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Kristina hat schon als kleines Kind Probleme damit, sich der Welt um sie herum anzupassen. Sie scheint einfach nicht richtig zu sein, nicht dazuzugehören, und muss sich extrem anstrengen, um den diversen Erwartungshaltungen zu entsprechen. Dafür kopiert sie vorzugsweise das Verhalten anderer und schlüpft in eine Rolle, die sie zeit ihres Lebens spielt. Das ist anstrengend und fordernd, macht sie angespannt und manchmal auch wütend oder verzweifelt. Es beschert ihr Kopfschmerzen und zehrt an ihren Kraftreserven. Im Laufe der Zeit lernt sie, wie sie sich ihre Kräfte einteilen muss, und taktet ihr Leben entsprechend. In den jährlichen Sommerferien, in denen Sie mehrere Wochen am Stück sie selbst sein kann, alleine mit sich und der skandinavischen Natur, schöpft sie die Kraft für das nächste Jahr. Kristina übersteht Jahr für Jahr, wechselt vom Kindergarten in die Grundschule, aufs Gymnasium, macht Abitur, wie sich das gehört, unterhält Freundschaften und sogar Beziehungen, leidet aber trotz ihrer Erfolge im »Dazugehören« mehr und mehr unter dem Stress, den ihr das bereitet, bis hin zu Selbstmordgedanken. Dieses Buch gewährt einen Blick hinter die Kulisse eines Menschen, der nicht von Natur aus den gängigen Stereotypen entspricht, sodass die gesellschaftliche Integration zur lebensbestimmenden Mammutaufgabe wird. Es soll Menschen mit ähnlichen Problemen dazu ermutigen, an sich selbst zu glauben und zu wagen, anders zu sein, statt sich an dem Wunsch zu gefallen bis zur Erschöpfung abzuarbeiten. Mit dem Glauben an sich selbst und dem Respekt anderer für die eigene Persönlichkeit ist das nicht nötig. Und die Gesellschaft braucht ja auch Menschen mit verschiedenen Persönlichkeiten und Fähigkeiten. Das Buch richtet sich sowohl an junge Menschen, die aktuell mit diesem Problem zu kämpfen haben und nach Lösungen suchen, als auch diejenigen, die diese Schlacht schon länger austragen: Ihr seid nicht allein.
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Seitenzahl: 296
Veröffentlichungsjahr: 2022
Silke Fält
Mach dir keinen Kopf
Normalsein ist anstrengend
Copyright: © 2022 Silke Fält
Lektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.net
Umschlag & Satz: Erik Kinting
Titelbild: © Silke Fält
Verlag und Druck:
tredition GmbH
An der Strusbek 10
22926 Ahrensburg
Softcover
978-3-347-80383-1
Hardcover
978-3-347-80385-5
E-Book
978-3-347-80386-2
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Für Papa
Prolog
Tausende von winzig kleinen Larven bewegen sich unter meiner Haut, kriechen hierhin, kriechen dorthin, nisten sich in meinem Gesicht, den Armen, den Beinen, dem Gehirn ein. Dieses krabbelnde Gefühl ist kaum auszuhalten. Ein schneller Kontrollblick auf die anderen Patienten im Wartezimmer: Ein paar unterhalten sich, andere starren vor sich hin, niemand schaut in meine Richtung. Ich nutze die Gelegenheit und reibe mir mit beiden Händen kräftig durchs Gesicht, natürlich nur kurz, um nicht aufzufallen. Aber das Krabbeln wird von Sekunde zu Sekunde stärker. Ich setze mich auf meine Hände, um mich selbst daran zu hindern, mich zu kratzen. Bloß nicht blutig kratzen, nicht einmal so, dass die Haut ganz rot und schuppig wird. – Nicht hier im Wartezimmer.
Ablenkung. Ich brauche irgendeine Ablenkung. Aber wie soll ich mich auf etwas anderen konzentrieren, wenn diese Würmer sich überall einnisten und ich mir nichts anmerken lassen will?
Während ich gegen das Kribbeln unter der Haut ankämpfe, frage ich mich, was ich hier schon wieder mache; was bei der Arbeit passiert, während ich nicht da bin; was die Kinder in der Schule beziehungsweise im Kindergarten machen; was ich machen muss, wenn wir nach Hause kommen; ob ich es heute Abend schaffen werde, etwas für mich zu tun, wenn die Jungs schlafen, oder werde ich mich nur wieder total fertig und ausgelaugt fühlen und wegen des Kribbelns unter der Haut, des Rauschens in meinen Ohren und des Gedankenwettrennens in meinem Gehirn trotzdem nicht einschlafen können?
Warum sitze ich hier? Wie konnte ich schon wieder hier landen? Es kann doch nicht sein, dass sich immer alles so falsch anfühlt, dass ich mich so falsch fühle, egal was ich mache, wo ich bin, dass es nie ruhig ist in meinem Gehirn. Ohne Pause arbeitet es auf Hochtouren. Immer. Und immer ist es ein Kampf zwischen dem Teil, der ich bin, und dem Rest, der mir sagt, wie ich sein sollte, um nicht mehr das Gefühl zu haben, nicht auf diese Welt zu gehören.
Ich warte und warte, überlege, was ich zum Arzt sagen soll, wenn ich endlich dran bin. Jede Zelle meines Körpers steht unter Hochspannung. Ich darf nicht verpassen, wenn ich aufgerufen werde. Aber vor allem: Ich muss dem Arzt verständlich machen, was in mir vorgeht, dass ich nicht mehr kann, dass ich nur möchte, dass endlich mal Ruhe in meinem Kopf ist. Nach über 40 Jahren Dauerlauf unter Hochspannung brauche ich endlich Ruhe. Stille.
Doch statt Ruhe und Stille höre ich ein Flüstern, ein ganz leises Flüstern: Verrückt. Verrückt! Du gehörst nicht hierher, du wirst nie richtig sein, nie passen so, wie du bist. Ein gehässiges, höhnisches Lachen folgt diesen Worten. Das flüsternde Lachen wächst zu einem ohrenbetäubenden Tosen. Ich will den Kopf hin und her werfen, mir die Ohren zuhalten, damit es aufhört. Stattdessen drücke ich meinen Körper extra fest auf meine Hände, um mich daran zu hindern.
Durch das Tosen in meinen Ohren kann ich nicht hören, dass mein Name aufgerufen wird. Ich sehe nur den Arzt und lese es ihm von den Lippen ab.
Kaum sitze ich ihm in seinem Sprechzimmer gegenüber, verstummt das gehässige Lachen, nur ein Kichern bleibt. – Und ein blubberndes Schluchzen baut sich in mir auf. Weg sind alle verharmlosenden Formulierungen, die ich mir krampfhaft im Voraus überlegt hatte. Unverblümt sprudelt es aus mir heraus, dass ich das Gefühl habe, verrückt zu werden. Wie oft war ich langzeitkrankgeschrieben? Viermal? Fünfmal? Und obwohl ich mehrere Male in Therapie gegangen bin und auch viel verändert habe, reicht es nicht. Wieder einmal bin ich an dem Punkt angekommen, an dem alles nur falsch wird und an dem ich mich frage, was ich machen soll, damit ich mit allem besser zurechtkomme. Was kann ich denn noch tun, damit es besser wird? Wie viel kann ich mich noch verändern? Geht, das überhaupt, zu einem Punkt zu kommen, an dem ich mir selber treu bleibe und gleichzeitig in die Gesellschaft passe? Ich fühle mich verrückt, verwirrt, bin übermüdet und habe weder Kraft noch Energie so weiterzumachen – ständig allen vorzuspielen, dass ich jemand anders bin als ich selbst.
Ich kann nicht mehr. Aber niemals würde ich mich umbringen. Das habe ich immer gesagt. Trotzdem tauchen jetzt häufiger Selbstmordgedanken unter all den anderen Gedanken auf. Je schwieriger es scheint, die Fassade, die Schauspielerei aufrecht zu erhalten, gegen alle Stimmen und Gedanken in meinem Kopf anzukämpfen, desto größer wird die Sehnsucht abzuschalten. – Stille. Einfach nur Stille.
Dann ist alles gesagt. Unzensiert. Mein Arzt schaut mich nachdenklich an. Nein, ich will nicht noch einmal alles verlieren und krankgeschrieben werden. Ein Jahr, vielleicht anderthalb Jahre arbeiten, dann monatelang krankgeschrieben sein, wieder von vorne anfangen, arbeiten, wieder schlecht fühlen, wieder und immer wieder. Und nein: Ich will auch keine weiteren Medikamente gegen Depression testen.
Nach einigen Minuten Schweigen macht er mir einen Vorschlag: Ein letztes Mal soll ich Antidepressiva testen. Eine Sorte, die ich noch die ausprobiert habe. Das Beste, was es im Moment auf dem Markt gibt. Wenn die auch nicht den gewünschten Effekt hat, soll ich einige Formulare ausfüllen und zu einem Gesprächstermin kommen, damit er sieht, ob er mich zu einem Psychiater schicken muss, um meiner Persönlichkeit auf den Grund zu gehen.
Zwei Monate später bin ich wieder im Behandlungszimmer. Die ausgefüllten Formulare liegen auf seinem Schreibtisch. Die Antidepressiva soll ich wieder absetzen.
Nachdem er die Formulare gelesen hat, nimmt er noch mehr aus einem Ordner. Viele Fragen warten auf mich: Habe ich mich schon immer so gefühlt, als würde ich nicht richtig in diese Welt passen? Wie lange sind meine ersten Erinnerungen an dieses Gefühl her? Habe ich schon mal gegen das Gesetz verstoßen? Hatte ich Probleme, Freundschaften zu schließen? Drogen? Andere Abhängigkeiten? Fragen über Fragen, die ich versuche, so deutlich und ehrlich zu beantworten, wie es nur geht, obwohl ich mich schäme. – Nein, es laufen keine Tränen über meine Wangen, diesmal nicht. Mit der Hoffnung, letztendlich doch noch Hilfe zu bekommen, Hoffnung auf friedliche Ruhe in meinem Kopf, beantworte ich wie von einem Nebel umgeben alle Fragen.
Kapitel 1
Im Bauch drückt es immer mehr. Es ist stockfinster im Zimmer. Ich kann die Atemzüge meiner Schwester Juliane hören, aber da ist noch etwas … Ein Flüstern. Ein undeutliches Flüstern, sodass ich keine Worte heraushören kann. Das Drücken im Bauch wird stärker. Was ist das Problem?
Die mittleren Gitterstäbe sind herausgenommen, sodass ich ohne Probleme aus dem Bett krabbeln, mich hinstellen und die kleine Lampe anmachen kann. Wenn die erst mal an ist, mache ich die Tür auf. Direkt links neben der Tür ist eine Lampe an, damit es nicht stockfinster ist im Flur, wenn man nachts mal auf die Toilette muss. Rechts neben der Tür ist der Lichtschalter für die große Flurlampe. Drei Schritte an Mamas und Papas Schlafzimmer vorbei, noch zwei Schritte … Am Ende des Flurs ist das Bad. Kann doch nicht so schwer sein!
Ist es aber doch. Warum muss man erst die Zimmertür ganz aufmachen, um an den Schalter für die große Lampe zu kommen? Ich muss, ich muss, ich muss. Das Flüstern wird lauter. Und obwohl es zu einem Tosen wächst in meinem Kopf, kann ich nicht verstehen, was die Stimmen sagen. Es scheinen Tausende zu sein. Mein eigenes Schluchzen wegen der Bauchschmerzen höre ich nicht. Vielleicht murmele ich auch leise Mama. Das Tosen vermischt sich mit närrischem Lachen. Aufhören! Es soll aufhören! Mama soll kommen und mir helfen!
Ich greife die Gitterstäbe und schlage den Kopf dagegen, um das Flüstern, Tosen und Lachen abzuschalten. Wie oft ich das mache, bevor die Tür aufgerissen und die Lampe im Zimmer angemacht wird, weiß ich nicht.
Es ist hell. Keine Stimmen. Keine Bauchschmerzen. Drei kleine Aa-Kugeln im Bett.
»Was ist denn hier los? – Was machst du da? – Spinnst du? – Und was ist das? – Hast du etwa ins Bett geschissen? – Das ist eklig! Warum bist du denn nicht einfach auf Toilette gegangen?« Papas Blicke sind voll reinem Ekel.
Kapitel 2
Der Kindergarten. Da bin ich irgendwie fast nur, wenn Juliane auch hingeht. – Juliane und ihre beste Freundin Amelia. Dann ist es okay und es klappt ganz gut. Es ist leichter, die Tage im Kindergarten hinzukriegen – aber nicht, weil sie mit mir spielen. Juliane will fast nie, weil Amelia ja ihre Freundin ist. Wirklich mitspielen darf ich deshalb nur selten. Trotzdem kosten diese Tage nicht so viel Energie und funktionieren besser. Ohne dass Juliane es weiß, hilft sie mir damit, mich nicht so anders zu fühlen.
Ich beobachte ganz genau alles, was und wie sie es macht: ihre Körperhaltung, zu welchen Erzieherinnen sie geht, wie sie mit anderen spielt, wie sie beim Basteln das Papier anfasst und Uhu aus der Tube drückt. Ich brauche nicht so viel zu überlegen, wie ich etwas mache, ob ich es wie alle anderen mache – ob ich es richtig mache. Juliane kann alles, macht immer alles genauso, wie man es machen soll. Nie wird sie gefragt, ob sie das nicht noch mal machen kann wie alle anderen. Ich brauche sie also nur nachzuahmen.
Aber dann ist sie auf einmal zu alt für den Kindergarten und soll mit der Schule anfangen. Zuerst suche ich nach einem anderen Vorbild, aber ich kann keines finden. Alle halten den Handbohrer unterschiedlich. Auch die Streichhölzer steckt jeder anders in die Kastanien: Einige brechen die roten und braunen Knubbel ab, andere nicht. Wer macht es denn nun richtig und wer nicht? Juliane macht immer alles richtig. Wenn sie da ist, reicht es, sich darauf zu konzentrieren wie sie es macht, sie zu beobachten, ihr nachzueifern. Aber jetzt versuche ich, mich auf alle gleichzeitig zu konzentrieren. Erstes totales Chaos im Kopf. Letztendlich sitze ich nur da und kann gar nichts mehr machen. Eine Erzieherin zeigt es mir. Aber hatte sie es dem Mädchen neben mir gerade nicht anders gezeigt? Und was, wenn ich es nicht so machen kann? Wenn ich es doch anders mache?
Ich kann nicht behaupten, dass mein Gehirn sich abschaltet. Nein, ganz im Gegenteil. Es sind auf einmal zu viele Gedanken und Eindrücke, die gegeneinander ankämpfen. Letztendlich fordert der Kampf in meinem Kopf meine ganze Konzentration. Äußerlich mache ich gar nichts mehr. Die Erzieherin kommt noch zwei Mal und zeigt mir, wie ich was machen soll. Da meine ganze Aktivität sich aber immer noch ausschließlich in meinem Gehirn abspielt, steht sie seufzend auf, geht zu einer Kollegin und spricht mit ihr, den Blick immer noch auf mich gerichtet.
Nach dem Kindergarten sitze ich in meinem Zimmer und weiß weder ein noch aus. Ich sitze nur da und kritzele komische Muster auf ein Blatt Papier. Innerlich fühlt es sich so an, als hätten unsichtbare Hände sich um meinen Hals gelegt und drückten zu. Alle Gedanken rasen hin und her. Eine Antwort auf die Frage, wie ich noch einen Tag im Kindergarten hinkriegen soll, gibt es unter ihnen allerdings nicht.
Am Abend habe ich Angst einzuschlafen, denn wenn ich einschlafe, wird bald morgen sein und ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich lass die Lampe brennen und mache den Kassettenrekorder an. Nicht einschlafen! Nicht einschlafen! Nicht einschlafen!
Die Tür geht auf. »Spinnst du, das so laut zu machen? Es ist Schlafenszeit!«
Kassettenrekorder aus. Licht aus. Tür zu. Dunkelheit.
In der Dunkelheit kommt das Flüstern. Angst. Der Versuch, meine Gedanken zu sortieren, führt zu einem Rauschen in meinem Kopf.
Letztendlich schlafe ich wider Willen ein.
Als das Licht im Zimmer wieder angeht, sind mit einem Schlag alle Gedanken wieder da. Keine Lösung. Verzweiflung, weil ich immer noch nicht weiß, was ich machen soll. Ich kann kaum atmen, frühstücke nicht, weigere mich, mich anzuziehen. Ich schlage um mich und schreie so laut, dass es sich anfühlt, als würden mir die Mandeln aus dem Hals gerissen. Durch mein Geschrei höre ich nicht einmal, dass ich mich gefälligst normal benehmen und mich anziehen lassen soll. – Nichts. Ich höre nichts, schreie und schlage weiter. Als starke Hände trotzdem versuchen, mich anzuziehen, reiße ich an meinen Haaren, kratze und kneife mich selbst und haue letztendlich meinen Kopf einige Male auf den Boden.
Das war die Lösung meines Problems. Statt in den Kindergarten zu gehen bleibe ich zu Hause mit unserer Raumpflegerin, während alle anderen in der Schule oder bei der Arbeit sind. Völlig entkräftet und energielos verbringe ich den Tag allein in meinem Zimmer. Schlafen. Gedanken sortieren. Schlafen. Schlafen. Schlafen. Keine anderen treffen. Einfach nur ich. Egal, was ich wie mache.
Aber das ist wohl eher nicht normal? Und eigentlich will ich so sein wie alle anderen. In meinem Gehirn beginnt wieder ein Kampf: Mein wahres Ich gegen das Ich, das ich sein möchte. Bei genauerer Betrachtung der Voraussetzungen für die Gegner ist das ein sehr ungerechter Kampf – wider Erwarten zugunsten meines wahren Ichs.
Manchmal schaffe ich es, die Tage im Kindergarten irgendwie hinzukriegen, auch ohne Juliane, aber sie rauben mir zu viel Energie. Oft bleibe ich wochenlang zu Hause. – Und das scheint mehr und mehr okay zu sein für Mama und Papa, denn dann bin ich ruhiger. Keine Wutausbrüche, kein Schlagen, Treten, Scherenwerfen am Morgen und nur noch selten am Nachmittag oder Abend. – Es ist normaler, gar nicht in den Kindergarten zu gehen, als Wutausbrüche zu bekommen und andere zu beißen.
Kapitel 3
Neustart. Normal. Monatelang hab’ ich geübt still zu sitzen und nur zuzuhören, nicht anzufangen mit etwas rumzuspielen oder aufzustehen und eine Weile etwas anderes zu machen. Stillsitzen, zuhören, keine störenden Geräusche oder Bewegungen machen.
Wenn Juliane Hausaufgaben gemacht hat, hab’ ich sie beobachtet, wie sie den Füller hält, ihn auf das Papier drückt, ordentliche Buchstaben und Worte auf das Papier zaubert. Bevor sie umblättert, um auf der nächsten Seite weiterzuschreiben, kontrolliert sie eingehend, ob die Tinte auch wirklich trocken ist, damit es keine Flecken gibt. Die Hülle vom Füller steckt sie zuerst auf das andere Ende, aber dann nimmt sie sie doch wieder ab und legt sie ordentlich neben ihr Federmäppchen. Benutzt sie Blei- oder Buntstifte, guckt sie zuerst genau, ob die Spitze noch gut ist. Stifte, die sie nicht mehr braucht, werden nicht einfach zur Seite gelegt, sondern direkt wieder in ihr Mäppchen. Ist eine Aufgabe angefangen, lässt sie sich nicht stören, bis sie damit fertig ist. Kein Aufstehen, mit anderen Stiften kritzeln oder aus dem Fenster gucken.
Als Juliane mit den Hausaufgaben fertig ist, frage ich sie, ob ich mir ihren Füller mal leihen darf.
»Nein! Wieso das denn? Du hast doch eigene Stifte!«
Klar habe ich eigene Stifte, aber ich möchte gerne fühlen, wie sich ein Füller anfühlt. In der Schule müssen alle mit Füller schreiben und ich habe Angst, dass ich ihn nicht richtig halten kann.
Der Füller landet im Mäppchen. Sie macht es zu und legt es in ihren Schulranzen. Gleichzeitig nimmt sie eine Mappe mit Blättern raus. Sie sieht sich das oberste Blatt stirnrunzelnd an, nimmt es heraus und geht aus unserem Zimmer. Ich weiß, was sie macht: Juliane geht in die Küche zu unserer Putzhilfe, damit sie ihr beim Lesenüben hilft. Zehn Minuten. So viel Zeit hab’ ich nun, um ihren Füller auszuprobieren.
Leise gehe ich zu ihrem Schulranzen, er ist offen. Sehr gut, dann klicken die Verschlüsse nicht, wenn ich sie aufmache. Schnell das Mäppchen raus und öffnen. Da ist der Füller. Mit dem Füller in der Hand gehe ich schnell wieder zu meinem Schreibtisch, nehme ein Blatt Papier und mache die Kappe ab. Vorsichtig zeichne ich ein paar Striche und Formen auf das Papier. Es fühlt sich ganz komisch an. Der Füller ist so leicht, dass ich ihn kaum spüre in meiner Hand. – So kurz. Genauso leicht verteilt sich die Tinte, wenn die Feder das Papier berührt. Zeichnen, Malen, Schreiben kann sich doch nicht so leicht anfühlen? Arbeit mit den Fingern. Es fühlt sich so an, als hätte ich nichts in der Hand. Wie soll ich nichts so führen, dass es die Zeichen aufs Papier macht, die ich möchte?
Ich stecke die Kappe auf das andere Ende vom Füller, so wie Juliane es zuerst gemacht hatte. Jetzt spüre ich ein leichtes Gewicht in der Hand. Aber die Tinte verteilt sich immer noch zu leicht auf dem Papier. Ich brauche fast gar keinen Druck ausüben und schon kommt Tinte aus der Feder. Und weil das viel zu leicht geht, werden die Striche nicht so, wie ich sie eigentlich haben möchte. Wie soll man denn mit so einem Füller ordentlich schreiben können, wenn man ihn nicht mal richtig halten kann? Vielleicht wenn ich es jeden Tag ein bisschen übe? Dann schaffe ich es ja vielleicht sogar, normal damit zu schreiben, ohne die Kappe auf das andere Ende zu machen?
Fast jeden Tag leihe ich heimlich Julianes Füller. Irgendwie muss ich es hinkriegen. Aber eines Nachmittags steht Juliane plötzlich im Zimmer. Sie reißt mir den Füller aus der Hand und schreit mich an. Ich will ihr erklären, wieso ich ihn genommen habe, aber sie hört mir nicht zu, lässt mich nicht erklären. Stattdessen behauptet sie, dass ich eh nie ordentlich schreiben lernen werde, weil ich dafür viel zu doof sei. In diesem Moment kann ich nicht mehr. Ich wollte ihr doch erklären, dass ich nur etwas üben wollte, weil ich Angst davor habe, den Füller in der Schule nicht richtig benutzen zu können. Ich hatte mich entschuldigt und wollte es erklären. Dass sie trotzdem solche Sachen schreit, finde ich unfair! Sie soll aufhören! Still sein! Um dem Ganzen ein Ende zu bereiten, damit sie endlich aufhört, mich anzuschreien, statt mir zuzuhören, beiße ich sie ins Bein, so fest ich nur kann. Da kommt Papa ins Zimmer. Zwei Wochen Stubenarrest für mich. Meine Erklärung will niemand hören.
Die zwei Wochen Stubenarrest sind fast wie zwei gewöhnliche Wochen, zumindest für mich. Vormittags, wenn alle anderen in der Schule oder bei der Arbeit sind, gehe ich nach draußen und fahre Fahrrad, laufe Rollschuh oder einfach durch die Gegend. Entweder hat Papa vergessen, unserer Putzhilfe zu sagen, dass ich Stubenarrest habe, oder es ist ihr egal. Nachmittags bleibe ich in meinem Zimmer. Alles gar nicht so schlecht, abgesehen davon, dass ich mich nicht mehr traue, Julianes Füller zu nehmen.
Je mehr ich alleine bin, desto besser klappt das meiste. Ich habe mehr Energie für die Situationen, in denen ich daran denken muss, mich ordentlich zu benehmen, zum Beispiel beim Essen, die anderen zu beobachten, wie sie alles machen – Messer und Gabel halten, Glas hochheben und an den Mund führen, nicht zu schnell und nicht zu langsam essen. Danach verschwinde ich einfach schnell wieder im Zimmer, wo ich so sein kann, wie ich bin, ohne mich die ganze Zeit falsch zu fühlen.
Manchmal beobachte ich Juliane vorsichtig, versuche mir zu merken, wie sie den Füller und andere Stifte hält. Aber es ist so schwer, wenn ich ihn nicht selber halten, ausprobieren und mir das Gefühl merken kann.
Puzzles. Statt mit einem Füller zu üben, sitze ich da und lege ein Puzzle nach dem anderen. Und die Bilder, die durch das monotone Aneinanderlegen der kleinen Teile entstehen, entführen mich in andere Welten, in denen es keine Rolle spielt, wer ich bin und was ich wie mache.
***
Dann ist es so weit: Mein Neustart. Mit gelbem Schulranzen, eigenem Federmäppchen, Schiefertafel, dazu passenden Stiften und einem Schwämmchen zum leichten Korrigieren, Heften und Schulbüchern geht es los. Auf das Schreibenüben auf der Schiefertafel freue ich mich. Ein bisschen Feuchtigkeit und schon sind alle Fehler oder unschöne Buchstaben verschwunden und behoben: Statt viel Papier zu benutzen, einfach auf die Tafel schreiben, wegwischen, schreiben, wegwischen.
In vielen schlaflosen Nächten habe ich versucht, mich selbst davon zu überzeugen, dass alles gut klappen wird. Meine Schulsachen habe ich nach und nach bekommen und konnte sogar schon meinen eigenen grünen Füller einige Male ausprobieren. Ich durfte aber nicht viel damit machen, damit ich nicht gleich die ganze Tinte aufbrauchte. Mein Ausprobieren wurde auch von Kommentaren begleitet wie: »Das dauert eh noch, bis du den in der Schule benutzen darfst!« – »Erst mal musst du lernen, auf der Tafel zu schreiben!« – »Du wirst eh nie lernen, ordentlich damit zu schreiben!«
Alle Sachen liegen ordentlich an ihrem Platz im Ranzen. Ich habe etliche Male nachgeschaut, dass ich nichts vergessen habe. Im Unterricht werde ich mich auf das konzentrieren, was ich machen soll, und in den Pausen die Zeit rumkriegen, ohne zu müde zu werden. Ich werde das hinkriegen und genauso wie alle anderen sein. Statt Jeans und T-Shirt ziehe ich ohne Protest mein schickes, weißes Kleid mit rosa und blauen Blümchen an. Meine protestierenden Bequemlichkeitsgehirnzellen schiebe ich in die hinterste Ecke des Gehirns. Ich werde nicht zulassen, schon am ersten Schultag irgendwie anders zu sein als alle anderen! Ich werde nicht an das eklige Gefühl denken, wenn meine nackten Oberschenkel aneinanderreiben. Nicht dran denken! E. T.-Schulranzen auf den Rücken, Schultüte in den Arm und los gehts, in mein neues, normales Leben!
Vor der Schule in Eschweiler und auf dem Schulhof sind ganz viele Erwachsene und Kinder. Ich bin das einzige Kind mit gelbem Ranzen und E. T.-Schultüte. – Und die habe ich nicht mal, weil ich den Film so gut finde (den hab’ ich gar nicht gesehen), sondern weil ich finde, dass E. T. so lieb aussieht. Vielleich auch, weil er nicht so ist, wie alle anderen, und dahin möchte, wo er hingehört.
So viele Kinder. Mir wird ganz schwindelig. Auf die Steine vor dem Eingang hat jemand mit Farbe die Klassenbezeichnungen geschrieben. Alle stellen sich in Reihen auf und dürfen hinter ihren Klassenlehrern oder -lehrerinnen in die Schule gehen. Vor dem Klassenzimmer sind Haken an der Wand und über jedem Haken steht ein Name.
Im Klassenzimmer sind immer zwei Tische zusammengeschoben. Auf den Tischen sind Namensschilder aufgestellt, sodass jeder weiß, wo wer sich hinsetzen soll; zwei Jungen und zwei Mädchen an einem Vierertisch. Den einen Jungen kenne ich, der wohnt bei uns gegenüber, aber den anderen und das Mädchen kenne ich nicht. Sie wohnen in einem Nachbardorf.
Statt alle anderen Kinder im Klassenzimmer zu beobachten, versuche ich, mich auf das zu konzentrieren, was die Lehrerin sagt. Die meiste Zeit wird sie uns unterrichten, aber in Mathe und Sport werden wir einen anderen Lehrer haben.
Wir machen einen Rundgang durch das Gebäude, damit wir wissen, wo es Toiletten gibt, wo die Sporthalle ist und wie es auf dem Schulhof aussieht. Es gibt ein paar gute Ecken und Winkel, in denen man sich in den Pausen gut verstecken kann. Das mag ich.
Nachdem wir uns im Klassenzimmer wieder hingesetzt haben, bekommen alle einen Stundenplan. Nachdem die Lehrerin vorgelesen hat, was drinsteht, sollen wir unsere Buntstifte nehmen und den Stundenplan so anmalen, dass wir leicht sehen, welche Sachen wir für den nächsten Tag mitbringen sollen, zum Beispiel Schulbücher, die wir brauchen, und ob wir Sportsachen mitnehmen müssen oder nicht.
Endlich darf ich meine neuen Stifte benutzen. Den Stundenplan anzumalen ist überhaupt kein Problem! Voll konzentriert male ich alle Stundenplankästchen vom Montag blau an. Ordentlich, so viel wie möglich in eine Richtung mit dem Buntstift und nicht über den Rand. Dienstag gelb, Mittwoch rot, Donnerstag lila, Freitag grün, Samstag hellgrau. Es ist gut geworden, ich habe kaum über den Rand gemalt. So kann ich jetzt leicht an den Farben erkennen, was für ein Wochentag ist und welche Sachen ich mitnehmen muss.
Als ich fertig bin, kann ich es nicht lassen und hebe den Kopf, um die anderen Kinder in meiner Klasse zu beobachten. Und genau in dem Moment, in dem ich verstehe, dass ich anders angemalt habe, als alle anderen, sagt eine Stimme neben mir: »Was hast du denn gemacht? Wie willst du denn so leicht sehen, was wir haben und welche Sachen du mitbringen musst?«
Die zwei Jungen an unserem Tisch haben jetzt auch aufgehört, zu malen, und starren auf meinen Stundenplan. Und ich starre auf ihre, auf denen jedes Schulfach seine eigene Farbe bekommen hat, nicht die Wochentage.
»Aber ich bin ja noch nicht fertig!«, entfährt es mir laut.
Ich nehme schnell einen roten Stift, um die erste Stunde am Montagmorgen anzumalen. Mathe ist rot, ganz eindeutig. Aber da mein ganzer Montag ja blau ist, sieht die Mathestunde nicht rot, sondern lila aus. Das geht nicht. Das geht überhaupt nicht, denn Kunst ist doch lila! Um mir nichts anmerken zu lassen, nehme ich einen anderen Stift, um die Sportstunde am Dienstag blau anzumalen. Funktioniert auch nicht. Am gelben Dienstag wird der Sportunterricht nicht blau, sondern grün. Grün? Nein, nein, nein, Naturkunde ist grün, nicht Sport! Immer fester drücke ich die Buntstifte auf das Papier, damit die Farben so werden, wie sie sein sollen. Es knackt und die Spitze vom Stift bricht ab. Ich nehme einen anderen Stift, male mit Absicht unordentlich über die Kanten, damit ich radieren und alles richtig machen kann. Mit aller Kraft drücke ich den Radierer auf das Papier und schiebe ihn hin und her, aber die dicken Buntstiftstriche gehen nicht weg. Sie werden blasser, aber verschwinden nicht ganz, obwohl ich den Radiergummi fester und fester über das Papier schiebe. Letztendlich reißt das Papier auseinander. Die Blicke der anderen scheinen mich zu durchbohren. – Jetzt nicht heulen! Bloß nicht anfangen zu heulen!
»Das macht doch nichts. Hier hast du eine neue Kopie. Du kannst sie mit nach Hause nehmen und da so anmalen, wie du möchtest!« Meine Lehrerin nimmt das zerrissene Blatt Papier weg und legt einen neuen, weißen Stundenplan vor mir auf den Tisch. Dann sagt sie, dass unser erster Schultag jetzt vorbei ist. Wir sollen unsere Sachen nehmen und nach draußen zu unseren Eltern gehen.
Langsam packe ich alles ein, lasse die Verschlüsse von meinem gelben Ranzen zuschnappen, nehme meine Schultüte und gehe mit gesenktem Kopf zu Mama und Papa. Der weiße Stundenplan im Ranzen wiegt mehrere Tonnen.
Nach dem Mittagessen nehme ich meine Stifte und den weißen Stundenplan aus meinem Ranzen. Langsam lege ich die Sachen auf meinen Schreibtisch. Ich starre auf die weißen Felder mit den schwarzen Buchstaben und den kleinen Symbolen daneben, durch die man besser versteht, welches Fach es ist. Damit nicht wieder alles falsch wird, nehme ich ein leeres Blatt Papier und zeichne den Stundenplan ab. Jetzt habe ich ihn einmal extra, um es ausprobieren zu können.
Ich fange mit den Kästchen für die Fächer an: Mathe rot, Sport blau, Kunst lila … Nachdem ich damit fertig bin, male ich das Kästchen, in dem der Wochentag steht, mit der für mich richtigen Farbe an. Trotzdem bin ich nicht zufrieden. Also mache ich noch einen dicken, blauen Rand um alle Montagskästchen. Nein. Nein, es geht nicht. Ich kann einfach nicht die Bilder in meinem Gehirn zu Papier bringen. Es passt nicht zusammen. Ich knülle das Versuchspapier zusammen und schmeiße es wütend in die Ecke. Äußerlich sitze ich ganz ruhig da, aber in meinem Kopf herrscht Krieg. Ich sitze nur da und starre auf das weiße Papier, bin nicht mal mehr in der Lage, einen Stift zu wählen. Ich weiß, wie ich den Stundenplan anmalen soll, aber das Bild von den farbigen Wochentagen gewinnt trotzdem die ganze Zeit überhand.
Ein Geräusch. Es ist zuerst wie ein schwacher Wind, der durch den Wald weht, doch der Wind wird zu Stimmen, die Wochentage und Schulfächer flüstern. Wochentage und Schulfächer mischen sich mit anderen Geräuschen. Das Kratzen von Stiften auf Papier, Stuhlbeine, die mit einem Ruck und viel Kraft hin- und hergeschoben werden. Raschelndes Papier, Schulranzen, die auf und zu gemacht werden. Die Geräusche vermischen sich und werden zu einem Tosen in meinem Kopf. AUFHÖREN! Ich werfe noch einen Blick auf den weißen Stundenplan, dann auf meine Schultüte. E. T., den ich so mag, sieht mich mit großen Augen an, aber jetzt scheint er mich nur auszulachen.
Dieser Blick macht mich wütend. So wütend! Und das Tosen wird immer lauter. Ich stehe mit so einem heftigen Ruck auf, dass mein Stuhl umfällt, schnappe mir die Schultüte und pfeffere E. T. mit voller Wucht in die Ecke. Er kriegt einen Knick und einige Sachen kullern heraus, unter ihnen ein extra Päckchen Tintenpatronen für meinen Füller. Und ein paar nimm2-Bonbons, die ich so mag.
Das Rauschen in meinem Kopf lässt sich nicht abstellen. Ich halte mir die Ohren zu, aber davon wird es nur noch lauter und deutlicher. Erschöpft rolle ich mich auf dem Bett zusammen. Tränen laufen über meine Wangen.
Wie lange ich da so liege, weiß ich nicht. Auf einmal ist Mama da und streichelt mir über den Rücken. Essen ist fertig. Mein Gesicht ist verschmiert. Meine Haare pappen am Schnief fest.
Nach dem Essen stopfe ich schnell meine Sportsachen in meinen Turnbeutel, stecke die Stifte unordentlich in meine Mappe, werfe sie schnell in den Ranzen und sage Mama und Papa Bescheid, dass ich nach draußen gehe.
Der Wind weht durch meine Haare. Das heißt, dass sie nachher wieder total verknotet sein werden. Aber einen Pferdeschwanz mag ich auch nicht machen, weil das zieht und der dann die ganze Zeit hin- und herwackelt. Ich gehe den Feldweg entlang, der neben dem Haus, in dem wir wohnen, anfängt. Der Hund unserer Vermieter bellt mich laut aus dem Zwinger an, ist mir aber egal. Auf der linken Seite die Autowerkstatt und auf der rechten Seite vom Weg sind kaputte Autos. Wenn in der Werkstatt nicht mehr gearbeitet wird, setze ich mich oft in eines rein. Dann stöbere ich in den Fächern und oft finde ich einen Knopf oder Schalter, der mich in eine andere Welt fahren lässt.
Aber heute laufe ich einfach weiter zur Höhle, oder besser gesagt: zu einer meiner Höhlen. Man hat irgendwann einmal zwischen Weg und Feld einen ganz kleinen Tunnel gegraben. Der Eingang ist gut hinter dem hohen Gras versteckt. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass niemand mich sieht, krieche ich schnell hinein. Es ist etwas feucht und riecht nach frischer Erde. Ich ziehe ein gelbes nimm2 aus meiner Hosentasche, mache das Papier ab und stecke es in den Mund.
Nachdem ich das Bonbon zu Ende gelutscht habe, muss ich wieder raus und weiterlaufen, zum nächsten Versteck. So drehe ich eine Runde durch einen großen Teil des Dorfes; mal kriechend, mal kletternd, mal laufend und mal hüpfend verschwinde ich in andere Welten, in denen mich nichts stoppen kann, besonders nicht der Kampf in meinem Gehirn. Denn in den anderen Welten bin ich genau richtig, so wie ich bin. Farben und Worte sind deutlich. Wenn ich etwas ausprobieren möchte, kann ich das. Wenn ich schreien möchte, schreie ich, ohne dass geschimpft wird. Wenn mich etwas stört, kann ich es einfach mit einem Poff-Blick verschwinden lassen.
Wieder zu Hause angekommen, soll ich in die Badewanne. Haare waschen nicht vergessen. Ich mag baden nicht. Mein Körper sieht so komisch aus, wenn man ihn im Wasser liegen sieht. Und es ist schwer, die langen Haare richtig sauber zu kriegen. Es dauert so lange, die Haare richtig auszuspülen, und sie fühlen sich anschließend immer schmierig an. Dabei gebe ich mir so viel Mühe, das ganze Haarshampoo auszuspülen.
Kapitel 4
Warum müssen wir auf Schiefertafeln schreiben? Die Stifte machen furchtbare Geräusche, wenn man sie auf das schwarze Material drückt, das ja außerdem dem Druck nicht nachgibt. Und was macht es für einen Sinn, alles, was man gerade geschrieben hat, direkt wieder mit dem Schwamm wegzuwischen? Wie soll ich beim Buchstaben- und Zahlenschreibenlernen sehen können, ob es besser wird, wenn ich ständig alles wegwischen muss, sodass ich nichts mehr zum Vergleichen habe? Und die Schreiblinien und Rechenkästchen auf der Schiefertafel sind mit irgendetwas draufgemalt, sodass die Oberfläche nicht ganz glatt ist. – Beim Schreiben bleibt mein Stift ständig an den Rändern hängen. Ich drücke extra fest und meine Buchstaben werden überhaupt nicht so, wie ich sie haben möchte, obwohl ich mir viel Mühe gebe, die Handbewegungen unserer Lehrerin, die sie beim Vorschreiben gemacht hat, exakt nachzuahmen.
Und wieder bin ich abgerutscht, nachdem ich über die Linie schreiben musste. Ich spüre eine unheimliche Wut in mir aufkommen, weil ich es einfach nicht besser hinkriege. Zudem scheint es meine Klassenkameraden überhaupt nicht zu stören, dass die Oberfläche der Schiefertafel so hubbelig ist. Am liebsten würde ich meine Tafel nehmen und gegen die Wand schleudern, weil ich auf ihr keine ordentlichen Buchstaben hinkriege. Um das nicht zu machen und mir nichts anmerken zu lassen, drücke ich den Stift immer fester auf die Tafel. Als er mit einem lauten Knacken abbricht, bricht auch das rhythmische Geräusch aller anderen Stifte, die meine Mitschüler über die Schiefertafeln haben gleiten lassen.
Das Läuten der Schulglocke ist meine Rettung. Schnell nach draußen und um das Gebäude herum zu den Büschen. Da setze ich mich auf einen großen Stein und beobachte andere Kinder, die ein Stück weiter weg sind. Juliane kann ich aber nicht sehen.
***
Das Mathebuch ist ganz neu. Der Geruch von Druckerfarbe steigt mir in die Nase. Endlich ein richtiges Mathebuch, statt nur auf dieser bescheuerten Schiefertafel rumzukratzen. Zahlen. Viel mehr verschiedene Zahlen als die, die wir bisher geübt haben. Und alle möglichen Alternativen, die Zahlen zu kombinieren. Fasziniert blättere ich im Buch herum. Dann dürfen wir endlich mit den ersten Aufgaben anfangen. Die Lösungen werden direkt ins Buch geschrieben.
Statt dem Mathelehrer richtig zuzuhören, fange ich heimlich an zu rechnen, kombiniere verschiedene und gleiche Zahlen zu neuen Zahlen und schreibe die Resultate mit einem ganz normalen Bleistift ins Buch, auf normales Papier. Leise kratzt mein Bleistift über das Papier und füllt die Lücken mit Zahlen. Kaum ist der Lehrer mit den Erklärungen an der Tafel fertig, habe ich auch schon alle Aufgaben auf der ersten Seite erledigt. Mehr dürfen wir erst einmal nicht machen, denn wenn alle zu Ende gerechnet haben, werden wir unsere Ergebnisse vergleichen. Also warten. Stillsitzen. Ich möchte aber einfach nur weiterrechnen.
Ich sehe mich um. Die meisten meiner Klassenkameraden schreiben noch. Macht es denn so einen großen Unterschied, wenn ich schon ein bisschen weitermache? Ich nehme meinen Bleistift und fahre auf der nächsten Seite fort. Nach zwei Aufgaben höre ich eine flüsternde Stimme neben mir: »Wir sollten doch nur die erste Seite machen!«
Die Stimme war nicht flüsternd genug. Unser Mathelehrer hat es gehört, kommt zu unserem Tisch und mit einem gezielten Blick auf mein Mathebuch stellt er fest, dass ich zu viele Aufgaben gerechnet habe. Also sagt er laut und deutlich, dass ich jetzt nicht mehr weiterrechnen darf, sondern warten muss, bis alle mit der ersten Seite fertig sind und wir die Ergebnisse kontrolliert haben.
Steif wie ein Stock sitze ich auf dem Holzstuhl. Es fühlt sich an, als kontrollieren die anderen mich mit ihren Blicken, damit ich bloß nicht weiterrechne. Jeder einzelne Muskel ist total angespannt, damit ich wirklich still sitzen bleibe und auf keinen Fall den Stift wieder in die Hand nehme. Zur Sicherheit setze ich mich auf meine Hände, damit ich sie besser kontrollieren kann. Stattdessen versuche ich, die Seite mit meinem Blick und meinen Gedanken umzublättern, was allerdings nur dazu führt, dass ich mich noch mehr anspanne und für einen kurzen Moment sogar das Atmen vergesse.
