SPIEL - Billie Rubin - E-Book

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Billie Rubin

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Beschreibung

Nürnberg, 2009: Der Club kämpft – mal wieder – gegen den Abstieg. Charlotte „Charlie“ Braun hat nach internen Querelen bei der Münchner Kriminalpolizei gekündigt und arbeitet jetzt als Bodyguard in Nürnberg. Sie soll Dana Reed beschützen, Model und Freundin von Eric Rasmussen, Stürmer beim 1. FCN. Charlotte hat das Gefühl, dass Dana ein dunkles Geheimnis hat, aber sie kommt nicht an die junge Frau ran. Dann eskalieren die Ereignisse: Eine Paketbombe erreicht das Haus von Eric und Dana, im Stadion geht ein Sprengsatz hoch, ein aufstrebender Jungstürmer des Club wird bei einem Autounfall schwer verletzt und Charlies Sohn Patrick verschwindet spurlos. Gemeinsam mit Andreas „Andi“ Wallner von der Nürnberger Kriminalpolizei versucht Charlotte, Licht ins Dunkel der Fälle zu bringen. (Das Buch ist eine überarbeitete und erweiterte Neuauflage des 2010 erschienenen Krimis „Foules Spiel“)

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Seitenzahl: 327

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Spiel - Der erste Braun & Wallner Fall

ANN E. HACKER

Nürnberg, 2009: DerClub kämpft – mal wieder – gegen den Abstieg.

Charlotte »Charlie« Braun hat nach internen Querelen bei der MünchnerKriminalpolizei gekündigt und arbeitet jetzt als Bodyguard in Nürnberg. Sie soll DanaReed beschützen, Model und Freundin von EricRasmussen, Stürmer beim 1. FCN.

Charlotte hat das Gefühl, dass Dana ein dunkles Geheimnis hat, aber sie kommt nicht an die junge Frau ran. Dann eskalieren die Ereignisse: EinePaketbombe erreicht das Haus von Eric und Dana, im Stadion geht ein Sprengsatz hoch, ein aufstrebender Jungstürmer des Club wird bei einem Autounfall schwer verletzt und CharliesSohnPatrick verschwindet spurlos.

Gemeinsam mit Andreas »Andi« Wallner von der NürnbergerKriminalpolizei versucht Charlotte, Licht ins Dunkel der Fälle zu bringen.

Cover: NatalieSpindler, Foto: © xixinxing, AdobeStock

Lektorat: ChristineSpindler

München 2025

ISBN 978-3-949181-16-0

© Feather & Owl

Ute Hacker, Adamstr. 1, 80636 München

Alle Rechte vorbehalten

Dieses Werk wurde ohne KI erstellt, es ist urheberrechtlich geschützt. JedeVerwertung ist ohne Zustimmung des Verlags und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische und sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Die automatisierte Analyse des Werkes gemäß §44b U (»Text und Data-Mining«) ist untersagt.

»Es ist eine Ehre, für diese Stadt, diesen Verein und die BewohnerNürnbergs zu spielen. Möge all dies immer bewahrt werden und der großartige FCNürnberg niemals untergehen.«

Heiner Stuhlfauth

»Der Club is a Depp.«

Volksmund

Inhalt

Vorwort

November 2009

I

II

Januar 2010

I

II

III

IV

Februar 2010

I

II

III

März 2010

I

II

III

IV

V

April 2010

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

Mai 2010

I

II

III

IV

V

Epilog

High Moon in München

Billie Rubin

Weitere Braun & Wallner Krimis

Vorwort

Liebe Leser:innen,

vielen Dank, dass Sie sich für meinen Krimi »Spiel« entschieden haben. DerRoman ist 2010 schon einmal unter dem Titel »FoulesSpiel« erschienen. Die vorliegende Fassung wurde komplett überarbeitet und um ein paar Kapitel erweitert, beinhaltet aber denselben Kriminalfall. Er ist der erste von insgesamt fünf Fällen mit CharlotteBraun und AndreasWallner. Infos zu den weiteren Bänden finden Sie am Ende.

Im Buch kommen einige reale Personen vor, die zur damaligen Zeit tatsächlich eine aktive Rolle gespielt haben, sei es beim Club, bei der Polizei oder anderswo. Bei allen Personen wurde die Zustimmung bzgl. der Veröffentlichung der Namen eingeholt.

Die Hauptfiguren, deren Charakter und Motivation entspringen vollkommen meiner Fantasie; für sie gibt es kein reelles Vorbild. Übereinstimmungen mit lebenden Personen wären reiner Zufall.

Die Fußballspiele habe ich, soweit möglich, beschrieben, wie sie stattgefunden haben (der 1. FCN hat ein großartiges Archiv!). Manchmal musste ich die Realität jedoch aus dramaturgischen Gründen an den Plot anpassen.

Im Anschluss an den Roman finden Sie, quasi als Zugabe, die Kurzgeschichte »HighNoon in München«, die als Vorgeschichte für diese Krimi-Reihe diente. In ihr wird erläutert, warum CharlotteBraun die MünchnerKriminalpolizei verlässt.

Eine Bitte: WennIhnen der Krimi gefallen hat, hinterlassen Sie auf einer der bekannten Plattformen eine Rezension. Diese sind vor allem für SelfPublisher:innen sehr wichtig. Es muss kein langer Text sein. VielenDank im Voraus!

Für Fragen und/oder Rückmeldungen schreiben Sie gerne an [email protected]

November 2009

I

»Es ist ein leichter Job. Eigentlich wären Sie mehr Kindermädchen als Bodyguard.«

Charlotte Braun fragte sich, ob BerndMiller deshalb ihr als Frau und Externer diese Stelle anbot, anstatt einem seiner muskelbepackten Männer, die in der firmeneigenen MuckibudeGewichte stemmten.

Bevor er sie in sein Büro bat, hatte Miller ihr eine kurze Führung durch die Sicherheitsfirma gegeben. Auch wenn sie den Mann selbst unsympathisch fand, musste Charlotte zugeben, dass er etwas vom Business verstand. Er hielt allerdings auch nicht hinterm Berg damit: In allen Fluren hingen zahlreiche Urkunden und Fotografien, auf denen er mit mehr oder weniger prominenten Menschen abgebildet war.

Charlotte hatte sich vor ihrer Bewerbung in den einschlägigen Kreisen umgehört und war immer wieder auf MillerSecurities gestoßen. BerndMiller war vor seiner Zeit als Firmeninhaber ein höchst erfolgreicher Bodybuilder gewesen, was die zahlreichen Pokale in einem Regal hinter seinem Schreibtisch bewiesen.

Man sah es ihm auch heute noch an. DerEndfünfziger hatte eine sehr athletische Figur, was auf regelmäßiges Training hindeutete. Nur das rundliche Gesicht zeigte erste Alterserscheinungen. HängendeBacken, ausgeprägte Tränensäcke und feine rote Äderchen rund um die Nase ließen auf regelmäßigen Alkoholkonsum schließen. Und der große, silberne Aschenbecher auf seinem Schreibtisch stand nicht nur zur Dekoration da: DasBüro roch nach abgestandenem Zigarrenrauch. Abgerundet wurde der Eindruck von grauen, strähnigen Haaren, die die Halbglatze nur notdürftig überdeckten.

Millers Firma war breit aufgestellt, bot neben dem klassischen Objektschutz, Streifendienst oder Geldtransport auch Personenschutz an, genau das, was Charlotte suchte. FürMiller hatte sie sich unter anderem auch deshalb entschieden, weil sich zwar der Firmensitz in Nürnberg befand, er aber in ganz Bayern tätig war.

Allerdings hatte er ihr bereits am Telefon klar gemacht, dass nur eine Aufgabe in Nürnberg in Frage käme und sie dafür umziehen müsse. Charlotte hatte gehofft, ihn im persönlichen Gespräch davon abbringen zu können, aber er wollte nichts davon wissen. Entweder der Job in Nürnberg oder gar nichts.

Ihr blieb keine Wahl: Sie brauchte Arbeit, denn sie brauchte Geld. IhreAuszeit dauerte bereits drei Monate und ihre Reserven gingen unweigerlich zur Neige.

»Ich kann Ihnen erst einmal nur einen Vertrag für diesen Auftrag geben«, sagte Miller in ihre Gedanken hinein. »WennSie sich bewähren, reden wir über eine Festanstellung.«

Charlotte zögerte, beschloss jedoch, ein Recht auf die Frage zu haben.

»Wen werde ich ›betreuen‹?« Sie markierte die Anführungszeichen mit beiden Zeigefingern in der Luft.

Miller schien unschlüssig zu sein, ob er antworten sollte, doch als Charlotte den Mund öffnete, hob er die Hand.

»Ihnen ist bewusst, dass dies äußerst vertrauliche Informationen sind?«

Sie nickte nur. Er wusste schließlich, dass sie Polizeibeamtin war.

Er seufzte und strich sich mit der Hand über den flachen Bauch.

»Es geht um einen Fußballspieler vom Club. Also vom 1. FCNürnberg.«

»Kenne ich, auch wenn ich kein Fußballfan bin«, warf Charlotte ein. Insgeheim freute sie sich, denn damit konnte sie vielleicht Patrick für den erneuten Umzug erwärmen.

»Ich nenne keinen Namen«, fuhr Miller fort. »Es reicht, wenn Sie wissen, dass der Mann seit einigen MonatenDrohbriefe erhält. Allerdings ist nicht er die Person, die Sie betreuen müssten, sondern seine Frau. Sie hat Angst.«

»Verständlich.«

Miller zog eine Grimasse, die alles heißen konnte, vermutlich aber: DieZicke soll sich nicht so anstellen. Charlotte schätzte ihn so ein.

»Sie sagen, die Drohbriefe kommen seit ein paar Monaten?«

Miller bejahte. »DiePolizei ist dran, konnte aber bisher nichts finden.«

»Warum wollen sie erst jetzt jemanden zu ihrem Schutz?«

»Nein, nein, das ist ein Missverständnis. Es ist bereits jemand da, der aufpasst. Ich muss den Kollegen abziehen für eine andere Aufgabe. Sie würden ab Januar übernehmen.«

Charlotte seufzte innerlich. Ihre erste Vermutung war also richtig. Die harten Jungs waren Miller zu schade als Kindermädchen. Es klang nicht nach Traumjob, aber es half nichts. Patrick brauchte etwas zu essen, neue Klamotten, und die Miete zahlte sich auch nicht von allein.

Sie zwang sich zu einem Lächeln. »InOrdnung. Können wir den Vertrag gleich fix machen?«

»Ich sag BeateBescheid. Sie macht den Vertrag fertig, dann können Sie ihn morgen unterschreiben.«

»Geht’s heute noch?«, bat Charlotte. »Ich fahre heute Abend nach München zurück.«

»Sie ziehen aber schon hierher, oder?« MillersStimme klang misstrauisch. Er warf einen Blick auf ihre Unterlagen. »Sie haben ein Kind?«

»Ja, einen Sohn. Er ist fünfzehn und sehr selbstständig.« Charlotte zögerte. »Er ist es gewohnt, allein zu sein. AlsPolizistin hatte ich auch nicht gerade den Acht-Stunden-Tag.«

Miller griff zum Telefon. »Beate? Kannst du den Vertrag für Frau …«, er konsultierte die Bewerbung ein weiteres Mal, »… FrauBraun heute noch fertig machen? – Super, du bist ein Schatz.« Er legte auf.

»Reicht Ihnen heute Nachmittag?«

Charlotte sprang auf. »Das ist perfekt. Ich habe noch zwei Wohnungsbesichtigungen, danach komme ich zurück und unterschreibe.«

Er reichte ihr zum Abschied eine schlaffe, feuchte Hand, die so gar nicht zu einem Mann passen wollte, der sich um die Sicherheit anderer Menschen kümmerte. Charlotte verließ das Büro so würdevoll wie möglich, wischte sich vor der Tür die Hand am Mantel ab, konnte aber nicht verhindern, dass es sie vor Ekel schüttelte, rannte aus dem Gebäude hinaus, als werde sie verfolgt, und stolperte über einen Karton, den jemand schlauerweise direkt vor der Tür abgestellt hatte. Leise fluchend fand sie ihr Gleichgewicht, schlüpfte in den Mantel und lief das kurze Stück zur Hauptstraße, wo sie nach wenigen Minuten ein Taxi fand.

Zum Glück würde sie nicht mit Miller oder einem der Muskelpakete zusammenarbeiten, sondern wäre auf sich allein gestellt.

Während sie zum ersten Besichtigungstermin fuhr, dachte sie über MillersAussage nach. EinFußballspieler, ausgerechnet! Aber vielleicht hatte sie nicht so viel mit ihm zu tun, da sie offensichtlich auf dessen Frau aufpassen sollte.

Ihr sollte es recht sein. Es war eine Chance auf einen Neuanfang. DenGedanken an Patrick schob sie weit von sich. Er würde über einen erneuten Umzug nicht besonders glücklich sein.

Sie hatte gezielt nach Wohnungen gesucht, die zum Jahreswechsel beziehbar waren. DieAuswahl war naturgemäß nicht sehr groß. Aus einer HandvollZweizimmerwohnungen hatte sie zwei ausgewählt und einen Termin vereinbart.

Die erste Wohnung verdiente den Namen nicht. Es war ein Loch. Charlotte zwang sich, alle Räume anzuschauen, aber ihr war schon im Treppenhaus klar, dass sie hier nicht einziehen würde. Es roch nach Essen, das Haus war finster und schäbig. DieWohnung sollte 535 Euro im Monat kosten. Kalt! Dazu noch Maklergebühr und Kaution. SollteNürnberg nicht billiger sein als das überteuerte München?

»Ich überleg’s mir«, sagte sie zu dem Makler und verließ eilig das Haus. Sie nannte dem Taxifahrer die zweite Adresse und schloss die Augen, während sie durch Nürnberg fuhren. Das fühlte sich alles nicht besonders gut an. Einzig das Gehalt war okay – sofern sie eine Festanstellung bekäme – aber der Rest?

»Wir sind da«, riss der Taxler sie aus ihren Gedanken. Sie zahlte und ließ sich eine Quittung geben. Sie würde mit der U-Bahn zu MillersBüro zurückfahren, eine weitere Taxifahrt war nicht drin im Budget.

Die schmale Straße gefiel ihr sofort. DieHäuser sahen gepflegt aus, zwei hatten eine hübsch gestaltete Fassade. Aus zwei Fenstern hingen Fahnen mit der Aufschrift 1. FCN. Schon im Taxi war ihr ein Wimpel am Armaturenbrett aufgefallen. Was war das nur mit der Fußballleidenschaft? Charlotte ärgerte sich, dass sie nicht darauf bestanden hatte, den Namen des Spielers zu erfahren. Sie nahm es sich für die Vertragsunterzeichnung vor.

Aber zunächst musste sie sich um eine Unterkunft kümmern, ein Hotel wäre selbst bei einem regelmäßigen Einkommen auf Dauer nicht drin. Sie drehte sich langsam um die eigene Achse. Doch, die Straße sagte ihr zu. AmEnde standen zwei Bäume, an deren dünnen Ästen vereinzelt gelbe und braune Blätter hingen. ImFrühjahr waren sie sicher besonders hübsch.

Charlotte fasste neuen Mut, lief zu HausNummer 24 und klingelte bei Betzold, wie vereinbart.

»Frau Braun?«

Eine rundliche Frau in den Fünfzigern stand in der Tür der Parterrewohnung und lächelte sie warm an.

Charlotte stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Jetzt wurde alles gut.

Die Wohnung war klein, aber perfekt. Es gab zwei Zimmer und eine kleine Kammer. DasBeste war jedoch die Küche: Neben einem Tisch und vier Stühlen würde sogar noch ein Sofa hineinpassen. Sie hatte sich immer eine Wohnküche gewünscht. DerBalkon zum Hinterhof war winzig, aber es war ein Balkon. DasBad hatte ein schmales Fenster, die Dusche war neu. Nur die Möbel irritierten Charlotte.

»In der Anzeige stand nichts von einer möblierten Wohnung.«

Frau Betzold lachte. »Weil‘s kaane is. DeSachen wern nächste Woch abgholt. DieKüche bleibt aba, die ghört zur Wohnung.«

Charlotte schaute FrauBetzold irritiert an. »Äh, Entschuldigung?«

Die Vermieterin lachte. »VerstehnSie ka Fränggisch? Ich hab gsacht, dass es keine möblierte Wohnung ist, die Sachen wern nächste Woche abgeholt. Nur die Küche gehört dazu.«

Charlotte unterdrückte ein Schmunzeln. FrauBetzold bemühte sich redlich, Hochdeutsch zu sprechen, aber das weiche Fränkisch war immer noch deutlich zu hören. Immerhin hatte sie sie jetzt verstanden.

»Ah, vielen Dank für die Info. Das ist gut. Ich hätte sonst meine eigenen Möbel einlagern müssen. Wie kommt es, dass die Wohnung so kurzfristig zur Verfügung steht?«

Frau Betzold seufzte tief. »Ach, die Liebe. DerMo, der Mann hat sich verguggt und is zur Frau gezogn.« Sie hob die Hände, kicherte aber vergnügt. »Dagegen bist machdlos.« 

Jetzt ließ Charlotte ein Schmunzeln zu. Dann fiel ihr etwas ein und das Lachen verging ihr.

»Haben Sie noch mehr Bewerber?«

Frau Betzold nickte. »Hab ich.« Sie schaute Charlotte prüfend an. »Aber ich glaub, ich werd denen absagen. – WennSie die Wohnung wollen«, fügte sie hinzu.

Charlotte zögerte keine Sekunde. »Ja, ich will sie. Wann können wir den Vertrag machen? Ich muss leider heute wieder zurück nach München.«

»Kein Brobleem. Ich hab den Vertrag im Combjuda. Gehen wir runder.«

Charlotte verkniff sich mit Mühe ein Lachen. Der fränkische Dialekt klang zu lustig. Daran würde sie sich wohl gewöhnen müssen.

Bei der Frage nach dem Einkommen zögerte Charlotte. Sollte sie sagen, sie sei Beamtin? Es wäre nicht einmal gelogen, denn Beamtin war man auf Lebenszeit. Sie war halt derzeit nicht im aktiven Dienst. Charlotte entschloss sich, die Wahrheit zu sagen.

»Ich bekomme meinen neuen Arbeitsvertrag erst heute Nachmittag.« Sie erzählte von dem neuen Engagement.

»Kein Brobleem. Ich verlass mich auf mei Bauchgefühl.«

Als Charlotte das Haus verließ, machte sie einen kurzen Luftsprung. Ein alter Mann schaute sie erschrocken an, lachte dann mit zahnlosem Mund. Charlotte hätte ihn am liebsten umarmt.

Bis zur Vertragsunterzeichnung blieb ihr noch Zeit und sie beschloss, sich ihre neue Umgebung anzuschauen. Sie lief die Straße entlang, die gegenüber ihrer künftigen Wohnung lag. Auf der kurzen Strecke entdeckte sie auf mindestens fünf Autos einen FCN-Aufkleber. DerVerein schien hier auf jeden Fall so präsent zu sein wie der FCBayern in München.

Charlotte seufzte. DemThemaFußball entkam man offensichtlich nirgendwo auf der Welt. ErstManchester, dann München, jetzt sogar in Nürnberg! Und sie würde in Kürze zwangsläufig direkt damit in Berührung kommen! Sie hoffte, dass sie Patrick damit milde stimmen konnte.

Auf der rechten Seite tauchte ein schön bemaltes Haus auf. Neben einem Kino gab es auch eine Crêperie. Charlotte bekam plötzlich Hunger und beschloss, sich ein spätes Mittagessen zu gönnen. Bald würde wieder Geld auf dem Konto eintrudeln …

II

»Warum warst du in Nürnberg?« Patrick war eindeutig sauer.

»Woher weißt du das?« Charlotte schlüpfte aus den Stiefeln.

»Du hast das Ticket auf dem Desktop abgespeichert.« IhrSohn konnte sich den Triumph in der Stimme nicht ganz verkneifen. Immer wieder machte er sich darüber lustig, dass sie nicht fähig war, anständig mit dem PC umzugehen. Was er eben unter anständig verstand.

»Was gehen dich meine Dokumente an?« Charlotte war fest entschlossen, sich nicht mit Patrick zu streiten. Immerhin musste sie ihm den bevorstehenden Umzug beichten.

Doch er schien sich schon selbst seinen Reim darauf gemacht zu haben.

»Wir ziehen mal wieder um, oder?« Und als Charlotte nichts darauf sagte, rief er wütend: »Das ist nicht fair. Kaum habe ich mal Freunde gefunden, ziehen wir wieder weg.«

Er zog einen Flunsch und wirkte plötzlich wie ein kleines Kind. Am liebsten hätte Charlotte ihn in den Arm genommen, aber ihr war klar, dass das kontraproduktiv gewesen wäre.

»Können wir in Ruhe darüber reden?«, bat sie und ging ins Wohnzimmer. Es hätte sie nicht gewundert, wenn PatrickTüren schlagend davongelaufen wäre, aber er folgte ihr und setzte sich mit abweisendem Blick ihr gegenüber.

»Ich weiß, es ist nicht einfach«, begann Charlotte. »Ich hasse die Umzieherei auch.«

»Wir sind grade mal ein Jahr hier!«

»Ja, ich weiß. Aber lass mich erst mal erzählen. Vielleicht änderst du deine Meinung ja noch.«

Charlotte wusste, sie hatte einen starken Trumpf im Ärmel, den sie jedoch erst am Schluss ausspielen würde. Eine gute Mutter machte so etwas vermutlich nicht, aber sie musste oft unter PatricksLaunen leiden, da schadete es nichts, wenn sie ihn ein wenig zappeln ließ.

»Ich habe schon eine neue Wohnung für uns gefunden«, begann sie. »Du hast wie immer dein eigenes Zimmer, und es ist sogar etwas größer als dein jetziges.«

Patricks Miene entspannte sich leicht.

»Sie liegt in einem witzigen Viertel. Ich habe einige Asiaten dort gesehen und auch Türken und Italiener. Es gibt in der Nähe ein Kaufhaus und viele Läden.« Charlotte machte eine kurze Pause, sagte dann: »Es hat mich an Manchester erinnert.«

Jetzt wurde Patrick neugierig. InManchester hatten sie immerhin sechs Jahre gelebt und er verband damit zum größten Teil gute Erinnerungen. Natürlich und vor allem wegen ManchesterUnited.

Charlotte erzählte weiter von der Umgebung der neuen Wohnung.

»Es gibt auch einen riesigen Spielplatz, mit Flächen für Basket- und Fußball. Er ist vielleicht fünf Minuten zu Fuß entfernt. Es ist gerade alles recht kahl und leer, aber im Frühjahr und Sommer ist es dort sicher wunderschön. Schließlich ist da auch noch dieser große Platz, er heißt …«, sie konsultierte ihren Spickzettel, »… er heißt Kopernikusplatz. Auch dort stehen viele Bäume und Bänke, es gibt auch einen Spielplatz, allerdings nur für kleinere Kinder. UnsereVermieterin sagte mir, dass dort ab und zu Feste stattfinden.«

»Und was ist mit der Schule?«, warf Patrick ein.

Charlotte hatte gehofft, er würde das fragen.

»Das ist das Beste daran: Du kannst zur Schule laufen oder mit dem Rad fahren. Sie ist keinen Kilometer entfernt.«

»Echt?« Patrick bemühte sich sehr, nicht allzu erfreut zu klingen.

»Echt.« Charlotte lächelte. »Ich konnte nur kurz mit dem Rektor telefonieren, aber er sagte, der Wechsel sei kein Problem.« Sie wusste, dass Patrick es hasste, jeden Tag mit U-Bahn und Bus fahren zu müssen. EineSchule in Laufweite war auf jeden Fall ein Pluspunkt.

»Und was machst du da? Arbeitest du wieder als Polizistin?«

Endlich stellte Patrick die entscheidende Frage! Charlotte atmete tief durch und nahm sich Zeit. Die ganze Zugfahrt über hatte sie sich auf diesen Moment vorbereitet; von ihm hing vieles ab.

»Nein, ich werde als eine ArtBodyguard arbeiten.«

Erfreut sah sie Patricks überraschten Blick.

»Als Bodyguard? So wie KevinCostner?«

Sie lächelte wieder. »Ja, so was in der Art. Ich fürchte nur, es wird nicht ganz so spektakulär. – Oder sagen wir mal: Ich hoffe es. Ich kann auf die ganze Action verzichten.«

»Wieso denn, wäre doch lustig, oder?«, warf Patrick ein, aber sie sah an seinem Grinsen, dass er es nicht so meinte. »Wen musst du beschützen? HatNürnberg überhaupt so wichtige Leute?«

Charlotte lachte. »Das habe ich mich auch gefragt, als ich das Angebot bekam. Aber natürlich gibt es auch in NürnbergPersönlichkeiten, die – zumindest zeitweise – in Gefahr sind.« Sie wollte ihm gerade von ihrem künftigen Schützling erzählen, als sie PatricksMiene sah. »Was ist?«

»Ich denk nur grad an die Bundesliga. Hier kann ich wenigstens für die Bayern jubeln. Aber der Club? Das sind doch Flaschen.«

»Hmm, ja, ich seh ein, das ist ein Problem. Aber du kannst auch in Nürnberg für die Bayern sein. Ich bin sicher, da gibt es sogar einen Fanclub. Die haben ihre Fans doch überall sitzen.« Sie beugte sich zu Patrick und flüsterte leise, als dürfe niemand es hören: »Es soll sogar welche in Manchester geben.«

Es hatte den erhofften Effekt: Patrick lachte. Dennoch – so richtig versöhnt war er noch nicht mit der Idee des Umzugs. Charlotte beschloss, dass es an der Zeit war, den letzten Trumpf auszuspielen. ZumGlück war MillersSekretärin mitteilsamer gewesen als ihr Chef und hatte ihr den Namen verraten.

»Willst du gar nicht wissen, wen ich beschützen werde?«

»Kenn ich eh nicht«, gab Patrick mürrisch zurück.

»Da wär ich mir nicht so sicher«, erwiderte Charlotte geheimnisvoll. Als sie Patricks volle Aufmerksamkeit hatte, sagte sie: »Es ist Eric. EricRasmussen.«

»Cool«, war Patricks einzige, immerhin positive Reaktion.

Januar 2010

I

Charlotte versuchte, mit den Schultern zu kreisen, um die Spannungen zu lösen, ohne den Transporter in den Graben zu fahren. Gut, es war noch eine Leitplanke dazwischen, dennoch wäre es besser, sie hielte die Spur.

Sie warf einen raschen Blick auf Patrick, der irgendwo zwischen München und Ingolstadt auf dem Beifahrersitz eingeschlafen war. Er hatte es verdient. Obwohl er in der Silvesternacht erst sehr spät – oder vielmehr früh – nach Hause gekommen war, hatte er ihr am Neujahrstag ohne zu murren geholfen, das restliche Geschirr einzupacken und in den angemieteten Kleintransporter zu laden.

In einem Anfall von »wenn schon ein Neuanfang, dann richtig«, hatte Charlotte für Patrick einen neuen Schrank, einen besseren Schreibtisch und ein breiteres Bett gekauft. Sich selbst hatte sie nur ein neues Bett gegönnt, man musste das Geld ja nicht mit beiden Händen zum Fenster hinauswerfen.

Die Wohnung in München war jetzt leer, die neue in Nürnberg noch nicht komplett eingerichtet. Es würde vermutlich ein paar Wochen dauern, bis alles seinen Platz gefunden hatte. AberCharlotte war unendlich dankbar, dass ihr Sohn sie wegen des erneuten Umzugs nicht mit Schweigen oder Streit bestraft hatte. Da waren ein paar fehlende Regale nebensächlich.

Patrick war zwar immer noch nicht sehr enthusiastisch, aber er hatte sich offensichtlich mit der Situation abgefunden. Was womöglich auch daran lag, dass sie selbst sehr viel entspannter war, jetzt, wo sie wusste, sie kam aus dem verhassten München raus.

Dabei verband sie im Grunde mit der Stadt wunderbare Erinnerungen. Immerhin hatte sie dort Franz kennen und lieben gelernt. München war PatricksGeburtsort. Aber eben auch Franz‘ Sterbeort. Und an das letzte Jahr wollte sie nicht denken.

Charlotte schüttelte den Kopf, um die trüben Gedanken zu vertreiben, und konzentrierte sich aufs Fahren. ZumGlück war die Autobahn kaum befahren, sodass sie gut vorankamen. Noch knapp vierzig Kilometer, bis sie ihre neue Heimat erreichten …

Kurz vor ihrem neuen Zuhause weckte sie Patrick. Er rieb sich die Augen wie ein kleines Kind.

»Wir sind gleich da.«

»Hm.«

Sie wagte nicht zu fragen, ob er sich freute. Er war dabei gewesen, als sie die Möbel für sein Zimmer in Empfang genommen hatten, kannte die Wohnung also schon. Sie wusste bisher nicht, ob sie ihm gefiel.

Vor dem Haus war kein Parkplatz zu finden und nach zweimaligem Umkreisen des Blocks beschloss Charlotte, den Wagen kurzzeitig in zweiter Reihe zu parken. Sie hatten nur noch ein paar Umzugskartons auszuladen, das war schnell erledigt.

»Lass sie uns ins Treppenhaus stellen, danach suche ich einen Parkplatz. Samstags sollte nicht so viel los sein.«

»Nein, lass mal. Ich trage die Kartons hoch, du kannst den Wagen zurückgeben.«

Charlotte schaute ihren Sohn verblüfft an. »Bist du sicher? DieKartons sind teilweise sehr schwer.«

Patrick grinste. »Hey, ich bin stark, das weißt du.« Wie zum Beweis beugte er den linken Oberarm wie ein Bodybuilder. Allerdings war dank seines Daunenanoraks nichts zu sehen.

Charlotte lachte. »Okay, du hast es so gewollt. Nimm bitte nur die, die du wirklich allein tragen kannst. DenRest machen wir gemeinsam. Okay?«

»Okay.«

Charlotte gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange und verließ das Haus. Erst, als sie im Wagen saß, fiel ihr ein, dass Patrick keinen Wohnungsschlüssel hatte. Sie stieg aus, lief zum Haus zurück und sperrte die Haustür auf. Bevor sie sie öffnen konnte, drang ein Ton an ihr Ohr, den sie nicht zuordnen konnte. Es klang wie dumpfes Schlagen. Kurz darauf ertönte ein klirrendes Geräusch, das verdächtig nach zerbrechendem Geschirr klang.

Vorsichtig schob sie die Tür auf und lugte um die Ecke. Sie wollte ihren Augen nicht trauen: Patrick stieß mit dem Fuß gegen einen der Kartons, in den sie, dem Klang nach zu urteilen, Geschirr gepackt hatten.

Charlotte stieß die Tür mit Schwung auf.

Patrick erschrak. Mit erhobenem Fuß starrte er sie an, als sei sie ein Geist.

»Was soll das?« Immerhin wusste sie jetzt, was er von dem Umzug hielt.

»Ich … ich dachte, du bist längst weg.«

»Ach, und das gibt dir das Recht, unser Geschirr zu demolieren?« Charlotte war so wütend, dass sie Abstand hielt, um ihm nicht eine Ohrfeige zu verpassen.

»Ich … ich weiß nicht.« Patrick hielt den Kopf gesenkt.

»Warum redest du nicht mit mir?«

»Du bist nie da!«

Charlotte seufzte. Das war PatricksTotschlagargument, dem sie selten etwas entgegenzusetzen hatte. Sie hatte nun mal keinen Bürojob, sondern war Polizistin. Verbrecher hielten sich nicht an die üblichen Arbeitszeiten. Dabei war ihr Sohn grundsätzlich stolz darauf, eine Polizistin zur Mutter zu haben.

»Okay. Wir tragen die Kartons jetzt rauf in die Wohnung, dann bringen wir den Wagen zurück, danach reden wir. – KeineWiderrede«, fuhr sie ihn an, als er etwas sagen wollte.

Er wusste, wann er den Bogen überspannt hatte. Wortlos nahm er den Karton, auf den er eingetreten hatte, und trug ihn in den zweiten Stock. Charlotte folgte ihm, sperrte die Wohnung auf, und sagte ihm, er solle die Kiste in den Flur stellen. ZweiKisten musste sie gemeinsam tragen, und nach gut fünfzehn Minuten war alles erledigt.

»Kann ich nicht dableiben?«

»Damit du den Rest der Wohnung auch noch demolierst? Das kann ich mir nicht leisten. Du kommst mit.« Demonstrativ blieb sie an der Tür stehen und wartete, bis er die Wohnung verlassen hatte.

Während Patrick trotzig schwieg, versuchte Charlotte auf der Fahrt zum Autovermieter zu ergründen, wie sie mit seinem Verhalten umgehen sollte. Hausarrest war unsinnig, er kannte noch niemanden in Nürnberg. Ihn zu ihren Eltern nach England zu schicken, wäre eher eine Belohnung als eine Bestrafung. Andererseits wäre er bis Schulbeginn unter Kontrolle und sie könnte sich voll und ganz auf ihre neue Aufgabe konzentrieren.

Zurück in der Wohnung schickte sie Patrick in sein Zimmer, das als einziges komplett eingerichtet war. Sie schob ihm die beiden Kartons mit seiner Kleidung hinterher und sagte ihm, er solle sie auspacken.

»Und wenn du es nicht tust, lebst du eben aus dem Karton. DeinProblem, nicht meins.«

»Es tut mir leid.« Er war ehrlich geknickt, aber sie beschloss, ihm jetzt nicht nachzugeben. Es ging nicht um das kaputte Geschirr, das war ersetzbar, aber er musste lernen, dass es Situationen gab, die man nicht ändern konnte. Schon gar nicht mit Gewalt.

»Das freut mich zu hören. Dennoch wirst du deine Klamotten selbst ausräumen.«

Sie schloss die Tür und atmete tief durch. Wann hatte das Leben begonnen, so aus dem Ruder zu laufen?

Natürlich kannte sie die Antwort, aber sie wollte nicht daran denken. Stattdessen beschloss Charlotte, ihre Mutter anzurufen und sie um Rat zu bitten.

»Ich werde einfach nicht mehr mit ihm fertig«, sagte sie, nachdem sie ihr die Szene im Treppenhaus geschildert hatte.

»Er ist verunsichert.«

»Ich weiß, Mum, ich weiß. Ich bin es auch. Ständig frage ich mich, was ich tun kann, damit er sich sicher fühlt. Oder zumindest sicherer. – Ich weiß einfach nicht mehr weiter.«

»Willst du ihn zu uns schicken? Du weißt, hier fühlt er sich immer wohl.«

Es war der Vorschlag, den Charlotte erhofft hatte, dennoch zögerte sie. »Ich will euch nicht belasten.

»Papperlapapp. Du belastest uns nicht. Wir lieben Patrick, das weißt du. Und er liebt uns. Vor allem könnten wir auf einer etwas neutraleren Basis mit ihm reden«, fügte ihre Mutter leise hinzu.

Charlotte seufzte. »Okay. Ich schaue gleich mal nach Flügen und melde mich wieder.«

Am Sonntagvormittag standen sie am NürnbergerFlughafen und warteten darauf, dass PatricksFlug aufgerufen wurde.

Er hatte sich mehrmals entschuldigt und gesagt, er wisse nicht, was in ihn gefahren sei. Charlotte hatte seine Entschuldigung angenommen, war dennoch distanziert geblieben. Mit fünfzehn war er alt genug, um zu wissen, welchen Schaden er angerichtet hatte, nicht nur materiell. ZumGlück waren nur drei Tassen, zwei Teller und eine Schüssel zu Bruch gegangen, sie waren daher nicht gezwungen gewesen, von Papptellern zu essen.

Als der Aufruf kam, umarmte Charlotte ihren Sohn.

»Ruf an, wenn du angekommen bist, und sag Grandma und Grandpa liebe Grüße von mir. Ja?«

Patrick nickte und wollte sie gar nicht mehr loslassen. Sanft löste sie seine Arme und schob ihn von sich.

»Na komm, es ist nicht das erste Mal, dass du allein fliegst. Und du darfst auch wiederkommen«, fügte sie grinsend hinzu.

Patrick zog eine Grimasse zwischen Lachen und Weinen, wandte sich abrupt ab und drehte sich erst wieder um, als er in den Bereich des Sicherheitschecks eintrat. Er hob kurz die Hand, dann sagte die Security-Frau etwas zu ihm und er wandte sich zu ihr.

Charlotte kämpfte mit den Tränen. Sie winkte auch noch, als er es nicht mehr sehen konnte.

Wieder in der Wohnung, konnte sie sich nicht entscheiden, welche der vielen Aufgaben sie zuerst anpacken sollte. Erleichtert atmete sie auf, als es klingelte. Egal, wer es war – er war willkommen.

Marita Betzold stand mit einem Teller vor der Tür, auf dem ein kleiner LaibBrot lag. Daneben stand ein Salzstreuer.

»Herzlich willkommen«, sagte sie und hielt Charlotte den Teller entgegen.

Die Geste ließ alle Dämme brechen.

»Na, na, so schlimm?« FrauBetzold schob die schluchzende Charlotte in die Wohnung, schloss sanft die Tür und bugsierte sie ins Wohnzimmer.

Mangels Sofa ließen sie sich auf zwei Stühlen nieder. DieVermieterin holte ein GlasWasser aus der Küche und reichte es Charlotte.

»Danke.« Charlotte nahm es, trank es in einem Zug aus und wischte sich über die Augen.

»Entschuldigung. Es ist nicht meine Art, sofort loszuheulen, wenn jemand nett zu mir ist. Es war wohl etwas viel in den letzten Wochen.«

Frau Betzold tätschelte ihr den Arm. »Des is doch ned schlimm«, sagte sie in ihrem breiten Fränkisch. »Des kommt in die besten Familien vor.«

Charlotte musste wider Willen lachen.

»Na siggst, es geht scho wieder.« MaritaBetzold schmunzelte.

»Danke.« Diesmal kam es von Herzen.

Charlotte erinnerte sich ihrer Gastgeberinnenpflichten und sprang auf.

»Kann ich Ihnen etwas anbieten? Kaffee oder Tee? Ich fürchte, mehr habe ich noch nicht da, ich muss morgen erstmal einkaufen gehen.«

»Naa, des bassd schon. Ich wollt euch doch bloß willkommen heißen.« FrauBetzold schaute sich um. »Is schon richtig wohnlich.«

»Na ja, es ist noch einiges zu tun.« Charlotte lächelte. »DasZimmer meines Sohns ist fertig. Er ist allerdings heute nach England geflogen, zu meinen Eltern.« Und dann erzählte sie von PatricksReaktion am Tag davor.

»Allmächd, des is ja a richtiga Lausbub.« AusMaritaBetzoldsMund klang das, als wäre es etwas Ehrenhaftes. Möglicherweise war es das auch. »Jetz komm, gehma runder zu mir. Ich hab an Streuslkuchn backn, der is noch warm. Dazu a schöne TassKaffe. Was sagst?«

Charlotte nickte. »Das wäre schön, danke.«

»Ach geh, under Nachbarn is des doch nix. Übrigens, ich bin die Marita.«

II

Charlotte war dankbar, dass sie einkaufen gehen musste, das hielt ihre Nervosität in Zaum. Ihr war schleierhaft, wieso sie überhaupt aufgeregt war, schließlich war es nicht das erste Mal, dass sie jemanden beschützte. Sie schob es auf all die Neuerungen, die ihr Leben kürzlich umgekrempelt hatten.

In Leeds und Manchester hatte sie zu Beginn ihrer jeweiligen Tätigkeit eine ArtMentor an der Seite gehabt, in München war ihr zumindest die Stadt vertraut gewesen. InNürnberg kannte sie weder Umgebung noch Menschen – mit Ausnahme von Miller und Marita.

Nachdem sie die Einkäufe in den Schränken und im Kühlschrank verstaut hatte, blieb ihr noch eine knappe Stunde, um zu ihrem ersten Treffen mit EricRasmussen und seiner Freundin zu fahren. Sie räumte ein paar Kleidungsstücke weg, was mangels Kleiderschrank ein sinnloses Unterfangen war, und beschloss, sofort zu RasmussensHaus zu fahren und sich dort ein wenig umzusehen.

Die Akte, die Miller ihr gegeben hatte, war denkbar dünn. Es hatte insgesamt vierzehn Drohbriefe innerhalb der letzten vier Monate gegeben. Die meisten hatten im Briefkasten gelegen, einer war per Post geschickt worden, zwei hatten sich direkt hinter der Wohnungstür befunden. DiePolizei hatte alle Briefe genau untersucht, jedoch keine verwertbaren Spuren gefunden. Es handelte sich um Standardpapier, wie man es in jedem Kaufhaus bekommen konnte, der Text bestand aus ausgeschnittenen Buchstaben.

Wer, um alles in der Welt, machte sich heutzutage, in Computerzeiten, noch die Mühe, Buchstaben aus Zeitungen auszuschneiden?

Rasmussens Maisonettewohnung befand sich in einem Einfamilienhaus in einer – laut Akte sehr ruhigen – Straße im Osten der Stadt.

Nachdem Patrick sich wohlbehalten aus England gemeldet hatte, hatte Charlotte den Sonntagnachmittag damit verbracht, im Internet nach Informationen zu Rasmussen, seiner Freundin und der Wohngegend zu suchen.

In der Zeit, als sie in Manchester lebte, war er der Stürmerstar bei ManchesterUnited gewesen. Jetzt war er Anfang dreißig und spielte beim 1. FCN, als einer von drei Stürmern.

Dana Reed arbeitete als Model, gehörte aber offensichtlich nicht zu den Großen der Branche. Ein genaues Alter war nicht herauszufinden, aber den Fotos nach konnte sie höchstens Anfang zwanzig sein.

Die Gegend, in der sich das Haus befand, galt als eine der begehrtesten WohnlagenNürnbergs, sprich: Dort wohnten die Schönen und Reichen.

Mit dieser Spezies hatte Charlotte keine guten Erfahrungen gemacht. Aber sie wollte so vorurteilsfrei wie möglich an die neue Aufgabe herangehen, auch wenn ihr das bei der KonstellationFußballer und Model nicht leichtfiel. Da stimmte sie ausnahmsweise mit Miller überein: AlterndeFußballstars schmückten sich gerne mit einer jungen, hübschen Frau.

Über den Job selbst gab es kaum Angaben. IhrVorgänger hatte vor allem Außer-Haus-Zeiten notiert, dahinter standen Stichworte wie Shopping, Shooting, Studio.

Was hatte er die übrige Zeit getrieben? Und wo war Dana gewesen?

Charlotte fragte sich, ob es ein Fehler gewesen war, nach Nürnberg umzuziehen. Aber hätte sie Patrick allein in München zurücklassen können? DieAntwort war klar Nein. Sie waren jetzt hier und mussten das Beste daraus machen.

Sie hatte sich am Vortag die Verbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln herausgesucht und gelangte deshalb ohne größere Zwischenfälle an ihr Ziel. Es handelte sich um eine schmale Seitenstraße, die als Sackgasse in einem Wendekreis endete. Je links und rechts gingen zwei kleinere Stichstraßen ab, die ebenfalls im Nichts endeten.

Standen zu Beginn noch drei- bis vierstöckige Mietshäuser direkt an der Straße, zogen sich im Verlauf der Straße die Häuser immer weiter in immer umfangreichere Gärten zurück und waren durch dichte Hecken oftmals nicht mehr sichtbar.

Charlotte lief die Straße einmal komplett entlang. Im vorderen Teil entdeckte Charlotte zwischen den HäuserreihenGaragen, die offensichtlich nicht ausreichend waren, denn am Straßenrand parkten zahlreiche Autos, meist Kleinwagen, in denen Kindersitze montiert waren und Spielsachen herumlagen. DerZweitwagen für die Frau. VieleFrontscheiben waren mit Planen gegen den drohenden Frost abgedeckt.

Ab etwa der Mitte dominierten deutlich die Mittelklassewagen, irgendwann sah sie nur noch Mercedes, BMW und Porsche – wenn überhaupt ein Auto sichtbar war. Sie standen in Carports, die meist in die Anlagen integriert waren, oder gut geschützt in einer Garage direkt neben dem Haus, quasi als Mitglied der Familie.

Die Gärten der Doppelhaushälften und Einfamilienhäuser waren sehr gepflegt, nur einer erregte durch wildes Wachstum ihre Aufmerksamkeit. Charlotte notierte sich die Hausnummer und nahm sich vor, das Haus und seine Bewohner genauer unter die Lupe zu nehmen.

Fünf Minuten vor dem vereinbarten Termin stand sie vor RasmussensHaus. Es passte vom Stil her nicht ganz zu den umliegenden Häusern. DasGebäude selbst schien ein 08/15-Bau aus den Fünfzigern zu sein. Ungewöhnlich war der Vorbau in der ersten Etage und im Dachgeschoss: Über die gesamte Breite verliefen Holzbalkons, die mittels verschieb- oder klappbarer Scheiben zu einem Wintergarten umgewandelt werden konnten. Auf dem unteren Balkon war ein Sessel zu erkennen, der obere war von ihrem Standpunkt aus nicht einsehbar.

Charlotte atmete tief durch, schob die Gartentür auf, wartete ein paar Sekunden, ob von irgendwo ein Hund angerannt käme, ging weiter zur Haustür und klingelte bei »Rasmussen/Reed«. Darunter war ein Schild mit dem Namen »Friedrich« angebracht. Dunkel erinnerte sie sich, dass in der Akte etwas von der Hausbesitzerin gestanden hatte, die im Parterre wohnte, jedoch so gut wie nie da war.

Als der Summer ertönte, öffnete sie die Tür und stieg in den ersten Stock.

»Sie sind also unser neuer Schutzengel?«

Eric Rasmussen stand in Shorts und T-Shirt und mit nackten Füßen in der Tür und lächelte sie an. Wollte er sie beeindrucken oder lief er tatsächlich mitten im Winter so herum?

»Ich werde es versuchen.«

Charlotte reichte ihm die Hand, stellte sich vor, trat ein und schlüpfte aus den Stiefeln, bevor Rasmussen es verhindern konnte.

Der Unterschied zu ihrer eigenen Wohnung, die durchaus hell war, hätte kaum größer sein können: Sie blickte in einen riesigen, lichtdurchfluteten Raum, in dem helle Designermöbel standen und viel Kunst an den Wänden hing, vermutlich Originale. ImHintergrund sah sie die Flügelfenster, die zum Balkon führten. Neben dem Sessel, den sie von unten gesehen hatte, standen ein Tisch und ein Klappstuhl, auf dem Boden lagen Kissen verstreut. Sie glaubte, auch ein aufgeklapptes Buch und Zeitschriften zu entdecken.

Während Eric ihren Mantel aufhängte, hatte sie Zeit, ihn zu betrachten. Er sah älter aus als auf den Fotos, die sie von ihm kannte. Er war einen halben Kopf größer als sie, trug die blonden Haare stoppelkurz und hatte viele Lachfältchen rund um die Augen. LautPresse war er immer guter Laune und machte es den Menschen damit leicht, ihn zu mögen. Zumindest war das in Manchester so gewesen, aber da hatte er maßgeblich zum Erfolg des Clubs beigetragen. LautPatrick hatte es in Nürnberg mehrmals Streit gegeben, weil er oftmals auf die Bank verbannt wurde.

»Hier entlang, bitte.«

Rasmussen zeigte auf ein Sofa, auf dem locker fünf PersonenPlatz gehabt hätten. Die passenden Sessel auf der anderen Seite eines sehr langen Glastischs waren ungewöhnlich breit und tief. Man