Madame Fangs Lächeln - Thyra Thorn - E-Book

Madame Fangs Lächeln E-Book

Thyra Thorn

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Beschreibung

"Madame Fangs Lächeln - Hongkong" Hongkong. Trotz aller Vorbereitungen ist der erste Eindruck überwältigend, erscheint diese ewig junge und doch so alte Stadt unfassbar. Zum Glück gewähren die Bewohner ein paar Einblicke. Sogar die unheimliche Madame Fang lächelt. In 21 Kurzgeschichten wird der Zauber der ersten Begegnung festgehalten und das Staunen über die Fremde beschrieben. Das Buch ist für alle, deren Sehnsucht dem Fernen Osten gilt; für alle, die unentwegt das Fernweh plagt und für die, die schon im Flieger nach Hongkong sitzen.

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Seitenzahl: 198

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Danksagung

Mein besonderer Dank gilt meiner Chinesischlehrerin Frau Du Yü Angler für ihre unendliche Geduld und für die Korrektur der chinesischen Ausdrücke und Namen. Je nach Herkunft des Protagonisten wurden chinesische Namen (in vereinfachtem Pinyin) oder „westliche“ Bezeichnungen verwendet.

Inhalt

Madame Fangs Lächeln

Moorfluss

Flughafen Beijing - Ankunft

Monsun

Zu alt für Hongkong

Frau Wangs Wohnung

Herr Cheng und der Ruhm

Kakerlake

Subtropische Gefielde

Ragnfred und die Religion - Der lange Weg nach Won Tai sin

Baby Xiao Tong und der Wind

Schönheit

Small Disneyworld

South Horizons

Frau Huang im Starbucks

Winkekatze

Selfies

Frau Hé und das Glück

Flughafen Shanghai

Ich lerne Hanzi

Madame Fangs Lächeln

Madame Fangs Lächeln wirkte leicht gelangweilt.

Es hatte nichts von der sonst üblichen Höflichkeit an sich. Sie lächelte nicht aus Anstand, das hatte sie nicht nötig. Ihr Gegenüber befand sich nicht in der Position, etwas fordern oder Ansprüche an eine allgemeine Form der Verbindlichkeit stellen zu können. Auch konnte Sir Laugham sich nicht auf eine gemeinsame Basis höherer Werte berufen oder zumindest die Tatsache, dass sie zur selben Species gehörten, ins Feld führen. Zwischen ihnen war seit langer Zeit eine tiefe Kluft, über die keine Brücke führte.

Madame Fangs Lächeln konnte sich nur darauf beziehen, dass sie das, was sie tun würde, gern tat. Nicht so gern, dass sie in Fröhlichkeit ausbrechen würde. Aber immerhin schien sie ein mäßiges Vergnügen zu empfinden. Etwas, das sie für einen Moment dem tristen Allerlei enthob, eine angenehme, aber nicht sehr bedeutsame Zäsur eines öden Tages.

Madame Fang hob die Pistole und jagte Sir Laugham eine Kugel durch den Kopf.

2 Perlflussmädchen

„Nehmt sie nur gleich mit.“ Der Vater hielt den Blick gesenkt und wies mit einer unbestimmten Bewegung auf das zwölfjährige Mädchen, das sich vergebens in einen dunklen Winkel der Hütte drückte, sich so fest wie möglich an die Wand presste, damit der Kerzenschein nicht ihr Kleid erfasste.

Das Mädchen wünschte sich Lotusfüßchen, kleine Stumpen, die sie gut hätte verstecken können. Dann wäre sie unsichtbar gewesen und der Mann hätte ihre Anwesenheit nicht bemerkt. Doch sie waren nicht gebunden und das flackernde Licht erfasste die halb zerfetzten Sandalen, die sie mit einer Schnur befestigt hatte und strich über ihre schmutzigen kleinen Zehen. Alle waren schön und gerade gewachsen, nicht wie die affenartigen Klauen an den breitgetretenen Klumpen des Familientyrannen. Sogar ihre Nägel schimmerten perlmuttern, trotz des Drecks.

Ach, hätte sie doch die hässlichen Füße des Vaters geerbt.

Ach, bliese der Wind doch in diesem Moment die Flamme aus.

Ach, wäre sie doch rechtzeitig von zuhause fort gelaufen.

Oder aber

wenn der Tiger gebrüllt und ein Drache die Hütte fortgenommen hätte,

wenn eine giftige Schlange den Mann gebissen und von der Decke alle Spinnen aufeinmal herabgefallen wären,

wenn mehr Fische im Perlfluß geschwommen und der

Winter nicht so kalt gewesen wäre,

wenn der Reis besser gewachsen und nicht halb verfault wäre,

wenn die Familie nicht so viel Steuern und Schutzgeld zahlen müsste,

wenn sie die Ahnen ehrfürchtiger behandelt und nicht versehentlich verärgert hätten,

wenn ihre Mutter nicht so oft geschlagen worden wäre und jetzt die müden Augen vor allem verschlösse,

wenn sie ein Junge wäre,

wenn das Elend die Eltern nicht so stumpfgemacht hätte;

dann, ja dann,

hätte der Fremde sich in diesem Moment umgedreht,

die Hütte verlassen

und kein weiteres junges Mädchen gekauft.

Aber so.

Sie weinte nicht.

Trat ins Licht.

Sagte: „Gehen wir.“

3 Hure

„Die Neue ist noch frei.“

Wie fürchtete sie sich vor diesem Satz!

Er bedeutete, dass sie einen aus dem schäbigen Rest der Freier nehmen musste:

Einen der gierigen Beamten und Geldeintreiber, alte Männer, deren Penis oft von einer Fettschürze verdeckt war, die sie erst hochheben musste, um Hand anzulegen.

Einen der Spieler, die wegen eines unerwarteten Gewinns vor Stolz platzten, als hätten sie dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen und alles an Hochmut und Verachtung in diesen einen Moment legten, in dem sie nicht die Verlierer waren und andere sie bedienen mussten.

Einen der Ausländer mit bleichen Haaren und durchsichtigen Augen, denen die Würmer die Gedärme zerfraßen.

Jede Hure träumte davon, sich die Freier aussuchen zu dürfen, Schlägen, Schmerzen und Ekel nicht ohnmächtig ausgeliefert zu sein und nach anfänglichem Entsetzten und einer kurzen Periode furchtsamer Verzweiflung hatte auch sie das Spiel durchschaut.

Solange sie noch jung war,

solange sie noch schön war,

solange sie noch gesund war,

würde sie sie sich ins Zeug legen

und alles lernen, was einem Mann Freude macht.

Und je begehrenswerter

und bezaubernder

und verführerischer sie war,

desto wählerischer konnte sie sein.

Aus der Schar der Perlflusspiraten,

die plünderten und mordeten,

Menschen entführten und verkauften

Schutz- und Lösegelder erpressten,

Opium aßen und ihr Geldauf´s Hurenschifftrugen,

wählte sie sich schließlich den Schönsten und Kühnsten.

und verdrehte ihm den Kopf.

4 Witwe

Die kleine Dschunke hätte zum Herzerweichen geächzt und gewimmert. Die Luft sei voller Gischt, voller nadelspitzer Tropfen gewesen, Orkanböen hätten in der Takelage gewütet, an den schweren Mattensegeln gezerrt, die die Männer nicht mehr haben reffen können. Die Winde hätten sich in den Bambusleisten verbissen. Der hohe Aufbau am Bug sei tief in ein Wellental getaucht, das ganze Schiff sei fast senkrecht gestanden. Fässer und lose Ladung wären nach unten gedonnert, als ob sie allesamt nicht schnell genug in die Hölle hätten fahren wollen.

Dann hätte eine völlig unerwartete schwere Quersee das Schiff getroffen, das gesamte Deck überflutet und den Hauptmast wie ein Streichholz zerbrochen. Der schwere Balken wäre mitsamt dem ganzen Aufbau über Bord gegangen und hätte die Hälfte der Mannschaft mit sich in die Tiefe gerissen. Das Boot sei außer Kurs und ins Schlingern geraten. Der Steuermann, der sich am zweiten Mast festgebunden hätte, hätte es nicht mehr unter Kontrolle bekommen. Es wäre endgültig in Querlage zur nächsten Woge gekommen, die sich ungeheuer steil und mächtig vor ihnen aufgetürmt hätte. Sie hätten es nicht mehr geschafft, den Wellenkamm zu erreichen, sondern wären vorher gekentert. Das Schiff hätte sich um die eigene Längsachse gedreht, wäre wie eine Tonne den Wellenberg hinab gerollt, noch eine Zeitlang kieloben getrieben und wäre dann, von weiteren Wogen wie ein kleiner Ball in den Himmel gehoben, in die Hölle hinunter gedrückt und schließlich zerschmettert worden.

„Nur ich habe überlebt“, beendete der Schiffsjunge der Haidao wang seine Erzählung über den Tod von Madame Fangs Mann, dem Vater ihrer zwei Söhne und Ziehvater des schon fast erwachsenen Stiefsohns Da Hu.

Madame Fang hatte schon viele Männer die unglaublichsten Lügen stammeln hören, Kaufleute, die ihr Hab und Gut bewahren wollten, Geiseln, die um ihr Leben bangten, Gauner, die ihre Kameraden bestohlen hatten und der Strafe entkommen wollten, sogar britische Offiziere, die sich vor der Folter fürchteten. Aber diese kleine Schiffsratte war besonders erbärmlich. In dicken Tropfen lief ihm der Schweiß übers Gesicht. Er stotterte und verhaspelte sich fortwährend, während er wieder und wieder, – und in fast gleichem Wortlaut -, die einstudierten Sätze wiederholte, mit denen er den unglücklichen Tod des großen Piraten Fang, Gebieter des südchinesischen Meeres, Herr über eine Flotte von über hundert Dschunken und einer Armee von zigtausend weiblichen und männlichen Piraten beschreiben sollte.

Madame Fang war sich darüber im Klaren, dass ihr Mann von einem der zahlreichen Feinde ermordet worden war, vielleicht sogar von einem Mitglied seiner eigenen Herkunftsfamilie, die ab jetzt alles tun würde, um die Herrschaft über die Flotte an sich zu reißen. Ein Machtkampf werde entbrennen, dem sie und ihre Kinder zum Opfer fallen würden.

„Ich denke, es war umgekehrt, nicht du hast als Einziger überlebt, sondern mein Mann ist als Einziger gestorben.“

Witwe Fang stand auf und verlangte von einer Wache das Schwert. Mit einem Hieb trennte sie den Kopf des Jungen von seinem Körper. Trat mit blutigem Katana vor die Gefolgsleute ihres Mannes und musterte jedes einzelne Gesicht eingehend. Was sie dort sah, gefiel ihr.

5 Da Hu

Tief in Da Hu schlummerte die Erinnerung an sein Heimatdorf, eine Mischung aus einzelnen Bildern und damit verbundenen Gefühlen.

Immer noch sah er den ersten Morgenglanz auf dem dunklen Fluss, wenn die Sonnenstrahlen die Spitzen der Wellen trafen und er an der Verteilung des Gekräusels erkennen konnte, wie stark die Unterströmungen waren und wo das Kehrwasser die Kraft hatte, sich der Stromrichtung entgegen zu stellen. Wusste noch immer, wie sie die Wassermengen abschätzten und ob gerade die Flut vom Meer flussaufwärts drückte. Fühlte den Wind, der mit den Gezeiten aus dem Süden kam und die Oberfläche so aufrauhte, dass es schien, als flöße der gewaltige Strom wirklich nordwärts. Spürte die Schwere der Krüge, aus denen beim schnellem Lauf das Wasser schwappte, weil er nach Hause rennen musste, um seinem Vater zu berichten, wie hoch das Wasser stand und welche Farbe es hatte. Liebte den anerkennenden Blick des Vaters, der schon auf ihn wartete, um dann zu entscheiden, wo die Fische vermutlich standen und er die Netze ausbringen musste.

Manchmal lag ihm auch der Geschmack des Sommeressens wieder auf der Zunge, hauptsächlich mit Pfeffer und Essig gewürzte Hirse und gedämpfte Zwiebeln, die viel zu selten mit getrockneten wilden Vögeln und Fisch ergänzt wurden. Häufiger jedoch wütete der Hunger in Magen und Gedärm.

Fast jeder glücklichen Erinnerung an seine Kindheit folgte eine unglückliche.

Auch der Morgen, an dem die Piraten in das Dorf einfielen, begann mit einem warmen Sonnenschein, schien ein Glückstag, an dem er einen Krebs im seichten Wasser entdeckte und ihm immer weiter am Ufer entlang folgte. Doch dann sah er, selbst im Schilf verborgen, die Flussdjunke um die Biegung kommen und die Horde zerlumpter, mit Messern und Schwertern bewaffneter Männer und Frauen an Land gehen. Hörte wieder das Kriegsgeschrei, das Klirren und Schlagen, Stampfen, - oh das Wimmern seiner Mutter -, die Todesschreie, das Flehen der Gefangenen und das Prasseln des großen Feuers.

Vermeinte noch immer die kräftigen Hände zu spüren, die ihn auf einmal von hinten packten, ihn wie einen Sack hochhoben und auf das Schiff trugen. Sah seinen Vater von einem Axthieb getroffen am Ufer zusammen brechen.

All´ das war schon lange her. Manche Bilder hatten bereits ihre Farben verloren, manche Gerüche waren verweht.

Jetzt war er selbst einer der Piraten, der 'Ladrones' wie die Portugiesen sie nannten, war der Stiefsohn des Königs Fang, forderte Schutzgeld und überfiel die Dörfer, die es nicht zahlen konnten, war einer der Mächtigsten, stark und reich - und verlor nun zum zweiten Mal seinen Vater.

Nachdem der Tod des Piratenkönigs allen verkündet worden war und die Kapitäne der Flotten samt Gefolge gegangen waren, legten sich Beklemmung und Furcht wie ein schweres Tuch auf Witwe Fang und Da Hu. Sie schwankte und fand Halt an der Schulter ihres Ziehsohnes.

6 Geisel

Der Brite stierte sie mit leeren Augen an und bewegte sich nicht. Er ließ es gegenüber Madame Fang, die nach dem Tode ihres Gatten zur Gebieterin über mittlerweile zweihundert Dschunken und siebzigtausend Piraten geworden war, an der nötigen Ehrerbietung mangeln. Einer der Männer versetzte ihm einen heftigen Schlag auf den Rücken, der ihn zu Boden streckte.

„Bleib liegen und wage es nicht, die Augen zu erheben.“

Madame Fang hieß den Kapitän der Rotflaggenflotte detailliert vom Aufbringen des britischen Handelsschiffs berichten. Eine Handvoll Männer war ihnen in die Hände gefallen, für die konnte Lösegeld verlangt werden.

„Ein Schiff der East India Company also“, hakte sie nach, „hatte es Opium geladen?“

„Nein, Seide, Gewürze, aber hauptsächlich menschliche Ware.“

„Sklaven?“

„Die haben wir umgedreht, die arbeiten jetzt für uns“.

„Lass sie den Briten bewachen.“

Die Männer lachten.

Die Wochen verrannen, die Lösegeldforderungen waren zunächst hoch, dann immer bescheidener. Die Geisel schrieb verzweifelte Bettelbriefe an die Kolonialherren und die chinesische Verwaltung.

Doch die Antwort blieb aus.

Weitere Wochen mit kärglichen Reisportionen, wenig Wasser, Moderdämpfen, Mücken und Malaria vergingen. Nur manchmal erweitern ein paar Insekten, Raupen, Heuschrecken, Kakerlaken den Speisezettel. Der Brite verlor seine Vorderzähne. Immer weiter ging es das Perlflussdelta hoch, immer weiter entfernten sie sich von den Außenposten der europäischen Welt. Im Verlies unter Deck verlor sich der Geist des Gefangenen in Träumen, Halluzinationen.

Bis eines Tages Sir Laugham in Vertretung der East India Company ein Angebot unterbreitete. Die armselige Geisel war ihm ein wenig Opium wert.

„Wer ist dieser Laugham? Will er uns wirklich mit 'fremden Dreck' abspeisen und kein Geld zahlen?“, vergewisserte sich Madame Fang und beschloss augenblicklich, „das lohnt nicht.“

Sie warfen den an Armen und Beinen gefesselten Briten über Bord.

7 Sir Laugham

„Es hätte nicht viel gefehlt und er wäre mir entwischt, aber ich habe ihn gekriegt, ich habe ihn gekriegt.“ Beflügelt vom Opium, das seinen Geist fliegen ließ und seine Zunge lockerte, brabbelte der alte Mann auf dem Polster in der Ecke vor sich hin, wähnte sich in einem Saal voller ergebener Zuschauer, die seiner Großartigkeit huldigten, seinem Charme, seinem Esprit. So wie früher, als dieser junge Admiral Da Hu ihm seine Aufwartung machte, die Marinesoldaten stramm standen, wenn sie die Reihen abschritten.

In Wirklichkeit war Sir Laugham nur noch ein Schatten seiner selbst, das Opium hatte ihm allen Hunger genommen, seinen Darm zerstört und es war nur eine Frage der Zeit, bis er starb. Aber noch hatte er Geld und das würde er im Hurenhaus von Madame Fang ausgeben oder in ihrem Casino verspielen.

War Sir Laugham nicht stutzig geworden und hatte sich gefragt, ob es sich bei der Bordellbesitzerin nicht um jene Madame Fang handelte, die einst mit ihren Stiefsohn und späteren Ehemann Da Hu und dem größten Piratenheer aller Zeiten das südchinesische Meer beherrscht hatte?

Hatte er nicht bemerkt, dass er sich ausgerechnet in die Nähe der Frau begeben hatte, der ein Menschenleben nicht viel bedeutete?

Die allen Grund hatte, das seine zu beenden?

Nein, ihm war nichts aufgefallen, er registrierte seine Umgebung kaum.

Vielleicht,

wenn das Opium ihn nicht schon immer in den Fängen gehabt hätte, hätte er sich gefragt, warumes ihm einst nicht gelungen war, die chinesische Regierung dazu zu bringen, alle Piraten zu köpfen. Stattdessen hatte sie, – ohne auf ihn zu hören -, großzügig Amnestie gewährt und viele von ihnen zu Soldaten der eigenen Marine gemacht.

Wenn seine Überheblichkeit nicht immer schon so grenzenlos gewesen wäre, hätte er gesehen, wie eng Recht und Unrecht beieinander lagen und wie versponnen die Beziehungen zwischen Piraten, Fischern, Einheimischen und Soldaten waren.

Und wenn seine Ignoranz nicht so unüberwindbar gewesen wäre, hätte er sich die eigene Hilflosigkeit eingestanden, mit der er, immer ein Fremder bleibend, einem sozialen Geflecht gegenüber stand, in das er nie würde eindringen können.

Das Opium hatte fast jede Erinnerung ausgelöscht. Nur diese eine Sache war Sir Laugham noch gewärtig, die größte seiner vielen Taten, und die wurde - vom Rausch befeuert - zum leuchtenden Epos. Nur daran konnte er sich so genau erinnern, dass er wieder und wieder davon berichtete.

Der Mord an Da Hu wollte erzählt werden, schrie geradezu nach dem Licht der Öffentlichkeit. Die noble Tat eines britischen Gentleman, die der Vergeltung genügte und die Rachsucht seines Gottes befriedigte, musste der Welt kund getan werden. Er, Sir Laugham war es, der einst Da Hu - nein, nicht ermorden ließ - sondern der gerechten Strafe zuführte.

Warum hatte er damals geglaubt, er müsse alles so verschleiern, dass alle Welt dachte, der ehemalige Piratenführer und nun zu unverdienten Ehren gelangte Admiral der chinesischen Flotteneinheit wäre wie sein Stiefvater auf See umgekommen?

Warum sich verstecken?

Jetzt war die Zeit, in der alles heraus musste.

Immer wieder brabbelte der alte Mann von der Erfüllung seiner moralischen Pflicht, der Hinrichtung Da Hus und seiner Männer, bis eine der Huren Madame Fang rief, und die hörte sich die Geschichte an.

Sie betrachtete lange den widerwärtigen Ausländer in der Ecke der Opiumhöhle, der ihren Ziehsohn und späteren Ehemann ermordet hatte. Jetzt war er nur noch ein elender Haufen menschlicher Zellen, fast schon zu Staub zerfallen. Sie ekelte sich vor ihm, den der 'fremde Dreck' zu dem gemacht hatte, was er schon immer gewesen war, Schmutz unter ihren Füßen.

Sie hätte abwarten können und ihm beim langsamen Verrecken zusehen, doch seit Da Hus Tod war ihr Leben etwas eintönig und die Freuden spärlich gesät.

Moorfluss

Als ich zum ersten Mal von Madame Fang hörte, saß ich auf einem Steg am Moorfluß und ekelte mich vor dem, was an meinen Sohlen klebte. Obwohl meine Beine noch so kurz waren, dass sie knapp zum Wasser hinunterreichten und nur wenige Zentimeter die Füße bedeckten, konnte ich nicht genau erkennen, ob ich den Hühnerkot hatte abstreifen können. Ich war wieder einmal in einen der schleimigen Haufen getreten.

Unsere Familie fuhr im Sommer fast jeden Sonntag aufs Land. Die Eltern fanden alles irgendwie romantisch, wollten die Erinnerung an die alte Zeit bewahren und uns Kindern das Leben auf dem Bauernhof zeigen. Vielleicht waren sie auch nur froh, das alles schon lange hinter sich gelassen zu haben.

Uns gefiel das Landleben auch nicht, weil wir alle - auch ich mit meinen sieben Jahren – in der Stadt einer Straßenbande angehörten, die auch am Wochenende wichtige Kämpfe ausfechten musste. Wir hatten andere Verpflichtungen. Doch das elterliche Regime war streng und so waren wir gezwungen, unsere Zeit mit den Hühnern zu vertun, die auf der Wiese am Fluß frei umher schweiften. Überall im Gras lauerten 'Tretminen'.

Der Kot war sogar zwischen meinen Zehen nach oben gequollen und hatte kleine schwarzweiße Würstchen gebildet, die ich schnell, ganz schnell abstreifen musste. Ich rubbelte die Füße aneinander. Mein großer Bruder setzte sich neben mich.

„Schöne Scheiße.“

Das Wasser war so voller pflanzlicher Teilchen, dass meine Füße grünlich braun schimmerten, die Umrisse nicht klar auszumachen waren. Es roch nach Moder und Schlamm, ein bisschen wie aus den Kellerschächten in der Stadt.

„Wenn wir wenigstens ein Floß hätten“, fuhr er fort, „dann könnten wir auf die andere Seite des Flusses übersetzen und entkommen. Oder besser noch eine Dschunke. Oder besser noch, mehrere, Tausende.“

Während ich mich vorbeugte und versuchte, mit den Händen meine Füße zu erreichen, erzählte er mir von einer prächtigen Stadt an der Mündung des Perlflusses, von den Heldentaten des tapferen Piratenführers Fang und seiner riesigen Piratenarmee, die keiner besiegen konnte. Er konnte mir alles bildhaft vor Augen führen. Ich sah die Dächer der großen Stadt golden in der Sonne glitzern, Piraten, deren prächtige Schiffe übers Meer schossen und stellte mir vor, wie die Menschen mit großen Netzen Perlen aus dem Fluss fischten.

„Frauen waren damals auch Piraten“, sagte mein Bruder, „und du wärst dann Madame Fang, die Piratenkönigin der südchinesischen...“

In diesem Moment verlor ich das Gleichgewicht und fiel kopfüber in den Fluß. Es war nicht schlimm, auch nicht besonders kalt. Ich hielt die Augen offen und sah das Wasser vor mir seine Farbe wechseln, von Grün zu dunklem Braun, zu schwarzbraun. Je tiefer ich sank, desto dunkler wurden die Schichten. „So ist das also“, dachte ich und empfand keine Angst.

Bevor ich noch meiner Lage wirklich gewahr wurde, packten die kräftigen Hände meines Bruders mich am Arm und zogen mich hoch. Schwarz wurde wieder zu dunkelbraun, zu hellem Grün.

Den Eltern sagten wir nichts.

Flughafen Beijing - Ankunft

Fünf Jahrzehnte später fliegen meine erwachsene Tochter und ich nach Hongkong.

Es geht über Beijing. Dort schieben sie uns in den Transferbereich, in die abgeschottete Halle für Weiterflüge. Kaum zu glauben, dass wir in China sind. Wir verbringen ein paar Stunden inmitten all der international bekannten Marken, die die Läden in den Metropolen besetzen. Wie überall auf der Welt saugen Duty-free Shops muffig riechende Reisende ein und speien sie parfümiert wieder aus.

In den Shops und Cafés wird mit Kreditkarte bezahlt. Die Thekenkraft wiederholt das Wort 'Bargeld', als wären die Geldscheine Insekten, deren Anblick sie schaudern ließe. Der Morgenkaffee am kleinen Caféstand kostet nur wenige Yuan, ein paar Klimpermünzen. Das Bezahlen wäre unkompliziert und das Einbeziehen von Geldinstituten unnötig, ist aber nicht erwünscht.

Im Shop einer amerikanischen Fastfoodkette wird nur noch an Terminals geordert. Eine ganze Reihe Entweder-Oder-Entscheidungen sind nötig, um eine vollständige Bestellung aufzugeben. Die Finger huschen über den Touchscreen, jedes 'Ja' wird mit einem fröhlichen Piep belohnt. Am Schluss müssen noch Zusatzfragen zu Dessert und Extra-Drinks beantwortet werden. Ja, nein, vielleicht. Wer weiß das so früh am Morgen schon? Wir reihen uns in verschiedene Schlangen ein, um schließlich unsere Tabletts mit Kaffee und Frühstück in Empfang zu nehmen. Das Rührei ist kalt.

Das Boarding lässt wegen irgendeines Zwischenfalls weiter auf sich warten. Die Sessel in der VIP-Lounge wären tief und bequem, sind aber gut bewacht. Der Charterbereich ist überfüllt, Kinder quengeln, Mütter schnattern, eine Cola ergießt sich über den Boden, Väter schimpfen.

Über allem schwebt der endlose Singsang chinesischer Flughafenmusik, ausschließlich honigsüße Klänge mit schmelzendem Timbre. Ohne Unterlass entschlüpfen flirrend hohe Töne zarten weiblichen Kehlen und krabbeln an den blankpolierten Fensterfronten hoch, wie kleine Spinnen, die im ersten Sonnenlicht ihre Fäden ziehen. Ein Netz aus schönen Klängen, das, – die Absicht ist klar erkennbar -, die angespannten Nerven der Reisenden umhüllen soll, die Gemüter beruhigen, und Aggressionen dämpfen. Nach vierzehn Stunden Flug und einer weitgehend durchwachten Nacht verfehlt jedoch jede angetragene Harmonie ihr Ziel.

Monsun

In den ersten Tagen türmen sich immer wieder schwarze Wolken über Kowloon und Hongkong Island auf. Sie werden von den hohen Bergen ringsherum festgehalten und können nicht weiter. Der Regen stürzt wie ein Fels zu Boden. Ab und zu treibt der Wind ihn in Schwaden vor sich her. Regenschirme klappen nach oben, werden verbogen, sind kaum festzuhalten. Wenn ich im einundzwanzigsten Stock aus dem Fenster und zwischen den anderen Hochhäusern hindurch auf ein kleines Stück Straße sehe, bemesse ich an der Zahl und Form der Schirme, wie schlimm es wieder wird.

In den kurzen Perioden zwischen den Regenfällen verdampft das Wasser und steigt wieder nach oben. Die Temperatur liegt zwischen achtundzwanzig und dreißig Grad - auch nachts. Die Luftfeuchtigkeit beträgt fast neunzig Prozent, die Nässe ist überall, kriecht unter die Kleider, breitet sich aus, füllt jede Pore. Die Flut kommt. Lungenbläschen schaukeln wie kleine rosarote Bojen auf den Wellen.

Zu alt für Hongkong?

Anders als in New York, London oder Tel Aviv leide ich in Hongkong unter Orientierungslosigkeit. Bisher konnte das Gewimmel noch so dicht, die Straßen noch so krumm, der Verkehr noch so chaotisch sein, ich wusste, wo Norden und Süden ist, welche Straßen parallel zueinander laufen oder welche aufeinander treffen. Zumindest die grobe Richtung war mir meist klar. Auch wenn es nur up- oder downtown in Manhatten war.

Hier ist es damit vorbei!

Trete ich vom Hauseingang auf die Nathan Road, stehe ich vor einer Wand vielstöckiger Gebäude, die sich in ihrer Struktur nicht sehr voneinander unterscheiden. Reklameschilder blinken und flirren auf mehreren Ebenen übereinander, zeigen jeden Tag neue Bilder. Der Verkehr auf der linken Seite irritiert zusätzlich, sodass Fahrtrichtung hier immer das Gegenteil bedeutet. Trotzdem ist es mir nicht erklärlich, warum ich mich permanent in die falsche Richtung wende und um Ecken biege, die mich nur weiter in die Irre führen. Meine Tochter weiß fast immer, wohin wir müssen und lacht mich aus.

Bin ich zu alt für Hongkong?

Mir fällt auf, dass ich meine üblichen Orientierungspunkte nicht ausmachen kann, prägnante Hausecken, Sonnenstand, besondere Gebäude.

Meine Tochter hatte von Anfang an ein anderes System.

Unsere Koffer waren verloren gegangen und wir hatten am ersten Tag eine Garnitur Kleidung und ein paar Kosmetikartikel kaufen müssen. Glücklicherweise fanden wir die Filiale einer Handelskette, die auch für normalgewichtige Europäerinnen Waren bereit hält. An diesem Geschäft orientiert sie sich, zieht Fäden zu bekannten Fastfoodrestaurants und -cafés in der Nähe, spinnt so ihr Netz und hangelt sich an den 'Knotenpunkten' international bekannter Marken entlang.

Ich hingegen gehe vor der geballten Konsumwelt in die Knie, soweit, dass ich nicht einmal in der Lage bin, einen - zugegebenermaßen chinesisch beschilderten - Supermarkt als solchen zu erkennen, selbst wenn ich direkt davor stehe.

Frau Wangs Wohnung