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,,Macht und Ohnmacht" ist ein Drama, das für die Theaterbühne gedacht ist. Es ist rein fiktiv und doch historisch, weil die gezeigte Handlung reale Verhältnisse aus der Vergangenheit widerspiegelt. Das Stück ist eine bestürzende Reise in menschliche Abgründe. Es zeigt, was geschehen kann, wenn Menschen Macht über andere Menschen haben und diese schändlich missbrauchen. Darüber hinaus ruft es uns ins Gewissen, was der Verlust von Freiheit bedeutet und warum wir unsere Freiheit -gerade im Hier und Jetzt- unbedingt verteidigen müssen. Weil sie alles ist. Weil Freiheit Leben bedeutet.
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Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Personen
Alexander Vollschwitz, Elisabeth Vollschwitz, deren Kinder Lara und Maximilian
Gregor Sauhammel
Peter Bitterlich
Viktor Notdurfter
Unschlicht
Potsdata
Hauptmann Windstoßer
Stubenältester
Andere Gefangene
Untersuchungsrichterin
Untersuchungsrichter Oberst Schneckenreiter
Armeerichter Blutbacher
Armeerichter Fleischhacker
Armeerichter Kropfreiter
Generalstaatsanwalt Bösekomm
Schreiber
Wachsoldaten bzw. Exekutionskommando
Leutnant
Wachhabender Unterleutnant
Schütze Veilchenhauch
Gefängniswärter bzw. – beamte
Saaldiener
Greifkommando der Geheimpolizei
Volkskommissar Pimpl
Zweiter Polizist
Dritter Polizist
Vierter Polizist
Zwei weitere Geheimpolizisten
Anna Huhn-Dümmler
Ein Lehrer
Ein Mann
Ein Junge
Ein Mädchen
Ein großer Junge
Ein alter Mann
Noch ein älterer Mann
Herr und Frau Kleine-Knüppel,Vollschwitz‘ Nachbarn
Komparsen
Der Ort der Geschichte ist Willküria. Die Handlung spielt im 20. Jahrhundert.
Gegen das Verharmlosen. Gegen das Vergessen.
Das Schwergewicht eines Schriftstellers ist eine Feder.
Für...ein grünäugiges Lama! In Liebe.
Erster Akt
Erste Szene
Zweite Szene
Dritte Szene
Vierte Szene
Fünfte Szene
Zweiter Akt
Erste Szene
Zweite Szene
Dritte Szene
Vierte Szene
Fünfte Szene
Sechste Szene
Dritter Akt
Erste Szene
Zweite Szene
Dritte Szene
Vierte Szene
Fünfte Szene
Sechste Szene
Vierter Akt
Erste Szene
Zweite Szene
Dritte Szene
Vierte Szene
Fünfte Szene
Sechste Szene
Ein städtisches Mehrfamilienhaus bei Nacht. Familie Vollschwitz im Dunkeln schlafend. Uniformiertes Greifkommando mit Nachbarn im Schlafgewande vor Wohnungstür.
UNIFORMIERTER (hämmert mit Pistolengriff gegen die Wohnungstür). Geheimpolizei! Öffnet die Tür!
HERR VOLLSCHWITZ (im Bett, erwachend). Wa-as ist denn jetzt los? Was soll der Lärm?
UNIFORMIERTER (hämmert weiter). Geheimpolizei! Aufmachen!
HERR VOLLSCHWITZ (im Schlafanzug, verschlafen sich aus dem Bett erhebend, das Licht anmachend, einen Morgenrock hastig überziehend, in Hausschuhe schlüpfend und Richtung Wohnungstür wankend). Spinnen die? Was soll das, mitten in der Nacht!?
FRAU VOLLSCHWITZ (erwacht indes und wundert sich). Nanu?
Was ist los?
Fortwährendes Hämmern
HERR VOLLSCHWITZ (macht das Licht im Flur an und öffnet die Wohnungstür einen kleinen Spalt weit, reibt sich die Augen). Ja, bitte! Was wollen sie?
UNIFORMIERTER (mit Schreibkladde öffnet die Tür weit und tritt in den Flur. Greifkommando folgt ihm, verteilt sich rasch in der Wohnung). Geheimpolizei! Alexander Vollschwitz, du bist verhaftet!
HERR VOLLSCHWITZ (bleich, ungläubig, mit überschlagender Stimme und weit aufgerissenen Augen). W-e-e-r soll verhaftet werden? I-i-ch?? Weshalb denn??
FRAU VOLLSCHWITZ ( im Nachthemd, erscheint im Flur). Was ist denn los, Schatz?
Das Greifkommando beginnt währenddessen wortlos mit einer „Durchsuchung“. Dabei dringt es auch in das Kinderzimmer vor und weckt die dort schlafenden Kinder, die aus ihren Betten gerissen werden. Die Kinder schreien und weinen. Schränke werden aufgerissen und deren Inhalt auf den Boden geworfen. Glas und Porzellan splittert. Bettmatratzen und Polster werden mit Messern aufgeschlitzt. Der Nachbar bleibt als stummer Beobachter im Treppenhaus zurück.
HERR VOLLSCHWITZ. Ich soll verhaftet werden! Das kann doch nur ein Irrtum sein!
FRAU VOLLSCHWITZ (läuft ins Kinderzimmer und stellt sich schützend vor die Kinder). Was machen sie da? Lassen sie meine Kinder in Ruhe!
HERR VOLLSCHWITZ. Warum soll ich verhaftet werden?
UNIFORMIERTER (kläffend). Das erfährst du noch früh genug! Los, pack dir schnell ein paar Sachen zusammen!
HERR VOLLSCHWITZ. Aber das muß ein Mißverständnis sein! Es wird sich ganz sicher erweisen!
UNIFORMIERTER (ruft das Greifkommando an). Habt ihr schon etwas gefunden?
Ein Kind trägt einen Verband am Arm. Ein Uniformierter sucht auch dort nach verstecktem „Beweismaterial“ und reißt den Verband herunter. Das Kind schreit vor Schmerzen und heult los. Frau Vollschwitz will ihr Kind beschützen und wirft sich dazwischen. Sie wird grob beiseite gestoßen und landet unsanft auf dem Boden. Auch sie schreit und weint.
FRAU VOLLSCHWITZ (hysterisch). Hilfe!! Schatz, komm schnell!
Herr Vollschwitz will ins Kinderzimmer rennen, wird aber zurückgehalten. Frau Vollschwitz umarmt ihre Kinder. Alle weinen.
UNIFORMIERTER. Los, packen!
HERR VOLLSCHWITZ. Laßt meine Familie in Ruhe, ihr Hunde! Herr Vollschwitz wird ins Gesicht geschlagen und unsanft von mehreren Uniformierten ins Schlafzimmer bugsiert. Mit zittrigen Händen versucht er Dinge zusammenzusuchen, die er meint, während der Haftzeit gebrauchen zu können. Währenddessen geht die Haussuchung ungehindert weiter. Diverse Gegenstände und Schriftstücke wandern in einen großen Postsack. Herr Vollschwitz packt einen Koffer mit Kleidung, holt aus dem Bad ein Stück Seife, geht anschließend in die Küche und kommt mit einem Stück Wurst wieder.
UNIFORMIERTER (keifend, auf den Koffer deutend). Wozu brauchst du das alles?Dort ist’s warm und es gibt auch genug zu essen! Los, zieh dich an! Schnell, schnell!!
Mit zittrigen Händen zieht sich Herr Vollschwitz an. Als er fertig ist, drängt das Greifkommando ihn zur Tür. Frau Vollschwitz und die Kinder folgen in den Flur.
HERR VOLLSCHWITZ (mit Koffer, an seine Familie gerichtet). Macht euch keine Sorgen! Das ist alles nur ein riesiger Irrtum. Das wird sich bald aufgeklärt haben, da bin ich ganz sicher! Habt keine Angst, ich bin bestimmt bald wieder zurück!
UNIFORMIERTER (zu Herrn Vollschwitz, deutet auf den Postsack im Flur). Los, tragen!
FRAU VOLLSCHWITZ (panisch). Wohin bringen sie meinen Mann?!
KINDER (weinen, versuchen zu ihrem Vater zu gelangen). Papa, Papa!
UNIFORMIERTER. Los, gehen wir!
Das Greifkommando und Herr Vollschwitz treten ins Treppenhaus und bewegen sich mitsamt dem Nachbarn Richtung Hauseingang. Die Wohnungstür wird rüde zugeschlagen.
FRAU VOLLSCHWITZ (stürzt hinterdrein, schreiend). Wohin bringen sie meinen Mann!!
Die Kinder folgen ihrer Mutter und klammern sich an sie. Alle weinen.
Büro im Schloß bei Nacht. Gewaltiger Saal mit Parkettboden und rotem Samtteppich, hohen Doppeltüren mit Goldverzierung und hohen Doppelfenstern. Vor den Fenstern rote, schwere Samtvorhänge, die zugezogen sind. Weitere, sich gegenüberliegende Doppeltüren führen in andere Schloßsäle. Roter Marmor an den Wänden, sowie ein übergroßer, goldverzierter Spiegel. Außerdem hängt ein Waschbecken an der Wand, daneben, in einer hinteren Ecke, eine Garderobe, woran zwei lange Soldatenmäntel Schildmützen und Regenschirme hängen. Lederne Aktentaschen. Außerdem befindet sich in dem Saal ein großer Kamin. Von der weißen, mit Stuck verzierten Decke, in der Saalmitte, hängt ein riesiger Kronleuchter herab, der erloschen ist. Rechts einige Aktenschränke aus dunklem, schweren Holz. In der Nähe der Eingangstüren steht ein kleiner Schreibtisch aus dunklem Holz nebst gepolstertem Holzstuhl. Auf dem Schreibtisch einige Akten und Stifte, ein Kaffeebecher, eine erleuchtete Schreibtischlampe und eine Schreibmaschine mit Papier. Die Mitte des Saales beherrscht ein riesiger, aus dunklem Edelholz gearbeiteter, goldverzierter, antiker Schreibtisch. Vor dem Schreibtisch ein alter, ungepolsterter Holzstuhl, unter dem eine frische Abdeckplane ausgebreitet liegt. Auf der anderen Seite ein goldverziertes, weites, gepolstertes, antikes Sitzmöbel mit Armlehnen. Auf dem Schreibtisch befindet sich ein Telephon, eine erleuchtete Schreibtischlampe, ein Briefbeschwerer, eine Klingel, eine Akte, sowie ein Tintenfäßchen mit edlem Federhalter. Neben dem Schreibtisch steht ein Grammophon.
Vollschwitz, Schreiber, Untersuchungsrichter Schneckenreiter
SCHREIBER (leise im Hintergrund an seiner Schreibmaschine sitzend, zunächst abwartend und später dann mittippend.
SCHNECKENREITER (sitzend). Mein Name ist Oberst Schneckenreiter.
VOLLSCHWITZ (vor Schneckenreiter sitzend und kurz laut auflachend).
SCHNECKENREITER (mit ironisch-drohendem Unterton). Ach, du findest wohl, daß ich einen lustigen Namen habe? Du bist amüsiert? Mal sehen, ob du auch noch lachen kannst, wenn wir zwei miteinander fertig sind. Wir haben noch die ganze Nacht vor uns und die kann, je nachdem, noch recht lange werden. Und dieser Nacht werden noch weitere Nächte folgen, du verstehst? (Pause) Ich selbst finde meinen Namen ja eher passend, als belustigend. Wie dem auch sei, jedenfalls bin ich der in deinem Fall zuständige Untersuchungsrichter. (an den Schreiber gewandt, gestikulierend) Mitschreiben! (sachlich, wieder an Vollschwitz gerichtet, die vor ihm liegende Akte studierend) Mal sehen, wen wir da haben. Du bist also Alexander Vollschwitz, geboren am 26.06.1907 in M., wohnhaft Tulpenweg 24 in M.? (mit der Hand Vollschwitz, der antworten will, bedeutend zu schweigen) Du bist verheiratet mit Elisabeth Vollschwitz, geborene Katzenschwanz, hast zwei Kinder, einen Jungen, Maximilian, elf Jahre alt und eine Tochter, Lara, die neun Jahre alt ist? Du genießt das außerordentliche Privileg seit sieben Jahren als leitender Ingenieur für die Eisenbahn unserer ruhmreichen Nation arbeiten zu dürfen?
VOLLSCHWITZ (liebenswürdig, devot). Herr Schneckenreiter... SCHNECKENREITER (auffahrend) Meine Person ist mit „Volksgenosse Oberst Schneckenreiter“ anzureden! (auswendig, blaffend) Bist du nun Alexander Vollschwitz, geboren am 26.06.1907 in M., wohnhaft Tulpenweg 24 in M., verheiratet mit Elisabeth Vollschwitz, geborene Katzenschwanz, hast zwei Kinder, einen Jungen, Maximilian, elf, eine Tochter, Lara, neun Jahre alt, seit sieben Jahren als leitender Ingenieur in Diensten der Eisenbahn unserer glorreichen Nation?! Bist du es? Ja oder nein?!
Schweigen
SCHNECKENREITER (fordernd). Ja oder nein!
VOLLSCHWITZ (leise, verstört). Ja-a.
SCHNECKENREITER (befriedigt, streng blickend). Na, also! Es geht doch!
VOLLSCHWITZ (sich ein Herz fassend). Volksgenosse Oberst Schneckenreiter! Wessen klagt man mich an? Warum hat man mich verhaftet und hergebracht? Das Ganze kann doch nur ein schrecklicher Irrtum sein!
SCHNECKENREITER (kalt). Es ist nicht an dir, hier irgendwelche Fragen zu stellen! Solange ich diese Untersuchung führe, ist es einzig und alleine an mir zu fragen!
Habe ich mich klar und deutlich ausgedrückt?
VOLLSCHWITZ (nickt zustimmend).
SCHNECKENREITER. Dein Name?
VOLLSCHWITZ (zögernd). W-ie bitte?
SCHNECKENREITER (aufbrausend). Es ist dir nicht gestattet, Fragen zu stellen! Wie lautet dein Name?
VOLLSCHWITZ (sich an den Kragen greifend und nach Luft ringend). Ich verstehe nicht...
SCHNECKENREITER (brüllend). Dein Name!
VOLLSCHWITZ (sich wirr umblickend). Wieso liegt denn hier eine Abdeckplane unter meinem Stuhl?
SCHNECKENREITER (plötzlich jovial, zu Vollschwitz gehend und ihm einen Arm um die Schultern legend). Da du hier neu bist, will ich noch ein letztes Mal darüber hinwegsehen, daß du dich erneut nicht an die Regeln gehalten und gefragt hast. Beim nächsten Regelverstoß werde ich nicht mehr so zuvorkommend sein. Sieh doch, ich muß dir überhaupt keine einzige Frage beantworten, doch im Gegenteil bist du dazu verpflichtet, mir zu antworten und meinen Anweisungen Folge zu leisten, da ich hier die Staatsmacht repräsentiere, verstanden? (Pause) Andererseits bin ich Mensch genug dir diese eine unwichtige Frage zu beantworten. Warum auch nicht? Wir haben nämlich die Maler hier, mußt du wissen. Das ist der Grund, warum unter deinem Stuhl eine Plane liegt, du verstehst?
Schneckenreiter geht wieder zu seinem Stuhl und setzt sich, Vollschwitz schaut ihm schweigend hinterher.
SCHNECKENREITER. Es hat gar keinen Sinn, sich zu widersetzen. Wenn du kooperierst, kann dieser Fall wesentlich zügiger abgewickelt werden. Dadurch werden bei mir weitere Kapazitäten frei, das heißt, ich kann mich rascher um weitere Fälle kümmern. Und damit sind dann schlußendlich meine Vorgesetzten mit meiner Arbeit zufrieden. Siehst du, wenn du mit uns vernünftig zusammenarbeitest, machst du im weitesten Sinne sogar unser gesamtes stolzes Vaterland und die Partei glücklich, wenn du so willst! Das willst du doch, nicht wahr? (lange schweigend und streng auf Vollschwitz blickend, dann dem Schreiber ein Zeichen gebend nicht mehr mitzuschreiben, schließlich leise drohend fortfahrend) Wir haben auch noch andere Mittel zur Verfügung, falls du nicht mit uns zusammenarbeiten willst.
Vollschwitz blickt den Oberst ängstlich fragend an, krallt sich am Stuhlsitz fest.
SCHNECKENREITER. Wir können dir deine Ehrenrechte entziehen und du verlierst deinen Arbeitsplatz, zum Beispiel.
Wir schicken dich in die Verbannung. (Pause)
Vollschwitz blickt immer ängstlicher und schüttelt langsam den Kopf.
SCHNECKENREITER. Oder stell dir vor, deine Frau und deine Kinder verlieren ihre Ehrenrechte. (Pause) Deine Frau verliert ihren Arbeitsplatz. (Pause) Deine Kinder dürfen nicht mehr zur Schule gehen. Du verlierst deine Wohnung. Oder vielleicht stellen wir euch alle gemeinsam nur unter Hausarrest, das wäre noch eine etwas gelindere Vorgehensweise.
VOLLSCHWITZ (nach Luft schnappend und aufschreiend). Nein!!
SCHNECKENREITER (fortfahrend) Während du hier bei mir sitzt, verhaften wir deine Frau und du wirst sie nie wiedersehen, verstehst du? Nie wieder! Deine Kinder verfrachten wir an einen entlegenen Ort oder stecken sie in getrennte Kinderheime und sie sind dazu verdammt ohne ihre Eltern aufzuwachsen. Alles das ist möglich! All dies liegt in unserer Hand! Das kostet uns nur geringe Mühe.
VOLLSCHWITZ (sich die Ohren zuhaltend, die Luft anhaltend und wie wild mit den Füßen aufstampfend) Nein! Bitte! Lassen sie das! Hören sie auf damit! Ich will das nicht mehr hören! (gepresst gegen die Tränen kämpfend) Ich kann das nicht mehr hören! Ich will ja mit ihnen zusammenarbeiten, Volksgenosse Oberst Schneckenreiter! (heult los)
SCHNECKENREITER (zufrieden, dem Schreiber ein Zeichen gebend wieder mitzuschreiben). Na, siehst du, das ist doch auch gleich viel vernünftiger so. Und laß gefälligst die bürgerliche Anrede beiseite. (in beinahe freundschaftlichem Ton) Dein Name?
VOLLSCHWITZ (wieder um Fassung ringend, sich die Augen reibend, mit leiser brüchiger Stimme). Alexander Vollschwitz.
SCHNECKENREITER. Wann und wo bist du geboren?
VOLLSCHWITZ. Am 26.06.1907 in M.
SCHNECKENREITER. Adresse?
VOLLSCHWITZ. Tulpenweg 24 in M.
SCHNECKENREITER. Verheiratet mit?
VOLLSCHWITZ. Elisabeth Vollschwitz.
SCHNECKENREITER. Geborene?
VOLLSCHWITZ. Ach so, ja. Geborene Katzenschwanz.
SCHNECKENREITER. Kinder?
VOLLSCHWITZ. Unser Sohn Maximilian, elf Jahre alt und unsere Tochter Lara. Sie ist neun Jahre alt.
SCHNECKENREITER. Beruf?
VOLLSCHWITZ. Leitender Ingenieur bei der staatlichen Eisenbahn.
SCHNECKENREITER (lauter werdend). Dein Name?
VOLLSCHWITZ (irritiert). Aber das haben wir doch bereits... SCHNECKENREITER (hitzig, Vollschwitz mit den Augen fixierend und dabei mit dem Zeigefinger auf den Schreibtisch pochend). Ob du es willst oder nicht, ob du das kapierst oder nicht, Volksgenosse, ich bin es, der hier sagt was läuft! Merk dir das ein für allemal! Wenn ich will, dann stelle ich dir die ganze Nacht die gleichen Fragen. Du hast gefälligst zu antworten! (drohend) Dein Name?
VOLLSCHWITZ (nervös). Alexander Vollschwitz.
SCHNECKENREITER. Wann und wo geboren?
VOLLSCHWITZ (immer ängstlicher dreinblickend, leicht zitternd und stotternd). A-am 26...06.1907 in M.
SCHNECKENREITER. Wohnhaft?
VOLLSCHWITZ. Tu-ulpenweg 24 in M.
SCHNECKENEREITER. Verheiratet mit?
VOLLSCHWITZ. E-elisabeth Vollschwitz, geborene Kaatzenschwanz.
SCHNECKENREITER. Kinder?
VOLLSCHWITZ. Einen S-ohn, Maximilian, elf Jahre und ei-ne Tochter, Lara, neu-eun Jahre.
SCHNECKENREITER. Beruf?
VOLLSCHWITZ. Lei-eitender Ingenieur bei der sta-aatlichen Eisenbahn.
SCHNECKENREITER. Mitglied in der Partei?
VOLLSCHWITZ (ungläubig schauend, sich fassend). Ja.
SCHNECKENREITER. Wann und wo der Partei beigetreten?
Schneckenreiter kramt aus der Akte ein kleines Parteibuch hervor und öffnet es. Während er liest, bedeutet er Vollschwitz zu schweigen.
SCHNECKENREITER. Mal sehen, ah hier! Parteibeitritt in M., im Bezirk Mitte am 21.05.1932, also etwa um die Zeit, als du angefangen hast für die Eisenbahn zu arbeiten. Warum bist du der Partei erst so spät beigetreten? Warum nicht schon früher?
VOLLSCHWITZ (zögernd). Früher war ich noch zu jung und außerdem vollkommen unpolitisch.
SCHNECKENREITER (süffisant). Ach. (Pause) Sieh mal einer an. Zu jung war der Volksgenosse früher! Vollkommen unpolitisch behauptet er gewesen zu sein! (wieder sachlich) Wieso hat er denn am 21.05.1932 seine Meinung geändert?
VOLLSCHWITZ. Das war so. Ich denke...
SCHNECKENREITER (ins Wort fallend, brüllend). Wie bitte?! Er denkt! Der Volksgenosse denkt! Die Partei ist es, die denkt, werter Volksgenosse. Die Partei allein und sonst niemand! Merk dir das sehr genau! (wieder süffisant) Aber entschuldige bitte, daß ich dich eben unterbrochen habe. Bitte sei so gut und fahre mit deiner Rede fort.
VOLLSCHWITZ (eingeschüchtert, wieder leicht zitternd). Mit unserem Land ging es wirtschaftlich langsam bergauf. (Schneckenreiter blickt fragend) Das war überall deutlich zu sehen und zu spüren. Das rasante Wachstum in der Industrie und der Mangel an Fachkräften allerorten. Die Menschen hatten wieder genügend Arbeit. Meiner Meinung nach war das Eindeutig das Verdienst unserer guten politischen Führung... SCHNECKENREITER (ins Wort fallend). Unserer überragenden politischen Führung!
VOLLSCHWITZ. Richtig. Unserer überragenden politischen Führung.
SCHNECKENREITER. Und?
VOLLSCHWITZ. Und da wollte ich nicht länger außen vor stehen bleiben. Ich wollte einfach mit anpacken, damit es unserem Land noch besser geht. Damit unsere Kinder eine gesicherte Zukunft vor sich haben! Ich dach... äh, ich war der Meinung, wenn ich der Partei beitrete, dann kann ich auch politisch meinen bescheidenen Beitrag zu unserem gemeinsamen Erfolg leisten.
SCHNECKENREITER (höhnisch). Wie genau sollte denn dein politischer Beitrag zu unserem gemeinsamen Erfolg aussehen?
