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»Der zweite Teil des beispiellosen literarischen Unterfangens von Antonio Scurati.« La Stampa Antonio Scurati setzt sein weltweit gefeiertes Epos über den Faschismus fort: Zu Beginn des Jahres 1925 siecht Benito Mussolini seinem Ende entgegen. Das jahrelange Tauziehen um den obersten Posten des Landes fordert offenbar seinen Tribut. Doch der jüngste Premierminister in der Geschichte Italiens weigert sich, an einem einfachen Magengeschwür zu verenden. Das Bild des glorreich siegenden Duce, der sich den Mord an Matteotti wie einen Verdienst ans Revers geheftet hat, scheint in weite Ferne gerückt. Zur Befriedung der Zänkereien zwischen seinen Gefolgsleuten setzt er andere ein; die ungestüme Tochter Edda verheiratet er kurzerhand mit Galeazzo Ciano; Badoglio und Graziani werden mit der afrikanischen Mission betraut, die im Grauen von Giftgas und Konzentrationslagern mündet. Antonio Scurati schreibt den Weg von »M. Der Sohn des Jahrhunderts« auf beeindruckende Weise fort: Mit Hilfe der Verflechtung von Erzählung und Originalquellen entreißt er die Schlüsselfiguren und -ereignisse der Jahre 1925 bis 1932 dem Vergessen und findet einen ebenso intimen wie transparenten Zugang zur Person Mussolini. Der Roman endet mit dem zehnten Jahrestag der Revolution, als M. das gespenstische Denkmal für die faschistischen Märtyrer errichten lässt, das mehr noch als an vergangene Tote an heraufziehende Katastrophen zu gemahnen scheint.
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Seitenzahl: 703
Veröffentlichungsjahr: 2021
Antonio SCURATI
DER MANN DER VORSEHUNG
Roman
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
Klett-Cotta
Das Bild des glorreich siegenden Duce, der sich den Mord an Matteotti wie einen Verdienst ans Revers geheftet hat, scheint in weite Ferne gerückt. Zur Befriedung der Zänkereien zwischen seinen Gefolgsleuten setzt er andere ein; die ungestüme Tochter Edda verheiratet er kurzerhand mit Galeazzo Ciano; Badoglio und Graziani werden mit der afrikanischen Mission betraut, die im Grauen von Giftgas und Konzentrationslagern mündet. Antonio Scurati schreibt den Weg von »M. Der Sohn des Jahrhunderts« auf beeindruckende Weise fort: Mithilfe der Verflechtung von Erzählung und Originalquellen entreißt er die Schlüsselfiguren und -ereignisse der Jahre 1925 bis 1932 dem Vergessen und findet einen ebenso intimen wie transparenten Zugang zur Person Mussolini. Der Roman endet mit dem zehnten Jahrestag der Revolution, als M. das gespenstische Denkmal für die faschistischen Märtyrer errichten lässt, das mehr noch als an vergangene Tote an heraufziehende Katastrophen zu gemahnen scheint.
Antonio Scurati, 1969 in Neapel geboren, lehrt an der Universität Mailand und koordiniert dort das Forschungszentrum für Kriegs- und Gewaltsprachen. Seine Romane sind in viele Sprachen übersetzt und wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Premio Mondello und dem Premio Campiello. Sein jüngster Roman »M. Der Sohn des Jahrhunderts«, stand monatelang auf der italienischen Bestsellerliste, wurde von der internationalen Presse gefeiert und erhielt den wichtigsten Literaturpreis Italiens, den Premio Strega.
Verena von Koskull, Jahrgang 1970, studierte Italienisch und Englisch für Übersetzer sowie Kunstgeschichte in Berlin und Bologna. Seit dem Jahr 2002 ist sie als Literaturübersetzerin tätig und übersetzt außerdem für die Wochenzeitung DIE ZEIT.
Questo libro è stato tradotto grazie a un contributo per la traduzione assegnato dal Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale italiano.
Die Übersetzung dieses Buches kam dank einer Förderung des Italienischen Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten und Internationale Zusammenarbeit zustande.
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe
Klett-Cotta
www.klett-cotta.de
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »M. L’uomo della provvidenza« im Verlag Bompiani, Mailand
© 2020 Antonio Scurati. Published by arrangement with The Italian Literary Agency
Für die deutsche Ausgabe
© 2021 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Die Zitate in diesem Buch stammen aus:
Ludwig, Emil: Mussolinis Gespräche mit Emil Ludwig. Paul Zsolnay Verlag, Wien 1932
Nolte, Ernst (Hrsg.): Theorien über den Faschismus. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1967
Schlemmer, Thomas und Woller, Hans: Der Faschismus in Europa – Wege der Forschung. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2014
Cover: KC-Design, nach einem Entwurf von Anzinger & Rasp, München
Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen
Gedruckt und gebunden von CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-608-98457-6
E-Book ISBN 978-3-608-11659-5
Der Autor weist darauf hin, dass die im Roman enthaltenen Dokumente, Typoskripte, Telegramme und Briefe samt ihren Rechtschreibfehlern und Fehlern in der Zeichensetzung sowie sachlichen Unrichtigkeiten originalgetreu wiedergegeben sind: Auch derlei Kleinigkeiten verraten viel über die Menschen, die diese Dokumente verfassten oder abschrieben.
Auch sei darauf hingewiesen, dass im Oktober 1927 verpflichtend eingeführt wurde, dem Datum nach herkömmlicher Zeitrechnung in römischen Ziffern das Jahr der faschistischen Ära hinzuzufügen. Das erste Jahr der Era Fascista markierte der Marsch auf Rom am 28. Oktober 1922, wodurch sich eine Abweichung zum gregorianischen Kalender von gut zwei Monaten ergab.
Im Bewusstsein, einen dokumentarischen Roman zu verfassen, hat sich der Autor in seltenen Fällen dennoch die Freiheit minimaler, dem Gang der Erzählung geschuldeter zeitlicher Abweichungen sowie die eine oder andere winzige Fiktion erlaubt, was am Wesen der Epoche und ihrer Protagonisten jedoch überhaupt nichts ändert. In wie vielen Fällen? Nicht öfter, als sich an den Fingern der schreibenden Hand abzählen lässt.
Die Zeit, die in unserer Zeitrechnung – vergessen wir das nie – eines unserer wertvollsten Güter ist, nimmt erst als Erzählung menschliche Konturen an. Erzählung, die gleichwohl wahrheitsgetreu ist.
Der Atem ist pestig, der Schmerz zerreißt den Unterleib, das grünliche Erbrochene ist von Blut durchschliert. Von seinem Blut.
Die druckschwarzen Seiten segeln in die stinkende Lache. Unmöglich, Zeitung zu lesen. Sein glorreicher, von saurer Hypersekretion und Gasen gedunsener Körper schlingt Luft und ringt mit über die Armlehne des Sofas zurückgekipptem Kopf nach Sauerstoff. Ringsum tanzt das Zimmer einen Ringelreigen aus offenen Magengeschwüren.
Offen gestanden ist dieses Schlafgemach, dieser Alkoven, in dem der Regierungschef reihum seine zahlreichen Geliebten empfängt, auch ohne den Gestank blutigen Auswurfs nicht sonderlich anheimelnd: Tapeten aus rotschwarzem Samt an den Wänden, in der Ecke ein Betstuhl, vollgestellt mit Heiligenfigürchen, Gaben von Frauen aus dem Volk, und Medaillen, dargebracht von Männern des Krieges; dort der groteske ausgestopfte Steinadler mit gespreizten Flügeln, während einer Squadristen-Versammlung in Udine vom Himmel geholt; der Teppichboden, ebenfalls rot, auf dem das Löwenjunge, ein Geschenk glühender Verehrer, bevorzugt sein Geschäft verrichtet. Ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, ein Kämmerchen für die Dienerschaft und nicht einmal eine Küche. Und überall der beißende Gestank nach Wanderzirkus. Willkommen im Heim des jüngsten Ministerpräsidenten Italiens und der Welt.
Der Schmerz packt ihn aufs Neue, bohrend, dumpf, unerbittlich. Vielleicht sollte er mit letzter Luft um Hilfe rufen. Doch der Duce des Faschismus fleht nicht um den Beistand eines auf dem Treppenabsatz dösenden Wachtpostens oder seiner umbrischen Magd Cesira Carocci, die dumm ist wie eine Ziege und dürr wie ein Kreuzigungsnagel.
Es ist ja auch nicht das erste Mal. Seit Wochen, Monaten wird seine Speiseröhre regelmäßig von Anfällen heimgesucht. Zuerst regt sich ein seltsamer Appetit, ein flauer, widerwilliger Hunger ähnlich einer fruchtlosen Ehe oder einer Scheinschwangerschaft, dann folgen die Blähungen, das Aufstoßen.
Vergangene Woche nahm Ercole Boratto, der Chauffeur des Vertrauens, seinen üblen Mundgeruch sogar auf dem Fahrersitz wahr. In der ersten Kurve der Via Veneto blickte er verstohlen in den Rückspiegel, doch der Rücksitz war leer. Als er sich umdrehte, sah er seinen Chef auf den Knien kauern, die Hände auf den geschwollenen Unterleib gepresst, die berühmten Augen zu Schlitzen verengt, die Polster waren mit Verdauungssäften bekleckert. Sie mussten den wie von einem Schlaganfall entstellten Mann ins Bett schleppen und ihm mit dem Taschentuch des Fahrers die Mundwinkel abwischen.
Das ist aus Benito Mussolini, dem Duce des Faschismus, geworden, ein Verdauungsapparat und sonst gar nichts. Abführmittel und ihre Folgen. Das ist sein einziger Gedanke. Unser Herr Jesus Christus hat alles falsch gemacht: Er hätte uns anders gestalten und die Gedärme weglassen sollen. Er hätte uns so erschaffen sollen, dass die Luft uns nährt, oder sich mehr ins Zeug legen können, damit wir die aufgenommene Nahrung nicht wieder ausscheiden müssen. Stattdessen ist die Menschheit zum ewigen Kampf um die Entleerung verdammt, zum Leidensweg der Darmverstopfung. So kommt es, dass er, der Führer der Schwarzhemdlegionen, der Eroberer Italiens und höchstgeschätzte Italiener der Welt, kaum dass er zu Abend einen Teller Spaghetti mit Tomatensauce isst, drei Tage lang keinen Stuhlgang hat. Wenn doch, setzt er allenfalls einen teerigen Klumpen Exkremente ab, die so dürftig und scharfkantig sind wie Pflaumenkerne.
Dabei raucht er nicht einmal, trinkt kaum noch, treibt regelmäßig Sport und befolgt eine strenge Diät. Doch er kennt ihn, den Grund all dessen: Der Große Krieg und die Psychologie der Massen haben seine Verdauung ruiniert. Das ganze in den Schützengräben hinuntergeschlungene Dosenfleisch, all die nach einer Versammlung an irgendeinem Provinzbahnhof gekauften und hastig auf dem Rücksitz verdrückten Lunchpakete, während der treue Boratto ihn zur nächsten Versammlung kutschierte.
Doch letztendlich trägt Giacomo Matteotti die Hauptschuld daran, sein erbitterter Widersacher, der »Sozialist im Pelzmantel«, der Sohn eines Großgrundbesitzers, der sich für die bettelarmen Bauern aufgeopfert hat. Seine von einem kleinen Kläffer in einem Walddickicht im römischen Umland gefundene Leiche, die man zusammengeklappt wie ein Buch mit gegen den Rücken gebogenen Beinen per Fußtritten in einer zu kurzen, mit untauglichem Werkzeug – einer Eisenfeile – hastig ausgescharrten und mit Erdaushub nachlässig zugeworfenen Grube entsorgt hatte. Giacomo Matteottis Kadaver trägt die Schuld an seiner mörderischen Verstopfung.
Und der Idiot Giovanni Marinelli, dieser erbärmliche, korinthenkackerische Schatzmeister der Faschistischen Partei, der zu Matteottis Beseitigung nicht ein paar Scheinchen für Leute vom Fach hatte springen lassen, damit zwei Lire übrig blieben für einmal sattessen und ein Frauchen abschleppen, sondern lieber ein paar Volltrottel anheuerte und mit seiner Knauserei für das schlimmste politische Verbrechen des Jahrhunderts sorgte. So hatte die Knickerigkeit eines kleingeistigen Bürokraten aus einem einsamen, fanatischen Widersacher einen heldenhaften modernen Märtyrer im Freiheitskampf gemacht. Und ihn, den glorreichen Duce, in ein gequältes Bündel verknoteter Eingeweide verwandelt. Während die Anklageschriften sich häuften, die gegnerische Presse wetterte, die Glocken der Linken zur Verteidigung der Freiheit und die der ganzen Nation zum Tode Benito Mussolinis Sturm läuteten, hatte er seine engsten Mitarbeiter opfern müssen wie ein russischer Fürst, der den Wölfen die Kutscher zum Fraß vorwirft, um die eigene Haut zu retten. Raus mit euch: Cesare Rossi, Aldo Finzi, De Bono, Marinelli, sogar Balbo. Rette sich, wer kann.
Aber dann war der 3. Januar gekommen. Der Tag der Revanche. Der Tag, an dem Benito Mussolini aufrecht auf der Kommandobrücke des Ministerpräsidenten dem Parlament in schwerer See einsam die Stirn geboten und triumphiert hatte. Der Tag, an dem Benito Mussolini »Ich« gesagt hatte. Ich allein – hatte er gebrüllt – trage die politische, moralische und historische Verantwortung für das, was geschehen ist. Ich bin Italien, ich bin der Faschismus, ich bin der Sinn des Kampfes, ich bin das gloriose Drama der Geschichte. Sollte jemand es wagen, mich an diesem knorrigen Ast aufzuknüpfen, dann erhebe er sich jetzt und hole Seife und Strick hervor.
Niemand hatte sich erhoben. Es war zu einer Kraftprobe gekommen, und die Demokratie hatte sich wehrlos gezeigt. Und sich deshalb unterworfen.
Gewiss, hie und da wurde noch ein klägliches Wimmern des Widerstands laut. Der König hatte sich geweigert, blanko ein Dekret zur Auflösung des Parlaments zu unterzeichnen, ihn dann jedoch des Vertrauens seiner Majestät vergewissert. Filippo Turati, der Genius der sozialistischen Opposition, hatte mit den Achseln gezuckt und seine Anhänger beschwichtigt – »Keine Sorge, das ist der übliche Mussolini, der brüllt, um die Spatzen zu verscheuchen« –, sich dann jedoch auf moralische Entrüstung beschränkt, als sei Moral eine politische Größe. Der große Staatsmann Giovanni Giolitti hatte Mitte Januar noch die Kraft gefunden, sich öffentlich gegen seinen Vorschlag einer Wahlrechtsreform zu stellen, doch dann war das Gesetz – Matteotti hin oder her – mit 307 bei nur 33 Gegenstimmen angenommen worden. Obendrein hatte die Abgeordnetenkammer Mitte Januar an einem einzigen Tag ganze 2376 vom Duce gewollte Gesetzesdekrete abgesegnet.
Zudem hatte sein Innenminister binnen vierundzwanzig Stunden 95 politische Vereine und 150 verdächtige öffentliche Einrichtungen geschlossen, Hunderte oppositionelle Gruppen und Organisationen aufgelöst, 611 Telefonanschlüsse und 4433 öffentliche Plätze überwacht, 655 Hausdurchsuchungen angeordnet, 111 »Umstürzler« festgenommen. Unter dieser gewaltigen Ladung Dekrete und Festnahmen waren die letzten Querschläger begraben worden. Und zwar so tief, dass kein fickeriges Hündchen sie auszubuddeln vermochte. In jenen Tagen hatte das ganze Land feststellen können, dass Turati, Giolitti und deren Getreue keine tragenden Säulen der Freiheit waren, sondern lediglich Fassadenschmuck. Allen war klargeworden, dass diese vermeintlichen Leuchten des Antifaschismus nichts als Todgeweihte waren, die von der Hochzeit träumten.
Und doch zerreißt es ihm mehr als einen Monat nach jenem Handstreich in diesem Moment, auf diesem versifften Sofa, auf diesem von einem Löwenjungen vollgekackten Teppich, abermals die Eingeweide. Der Schmerz breitet sich sogar noch aus. Von der Bauchmitte zieht er jetzt bis in die rechte Schulter und erfasst von dort den gesamten Rücken- und Lendenbereich.
Er versucht sich in eine Sitzposition zu hieven. Vergeblich. Mit Mühe würgt er die Galle hinunter und überlässt sich der Ohnmacht.
An alldem ist die Unwägbarkeit schuld. Die unsichere Zeit voller Zaudern und Zögern, die seit Jahren andauert und einfach nicht enden will. Es ist ein einziges Herumeiern. Dem Triumph ihres Führers zum Trotz fahren die Mitglieder seiner Regierung bei jedem Blätterrascheln zusammen. Die treulosen Unterstützer heucheln bedingungslose Zustimmung und träumen doch davon, dass wiederauferstehe, was längst tot ist, das allgemeine Wahlrecht, die Verhältniswahl, die Mauscheleien des parlamentarischen Systems. Die alten, untröstlichen Gemäßigten folgen dem Kraftakt der Diktatur und weinen doch der netten Rendite ihrer oligarchischen Privilegien nach. Es ist die Verdammnis zum täglichen Kompromiss, zur ständigen Wiederholung, zur parlamentarischen Verstopfung, zur Politik als banalem Verwaltungsakt, zu minimalen Ergebnissen bei maximalem Einsatz. Es ist die Strafe der Demokratie, und er verbüßt sie in diesem Mischmasch aus Kotze und Blut. Wozu hat man Revolution gemacht, wenn man sich doch nur wieder von einem Tag zum nächsten quält?
Doch es ist noch schlimmer. Der bohrendste Stachel ist, dass nach gemachter Revolution die Revoluzzer bleiben. Hat man die Macht mit Gewalt erobert, bleiben die Schläger. Es bleiben der Kampfplatz, die Arena der Wahnsinnigen, der Schaum der Tage, die Aufrührer, die Verrückten, die Kriminellen, die Durchgeknallten, die Illegalen, die Nachtschwärmer, die ehemaligen Zuchthäusler, zündelnden Gewerkschafter, verzweifelten Zeitungsschmierer, die Heimkehrer, die Schuss- und Hiebwaffen zu bedienen wissen, die abgedrehten Fanatiker, die Überlebenden, die sich selbst für todgeweihte Helden und eine schlecht kurierte Syphilis für einen Wink des Schicksals halten. Holzköpfe, mittelmäßige, dumpfbackige und ignorante Trottel, die alles der fiebrigen Schönheit des Marsches auf Rom verdanken und den Rest ihres Lebens nichts anderes tun werden, als ihm nachzuweinen. Es bleiben die ewigen Squadristen, die ihre Waffen nicht niederlegen, und die Kämpfer der ersten Stunde, die einem mit der Uhr in der Hand bis in alle Ewigkeit vorwerfen, dass diese Stunde für immer vorüber ist.
Er hat nichts gegen Gewalt: So sind diese Zeiten nun einmal, Gewalt bleibt unerlässlich. Doch die Ernennung Roberto Farinaccis zum Sekretär der Nationalen Faschistischen Partei dreht ihm den Magen um. Farinacci, der sich als Speerspitze der »Falken« geriert, sich zum lombardischen Bollwerk gegen jedweden Antifaschismus erhebt, als Hüter der revolutionären Reinheit aufspielt.
Roberto Farinacci ist in Wirklichkeit ein ungehobelter Prolet, der nur die Sprache des Holzhammers versteht, er ist der Sieg der Provinz über die Stadt, der Brutalität über die Klugheit, des sturen Taktierens über die große Strategie, des Straßenschlägers über den Olympiaboxer, des gerissenen Raufbolds über den Mut des Soldaten. Farinacci ist Zorn in Potenz, der Schrecken seiner Feinde, Farinacci ist gelebte Beißwut.
Und dennoch bleibt Roberto Farinacci unerlässlich, weil Francesco Giunta und Cesare Rossi in das Matteotti-Verbrechen verwickelt sind, Italo Balbo sich wegen des Mordes an Don Minzoni vor Gericht herumschlagen muss und Emilio De Bono dem Obersten Gerichtshof überstellt wurde. Seine Gewalt ist rettende Entschlossenheit. Aus diesem Grund hat er, Benito Mussolini, ihn Tags zuvor an die Spitze der Partei gesetzt, und aus diesem Grund steigt ihm jetzt wieder ein Schwall Kotze die Speiseröhre hoch.
Und dann wäre da noch alles Übrige. Das Postengeschacher der Faschisten untereinander, der Ärger über die Biografie der Sarfatti, die ihn der Welt im Pyjama präsentiert, die Infamie der Emigranten, die seine historische Leistung schmähen, die Katholiken, die ihm weiterhin die Erziehung der Jugend streitig machen, das Unvermögen der Italiener in Afrika, die ihn als lächerlichen Wüstensammler dastehen lässt, die verborgenen Machenschaften der Freimaurer, der Dünkel der Intellektuellen, die herablassende Art der Savoyer, die Börsenspekulanten, die Währungskrise, das öffentliche Verbrennen der Lira auf Plätzen.
Und vor allem ist da der Gedanke des auslöschenden Todes; der Tod als Apokalypse, als Ende der Welt. Darin liegt die tragische Größe der Situation: Wenn ich sterbe, löst sich alles auf. Heute ist das faschistische Regime der Seinszustand Italiens, es ist Italien, doch den Tod seines Gründers würde es keine Stunde überleben. Der Faschismus würde sich in sich selbst verbeißen, in einem Wimpernschlag würden sich die Faschisten gegenseitig zerfleischen. Wir stehen vor diesem großen Geheimnis: Keine noch so mächtige Idee wird dem Kannibalismus je widerstehen können. Nur ich, der Mann, der dem Staat und dem Faschismus Kraft gibt, ich allein kann das Ende aufhalten; also der Staat bin ich, der Faschismus bin ich. Ich, der Autodidakt, ich, der Sohn einer Magd, ich, der späte Lehrling, ich, der Sohn des Volkes, der sich jenseits der vierzig mit dem Aneignen von Sportarten abmüht, die zum Privileg des Bürgertums gehören, ich, der ich mit Willensstärke und Beharrlichkeit zum gefürchteten Fechter und meisterhaften Reiter werde, der Reitstunden bei Camillo Ridolfi nimmt, ich, der lernt, ein Flugzeug zu fliegen, Motorrad zu fahren, mich auf Skiern zu halten, elegant zu schwimmen, ich, der sogar das Tennisspiel trainiert.
Ich, ganz rastlose Beharrlichkeit, Disziplin, fester Wille und karge Abendmahlzeiten, ich kümmere mich um alles, habe alles im Griff, vom Schulbau bis zu leckgeschlagenen Wasserleitungen, ich lese Hunderte Berichte zu jedwedem Belang, mache mir handschriftliche Randnotizen, stundenlang, seitenweise, jeden verdammten Tag, ich bin das Lasttier der Nation, ich bin der Ochse der Nation. Also darf ich nicht sterben.
Aus diesem Grund bleibe ich im Klammergriff von Migräne und Verstopfung, Verstopfung und Migräne. Bisweilen ist mir, als platzte mir wortwörtlich der Schädel, so wie jetzt, auf diesem Sofa… ein unablässiges Hämmern… tausend Probleme, allesamt dringend, und sie alle hämmern und klopfen, um sich mir ins Hirn zu bohren… Häuser in Rom, Wasser in Apulien, Schulen in Kalabrien und Messina, ein großer Bahnhof in Mailand… inzwischen habe ich ganz Italien wie eine riesenhafte Landkarte im Kopf, mit all seinen Knotenpunkten, Straßen, Bahnstrecken, Brücken, mit all seinen Forstprojekten, Stauseen und Trockenlegungen, mit all seinen drängenden Problemen. Also darf ich nicht sterben.
Schon wieder die alte Leier: der Mord an Matteotti, das Gespenst Matteotti, die Reue über Matteotti. Die Gegner beten das unermüdlich herunter, klammern sich verzweifelt und ihres Seins nicht sicher daran fest wie Klageweiber am rituellen Jammer angesichts der rätselvollen Schwärze des Todes.
Gewiss, ganz ohne Zweifel, der Onorevole Giacomo Matteotti ist tot. Meine Faschisten haben ihn abgemurkst. Doch ich darf nicht sterben, und deshalb reagiere ich wie folgt: Die Verantwortlichen müssen vor Gericht. Über ein politisches System kann kein Gericht ein Urteil sprechen, sondern allein die Geschichte.
Denn was ist dieses ganze nationale Gewese um den Mord an Matteotti unterm Strich? Eine Verschwendung von zentnerweise Druckerschwärze, Tonnen Zeitungspapier, Kilometern tiefsinniger Artikel, die niemand liest.
Ich habe einen starken Stand. Ich bin ein Mann der Schlacht. Ich rühre mich von hier nicht fort, zur Rettung aller. Ich überlasse mich nicht den Zeitungsglossen, ich gehöre der Geschichte. Der Sturm legt sich. Im Wald wird wieder Ruhe einkehren. Das Unterholz gehört abgefackelt.
Aus dem Zwölffingerdarm steigt durch den Pylorus ein neuer Schwall Mageninhalt den Schlund empor. Instinktiv will der Körper sich aufrichten, ins Bad stürzen, die Kloschüssel erreichen.
Benito Mussolini schafft keinen Schritt. Kaum auf den Beinen, bricht er zusammen. Der dumpfe Aufprall eines leblosen Körpers auf rotem Teppichboden. Das ist die letzte Erinnerung, der Abschied, mit dem der Duce des Faschismus sich der Welt empfiehlt.
STRENG VERTRAULICH, PERSÖNLICH ZU ENTSCHLÜSSELN. BITTE ARNALDO MUSSOLINI MITZUTEILEN, DASS S. E. DER PRÄSIDENT ERNSTLICH INDISPONIERT IST STOP DIESER LITT VERGANGENE WOCHE AN MAGENBESCHWERDEN, DIE SEIT GESTERN ZUGENOMMEN HABEN UND EINIGE TAGE STRIKTER RUHE VERLANGEN STOP NACHRICHT NATÜRLICH BIS AUF WEITERES VERTRAULICH.
Telegramm des Innenministers
an den Präfekten von Mailand für Arnaldo Mussolini
In den ersten Nachmittagsstunden wurde bekannt, dass On. Mussolini indisponiert sei. Die Nachricht erhärtete sich später, als On. Federzoni den Senat um eine Vertagung der Arbeit ersuchte… Nach vorliegenden Informationen handelt es sich bei der Unpässlichkeit des On. Mussolini um eine Grippe, wie sie um diese Jahreszeit weit verbreitet ist.
Corriere della Sera,
17. Februar 1925
»Die kriegen mich nicht klein, selbst wenn sie Kanonen gegen mich auffahren.«
Dies, so will es die von der Zeugenschaft eines Anwesenden genährte Legende, sind die ersten Worte, die der Duce bei seinem Erwachen am 16. Februar von sich gibt. Unter der Wirkung der Beruhigungsmittel mag Benito Mussolini vom Schützengraben fantasieren, doch er ruht auf zwei Daunenkissen in seinem Bett, in seiner Wohnung des Baron Fassini Camossi gehörenden Palazzos in der Via Rasella, hinter den Quirinalsgärten. Über Rom graut der Tag.
Das erste Gesicht, das vor ihm auftaucht, als sich der schwummerige Barbituratnebel lichtet, ist das seiner Haushälterin Cesira Carocci, einer einfachen Umbrierin mittleren Alters, groß, schlank, kräftig, nicht schön, mit langem Hals, straff anliegendem schwarzem Haar, Knopfaugen und Kartoffelnase. Sie hat ihn nach der Ohnmacht aus der Lache seiner eigenen Kotze vom Boden aufgelesen und seither umsorgt wie eine Vestalin das heilige Feuer. Als er erwacht, sind seit der Auffindung seines vor dem Sofa kollabierten Körpers rund sechs Stunden vergangen, Stunden voller Magenblutungen und Würgekrämpfe, ehe gegen vier Uhr morgens endlich Besserung eintrat.
Neben der treusorgenden Wächterin erspäht der Kranke die verschlafenen Gesichter von sieben fast durchweg betagten und zumeist unbekannten Männern. Drolligerweise tragen diese von ein und demselben Empfang weggerissenen Herren allesamt die für Galadiners typische Jacke, vorne kurz und hinten mit langen Schwalbenschwänzen. Sieben Frackträger am Krankenbett der Geschichte.
Mussolini erkennt nur Alessandro Chiavolini, seinen persönlichen Sekretär, Angelo Puccinelli, einen der Ärzte seines Vertrauens, und Ettore Marchiafava, international renommierter Pathologe, Universitätsprofessor, Mitglied der Akademie der Lincei und Senator, Experte für tuberkulöse Arthritis, Syphilis und Malariologie. Auch die anderen Mediziner sind Koryphäen ihres Fachs: Gastroenterologen, Kardiologen, Pathophysiologen. Über die Symptome waren sich sofort alle einig: Hämatemesis, Teerstuhl, Ohnmacht. Die Diagnose fällt einhellig: Der Duce leidet an einem Ulcus duodeni. Der Aufbruch geschwüriger Blutgefäße im oberen Magen-Darm-Trakt lässt keinen Zweifel daran. Mit der Prognose hält man sich jedoch zurück.
Wie Haruspexe, die die Leber einer abgestochenen Ziege deuten, um einen Orakelspruch daraus abzuleiten, verbringen diese illustren Wissenschaftler die beiden folgenden Wochen damit, Benito Mussolinis kaffeesatzschwarze Fäkalien nach verstecktem Blut zu durchwühlen. Während der ganzen Zeit wacht Cesira Carocci rastlos über ihn, vierzehn Tage und Nächte am Stück, ohne sich zu waschen oder umzuziehen.
Die Unterzeichnenden haben S. E. Mussolini untersucht.
Er ist an einem Ulcus duodeni erkrankt und hat in den Nächten vom 15. auf den 16. und vom 16. auf den 17. Blutungen erlitten.
Die Ärzte Giuseppe und Raffaele Bastianelli und Ettore Marchiafava,
handschriftliches Attest, 17. Februar 1925, 10:30 Uhr morgens.
Als er sich am Morgen des 26. Februar zum ersten Arbeitstermin des Ministerpräsidenten nach dessen Erkrankung in die Via Rasella begibt, ist Luigi Federzoni über die Einzelheiten gänzlich im Bilde. Er weiß alles über die Krankheit, wie es selbstverständlich ist für einen Innenminister, der dem Duce selbst in den dunkelsten Krisenmomenten nach dem Matteotti-Mord die Treue gehalten hat. So unterzeichnete der aufgrund seiner Wesensart und Bildung für die squadristische Gewalt gänzlich unempfängliche Federzoni am 3. Januar die Dekrete zur Mobilisierung der Miliz, zur Beschlagnahmung oppositioneller Zeitungen und zur landesweiten Razzia bei politischen Gegnern. Obschon ein sanftmütiger, liebenswürdiger Mensch und feinsinniger Intellektueller mit Abschlüssen in Rechtswissenschaften wie in Literatur, Verfasser von Romanen, Novellen und literarischen Essays, Schüler Giosuè Carduccis, des großen Dichters der erhabenen Redekunst, hat der Innenminister dennoch entschieden, diesen womöglich unumkehrbaren Schritt in Richtung Diktatur zu gehen. Somit ist Luigi Federzoni einer der Wenigen, die die Wahrheit über Mussolinis Leiden kennen.
Der Duce empfängt ihn in einer über die Hose hängenden Pyjamajacke. Wegen der verordneten strengen Flüssigdiät ist er bleich, abgezehrt und eingefallen. Da er sich immer nachlässig selbst rasiert, ist der berühmte Unterkiefer von einem fingerbreiten dunklen Bart bedeckt. Abergläubisch wie immer, dreht er einen »überaus wirkmächtigen Talisman aus dem Orient« in den Händen, den ihm Gabriele D’Annunzio geschickt hat. Gestützt von Cesira, tut der Rekonvaleszent widerwillig ein paar wenige, wackelige Schritte, als habe ein geborstenes Abwasserrohr den Fußboden überschwemmt, und legt sich sogleich wieder hin.
Das erste Thema, das Mussolini mit Federzoni bespricht, das dringlichste, ist der Ruf seiner Unverwüstlichkeit. Sein tatsächlicher Gesundheitszustand wird geheim gehalten. In den Zeitungen war kurz von einem vorübergehenden, jahreszeitbedingten Leiden die Rede, von einem »leichten grippalen Infekt« mit »sehr geringem« Fieber. Abgesehen von den Ärzten, Cesira Carocci, seinem persönlichen Sekretär und dem Bruder Arnaldo, der vom Mailänder Präfekten durch eine verschlüsselte Nachricht in Kenntnis gesetzt wurde, weiß so gut wie niemand, wie schwer krank Benito Mussolini ist. Nicht einmal seine Frau Rachele. Auch sie wird im Dunkeln gelassen, und man hat ihr untersagt, zu ihm nach Rom zu kommen, um die Bevölkerung nicht aufzuschrecken. Nicht einmal Margherita Sarfatti, seine wertvolle Mitarbeiterin, Mentorin und Langzeitgeliebte, die von der Carocci über die wechselnden Stelldicheins im Bett des Duce auf dem Laufenden gehalten wird, hat an sein Krankenlager eilen können. Doch hat diese Heimlichtuerei das Gegenteil der gewünschten Wirkung erzielt: Die Gerüchte sprießen, die Tuscheleien wuchern, die Lügen mehren sich. Hunderte bekümmerte Briefe aus ganz Italien, häufig von schlichten Bauern, bezeugen die Verehrung des Duce und tragen ihm Heilmittel, Tränke, Exorzismen an, von steif geschlagenem Eiweiß bis Heilkräutersud. Manch einer behauptet gar, Benito Mussolini sei bereits tot. Die antifaschistischen Abgeordneten, die dem Parlament seit Monaten aus Protest fernbleiben – die sogenannten »Aventinianer« –, wünschen es sich bisweilen ganz offen. Inzwischen klammert sich ihr unverzagtes Harren auf ein zum Sturz des Regimes führendes Ereignis an zwei Möglichkeiten: die Entscheidung des Königs, Benito Mussolini fallen zu lassen, oder dessen plötzlicher Tod. Die zweite erscheint inzwischen wahrscheinlicher.
Luigi Federzoni legt dem Ministerpräsidenten den Text einer Pressemitteilung an die Nation vor. Die Meldung spielt das Ausmaß der Krankheit herunter und lässt die Italiener wissen, der Ministerpräsident habe »erstmals für einige Stunden das Bett verlassen und sich zu einer Unterredung mit Innenminister Federzoni in sein Arbeitszimmer zurückgezogen«.
Mussolini liest das hauchdünne, maschinengeschriebene Papier, wiegt es zwischen den Fingern, legt es neben sich und steckt es unter D’Annunzios orientalischen Talisman.
»Was treibt Farinacci?«
Mussolini weiß, dass es einer Anstiftung zur Denunziation gleichkommt, seinen Innenminister vom Tun des neuen Sekretärs der Nationalen Faschistischen Partei berichten zu lassen. Die Feindschaft und Rivalität zwischen den beiden Männern ist hinlänglich bekannt. Um die gewalttätigen Squadristen aufzustacheln, hat Farinacci bei Amtsantritt erklärt, seine Sekretärsarbeit habe »nicht im Februar 1925, sondern am 10. Juni 1924« begonnen, am Tag des Mordes an Giacomo Matteotti. In jenen langen Monaten der faschistischen Krise nahm der Anführer der »Falken« den Mord an dem sozialistischen Parlamentarier ganz offen für sich in Anspruch und machte nie einen Hehl aus seiner Abneigung gegen Federzoni, diesen allzu gemäßigten und des Doppelspiels verdächtigen Minister. Mehrfach hat der Ras von Cremona Mussolini persönlich das von ihm sogenannte »Pissoir-Referendum« gesteckt, aus dem hervorgeht, dass auf den öffentlichen Toiletten Italiens, der letzten Tribüne, die den unterdrückten Antifaschisten noch geblieben ist, Federzoni kaum geschmäht wird, was zeigt, dass sich der gegnerische Hass auf ihn in engen Grenzen hält. Aus Sicht von Roberto Farinacci ein vernichtendes Urteil. Für solche Männer ist Hass das Maß aller Dinge.
Wie alle hartgesottenen Kämpfer, deren Stärke sich aus Stumpfheit speist, bleibt sich Farinacci auch in diesen ersten Tagen im Amt treu: Er spielt die Rolle des Extremisten, setzt alles daran, die Präfekturen wieder stärker unter die Fuchtel der Partei zu bringen, droht allen mit Konsequenzen, die während der Matteotti-Krise Ermüdungserscheinungen gezeigt haben, verkündet, er werde den »Schrott« der liberalen Demokratie beseitigen, die letzten Reste des Antifaschismus vernichten, den »triumphalen Marsch der Schwarzhemden-Revolution« fortsetzen, beschuldigt jeden, der gegen ihn ist, der Kungelei und sieht allenthalben Verschwörungen.
Andererseits ist das Gemunkel über die zahlreichen, von treulosen Anhängern, rachsüchtigen Widersachern und faschistischen Ehrgeizlingen geschmiedeten Komplotte mit dem Ziel, Benito Mussolinis Nachfolge anzutreten, sogar bis in dieses stickige, vom beißenden Stank nach Kotze und Dünnschiss verpestete Zimmer gedrungen. Eines dieser Gerüchte betrifft ausgerechnet Luigi Federzoni, den Mann, der ihm gegenübersitzt und der angeblich mit den alten Krautscheuchen Salandra und Giolitti kungelt, um ein gemäßigtes Triumvirat zu bilden, das den Duce aus dem Amt drängen soll.
Benito Mussolini schweigt, stumm folgt er dem detaillierten Bericht seines Innenministers, und sein Blick schweift Richtung Nachttisch, dort schimmert die Milch im Glas, seine einzige Nahrung.
Also ist nichts zu machen: Es lässt sich unmöglich feststellen, wie viele Intrigen um das Bett eines Sterbenden gesponnen werden, welche heimlichen Spielchen die Partie um die Macht bestimmen, welches Aufzucken kläglicher Ambitionen. Bis eben war man ein Titan, dann scheidet der Körper ein paar Fontänen Blut und Scheiße aus, und plötzlich ist man nur noch ein Verdauungsapparat und weiter nichts.
Doch darf man nicht in Mutlosigkeit verfallen. Wie alle ästhetisch empfänglichen Völker lieben die Italiener klar konturierte Gestalten, sie erwarten einen verlässlichen Stil und fordern Geradlinigkeit von dem, der sie zu führen beansprucht.
Und so greift sich der Duce des Faschismus noch einmal Federzonis der einstweiligen Obhut von Gabriele D’Annunzios Talisman überlassenes Bulletin zu seinem Gesundheitszustand, lässt sich von Cesira Carocci einen seiner rotblauen Lieblingsstifte der Marke Faber reichen, tilgt dort, wo es heißt, er habe das Bett verlassen, mit resolutem Strich das Wort »erstmals« und fügt bei der Erwähnung seiner Unterredung mit dem Innenminister in großen Lettern das Adjektiv »lang« ein.
Obschon die Krankheit, welche den Onorevole Mussolini ereilt hat, als überwunden gelten darf, hat der behandelnde Arzt dem Ministerpräsidenten eine gewisse Zeit der Ruhe und Schonung verordnet… Heute hat der Ministerpräsident für einige Stunden das Bett verlassen und sich zu einer langen Unterredung mit Innenminister On. Federzoni in sein Arbeitszimmer zurückgezogen.
Mitteilung aus dem Sekretariat des Ministerratspräsidiums,
27. Februar 1925
Einige abweichlerische Faschisten und Calza-Bini-Anhänger versammeln sich im Caffè Feraglia an der Piazza Colonna und halten sich häufig in der Einkaufsgalerie an eben diesem Platz auf. Die Gruppe der Calzabiniani, natürlich angeführt von Gino Calza Bini selbst, sind gegen Minister Federzoni, dem zur Last gelegt wird, gegen den Ministerpräsidenten zu taktieren und sich die Genesungszeit des On. Mussolini zunutze zu machen, um den einstigen Nationalisten den Boden für die Wahl zu bereiten. Mit anderen Worten, die Nationalisten mit On. Federzoni an der Spitze würden sich bereitmachen, dem On. Mussolini ein Bein zu stellen.
Polizeiliches Schreiben,
Anfang 1925
Jetzt bleibt nichts, als eine Karte auszuspielen: S. M. der König. Wenn das misslingt, kann man die Koffer packen und auswandern.
Anna Kuliscioff, Brief an Filippo Turati,
Anfang 1925
Exzellenz, sollte sich das Magengeschwür, an dem Sie leiden, in der oberen Magengegend befinden (vor dem Zwerchfell), so darf ich mir sicher sein, Sie ohne Operation zu kurieren… ausschließlich mit pflanzlichen Präparaten wie Kräutertees. Selbige Pflanzen sind gänzlich harmlos und haben nach meiner Anweisung bereits mehr als 20 von diesem Leiden betroffene Patienten geheilt.
Brief des angeblichen Arztes Poulain de Marceval
aus Nizza an Mussolini
»Hört ihr, der erste Applaus gilt immer Navarra.«
Mit der Hand weist Benito Mussolini auf Quinto Navarra, seinen Amtsdiener. Die Funktionäre lachen. Chiavolini, Federzoni und die anderen faschistischen Parteigrößen, die den Duce bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach der Krankheit begleiten, lachen über seinen Scherz. Aus voller Kehle. Im Halbdunkel des Siegessaales im Palazzo Chigi brechen die Schwarzhemden in schallendes Gelächter aus. Sie schütten sich aus vor Lachen über die geistreiche Bemerkung dieses Mannes, der Musik liebt, Gesang jedoch hasst, der gern auf der Geige fiedelt und sich auf Volksfesten sogar zu einem Tänzchen mit »seinen« Bäuerinnen hinreißen lässt, der aber nur selten einen Witz macht und den noch niemand hat singen hören. Der Duce zeigt sich höchst geschmeichelt und kann seine Befriedigung nur mühsam verbergen.
Quinto Navarra tritt als Erster vor die Menge, die unter dem Balkon an der Ecke Via del Corso und Piazza Colonna auf die Ansprache des Duce wartet. Nachdem er die Fenstertür geöffnet hat und die Stoßwelle des Jubels von der Straße über ihn hinweggerollt ist, zieht er sich in eine Ecke des Saales zurück. Dies ist sein Platz: der Schattenkegel versteckter Flure. Die weit geöffnete Fenstertür indes lässt das Frühlingslicht des römischen Spätvormittages ein. Die Menschenmenge ist nicht zu sehen, sie ist nur Geräusch. Von der westlichen Brise gebläht, tanzen die Vorhänge ins Zimmer, der leere Balkon erwartet ihn.
Er ist noch rekonvaleszent. Seit Wochen beratschlagen die Ärzte über die beste Therapie: Einige neigen zu einem chirurgischen Eingriff, andere zu eiserner Diät und absoluter Ruhe. Kaum zwei Tage zuvor hat sich eine weitere Koryphäe der Medizinerschar angeschlossen. Auf Drängen Margherita Sarfattis hat sich Bellom Pescarolo, namhafter Neuropathologe jüdischer Herkunft, Experte für bösartige Tumore und Hausarzt der königlichen Familie, heimlich in die Via Rasella begeben. Bei seiner ersten persönlichen Begegnung mit dem Duce trat Pescarolo einem sichtlich kranken Mann gegenüber. Benito Mussolini erschien ihm ausgemergelt, von den Durchfallattacken dehydriert, geschwächt von der fast ausschließlich auf Milch basierenden Diät. Der Arzt riet von jeglicher Anstrengung ab.
Doch heute jährt sich die Gründung der faschistischen Kampfbünde zum sechsten Mal, der ergebene Quinto Navarra hat die Fenstertür weit geöffnet, und Benito Mussolini muss zu der Menge sprechen. Bloß nicht die Herrschaft über die Massen verlieren: Das lange Schweigen zwischen der Menge und ihren Anführern schadet Letzteren enorm.
Sich von der Lobhudelei der Parteifunktionäre aufrichten lassen, die behaupten, er habe »den Schwung jugendlicher Schlankheit« zurück? Unwahrscheinlich. Sich am Zauber des Anfangs, an der Erinnerung jener ersten Versammlung im halbleeren Saal des Industrie- und Handelsverbands an der Piazza San Sepolcro in Mailand im März 1919 festhalten? Unmöglich. Kaum sechs Jahre sind vergangen, und doch sind diese knapp hundert aufgekratzten Heimkehrer, die den Faschismus gründeten, zu einer jubelnden Menge, ist diese verstiegene, wenige Hundert Anhänger starke Bewegung zu einer Partei mit mehr als einer halben Million Mitgliedern angewachsen. Dieser bei den sozialistischen Genossen von einst verhasste, von den Spießbürgern gefürchtete und von allen abgeschriebene Glücksritter der Politik ist nun der Regierungschef einer ihm zu Füßen liegenden Nation.
Wo also die Kraft hernehmen, um nach den Ohnmachten, dem Durchfall, den blutigen Brechanfällen wieder zum Dialog mit der Menge zu finden? Ein Blick in die Runde ist keine Hilfe: Die faschistische Revolution dümpelt im Grau in Grau der Unsicherheit. Der einzige entschlossene Schritt während der Wochen seiner Genesung hatte darin bestanden, die Führungsriege des Nationalen Frontkämpferbundes abzuservieren, die sich in den Monaten zuvor der faschistischen Gewalt entgegengestellt hatte. Ansonsten setzte der Genesende auf taktisches Lavieren: Das Projekt zur Reform der Streitkräfte ging zurück an den Senat, mit der Wahlrechtsreform wurde ein Ältestenrat betraut, und selbst das entschlossene Durchgreifen von Minister De Stefani beim Börsensystem ließ der Duce trotz des deutlichen Widerwillens der Industrie durchgehen. Sogar der unerhörte, ausgerechnet von faschistischen Gewerkschaftern – die doch für sozialen Frieden sorgen sollten – organisierte Streik der Metallarbeiter in Brescia, angeführt von diesem eifrigen Provinzsekretär, scharfsinnigen Journalisten, glühenden Idealisten und meisterhaften Fechter Augusto Turati, der den Fabrikanten von Brescia Antipatriotismus vorwarf, weil sie eine Lohnerhöhung verweigerten – selbst der wurde toleriert.
Die Gerüchte über die Komplotte Federzonis, Farinaccis und wessen sonst noch alles machen weiter die Runde, die verzweifelten Lügen der Sozialisten, die ihn für tot erklären, gären vor sich hin, die faschistischen Metallarbeiter streiken wie die Kommunisten, die Freimaurer intrigieren, die Spekulanten spekulieren, die Aktienmärkte sind im Sinkflug, die Sparer befällt Panik, das Misstrauen in die Lira beschleunigt die Kapitalflucht. Woher also jetzt die Kraft nehmen, um zu dieser anbetenden Menge zu sprechen?
Ganz klar: aus der Kraft selbst. Woher sonst?
In dem Artikel, den er für die Februar-Ausgabe der Zeitschrift Gerarchia verfasst und der Sarfatti gegeben hat, steht es klar und deutlich. Der Faschismus ist eine Religion, und in sämtlichen Religionen existiert seit jeher nur ein einziges heiliges Wort: gehorcht! Wenn er an die schweren Prüfungen denkt, die er seiner Gefolgsschar in diesen sechs Jahren und erst recht in den letzten Monaten auferlegt hat, wenn er an die zahllosen ihm trotz allem entgegengebrachten Verehrungsbezeigungen denkt, ist alles verraucht: Die Bitterkeit ob des Verrats, der Schwäche des Fleisches, selbst die erbärmliche Arglist von Anhängern und Widersachern ist dann verraucht. Es bleibt der Stolz des Anführers, der getreu dem ehernen Gesetz des Krieges Gehorsam übt und Gehorsam erntet.
Aus ihnen, seinen Nachläufern, hirnlos und unermüdlich wie Schlittenhunde, wird er seine Kraft schöpfen. Politik ist beileibe keine Wissenschaft, Politik ist Kunst, blinde Wahrsagerei. Jenseits der Politik zu leben, ist reinstes Vegetieren, doch für ihn bedeutet leben etwas ganz anderes. Für ihn bedeutet es Kampf, Risiko, Beharrlichkeit.
Zackig setzt sich Benito Mussolini in Bewegung und tritt auf den Balkon hinaus. Der Menge, die ihn zur Mittagsstunde des 23. März 1925 an der Ecke Via del Corso und Piazza Colonna auftauchen sieht, kann seine kränkliche Magerkeit, sein abgezehrter Kiefer nicht entgehen. Doch sie erblickt ihn lebend, nachdem sie schon seinen Tod befürchtet hat, und das lässt sie jubeln. Eine Welle schierer Begeisterung rollt gegen die Renaissancefassade des Palazzo Chigi.
»Schwarzhemden Roms! Ich kann dem Bedürfnis, euch meine Stimme hören zu lassen, nicht widerstehen. Nicht nur, weil euch dies erfreuen wird …«
Rufe der Menge: Ja! Ja!
»… sondern auch, um zu zeigen, dass die Krankheit mich nicht hat verstummen lassen.«
Rufe der Menge: Gut!
Mit einer sachten Handbewegung bittet der Redner die Menge um Ruhe. Er hat wenig Zeit und will noch ein paar Worte loswerden:
»Meine Gegenwart auf diesem Balkon lässt ein Kartenhaus aus lächerlichen ›es heißt‹ und kläglichen ›man munkelt‹ mit einem Streich zusammenfallen. Ich aber will euch sagen, dass es Frühling ist und nun das Schöne beginnt. Das Schöne für mich und für euch ist die totale, allumfassende Fortsetzung der faschistischen Aktion, immer, überall und gegen jeden.«
Rufe der Menge: Ja! Ja!
»Wollt ihr das?«
Die riesige Menge stößt einen einzigen gewaltigen Schrei aus: Ja!
Der Präsident lächelt, hebt dankend die Hand. Er wirkt tatsächlich zufrieden: In großen historischen Krisen wollen die Völker klare Ansagen, sie scharen sich um die Fahnen, die am kräftigsten leuchten.
Ehe er sich zurückzieht, wirft Benito Mussolini eine Frühlingsblume auf den Platz. Sie wird von einem jungen Avanguardista gefangen, wie die Regimepresse später berichtet.
Mit einem schnellen, diskreten und für die Menge unsichtbaren Handgriff schließt Quinto Navarra die Fenstertür. Im Schutz der Vorhänge sackt Benito Mussolini ermattet in einen Sessel. Wieder einmal steuert die Geschichte auf ein inneres Drama zu.
Dies ist das Zeichen des neuen Italiens, das sich ein für alle Mal seiner alten, anarchistischen und rebellischen Denkungsart entledigt und ahnt, dass das ewige Geheimnis jedes Sieges einzig in der stillen Koordination sämtlicher Kräfte unter dem Befehl eines Einzelnen liegt… Besser Legionen als [Wahl-]Kreise!
Benito Mussolini, »Lob der Gefolgschaft«,
Gerarchia, 28. Februar 1925
Heute sind wir glanzvoll allein, gegen alle und abseits von allen. Allein mit dem, was wir in zwei Regierungsjahren geleistet haben; allein mit unserer Verantwortung, mit unserem Schicksal und mit unserem Mut… Der Gegensatz ist historisch und unüberwindbar. Der Kampf muss systematisch geführt werden, bis zum endgültigen Sieg.
Benito Mussolini, Manifest zur Feier der Gründung der Kampfbünde,
23. März 1925
Mit den Intellektuellen ist es immer das Gleiche.
Es gibt immer einen Denker, der sich einbildet, der Macher müsste Nachhilfe bei ihm nehmen, und sich über seine Ohnmacht ärgert, wenn dies nicht passiert. Es gibt immer irgendeinen der Geschichte unbekannten Geschichtsphilosophen, der eifrig eine Handvoll Unterschriften einsammelt, um sie unter sein in Schönschrift verfasstes Manifest zu setzen und wie eine zum Kreuzzug des Grolls ausgelaufene Kriegsflottille ein paar Tage lang auf den Ozean des Vergessens hinaussegeln zu lassen. Man findet immer einen wie Benedetto Croce, der selig in seinem papierenen Gefängnis sitzt und seine hunderttausend Bewunderer und fünfundzwanzig Leser – nicht einen mehr – in gedrechselter Prosa zur Ablehnung der neuen Welt auffordert.
Am 21. April, dem Jahrestag der Gründung Roms, erschien das von dem europaweit bekannten Philosophen Giovanni Gentile initiierte Manifest der faschistischen Intellektuellen Italiens an die Intellektuellen aller Nationen im Il Popolo d’Italia, der Tageszeitung der Familie Mussolini, sowie in den größten überregionalen Blättern: eine nachdrückliche Willensbekundung, mit der Verquickung von Abendland und Dekadenz zu brechen, ein Ausdruck des glühenden Dranges, die herrschende geistige Krise zu überwinden, und der Überzeugung, dass eine faschistische politische Religion, ein faschistisches Vaterland, ein faschistischer Glaube existieren und der Intellektuelle die Pflicht hat, seinen Beitrag zu leisten. Zweihundertfünfzig Unterzeichner – Dichter, Musiker, Maler, Professoren, Literaten –, darunter die namhaftesten Kulturschaffenden des Landes.
Doch nur zehn Tage später, zum Tag der Arbeit am 1. Mai, wird im Il Mondo, der Tageszeitung des Oppositionsführers Giovanni Amendola, eine von Italiens bedeutendstem Philosophen Benedetto Croce abgefasste Antwort italienischer Schriftsteller, Professoren und Publizisten auf das Manifest der faschistischen Intellektuellen veröffentlicht, ein »Gegenmanifest«. Es ist ein gramvolles Plädoyer für den Intellektuellen, der sich ganz der Sache von Wissenschaft und Kunst verschreibt; eine verächtliche Abkanzelung des faschistischen Intellektuellen, der Politik nicht von Literatur, Politik nicht von Wissenschaft zu trennen weiß, ein Irrtum, der – zumal in der Absicht begangen, »beklagenswerte Gewalt und Anmaßung zu befürworten« – nicht einmal als ehrbar gelten darf. Auch hier Hunderte Unterschriften von fast durchweg namhaften Schriftstellern, Musikern, Malern, Professoren.
Die Initiative der antifaschistischen Intellektuellen ist eine schallende Ohrfeige. Ein endgültiger Bruch der beiden herausragenden Köpfe der italienischen Philosophie, die bis gestern noch freundschaftlich verbunden waren; eine breite Front weiter Teile des Geisteslebens gegen das faschistische Projekt; eine Mund-zu-Mund-Beatmung für die sterbende liberale Opposition, die verzweifelt darauf hofft, der König möge der faschistischen Macht oder eine geheimnisvolle Krankheit dem Leben ihres Führers ein Ende bereiten. Wie dem auch sei, es ist eine herbe Schlappe für den Faschismus, der sich, wegen des Matteotti-Mordes um Akzeptanz buhlend, über die Kultur hermacht.
Benito Mussolini kommt nicht umhin, sich den Schlag selbst zum Vorwurf zu machen. Er hat Leandro Arpinati, einem der Initiatoren der ersten nationalen Tagung faschistischer Kultur Ende März in Bologna, persönlich telegrafiert, um sein Wohlwollen über diese Initiative auszudrücken, die mit der »törichten Legende einer angeblichen Unvereinbarkeit von Intelligenz und Faschismus« aufräumen sollte. Die Konferenz war ein Erfolg gewesen, sie hatte zwei Tage gedauert und Hunderte illustre Teilnehmer gezählt. Auch Margherita Sarfatti hatte teilgenommen, seit Vorkriegszeiten die allbekannte Geliebte des Duce, und als einzige der vierundzwanzig anwesenden Frauen eine offizielle Rede über »Kunst und nationale Wirtschaft« gehalten. Mussolini hatte von den Tagenden konkrete Debatten und Entscheidungen verlangt, die als Grundlage für gesetzgeberische Maßnahmen dienen könnten. Nachdem sich Hunderte planlose Intellektuelle in verqualmten Räumen die Köpfe heißgeredet hatten, war daraus natürlich nichts geworden. Immerhin hatte die Tagung das Manifest hervorgebracht, weshalb man sich dennoch zufrieden zeigen durfte. Zusammen mit dem bereits im Februar und ebenfalls unter Gentiles Ägide beschlossenen großartigen Projekt einer Italienischen Enzyklopädie und dem eines für Juni angekündigten nationalen faschistischen Kulturinstituts ließ das Manifest hoffen, dass sich die törichte Legende entzaubern ließe.
Doch jetzt kam Don Benedetto Croce daher und verkündete, die Legende sei wahr: Intelligenz und Faschismus seien in der Tat unvereinbar miteinander. Das behauptete ausgerechnet der Mann, der als Wortführer des Liberalismus vor dem Marsch auf Rom mit den Faschisten und danach für die Faschisten gestimmt hatte, ausgerechnet er, der noch im Februar 1924 erklärt hatte, der Wesenskern des Faschismus sei Vaterlandsliebe, und der im Juni darauf, als Matteotti bereits entführt und ermordet war, der Regierung Mussolini noch immer sein Vertrauen ausgesprochen hatte. Dieser Mann, der in seiner Bibliothek im Palazzo Filomarino zwischen hunderttausend Büchern hockte, rief nun in die Welt hinaus, zwischen Faschismus und Kultur sei keine Verständigung möglich.
Aber vielleicht war das besser so. Besser, man überließ die Intellektuellen ihrem erbärmlichen Egoismus und ihrer angeborenen Feigheit. Vielleicht hatte Croce recht: Der Faschismus hatte dem Intellektualismus von Anfang an den Krieg erklärt. Hatte nicht der Duce selbst wenige Monate nach der Machtergreifung behauptet, das zwanzigste Jahrhundert verspreche anders zu werden als das vorherige, im neuen Jahrhundert sei »die Tat mehr wert als das Buch«? Hatten nicht Millionen junge, aus den Schützengräben des Weltkriegs heimgekehrte Europäer ihren Hass gegen den Intellektualismus hinausgeschrien, der sie ihrer selbst beraubte? Hatten sie ihm nicht die eiserne, schneidende, unveräußerliche Fülle ihrer gemachten Erfahrungen entgegengestellt?
Ja, sagte sich der Duce, ja, besser, die Intellektuellen schmoren in ihrem eigenen faden Saft. Man muss auf den ersaufenden Hund einprügeln. Der Moment ist gekommen, dem einzigen Mann von Geist zu huldigen, dem einzigen Literaten, der die Italiener gelehrt hat, dem Leben entgegenzugehen.
Es bedeutet eine harte Konzeption des Lebens, es ist ein religiöser Ernst, der die Theorie nicht von der Praxis, das Sagen nicht vom Tun unterscheidet und der nicht großartige Ideale zeichnet, um sie dann aus dieser Welt herauszusetzen, wo man elend weiterlebt, sondern es ist die harte Anstrengung, das Leben zu idealisieren und die eigene Überzeugung in der Aktion selbst mit Worten auszudrücken, die selbst Aktionen sind …
Manifest der faschistischen Intellektuellen Italiens,
21. April 1925
Und in der Tat, wenn die Intellektuellen, d. h. die mit der Pflege von Wissenschaft und Kunst Beauftragten, als Bürger ihr Recht ausüben und ihre Pflicht erfüllen, indem sie sich einer Partei zuwenden und ihr treu dienen, so haben sie als Intellektuelle die einzige Pflicht, bestrebt zu sein, mit dem Werk der Forschung und der Kritik und mit den Schöpfungen der Kunst alle Menschen und alle Parteien gleichermaßen auf eine höhere geistige Ebene zu erheben, damit sie mit immer wohltätigeren Wirkungen die notwendigen Kämpfe auskämpfen. Diese Grenzen des ihnen zugewiesenen Amtes zu überschreiten, Politik und Literatur, Politik und Wissenschaft zu verwechseln, ist ein Irrtum, der dann, wenn er, wie in diesem Falle, die Absicht hat, beklagenswerte Gewalttätigkeit und die Unterdrückung der Pressefreiheit zu befürworten, nicht einmal ein großmütiger Irrtum genannt werden kann …
In seiner Substanz ist dieses Manifest [der faschistischen Intellektuellen] eine Schülerarbeit, in der sich überall ideologische Konfusionen und schlecht miteinander verknüpfte Überlegungen bemerkbar machen …
Manifest der antifaschistischen Intellektuellen,
1. Mai 1925
Geschichte wird mit der Handgranate und dem Pflug gemacht und nicht mit Salveminis Werken; man liest nicht, man lebt. Ich pfeife darauf, ob du mich durchfallen lässt. Auf dem Karst hat man mich für Verdienste im Krieg zum Unteroffizier befördert.
Il Selvaggio, faschistische Zeitschrift,
1925
Jetzt will ich ein Geständnis machen, das euch die Haare zu Berge stehen lässt. Noch zaudere ich, damit herauszurücken. Ich habe nie eine einzige Seite von Benedetto Croce gelesen (große Heiterkeit, heftiger Applaus). Das soll euch zeigen, was ich von der Kulturalisierung des Faschismus halte, mit deutschem K. Die Philosophen lösen zehn Probleme auf dem Papier, doch im wahren Leben sind sie unfähig, auch nur ein einziges zu lösen (lebhafter Beifall).
Benito Mussolini, »Absolute Unnachgiebigkeit«,
Abschlussrede des IV. Parteitages der Nationalen Faschistischen Partei im Teatro Augusteo,
Rom, 22. Juni 1925
Mussolinis Besuch bei D’Annunzio in Gardone Riviera am Brescianer Ufer des Gardasees hält gleich zu Beginn ein Fettnäpfchen bereit.
Die beiden Männer gleichen einander in vielerlei Hinsicht, angefangen bei ihrem notorischen Sexualtrieb. Da Mussolini von seinem persönlichen Sekretär und seiner Haushälterin begleitet wird – jener Cesira Carocci, die ihn während des akuten Darmgeschwürs angeblich Tag und Nacht umsorgt hat –, geht D’Annunzio selbstverständlich davon aus, dass die Frau zu seiner Geliebten geworden ist. Dem Erotomanen ist unvorstellbar, dass anhaltende Nähe zwischen Mann und Frau nicht in körperlicher Vereinigung mündet. Und so hat man für sie und Mussolini eine gemeinsame Unterkunft hergerichtet.
Doch kaum erblickt der Dichter die reizlose, angejahrte umbrische Bäuerin, die groß und knorrig ist wie ein Erlenstamm, geht ihm auf, dass er bedauerlicherweise danebenlag. Der Ästhet in ihm hält sogleich für undenkbar, dass man eine hässliche Frau begehren kann. So muss sich der Erotomane eines Besseren belehren lassen: Es geht nicht zwangsläufig um Fleischeslust, wenn ein Mann und eine Frau tagelang in ein Schlafzimmer eingesperrt sind. Es gibt auch Krankenbetten. Der berühmte Gast könnte sich beleidigt fühlen.
Zudem war das Verhältnis zwischen Mussolini und D’Annunzio lange Zeit höchst angespannt. Während der Krise nach dem Matteotti-Mord hatten zahlreiche Menschen darauf gehofft, der Seher Italiens würde sich öffentlich äußern, was der Duce lange gefürchtet hatte. Tatsächlich hatte D’Annunzio das faschistische Verbrechen in einem privaten Brief an einen Freund im Juli 1924 als »stinkende Ruine« gebrandmarkt. Wenn der von seiner überwältigenden militärischen und literarischen Glorie umstrahlte rühmlichste Dichter und rühmlichste Soldat Italiens in den Chor der Anschuldigungen und Bezichtigungen eingestimmt hätte, wäre dies für das bereits taumelnde faschistische Regime womöglich der Todesstoß gewesen. Doch D’Annunzio hatte geschwiegen, Mussolini hatte sein unerhörtes Schweigen zu würdigen gewusst, und im Zeichen des Jammerns, Klagens und Barmens nahmen die beiden ihre Korrespondenz wieder auf.
Am fleißigsten schreibt D’Annunzio. Wenngleich er zu erkennen gibt, seine Briefsammlung umfasse mittlerweile »mehr als tausenddreihundert Bände«, hat er Mussolini in den vergangenen Monaten unermüdlich um Gefallen für seine Anhänger und Pfründen für sich selbst angeschrieben. Oberstes Ziel ist ein Regierungserlass, der den Vittoriale – die Villa, in die sich der Dichter seit dem Abenteuer von Fiume zurückgezogen hat und in deren Ausgestaltung er das kriegerische Italien verherrlicht – zum nationalen Denkmal erklärt, samt damit verbundenen öffentlichen Geldern. Auf derlei Briefe folgen sorgenvolle Erkundigungen nach der Gesundheit des Duce und Ratschläge für seine Genesung: »Womöglich weißt Du nicht, dass ich ein hervorragender Arzt bin (zu Zeiten des großen Moleschott habe ich zwei Jahre lang Physiologie und die Heilkunst studiert)… Wäre es mir möglich gewesen, Dich zu sehen und Dir beizustehen, hätte ich Dir wertvolle Ratschläge geben können. Unermüdlich inspiziere und erforsche ich das alte Wrack meines Körpers ebenso wie meine junge Seele.«
Materielle Interessen und die Schwermut körperlicher Gebrechlichkeit haben beide Rivalen also miteinander versöhnt und fast einfühlsam gemacht. Um ihm wegen seiner blutenden Geschwüre Trost zu spenden, schreibt der von einem läppischen Schnupfen befallene Dichter: »Auch ich bin an einem hässlichen Leiden erkrankt und darob rasend vor Zorn, wie Du Dir vorstellen kannst.« In diesem Tenor – Schweigen und Klagen – haben sich die Spannungen gelegt, und der wiederhergestellte Benito Mussolini konnte dem Dichter verkünden, er werde hinauf nach Gardone kommen und die friedensstiftende Versicherung eines Regierungserlasses persönlich überbringen.
Und so löst sich die Spannung auch jetzt vor dem monumentalen Eingang der Mausoleumsvilla. D’Annunzio zeigt sich sogleich überaus herzlich, er holt scherzhaft einen riesigen, Unheil abwehrenden Phallus aus einem Tabernakel hervor, bittet den illustren Gast vor der Überquerung einer kleinen Brücke um ein symbolisches Wegegeld und ehrt ihn dann, wie es sich für einen Herrscher gehört, mit einundzwanzig Salutschüssen aus Kanonen des Schiffes Puglia, einem echten Torpedokreuzer der königlichen Marine aus dem Großen Krieg; diese Schenkung an den Dichter war mit zwanzig Eisenbahnwaggons auf den Hügel des Vittoriale transportiert worden. Doch damit nicht genug der Kriegsgaukelbilder. Am Nachmittag steht noch eine Spritztour über den tranigen See auf dem Programm, an Bord des kleinen Torpedobootes, mit dem das legendäre Störmanöver gegen die österreichisch-ungarische Flotte in der Bucht von Buccari durchgeführt wurde. Mussolini zeigt sich entzückt.
Die zwei charismatischsten Männer Italiens, die sich an diesem Spätfrühlingstag am Ufer des Sees gegenübertreten, bilden die beiden Extreme eines gemeinsamen Paradoxes. Gabriele D’Annunzio ist nach eigenem Willen ein lebender Toter. Benito Mussolini, der über den gleichen zähen Willen verfügt, ist ein vom Sterben Genesener.
D’Annunzio, der sich nach dem blutigen, grotesken Ende des Abenteuers von Fiume freiwillig ins Exil in den Vittoriale zurückzog, hat sich in den vergangenen vier Jahren Totenritualen hingegeben. Unter den erstarrten Blicken einstiger Waffenbrüder diktiert er mit Grabesstimme seinen letzten Willen, überschüttet die Freunde mit tränenreichen Briefen – »unter dem Himmel bin ich traurig wie die Toten unter der Erde« –, fordert für sich, den Lebenden, pompöse Ehrungen, die sonst dem Gedenken von Verstorbenen vorbehalten sind, und erhält sie. Er fühlt sich von Mussolini weniger verraten denn plagiiert; nicht die Brutalität der Faschisten empört ihn, sondern ihr abgeschmacktes Nachahmen des D’Annunzio bereitet ihm Verdruss. Als Überlebender seiner selbst, eingemauert in feindseliges Schweigen und um den ruhmreichen Tod gebracht, schwelgt der Soldatendichter in seiner eigenen Totenfeier.
Mussolini indes, obwohl noch leichenblass, schlägt die ärztliche Anordnung absoluter Ruhe in den Wind und hat acht Wochen rastloser Regierungsarbeit hinter sich. Nachdem er zur Debatte über die Reform der Streitkräfte auf die politische Bühne zurückgekehrt ist, hat er am 2. April eine fabelhafte Rede im Senat gehalten, in der er sich als neutraler Schlichter der streitenden Parteien präsentierte und das Kriegsministerium selbst übernahm. Die fassungslos verzweifelte Opposition musste jede Hoffnung auf seinen baldigen Tod fahren lassen. Selbst Filippo Turati, der Patriarch des Sozialismus, kam nicht umhin, ihn einen »erfolgreichen Schmierenkomödianten« zu nennen. Fast einstimmig votierte die Senatsversammlung dafür, seine Rede öffentlich aushängen zu dürfen. Seither ist der Duce nicht zu bremsen. Nach der Neuordnung des Heeres hat er sich die Freimaurer vorgeknöpft und ein Gesetz zur Auflösung der Geheimbünde auf den Weg gebracht, die Debatte zur Verabschiedung des Haushalts unterstützt, das Frauenwahlrecht bei Kommunalwahlen abgesegnet und sogar den Anspruch der italienischen Kyrenaika auf die entlegene Wüstenoase al-Dschaghbub geltend gemacht.
Vor diesem Hintergrund hat sich der schleichende Verfall dessen fortgesetzt, was nach Polizeischikane und Pressezensur noch von einer Opposition übrig ist, die sich zwischen ständiger Geißelung des Faschismus und der zehrenden Hoffnung auf ein Einschreiten des Königs zerrieben hat. Allein Luigi Albertini, der Herausgeber des Corriere della Sera, predigt in der Wüste des Montecitorio noch mutig gegen die drohende faschistische Diktatur an. Es ist inzwischen so gut wie sicher und auch die ausländische Presse sieht es nun so: Der sichere Niedergang der faschistischen Regierung, der nach dem Mord an Matteotti prophezeit wurde, ist nicht eingetreten.
Und so bleibt Gabriele D’Annunzio, nachdem er das Matteotti-Verbrechen nur sechs Monate zuvor als »stinkende Ruine« gebrandmarkt hat und der Ruin vergeblich auf sich warten ließ, nichts anderes übrig, als den höflichen Gastgeber und brillanten Gesellschafter zu geben. Nach den donnernden Kanonensalven der Puglia über dem Gardasee und der Spritztour an Bord des MAS-Torpedobootes von Buccari steht Mussolinis Besuch des Vittoriale im Zeichen ruhiger Vertraulichkeit unter alten Freunden und Waffenbrüdern.
Am 26. Mai empfangen D’Annunzio und Mussolini eine Delegation von Veteranen auf dem Rückweg von einer Wallfahrt zu den Schützengräben des Großen Krieges. Angeführt wird sie von Carlo Delcroix, Kriegsheld, berühmter Redner, Amateurdichter, Politiker aus Leidenschaft, Kulturförderer, obschon an beiden Händen kriegsversehrt und auf beiden Augen blind.
Beim Empfang der Heimreisenden überbieten der Duce und der Seher einander in kameradschaftlichem Anstand. Im Besuchersaal verschmäht der Hausherr die Stühle mit den Intarsienarbeiten, nimmt auf einem niedrigen Schemel Platz, der in die Mitte des Raumes gerückt wurde, und deklamiert vor den gerührten Kämpfern mit lauter Stimme die Widmung auf der silbernen Gedenkmedaille der Wallfahrt. Um ihn in demokratischem Kameradschaftsgeist zu schlagen, verharrt Mussolini stehend im Kreis der Soldaten hinter ihm.
Nach einem devoten Telegramm an den italienischen König, in dem sie sich zu »wiedergefundenen Brüdern im Glauben« erklären, überbieten sich die beiden den ganzen Nachmittag hindurch in Witzigkeiten. D’Annunzio beweist, dass er als Salonlöwe unschlagbar ist, und eröffnet den Tanz. Er versieht die Haushälterin Cesira Carocci mit einer seiner bildschöpferischen Sprachkreationen (»Schwester Heilsamkeit«), dann scherzt man ein wenig über dies und das und spöttelt sogar über die Plage der Bittsteller. Auch bei diesem Thema erklärt der Dichter gutmütig, nicht besser zu sein als andere: Bekanntlich verbrenne er die Empfehlungsschreiben allmorgendlich auf dem Felsbrocken vom Monte Grappa, während dem Regierungschef an ihrem Zuspruch offenbar gelegen sei, da er sie alle beantworte. Doch Benito Mussolini nimmt es ihm nicht krumm. Inzwischen ist es wie unter alten Freunden. Man frotzelt nur ein wenig. Harmlose Foppereien. Kleine Späßchen. Mehr nicht.
Als Gabriele D’Annunzio gegen Abend nach der Abreise des Ministerpräsidenten vom Fenster aus versonnen sein Spiegelbild im glorreichen Bug des Kreuzers Puglia betrachtet, der zwischen den Pappeln seines Gartens endgültig auf Grund gelaufen ist, hat seine Stimme eine andere Färbung: »Da bin ich, der Dichter der Schiffsoden, nun wie ein Frosch in dieser Gumpe gelandet. Ein Frosch, der nicht singt, denn das Singen ist mir vergangen.«
Innerlich bewegt hört Carlo Delcroix ihn am Ende des Tages diese Worte sprechen und kann sich nur ausmalen, wie sich das tranige Wasser des Gardasees im letzten Tageslicht silbrig verfärbt. Für einen Blinden liegt alle Schwermut in einer tiefen Klangfarbe, einer abfallenden Satzmelodie. Die Schwermut ist nur eine stimmliche Körnung.
D’Annunzio ist nur mehr ein spielendes Kind.
Ein Kind, das viel kostet.
Benito Mussolini, Kommentar nach seiner Rückkehr
aus Gardone, festgehalten von Quinto Navarra,
Rom, 28. Mai 1925
Zuerst kommen die Toten. Die Ermordeten und die Mörder. Und fast immer sind sie ein Fleisch, ein Mensch.
Cesare Maria De Vecchi, einer der Quadrumviri des Marsches auf Rom, beschwört sie zur Eröffnung des vierten Nationalkongresses der Faschistischen Partei herauf, an dem Tag, als auf der Nordhalbkugel der Sommer beginnt und die Sonnenstunden ihren Höhepunkt erreichen. Seine Rede beginnt um Punkt 10:30 Uhr, das Publikum lauscht ihm stehend, die Toten sind zahlreich. Allein seit dem Sommer 1924 bis zu diesem Augenblick vierundfünfzig gefallene »Märtyrer der faschistischen Revolution«. Umgekommen an einem Samstagabend oder Sonntagnachmittag bei bewaffneten Hetzjagden zwischen verfeindeten Faktionen in menschenleeren Straßen, gestoppt von einem Messerstich beim Sturm auf Häuser des Gegners oder des Nachts von einem Gewehrschuss in den Rücken niedergestreckt. All ihre Namen sind nun in das Album der Schwarzhemden-Märtyrer eingeschrieben, dem faschistischen Totenbuch. Kein Kreuz fehlt. Von Agnusdei, Vittorio bis Visantini, Francesco. In strenger alphabetischer Reihenfolge.
Um die Toten zu ehren, hat De Vecchi den großen Stuhl des Parteitagspräsidenten auf der Orchesterbühne verlassen. Aus gegebenem Anlass schmücken goldene Girlanden den riesigen Saal, die Tische sind mit rotem Damast bedeckt. Die Logen sind dem Ehrengericht der Partei, den Senatoren, dem Oberkommando, den Verbandsvertretern vorbehalten. Unten löst die Miliz die Ordnungskräfte ab. Oben, auf einem großen, vergoldeten Lehnstuhl hinter einer Absperrung aus drapiertem karmesinroten Samt, beherrscht Benito Mussolini den Saal. Als das Totengedenken zu Ende ist, nehmen die Kongressteilnehmer auf sein Handzeichen hin wieder Platz.
Der Parteisekretär Onorevole Farinacci, Ras von Cremona, Anführer der »Falken« und Idol der harten Kerle des Faschismus, ergreift das Wort. Alle jubeln ihm zu, denn alle wissen, dass es den Faschismus ohne diese Männer nicht gäbe und er ohne sie womöglich noch immer nicht überleben würde.
Die Squadristen haben Giovinezza angestimmt; während sie noch singen, beginnt der Sekretär mit seiner Ansprache: »Wir gehörten zu denen, die sich für strengste Unnachgiebigkeit starkmachten«, brüllt seine Baritonstimme unter dem Schnauzbart hervor.
Doch einer Rede von Roberto Farinacci hört niemand wirklich zu. Worte sind für diese Sorte Redner Steine. Ihr einziges Mittel der Überzeugung ist die Gewalt, die alles daransetzt, Gesetz zu werden. »Der Faschismus ist keine Partei, er ist eine Religion.« Sein gesamtes politisches Credo steckt in dieser Losung. Eine archaische, vorchristliche, nahöstliche Religion, dem Kult grausiger assyrisch-babylonischer Gottheiten verschrieben, die nach Menschenopfern verlangen. »Italien entmatteottisieren.« Die gesamte Geistesbiografie des neuen Sekretärs der Nationalen Faschistischen Partei steckt in diesem so grausamen wie plumpen Neologismus, den er angesichts der geschundenen Leiche Giacomo Matteottis kürzlich selbst geprägt hat: auch das letzte bisschen Widerstand systematisch zerstören. In den ersten drei Juniwochen des Jahres 1925 scheint sein Plan Wirklichkeit geworden zu sein. Die parlamentarische Opposition, die sich noch immer auf den Aventin zurückgezogen hat, unschlüssig, ob sie ins Parlament zurückkehren soll, hektisch und gelähmt, über alles zerstritten, hat wieder einmal sämtliche verbliebene Hoffnung vergeblich auf eine Gewissensregung des Königs Vittorio Emanuele III. gesetzt. In diesem wahnhaften Harren, den verlorenen Blick auf einen leeren Horizont gerichtet, ist sie zerfallen, in sich zusammengesackt wie altes, wurmstichiges Holz.
Als der Monarch das Fest zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen seiner Regentschaft auf den 7. Juni vorverlegte, haben Giovanni Amendola und die anderen Anführer der verfassungstreuen Sezession, die den Quirinalspalast nicht aus den Augen ließen, dies als Zeichen für das ersehnte Ereignis gedeutet und daher um Audienz gebeten. Der König gab dem Ersuchen statt, ließ sie jedoch nur einzeln und in eigenem Namen vor. Er empfing sie hintereinander weg – angefangen bei Giovanni Amendola selbst –, hörte sie einen nach dem anderen das gleiche Plädoyer für die Wiederherstellung der Gesetzlichkeit halten und rührte dann abermals keinen Finger. Und am 13. Juni, dem Festtag des heiligen Antonius, haben sie am Ende einer wirren Versammlung abermals beschlossen, untätig zu bleiben. Es gelang ihnen nicht einmal, Matteottis ersten Todestag im Parlament zu begehen. Als Farinacci von ihrer Absicht erfuhr, hat er am Eingang des Palazzo Madama eine Squadristenschar postiert, die die Sozialisten verjagte und den Mörder ihres Märtyrers hochleben ließ: »Von wegen Amendola, von wegen Albertini. Es lebe Dùmini, es lebe Dùmini!« Später hat Farinacci sie in den Spalten seiner Zeitung Cremona nuova verlacht: »Eine Hammelherde auf der verzweifelten Suche nach irgendetwas, das sie aus ihrer tragikomischen Situation erlöst.« Deshalb kann der »große Sekretär« der Nationalen Faschistischen Partei nun auf der Tribüne des Teatro Augusteo triumphieren und ein Loblied auf den Ras der Provinz anstimmen, also auf sich selbst.
Nach der Auftaktrede des Sekretärs geht der Parteitag in eigentümlicher Hast über die Bühne. Es wird viel, sehr viel geklatscht, wenig und kurz geredet, bereits angemeldete Redner verzichten auf ihren Auftritt, sämtliche Tagesordnungspunkte werden einstimmig beschlossen. Niemand spielt auch nur ansatzweise auf interne Querelen an. Auf den Fluren wird gemunkelt, Mussolini habe gesagt: »Ich muss die Schlacht um das Getreide und um die Lira führen, internationale Probleme lösen und die Gesetze für den faschistischen Wiederaufbau vorbereiten, also geht mir nicht mit Parteikram auf den Sack.« Auch in diesem Fall scheint die Partei ihn nicht enttäuschen zu wollen, sie fügt sich und hält im Augusteo einen durch und durch faschistischen Parteitag ab: Vollendete Tatsachen sind der Theorie stets voraus. Das an die Presse ausgegebene Programm wird im Laufe der Veranstaltung auf die Hälfte eingedampft.
Deshalb kann Benito Mussolini bereits am Nachmittag des 22. Juni die Tribüne für seine Abschlussrede besteigen. Er zeigt sich in Höchstform und bestens gelaunt, aufgekratzt geradezu, und verspricht seiner Zuhörerschaft »eine Stunde großer Fröhlichkeit«. Zwar ist er noch immer dünn, wirkt aber gesund und kräftig. Die Zwölffingerdarmgeschwüre scheinen restlos verschwunden zu sein. Offenbar ist er ebenfalls »entmatteottisiert«, um es mit den Worten des Sekretärs zu sagen.
