Mädchen am Käsestand - Reiner Held - E-Book

Mädchen am Käsestand E-Book

Reiner Held

0,0

Beschreibung

Mädchen am Käsestand Kurzgeschichten, lichte Gedichte, letzte Dinge

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 53

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Gewidmet meiner Frau Anne

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 - Kurzgeschichten

Stimme aus dem Jenseits

Die Kopfbedeckung Ihrer Majestät

Frühling der Kindheit

Guido und die blaue Blume

Sommer am See

Mein Sommer mit Uschi

Ein leeres Blatt

Am Ende der Saison

MNR-Klinik

Goldlöckchen und der wilde Klaus

Kapitel 2 - Gedichte

Erste Liebe

Mädchen am Käsestand

Urlaub am Meer

Allzeit mobil im Westerwald

Der Homo Nasua nasua

Das Schweigen der Lämmer

Freud und Leid zur Sommerzeit

Von der Würde des Bücklings

Liebeserklärung im Freilaufgehege

Der Nacktschneckenblues

Frühling am Wäschebach

Die Sonnentage sind gezählt

Lebensmitte

Oktober im Westerwald

Novemberblues

Vom armen Reiner, der immer schreiben muss

Die Grenzwerte sind erreicht!

Was zwischen den Zeilen steht

Eine gebrochene Lanze für den Konjunktiv II

Das Komma

Witz und Humor

Nachgedacht

Aufgeschoben

Weltfremd

Immer weiter?

Vaterland

Was ich mir wünsche

Im Tintenland

Kapitel 3 - Letzte Dinge

Die Menschen leiden stumm

Vater

Der Mann mit dem Laufstuhl

Himmelfahrtskommando

Status quo

Jutta

Winter in der Waldkirche

Der weiße Lurch

In der Welt habt ihr Angst

Kapitel 1 – Kurzgeschichten

Stimme aus dem Jenseits

Es geschah in einer dieser Sommernächte, in denen wir uns im Bett drehen und wenden und nicht zur Ruhe kommen können. Wir schwitzen, werfen dann die Decke von uns und sinken irgendwann erschöpft in einen Schlaf, der wirre Träume in unseren Köpfen entstehen lässt.

Blitz und Donner weckten mich. Regen prasselte an die Scheibe. Vor meinem Fenster erlosch die Straßenlaterne. Ich versuchte zurückzukehren zu den Bildern der Nacht, deren Farben verblassten. Gleichgültigkeit empfand ich gegenüber den Naturgewalten, gab mich neuen Träumen hin, die mir der Halbschlaf bot. Doch bald schlugen Hagelkörner auf die Schieferplatten des Daches. Es schepperte, als würden sie zerbrechen. Das Gewitter schien zum Greifen nah. – Als es weiter gezogen war, nun über den fernen Tälern der Flüsse Sieg und Dill sein Unwesen trieb, strömte kühle Luft durch den Fensterspalt. Einige Sekunden lang flimmerte die Straßenlaterne, dann leuchtete sie wieder beständig wie ein kleiner Mond durch das Astwerk der Bäume. Die plötzliche Stille dieser Nacht schärfte meine Sinne und ließ mich gänzlich erwachen.

Geräusche drangen an mein Ohr. Erst glaubte ich, sie kämen aus dem Schlafzimmer meiner Frau und murmelte: „Sie kann auch nicht schlafen, kein Wunder in so einer Nacht.“ Beunruhigt erhob ich mich, öffnete die Zimmertür und lauschte. Eine Stimme schallte durchs Haus, widerhallend im langen Korridor. Das ist ja gruselig, raunte ich. Auch meine Frau war erwacht. Sie rief aus ihrem Bett: „Was ist denn los, sind Einbrecher im Haus?“ – Ich zögerte, schritt dann mutig zum alten Butterfass an unserer Garderobe, in dem sich Schirme und Wanderstöcke befanden. Der passt, dachte ich, und entnahm einen Stock mit einer langen Metallspitze. Wer die besseren Karten hat, wird sich zeigen. Nun gibt es kein Zurück.

Wortfetzen, wie aus einer Gruft, wehten aus dem Obergeschoss herab. Die Stufen der Steintreppe kamen mir endlos vor. Eine fremde Macht schien meinem Vorwärts-Drängen zu widerstehen. Fester fasste ich den Stock. Oben im Flur betätigte ich den Lichtschalter und sah mich um. Alle Türen standen offen. Im Arbeitszimmer, das im Halbdunkel lag, redete jemand. Vorsichtig schlich ich mich an, griff um die Ecke, fand die Schaltfläche. Die Neonlampe flammte auf. Kein Mensch befand sich im Raum. Dann bemerkte ich meinen CD-Player am Boden. Er hatte sich nach dem Stromausfall eingeschaltet und spielte ein Hörbuch ab: Romantische Gedichte, interpretiert von Marcel Reich-Ranicki. Dieser besprach gerade das Gedicht Lied des Harfenmädchens von Theodor Storm.

Markig verkündete der Literaturpapst aus dem Jenseits: „ … und weil das Leben kurz ist, werden die Kammern der Mädchen nicht verschlossen!“

Ich ließ meine Waffe sinken und lächelte.

Die Kopfbedeckung ihrer Majestät

Aus einem Reisebus der 5-Sterne-Premiumklasse betrachtete ich die Landschaft entlang der Autobahn. Im Lautsprecher ertönte die Stimme des Fahrers: „Wir erreichen Berlin Mitte gegen 11.30 Uhr. Am Reichstag steigen Sie aus und dürfen sich dann unters Volk mischen. Königin Elisabeth II von England wird gegen 12.00 Uhr eintreffen und sich der wartenden Menge zeigen. – Vergessen Sie Ihre Fähnchen nicht. Bis dahin, gute Fahrt mit Müller-Maier-Tours zum Staatsbesuch der Queen in Berlin. – Ach so, was ich noch sagen möchte: Gönnen Sie sich bis zur Ankunft ein kleines Nickerchen. Träumen Sie etwas Schönes.“

Tausende Menschen warteten bereits an der Absperrung am Reichstag. Ich schlängelte mich zielstrebig nach vorne und erblickte die Queen. Sie trug einen weinroten Hut. Als sie nahe an mir vorbei schritt, griff ich beherzt durch das Drahtgeflecht und erhaschte eine Faser ihres königlichen Gewandes. Ein Security-Mann eilte herbei und adelte meine vorwitzigen Finger mit einem Schlagstock. Meine Schreie blieben ungehört im Jubel zwischen den Fähnchen.

Majestät winkte der Menge zu und verschwand im Bundestag.

Am Besuchereingang drängelten die Menschen. Endlich stand ich dem Pförtner gegenüber. Als er meinen Berechtigungsausweis verlangte, zückte ich meine AOK-Karte, hielt sie ihm unter die Nase und verschwand sogleich im Treppenaufgang zur Tribüne. Oben bogen sich die Fußbodendielen, so proppenvoll war‘s. Zwischen einer hochwüchsigen Dame und einer Ordensschwester fand ich einen Sitzplatz.

Das Begrüßungszeremoniell hatte schon begonnen. Im Lautsprecher rauschte die Rede des Bundespräsidenten wie Öl in einer Pipeline. Die Königin lächelte und ermahnte dann die Anwesenden mit den Worten: „Wir wissen, dass die Spaltung in Europa gefährlich ist und dass wir uns davor in Acht nehmen müssen.“

Die Abgeordneten applaudierten vornehm. Das Volk klatschte begeistert.

Die Hochwüchsige zu meiner Linken schnellte empor, sauste dann zurück auf den Schalensitz, der knirschend zerbrach. Ungeniert nahm sie Platz auf meinem Schoß. Ich reckte meinen Hals, stierte über ihre Schulter, sah aber nur den dicken Bundesadler an der Wand des Plenarsaals. Fast flehend blickte ich zur Ordensschwester hin. Aber sie schaute fasziniert herab auf das gekrönte Haupt.

Weitere Reden folgten. Schließlich befreite ich mich aus meiner Zwangslage und trat an die Brüstung der Besuchertribüne. Die Königin hatte den Saal schon verlassen.

Nun wird es aber Zeit für einen Toilettengang, dachte ich. Aber nirgends befand sich ein Hinweisschild. Schließlich eilte ich auf einer eisernen Wendeltreppe hinab in die unteren Gemächer des Gebäudes. Irgendwo in diesem verd... Bundestag musste sich