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Mädchen am Käsestand Kurzgeschichten, lichte Gedichte, letzte Dinge
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Seitenzahl: 53
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Gewidmet meiner Frau Anne
Kapitel 1 - Kurzgeschichten
Stimme aus dem Jenseits
Die Kopfbedeckung Ihrer Majestät
Frühling der Kindheit
Guido und die blaue Blume
Sommer am See
Mein Sommer mit Uschi
Ein leeres Blatt
Am Ende der Saison
MNR-Klinik
Goldlöckchen und der wilde Klaus
Kapitel 2 - Gedichte
Erste Liebe
Mädchen am Käsestand
Urlaub am Meer
Allzeit mobil im Westerwald
Der Homo Nasua nasua
Das Schweigen der Lämmer
Freud und Leid zur Sommerzeit
Von der Würde des Bücklings
Liebeserklärung im Freilaufgehege
Der Nacktschneckenblues
Frühling am Wäschebach
Die Sonnentage sind gezählt
Lebensmitte
Oktober im Westerwald
Novemberblues
Vom armen Reiner, der immer schreiben muss
Die Grenzwerte sind erreicht!
Was zwischen den Zeilen steht
Eine gebrochene Lanze für den Konjunktiv II
Das Komma
Witz und Humor
Nachgedacht
Aufgeschoben
Weltfremd
Immer weiter?
Vaterland
Was ich mir wünsche
Im Tintenland
Kapitel 3 - Letzte Dinge
Die Menschen leiden stumm
Vater
Der Mann mit dem Laufstuhl
Himmelfahrtskommando
Status quo
Jutta
Winter in der Waldkirche
Der weiße Lurch
In der Welt habt ihr Angst
Es geschah in einer dieser Sommernächte, in denen wir uns im Bett drehen und wenden und nicht zur Ruhe kommen können. Wir schwitzen, werfen dann die Decke von uns und sinken irgendwann erschöpft in einen Schlaf, der wirre Träume in unseren Köpfen entstehen lässt.
Blitz und Donner weckten mich. Regen prasselte an die Scheibe. Vor meinem Fenster erlosch die Straßenlaterne. Ich versuchte zurückzukehren zu den Bildern der Nacht, deren Farben verblassten. Gleichgültigkeit empfand ich gegenüber den Naturgewalten, gab mich neuen Träumen hin, die mir der Halbschlaf bot. Doch bald schlugen Hagelkörner auf die Schieferplatten des Daches. Es schepperte, als würden sie zerbrechen. Das Gewitter schien zum Greifen nah. – Als es weiter gezogen war, nun über den fernen Tälern der Flüsse Sieg und Dill sein Unwesen trieb, strömte kühle Luft durch den Fensterspalt. Einige Sekunden lang flimmerte die Straßenlaterne, dann leuchtete sie wieder beständig wie ein kleiner Mond durch das Astwerk der Bäume. Die plötzliche Stille dieser Nacht schärfte meine Sinne und ließ mich gänzlich erwachen.
Geräusche drangen an mein Ohr. Erst glaubte ich, sie kämen aus dem Schlafzimmer meiner Frau und murmelte: „Sie kann auch nicht schlafen, kein Wunder in so einer Nacht.“ Beunruhigt erhob ich mich, öffnete die Zimmertür und lauschte. Eine Stimme schallte durchs Haus, widerhallend im langen Korridor. Das ist ja gruselig, raunte ich. Auch meine Frau war erwacht. Sie rief aus ihrem Bett: „Was ist denn los, sind Einbrecher im Haus?“ – Ich zögerte, schritt dann mutig zum alten Butterfass an unserer Garderobe, in dem sich Schirme und Wanderstöcke befanden. Der passt, dachte ich, und entnahm einen Stock mit einer langen Metallspitze. Wer die besseren Karten hat, wird sich zeigen. Nun gibt es kein Zurück.
Wortfetzen, wie aus einer Gruft, wehten aus dem Obergeschoss herab. Die Stufen der Steintreppe kamen mir endlos vor. Eine fremde Macht schien meinem Vorwärts-Drängen zu widerstehen. Fester fasste ich den Stock. Oben im Flur betätigte ich den Lichtschalter und sah mich um. Alle Türen standen offen. Im Arbeitszimmer, das im Halbdunkel lag, redete jemand. Vorsichtig schlich ich mich an, griff um die Ecke, fand die Schaltfläche. Die Neonlampe flammte auf. Kein Mensch befand sich im Raum. Dann bemerkte ich meinen CD-Player am Boden. Er hatte sich nach dem Stromausfall eingeschaltet und spielte ein Hörbuch ab: Romantische Gedichte, interpretiert von Marcel Reich-Ranicki. Dieser besprach gerade das Gedicht Lied des Harfenmädchens von Theodor Storm.
Markig verkündete der Literaturpapst aus dem Jenseits: „ … und weil das Leben kurz ist, werden die Kammern der Mädchen nicht verschlossen!“
Ich ließ meine Waffe sinken und lächelte.
Aus einem Reisebus der 5-Sterne-Premiumklasse betrachtete ich die Landschaft entlang der Autobahn. Im Lautsprecher ertönte die Stimme des Fahrers: „Wir erreichen Berlin Mitte gegen 11.30 Uhr. Am Reichstag steigen Sie aus und dürfen sich dann unters Volk mischen. Königin Elisabeth II von England wird gegen 12.00 Uhr eintreffen und sich der wartenden Menge zeigen. – Vergessen Sie Ihre Fähnchen nicht. Bis dahin, gute Fahrt mit Müller-Maier-Tours zum Staatsbesuch der Queen in Berlin. – Ach so, was ich noch sagen möchte: Gönnen Sie sich bis zur Ankunft ein kleines Nickerchen. Träumen Sie etwas Schönes.“
Tausende Menschen warteten bereits an der Absperrung am Reichstag. Ich schlängelte mich zielstrebig nach vorne und erblickte die Queen. Sie trug einen weinroten Hut. Als sie nahe an mir vorbei schritt, griff ich beherzt durch das Drahtgeflecht und erhaschte eine Faser ihres königlichen Gewandes. Ein Security-Mann eilte herbei und adelte meine vorwitzigen Finger mit einem Schlagstock. Meine Schreie blieben ungehört im Jubel zwischen den Fähnchen.
Majestät winkte der Menge zu und verschwand im Bundestag.
Am Besuchereingang drängelten die Menschen. Endlich stand ich dem Pförtner gegenüber. Als er meinen Berechtigungsausweis verlangte, zückte ich meine AOK-Karte, hielt sie ihm unter die Nase und verschwand sogleich im Treppenaufgang zur Tribüne. Oben bogen sich die Fußbodendielen, so proppenvoll war‘s. Zwischen einer hochwüchsigen Dame und einer Ordensschwester fand ich einen Sitzplatz.
Das Begrüßungszeremoniell hatte schon begonnen. Im Lautsprecher rauschte die Rede des Bundespräsidenten wie Öl in einer Pipeline. Die Königin lächelte und ermahnte dann die Anwesenden mit den Worten: „Wir wissen, dass die Spaltung in Europa gefährlich ist und dass wir uns davor in Acht nehmen müssen.“
Die Abgeordneten applaudierten vornehm. Das Volk klatschte begeistert.
Die Hochwüchsige zu meiner Linken schnellte empor, sauste dann zurück auf den Schalensitz, der knirschend zerbrach. Ungeniert nahm sie Platz auf meinem Schoß. Ich reckte meinen Hals, stierte über ihre Schulter, sah aber nur den dicken Bundesadler an der Wand des Plenarsaals. Fast flehend blickte ich zur Ordensschwester hin. Aber sie schaute fasziniert herab auf das gekrönte Haupt.
Weitere Reden folgten. Schließlich befreite ich mich aus meiner Zwangslage und trat an die Brüstung der Besuchertribüne. Die Königin hatte den Saal schon verlassen.
Nun wird es aber Zeit für einen Toilettengang, dachte ich. Aber nirgends befand sich ein Hinweisschild. Schließlich eilte ich auf einer eisernen Wendeltreppe hinab in die unteren Gemächer des Gebäudes. Irgendwo in diesem verd... Bundestag musste sich
