MADAME BOVARY - Tine Rahel Völcker - E-Book + Hörbuch

MADAME BOVARY E-Book und Hörbuch

Tine Rahel Völcker

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Beschreibung

"Der Landarzt Charles Bovary heiratet die junge Emma, die Liebe seines Lebens. Doch Emma liebt die Visionen und Rollenspiele ihrer Leidenschaft mehr als das reale Leben. Der Ehemann, die Tochter und die wechselnden Liebhaber werden zu Statisten in ihrem Theater der Sentimentalität, das ihr im bürgerlichen Alltag Abwechslung und Einfluss verspricht, jedoch die bestehenden Verhältnisse zementiert." 2010 brachte das Maxim Gorki Theater, Berlin, Tine Rahel Völckers Bearbeitung von Flauberts sicherlich bekanntestem Werk als Auftragswerk in einer Inszenierung von Nora Schlocker zur Uraufführung. Der Roman - so das Theater - sei die "Vorlage für ein Stück, das die Frage nach der Fortschreibung bürgerlicher Geschlechtermodelle in einer postfeministischen Gesellschaft neu stellt".

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Seitenzahl: 91

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Zeit:13 Std. 28 min

Veröffentlichungsjahr: 2014

Sprecher:Uta Kroemer

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Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Theatertexte finden Sie auf unserer Websitewww.kiepenheuer-medien.de

© 2014Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH

Schweinfurthstraße 60, 14195 Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Sämtliche Rechte der öffentlichen Wiedergabe (u. a. Aufführungsrecht, Vortragsrecht, Recht der öffentlichen Zugänglichmachung und Senderecht) können ausschließlich von der Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH erworben werden und bedürfen der ausdrücklichen vorherigen schriftlichen Zustimmung. Nicht genehmigte Verwertungen verletzen das Urheberrecht und können zivilrechtliche und ggf. auch strafrechtliche Folgen nach sich ziehen.

ISBN978-3-8442-7822-4

Personen

Emma Bovary

Charles Bovary

Mutter Bovary

Homais

Lheureuse, Textilhändlerin

Léon

Rodolphe

Amme

Pfarrer

Berthe Bovary, die Tochter

Die Interpunktion folgt nicht den Regeln der Orthographie, sondern dem Rhythmus des Sprechens.

Die Bühnenfassung dieses Werkes ist eine Auftragsarbeit des Maxim Gorki Theaters, Berlin

ERSTER TEIL

1

CHARLES Ich stehe in Trauer gekleidet am Grab meiner Frau

die ich aus Verlegenheit nahm.

Jetzt tat sie mir den Gefallen und kippte vornüber.

Sie nahm mir ab wozu ich nicht imstande war

ich wollte mich von ihr trennen.

MUTTER Gut dass es nicht dazu kam!

Du weißt wie die Leute sind. Herzlos hätten sie dich gerufen.

Und wer begibt sich schon gern in die Hände eines

herzlosen Arztes.

CHARLES Ja.

MUTTER Und nun – ist es nicht rührend wie dich alle bemitleiden?

CHARLES Es gibt da eine Frau.

MUTTER Ich hab von gehört.

MUTTER Bis nach Rouen ergreifen die Leute Partei für dich. Überall heißt es: so ein Unglück hat der gute Bovary nicht verdient.

Dein Ruf ist enorm gestiegen.

CHARLES Ja. Glück im Unglück.

MUTTER Wo einer deinen Namen nennt, sagt sogleich ein andrer

Ah – der tüchtige junge Arzt

ist das nicht erfreulich? Das ist sehr erfreulich.

MUTTER Du hast die Bauerstochter besucht, als Héloise noch lebte.

CHARLES Ihr Vater hatte ein Bein gebrochen. Deshalb.

Mama, ich weiß was sich gehört. Keine Sorge.

MUTTER Beinbruch, aha. Und das Mädchen, wie ist sie?

Charles sei doch nicht immer so stumm.

Auf eine Klosterschule hat der Vater sie geschickt.

Feine Manieren hat sie gelernt, was noch?

MUTTER Sei vorsichtig Charles.

Und achte auf dein Geld

und sei höflich zu den Patienten.

MUTTER Mögen dich die Leute

bist du schön freundlich zu allen?

MUTTER Ist die Stelle gut

oder soll ich mich nach einer anderen für dich umsehen?

CHARLES Es ist gut, danke.

MUTTER Das hat sich gelohnt, dass ich für dich gespart habe.

Ich wußte, aus Charles wird mal was.

Du bist der erste in unsrer Familie der studiert hat, vergiss das nicht.

MUTTER Wie auch immer schwarz steht dir

mein kleiner Charles aber du wirkst in deinem Anzug manchmal allzu gelöst.

Pass bitte auf, dass man’s dir nicht gleich ansieht.

CHARLES Was?

MUTTER Wie glücklich du bist.

2

EMMA Meine Mutter hat mir alles beigebracht

was es braucht um einen Mann von bester Stellung zu kriegen:

Emma kann tanzen, Klavier spielen, sticken, zeichnen, nähen.

Ihre Phantasie wurde gefördert durch romantische Literatur

sowie durch Bibel, Weihrauch, Orgelklänge und natürlich den Beichtstuhl.

Aber was fängt ein Mann mit einer Frau an

die sich vor allem aufs Beten versteht?

Die nichts von der Welt gesehen hat

nichts zu erzählen hat

nichts versteht wenn am Tisch diskutiert wird.

Schön ist sie.

Jung und äußerst schön.

Außerdem weiß sie sich zu benehmen.

Hübsch sein, artig, ein bisschen frech und kindlich heiter

das reicht vielleicht.

CHARLES Dass ihre Wahl ausgerechnet auf mich gefallen ist

kann ich mir nur damit erklären, dass sie eine ehrliche Liebe zu schätzen weiß

und sich nach etwas Solidem sehnt.

Dieses kostbare Geschenk landet aber so plötzlich und unverhofft in meinen Armen, dass ich vor Schreck gar nicht weiß, was ich damit tun soll

außer es gut festzuhalten. Ein Wunder

dass ich nun für immer diese hübsche Frau besitze.

3

Emma auf der Hochzeit zu Charles

EMMA Was für ein großes Ereignis! Hochzeit!

Das letzte Mal, dass ich so nervös war und so

zum Platzen gefüllt

das war als ich auf der Klosterschule zur Beichte ging.

Ich habe mir zu diesem Anlass immer die schlimmsten Sünden ausgedacht

um auch garantiert eine schöne Strafe zu empfangen. Aber nichts da.

Am Ende musste ich mir das selbst zufügen, weil der Priester immer die Vergebung predigte.

CHARLES Du wolltest dich bestrafen, aber weshalb?

Emma lacht und zuckt die Schultern.

EMMA Was war für dich früher das Aufregendste?

CHARLES Ich hatte Angst vor den andern Kindern

da hat mich die Aussicht auf ein Abenteuer eher abgeschreckt.

EMMA Und als Student?

CHARLES Da hatte ich Angst, durch die Prüfungen zu fallen.

Emma sieht ihn an.

EMMA Hast du jetzt auch Angst?

Mutter tritt hinzu.

MUTTER Wie sich die Leute auf deine Kosten besaufen, Charles.

EMMA Sollen sie!

Emma lacht.

MUTTER Charles, du solltest Emma zu verstehen geben, dass dein bisheriger Aufstieg

und alle bescheidenen Privilegien, die ihr jetzt genießt, darauf gründen,

dass du gelernt hast, Maß zu halten.

Emma lacht, Mutter weg.

CHARLES Sie meint’s nur gut.

EMMA Ja und ich dachte, wir feiern ein Fest.

Warum betrinkst du dich nicht?

CHARLES Soll ich?

Emma weg

EMMA Ich will! Ich will! Ich will auf der Stelle sterben

In diesem Licht unter der Berührung des Mannes

dort am Buffet. Ich will den da

dessen Namen ich nicht kenn

den nehmen den anpacken

drücken in meinem Arm dieses schöne Wesen

Ich starre ihn an

und der soll mich auch anstarren

und gefälligst wegnehmen von hier

diesem Fest das keines ist -

CHARLES Emma.

EMMA Was denn.

CHARLES Ich liebe dich.

EMMA Ja.

Sie lacht.

EMMA Das könnt ja vielleicht immerhin ein Anfang sein.

EMMA Alles hat früher mit mir gesprochen. Gott hat mit mir gesprochen.

Die Bäume und Büsche haben mit mir gesprochen. Und jetzt sprichst du mit mir.

Pause

EMMA Komm zurück aufs Fest

Wir wollen den Leuten zeigen wie sehr du mich liebst, ja?

CHARLES Aber weshalb

weshalb wolltest du dich nach der Beichte immer bestrafen?

EMMAlacht Das lässt dir wohl keine Ruhe!

CHARLES Du bestrafst dich hoffentlich nicht mehr.

EMMA Wo ich nun dich geheiratet hab

nicht mehr nötig.

EMMA War ein Witz.

CHARLES Der liebe Gott

spricht er noch mit dir?

EMMAlacht Hast du Angst ich sei ein bisschen verrrückt?

Hast du Angst, du hast ne Verrückte geheiratet?

CHARLES Emma ich bin glücklich wie nie.

EMMA Du lügst doch.

Nein?

Dann sags nochmal.

CHARLES Zum ersten Mal in meinem Leben tu ich das, wonach ich mich wirklich sehne.

Emma lacht.

CHARLES Meine Zeitrechnung beginnt mit dir. Du bist mein Leben Emma.

EMMA Sag das bitte nochmal.

CHARLES Ich bin glücklich wie nie.

EMMA Gut. Das will ich auch hoffen.

Der liebe Gott nämlich ist verstummt.

Emma sieht ihn an.

EMMA Gott brauch ich nicht mehr.

Jetzt hab ich ja dich.

Mach. Mach was!

Mach, dass ich zergeh!

Mach, dass unser Leben ein Rausch ist!

Mach, dass der Geiz aus den Leuten geht

Mach, dass die Bettler verschwinden von den Straßen, gib ihnen Geld

Mach, dass alle anfangen in Versen zu sprechen

Mach, dass ich keinen Dreck mehr zu hören bekomm

Dass in den Köpfen nix als Poesie herrscht!

Mach!

Mach was!

4

EMMA Mein Vater ist mich billig losgeworden

an einen der keine Bedingungen stellte

weil er so verrückt nach mir war, so dachte ich -

Dabei hat er mich geheiratet

weil es sich gerad so anbot und weil mein Mann

zu der Sorte Mensch gehört, der sich ein Sonderangebot

nicht entgehen lässt.

Ich wollte doch heiraten, weil ich dachte –

weil es doch heißt –

Glück und Freiheit sind eins

Wenn man glücklich ist, ist man frei!

Ich dachte in dem Sinne, heiraten macht frei. Charles macht mich frei.

Von der Leere von der Suche vom Geld und von den Sorgen.

5

eheliches Wohnzimmer

CHARLES Weißt du was ich lustig finde

ich streng mich oft viel mehr an, und erreiche wenig.

Das meiste in meinem Leben ist Ergebnis mühsamer Arbeit.

Das Beste aber ist mir einfach passiert.

Pause

EMMA Hast du einen Entschluss schon mal grundlegend bereut?

Pause

EMMA Deshalb lese ich Romane: weil dort die Dinge einen verborgenen Sinn haben.

Da wächst aus einer Enttäuschung unverhofft eine große Liebe.

Manche Dinge brauchen einfach Zeit, kann das sein?

CHARLES Ja. Manchmal quält man sich und begreift erst

Jahre später wozu es gut war. Mir gings als Student so

das Lernen schien mir unendlich sinnlos

die Arbeit eine einzige Pflichterfüllung.

Bis ich dich traf und mir klar wurde, weshalb ich arbeiten soll.

Weil's den Beruf braucht, um eine Familie zu ernähren.

Seither arbeite ich sehr gern.

EMMA Unzufriedenheit ist etwas Hässliches oder!?

EMMA Mein guter Charles, nie mehr, ich versprech’s dir

nie mehr will ich mich beklagen.

Er sieht sie an.

CHARLES Aber noch nie Emma

hab ich dich klagen hören.

EMMA Ja, Emma könnte sprechen. Aber Emma weigert sich zu sprechen.

Emma denkt: immerhin er verehrt mich er begehrt mich

fiele das weg, würde dies gemeinsame Elend ja vollends sinnlos.

Und hört ein Mann schnell auf zu begehren und zu lieben

wenn die Frau anfängt zu zetern. Zeternde Frauen sind Emma ein Graus.

Schweigen ist schöner.

Weil beschwer ich mich

verstößt er mich.

6

EMMA Wieder vertieft in ihre Romane

abgetaucht in andere Welten aber keinen stört das, Charles schon gar nicht

zumal sie sich mit Freude an die Verschönerung des Hauses macht

Mode, Möbel, Blumen – das ist ihr Bereich.

Da funkt kein Mann ihr rein, da kennt sie sich aus.

Das bringt ordentlich Lob ihr ein.

Sie kommt gewissenhaft allen Pflichten nach, führt nicht schlecht den Haushalt.

eheliches Wohnzimmer

MUTTER Du lieber Himmel. So eine Verschwendung.

Charles, hast du gesehen, wie sie Kerzen verbraucht.

Euer Wohnzimmer ist doch keine Kirche.

CHARLES Na ja

MUTTER Mit dem Zucker genauso. Und Zutaten seh ich in der Küche, so exotisch,

da kenn ich nicht mal die Namen von.

Und sie kauft soviel davon, dass es gar nicht zu schaffen ist

zumal ohne Kinder

so dass alles daliegt und verfault.

Bist du plötzlich so reich geworden?

CHARLES Mama

MUTTER Dieser Lebensstil will nicht recht zu dir passen Charles.

MUTTER Und auch wie du sie vergötterst. Tut mir leid, dass ich das sagen muss, aber darunter leidet dein Verstand.

Weißt du, auch Gefühle wollen dosiert sein.

Wenn du alles in den ersten Monaten verbrauchst, bleibt für die langen Jahre nachher nichts mehr übrig. Es liegt noch eine halbe Ewigkeit vor euch.

CHARLES Ja.

Wie geht’s mit Vater?

MUTTER Frag nicht so blöd.

CHARLES Ich hoffe er ist nicht grob zu dir.

MUTTER Soll das ein Witz sein?

Pause

MUTTER Macht mir nichts aus

ich hab ja dich.

MUTTER Emma!

EMMA Zur Stelle.

MUTTER Sag’s ihr Charles.

Der schweigt.

EMMAlacht Was gibt’s?

MUTTER Wir finden du bist zu verschwenderisch.

EMMAlacht Womit denn!? Ich würde ja gerne aber was soll ich hier verschwenden?

MUTTERkühl Kerzen, Zucker.

EMMA Ach so –

Ich will es schön haben.

MUTTERlächelt Ja.

Das wollen viele.

Eine leere Kasse trägt aber nicht gerade zum häuslichen Wohlbefinden bei.

EMMAzu CHARLES Wieso leere Kasse. Du hast doch Patienten?

CHARLES Jaja. Keine Sorge.