade achtundfünfzig Jahre alt geworden, von denen er zwanzig damit zugebracht hat, die Einheimischen Nord- und Ostafrikas zu bekämpfen. Seine politische und militärische Laufbahn war fulminant – Oberst mit nur sechsunddreißig Jahren, der jüngste in der Geschichte Italiens, dann General, Gouverneur in den Kolonien, Generalstabschef des Heeres und sogar Vizekönig von Äthiopien –, doch seine biografische Verlaufskurve zeigt die beharrliche Tendenz, wie er von der glorreichen Stufe des romantischen Helden unerforschter Wüsten auf die des paranoiden Schlächters wehrloser Unschuldiger absinkt. Bei Truppenparaden ist auf Rodolfo Grazianis Uniform kaum Platz für die allzu vielen erhaltenen Orden, und doch kann der General, der seine erste Lebenshälfte damit verbrachte, afrikanische Sprachen zu lernen, tödliche Schlangenbisse auszuschwitzen, rebellischen Beduinen durch die unbekannten, dürren Weiten des Fessan nachzujagen und in Nächten legendärer Abenteuer unter dem tropischen Mond zwischen Dünen zu kampieren, in seiner zweiten Lebenshälfte dem zersetzenden Lockruf der Vernichtung nicht widerstehen. Kaum zu glauben, dass es sich um zwei Seiten ein und desselben Lebens handeln soll.

Tatsächlich hat der Soldat auf seinem Marsch durch die trostlosen Weiten des faschistischen Afrikas seit Beginn der Dreißigerjahre dem Schlächter das Feld überlassen. Schon zu Anfang des Jahrzehnts hat Graziani, um den Widerstand von Omar Mukhtars unbezwingbaren Senussi-Rebellen zu brechen, ohne Zögern die Deportation von hunderttausend Zivilisten aus Dschabal al-Achdar in ein Spinnennetz von Konzentrationslagern angeordnet, in denen fast die Hälfte von ihnen den Tod fand. Dann, fünf Jahre später, nachdem er mit Hilfe von Senfgas und anderen aus der Luft über den feindlichen Kämpfern versprühten Giftgasen zur Eroberung Äthiopiens beigetragen hatte, überzog der von seiner Macht über das einstige Reich des Negus und vom Pesthauch seines blinden Hasses berauschte Vizekönig, der unfähig war, die Völker zu regieren, und sich in schlaflosen Nächten von Heerscharen eingebildeter Attentäter verfolgt sah, das Land mit Hinrichtungen, von Galgen baumelnden Leichen und Körben voll abgeschlagener Köpfe, neben denen die faschistischen Eroberer für das Erinnerungsfoto an die Lieben daheim posierten.

Schließlich war das so sehr gefürchtete und geradezu heraufbeschworene Attentat während einer öffentlichen Feierlichkeit am 19. Februar 1937 erfolgt. Acht Handgranaten, geworfen von zwei jungen Eritreern, hatten die unteren Gliedmaßen des Vizekönigs mit Hunderten Splittern durchbohrt. Dem Tod entronnen, bannte Rodolfo Graziani sein Martyrium auf einem seltsamen Foto, das ihn in Hemd und Krawatte, aber vom Gürtel abwärts nackt zeigt, und ließ seiner blutrünstigen Wollust endlich freien Lauf. Die Vergeltungsmaßnahmen, unverzüglich ausgeführt von Miliztruppen aus Faschisten, Askaris und Zivilisten mit militärischer Unterstützung des königlichen Heeres, dauerten zwei Tage und eine Nacht. Die Läden waren geschlossen, die postalische und telegrafische Kommunikation war unterbrochen, die Hauptstadt vom Rest der Welt abgeschnitten. Das von der Führungsriege der Faschistischen Partei in Addis Abeba einstimmig beschlossene Massaker begann mit Einbruch der Dunkelheit, als man die Lehmhütten entlang des Flusses mit Benzin in Brand steckte. In jener Nacht verbrannten Hunderte Männer, Frauen und Kinder bei lebendigem Leib oder wurden beim Fluchtversuch hingemetzelt, Italiener walzten wehrlose Menschen, die sich in Sicherheit bringen wollten, mit Fahrzeugen nieder, Frauen wurden ausgepeitscht, Männer kastriert und Kinder totgetreten. Kehlen wurden durchgeschnitten, Schädel eingeschlagen und zertrümmert, Körper zerfetzt, zerhackt oder aufgehängt.

Doch die Rache erschöpfte sich nicht mit dem Blutbad von Addis Abeba. In den Wochen danach hatte Rodolfo Graziani mit Benito Mussolinis ausdrücklicher Zustimmung die Vergeltungsmaßnahmen auf das ganze Land ausgeweitet. Zehntausende Äthiopier waren bestenfalls in Arbeitslager deportiert und schlimmstenfalls am Straßenrand erschossen worden. Kadetten der Militärschule, Studenten, Führungskräfte, jeder denkende Kopf Äthiopiens war hingerichtet worden, darunter Hellseher, Medizinmänner und Geschichtenerzähler, die die uralten Schöpfungsmythen eines zur Vergessenheit verdammten Volkes besungen hatten.

In jenen Monaten, auf dem Höhepunkt des orgiastischen Blutvergießens, hatte der Vizekönig seinem General Pietro Maletti die Erschießung des gesamten christlich-koptischen Klerus der Klosterstadt Debre Libanos befohlen, weil er von deren Komplizenschaft mit den Attentätern überzeugt war. Pietro Maletti hatte sich die fundamentalistische Grausamkeit der muslimischen somalischen Truppen zunutze gemacht, den Befehl am 21. Mai um Punkt dreizehn Uhr ausgeführt und dem Erschießungskommando 297 Mönche und 23 der »Mitwisserschaft« verdächtigte Laienbrüder überlassen. Nachdem er die Nachricht voller Stolz nach Rom telegrafiert hatte, befahl der noch immer nicht zufriedene Rodolfo Graziani die Abschlachtung von 129 noch nicht volljährigen Diakonen. Die Dörfer ringsum wurden in Brand gesteckt, die Frauen vergewaltigt, die Viehherden gestohlen. Festnahmen, Erhängungen und Enthauptungen setzten sich bis Mitte November fort. Dann stieß Benito Mussolini, der Blutorgie überdrüssig und besorgt wegen der im ganzen Land auflodernden Revolten, den Vizekönig von seinem Thron, beorderte ihn aus den Kolonien zurück ins Mutterland und ernannte ihn nach einer kurzen Verschnaufpause auf seinen Ländereien im Südlatium zum Generalstabschef des italienischen Heeres.

Nun, im Sommer 1940, ist der vom Blutvergießen im abessinischen Hochland heimgekehrte Held völkermörderischer Ruhmestaten, dieser kurz vor seinem sechzigsten Lebensjahr stehende und von den Gespenstern allzu vieler geschändeter Leichen verfolgte Soldat, vom Duce des Faschismus dazu verdammt, nach Afrika zurückzukehren, um die italienischen Truppen im neuen Weltkrieg zu befehligen. Diesmal muss Rodolfo Graziani es nicht mit berittenen Beduinentrupps oder bartlosen Diakonen aufnehmen, sondern mit den Spähwagen, Panzern, Spitfires und Panzerkreuzern des britischen Empires. Auf einen solchen Krieg hat der Sohn des Amtsarztes von Filettino nicht die geringste Lust.