RACHE - Billie Rubin - E-Book

RACHE E-Book

Billie Rubin

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Beschreibung

Charlotte „Charlie“ Braun nimmt einen riskanten Job an: Sie soll Farid Nizami beschützen, einen bedrohten oppositionellen Autor aus dem Iran, den die internationale Schriftstellervereinigung PEN nach Nürnberg eingeladen hat. Nizami akzeptiert Charlies regeln nur zögerlich, denn er will sich nicht von einer Frau beaufsichtigen lassen und fühlt sich zudem auch ohne sie sicher. Unterstützt von Andreas Wallner und seinem Team, durchleuchtet Charlotte Nizamis Vergangenheit und stößt auf eine schockierende Begebenheit, die zeigt: Die Gefahr lauert ganz in der Nähe des Iraners – und damit auch in ihrer … (Das Buch ist eine überarbeitete Neuauflage des 2011 erschienenen Kriminalromans „Dunkle Rache“)

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Seitenzahl: 281

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Rache - Der zweite Braun & Wallner Fall

ANN E. HACKER

Charlotte »Charlie« Braun nimmt einen riskanten Job an: Sie soll FaridNizami beschützen, einen bedrohten oppositionellen Autor aus dem Iran, den die internationale Schriftstellervereinigung PEN. nach Nürnberg eingeladen hat.

Nizami akzeptiert CharliesRegeln nur zögerlich, denn er will sich nicht von einer Frau beaufsichtigen lassen und fühlt sich zudem auch ohne sie sicher.

Unterstützt von AndreasWallner und seinem Team, durchleuchtet CharlotteNizamisVergangenheit und stößt auf eine schockierende Begebenheit, die zeigt: DieGefahr lauert ganz in der Nähe des Iraners – und damit auch in ihrer …

Cover: NatalieSpindler, Foto: © wisiel, GettyImages

Lektorat: ChristineSpindler

München 2025

ISBN 978-3-949181-17-7

© Feather & Owl

Ute Hacker, Adamstr. 1, 80636 München

Alle Rechte vorbehalten

Dieses Werk wurde ohne KI erstellt, es ist urheberrechtlich geschützt. JedeVerwertung ist ohne Zustimmung des Verlags und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische und sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Die automatisierte Analyse des Werkes gemäß §44b U (»Text und Data-Mining«) ist untersagt.

Inhalt

London, Juni 2010

Nürnberg, Januar 2011

I

II

III

IV

V

Nürnberg, Februar 2011

I

II

Teheran, 2009

I

II

III

Nürnberg, April 2011

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

Teheran, 1978–1980

I

II

Nürnberg, April 2011

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

Berlin, 1999/2000

Nürnberg, Mai 2011

I

II

III

IV

V

Teheran, Juli 2011

Nachwort

Billie Rubin

Weitere Braun & Wallner Krimis

London, Juni 2010

»Weichei!«, zischte RizwanaJenab und zog die Tür hinter sich zu. Den ganzen Weg zur U-Bahn schimpfte sie vor sich hin; erst als ein hochgewachsener Mann in dunklem Anzug, Trenchcoat und mit Regenschirm sie besorgt anblickte, hielt sie den Mund. Nicht auffallen, war die Devise, auch in London, obwohl hier eigentlich genug Verrückte herumliefen.

Rizwana reihte sich in den Strom der anderen Passanten ein und ließ sich RichtungU-Bahn-Station treiben. Es war Feierabend und LondonsStraßen waren brechend voll. DerStreit mit Khaleel hatte sie zwar Zeit gekostet, aber es war immer noch früh genug. Nichts war schlimmer, als einen Auftrag unter Zeitdruck ausführen zu müssen.

Rizwana fuhr gute zwanzig Minuten kreuz und quer durch LondonsUntergrund, bis sie sicher war, dass ihr niemand folgte. Als sie zum dritten MalPiccadillyCircus erreichte, stieg sie aus. Oben am Platz ließ sie den Trubel, der trotz des Nieselregens herrschte, eine Weile auf sich wirken. Es waren vor allem Menschen unterwegs, die nach einem langen Arbeitstag einen Drink zu sich nehmen wollten, bevor sie sich in die überfüllten Pendlerzüge stürzten. Mit ihrem Businesskostüm, dem kurzen Sommermantel und dem Aktenkoffer passte Rizwana perfekt dazu. AuchTouristen, mit Pullover und Anorak gegen das triste LondonerWetter gewappnet, waren zu sehen. Hier und da tauchten bereits die ersten Theaterbesucher auf.

Rizwana mischte sich unter die Fußgänger und drehte zwei Runden um den PiccadillyCircus, bevor sie auf UmwegenRichtungSt. James’sSquare lief. DieLondonLibrary war hell erleuchtet, hinter den Fenstern im ersten Stock liefen Menschen geschäftig hin und her und legten vermutlich letzte Hand an für die abendliche Veranstaltung.

Rizwana hatte noch eine halbe Stunde bis zum Treffen mit dem Mittelsmann, der ihr die Waffe übergeben würde. Sie lief zurück zum PiccadillyCircus und betrat einen Pub in Haymarket. Menschen in Anzügen und Kostümen standen dicht gedrängt am Tresen oder saßen an den Tischen. Rizwana holte sich an der Bar ein Mineralwasser und fand an einem Tisch mit fünf jungen MännernPlatz. Sie nahm einen SchluckWasser und ge­stattete sich, für ein paar Minuten an Khaleel zu denken. Ob ihm klar war, dass er kurz davor war, selbst auf die Abschlussliste zu kommen? Bereits zwei Aufträge hatte er vermasselt und auch jetzt waren die Nerven mit ihm durchgegangen. Durchfall! Pah! Wozu die ganze Ausbildung, wenn er im entscheidenden Moment schlapp machte?

Ob sie geahnt hatten, dass er wieder einknicken würde? Wozu sonst hätten sie sie mitgeschickt? Sicher nicht zur Tarnung. Die mitreisende Ehefrau hätte auch jede andere mimen können. Egal. Es war KhaleelsProblem, sie konnte sich nicht um ihn kümmern, sie hatte einen Auftrag zu erledigen. Rizwana trank ihr Wasser aus und verabschiedete sich von den Männern am Tisch. Lachend lehnte sie eine Einladung ab. Heute nicht, vielleicht ein anderes Mal. Ja, versprochen.

Vor dem Pub blieb sie eine Weile stehen und scannte die Umgebung. Es war niemand zu sehen, der sich näher für sie interessierte – von einem eindeutig betrunkenen Passanten abgesehen, der ihr ein unmoralisches Angebot machte. Rizwana lächelte, hielt dem Mann in Gedanken den Mittelfinger entgegen und machte sich erneut auf den Weg.

Diesmal näherte sie sich St. James’sSquareGardens von der PallMall aus. Es war dicht bewölkt und dämmrig, perfekt für ihre Aufgabe. DerNieselregen hatte aufgehört, dennoch eilten die Menschen mit hochgeschlagenen Mantelkrägen durch den Park.

Rizwana fröstelte. Sie blieb stehen, zog eine PackungZigaretten aus ihrer Manteltasche und klopfte eine Zigarette heraus, suchte vergeblich nach Feuer und sah sich um. Ein junger Mann stand an einen Baum gelehnt, rauchte und telefonierte. Sie ging zu ihm, zeigte ihm die Zigarette und sah ihn fragend an. Er nickte und holte ein Feuerzeug aus seiner Hosentasche. Um ihre Zigarette anzünden zu können, musste Rizwana ihren Aktenkof­fer abstellen. Er gab ihr Feuer, telefonierte die ganze Zeit weiter. Rizwana nickte ihm dankend zu, nahm den Aktenkoffer und ging rauchend weiter.

Zumindest ein neutraler Beobachter hätte niemals vermutet, dass soeben die Übergabe einer Waffe stattgefunden hatte.

Rizwana warf die Zigarette achtlos weg, stellte den Aktenkoffer auf eine Bank, öffnete ihn, entnahm ihm einen Schlüssel und einen Zettel, klappte den Koffer zu und ging zu der Adresse, die auf dem Zettel stand. Es war eine Seitenstraße am Park, die Wohnung befand sich im zweiten Stock. Rizwana zog dünne Handschuhe über, öffnete vorsichtig die Haustür und lauschte. Wie erwartet war nichts zu hören. Sie stieg die Treppe hoch, betrat die Wohnung, lauschte auch hier kurz, sah sich gründlich um, nahm ein BündelKleider vom Bett und ging ins Bad.

Ihr Businesskostüm ließ sie zu Boden fallen, schlüpfte in den dunklen Trainingsanzug und die bequemen Laufschuhe. Alles passte wie angegossen. DieOrganisation war wie immer perfekt. Sie streifte ihre langen Haare nach hinten und steckte sie mit Hilfe einer dunklen Spange fest. Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel, dann ging sie zurück in den Eingangsbereich, wo sie den Aktenkoffer abgestellt hatte. Er enthielt die Einzelteile der Waffe. Rizwana baute sie mit geübten Handgriffen zusammen, setzte den Schalldämpfer auf, zielte probeweise auf die Tür. Sie wusste, sie konnte der Waffe vertrauen, bisher hatte es noch nie Probleme gegeben. Neben dem Kleiderbündel hatte ein dünner Rucksack gelegen, in den sie die Waffe steckte. Ohne einen weiteren Blick verließ sie die Wohnung. Jemand ande­rer würde sich darum kümmern.

Noch fünfzehn Minuten. Rizwana joggte durch den Park, dann um den Platz herum. Sie spürte den Druck der Waffe auf ihrem Rücken und gestat­tete sich ein bisschen Vorfreude auf das, was gleich kommen würde.

Als sie an der LondonLibrary vorbeikam, sah sie die ersten Besucher in das Haus gehen. Manche begrüßten sich lautstark vor dem Eingang.

Peacock war sicher schon im Haus. Peacock war der Codename für ihr Ziel. Rizwana hatte keine Ahnung, wer FaridNizami war, es war ihr auch egal. Sie hatte den Auftrag, ihn zu töten, und sie würde es tun. DerGedanke an Khaleel blitzte kurz auf, seine Reaktion, als er den Namen des Opfers gelesen hatte. Ob er ihn kannte? Und wenn schon – KhaleelsVerhalten war definitiv unprofessionell.

Sie schüttelte den Kopf, wollte den Gedanken an den unzuverlässigen Partner loswerden, versuchte, sich auf das Kommende zu konzentrieren. Es war kein einfacher Job, auch deswegen hatten sie sie mitgeschickt, davon war Rizwana überzeugt. Zu leicht konnte eine andere Person getroffen wer­den – collateral damage, wie die Amis das nannten.

Den Baum, der ihr als Basis dienen sollte, hatte sie schon in der zweiten Runde entdeckt. Indem sie vorgab, ihren Schuh binden zu müssen, suchte sie am Baumstamm nach einer Schnur, zog daran und hielt ein Seil in der Hand. Sie sah sich um, die Luft war rein. Mit gekonnten Griffen zog Rizwana sich nach oben, verschwand in der Baumkrone und holte das Seil nach. Auch hier hatte jemand ganze Arbeit geleistet: DerBaum hatte genügend Blätter, um sie vor neugierigen Blicken zu schützen, gestattete ihr dennoch den perfekten Blick auf den ReadingRoom, in dem die Veranstaltung stattfinden würde.

Rizwana sah auf die Uhr. Zehn nach acht, jetzt fand gerade der Sektempfang im PrevostRoom statt. Ein paar Nachzügler eilten auf die LondonLibrary zu, ansonsten war es ruhig. Rizwana richtete sich so gut es ging ein; natürlich würde sie die erste Gelegenheit ergreifen, doch es konnte durchaus sein, dass es etwas länger dauerte. Sie holte die Waffe aus dem Rucksack und zielte probeweise auf die Fenster des ReadingRoom. Sie justierte das Fernrohr, legte die Waffe dann auf eine breitere Astgabel vor sich. Jetzt hieß es warten.

Für einen kurzen Moment wurde Rizwana dann doch nervös, als sich zwei Teenager ausgerechnet unter ihrem Baum eine wilde Knutscherei lieferten. Aber sie wusste, dass die Veranstaltung in der LondonLibrary gut zwei Stunden dauern würde und sie jede MengeZeit hatte. ZumGlück war das Mädchen von der prüden Sorte und wehrte die Handgreiflichkeiten ihres Freundes mit so vielen spitzen »No, I said I don’t want that!«-Rufen ab, dass er schließlich völlig entnervt aufgab und sie stehen ließ.

Rizwana äffte das Mädchen leise nach, das jetzt verzweifelt »Sean? Sean, I didn’t mean it!« rief. DochSean kümmerte sich nicht um sie, was das Mädchen veranlasste, ihm hinterherzulaufen. JungeLiebe!

Rizwana zog eine Grimasse und konzentrierte sich erneut auf den ReadingRoom vor ihr. Die ersten Gäste strömten vom Nebenraum herein und bildeten kleine Gruppen. Rizwana nahm das Gewehr und scannte den Raum mit Hilfe des Zielfernrohrs. Peacock war nirgendwo zu sehen. Vermutlich würde er den Raum ganz zum Schluss betreten und sich damit einen glanzvollen Auftritt verschaffen.

»Genieß ihn, es wird dein letzter sein«, murmelte Rizwana.

Sie musste noch weitere zwölf Minuten warten, bis sie Peacock zu Gesicht bekam. Er sah schmaler aus als auf dem Foto, aber sie konnte ihn eindeutig identifizieren. Neben ihm stand eine schöne Frau im eleganten Kostüm, vermutlich seine Ehefrau. Rizwana konnte sich nicht an ihren Namen erin­nern; sie war unwichtig.

Sie korrigierte ein letztes Mal ihre Position im Baum, legte die Waffe an und zielte auf PeacocksHerz. Nur noch ein paar Sekunden, höchstens eine Minute, dann würde sie den Abzug drücken und ein leises Plopp würde ertönen. Glas würde zerspringen, Menschen würden voller Panik schreien und auseinanderlaufen. EinMann würde blutüberströmt am Boden liegen, mit einem Loch in der Brust. SeineFrau würde sich entsetzt über ihn beugen, ungeachtet der Gefahr, die womöglich immer noch lauerte. Ein paar Mutige würden per Handy die Polizei informieren, die meisten jedoch Zuflucht hinter einem schützenden Gegenstand suchen. Und schrecklich lächerlich dabei aussehen!

Peacock stand jetzt mit dem Rücken zu ihr, vor einer Gruppe, neben ihm seine Frau. Rizwana holte ein letztes Mal tief Luft, hielt den Atem an, zielte und drückte ab. Es machte »Plopp«, Glas zersprang, die ersten hysterischen Stimmen ertönten.

Rizwana atmete aus und wieder ein und stieß die Luft langsam durch die gepressten Lippen aus. EinigeSekunden lang genoss sie den Adrenalinschub in ihrem Körper. Dies war immer der beste Moment bei einem Auftrag.

Sie legte die Waffe in die Astgabel, sprang vom Baum und lief leichtfüßig durch die KingStreetRichtungSt. James’sStreet. Alles war wie immer: Sie hatte ihren Auftrag ausgeführt, was danach geschah, musste sie nicht interessieren.

Im ReadingRoom lagen zwei Menschen blutüberströmt auf dem Boden und kämpften mit dem Tod.

Nürnberg, Januar 2011

I

»Das ist IhreWohnung.« Mit diesen Worten schloss die Frau die Wohnungstür auf, trat einen Schritt zurück und ließ ihn eintreten. FaridNizami zögerte, machte dann einen entschiedenen Schritt und betrat die Räume, die für die nächsten Monate sein neues Zuhause bilden würden. Er stellte seinen Koffer ab und drehte eine schnelle Runde durch die Wohnung. Sie war klein, aber hell und auf den ersten Blick hübsch eingerichtet.

»Vom Wohnzimmer aus können Sie auf den Balkon gehen«, sagte die Frau.

Farid versuchte sich an den Namen zu erinnern. Constanze? Christine? Es war etwas mit C gewesen. Er warf einen verstohlenen Blick auf die Visitenkarte, die sie ihm überreicht hatte. Richtig, ChristaBöhm! Sie war ihm als seine Betreuerin vorgestellt worden.

»Wenn Sie etwas brauchen oder Fragen haben, können Sie mich jederzeit anrufen. Vor allem, wenn es um Behörden geht.« Sie hatte schelmisch gelächelt. »WirDeutschen sind schließlich berühmt für unsere Behörden.«

Farid hatte nur genickt. Gegen die iranischen Beamten waren die deutschen sicher harmlos. Immerhin sollte es in diesem Land keine Bestechung geben. Unglaublich, aber vielleicht doch wahr.

Christa hatte ihm geholfen, die wichtigsten Lebensmittel einzukaufen und in der Küche zu verstauen. Jetzt stand sie vor ihm und schaute ihn erwartungsvoll an.

»Und? Was denken Sie?« IhrEnglisch hatte eine deutlich deutsche Färbung, war aber gut zu verstehen.

»Es ist nett«, erwiderte Farid. Mehr konnte er momentan nicht sagen. »Ich ... ich muss ...«

Christa tätschelte seinen rechten Arm. »MachenSie sich mal keine Gedanken. Ich weiß, was in Ihnen vorgeht. Sie sind ja nicht mein Erster.« Sie kicherte, wurde jedoch sofort wieder ernst. »Ich arbeite seit einigen Jahren für den PEN. Wir wissen, dass SieZeit brauchen.« Sie schlüpfte in ihren Mantel, den sie beim Betreten der Wohnung an die Garderobe gehängt hatte, und öffnete die Tür. »RufenSie mich an, wenn etwas ist. Jederzeit.«

Farid stand minutenlang vor der geschlossenen Wohnungstür und starrte sie an. Dann gab er sich einen Ruck und lief noch einmal durch die Wohnung. Sie umfasste zwei Zimmer, eine kleine Küche, ein Bad. DasBett im Schlafzimmer war breit genug, um eine zweite – vertraute – Person zu beherbergen, aber nicht so breit, dass er sich allein verloren vorkommen würde. DieEinrichtung war aufeinander abgestimmt, dennoch hatte der Raum etwas Seelenloses.

Im Wohnzimmer standen Blumen auf dem Tisch, der auch als Esstisch dienen würde. Farid probierte das Sofa aus, die Polster waren fest, aber gemütlich. Wie im Schlafzimmer passten auch hier Tisch, Stühle und Schrank zusammen, nur der Schreibtisch gehörte eindeutig nicht dazu. ImGegensatz zu den anderen Möbeln war er alt und offensichtlich über viele Jahre hinweg abgenutzt worden. FaridsAugen leuchteten auf. Es würde eine Freude sein, an diesem Tisch zu arbeiten.

Er betrat den Balkon. ImSommer würden die beiden großen Birken den Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite verwehren, aber jetzt hatte er freie Sicht auf die Häuser.

Christa hatte ihm erklärt, dass die Gartenstadt – the garden city – Anfang des 20. Jahrhunderts von Genossenschaften gegründet worden war. Man wollte den Mitgliedern dieser Genossenschaften ein Haus mit eigenem oder zumindest schnell erreichbarem Garten ermöglichen. Wo kein Platz für einen Garten war, baute man Balkone an die Häuser. DieGenossenschaft gab es noch heute und sie kümmerte sich nach wie vor um die Belange der Bewohner der Gartenstadt.

Farid ging ins Wohnzimmer zurück und schloss die Tür zum Balkon. ImFrühjahr oder Sommer würde er draußen arbeiten können.

Er zog seinen Koffer ins Schlafzimmer und begann auszupacken. Es blieb viel Platz im Schrank, er hatte nicht alles aus London mitbringen können. Immerhin ein paar Fotos von seiner Familie und Nasreen. Er stellte sie auf das kleine Kästchen neben dem Bett, arrangierte sie ein paar Mal hin und her, nahm dann NasreensBild und trug es zum Schreibtisch im Wohnzimmer.

Obwohl er keinen Hunger verspürte, ging er anschließend in die Küche und suchte im Kühlschrank nach etwas Essbarem. Er hatte die Sachen selbst ausgesucht, aber nichts konnte seinen Appetit anregen.

Frustriert ging er ins Wohnzimmer, setzte sich aufs Sofa, zappte durch die Programme. Doch alle Sendungen waren auf Deutsch, er verstand kein Wort. Er schaltete den Fernseher aus, ging zum Schreibtisch, setzte sich davor und stellte sich vor, wie es wäre zu arbeiten.

Warum nicht gleich damit beginnen, dachte er. Er holte seinen Laptop aus dem Schlafzimmer, ging ins Internet und suchte nach der BBC-Seite und dort nach Neuigkeiten zu dem Anschlag auf ihn im vergangenen Jahr. Wie immer gab es keine Meldungen dazu.

Danach las er die aktuellen Nachrichten aus dem Iran, doch auch hier gab es nichts Erwähnenswertes. Farid wusste nicht, ob er beunruhigt oder erleichtert sein sollte. SeitWochen hatte er nichts von seiner Familie gehört.

Auch im Internet zappte Farid eine Zeitlang wahllos herum, schaute sich ein paar Videos auf YouTube an, las ein paar Artikel auf englischen und iranischen Seiten, ermahnte sich schließlich, dass er ja eigentlich hatte arbeiten wollen. Er hatte das Stipendium nicht erhalten, um nichts zu tun.

Farid öffnete den Artikel, an dem er zuletzt gearbeitet hatte. Im letzten Jahr hatte er sich angewöhnt, wieder mehr auf Englisch zu schreiben, doch gerade wollten ihm absolut keine passenden Wörter einfallen. Entnervt klappte er den Laptop zu.

Alle hatten ihm versichert, dass er sich so viel Zeit wie nötig nehmen könne. Niemand erwartete, dass er bereits innerhalb der ersten Wochen tätig wurde. Er sollte sich erst einmal akklimatisieren.

Ruhelos lief Farid durch die Wohnung. Er machte sich den Spaß und stoppte die Zeit für eine Runde. AchtundvierzigSekunden. Es war eben eine kleine Wohnung. Es war jetzt seine Wohnung.

Er saß auf dem Bett und starrte die Bilder seiner Familie an. SeineEltern, die ihn immer unterstützt hatten, trotz aller Repressalien durch das Regime. SeinBruder, von dem er nur ein Jugendfoto besaß, weil er sich von ihm abgewandt hatte, als er mit seiner politischen Arbeit begann. Nicht einmal nach seinem Gefängnisaufenthalt hatte er es für nötig befunden, sich zu melden.

Farid klappte die Fotos nach unten, wollte die vertrauten Gesichter nicht mehr sehen. Plötzlich hatte er das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Er brauchte frische Luft.

Entschlossen stand er auf, schlüpfte in den neu erworbenen Wintermantel, vergaß den Schal nicht, den Christa ihm so sehr ans Herz gelegt hatte. Er öffnete die Tür, erinnerte sich noch rechtzeitig an die Schlüssel, sperrte die Wohnungstür zwei Mal ab, blieb stehen und lauschte. Es war halb sechs Uhr abends. Er hörte Musik oder einen Fernseher. Menschen hörte er nicht. Wer wohl sonst noch in diesem Haus lebte? Es gab sechs Wohnungen, eine davon war jetzt seine. Für mindestens zwölf Monate.

Farid lief die Treppe hinunter und verließ das Haus. Er erschrak, weil er vor einem Zaun stand, doch dann erkannte er im Dunkel des Winterabends, dass sich dahinter ein Sportplatz verbarg. Auf der Straße schaute er unschlüssig nach links und nach rechts. Er hatte bei der Fahrt hierher nicht auf den Weg geachtet, doch er glaubte, sich erinnern zu können, dass sie von rechts gekommen waren.

Er ging ein paar Schritte, erkannte die Kreuzung wieder und bog nach rechts ab. »An der Schwarzlach«, stand auf dem Straßenschild. Er hatte keine Ahnung, was das bedeutete, noch bestanden seine Deutschkenntnisse nur aus GutenTag und VielenDank.

Zunächst unsicher, dann jedoch immer selbstbewusster lief Farid die Straße entlang. Hier und da hätte er gerne einen Blick in erleuchtete Wohnungen geworfen, doch die Häuser standen zu weit weg von der Straße. Er wagte nicht, über die Rasenflächen zu laufen.

Im Frühjahr und im Sommer war dieser Teil der Stadt sicher hübsch, aber jetzt war alles kahl und trist. Trotz der Dunkelheit sah Farid die abblätternde Farbe an manchen Fassaden; da müsste die Genossenschaft dringend renovieren. MancheHäuser jedoch erstrahlten bereits in frischem Glanz und waren hübsch verziert.

Farid gelangte zur Hauptstraße, wo gerade eine Straßenbahn vorbeifuhr und ein Autofahrer wild hupte, weil eine alte Frau die Straße bei Rot überquerte. Offensichtlich wollte sie die Tram noch erreichen. Farid lächelte. Immerhin das war in allen Städten der Welt gleich.

Unschlüssig stand er an der Kreuzung und wusste nicht wohin. Gegenüber lag der Südfriedhof. »Eine schöne Grünanlage«, hatte Christa gesagt. »Natürlich nicht im Winter.«

Farid überquerte die Straße, blieb vor dem Eingang des Friedhofs stehen und beobachtete die Kreuzung. DieStraßenbahnen von links waren meist leer, die von rechts spuckten jede MengeMenschen aus, die sich in die Straßen der Gartenstadt ergossen. Er schloss daraus, dass es nach rechts RichtungInnenstadt gehen musste.

Vom Stehen war ihm kalt geworden, deshalb lief er zügig und mit großen Schritten voran. Nach knapp zehn Minuten kam er erneut an eine Kreuzung. Er beschloss, der Straßenbahn zu folgen; so würde er hoffentlich wieder problemlos zurückfinden.

Nach einer Unterführung folgte eine Brücke, die über zahllose Bahngleise führte. Christa hatte den englischen Begriff nicht gewusst, ihm aber erklärt, dass dort Güterzüge auseinander- und zusammengehängt würden. EinRangierbahnhof also.

Farid stellte sich auf die Brücke und schaute nach unten. Es war wenig los, eigentlich gar nichts. ZweiBahnarbeiter mit Warnwesten liefen am Rand der Gleisanlage entlang, einer rauchte, der andere gestikulierte wild. Waren sie Freunde oder nur Kollegen? Er folgte den beiden mit den Augen, soweit es das Licht zuließ, dann schaute er in die Ferne, wo die Gleise im dunklen Nichts zu enden schienen. Für einen Moment redete er sich ein, er müsse nur dort hinuntergehen, in einen Zug einsteigen und einfach losfahren. Irgendwann würde er dann an einem Ort ankommen, an dem er sich nicht fremd, einsam und verlassen fühlen würde. EinOrt, an dem er zu Hause wäre.

II

Khaleel Yazdani feilschte gerade mit einer Bäuerin vom Knoblauchsland um den Preis seines Einkaufs, als sein Handy klingelte. DieNummer war unterdrückt. Er reichte der Frau einen Fünf-Euro-Schein, ergriff die Tüte und nahm ab.

»Hallo?«

»Khaleel, mein Freund, wie geht es dir?«

»Teymur?« Khaleel war ehrlich überrascht. SeitMonaten hatte er nichts mehr von seinem Lehrer und Mentor gehört. Und schon gar nicht per Handy. »Wie geht es dir?«

»Wir sollten uns treffen«, sagte Teymur, die Frage ignorierend. »Wo steckst du gerade?«

»Am Hauptmarkt«, erwiderte Khaleel und ging RichtungFleischbrücke. »Ich bin auf dem Weg zu Reza. Ich brauche noch Reis und verschiedene Gewürze.«

»Ist das jetzt so wichtig? Ich muss dringend mit dir sprechen.«

»Ich kann auch später gehen«, bot Khaleel an und ärgerte sich sofort darüber. Natürlich gebot ihm allein TeymursAlter, dass er sich nach ihm richtete, auch war er dem Älteren zu großem Dank verpflichtet. Dennoch musste er sich dieses servile Benehmen abgewöhnen. »Wo?«, fragte er.

Teymur zögerte. »Es gibt am Hauptmarkt dieses Café, direkt an der Brücke ...«

»Du meinst Starbucks?« Khaleel war erneut überrascht. Teymur in einer amerikanischen Coffeeshop-Kette? Das konnte er sich nun gar nicht vorstellen.

»Nein«, sagte Teymur. »Das gegenüber, vor der Brücke, wenn man RichtungBurg schaut.«

Khaleel drehte sich um. »Ach, das BarCelona«, sagte er. »Nein, das ist nicht gut. Zu viele Leute und ein schlechter Service.«

»Dann schlag etwas vor«, erwiderte Teymur und klang leicht genervt.

Khaleel drehte sich einmal um die eigene Achse. Es gab jede MengeMöglichkeiten, sich rund um den Hauptmarkt zu treffen, aber er und Teymur würden sicher auffallen, auch wenn derzeit nicht so viele Touristen unterwegs waren. SeinBlick fiel auf das CasaPane. Perfekt!

»Lass uns ins CasaPane gehen. Das ist ideal für ein Treffen.«

»Gut, ich bin in fünfzehn Minuten da.« Teymur legte auf.

Khaleel steckte das Handy ein und fragte sich, was Teymur so dringend von ihm wollen könnte, dass er sich sogar per Telefon meldete. Er hob die Tasche mit den Einkäufen hoch und ging zu dem Café. Hinter dem hochtrabenden Namen verbargen sich eine fränkische Bäckereikette und ein einfacher Selbstbedienungsladen. Doch die Pizzen und Salate wurden frisch zubereitet und schmeckten gut.

Er suchte einen Tisch etwas abseits vom Geschehen, stellte seine Einkäufe ab und holte sich einen Pfefferminztee. Um diese Zeit war noch wenig los, doch in knapp einer Stunde würden sich hier die Leute stauen, die einen schnellen Mittagsimbiss zu sich nehmen wollten.

Er trug sein Glas mit Teebeutel zurück zum Tisch und holte sich einen alten Spiegel, den jemand auf dem Nachbartisch hatte liegen lassen. Auf der Titelseite prangte ein Drache mit Kabelschwanz als Verkörperung von Facebook. ImInnenteil ging es immer wieder um dieselben Themen: Westerwelle, Sarrazin, Migranten und ein Interview mit YukiyaAmano, dem frisch gewählten Chef der IAEA-Nuklearwaffenkontrolleure. Er werde natürlich auch den Iran vertreten, solange dieser die Kernenergie nur zivil nutze und TeheransAmbitionen friedlichen Zielen dienten.

»Wer’s glaubt«, murmelte Khaleel, allerdings weniger, weil es um den Iran ging, sondern weil er Politikern und allen, die in irgendeiner Weise mit ihnen zu tun hatten, misstraute. Er las gerade das Interview mit OliverSacks, als Teymur eintraf. Sie reichten sich die Hand; Umarmung und Küsse auf die Wangen waren an öffentlichen Orten tabu, ebenso ihre gemeinsame Muttersprache. Sie waren gut integrierte Ausländer.

Teymur warf einen missbilligenden Blick auf KhaleelsStoffbeutel, aus dem ein Kohlrabiblatt hervorspitzte. »Du wirst immer deutscher«, knurrte er.

»Das ist es doch, was ihr wollt. Kann ich dir etwas holen?«

»Bring mir ein Bier und ein Käsesandwich.«

Während Khaleel erneut an der Theke anstand, sah er, wie Teymur den Spiegel nahm und lustlos darin herumblätterte. Dann legte er die Zeitschrift mit dem gleichen angewiderten Blick zur Seite, mit dem er das Gemüse bedacht hatte.

Khaleel stellte das Bier und den Teller mit dem Sandwich vor ihn und setzte sich gegenüber. Teymur nahm einen großen Schluck und aß in aller Ruhe das Sandwich auf.

Khaleel wusste, dass Teymur ihn nervös machen wollte, doch er versuchte, sich nicht auf das perfide Spiel des alten Manns einzulassen. Er hatte sich nichts zuschulden kommen lassen, musste also kein schlechtes Gewissen haben.

»Wie geht es dir?«, fragte Teymur schließlich und schob den Teller weg.

»Gut«, erwiderte Khaleel wahrheitsgemäß. Er konnte wirklich nicht klagen. DasÜbersetzen machte Spaß und brachte genug Geld, um passabel davon leben zu können, schon gar in Nürnberg. An seine Schwester wollte er nicht denken ...

»Es tut mir leid, aber ich muss in frischen Wunden bohren«, sagte Teymur.

Khaleel hielt den Atem an. »Was soll das heißen?«

»Das soll heißen, dass ich einen neuen Auftrag für dich habe.« AlsKhaleel sich vor Schreck an die Kehle griff, fuhr Teymur fort: »Es ist nicht das Übliche. Dennoch wird es womöglich sehr viel anstrengender für dich.«

Khaleel runzelte die Stirn. Teymur sprach in Rätseln. Natürlich würde er ihm nicht in aller Öffentlichkeit einen Tötungsauftrag vermitteln. Aber weshalb hatten sie sich dann überhaupt in einem Café getroffen?

»Liest du eine Zeitung?«, wollte Teymur unvermittelt wissen.

Khaleel deutete auf den Spiegel. »Meinst du so was wie das hier?«

»Nein, eine Tageszeitung. NürnbergerZeitung oder NürnbergerNachrichten, meinetwegen auch die Abendzeitung?«

Khaleel schüttelte den Kopf. »KeineZeit, keine Lust, kein Geld. Falls ich etwas wissen muss, hol ich’s mir aus dem Internet.« Er machte eine kurze Pause. »Aber was muss man über diese Stadt schon wissen?«

Teymur schüttelte tadelnd den Kopf. »Du lebst seit über fünf Jahren hier. Hast du dich noch immer nicht eingelebt?«

Khaleel zuckte mit den Schultern. »Ist es nicht egal, wo ich lebe? Berlin, Köln, Fulda oder Nürnberg – die Städte sind unterm Strich alle gleich.«

Noch einmal schüttelte Teymur missbilligend den Kopf, aber er sagte nichts mehr.

Khaleel war wichtig, dass der andere ihn verstand. »Schieb es auf den Tod meiner Schwester. Ich kann es immer noch nicht glauben. Und es ist jetzt schon mehr als ein halbes Jahr her.«

»Da du es selbst ansprichst: Es hat mit dem Tod von Nasreen zu tun«, sagte Teymur, jetzt deutlich leiser als zuvor.

Khaleel spürte sein Herz klopfen. Hatten sie herausgefunden, wo Farid sich versteckt hielt? Gaben sie ihm, Khaleel, die Chance zur Rache?

»... neuer Stipendiat der StadtNürnberg.«

»Was?«

»Wo hast du nur deinen Kopf«, tadelte Teymur ihn. »Ich sagte: Farid wird neuer PEN-Stipendiat hier in Nürnberg. Du weißt, was das heißt?«

Khaleel starrte ihn an. PEN-Stipendiat? Nein, er hatte keine Ahnung, was das hieß. Natürlich kannte er den PEN, aber was hatte Farid damit zu tun?

»Farid ist nach dem Anschlag in London nach Holland geflohen und hat dort bei Freunden gelebt«, erklärte Teymur. »ImSeptember kam er nach Deutschland, die Heinrich-Böll-Stiftung hat ihn eingeladen. Inzwischen lebt er in Nürnberg, in drei Wochen findet die offizielle Veranstaltung statt. Er bekommt das Stipendium für mindestens zwölf Monate.«

Khaleel entging die leise Ironie in TeymursStimme nicht, aber er war zu wütend, um sich seinen Reim darauf zu machen. »Warum habt ihr mir nicht gesagt, dass er im Land ist?«, wollte er wissen. SeineStimme war rau vor Empörung.

»Er stand ständig unter Polizeischutz, du wärst nicht an ihn rangekommen.« Teymur beugte sich vor und ergriff Khaleels rechte Hand. »Ich weiß, du bist wütend und das ist dein gutes Recht. Immerhin ist er schuld, dass deine Schwester tot ist. Dennoch muss ich dich bitten, deine Rachegefühle hintenan zu stellen.« Er machte eine lange Pause, sagte schließlich ernst: »Es geht um eine große Sache. PersönlicheGefühle haben da nichts zu suchen.«

Khaleel zog seine Hand weg und starrte Teymur an. Obwohl er dem alten Mann viel zu verdanken hatte, hasste er ihn doch auch, besonders in Augenblicken wie diesen. Er wusste, würde er sich weigern, den Auftrag auszuführen, müsste seine Familie in Teheran darunter leiden. SeineMutter war Mitte siebzig und herzkrank.

»Was soll ich tun?«, fragte er schließlich.

»Du wirst Farids offizieller Dolmetscher«, erwiderte Teymur.

III

Farid strahlte ihn an. »Wie schön es ist, dich zu sehen«, sagte er immer und immer wieder. »Ich kann es einfach nicht glauben, dass ich ausgerechnet in Nürnberg ein vertrautes Gesicht treffe. WunderbareFügung!«

Khaleel war anderer Meinung, was die Fügung anging, doch er hielt sich an TeymursVorgaben: Du bist sein bester Freund. Er nahm einen SchluckKaffee und zauberte dann mit Mühe ein Lächeln auf sein Gesicht.

»Frag mich mal«, erwiderte er. »Ich habe ganz schön Augen gemacht, als ich in der Zeitung gelesen habe, dass du nach Nürnberg kommst. AlsStipendiat!« Er hörte den leichten Zynismus in seiner Stimme, doch Farid schien nichts zu bemerken.

»Du arbeitest als Übersetzer?«, fragte Farid.

Khaleel nickte. »Ich hatte Glück. Es gibt einige Firmen in der Stadt, die Kontakt zum Iran haben. Aber dank Internet bin ich nicht an einen Ort gebunden. Manchmal dolmetsche ich auch bei Gericht.« Er schwieg kurz. »Das ist oft weniger schön.«

»Kann ich mir vorstellen.« Farid berührte kurz seinen Arm, und Khaleel musste sich sehr zusammennehmen, um ihn nicht wegzuziehen.

»Erzähl mir von dir«, bat er, um sich und Farid abzulenken.

Doch Farid zuckte nur mit den Schultern. »Da gibt es nicht viel zu berichten. Es sind zu viele unschöne Sachen passiert in den letzten Monaten und Jahren; ich will eigentlich nicht darüber reden.« Er schwieg eine Weile und saß gedankenversunken da.

Er war älter geworden, hatte einige Falten um Augen und Mund, aber den Jungen, mit dem Khaleel aufgewachsen war, sah er immer noch. Wie lange hatten sie sich nicht mehr gesehen? Er hatte noch in Fulda gelebt, als er das letzte Mal bei seiner Familie in Teheran gewesen war. Das musste inzwischen mehr als sechs oder sieben Jahre her sein ...

»Die letzten Monate waren besser«, sagte Farid in seine Gedanken hinein. »DieDeutschen sind sehr freundlich, nur die Sprache ist furchtbar. Ich glaube, ich werde sie nie lernen.«

»Das wird schon. Ich habe auch lange gebraucht, bis ich alles verstanden habe. Du weißt ja, am Anfang war das Studium nicht einfach, ich wollte mehr als einmal zurück.«

Farid lachte. »Ja, ich erinnere mich genau an deinen ersten Besuch. Dauernd hast du uns vorgeheult, wie schwierig alles ist. Dabei hast du es doch genossen, gib’s zu.«

Khaleel biss die Zähne zusammen und machte gute Miene zum bösen Spiel. »Ich wollte wirklich zurück, aber nach einem Jahr wurde es besser.«

»Du hast Simona kennengelernt«, sagte Farid.

Khaleel schüttelte den Kopf. »Nein, ich hab sie später getroffen. Da war noch eine andere ...«

»Du Schwerenöter!« Farid klopfte ihm auf die Schulter. »Davon