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Im November 2021 erscheint in Moskau ein schmales Buch mit dem Titel Mädchen und Institutionen. Darin erzählt die Dichterin und Aktivistin Darja Serenko lakonische Geschichten von den vielen jungen Frauen, die ihr Dasein in den staatlichen Kultureinrichtungen fristen. Es ist eine absurde patriarchale Welt, in der zwar sporadische Solidarität der »Mädchen« untereinander, vor allem aber Misogynie, Bürokratie und Intrige herrschen, grundiert von anschwellendem autokratischem Rauschen.
Mit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine geht die Fiktion in einer pervertierten neuen Wirklichkeit auf. Serenko wird aus politischen Motiven für 15 Tage inhaftiert. Noch in der Arrestzelle beginnt sie, ihre Erfahrungen und Gedanken in kurze Texte und Prosagedichte zu fassen. Diese Texte mit dem Titel »Ich wünsche Asche meinem Haus« sind eine wütende und schmerzhafte poetische Auseinandersetzung mit der Gewalt, die der Krieg vor allem für Frauen bedeutet, mit drängenden Fragen von Verantwortung und Schuld, mit Exil, Aktivismus und Widerstand. In Russland können sie nicht erscheinen.
Mädchen und Institutionen. Geschichten aus dem Totalitarismus versammelt Darja Serenkos literarische Erzählungen aus der unmittelbaren Vorkriegszeit und ihre mit poetischen Mitteln geführte Selbstbefragung nach Kriegsbeginn erstmals in einem Band. Der Zeitenbruch vom 24. Februar 2022, der die Welt vom Vorher trennte, hat auch die Bedingungen ihres Schreibens radikal umgestürzt.
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Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2023
Darja Serenko
Mädchen und Institutionen
Geschichten aus dem Totalitarismus
Aus dem Russischen von Christiane Körner
Suhrkamp
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Die Originalausgabe von »Mädchen und Institutionen« erschien 2021 unter dem Titel Devočki i Institucii im Verlag No Kidding Press, Moskau. Die Illustrationen stammen von Xenia Chariyeva.Der Textzyklus »Ich wünsche Asche meinem Haus« (»Ja želaju pepla svoemu domu«) wurde aus dem Manuskript übersetzt und ist auf Russisch bislang unveröffentlicht.Die Übersetzerin dankt dem Deutschen Übersetzerfonds (DÜF) für die großzügige Unterstützung.
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2023
Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2023.
Deutsche Erstausgabe© der deutschsprachigen Ausgabe Suhrkamp Verlag AG, Berlin, 2023© der Illustrationen Xenia Chariyeva
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Umschlaggestaltung: Nick Teplov
eISBN 978-3-518-77735-0
www.suhrkamp.de
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Vorgeschichte
Ich wünsche Asche meinem Haus
Anmerkungen der Übersetzerin
Informationen zum Buch
Mädchen und Institutionen
Als ich meine erste Stelle in einer staatlichen Einrichtung antrat, sah ich zunächst einmal nur Mädchen. So nannten sie sich selber – Mädchen, wobei sie von der Ausruf- zur Frage-Intonation wechselten, je nachdem, welche Katastrophe gerade über sie hereinbrach. Und Katastrophen – auch das wurde mir gleich klar – waren ein untrennbarer Bestandteil unserer instabilen Alltagskosmogonie, die alle möglichen Anstrengungen unternahm, um im täglichen Arbeitsplan Wurzeln zu schlagen.
Wir arbeiteten in einer kleinen Bezirksbücherei in einem Büro ohne Fenster. Die Computer der Mädchen wirkten größer als die Mädchen selbst. Manchmal waren die Mädchen hinter den riesigen Monitoren und den brummenden Rechnern weder zu sehen noch zu hören – wenn man sich einer lebendigen menschlichen Mitpräsenz vergewissern wollte, musste man aufstehen. Die fehlenden Fenster sollten offenbar durch eine Fototapete kompensiert werden, die die ganze Wand einnahm: tropische Pflanzen und ein wilder steiler Wasserfall, der schäumend herabstürzte – ein Bild, das tagaus, tagein nicht an frische Luft, sondern an vertikale Hierarchien denken ließ.
Für die Mädchen gehörte ich gleich dazu. Ich versuchte eine Zeitlang nach alter Gewohnheit, meine körperliche Autonomie zu bewahren, alleine zu Mittag zu essen, alleine im Bus zur Metro zu fahren, aber sehr bald sah ich in dieser Selbstständigkeit keinen Sinn mehr. Mein Leben war damals ebenfalls eine Katastrophe, weshalb ich mich auf der Arbeit wie zu Hause fühlte, nämlich mal heiter, mal panisch; die letzte Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem verwischten dann Alkohol und Deadlines. Oft wurden die Mädchen und ich zu einem einzigen funktionalen, vielarmigen und -beinigen Wesen, triumphierend, allmächtig und zerstörerisch – und in solchen Momenten spürte ich meine Schwäche und die wackligen Knie nicht mehr.
Doch wenn ich die Mädchen studierte, wenn ich sie aus meiner Spinnenecke heraus beobachtete, ertappte ich mich oft bei reflexhaften Urteilen – ein wenig von oben herab, ironisch, zärtlich verniedlichend, strickte ich am Mythos weiblicher Kollektivität. Ich rechtfertigte das mit meinem Sonderstatus, ich war ja nur vorübergehend hier. Manchmal, wenn ich sie betrachtete und in düsterer, kleinlicher Stimmung war, kam es mir vor, als existierten die Mädchen nur von der Taille aufwärts, und unterm Tisch gäbe es sie gar nicht, da wäre bloß ein Geflecht bunter Kabel für den Datentransport. Es ist natürlich möglich, dass ich Frauen nach wie vor hasste, statt mich bloß zu ihnen hingezogen zu fühlen. Oder womöglich war die Einzige, die es damals unterm Tisch nicht gab, ich selbst.
***
Einmal liefen die Mädchen und ich stumm durch den herbstlichen Großstadtpark. »Es fällt mir immer schwerer, meinen Staat zu hassen«, sagte ich nebenbei, ohne groß nachzudenken. »Du wirst eben eine von uns«, antwortete eine von ihnen.
Wir haben nicht immer im Büro gearbeitet: manchmal verteilten wir alte Bücher in den Straßen der Stadt, hängten frischgekaufte russländische Flaggen an Bäume und umtanzten sie Hand in Hand mit verwirrten Bürgern. Andauernd taten wir in unserer Realität neue Portale auf – und gerieten auf endlose Festivals, deren Kostenpläne wir nie zu Gesicht bekamen. Auf den Festivals erfüllten wir öffentliche Aufträge: bauten aus Stöcken, Schlamm und Scheiße mit bloßen Händen Pavillons, fälschten die Statistiken menschlicher und tierischer Besucher, konnten aber auch zufällig in institutionelle Abgründe schauen, die normalerweise mit Dokumenten und Klamotten zugedeckt waren.
Abgründe gab es viele. Wenn man die Dinge nicht zu verbissen sah, konnte man sich im Großen und Ganzen eine recht angenehme Zeit machen. Wir gingen alle zwanzig Minuten eine rauchen. In unserem Büchereikühlschrank lagen zwei Flaschen Wodka – eine für alle Fälle, eine für einen schwarzen Tag. Zufällig trat dann beides gleichzeitig ein.
Es war mein erster »Tag der Kulturschaffenden«. Man geleitete uns ins nahegelegene Haus der Kultur und verbot uns allerstrengstens, das Gebäude zu verlassen. Wir hielten das für einen Scherz, verließen das Gebäude also nicht und blieben in gehobener Stimmung. Schließlich drängten uns Männer in engen Anzügen in einen mittelgroßen Konzertsaal und schlossen die Tür. Das Licht erlosch.
Unter alarmierenden Fanfarenklängen erschien eine Moderatorin mit üppiger Frisur und rezitierte gefühlvoll Gratulationsverse für uns. Dann bat man eine Band aus unserer Jugend auf die Bühne – so wurde sie jedenfalls angekündigt. Gespannt erwarteten wir mindestens t.A.T.u.
Mir war schon den ganzen Tag mulmig – und beim dritten Lied des Vokal- und Instrumentalensembles »Singende Herzen« bekam ich tatsächlich meine Tage. Ich zwängte mich durch die Reihen. An der Tür wurde ich von zwei Security-Leuten aufgehalten: sie hätten den Befehl, niemanden hinauszulassen, unter keinen wie auch immer gearteten Umständen, denn die Künstler würden schließlich aus staatlichen Mitteln bezahlt. Die Kulturschaffenden hätten nicht fortzugehen, sondern sich zu amüsieren.
Nachdem ich auf dem staatlichen Samtbezug des Sessels gezwungenermaßen einen Blutfleck hinterlassen hatte, kehrten wir Mädchen ins Büro zurück und stellten beide Wodkaflaschen auf den Tisch. Ich muss gestehen, dass die Lieder dieses Nachmittags in meiner Erinnerung jetzt wirklich zu Musik aus unserer Jugend geworden sind. Und amüsiere mich.
***
Ganz ehrlich, zu lügen machte den Mädchen und mir keinen Spaß. Zumal wir es auch nicht richtig gelernt hatten.
Einmal sollten wir den Anschein erwecken, dass wir eine Massenveranstaltung durchgeführt hatten, die es aber gar nicht gab. Weil das Kulturressort noch am selben Tag Fotos interessierter Besucher von uns wollte, holten wir Leute von der Straße herein, indem wir ihnen Tee mit Zucker und Gebäck versprachen. Die Leute dachten, wir würden eine Trauerfeier abhalten, saßen still am Tisch und krümelten sorgfältig in ihre Servietten.
Ein anderes Mal baten die Mädchen einen Mann von der Security, sich in ein Flauschtuch zu hüllen und auf einen Stuhl zu setzen. Das wurde zum dramatischen Foto einer einsamen Frau mit Umschlagtuch in einem leeren Saal. Irgendwie brachte der Security-Mann mit seinem Körper sehr treffend den erforderlichen Gender-Ausdruck zustande. Als Beleg war das Foto zwar unbrauchbar, aber dafür war es expressiv: wer ist diese Frau? was hat sie sich dabei gedacht, als sie noch so eine von oben angeordnete, aber gar nicht existente Veranstaltung besuchte? wie lange sitzt sie schon da?
Ein paar Tage später feierten wir den Abschied eines Mädchens, die in Rente ging. Am gedeckten Tisch stritten wir, wer sie am meisten beneidete. Wir kippten Wodka direkt in den Tee, schnatterten unablässig »zum Wohl«. Das Mädchen richtete einen spöttischen, betrunkenen Blick auf uns. »Das ist meine Trauerfeier«, sagte sie. »Holt Leute von der Straße rein, solange ich noch hier bin.«
***
Einmal schnitt ich mich an meinem Gehaltszettel. Ein roter Fleck breitete sich auf den bescheidenen Ziffern meiner Bezüge aus. Die Mädchen sagten, an meinem Geld klebe jetzt vor lauter Schufterei wirklich Blut.
Ich schätzte schnell, wie viel unvergossenes Blut noch in mir wäre, und überlegte, dass meine Bezüge sich vielleicht auf magische Weise erhöhten, wenn ich mich beim nächsten Mal ein bisschen tiefer schneiden würde. Doch obwohl mein Gehaltsvorschuss im Monat darauf sogar gleichzeitig mit meiner Menstruation kam, gab es nicht mehr Geld als vorher.
Im Umgang mit kleinen Summen waren die Mädchen routiniert. Schon im Sommer legten sie Geld für Winterschuhe beiseite. Sie brachten ihr Essen in winzigen Boxen mit und aßen nur zweimal am Tag. Manchmal kamen Handelsagenten in unser Büro: so erfuhr ich, dass man dieses Wort bis heute für lebende Menschen benutzt. Die Handelsagenten verteilten Strumpfhosen, Socken, Schmuck, Parfüm und Slips auf unseren Tischen. Wenn uns nichts davon gefiel, öffneten sie einen weiteren Koffer und holten lange Streifen Dörrfleisch oder -fisch heraus.
Jeden Tag kam unweigerlich der Moment, wenn die Mädchen sich auszogen: sie lüpften den Rock, um die rutschende Strumpfhose hochzuziehen. Legten den Blazer ab, ließen unterm Tisch die Pumps von den Füßen fallen, lösten Haarspangen und Zopfbänder. Die Mattigkeit war ansteckend: die Posen wurden ungezwungener, die Gesichter weniger fokussiert. Man sah, dass die Mädchen bald zu Hause sein würden. Und sie würden bis zum Schlafengehen genau drei Stunden haben, um sich das Essen für den nächsten Tag zu kochen, die Ausgaben für die zweite Monatshälfte auszurechnen, zu einem Date zu gehen, die Schulaufgaben durchzusehen, ein Glas Wein zu trinken, mit der Vermieterin zu streiten, eine Runde mit dem Hund zu drehen, zu masturbieren und mit den Mädchen am Telefon zu quatschen.
***
Was unterscheidet Mädchen von Institutionen?
Mädchen altern nicht.
Mädchen gehen zum Heulen auf die Toilette.
Mädchen verspäten sich und haben ein auf links gedrehtes Kleid an.
Mädchen werden von der Polizei vorgeladen.
Mädchen können Fick dich sagen.
Eines Tages wurden wir Mädchen gebeten, eine geplante Veranstaltung abzusagen und so zu tun, als hätte es sie nie gegeben. Die Ankündigung zu löschen und nie wieder davon zu reden. Mädchen, man hat euch gehackt, ihr braucht gar nicht so zu gucken. Mädchen, meldet euch krank, ihr sitzt in der Scheiße.
Man hat uns gehackt – also deshalb fühlen wir uns so schlecht. Die Finger gehorchen uns nicht, in den Ohren rauscht es, Vorgänge und Verträge hängen in der Luft. Jede von uns saß erstarrt an ihrem Arbeitsplatz und stierte auf einen Punkt. Wenn man das lange macht, wird einem schwindlig, und zwischen den Brauen sticht es bedrohlich.
Ein paar Stunden später manövrierten wir Mädchen uns langsam hinter den Tischen hervor. Unter jedem Schreibtischstuhl hatte sich ein Fleck aus technischer Flüssigkeit gebildet und verteilte sich auf dem grauen Teppichboden.
Meiner war himbeerrot.
***
Einmal haute es während eines Gewitters in der Bücherei die Sicherungen raus. Der elektronische Dokumentenumlauf stand still, das Deckenlicht ging aus, die Bildschirme erloschen. Uns legte sich in der jäh eingetretenen stromlosen Stille ein Druck auf die Ohren. Würden die Mädchen unter den Tischen tatsächlich aus verhedderten Kabeln bestehen, hätte es sie jetzt auch rausgehauen.
Wir waren uns nie sicher gewesen, ob wir bei der Arbeit abgehört wurden oder nicht. Vor einem halben Jahr hatte man eine kleine Kamera im Büro installiert. Einmal im Monat kam ein unscheinbarer stiller Typ, machte etwas mit der Kamera und ging wieder, ohne Fragen zu beantworten. Die Kamera wurde zu einem weiteren Mädchen – wir behandelten sie wie eine lebendige, nicht sehr sympathische Kollegin, in deren Gegenwart man gewisse Dinge besser nicht sagte.
Jetzt also stand der elektronische Dokumentenumlauf still, das Deckenlicht ging aus, die Bildschirme erloschen. Auch das rote Auge unseres Kamera-Mädchens war weg. Wir fingen alle an, schnell und tief zu atmen, als hätte unser Raum plötzlich ein Fenster gekriegt, das gleich darauf zerschlagen worden wäre.
Ich habe eine Vorladung von der Polizei bekommen;
Ich habe mich von meinem Mann getrennt;
Diesen einen Vertrag habe ich draußen verbrannt;
Meine Abrechnung geht nicht auf;
Ich denke an Selbstmord;
Ich erzähl irgendwas, haue hier früher ab und gehe zu dem Date mit ihr.
Wir liefen in das vom Himmel strömende Wasser hinaus. Unsere Hemden und Blusen waren sofort durchnässt, die Körper wurden durchsichtiger und konturierter. Wir freuten uns mitten am Arbeitstag aneinander und hofften, dass etwas Unwiderrufliches passieren würde: ein Kurzschluss, dann ein Brand; dass die Bücherei in Flammen aufgeht und während des Gewitters niederbrennt. Oder wenigstens, dass wir nicht zurückkommen und uns nie mehr wiedersehen müssten.
***
Einmal haben die Mädchen mich verraten. Ich mache ihnen keinen Vorwurf: manchmal laufen die Dinge in Institutionen so, dass man nicht anders kann. Wenn es also sein muss, soll wenigstens nur eine verraten werden.
Ich kam zur Arbeit und stellte fest, dass mein Schreibtisch woanders stand. Alle Mädchen saßen jetzt hinter mir. Ich hatte Angst, mich umzudrehen, obwohl ich spürte, wie mein Rücken unter ihren schweren Blicken ganz taub wurde.
Den ganzen Tag sprach niemand mit mir. Ich wusste nicht, was passiert war, mir war aber klar, dass ich vorerst nicht fragen durfte. Man hatte mich gewarnt, dass so etwas vorkommen könnte. Und instruiert, wie ich mich zu verhalten hätte.
Am Ende des Arbeitstages klingelte das Telefon. Es klingelte und klingelte, aber die Mädchen rührten sich nicht. Ich war es, die abheben musste.
»Guten Tag, sind Sie am Apparat?«
»Guten Tag, ja, das bin ich.«
»Man hat uns informiert, dass Sie letzte Woche nicht zur Arbeit erschienen sind.«
»Das muss ein Irrtum sein, ich war jeden Tag da, Sie können die Mädchen fragen.«
»Für wen halten Sie uns, die haben wir schon gefragt.«
So erfuhr ich, dass am Eingang des Gebäudes ein Gerät hing, das täglich die Anzahl der menschlichen Körper am Arbeitsplatz registrierte. Jedes Mädchen hatte sich die Woche über einen Tag freigenommen.
Nach dem Anruf schlossen die Mädchen einen festen Kreis um mich. Sie streichelten mir über den Kopf und die kalten Wangen, weinten, baten mich um Verzeihung und schlugen sich an die Brust. Ich sah in ihre teilnahmsvollen Gesichter und konnte sie nicht mehr voneinander unterscheiden.
***
Der 8. März kam, und es tauchten Jungs auf. Man kann nicht sagen, dass bis dahin gar keine Jungs da gewesen wären, aber ihre situative Kollektivität wurde nur am Frauentag sichtbar. Visuell verband die Jungs, dass sie alle eher dämlich aus der Wäsche guckten. Sie wirkten betreten und pressten festliche Päckchen an die Brust.
Die Mädchen wechselten Blicke und schoben schweigend freie Tische zu einem T zusammen. Die Gäste wurden hingesetzt, die Päckchen eingesammelt, die Torten angeschnitten. Eine halbe Stunde später tauten die Jungs auf und redeten schließlich lautstark von Dingen, über die nur sie Bescheid wussten. Hin und wieder unterbrachen sie sich, um einen Toast auszubringen:
»Auf die Frauen, ohne die die Welt homogen und homosexuell wäre!«
»Auf die lieben Damen, die lebenden und toten Heldinnen der postsozialistischen Arbeit!«
Als allen nur noch langweilig war, zog ein Mädchen sich die Langhaarperücke vom Kopf. Die Jungs merkten nichts, dafür waren wir hingerissen – es war, als wäre unsichtbar ein Vollmond über uns aufgegangen. Vor Männern ihr Haar abnehmen und offen auf den Tisch legen – hätte eine Frau sich das vor hundert Jahren erlauben können?
Wir waren hingerissen und wollten uns nicht eingestehen, dass sich mit dem Eintreffen der Jungs irgendetwas im Raum verschoben hatte. Das kommt vor, wenn die Seele für kurze Zeit den Körper verlässt, und du merkst es nicht, sitzt da und stierst auf einen Punkt, während aus deiner Nase fein säuberlich ein Tropfen Blut rinnt.
***
Kaum jemand konnte die Mädchen auseinanderhalten. Die anderen konnten sich natürlich merken, wer Natalja war und wer Darja, aber es war ihnen nicht im Geringsten klar, wodurch wir uns voneinander unterschieden. Im Eifer des Gefechts wussten wir selber nicht immer, wessen Hand oder Fuß das gerade war. Manchmal war es, als hätten wir auch einen gemeinsamen Magen, und allmählich brachten alle Essen mit, das zu dem passte, was die anderen Mädchen aßen.
Eine praktische Sache. Wir vertraten einander in Meetings, redeten die Chefs mit der gleichen neutralen Stimme an, die nicht ins Gehör drang, lauschten höflich den gereizten Besuchern, die versicherten, sie würden die Regierung stürzen, oder versprachen, aus ihrer mit Äpfeln gefüllten Einkaufstasche jetzt gleich eine MP zu ziehen und uns alle über den Haufen zu schießen.
Einmal bat mich der Chef nach einer der üblichen Besprechungen, bei der ich an der Reihe gewesen war, Natalja oder Darja zu spielen, in sein Büro. Es war dämmrig und roch nach feuchten Zeitungen und Kognak. Der Chef streichelte mir über Haar und Rücken. Ich krallte mich in die Lehne eines abgeschabten Ledersessels. Meine Handflächen waren im Nu verschwitzt.
Der Chef nahm seinen Mantel, sagte, er sei gleich wieder da, und ging hinaus. Meine Augen gewöhnten sich langsam an die schwache Beleuchtung: Die goldenen Buchstaben der Diplome und Dankurkunden wurden deutlicher, ich konnte sogar einen Abreißkalender erkennen, der schon mehrere Monate nicht abgerissen worden war.
Ich saß da fünfzig Minuten und ging im Kopf alle unsere Abrechnungen, Verträge, Vorgänge und Zusatzvereinbarungen durch. Die Putzfrau kam herein und bat mich, die Füße zu heben. Ich hob sie zu hoch – eine Pose wie bei der Untersuchung beim Frauenarzt. Die anderen Mädchen waren alle sicher schon zu Hause.
Die Putzfrau sah mich an, als wäre ich ein Schaf:
»Was sitzt du hier, geh heim, das macht er ständig so. Hat dich garantiert mit einer anderen verwechselt und es erst gemerkt, als du reingekommen bist.«
Ich nahm meine Sachen, hängte alle Diplome an der Wand um, riss die Kalenderblätter von vielen, vielen Tagen im Voraus ab
und fuhr nach Hause, in die Zukunft.
***
Nach einigen Monaten riss uns Mädchen der Geduldsfaden, und so kugelten wir, fest miteinander verknäult, in eine neue Institution.
Es kitzelte uns hinter den Ohren vor Freude. Wir malten uns etwas Neues und Großartiges aus, mit frischer Luft und großen Fenstern. Wir waren ganz aus dem Häuschen vor Selbstbewusstsein und sahen einander mit zuversichtlicher Zärtlichkeit an.
In der Galerie hatten sie ihre eigenen Mädchen. Wir mischten uns rasch unter sie und machten uns an die Arbeit. Unser Eifer rief Lob und Spott zugleich hervor. Einen Haken sahen wir darin nicht.
In unserem Büro gab es wirklich ein großes Fenster. Wir residierten im Parterre, und wenn das Fenster geöffnet wurde, füllte sich der Raum in Kürze mit dem Kellerlochgeruch des alten Hauses.
Dafür hatten wir jeden Tag Künstler um uns.
Mit den Künstlern stellten wir zweierlei an: die einen stellten wir in unserer Galerie aus, die anderen stellten wir höflich kalt. Zum ersten Mal fühlten wir uns als Herrinnen der Lage, köpften in der Mittagspause Champagnerflaschen. Wir hatten Spaß.
Wenn die Chefinnen-Mädchen uns beobachteten, interpretierten wir ihre starren angespannten Blicke als Fürsorge. Im kommenden Monat sollten wir eine fantastische Ausstellung eröffnen. Viele Menschen freuten sich darauf. Unsere Mädchenmagie verhalf uns dazu, das Ganze in kürzester Zeit zu organisieren.
Nicht lange vor der Eröffnung klingelte das Telefon, und die Frau des Künstlers teilte uns mit zitternder Stimme mit,
dass er gestorben sei,
dass die Beerdigung in ein paar Tagen sein werde,
dass wir dazu eingeladen seien
und dass die Ausstellung nicht stattfinde.
Ich rief eine der Chefinnen-Mädchen an, um ihr die schlechte Nachricht zu überbringen.
»Gestorben? Die Ausstellung wurde über alle Verteiler geschickt, die Info ist sogar ans Kulturressort gegangen. Ich kann doch nicht einfach etwas absagen, was schon ans Kulturressort gegangen ist.«
»Sie können ja nichts dafür, der Tod ist schuld.«
»Der Tod ist kein triftiger Grund. Ruft sofort die Witwe an und versucht, sie zu einer Gedenkausstellung für ihren Mann zu überreden.«
Und, gerechter Gott, wir machten es.
***
Eines Morgens kam ich als Letzte zur Arbeit und geriet gleich mitten in eine bemerkenswerte Diskussion. Es ging um die folgende Frage:
Sollte eine richtige Frau Gewerkschaftsmitglied sein?
Zurzeit war keine von uns Gewerkschaftsmitglied. Aber wenn die Männer aus anderen Abteilungen sagten: »Nicht so laut, wir haben heute Versammlung«, und die Saaltür hinter sich zumachten, beneidete ich sie natürlich. Von außen wirkte das, als würden sie den Durchschlupf zu einer anderen Raumzeit öffnen und eine spannende postsowjetische Reise antreten.
Eine richtige Frau ist eine Frau, die man nicht sieht;
Richtige Arbeit wäre dann auch unsichtbar, ja?;
Gewerkschaften, also wirklich, das ist doch 1937 oder so was;
Mein Kind ist krank, und ich muss schon wieder bis spätabends arbeiten;
Kriegen richtige Frauen eine Arbeitsplatzbeschreibung?;
Mein Chef hat sich oft genug die Hände unter meiner Bluse gewärmt;
Ja eben, erst in die Gewerkschaft und dann in den Mutterschutz.
Im Mutterschutz waren zu dem Zeitpunkt schon zwei Mädchen. Sie hatten alle genervt. In unserem Büro mochte man Schwangere nicht. Schwangere Mädchen verloren rasch ihren Namen, da die Kolleginnen sie nur noch mit honigsüßen Kosenamen und Beschönigungen für ihren Zustand anredeten. Je mehr ihr Bauch wuchs, desto länger wurde ihr Arbeitstag. Aus Angst vor Vorwürfen arbeiteten die Schwangeren bis zum Tag der Geburt für drei.
Ich finde, eine richtige Frau ist in erster Linie eine Frau, die ein Kind geboren hat;
Und ich finde, es sollte eine Gewerkschaft für Frauen im Mutterschutz geben;
Gewerkschaften sind doch keine Frauensache;
Aber arbeiten gehen ist Frauensache, ja?
