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Charlotte „Charlie“ Braun braucht nach einem aufreibenden Auftrag dringend eine Auszeit. Auf einem Bio-Bauernhof im Knoblauchsland, in der Mitte des Städte-Dreiecks Nürnberg-Fürth-Erlangen, erholt sie sich gemeinsam mit Andreas Wallner von den Strapazen. Der Urlaub wird jedoch bald überschattet: Charlie erfährt, dass in einer Familie im Dorf schreckliche Dinge vor sich gehen, die allseits bekannt sind. Sie ist schockiert angesichts der Gleichgültigkeit der Bewohner und beginnt, auch entgegen Andis Rat, eigenmächtig zu ermitteln. Doch sie schätzt die Lage falsch ein; ihr Eindringen in die hermetisch abgeschottete Familienstruktur führt zu einer furchtbaren Katastrophe … (Das Buch ist eine überarbeitete Neuauflage des 2013 erschienenen Kriminalromans „Kaltes Dorf“)
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Seitenzahl: 310
Veröffentlichungsjahr: 2025
Charlotte »Charlie« Braun braucht nach einem aufreibenden Auftrag dringend eine Auszeit.
Auf einem Bio-Bauernhof im Knoblauchsland, in der Mitte des Städte-DreiecksNürnberg-Fürth-Erlangen, erholt sie sich gemeinsam mit AndreasWallner von den Strapazen.
Der Urlaub wird jedoch bald überschattet: Charlie erfährt, dass in einer Familie im Dorf schreckliche Dinge vor sich gehen, die allseits bekannt sind. Sie ist schockiert angesichts der Gleichgültigkeit der Bewohner und beginnt, auch entgegen AndisRat, eigenmächtig zu ermitteln.
Doch sie schätzt die Lage falsch ein; ihr Eindringen in die hermetisch abgeschottete Familienstruktur führt zu einer furchtbaren Katastrophe …
Cover: NatalieSpindler, Foto: © ЮлияЗдобнова, Pexels
Lektorat: ChristineSpindler
München 2025
ISBN 978-3-949181-18-4
© Feather & Owl
Ute Hacker, Adamstr. 1, 80636 München
Alle Rechte vorbehalten
Dieses Werk wurde ohne KI erstellt, es ist urheberrechtlich geschützt. JedeVerwertung ist ohne Zustimmung des Verlags und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische und sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Die automatisierte Analyse des Werkes gemäß §44b U (»Text und Data-Mining«) ist untersagt.
Vorwort
Dienstag, 31. Juli
I
II
Donnerstag, 2. August
Samstag, 11. August
I
II
Dienstag, 14. August
Samstag, 18. August
Sonntag, 19. August
Montag, 20. August
I
II
III
Dienstag, 21. August
I
II
Donnerstag, 23. August
I
II
Freitag, 24. August
I
II
III
Montag, 27. August
I
II
Dienstag, 28. August
I
II
Mittwoch, 29. August
I
II
III
Donnerstag, 30. August
I
II
Freitag, 31. August
I
II
Donnerstag, 5. September
Billie Rubin
Weitere Braun & Wallner Krimis
Dieser Kriminalroman basiert auf einer wahren Begebenheit. Wieder war es ein Zeitungsartikel, der über einen Fall von Inzest in einem Dorf berichtete. Jeder wusste Bescheid – inklusive Pfarrer und Arzt –, niemand unternahm etwas.
Das reale Dorf liegt nicht im Knoblauchsland, dennoch habe ich mich dazu entschlossen, mit Steindorf und Viehof dort zwei fiktive Orte zu erschaffen. Selbstverständlich sind auch alle Figuren in diesem Roman reine Erfindung. JedeÄhnlichkeit mit real existierenden Personen ist Zufall.
Ich habe zu diesem Roman sehr viel recherchiert, zahllose Bücher zum ThemaMissbrauch und Inzest gelesen, außerdem ausführlich mit Frauen von Beratungsstellen und Frauenhäusern gesprochen.
Manche Entscheidung innerhalb der FamilieHeldmann mag seltsam anmuten; tatsächlich sind aber die Strukturen in so einer Situation derart festgefahren, dass die Beteiligten kaum entkommen können, so sehr sie sich das auch wünschen.
Obwohl keine expliziten Szenen vorkommen, könnte die Erwähnung von Vergewaltigung, Gewalt innerhalb der Familie oder der Tod eines Kindes negative Emotionen auslösen.
»Jetzt!«
Rebecca zögerte für den Bruchteil einer Sekunde, hob ihr Bein und brachte den Typen zu Fall. DasTablett flog in hohem Bogen durch den Raum, Teller und Gläser zerbrachen klirrend auf dem Boden.
»Verdammte Scheiße!«, fauchte der Dicke. Er ruderte mit den Armen, um sein Gleichgewicht zu halten – vergeblich. Stöhnend sackte er auf die Knie. Charlotte ging kein Risiko ein; bevor er sich wieder aufrappeln konnte, gab sie ihm einen Fußtritt in die Seite, was ihn vollends zu Boden brachte. Mit einem gezielten Kinnhaken setzte sie ihn außer Gefecht.
»Nummer eins.« Sie schaute triumphierend zu Rebecca. Die bemühte sich um ein Lächeln, aber die Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben. »Wir schaffen das«, versicherte Charlotte.
Sie kniete sich neben den Mann und zog ihm die Strumpfmaske vom Kopf. Er sagte ihr rein gar nichts.
Zum Glück war der Dicke mit dem Essen gekommen; sie hatte ihn als weniger durchtrainiert eingeschätzt. Und natürlich war das Überraschungsmoment auf ihrer Seite gewesen. Der zweite Entführer würde sich nicht so leicht überrumpeln lassen – vor allem, weil er gewarnt war, wenn der erste nicht mehr zurückkam.
»Alles klar?«, fragte sie Rebecca, die mit einer Mischung aus Ekel, Angst und Faszination auf den Mann starrte.
Das Mädchen nickte.
»Hast du gut gemacht.« Charlotte stand auf und rieb sich die Hand. »Der andere wird bald kommen.« Sie schaute Rebecca an. »Bist du bereit?«
Erneutes Nicken, wenn auch zögernder. Charlotte gab ihr einen kurzen Klaps auf die Schulter und wiederholte: »Hey, wir schaffen das, okay? Der hier war doch ein Klacks.«
Schritte erklangen. Charlotte legte den Finger an die Lippen und deutete mit der Hand neben die Tür, wo Rebecca erneut Stellung beziehen sollte. Ob es ein Vorteil war, dass der Dicke von der Treppe aus gesehen werden konnte, würde sich gleich herausstellen.
»Was zur Hölle ist denn hier ...?« Weiter kam der zweite Entführer nicht, denn Rebecca hatte auch ihn mit ihrem Bein zum Stolpern gebracht. Charlotte stürzte sich sofort auf ihn und traktierte ihn mit Schlägen und Tritten.
Wie befürchtet, war er wesentlich durchtrainierter als sein Kumpan. Charlotte bekam einige Schläge ab, bevor sie endlich auch ihn k.o. schlug. Schwer schnaufend ließ sie sich zu Boden sinken.
»Du blutest!« InRebeccasStimme schwang deutlich die Angst der letzten Minuten mit.
Vorsichtig betastete Charlotte ihr Gesicht und fühlte Feuchtigkeit über der linken Augenbraue.
»Ist nicht so schlimm«, sagte sie und versuchte ein Lächeln. »Das ist meine Trophäe.«
Sie suchte ein sauberes Taschentuch und tupfte behutsam um das Auge herum. Es tat höllisch weh. In den nächsten Tagen würde sie wieder einmal mit zahllosen blauen Flecken übersät sein, jede Bewegung würde schmerzen.
Als der Dicke laut stöhnte, rappelte sie sich auf.
»Wir müssen uns beeilen«, sagte sie. »Durchsuch ihn nach einem Handy.« AlsRebecca zögerte, schob sie nach: »KeineBange, er ist immer noch weggetreten.«
Sie selbst nahm sich den Dünneren vor. Sie fand einen Schlagring, eine kleine Pistole, ein Handy und Handschellen. »Die hättest du mir besser mal angelegt«, murmelte sie. Sie nahm alles an sich und schaute sich nach dem Mädchen um. Neben dem Dicken lagen ebenfalls ein Schlagring und ein Handy.
»Hast du eine Waffe gefunden? Also so was?« Charlotte hielt die Pistole hoch.
Rebecca schüttelte den Kopf.
»Okay, lass den Rest, die Handys sind am wichtigsten.« Sie überprüfte, ob die Waffe entsichert war, und steckte sie in ihren Hosenbund, die Handschellen und den Schlagring schob sie mit dem Fuß nach draußen. Als ihr Blick auf die Tür fiel, sagte sie: »Schlüssel. DerDicke muss die Schlüssel haben.«
Doch Rebecca schien Angst zu haben, den Mann noch einmal anzufassen. Charlotte kniete sich neben ihn und durchsuchte seine Hosentaschen. KeineSchlüssel. Verdammt!
»Such den Boden ab«, forderte sie Rebecca auf und versuchte, sich die aufkommende Panik nicht anmerken zu lassen. Natürlich könnten sie auch fliehen, ohne die beiden Typen einzuschließen, aber Charlotte hatte eine Ahnung, dass es besser wäre, wenn sie der Polizei – und RebeccasVater – die Übeltäter präsentieren konnte.
»Ich hab sie!« Rebecca hielt einen Schlüsselbund hoch.
»Super! Komm jetzt.« Charlotte nahm das Mädchen an der Hand und zog es aus dem Raum. Ein letzter prüfender Blick, bevor sie die Tür schloss und nach dem passenden Schlüssel suchte. ZumGlück gab es nur zwei, die zum Schloss passten, und der erste war gleich der richtige.
»Okay, hier entlang«, flüsterte Charlotte. Obwohl sie überzeugt war, dass sich außer ihnen und den beiden Entführern niemand mehr in Rufweite befand, wollte sie auf Nummer sicher gehen. Sie hatte immer noch die Verantwortung für das Mädchen.
Vorsichtig schlichen sie die Treppe nach oben und befanden sich im Eingang zu einer großen Lagerhalle. Ein paar Neonlampen brannten hoch oben an der Decke, durch schmale Oberlichter kam schwaches Licht herein.
Charlotte scannte alle Ecken, konnte jedoch nichts Auffälliges entdecken. Bis auf einen Tisch und drei Stühle war die Halle leer. Auf dem Tisch stand eine Warmhaltebox – offensichtlich hatten die Entführer das Essen mitgebracht. Von einem Auto weit und breit keine Spur, vermutlich parkte es vor der Halle oder in einer Garage.
»Hallo?« Charlotte lauschte. Außer einem kaum wahrnehmbaren Hall war nichts zu hören.
»Wo sind wir?«, fragte Rebecca.
»Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Aber zum Glück gibt es GPS.«
Charlotte zog das Handy des Entführers aus ihrer Hosentasche und drückte auf den Powerknopf. Es war ein Smartphone, das Datum und Uhrzeit anzeigte. Sie rechnete nach – sie waren nicht einmal vierundzwanzig Stunden in der Gewalt der Entführer gewesen. Es hätte Charlotte zufrieden machen können, wäre da nicht Rebecca gewesen.
Sie tippte auf die Notruftaste. Als sich am anderen Ende ein Mann meldete, schilderte sie in knappen Worten, was geschehen war: »MeinName ist CharlotteBraun, ich arbeite als Bodyguard. Ich wurde gestern Nachmittag zusammen mit RebeccaHeydenreich entführt, Sie wissen sicher davon. Wir konnten die Entführer für den Moment ausschalten, haben aber keine Ahnung, wo wir sind. KönnenSie uns über das GPS-Signal des Handys orten?«
»Wie viele Entführer sind es?«, fragte der Mann.
»Hier sind zwei und wir hatten auch nur mit diesen beiden zu tun. Aber ich weiß nicht, wie viele es insgesamt sind. Es wäre also gut, wenn Sie sich beeilen.«
»Gibt es Verletzte?«
»Wie man’s nimmt.« Charlotte erlaubte sich ein Lächeln. »Ganz widerstandslos haben sie nicht aufgegeben. Aber sie werden es überleben.«
»Und das Mädchen?«
»Alles bestens«, antwortete Charlotte knapp. Sie wollte nicht, dass Rebecca mitbekam, dass sie über sie redeten.
»Gut. Wir kommen so schnell wie möglich.«
Charlotte war versucht, den Mann zu bitten, AndiBescheid zu sagen, entschied sich jedoch dagegen. Er würde es sicher erfahren. Deshalb sagte sie nur »Danke« und legte auf.
»Werden sie uns finden?« Rebecca war den Tränen nahe.
Charlotte zog sie zu sich und nahm sie in den Arm. »Aber klar. Dank moderner Technik sind sie bald hier, du wirst sehen.« Sie führte das Mädchen zu dem Tisch und drückte es sanft auf einen Stuhl. »Kann ich dich einen Moment hier allein lassen?«, fragte sie. »Ich will mich nur kurz umsehen. Ich bleibe immer in Sichtweite, versprochen.«
Rebecca wischte sich über das Gesicht. »Tut mir leid, ich wollte nicht weinen.«
Charlotte umarmte sie. »AchMädel, wein, so viel du willst. Das ist völlig in Ordnung.«
Ich würde es auch gerne, dachte sie.
»Ich schau mich jetzt mal um, okay?« Sie strich Rebecca sanft über die Schulter und startete ihren Rundgang durch die Halle. Was für einen Zweck sie auch immer erfüllt hatte – sie war gründlich geleert und gereinigt worden. DerBoden war sauber, es gab keine Spuren von Schienen oder Maschinen, keine Ölflecken, nur ein paar Kratzer und Abnutzungsspuren. Es gab einen Eingang – ein riesiges Schiebetor, das jedoch verschlossen war – und die Tür zum Keller, in dem sie gefangen gehalten worden waren. Charlotte lauschte an dem Tor, glaubte, entfernt das Rauschen von Straßenverkehr wahrnehmen zu können, war sich jedoch nicht sicher. Sie lauschte auch RichtungKeller, aber außer einem leisen Stöhnen war hier ebenfalls nichts zu hören.
Sie hatte gerade ihre Runde beendet und neben RebeccaPlatz genommen, als sie die Wagen hörte. Sie kamen ohne Martinshorn, aber mit Blaulicht, wie sie durch die Oberlichter sehen konnte. Es ging alles sehr schnell: DasTor wurde aufgesprengt und ein Trupp maskierter Polizisten des SEK stürmte mit Maschinenpistolen im Anschlag herein.
»Charlotte Braun?«, rief einer. »Alles in Ordnung?«
»Ja«, rief Charlotte zurück und zeigte RichtungKellertür.
Der Trupp setzte sich in Bewegung und verschwand hinter der Tür. ImTor erschienen LeontinCramer, MiriamGroß, RebeccasVater, zwei unbekannte Polizisten in Zivil und schließlich Andi. Charlotte war versucht, zu ihm zu laufen, schob stattdessen Rebecca vor.
»Na geh schon«, sagte sie sanft.
»Papa!« Rebecca fiel ihrem Vater um den Hals; er hob sie hoch und überhäufte sie mit Küssen.
Charlotte schluckte und räusperte sich. Andi tauchte neben ihr auf, nahm ihre Hand. »Alles in Ordnung bei dir?«
Sie lächelte ihn an, hoffte, er würde ihre Tränen nicht sehen, sagte: »Na klar. War doch ein Klacks.«
Er gab ihr einen Kuss. »Es ist bald vorbei.«
Dankbar drückte sie seine Hand.
Von Weitem sah sie, wie Rebecca und ihr Vater über etwas zu streiten schienen. Sie zog ihn an der HandRichtungCharlotte und Andi, er weigerte sich zunächst, ging schließlich mit.
»Wenn Charlie nicht gewesen wäre, säße ich noch da unten in dem Loch!«, rief Rebecca aufgebracht.
»Wenn FrauBraun ihren Job ordentlich gemacht hätte, wärst du nie in dieses Loch gekommen.« IhrVater schaute Charlotte drohend an. »Eines kann ich Ihnen sagen: Das wird ein Nachspiel haben! Sie sollten auf meine Tochter aufpassen, nicht sich zusammen mit ihr entführen lassen.«
»Ich ...«, begann Charlotte, aber sie war zu erschöpft zum Streiten. JederKnochen tat ihr weh, das Gesicht schmerzte, ihre Beine zitterten.
»Sie hören von meinem Anwalt!«, schleuderte HerrHeydenreich ihr noch entgegen, dann wandte er sich ab und zog seine widerstrebende Tochter mit sich. DochRebecca riss sich los und rannte zu Charlotte zurück. Sie umarmte sie und sagte laut genug, dass auch ihr Vater es hören konnte: »Ich weiß, dass du nichts dafür kannst. Ich werd’s ihm auch sagen. Danke für alles.«
»Gern geschehen«, erwiderte Charlotte. »Und denk dran, was wir besprochen haben. Lass dich nicht unterkriegen, ja?«
Zweifelnd schaute Rebecca zu ihrem Vater. »Er wird es niemals zulassen.«
»Doch. Wenn du ihm zeigst, dass du es ernst meinst, wird er sich überzeugen lassen. Vertrau mir.« Charlotte gab dem Mädchen einen Kuss auf die Stirn und schob sie weg. »Nun lauf schon, sonst frisst er uns noch alle auf.«
Rebecca kicherte und umarmte Charlotte ein letztes Mal. »Danke.« Sie lief zu ihrem Vater, der noch einmal eine drohende GesteRichtungCharlotte schickte.
»Was für ein Arschloch«, sagte sie leise.
»Lassen Sie das nicht den gegnerischen Anwalt hören.«
Leo Cramer war zu ihnen getreten und reichte Charlotte die Hand.
»Mal wieder LaraCroft gespielt?«, fragte er schmunzelnd und besah sich CharlottesVerletzung über dem Auge. »SolltenSie nähen lassen.«
In diesem Moment kamen die Männer des SEK mit den beiden Entführern aus dem Keller. DerDicke hing schlapp zwischen den immer noch maskierten Polizisten, der Dünnere war schon wieder einigermaßen fit und fluchte in einer Tour vor sich hin.
»Nette Gesellschaft«, kommentierte Cramer die Szene. Er wandte sich Charlotte zu. »Sie haben nicht zufälligerweise ein paar Hinweise für uns?«
»Sind Sie jetzt auch für Entführungen zuständig?«
»Eigentlich nein.« Er zeigte nach hinten auf die beiden Männer in Zivil. »Das sind diese Kollegen, Weber und Marquardt. Aber nachdem Sie verwickelt sind, haben sie uns hinzugezogen ...«
»Verstehe. – Sie waren sehr professionell: keine Namen, keine sonstigen Anhaltspunkte. Dennoch –«, Charlotte zögerte. »Ich will niemanden anschwärzen und vor allem Rebecca nicht in eine Zwickmühle bringen, aber ich hatte und habe immer noch den Eindruck, dass es ein Insiderjob war.«
Cramer sah sie nur fragend an und Charlotte war ihm dankbar dafür. Sie hatte ihre Querelen mit AndisChef gehabt, doch inzwischen schätzte er ihre Fähigkeiten so sehr, dass er immer mal wieder anfragte, ob sie nicht doch wieder zur Mordkommission wechseln wolle.
Sie zuckte mit den Schultern. »Ich habe nichts Konkretes. Aber sie wussten einfach zu viel, waren vor allem im Haus bestens informiert.«
»Ich geb’s an die Kollegen weiter«, sagte Cramer. »Sie werden aber sicher selbst mit Ihnen reden wollen.«
»Klar, kein Problem.«
»Ich fürchte, Sie müssen gleich mit ins Präsidium. Sie wissen, dass es eine Ermittlung gegen Sie geben wird?«
»Ja, ist mir klar.« Charlotte verzog das Gesicht. »Ich freu mich schon auf das Gespräch mit Miller.«
Cramer lächelte. »Wenn er Zicken macht, sagen SieBescheid. Dann knöpf ich ihn mir vor.« Er wandte sich ab, drehte sich nach ein paar Schritten noch einmal um. »Andi kann Sie ins Präsidium bringen, dann habt ihr ein paar Minuten für euch.«
Charlotte war zu verblüfft, um Danke zu sagen. AlsCramer außer Hörweite war, fragte sie Andi: »Was ist los mit ihm? Seit wann hat er eine menschliche Seite?«
Andi grinste. »KeineAhnung. Zu mir ist er nie so.« Er schob sie von sich weg und schaute sie ernst an. »Muss ich mir deswegen Gedanken machen?«
Charlotte prustete laut los. »Dass ich nicht lache! Cramer und ich? Ha! Und überhaupt hätte vermutlich seine Frau was dagegen.«
»Da bin ich mir nicht so sicher«, warf Andi ein. »Es gibt jede MengeGerüchte im Präsidium.«
»Seit wann gibst du etwas auf Gerüchte?«
»Seit sie auch darum gehen, dass er in Kürze in den Ruhestand gehen will.«
»Ist nicht dein Ernst! Gibt es einen Grund dafür?« Sie schaute Cramer nach, der gerade mit den beiden Zivilkollegen sprach. »Und ich dachte immer, er wird so lange arbeiten, bis er tot umfällt.«
»Hängt vermutlich mit den anderen Gerüchten zusammen.«
»Und die sagen was?«
»Dass Raffaela ihn verlassen will – oder bereits verlassen hat.«
Charlotte stieß einen leisen Pfiff aus. Doch bevor sie noch etwas sagen konnte, näherten sich Weber und Marquardt.
»Frau Braun, können wir gehen?«, fragte der eine.
Andi antwortete für sie: »Ich bringe FrauBraun zum Präsidium, in Ordnung?«
Charlotte sah, dass es nicht in Ordnung war, aber die beiden Männer schwiegen. LeoCramer hatte offensichtlich deutliche Order hinterlassen.
»Wir fahren schon mal vor«, sagte der andere.
Michael war groß und kräftig. Michael war blond und blauäugig, er sah umwerfend aus – und er kam in diesem Moment genau auf sie zu. Eva erstarrte. Er würde doch nicht ...?
Sein Handy klingelte. Lässig wischte er über das Display, hob das Mobiltelefon ans rechte Ohr. »Wassn los?«
Er war nur noch wenige Meter von Eva entfernt. Er würde sie nicht beachten, er hatte sie noch nie beachtet. Er war fünfzehn, sie elf. Er war ein Star, sie war ein Nichts.
Seine Schritte verlangsamten sich, doch er hielt weiter auf sie zu. Wenn er könnte, würde er durch sie hindurchgehen und es vermutlich nicht einmal merken. Aber wie immer würde sie im letzten Moment zur Seite treten.
Gut einen Meter vor Eva schrie er »Was?« ins Telefon und blieb stehen.
Eva wagte kaum zu atmen. Sie spürte seine Nähe, roch seinen Duft, fühlte das Ziehen in ihrem Bauch. Sie machte sich noch kleiner, noch dünner, noch unsichtbarer.
Was immer er hörte, es schien ihm nicht zu gefallen. SeineMiene wurde düster.
Wenn sie ihn nur trösten könnte! Aber wie immer würde es beim Beobachten bleiben.
Eva stand stockstill und atmete so flach wie möglich. So nah war sie ihm noch nie gekommen – von dem einen Mal abgesehen, als die anderen sie im Bus mit Absicht gegen ihn geschubst hatten.
»Evi ist in Michi verliebt, Evi ist in Michi verliebt«, hatten sie hinterher gesungen, weil sie rot wie eine Tomate geworden war.
Michi! Sie würde ihn niemals so nennen, es klang so abwertend. Sie würde immer Michael zu ihm sagen – wenn sie die Chance hätte.
Wie gerne würde sie ihm die blonde Strähne aus der Stirn streichen, ihm den Rucksack tragen, der locker über seiner linken Schulter hing. Jetzt steckte er seine Linke in die Jeanstasche, holte eine PackungZigaretten hervor, klopfte eine Kippe heraus, steckte sie lässig in den Mundwinkel und suchte nach seinem Feuerzeug.
Wieso hatte sie kein Feuerzeug dabei? ZuHause lagen jede Menge herum. Aber woher hätte sie wissen können, dass dieser Moment kommen würde? Nicht in ihren kühnsten Träumen hatte Eva jemals gewagt, sich diese Nähe vorzustellen.
Es ging offensichtlich um seinen Ausbildungsplatz. Michael hatte den Quali in der Tasche, im nächsten Schuljahr würde sie ihn nicht mehr sehen. Aber daran wollte sie jetzt nicht denken. Sie wollte nur diesen wunderbaren Moment auskosten.
»Tschüss, Evi, schöne Ferien!«
Irritiert wandte sie den Kopf. Sabrina und Tanja liefen kichernd vorbei und winkten ihr zu. Was war denn mit denen los? Seit wann beachteten sie sie, redeten mit ihr?
Unwillig schüttelte sie den Kopf. Sie musste sich wieder auf Michael konzentrieren. Sie wollte keines seiner Worte, keine seiner Gesten verpassen, wollte seine Mimik, seine Stimme, seinen Körper in sich aufsaugen, um in den Sommerferien davon träumen zu können.
Doch als sie zu der Stelle schaute, wo Michael gestanden hatte, war er fort.
Eva hätte vor Wut und Frust am liebsten geschrien. Michael war weg, für immer, und sie hatte es nicht mitbekommen! Das hatten diese beiden Zicken sicher mit Absicht gemacht.
Mit Tränen in den Augen ging sie zum Fahrradständer, zog ihr Fahrrad heraus, schob es hinaus auf die Straße und stieg auf. Sie schreckte hoch, als ein Wagen hupend vorbeifuhr.
Nachdenklich sah sie ihm nach. IhrLeben war vorbei. Eigentlich könnte sie sich gleich überfahren lassen!
Guten Morgen, Mama! Hast du gut geschlafen?
Heute ist Donnerstag, der 2. August. DieSonne scheint und es wird wieder ein heißer Tag. Aber davon kriegst du hier drinnen nichts mit, nicht wahr? Es muss ja auch einen Vorteil haben, in einem abgedunkelten Zimmer zu leben.
Komm her, ich helf dir. Langsam, so, wie du es gelernt hast. Zuerst die Füße, dann der Oberkörper. Ja, so ist es gut. Ich weiß, du kannst das aus dem Effeff, ich red nur so vor mich hin.
Heute ist Badetag, das weißt du auch, nicht wahr? Ich wünschte, wir hätten hier unten ein richtiges Badezimmer, dann könnte ich dich duschen oder sogar mal in die Wanne setzen. Wusstest du, dass es Vorrichtungen gibt, mit denen man einen Menschen wie an einem Kran in eine Wanne hieven kann? Ich hab das neulich mal irgendwo gesehen. Wo war das noch gleich? Ach ja, richtig, in der Zeitschrift von der AOK. Da haben sie Werbung dafür gemacht. Ist sicher nicht billig, so ein Teil. Na, ich würde dir das kaufen, das wäre nicht das Problem, aber wo sollten wir es aufbauen – ohne Badezimmer?
Nein, lass mal den Arm unten, ich fang heute mit dem anderen an. Soll ja nicht immer derselbe Ablauf sein, nicht wahr? Ist das Wasser okay? Nicht zu heiß? Gut. So, jetzt also erst mal der linke Arm, dann der rechte.
Du hast immer noch einen schönen Busen, weißt du das? Wie alt bist du jetzt? Lass mich mal rechnen – vierundsechzig, nein, noch nicht ganz, du wirst es im Oktober. Für dein Alter hast du wirklich eine tolle Figur, das muss ich schon mal sagen. Könntest glatt noch als Model arbeiten. Das gefällt dir wohl, was?
So, jetzt beug dich mal ein bisschen nach vorne, aber fall mir nicht vom Bett. Ich überzieh es heute neu, ist zwar noch nicht dran, aber bei dieser Hitze ist frisches Bettzeug nie verkehrt. Könnte ich oben auch machen ...
Papa hat heute gute Laune, ich vermute, es liegt daran, dass das Wetter so gut ist und das Korn gut steht. Wenn jetzt bloß kein Gewitter kommt und alles verhagelt. Das wäre nicht gut. Na, wir wollen mal das Beste hoffen, nicht wahr?
Jetzt kommen die Beine dran. Die offene Stelle sieht viel besser aus als gestern. Ich mach dir gleich noch mal Salbe und einen Verband drauf, dann ist das bald abgeheilt. Kannst du mal aufstehen, nur für einen Moment? Nein? Okay, lehn dich an mich, ich will dich doch untenrum auch waschen. Halt dich ruhig fest an mir, ich bin kräftig genug, das weißt du ja. Ich bin zwar nicht groß, aber kräftig. Ja, so ist es gut.
Evi hat seit gestern Ferien. Ich wünschte, ich könnte sie in ein Ferienlager schicken, aber dazu fehlt mir das Geld. UndPapa gibt mir keines. Ich bin mir auch nicht sicher, ob sie dahin will.
Ich mach mir ein wenig Sorgen um sie, sie ist so bedrückt in letzter Zeit. Ich weiß, sie geht nicht gern in die Schule, da ist sie so wie ich früher. Ich hatte gehofft, sie würde sich auf die Ferien freuen, aber sie macht seit zwei Tagen ein Gesicht, als hätten ihr die Hühner die Wurst vom Brot gefressen.
Dabei war ihr Zeugnis richtig gut, keine Vieren oder gar Fünfen. Zwar nur eine Eins, und das nur in Musik, aber wen interessiert das schon? Sie hat ja noch etwas Zeit bis zum Abschluss.
So, du darfst dich wieder hinsetzen, ich hol schnell frische Klamotten aus dem Schrank. Sitzt du gut? Nicht, dass du mir runterfällst. Was willst du heute anziehen? EinSommerkleid? Das hier ist hübsch, das hast du so selten an. Ich glaub, das probieren wir heute. Wird zwar nicht so einfach, das anzuziehen, aber mit vereinten Kräften schaffen wir das, was? Aber erst mal die Unterwäsche. Hoch das linke Bein, sehr gut – und das rechte. Perfekt!
Neulich hab ich die Evi gefragt, ob was los ist, aber sie hat nichts gesagt. Ob sie schon in die Pubertät kommt? Sie ist erst elf. Kannst du dir das vorstellen? MeinMädchen ist elf Jahre alt! Dabei war sie vor Kurzem noch ein Baby! DieZeit rast.
Okay, der BH sitzt auch einigermaßen. Ist es bequem? Gut. Strümpfe brauchst du heute nicht, im Zimmer ist es warm genug. Ich kann dir Socken anziehen, damit du keine kalten Füße bekommst. Nein? Auch gut. Kannst ja immer mal mit den Zehen wackeln, dann bleiben sie warm.
Fritz wird nächsten Monat zweiundzwanzig, auch das kann ich immer noch nicht glauben. Er sieht richtig männlich aus. Weißt du was? Zu seinem Geburtstag machen wir eine schöne Feier, da kommst du auch dazu. SollPapa doch motzen, ihn fragen wir gar nicht. Ja klar, es hängt davon ab, wie es dir geht. Aber es wäre doch schön, wenn wir mal wieder alle zusammen wären. Na ja, fast alle. Georg würde sicher fehlen.
Ist schon schade, dass er sich so gar nicht mehr blicken lässt. Er ist jetzt was Besseres, sagt Hans. Glaub ich aber nicht. Georg war nie so. Klar, er wollte raus und was aus seinem Leben machen, ist sein gutes Recht, oder? Würd ich auch gerne ...
Na, das wär ja noch schöner, wenn ich an so einem sonnigen TagTrübsal blasen würde! Hier ist das Kleid. Schau mal, ist es nicht schön? Darin wirst du sicher ganz toll aussehen. Kannst du dich noch mal hinstellen, für einen Moment? Nein, warte, wir machen es anders: Ich zieh dir das Kleid zuerst über den Kopf, dann stellst du dich hin. Dann kann ich es einfach runterziehen. Ach, die Arme hätte ich jetzt fast vergessen. Muss an der Hitze liegen. Ich stelle mich heute an ... So, jetzt sieht das besser aus. Okay, auf mein Kommando: Eins, zwei, drei! Halt dich an mir fest, wie vorhin. Ja, so ist es gut. Nur noch eine Sekunde, ich hab’s gleich. DasKleid ist unten, wunderbar! Wir sind ein tolles Team!
Lass dich anschauen! Schön bist du. Komm, wir nützen das gleich aus, dass du stehst, ich zieh den Rollstuhl ran. Hier kommt er, vorsichtig, ja, eine kleine Drehung, nein, andere Richtung, ja, genau so. Super gemacht! Sitzt du bequem?
Kämmen muss ich dich noch, wo ist denn die Bürste hingekommen? Ach, hier ist sie ja, unterm Handtuch. Die wollte heute wohl nicht arbeiten.
So, jetzt siehst du wirklich sehr hübsch aus, Mama. Morgen oder am Wochenende wasche ich deine Haare, die sind schon etwas fettig. Aber heute geht es noch.
Hier, noch ein bisschen Parfüm. Na, was ziehst du denn die Nase hoch, das riecht doch gut? Nein? Tut mir leid, ich dachte, es ist dein Lieblingsparfüm. Es ist nur ein Eau de Cologne, das verfliegt schnell. Ich würde mir gerne mal richtiges Parfüm kaufen, also nicht so was da, sondern eins aus Frankreich. Da musst du nur einen winzigen Tropfen hinters Ohr tun oder hier, auf den Unterarm, siehst du, hier? Dann riechst du den ganzen Abend danach. So was nimmt man natürlich nur, wenn man weggeht, mit einem Mann.
Date nennen sie das heutzutage. Das kommt aus dem Englischen, hat Evi mir erklärt. Frag mich nicht, woher sie so was hat. ImFernsehen laufen praktisch nur noch amerikanische Serien, aber die sieht sie nicht. Vermutlich hat sie’s aus der Schule. Was die da heutzutage alles aufschnappen. Noch erzählt sie mir alles, zumindest hoffe ich das. Aber in letzter Zeit wird sie immer ruhiger, das macht mir wirklich Sorgen. Vielleicht ist es tatsächlich nur die Pubertät.
Kann ich dir sonst noch was Gutes tun? Frühstück bring ich gleich, ich muss nur schnell den Kaffee frisch aufbrühen. Der von heute Morgen schmeckt sicher nicht mehr. Ich bin gleich zurück.
So, da bin ich wieder. Hier, dein Kaffee, wart, ich schieb das Tischchen näher zu dir, dann kommst du besser hin. Ich habe heute eine neue Marmelade für dich, Johannisbeergelee, habe ich mal ausprobiert. Es war ein Rezept aus der Brigitte, kennst du die Zeitschrift? Die hat es doch zu deiner Zeit sicher auch schon gegeben. Na ja, das meiste ist Mode und Zeug, das keiner braucht, aber die Rezepte find ich meistens interessant. Und natürlich auch die Reisetipps. Manchmal ist es so gut beschrieben, dass man meint, man war selber dort. Ich werde nie rauskommen, aber das macht nichts, es ist gut, wie es ist.
Hast du deine Tabletten schon genommen? Ah, nein, hier ist die Schachtel. Später? Okay. Aber versprich mir, dass du sie nimmst, sonst geht es dir wieder schlechter, und das wollen wir doch nicht, nicht wahr? Sehr brav.
Ach, manchmal rede ich mit dir wie mit einem Kind, dabei bist du meine Mutter. Tut mir leid, aber ab und an denke ich nicht nach. So, ich muss jetzt aber los, die Arbeit macht sich nicht von allein. Ich soll noch dableiben? Okay, noch ein paar Minuten.
Draußen ist es wirklich schön. Überall blüht es und es riecht so gut nach Sommer. AmFlughafen ist heute sicher die Hölle los, alle wollen in den Süden fliegen. Dabei ist es hier mindestens genauso schön. Zumindest momentan, in Spanien wäre es sicher viel zu heiß. Aber die Leute wollen alle knackig braun werden. Na, sollten sie mal einen Sommer lang auf dem Bauernhof arbeiten, dann werden sie auch braun.
Oh, warte, ist nicht schlimm, das kann man aufwischen. Siehst du? Schon passiert, man sieht nichts. Soll ich dir einen frischen Kaffee holen? Wasser oder was anderes? Na gut, aber du musst genug trinken, hörst du? Für die Tabletten hol ich dir noch ein GlasWasser.
Nein, ich geh nicht weg, ich bleib noch bei dir. Geht’s dir heute nicht gut? Na, ich kann mir schon vorstellen, dass du dich allein fühlst. Ich sag Hans und Papa, dass sie mal vorbeischauen sollen, die können auch ein paar Worte mit dir wechseln.
Hans hat momentan eine stabile Phase. Natürlich trinkt er immer noch zu viel, aber er hat so viel Angst um seinen Führerschein, dass er sich zusammenreißt. Gut so, sag ich. Er wär ja beinahe Alkoholiker geworden! EineFreundin hat er zurzeit wohl nicht, er ist viel zu Hause am Abend. Aber meistens ist er friedlich, trinkt ein paar FlaschenBier und geht dann ins Bett.
Papa – eigentlich will ich nicht über Papa reden. Neulich hab ich ihn wegen Fritz gefragt. Ich würde den Jungen gern in ein Heim geben. Also, nicht dass ich ihn abschieben möchte, um Himmels willen, nein! Ich will nur, dass er gefördert wird. Ich habe da mal einen Artikel gelesen über so ein Heim. Da wird den Kindern geholfen, je nach ihren Interessen und ihrem Können. Fritz ist ja nicht blöde oder so, auch wenn das alle behaupten. Er ist halt etwas langsamer als andere und lebt auch ein bisschen in seiner eigenen Welt. Ein bisschen wie du, Mama. Ist nicht schlimm, das sollte kein Vorwurf sein! Manchmal wünsche ich mir, ich hätte auch so eine Welt, in die ich mich zurückziehen könnte. Früher zumindest hätte ich so eine Welt gebraucht.
Egal. Ich hab also Papa gefragt, ich weiß ja, dass er Fritz mag, auch wenn er es nie zugeben würde. Aber er hat nur getobt und gefragt, wovon wir das bezahlen sollten. Als ich ihm sagte, dass es dafür Unterstützung gäbe, vom Staat, hat er erst recht losgelegt. Na, du kennst ihn. Stolz war er schon immer. VomStaat würde er nie was annehmen. Ich hab’s dann erst mal auf sich beruhen lassen. Immerhin ist Fritz mein Sohn, ich kann über ihn bestimmen ...
Weißt du was? Ich sag der Evi, sie soll dir das GlasWasser für deine Tabletten bringen. Und sie soll ein bisschen bei dir bleiben. Sie kann dir von der Schule erzählen. Ich bin wirklich stolz auf sie. Da hat sie wohl was von Georg vererbt bekommen, obwohl sie nicht so ehrgeizig ist wie er. Kommt vielleicht noch, sie ist erst elf. Ich überleg schon, ob ich sie nicht doch noch auf die Realschule schicken soll, gut genug wär’ sie. Sagt ihre Lehrerin auch. AberPapa – ja, der ist natürlich wie immer dagegen. Ich werd noch mal mit der Lehrerin sprechen und dann entscheiden. Danach eine gute Ausbildung, dann steht ihr die Welt offen. Papa meint wohl, sie bleibt ewig auf dem Hof. Aber da werde ich auch noch ein Wörtchen mitreden.
So, bevor ich jetzt ins Schimpfen komme, geh ich lieber. Ich schick dir Evi, ja? Mach’s gut, Mama, ich schau später wieder vorbei und mach dann auch dein Bett frisch. Bussi ...
»Gude Fahrt! Erhold euch!«
»Marita, wir fahren gerade mal zehn Kilometer!« Charlotte lachte.
»Drotzdem, bassd auf euch auf.« Marita zog ein großes weißes Tuch aus der Schürzentasche.
Charlotte schmunzelte. IhreVermieterin – und Freundin – war und blieb eine Marke für sich. Sie winkte, stieg ein und schloss die Tür.
Andi steckte den Schlüssel ins Schloss und startete den Wagen – der anstandslos ansprang.
»Ich fasse es nicht!«, rief Charlotte. »Wieso startet er bei dir immer und bei mir nie?« Sie sah AndisGesichtsausdruck und ergänzte: »Und wage es nicht, was von Frauen und Autos zu sagen!«
»Würde ich niemals«, entgegnete Andi und scherte in die Straße aus. Charlotte dachte gerade noch daran, Marita zuzuwinken, bevor sie aus dem Blickfeld verschwand.
Die Fahrt dauerte knapp dreißig Minuten, das Knoblauchsland lag immerhin direkt vor NürnbergsHaustür.
»Ich geb zu, die Gegend ist nicht schlecht« Andi bremste, um einen Traktor vorbeizulassen. »Allerdings hätte ich nicht so viele Gewächshäuser erwartet.«
»Die Bauern hier versuchen vermutlich nur, sich gegen die Konkurrenz aus dem Süden zu wehren.« Charlotte schaute nach draußen.
Sie war ebenfalls überrascht von den zahlreichen Treibhäusern, aber es gab auch riesige Felder, die zumeist bis dicht an die Häuser reichten. MancheÄcker waren bereits abgeerntet, andere boten ein farbenfrohes Bild.
»Gladiolen«, rief Charlotte. »Ich dachte, sie bauen hier nur Salat und Gemüse an.«
Sie fuhren durch ein Dorf, dessen Straße in regelmäßigen Abständen mit Bäumen bestückt war. VieleHäuser waren im selben Stil erbaut: zwei- oder dreistöckig, mit einem Dach, das fast bis zum Erdgeschoss reichte.
»Idyllisch«, sagte Charlotte.
In diesem Moment kam ihnen ein Squadfahrer entgegengebraust.
»Sehr idyllisch.« Andi zeigte auf den Flughafentower, der zwischen Dachgiebeln hervorlugte.
»Irgendwo mussten sie ihn hinbauen. Und hier ist es eben sehr flach. Immerhin – sie haben hier noch die vielbeschworenen Hecken.« Charlotte deutete auf die Felder, in denen Baum- und Buschgruppen kleine Inseln bildeten. Darum herum erstreckten sich Äcker mit Salatköpfen, Lauch, Kartoffeln und Grünzeug, das sie aus der Entfernung nicht identifizieren konnte.
»Die Häuser sind wirklich hübsch.« Andi fuhr langsamer, um ein Fachwerkhaus zu bewundern. »Das wurde 1614 gebaut. Damals hatten sie noch Sinn für Schönheit und Qualität.«
»Zumindest von außen. Du hast keine Ahnung, wie es sich heute in diesen Häusern lebt.«
»Stimmt«, gab Andi zu. »Immerhin hat die moderne TechnikEinzug gehalten.« Er zeigte auf Satellitenschüsseln auf den Dächern.
»Mir gefällt der Blumenschmuck vor den Fenstern besser.«
Sie erreichten das Dorfende und fuhren an einem riesigen Feld vorbei, an dessen Einfahrt sich Hunderte von grünen Plastikkisten stapelten.
»Die kenne ich vom Hauptmarkt«, sagte Charlotte. »Die sind so etwas wie das Wahrzeichen des Knoblauchslands. – Schau mal, hier stehen lauter Autos
