Madame Foucault - Eliz Simon - E-Book

Madame Foucault E-Book

Eliz Simon

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Beschreibung

Francoise hat ihr Leben der Soziologie und der Frauen-Emanzipation gewidmet, und ihr Erfolg als Professorin könnte Anlass zu Zufriedenheit sein. Aber der frühe Tod ihres einzigen Sohns und der Kontakt mit ihrer verwitweten Schwiegertochter stellen alles in Frage. Sie will auf dem elterlichen Hof auf der Ostalb zur Ruhe kommen – wenn da nicht ihr Bruder Kali wäre, der den Hof eher als Gelddruckmaschine ansieht.

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Seitenzahl: 398

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Eliz Simon ist in Stuttgart geboren und Bäuerin. Im Jahr 2000 machte sie ihre Meisterprüfung. Viele Jahre arbeitete sie im Weinbau, in Schäfereien, auf Bauernhöfen und Gärtnereien in Süddeutschland. Sommers arbeitete sie, im Winter schrieb sie die Abenteuer auf, die sie erlebt hatte. Bald wurden aus den aufgeschriebenen Abenteuern Erzählungen, dann Romane. Heute schreibt Eliz Simon gelegentlich sogar im Sommer. Aus allem, was sie beschäftigt, macht sie Geschichten und passt ansonsten auf ihre Schafherde auf.

ELIZ SIMON

Madame Foucault

EIN ROMAN VON DER SCHWÄBISCHEN ALB

Dieses Werk wurde vermittelt durch:Literaturagentur Brinkmann, München.

1. Auflage 2019© 2019 by Silberburg-Verlag GmbH, Schweickhardtstraße 5a, D-72072 Tübingen.Alle Rechte vorbehalten.Umschlaggestaltung: Anette Wenzel, Tübingen.Coverfoto: Fotografiert 1938 in Hausen am Tann von Josef Schmid. Aus dem Buch »Nägel am Schuh« von Eberhard Neubronner, erschienen im Silberburg-Verlag.Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung von Eberhard Neubronner.Satz und Layout: César Satz & Grafik GmbH, Köln.Lektorat: Michael Raffel, Tübingen.Druck: CPI Books, Leck.Printed in Germany.

ISBN 978-3-8425-2140-7eISBN 978-3-8425-1842-1

Besuchen Sie uns im Internet und entdecken Sie die Vielfalt unseres Verlagsprogramms:www.silberburg.de

Ihre Meinung ist uns wichtig für unsere Verlagsarbeit. Wir freuen uns auf Kritik und Anregungen unter: [email protected]

Inhalt

1. Die junge Franziska

2. Die alte Franziska

3. Madame Foucault

4. Madame Foucault macht sich auf den Weg und hält gleich danach wieder an

5. Madame Foucault kommt an

6. Madame Foucault reist gleich wieder ab

7. Andere Menschen sind klüger als Madame Foucault

8. Tosca, wo bist du?

9. Madame Foucault schreibt einen anonymen Brief

10. Madame Foucault schreit den Fußboden an

11. Madame Foucault hat keine Familie und der Bruder hat keine Freunde

12. Madame Foucault fährt in den Süden

1.Die junge Franziska

1953 hätten die Eigentümer das vierhundertjährige Jubiläum des Klosters begehen können, doch es wurde nichts begangen und nichts gefeiert. Die Eigentümerin war eine junge Frau, vierundzwanzig Jahre alt, allein, ohne Eltern und Geschwister.

Ihr Besitz: vierzig Hektar Mahdwiesen, dreißig Hektar Weizenäcker, zwanzig Hektar Buchenwald, zehn Hektar schwarzer Tannenwald. Dazu das Anwesen, das aus einem barocken, schlossähnlichen Gebäude mit eingesunkenem Walmdach bestand, mit Stallungen zu beiden Seiten des Hauptgebäudes. Außerdem gab es eine mehrere hundert Meter lange hohe, aber löchrige Mauer aus Muschelkalk, die den riesigen Innenhof umgab und auf der zwei runde Türme saßen, jeweils an der West- und Ostseite gelegen. Ein Turm war noch einigermaßen intakt, mit einem Stübchen unterm Dach, der andere jedoch verfallen.

Hinterm Hof, jenseits der Westmauer, lag die Hofwiese, groß und idyllisch, mit Trauerweiden am Uferrand, Weichselkirschen und anderem Gehölz, das malerisch den Zugang zum Fluss begrenzte. Unter einer der Weiden, deren lange, wellige Zweige wie silberne Schnüre tief zum Wasser hinabfielen, lag versteckt ein Holzkahn, der einerseits zum Fischen, andererseits als Fähre benutzt wurde. Zum Hof gehörten außerdem dreißig Kühe, ein paar Schweine und Federvieh. Hinterm Wohnhaus, der Südseite zu, lag ein sehr großer Gemüse- und Blumengarten, das einzige, das wirklich schön und gepflegt war auf dem Hofgut. Auf dieser Grünfläche waren früher die Kapelle und der Kreuzgang gewesen, jetzt sah man davon nichts mehr, nicht einmal andeutungsweise.

Eine Familie hatte Franziska, die junge Hofbesitzerin, nicht, doch es gab Mitarbeiter, drei Männer. Im Städtchen meldeten sich deswegen Bedenkenträger zu Wort, aber die Nachkriegswohlanständigkeit, die ihnen aus dem Gesicht schwitzte, reizte Franziska höchstens zum Lachen. Sie sagte: »Wir machen das Hoftor zu«, wenn ihr etwas nicht passte, und in der Tat ging sie dann hin, hob die schweren Eisenhaken aus den Angeln, drückte die beiden riesigen Holzbögen zusammen und verschloss das Tor mit einem Eisenriegel. Was dann draußen vor der Tür geschah, blätterte an ihr ab wie der Dreck, den Ernst, der Schweizer, von den Kuhflanken kratzte.

Ernst war der Melker, ein Bauer aus dem Ort. Sein winziges Gehöft lag auf der anderen Seite des Flusses, an einem Südhang gelegen, wo es hinaufging zu den waldreichen Bergen der Ostalb. Seinen kleinen Betrieb zeichnete nichts aus als die Schönheit seiner Lage, denn die Fläche war gering, steil ansteigend und von Steinriegeln und Terrassen durchsetzt. Stand man ganz oben, dort, wo die Weiden endeten und der dunkle Tannenwald begann, sah man über weich fallende Wiesen, Hecken voller Geheimnisse und unzählige Steinmäuerchen hinab zum Hofgut. Ein Bach, der oben am Waldrand entsprang, verlief quer über die Wiesen, fiel über die Steinmauern und mündete unten im Fluss. Zwei Kühe besaß Ernst, die er frühmorgens molk, dann auf die mit Kräutern bewachsenen Terrassen trieb, bevor er in den Kahn stieg und den Fluss überquerte. Abgeholt wurden die Milchkannen von Curd, einem weiteren Mitarbeiter des Hofguts, denn Ernst konnte nichts mehr tragen, seit ihn die Wehrmacht mit einem zerschossenen Bein wieder ausgespuckt hatte.

Curd, ein langer, dünner, brillengesichtiger Abiturient aus Tübingen, dessen bettelarme Eltern ihn aufs Land geschickt hatten, war zuständig für die Gebäude und die Maschinen, vor allem für den grauen Deutz Stahlschlepper. Franziska selbst bestellte die Äcker, zusammen mit Karol, einem schnurrbärtigen Polen, der unter der Hitler-Herrschaft an die obere Donau verschleppt worden war. Überlebt hatte Karol, weil Franziskas Vater, wie viele in der gut katholischen Gegend, den Nationalsozialisten misstraut und dafür gesorgt hatte, dass der Arbeiter aus dem Osten gut behandelt wurde. Sieben Jahre nach Kriegsende war Karol mit Rosa, der Gastwirtstochter aus dem Ochsen, verlobt und immer noch unschlüssig, ob er nach Polen zurückkehren sollte oder nicht.

Außerdem gab es Oskar, den Hofhund, einen riesigen, weißen Tatra-Hirtenhund. Karol hatte ihn acht Jahre zuvor als winzigen Welpen aus den heimatlichen Bergen nach Deutschland mitgeschleppt, aus dem verzweifelten Bedürfnis heraus, etwas aus der Heimat bei sich zu haben. Ein günstiges Schicksal hatte dafür gesorgt, dass auch der Hund am Leben geblieben war. Der kleine weiße Welpe aber war von Franziska, der jungen Hofbesitzerin, aufgepäppelt und erzogen worden. Meistens saß er in der Mitte des Hofes, unter einer Ulme, die hellen, wolligen Vorderpranken auf eine hervorspringende Baumwurzel gelegt, und sah aufmerksam mal in die eine, mal in die andere Richtung. Ihm entging nichts, er war wachsam, sogar mit geschlossenen Augen, und seine Ohren bewegten und richteten sich nach den Geräuschen, selbst wenn er schlief. Erschien jedoch Franziska in grünen Arbeitshosen und Gummistiefeln oben an der Haustür und kam die steinerne Freitreppe herab, dann erhob sich Oskar und rannte in großen Sätzen zur Treppe, wo er, sich schüttelnd und mit dem Schwanz wedelnd, die Herrin begrüßte. Franziska, stets in Eile, lief entweder in den Garten, um Kräuter, oder in den Hühnerstall, um Eier zu holen, oder in den Geräteschuppen oder in irgendeine Ecke des weitläufigen Hofes, um irgendetwas zu richten, etwas zu arbeiten oder Anweisungen zu geben.

Heute, an einem Morgen im Mai, ging sie in den Kuhstall, zielstrebig und durch Pfützen stapfend, denn in der Nacht hatte es stark geregnet. Dabei blieb ihr der Hund auf den Fersen, der sich beim Laufen dicht an sie schmiegte und seine wollige Seite gegen ihre Beine drückte. Franziska beachtete ihn nicht, doch niemals scheuchte sie ihn fort und niemals wurde sie heftig zu ihm. Beim Essen durfte sich der Hund übrigens unter den Tisch legen, auf Franziskas Füße, und da blieb er, und Franziska bewegte ihre Zehen und schöpfte Kraft aus seinem Riesenleib.

»Mir reicht es endgültig, heute Nacht hat es durchs Dach geregnet«, sagte sie zu Ernst. Im Stall war es dunstig und feucht. Knapp drei Dutzend Kühe schwitzten und bewegten sich, rieben ihre Körper, mahlten mit den Kiefern und fraßen aus den Futtertrögen das grüne, stark duftende Gras. Ernst hockte unter einer Kuh auf einem einbeinigen Schemel, der mit einem speckigen Riemen um seine Hüfte gegürtet war. Er hob die Milchschläuche in die Luft, stülpte die Becher über die Euterstriche und schaltete die Melkmaschine an. Mit einem schmatzenden Geräusch zogen die Becher an, das Euter entspannte sich, die Maschine begann zu pumpen.

»Pass doch auf«, sagte Franziska ungeduldig, »der Eimer fällt gleich um!«

Sie bückte sich und schob den Eimer durchs mistige Stroh. Dann, während sie prüfend ihre Kühe musterte, band sie ein geblümtes Kopftuch um das helle Haar. Schließlich ging sie, von Oskar schwanzwedelnd verfolgt, in die Stallecke, schnallte dort einen zweiten Melkschemel um und setzte sich unter eine andere Kuh. Das Hofgut besaß, als einziger Betrieb in der Gegend, zwei elektrische Melkmaschinen, mehr als dreißig Kühe wurden gemolken. Es hätten noch mehr sein können, denn Land war genug da.

Franziska legte den Kopf schief und warf, zwischen Kuhbeinen und Eutern hindurch, einen Blick auf Ernst.

»Ich geh heute noch nach Tübingen. Den Curti nehm ich mit.«

Ernst machte ein erstauntes Gesicht, wiegte den Kopf, öffnete den Mund und klappte ihn wieder zu. Bei den Kühen hatte Ernst schweigen gelernt. Morgens und abends war er im Kuhstall, war die Ruhe selbst, molk, fütterte, striegelte und verarztete kranke, geschwollene Euter. Auch zog er zuverlässig und überaus kundig Kälber auf die Welt, die er nach drei Tagen übrigens rigoros von ihren brüllenden Müttern zu trennen verstand, eine Sache, die Franziska selbst nicht übers Herz brachte. Ernst sprach nicht viel, am wenigsten redete er mit Franziska, die er dafür aber sehr gern ein wenig scheu von der Seite her ansah. Er sagte »Chefin« zu ihr.

Franziska füllte die Milch aus den Melkeimern in die große Stahlkanne auf Rollen. Ernst, auf Krücken gelehnt, stand daneben und sah ihr zu. Franziska gab Anweisungen:

»Curti soll die Kanne vors Hoftor bringen, ich geh ins Haus. Er soll sich beeilen, sag ihm das!«

Sie setzte den Eimer scheppernd auf den Boden.

»Spülen musst du leider selbst. Ich bin den ganzen Tag weg. Heute Abend musst du alleine in den Stall. Karol soll Futter holen. Von gestern gibt’s noch Braten, in der Speisekammer.«

Ernst fuhr sich mit der schwieligen Hand übers raspelkurze Haar, stierte zu Boden, sagte nichts. Franziska sah ihn mit ihren blauen Augen durchdringend an.

»Gibt’s noch was?«

»Was willst du eigentlich in Tübingen?«, fragte er endlich in seinem breiten, schönen oberschwäbischen Dialekt. Nur ganz ruhige, ausgeglichene Menschen sprechen einen solchen melodiösen Singsang. Ernst war ein solcher Mensch.

»Ich gehe zum Regierungspräsidium«, sagte Franziska keck. »Da kann man Unterstützung beantragen, für die Dörfer, habe ich in der Zeitung gelesen. Ich möchte um eine Förderung bitten, wenn du’s genau wissen willst.«

Ernst hob den starren Blick zum Himmel. Es dauerte eine Weile, bis er hervorbrachte:

»Aber – Tübingen! Bis dahin ist es doch eine Weltreise!«

Franziska musterte ihn mit einem Blick, der ihn plattdrückte. »So«, sagte sie spitz, »du denkst also, es sei eine Weltreise. Und warum fahren neuerdings alle dorthin? Dort bekommt man das Geld, du Dummkopf, kapier das endlich!«

Ernst gab keine Antwort.

»Das Dach vom Wohnhaus ist kaputt«, sagte Franziska mit Nachdruck. »Heute Nacht hat es hineingeregnet, auf dem Dachboden ist eine Riesensauerei. Das müsst ihr übrigens nachher trocken machen. Ich hab keine Zeit. Um halb zehn fährt der Bus.«

Ernst nickte ergeben

»Die Hinterwand vom Schweinestall hat Löcher«, fuhr sie fort und fing an, die Finger abzuzählen. »Der Hühnerstall klappt zusammen, das weißt du ja selbst. In der Außenmauer sind Breschen, groß wie Kanonenkugeln. Die Türme krachen ein. Außerdem muss der Kuhstall umgebaut werden …«

Sie zeigte ein schlaues Lächeln, Ernst wusste sofort – das hieß: der Kuhstall muss erweitert werden.

»Und warum, in aller Welt, nimmst du den Curti mit?«

»Ganz einfach. Den Curti nehme ich mit, weil seine Eltern dort wohnen, weil ich mit ihnen sprechen will. Ich will, dass der endlich anfängt, etwas zu lernen, zu studieren … oder so.«

»Studieren?«, fragte Ernst halb zögernd, halb ängstlich. »Ich hab immer gedacht, wir brauchen den Curd. Wer repariert denn dann die Maschinen? Ich kanns nicht, ich kenn mich nicht aus.«

»Das verstehst du nicht«, lautete die ungeduldige Antwort. »Der Curti soll was lernen, Landwirtschaft, Maschinenbau, was Nützliches jedenfalls. An den Wochenenden und in den Ferien kommt er her und hilft. Und in drei Jahren, wenn er fertig ist, dann haben wir jemand, der was versteht, der den Hof voranbringt. Bis dahin sind die Ställe repariert. Dann geht’s aufwärts, Ernst!«

Aber natürlich hatte Ernst recht gehabt, und natürlich war es eine Weltreise nach Tübingen. Zuerst musste man mit dem Bus nach Ulm fahren und dann umsteigen in einen dieser roten Triebwagen, die über die wacholderbestandenen Höhen der Schwäbischen Alb zuckelten. Und so endlos diese steinigen Heiden waren, so endlos verging die Zeit. Franziska saß auf der Holzbank und sorgte sich, und da half es gar nichts, dass der blonde Pferdeschwanz bei jeder krummen Weiche wippte und der knielange, karierte Rock nach oben rutschte und dass zwei amerikanische Soldaten im Abteil saßen, die das schön fanden und »Nice girl« sagten. Wenigstens war Curd in allem einsichtig gewesen, als sie ihm auseinandersetzte, er müsse in Tübingen seine Eltern besuchen und mit ihnen zusammen überlegen, wie es beruflich weitergehen könnte für ihn. Sie, Franziska würde ihn unterstützen, sofern er etwas Gescheites lerne, an freien Tagen komme und helfe und außerdem fest zusage, nach Beendigung der Ausbildung auf dem Hofgut wieder anzufangen. Verständig, wie er war, sah er auch ein, dass Franziska wie auf Kohlen saß wegen der Uhrzeit, und bot von selbst an, die Eltern zu fragen, ob man nicht übernachten dürfe in der Wohnung. Diese sei zwar klein, doch für eine Nacht könne man ja zusammenrücken. Ihr fiel ein Stein vom Herzen, der Curti hatte Recht: Das Regierungspräsidium lief einem nicht weg, morgen war auch noch ein Tag.

In Reutlingen stiegen die Amerikaner aus und ein französischer Soldat stieg ein. Der Franzose war ganz anders, als die Amis, er lachte nicht ständig, sondern saß ganz ruhig da, fast ein bisschen verschämt, sah aus dem Fenster und hatte sogar die Hände gefaltet. Manchmal nahm er sein Barett vom Kopf und strich mit der Hand über sein dichtes kastanienbraunes Haar, dann warf er Franziska einen kurzen Blick zu und lächelte schüchtern. Er hatte einen großen Mund und riesige Zähne.

Franziska machte Curd klar, dass sie nicht gleich zu seinen Eltern mitkommen, sondern noch ein wenig durch Tübingen spazieren werde. Vor allem müsse man zuhause im Ochsen anrufen, damit die dicke Rosa, die Ochsentochter, mit dem Fahrrad zum Hofgut radeln und die Daheimgebliebenen über die Verzögerung unterrichten könne. Während der Triebwagen durchs Gäu schlich und weiter an jedem winzigen Dörfchen hielt, sah sie zum Fenster hinaus und hatte gar keine Sorgen mehr, sondern freute sich auf den Nachmittag. Plötzlich erhielt sie einen Stoß von Curt, genau am Ellbogen, wo es weh tat. Sie drehte sich um und zischte:

»Sag mal, spinnst du?«

Curd zischte zurück: »Der Franzos will was von dir.«

»Welcher Franzos?«

Curd verdeutlichte ihr, dass der französische Soldat augenscheinlich mit ihr ins Gespräch kommen wolle.

»Er grinst so komisch.«

Der Soldat grinste aber gar nicht komisch, sondern lächelte sehr nett und fragte in einem überaus seltsamen, gedehnten Deutsch:

»Möchten Sie auch nach Tübingen?«

Eigentlich sagte er: »Möschtään Sie auch nach Tibbingään?«

So kam man miteinander ins Gespräch.

Franziska, die dreimal in Ulm und einmal in Stuttgart, aber sonst noch nirgends gewesen war, freute sich, als ihr der französische Soldat den Weg zur Behörde zeigte. Da das Amt, wie erwartet, bereits geschlossen hatte, verstand es sich von selbst, dass man anschließend noch ein Törtchen aß in einem der Cafés am Neckarufer. Der Soldat streifte seine weißen eleganten Handschuhe ab, lockerte den weißen Ledergürtel und nahm das unfassbar schicke schwarze Käppi vom Kopf. Er erzählte, er sei schon einige Jahre in Tübingen stationiert, seine freien Tage nutze er, um die Gegend besser kennenzulernen, auch sei es ihm wichtig, die deutsche Sprache zu lernen. Allerdings habe er auch oft Heimweh, nach Paris, wohin er in ein oder zwei Jahren wieder zurückkehren würde. Aufgewachsen sei er im Faubourg St. Germain, einem Viertel im Herzen der Stadt. Dort wohnten eigentlich vor allem Reiche und der Adel, sein Onkel Julien sei aber Hausmeister in einer der vornehmsten Stadtvillen. Als er, der Soldat, ein kleines Kind gewesen war, habe er oft mit dem Onkel in die großen Häuser ein- und ausgehen, die schönen Damen sehen können, die glitzernden Kleider und Galauniformen, die livrierten Diener, die großen Karossen …

Franziska sah ihn bewundernd an und dachte, der französische Soldat habe zu Recht einen großen Mund, denn er habe viel zu sagen. Als der Soldat nach ihren Lebensumständen fragte, erzählte sie, sie sei nach Tübingen gekommen, weil es ins Haus hineinregne und sie Unterstützung beantragen müsse oder einen Kredit aufnehmen, egal, so jedenfalls gehe es nicht weiter. Der Franzose betrachtete sie ganz mitleidig, und sie gab zu, ja, es stimme, sie müsse alles selbst besorgen, denn sie sei allein. Ihr Vater habe sich immer gegen die Hitlerei gestemmt, aber im vorletzten Kriegsjahr sei auch er zur Wehrmacht eingezogen worden, als Ersatz für ihn habe man einen Arbeiter aus Polen bekommen. Zweimal noch sei der Vater auf Urlaub nach Hause gekommen, jetzt aber sei er vermisst, vermutlich tot. Die Mutter, sagte sie mehr zu dem Tortenstück auf dem Teller als zu dem Soldaten, sei im vergangenen Jahr an einem schweren Magenleiden gestorben.

Der Franzose sah sie prüfend an und äußerte einige teilnehmende Worte.

»Wie heißen Sie?« fragte er.

Sie antwortete, sie heiße Franziska, so wie ihre verstorbene Großmutter und überhaupt viele Großtanten und Urgroßmütter ihrer Familie.

»Aha, es gibt also eine Familientradition.«

Diese Worte des Franzosen genügten, ihn aufs Neue sehr sympathisch zu machen, und sie sagte leichthin und mit einem feinen Lächeln: »Wir wohnen in einem ehemaligen Klarissenkloster.«

Der Franzose wollte wissen, was ein Kloster sei, und Franziska erklärte, das sei ein katholisches Gemäuer mit einer Kirche und einem Kreuzgang.

»Ah, un monastère!«, rief der Franzose.

»Genau!«, lautete die großspurige Antwort.

»Gehört Ihnen denn dieses Kloster?«

»Ja, aber wie gesagt, es ist sehr alt und – kaputt.«

All das stieß auf großes Interesse des Soldaten, und nachdem er sich noch einmal nach der Gründerin erkundigt hatte, meinte er lächelnd und Franziska von der Seite musternd, sie müsse wohl eher Klara statt Franziska heißen.

»Nein«, widersprach sie, »denn die Heilige Klara war eine Freundin von Franziskus. Sie war nur ein paar Jahre jünger als er, kam ebenfalls aus Assisi und verbrachte ihr Leben in Armut, wie er.«

»Dann sollten Sie das Kloster eigentlich in seinem Zustand belassen, wenn Sie doch arm sein müssen …«

Aber Franziska erklärte, der Wille zur Armut sei bei den Klarissen mit den Jahrhunderten ohnehin ein wenig abhandengekommen. Die letzte Äbtissin sei sogar eine adlige Dame gewesen, eine Baronesse vom nahegelegenen Herrenhaus.

»Man könnte es fast Schloss nennen, und so etwas Ähnliches hat sie sich gebaut. Das alte Nonnenhaus abgerissen, ein Schlösschen hingestellt, mitten ins Kloster hinein.«

Nach einer kleinen Pause fügte sie, den Franzosen zaghaft anlächelnd, hinzu, die Fürstäbtissin habe zur Zeit Napoleons gelebt. Später aber habe sie das Äbtissinnen-Dasein aufgegeben und sei wieder in ihr altes Schloss zurückgekehrt. Das Kloster sei dann eine Zeitlang unbewohnt gewesen. Er wisse ja, Napoleon habe die Kirche enteignet und die Klöster dem württembergischen König zugeführt.

Der Franzose nickte wissend, lächelte ebenfalls, sah sie an und sagte nichts.

Franziska betrachtete gedankenverloren die Kerzenflamme auf dem Tisch und verschwieg, dass es über diese letzte Äbtissin eine Geschichte gab. Sowohl ihr Vater als auch etliche Verwandte hatten nämlich behauptet, mit der Baronesse verwandt zu sein. Doch der Franzose hakte nach und wollte plötzlich durchaus wissen, wie denn Franziskas Familie in den Besitz eines solchen Anwesens gekommen sei.

»Einer meiner Urgroßväter hat das Kloster gekauft, das ist alles.«

»Nein, das ist bestimmt nicht alles! Erzählen Sie doch die Geschichte!«

»Von der adeligen Dame gibt es heute noch ein Gemälde«, sagte Franziska ausweichend. »Es gehört allerdings nicht uns, sondern hängt immer noch in ihrem Stammschloss, in einem der verwinkelten Gänge.«

»Kaufen Sie es doch!«

»Sie war blond«, erzählte sie weiter, ohne auf die Worte des Franzosen einzugehen. »Das ist die ganze Geschichte. Nur weil alle blond sind in meiner Familie, sagen manche, sie sei mit uns verwandt.«

»Oh! Charmant! Blond ist wunderbar!«, rief der Franzose. »Französinnen sind meistens dunkelhaarig, so wie ich«, und er schob das Zuckerdöschen von sich.

Einen Augenblick herrschte Stille. Franziska lächelte auf eine merkwürdige, versonnene Art, dann fingen sie an, über die verschiedenen Eigenschaften der Franzosen und der Deutschen zu sprechen.

Die Geschichte aber gab es wirklich, und sie legte nahe, dass die Sache mit der adeligen Verwandtschaft vielleicht doch mehr Substanz hatte, als Franziska hatte zugeben wollen. Einige wenige Briefe, geschrieben vom Vater der Baronesse und verlässlich hinterlegt im Archiv des benachbarten Städtchens, belegten, dass die Äbtissin nicht nur blond und hübsch, sondern auch recht eigenwillig gewesen war.

»In allem thut sie was sie will«, schrieb der verzweifelte Vater. Von »peinvollen Abgängen hinunter zu den Meyern« war die Rede und einer Mesalliance zwischen ihr und einem der »ungebilten Bauernsöhne«.

In anderen Dokumenten war weiter zu lesen, dass die Familie genau dieses Bauernsohnes auf einmal zu einem gewissen Vermögen gekommen war, und zwar schlagartig dann, als plötzlich ein kleiner, dicker, blonder Bub zwischen den Schweinen und Gänsen auf dem Hof herumzuspazieren begann, und das, obwohl jener Sohn noch nicht geheiratet hatte! Weiter war über diese Geschichte nichts bekannt, doch jedermann im Städtchen wusste, dass die Äbtissin, nach der napoleonischen Säkularisation auf ihr elterliches Schloss zurückgekehrt, noch lange lebte und erst in den Jahren der Märzrevolution starb. Dann aber erhöhte sich das Vermögen der besagten Bauernfamilie noch einmal beträchtlich, und es war allen klar, dass die Verstorbene ihrem leiblichen Sohn sehr viel Geld vererbt hatte. Vor allem aber war es dem fünfzigjährigen Landwirt, der einmal der blonde Bub zwischen den Gänsen gewesen war, nun möglich, dem Haus Württemberg das ehemalige Kloster abzukaufen.

Der französische Soldat bezahlte, und sie gingen auseinander. Am nächsten Tag jedoch, als Franziska die Verwaltungsbehörde aufsuchte, stand da am Eingang der Franzose, zog die Baskenmütze vom Kopf und lud zum anschließenden Mittagessen ein.

Weil das Landesamt langsam arbeitete und man dort nicht so rasch einsah, wofür Franziska das viele Geld haben wollte, waren noch etliche Gänge nach Tübingen nötig. Es war heiß, Sommer. Zuhause mähte Karol das hohe Gras und machte Heu, und Curd schmierte am Wochenende den Lanz Mähbinder, denn die Weizenernte stand bevor. Ernst molk und zog Kälber auf die Welt, und bald waren es keine dreißig Kühe mehr, sondern vierzig. Oskar lag unter der Ulme im Schatten, legte den Kopf auf die weißen Riesenpranken und wartete darauf, dass Franziska durchs Hoftor kam. Die kam aber nicht durchs Hoftor, sondern war unterwegs nach Tübingen, und jedes Mal wurde sie abgeholt: mal gleich am Bahnhof, mal vor dem Amtsgebäude, mal vor Curds Elternhaus, wo sie anfangs noch übernachtete.

Später verbrachten sie und der französische Soldat die Nächte gemeinsam in einem kleinen Hotel. Dort war es das Schönste, ihm das schneidige Käppi abzunehmen. Am anderen Tag wanderten sie am Neckarufer entlang hinaus aus der Stadt, im Sommer ’53, und die Welt war herrlich, und man konnte gar nicht verstehen, weshalb es überhaupt noch Soldaten gab, so friedlich war alles. Und trotzdem: Gut war es, perfekt war es, dass es Soldaten gab, vor allem hier, in Tübingen!

Im Herbst bat der Franzose um Urlaub und reiste für zwei Wochen zurück zu seiner Familie nach Paris. Aber jeden Tag rief er im Ochsen an, immer zur gleichen Uhrzeit, nämlich abends nach der Stallarbeit. Dort wartete Franziska bereits auf das Klingeln des Telefons, und sie wurde ganz zittrig, wenn er nicht auf die Minute pünktlich anrief. Ja, sie konnte es nicht aushalten ohne ihn und er nicht ohne sie. Endlich nahm er Abschied und zog auf die Ostalb.

Jetzt gingen die Wetten los: Ernst wettete, der Franzos, der nie etwas anderes gelernt hatte als Soldat, würde als Erstes den Stahlschlepper gegen die Mauer fahren und Breschen reißen, so groß, dass kein Geld aus Tübingen sie wieder würde flicken können. Karol, selbst entwurzelt, hergeschleppt und daher gnädiger, wettete, der Franzose würde ein guter Bauer werden.

Die dicke Rosa hing an Karols Arm und war in allem seiner Meinung, gleichzeitig aber gab sie zu bedenken: »Der Franzose müsste die Chefin heiraten.«

Das war ein Zeichen an den unschlüssigen Karol. Der sagte: »Die wissen doch beide nicht, ob nach rechts oder nach links.«

Rosa teilte seine Ansicht, sah Karol verliebt an und sagte, sie wolle deshalb nicht streiten.

Karol spuckte durch die Zahnlücken auf den Boden und strich den Schnurrbart glatt.

»Wieso streiten?«, fragte er mit seiner tiefen, schleppenden Stimme. »Ich will auch nicht streiten. Der Franzos weiß eben nicht, wo er hinsoll. Das ist alles. Ich hab ihn selbst gefragt.«

Sie saßen unterm Ulmenbaum, auf dem Bänkchen. Es war Abend. Der Wind ging, Amseln sangen, Ernst hielt ein Akkordeon auf dem Schoß und probierte ein paar Töne. Es war wieder Frühling geworden, der zweite Frühling, seit die Chefin den Franzosen liebte.

»Entweder man liebt sich«, konnte Rosa sich nicht enthalten zu sagen, »dann wird geheiratet, oder man liebt sich nicht, dann …« Sie sprach nicht weiter, um Karol nicht auf einen falschen Gedanken zu bringen.

»Du verstehst es so, wie du es verstehst«, beschied Karol mit Leidensmiene. Er streckte die Arme aus, mit einer Hand deutete er zum Westturm, hinter dem gerade die Sonne unterging, mit der anderen zeigte er zum Ostturm.

»Der eine Turm schaut nach Westen, der andere nach Osten. Die kommen nicht zusammen, die sind festgemauert, kapierst du, festgemauert. Willst du die Türme zusammenbringen, dann musst du sie abreißen. Dann wär’ ein Haufen Steine übrig, vielleicht zusammengeschmissen, aber Türme sind’s keine mehr. Kapierst du?«

Das war ein treffendes Argument, und Rosa traute sich nichts mehr zu sagen. Ernst schwieg ebenfalls, hatte das Akkordeon zur Seite gelegt und stocherte mal mit der Stockspitze im Staub, mal scharrte er mit dem übriggebliebenen linken Fuß. Aus der Milchküche drang Scheppern. Endlich kam Oskar angelaufen und wedelte mit dem Schwanz. Franziska ging langsam hinterher, müde, dreckig, in Arbeitshosen.

»Setz dich, Chefin«, sagte Karol freundlich.

»Hab schon gehört, ihr habt über mich geredet.«

Sie ließ sich auf die Bank fallen und streckte die Beine lang. Da saßen sie alle vier und über ihnen der grüne, riesenhafte Pflanzenpalast der Ulme. Mauersegler, scharfe Schreie ausstoßend, schossen um die Türme. Vom Fluss zog dichter, feuchter Dunst über den Hof.

»Was soll ich denn machen?«, fragte Franziska in die Runde. »Er hat ja nie einen Zweifel daran gelassen, dass er nach Paris zurückwill. Ich kann aber auch nicht nach Paris, ich kann nicht. Jetzt muss ich ihm dankbar sein, dass er wenigstens einen Sommer lang hier ist.«

»Wo ist er denn gerade?«, wollte Rosa wissen.

»Er sieht nach dem Mähwerk. Curti kommt ja erst übermorgen.«

Rosa, stets auf Ausgleich bedacht und vor allem dann auf Harmonie aus, wenn Karol dabei war, wollte der Situation die Schärfe nehmen und das Thema wechseln.

»Studiert Curti jetzt Agrar oder Maschinen?«

»Agrar.«

»Der Franzos’ ist halt ein Großstadtmensch«, fing Ernst von links mit dumpfer Stimme wieder an.

»Sei still. Du bist eifersüchtig. Willst die Chefin nur für dich haben«, brummte Karol mit Bassstimme. Dann drehte er sich zur Chefin um und fragte so liebenswürdig wie vorsichtig:

»Warum kannst du denn nicht nach Paris? Französisch kann man lernen. Er hat ja auch Deutsch gelernt.«

»Warum ich nicht nach Paris kann? Das fragst du? Als ob es ums Französisch ginge! Soll ich denn das alles wegschmeißen?« Und sie griff mit großer Geste um sich und zeigte auf die Ställe, das Haus und die Mauern ringsum.

Niemand sagte etwas.

»Die Anträge sind alle durch«, fing Franziska wieder an. »Das Dach ist repariert, jetzt kommen die Ställe dran. Haben wir nicht erst gestern Abend die Pläne studiert? Du warst doch dabei! Fünfundvierzig Kühe stehen im Stall, Karol, ich will nicht angeben, aber ich hab Geld, ich könnt’ morgen jemanden einstellen … und ich tu’s vielleicht sogar.«

Sie streifte den Gummistiefel vom rechten Fuß und streichelte mit den Zehenspitzen über das weiße Fell ihres Hirtenhundes.

»Soll ich den Oskar hierlassen? So eine bin ich nicht!«, sagte sie und wischte sich mit den Händen übers Gesicht. »Warum, verflixt, bin ich nicht vor fünf Jahren nach Tübingen gefahren, als ich noch kein Geld hatte, als alles in Trümmern lag, da wär mir die Entscheidung leichter gefallen!«

Alle schwiegen. Schließlich sagte Rosa:

»Pass aber auf, dass du nicht schwanger wirst!«

»Pass du auf, dass du nicht schwanger wirst!«

Die Eltern und sogar der Onkel Julien kamen aus der französischen Hauptstadt angereist, schüttelten bedenklich die Köpfe und waren der dringenden Meinung, man solle heiraten. Da war das erste Kind bereits geboren.

Es war ein Junge mit hellem Haar, und weil er schon acht Pfund wog, bevor er überhaupt das erste Schlückchen Milch zu sich genommen hatte in seinem Leben, und weil er ein riesengroßes Kaliber war von Anbeginn, sagte man Kali zu ihm, auch wenn er George hieß, was bald niemand mehr wusste. Als Kali ein halbes Jahr alt war, hielt es der Franzose nicht mehr aus vor Heimweh und kehrte zurück nach Frankreich. Da war es Herbst, und es wurde dunkel an den südöstlichen Hängen der Alb. Der Curti kam an den Freitagabenden, lernte samstags und saß sonntags mit Franziska über Plänen: Hier, nach Osten zu, müsste der Kuhstall erweitert werden, wegen der Morgensonne. Hier müsste man eine neue Stalltür schlagen, denn dann brauchte man nur das Gatter zu öffnen, und die Herde käme direkt auf die Hofwiese. Hierher müssten die Milchküche, wegen des kurzen Wegs zum Hoftor.

Franziska fuhr zur Ausstellung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft nach Berlin, ohne Kali. Der blieb die Tage im »Ochsen«, wo die dicke Rosa, Karols Frau, ebenfalls einen Stammhalter geboren hatte. Von der Messe kam sie zurück mit den seltsamsten Ideen und phantastischen neuen Wortschöpfungen wie Rohrmelkanlage, Mähdrescher und Vierscharwendepflug.

Im Frühjahr hielt es der Franzose wieder nicht aus und fuhr wieder auf die Ostalb zu seiner Franziska, wo er fast zwei Jahre blieb. Das zweite Kind wurde geboren, ein Mädchen, man taufte es auf den Namen Françoise. Noch ein halbes Jahr hielt der Franzose durch, dann kehrte er endgültig nach Paris zurück.

2.Die alte Franziska

Fragte jemand Franziska viele Jahre später, was ihr an Kali, dem Erstgeborenen, besonders gefallen habe, dann antwortete sie, als er noch ein Baby war, sei das Schönste an Kali sein blondes, weiches Köpfchen gewesen. Früher, als er noch klein war, habe sie sich oft über sein Bettchen gebeugt, das flauschige Köpfchen gestreichelt und den Namen geflüstert: Schorsch. Ganz weich habe sie den Namen geflüstert. Sie habe so lange probiert, bis es am besten klang – elegant, französisch eben.

Und wenn Franziska dann feuchte Augen bekam und man nachhakte und sie bat, noch mehr über ihn zu erzählen, dann sagte sie: »Kali ist einfach stark, das sieht man doch. Der war von Anfang an so. Bei Kali wusste ich immer, dem kann ich eines Tages das Hofgut überschreiben, der wird es nehmen. Natürlich, nach dem Abitur, da war er froh, mit der Schule fertig zu sein. Er konnte ja nie stillsitzen. Er war einer, den es vom Stuhl riss, wenn er einen Einfall hatte, und er hatte sehr oft Einfälle. Immer wollte er etwas Neues erfinden, etwas sammeln oder entdecken. Und alles, was er gefunden hat, hat er behalten. Kali hat niemals etwas weggeworfen, das kann er nicht, das ist wider seine Natur. Gegessen hat er natürlich für zwei. Das hat mir gefallen, denn ich habe gern für meine Kinder gekocht. Am liebsten mochte er Schinkenbrote, dick belegt mit Gurke und Ei. Den Oskar, der damals schon uralt war und der nur noch unterm Ulmenbaum lag, den hat Kali sehr geliebt, mit dem teilte er sein Vesper, aber nur mit dem. Wenn Kali hungrig war oder einen Einfall hatte, hielt ihn kein Lehrer fest, da zappelte er und gab keine Ruhe. Wegen so einem ignoranten Lehrer hat Kali die zehnte Klasse wiederholen müssen.

Klar – als die Kinder aus dem Haus gingen, da war mir schon schwer ums Herz. Ich wusste nicht so recht, was ich denken sollte, froh oder traurig sein. Einerseits war es eine Erlösung für mich. Die Kinder waren erwachsen! Zwanzig Jahre lang war ich allein verantwortlich, für alles. Ich hab Tränen getrocknet, Wutausbrüche ertragen, Ängste ausgestanden. Mir hat niemand geholfen. Zwanzig Jahre Hausaufgaben, Elternabende, Zeugnisse, immer allein. Das war vorbei, gottlob! Doch was kam jetzt? Ehrlich gesagt, ich hab mit dem Gedanken gespielt, den Hof zu verpachten. Ich sah mich durchs Hoftor gehen, mich noch einmal umdrehen, die beiden Türme grüßen, tief grüßen, dann weggehen. Aber Kali hatte ja die komische Angewohnheit, viele Einfälle zu haben. Und was das Hofgut anging, hatte er genau die richtigen Einfälle. Die Milchwirtschaft, hat er gesagt, die macht am meisten Arbeit, die muss weg. Wir müssen umstellen auf Fleischproduktion, dann wird es leichter. Das war gut, das hat mir geholfen. Es war ja vollkommen unmöglich, jetzt das Hofgut zu verpachten, wenn Kali so viele Ideen hatte.«

Fragte darauf jemand, ob es vielleicht auch etwas zu kritisieren gegeben habe an Kali, dann antwortete sie:

»Sag jetzt nur niemand, dass er dick ist. Gut – er ist dick, na und! Das ist seine Sache. Ich dachte mir immer, das kommt daher, dass er so viel sammelt. Kali sammelt auch Essen, was soll’s. Heutzutage sind die Schlepper so riesig, da passt auch ein Fahrer rein, der drei Zentner wiegt. Natürlich – manchmal, da hab ich schon gefremdelt mit dem Kali. Wenn er anfing zu überlegen, wie viel Land er in zehn Jahren haben würde, welcher benachbarte Bauer aufgeben und er nur zuschlagen müsse, da hab ich manchmal aufgehört zu reden und mein Kind nur noch angesehen. Mir wurde es ganz seltsam zumut, wenn er darüber gesprochen hat, dass zwischen den Hängen der Ostalb und dem Donautal viel Platz sei und dass dieser Platz dazu da sei, aufgesammelt zu werden, aufgesammelt von ihm. Dass es heute heiße: wachse oder weiche. Das war mir unheimlich. Ich hab dann immer verlangt, man müsse warten, was der Curti sagt. Aber was sollte der Curti schon sagen? Ihm gehörte ja nicht das kleinste Küken im Hühnerstall.

Bis der Curti in Rente ging, sind die zwei gut miteinander ausgekommen. Der Curti hat sich später auch für viele andere Sachen interessiert und hat den Kali schaffen lassen. Man hat schon gemerkt, dass der Curti ein Studierter war. Und sein Ältester ist ja auch so ein Supergescheiter geworden. Studienrat. Ich weiß noch, wie Curti mit seinem Sohn zu unserem Fest gekommen ist, damals, als ich mit meinen Kindern das bestandene Abitur gefeiert habe. Da kamen alle Angestellten vom Hof und ein paar Bekannte. Wir haben einen großen Tisch unter die Ulme gestellt, weiße Tischtücher ausgebreitet, Sauerbraten, Bier und Wein daraufgestellt. Ernst saß auf der Bank und spielte auf dem Akkordeon. Karol und Rosa mit ihren zwei Kindern waren da, sehr wohlgeratene Kinder übrigens. Der Älteste ist ja so alt wie mein Kali. Pawel heißt er und die Jüngere Marta.

Also, was red ich: Curti hockte sich zu uns, den Sohnemann im Schlepptau. Curti setzte den Bierhumpen an, trank, lachte und sagte, die alten Zeiten seien nun vorbei, jetzt kämen die Enkel dran. Nur leid tue es ihm manchmal schon, dass die Zeit so schnell vorbei gehe. Denn früher …

Ich wusste, was er sagen wollte und gab ihm schon im Voraus recht. Er wollte sagen, dass früher auch nicht alles schlecht war, dass es auch gute Zeiten gegeben hatte. Curti war es, der das Recht hatte, so zu sprechen. Denn er war es doch gewesen, der den Hof renoviert und der entschieden hatte, vom neuen Milchhaus über den neuen Kuhstall und die Maschinen bis hin zu den Türen in der Klostermauer. Damals fingen wir schon an, von seinen legendären Taten zu sprechen. Natürlich – ich hab das Geld gegeben und ich war die Chefin. Aber oft hab ich ihm einfach nur geglaubt, während er es gewusst hat.

Da sagte Harry, so heißt er, der Sohn: Papa, sagte er, Papa, der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Wir haben alle so gelacht. Kali hatte zur Feier aus dem Posaunenchor noch drei Freunde eingeladen. Françoise war damals schon ein wenig eigen, sie war ganz allein und hat niemanden mitgebracht«.

Fragte jemand nach Françoise, der Tochter, da dauerte es eine Weile, bis Franziska zu erzählen begann. Oft runzelte sie die Stirn, setzte anfangs sogar ein schräges Lächeln auf. Ein zweifelnder Blick, begleitet von kurzem Kopfschütteln zeigte aber, dass Franziska sich bemühte, ihre Tochter zu verstehen. Hörte man ihr länger zu, dann veränderte sich auf einmal ihre Stimme und sie sagte leise:

»Ich habe meine Tochter immer über alles geliebt, ich hab’s ihr nur zu wenig gezeigt, das mach ich mir zum ewigen Vorwurf. Zum einen: Ich hab ihr zu selten gesagt, wie hübsch sie ist. Sie hat ja so schöne Augen. Schmal und dunkel ist sie schon immer gewesen. Und eine gute Schülerin. Sie hat sich immer Gedanken gemacht, über alles. Ungerechtigkeit konnte sie gar nicht leiden. Sicher – vor allem, was den Kali anbelangt, da hat sie es nicht einfach gehabt, da war Durchsetzungskraft nötig seitens der Françoise. Vielleicht kommen daher ihre Empfindlichkeiten. Das Mädchen ist ja so dünnhäutig, wenn es darum geht, dass Männer und Frauen gleich behandelt werden müssen. So hat jeder seine Eigenheiten. Der eine sammelt und wird immer dicker, die andere ist empfindlich, grübelt und wird immer dünner.

Irgendwie war es immer klar, dass Françoise raus wollte, weg, das Hofgut und das Städtchen verlassen, irgendwo studieren, am besten im Ausland.

Manches an meiner Tochter ist mir rätselhaft geblieben. Dass sie über alles nachgedacht hat, habe ich bereits gesagt, doch wie sehr sie sich Gedanken gemacht hat, das war schon speziell. Lieb war sie auch, mein Mädchen. In der Schule haben sie beispielsweise jährlich Ausflüge gemacht, oft ging es auf die Alb rauf, tief in den Wald hinein, wo der Kohlenmeiler steht, die Waldköhlerei. Gott! Wie hat die Françoise danach von dem Holzgeruch geschwärmt, es sei ein Duft gewesen wie bei uns zuhause in der Küche. Solche Gedanken hat die sich gemacht. Das hat doch bedeutet, dass sie gern bei uns in der Küche war, oder nicht? So etwas hat der Kali nie gesagt. Da hätt ich das Mädchen gleich in die Arme nehmen sollen. Und ich hab’s nicht gemacht, ich dumme Kuh.

All die Jahre habe ich das Französische in meinen Kindern gesucht. Niemals bin ich ja nach Frankreich gefahren, ich hab das Land in meinen Kindern geliebt. Als Françoise noch klein war, da habe ich oft ihre Wange, ihr Näschen, ihre schlafenden Augen geküsst und ihren Namen gesagt: Françoise. Das war weniger schwierig als George, bei dem die Buchstaben sehr weich ausgesprochen werden müssen, Françoise kann man einfach so sagen, auch als Deutsche. Sie hat ja so braune, lockige Haare, wie ihr Vater. Ich weiß noch, wie ich sie einmal auf den Arm genommen hab und geflüstert habe, sie werde einmal nach Frankreich gehen. Und wenn sie dort ihren Vater nicht finden würde, dann … dann vielleicht ihre Mutter. Damals habe ich über mich selbst gelacht, als ich das gesagt hab. Dabei war ich nur dumm, hab mir selbst geschadet. Wer weiß, vielleicht hat Françoise, so klein sie war, doch irgendetwas verstanden, vielleicht hab ich ihr den Floh ins Ohr gesetzt, in meiner grenzenlosen Dummheit.

Bei der Abiturfeier, da war’s, da hat sie mir gestanden, dass sie nach Frankreich will. Ich kam ganz ruhig die Treppe herab, ein Tablett mit Gläsern in der Hand, ging zum Tisch unter der Ulme und hab mir nichts Böses gedacht. Da saß Françoise, das Kinn in die Hände gestützt. Ich hab die Gläser abgestellt, die Tochter angesehen und mit einem Mal das Gefühl gehabt, zu wenig für das Mädchen getan zu haben. Zwanzig Jahre Kindererziehung lagen hinter mir, aber eben auch zwanzig Jahre harte Arbeit auf dem Hof. Und Kali, der alles weiter betreiben würde, war immer wichtiger gewesen. Aber plötzlich hatte ich nur noch Augen für Françoise, meine Liebe, meine Gute, mein Alles, mir wurde schrecklich schwer ums Herz. Ich hab gedacht, ich muss die Arme ausstrecken und sie an mich drücken und nie wieder loslassen. Meine Kinder gingen fort, was kam denn jetzt? Ich habe Françoise von der Seite betrachtet, und plötzlich war da das fürchterliche Gefühl, etwas sei unwiederbringlich vergangen. Bilder von früher kamen mir: Françoise, wie sie lacht, Françoise, wie sie ihre Ärmchen hebt, wie sie weint. Ich bin stehen geblieben, hab die Augen zugemacht, war ganz starr, um die Bilder zu halten, festzunageln, aber sie sind vorbeigezogen.

Da hat mir Françoise gestanden, dass sie einen Studienplatz hat, an der Sorbonne in Paris. Mir ist das Blut in den Kopf geschossen, ich hab fast keine Luft mehr gekriegt. Ich hab gefragt: ›Hast du denn schon eine Wohnung?‹ Und sie sagte: ›Ja, in einem Studentenheim.‹ In einem Studentenheim. In einem Studentenheim! Und hier hätte sie in einem Schloss gewohnt! So etwas muss man sich einmal vorstellen. Um mich zu beruhigen, sagte sie noch: ›Wer weiß, vielleicht gefällt es mir gar nicht dort. Dann komme ich wieder zurück. Versprochen.‹«

Auf Fragen, ob sie sich auch einmal geärgert habe über Françoise, antwortete Franziska: »Ich kann mich nicht über Françoise ärgern, denn sie hat es sehr schwer gehabt. Ihr Kind ist ja gestorben, ihr Junge, das war so … er war ja noch ganz jung. Verunglückt ist er auf seiner Hochzeitsreise. Mich hat es auch niedergeschmettert. Ich kann heute manchmal noch nicht glauben, dass er tot ist. Aber er ist tot.

Aber wenn ich sagen soll, über was ich mich geärgert habe – ja, geärgert habe ich mich darüber, dass sie Madame Foucault geworden ist. Nicht, dass sie den Jacques geheiratet hat, das war in Ordnung, ich weiß, dass man Franzosen lieben kann, die haben etwas, das man hierzulande vergeblich sucht. Aber Françoise ist eine Madame geworden. Wer wissen will, was eine Madame ist, der braucht nur meine Tochter anzusehen. Vornehm ist gar kein Ausdruck. Geht sie durch eine Tür, dann wird sie sofort angestarrt, ist ja verständlich, schlank und hübsch, wie sie ist. Kostümchen trägt sie, geschminkt ist sie. Und dann ihr Auftreten! Man hat mir erzählt, dass alles, was sie sagt, ohne Widerrede hingenommen wird. Respektiert wird sie, das muss sagenhaft sein. Gesellschaftswissenschaften … Was das wohl sein soll? Sie bewegt sich ja, wie sie selbst sagt, in einem ›universitären Umfeld‹, das ist etwas, das ich gar nicht kenne … Viel verpasst hab ich vermutlich nicht.

Was ich noch einmal deutlich sagen will: Sie hat in Frankreich gelebt, ist viel gereist und verdient gutes Geld. Das ist in Ordnung, Kali verdient auch gut. Aber weshalb muss sie Madame Foucault heißen? Alle sagen Madame zu ihr, selbst in Frankfurt, wo sie jetzt wohnt. Ich besuche sie ja öfter, da habe ich es selbst gehört: Selbst in der Nachbarschaft, selbst wenn sie den Mülleimer rausstellt, sagen die Leute: ›Madame Foucault, das Wetter ist heute schön. Madame Foucault, wie geht es Ihnen?‹ Als wäre sie keine Frau. Als wär sie etwas Besseres, eine Dame eben.

Ich habe es ihr nie gesagt, aber wenn man es genau nimmt, war es schlecht, dass sie den Franzosen geheiratet hat. Sie hätte hier bleiben sollen, wie ich. Ihr Jacques hat sich ja davongemacht. Mein Soldat hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er nicht bei mir bleiben kann. Ich konnte es verstehen, tatsächlich, ich hab’s verstanden. Ihr Franzose aber hat sich einfach davongestohlen. Das war wirklich schäbig. Ab da wurde es noch schlimmer mit ihrer Reiserei.

Über viele Jahre habe ich mit diesem ›dann komme ich wieder zurück‹ gehadert. Etwas wie Augenwischerei klang aus diesen Worten, etwas Beruhigendes, wider besseres Wissen. Ich, die ich auf dem Hof blieb, hab aus der Ferne das Leben meiner Tochter betrachtet, die in Paris lebte, dort studierte, einen Franzosen heiratete, einen Sohn bekam, sich von dem Franzosen trennte, alles einfach so, en passant. Sicher kam sie ab und zu nach Hause und besuchte uns, die Mutter und den Bruder und die Schwägerin. Doch nach den Besuchen war es wieder für eine Weile aus. In Schweden hat sie auch gearbeitet, gelehrt, soll man ja sagen. Dann ging sie nach Hamburg. Nachdem Jérôme verunglückt ist, ist sie nach Frankfurt gezogen. Ganz verrückt ist sie übrigens wegen ihrer Schwiegertochter. Die ist ja auch wirklich ein nettes Mädchen. Aber Françoise übertreibt es manchmal mit ihrer Anhänglichkeit. Man merkt eben, dass sie niemand anderes mehr hat. Das ist das Leben meiner Tochter. Manche sagen, es sei spannend. Ich weiß nicht … mich macht es traurig. Aber so ist sie eben, meine Madame Foucault.

Soll ich noch was sagen? Ich wünsche mir, dass meine Tochter zur Ruhe kommt. Sesshaft wird. Neulich haben wir, Françoise und ich, von meinem Hund gesprochen, dem Oskar. Der war ein Riesenkerl, hat nur mir gehört, war anhänglich wie ein Schatten. Da hab ich seit langer Zeit wieder geweint. Oskar, hab ich gedacht, Oskar. Wo bist du? Da, wo du jetzt bist, da würd ich auch gern hinkommen. Du darfst dich auf meine Füße legen. Ich streichele dann dein weißes Wuschelfell. Ach Oskarchen.«

3.Madame Foucault

Nach dem Tod ihrer Mutter zog Mme Foucault auf die Ostalb.

Schon länger hatte sie überlegt, für eine Weile dorthin zu gehen, jetzt, an einem Sommerabend, fuhr sie auf der Autobahn tatsächlich nach Süden in die alte Heimat. Sie wollte zum Bruder, weil es ihr nicht gut ging, weil die Mutter gestorben war und sie sich einsam fühlte.

Einigen sehr guten Kollegen hatte sie als Grund für das bisher noch vorläufige Ausscheiden aus dem Beruf gesagt, sie sei auf der Suche nach ihren Wurzeln. Doch das stimmte nur halb, denn Madame hätte sich genauso gut für ein Jahr auf eine Insel oder in ihre Eigentumswohnung im Frankfurter Westend zurückziehen können. Der Wunsch nach Rückkehr war nicht der einzige Punkt. Hinzu kam, dass Mme Foucault begonnen hatte, ihren Beruf zu beargwöhnen. Es fing damit an, dass sie gewisse Professorenkollegen nicht mehr leiden konnte. Sie fand den Betonpalast der Soziologischen Fakultät an der Goethe-Universität hässlich. Das Essen der Mensa schmeckte nicht. Außerdem hatte sie keine Lust mehr auf Zahlen und Statistiken und zweifelte sie überhaupt an. Zumindest glaubte Mme Foucault all das, und sie glaubte auch, dass ihr an dem Gemäuer des alten Klarissenklosters gar nichts liege und auch nicht an dem Bruder, der sich an der Pflege der Mutter ohnehin nicht beteiligt hatte.

Dennoch hatte sie zwei Tage zuvor, als sie ihrem Büro einen letzten Besuch abstattete und den Rest der Papiere zusammenräumte, mit einem Lächeln und ohne es recht zu wollen zu ihrer Sekretärin gesagt:

»Ich bin ein wenig aufgeregt. Aber ich hoffe, dass ich mich dort ein paar Wochen ausruhen kann.«

Das waren offene Worte für jemanden wie Mme Foucault, die mit ihren Gefühlen immer ein wenig hinter dem Berg hielt. Manchen Kollegen gegenüber hatte sie noch gar nichts erzählt, was für eine gewisse Unruhe sorgte im Kollegenkreis.

Die Sekretärin, neugierig wie alle, drehte den Schreibtischstuhl.

»Ein Jahr nicht zur Arbeit zu gehen«, sagte sie schwärmerisch, »das würde mir auch gefallen. Reisen, lesen, einkaufen, baden …« Sie riskierte einen Blick auf Madames blasses Gesicht und ihre dunkelbraunen Augen, in denen Tränen schwammen, und fügte hinzu: »Ist auch gut für Ihre Gesundheit, Madame Foucault.«

Auf diese Worte ging Madame nicht ein, stattdessen versuchte sie, einen Ordner in ihre Tasche zu stopfen. Die Sekretärin schenkte sich ein Glas Wasser ein, strich ihren Rock glatt und besah ihre Fingernägel.

»Das Essen in der Mensa lässt ja ziemlich zu wünschen übrig«, sagte sie unvermittelt.

»Stimmt«, erwiderte Mme Foucault, indem sie ihrer Sekretärin einen zurechtweisenden Blick zuwarf, »und jetzt wollen Sie mir vermutlich sagen, dass man deswegen nicht kündigen muss.«

Zu ihrer eigenen Überraschung fügte sie hinzu: »Ich war ja selbst lange im Zweifel, ob ich es wirklich machen soll. Zumal mir an dem Gemäuer meiner alten Heimat gar nichts liegt. Aber jetzt ist der Antrag bewilligt und ich fahre.«

»Wo lebt denn Ihre Familie?«, erkundigte sich die Sekretärin und drehte den Stuhl hin und her.

»Familie ist zu viel gesagt. Ich habe nur noch einen Bruder. Er lebt an der oberen Donau.« Mme Foucault gab es auf, den Ordner verstauen zu wollen, und warf einen lächelnden Blick auf die Kollegin.

»In einem ehemaligen Klarissenstift.«

»Aha!«

»Das Kloster gehört ihm«, beeilte sich Mme Foucault zu erklären, »oder uns«, fügte sie ein wenig verlegen hinzu, »wie man’s nimmt.«