Mädchenseelen - Daniel Tappeiner - E-Book

Mädchenseelen E-Book

Daniel Tappeiner

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4,99 €

Beschreibung

Ein grausames Psychospiel aus der Vergangenheit sucht dich heim …
Der fesselnde Thriller für Fans von Jilliane Hoffman

Die siebzehnjährige Tamara wird in einem Waldstück von einem maskierten Mann vergewaltigt und kann nur knapp entkommen, bevor er sie töten will. Obwohl der Unbekannte danach noch ein weiteres Mädchen missbraucht und ermordet, wird er nie gefasst. Völlig traumatisiert nimmt sich Tamara das Leben.

Einundzwanzig Jahre später ist Psychologin Lorena das Ebenbild ihrer älteren Schwester Tamara. Als sie eine flüsternde Audiobotschaft bekommt, läuft es ihr eiskalt den Rücken runter: Es ist der Mörder von damals. Und er ist hinter Lorena her. Zusammen mit einem ihrer Patienten, dem gutaussenden Polizisten Domenico, beginnt Lorena tief in ihrer Vergangenheit zu graben und merkt schon bald, dass der psychopathische Killer näher ist als sie denkt …

Erste Leserstimmen
„Packend, beklemmend und unmöglich zur Seite zu legen!“
„Nichts für schwache Nerven – dafür unglaublich spannend und fesselnd.“
„Für Fans von düsteren Psychothrillern ist die Lektüre ein Muss!“
„Kriminalthriller mit beeindruckenden Charakteren und schlüssiger Handlung.“

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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MOBI

Seitenzahl: 384

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Über dieses E-Book

Die siebzehnjährige Tamara wird in einem Waldstück von einem maskierten Mann vergewaltigt und kann nur knapp entkommen, bevor er sie töten will. Obwohl der Unbekannte danach noch ein weiteres Mädchen missbraucht und ermordet, wird er nie gefasst. Völlig traumatisiert nimmt sich Tamara das Leben.

Einundzwanzig Jahre später ist Psychologin Lorena das Ebenbild ihrer älteren Schwester Tamara. Als sie eine flüsternde Audiobotschaft bekommt, läuft es ihr eiskalt den Rücken runter: Es ist der Mörder von damals. Und er ist hinter Lorena her. Zusammen mit einem ihrer Patienten, dem gutaussenden Polizisten Domenico, beginnt Lorena tief in ihrer Vergangenheit zu graben und merkt schon bald, dass der psychopathische Killer näher ist als sie denkt …

Impressum

Erstausgabe November 2020

Copyright © 2021 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-298-9 Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-406-8 Hörbuch-ISBN: 978-3-96817-956-8

Covergestaltung: Buchgewand unter Verwendung von Motiven von stock.adobe.com: © dule964, © prapann, © Nikola, © Yeti Studio Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Mädchenseelen

Prolog

Tonezza del Cimone, 23. Februar 1999

Tamara wartete geduldig, bis die Schulglocke anschlug und Schüler sämtlicher Altersklassen lärmend aus dem Schulgebäude stürmten. Darunter auch Lorena, ihre jüngere, neunjährige Schwester.

„Mama!“, rief das Mädchen, als sie ihre Mutter am Wagen entdeckte. Ungestüm rannte Lorena ihr entgegen und warf sich in ihre Arme.

„Hallo, meine Kleine!“ Maria strich ihrer Tochter zärtlich über das lange, blonde Haar und küsste ihre Stirn. „Hattest du einen tollen Tag?“

„Ja!“

Währenddessen schlenderte Tamara inmitten des Tumults mit ihrer Klassenkameradin über das Schulgelände.

„Dieser Antonio ist sowas von ekelhaft. Hast du seine vielen Pickel gesehen?“, meinte Claudia und zückte ein Päckchen Zigaretten aus ihrer Handtasche.

Tamara lächelte, während sie sich eine Strähne ihres strohblonden Haars hinters Ohr strich. Es war so hell wie das ihrer kleinen Schwester und auch genauso lang, denn ihnen beiden reichte ihre Mähne bis knapp zur Taille. Leuchtend hellblaue Augen, ein makelloses Gesicht und eine spitze Nase waren nur einige ihrer Gemeinsamkeiten.

Claudia zündete sich einen Glimmstängel an und blickte ihrer Freundin entgegen. „Wer bringt Laura eigentlich die Schulaufgaben?“

„Das mache ich“, antwortete Tamara und winkte dabei kurz mit einer dünnen Arbeitsmappe umher.

„Seinen siebzehnten Geburtstag zu Hause zu verbringen, muss echt ätzend sein.“

„Grippe fragt eben nicht nach Geburtstagen.“

„Ja, leider. Sehen wir uns später?“

„Klar, ich ruf dich an!“, entgegnete Tamara, worauf sich der Weg der Freundinnen trennte.

Maria hatte am Bordstein geparkt, wo sie bereits mit Lorena auf sie wartete. Für gewöhnlich fuhren Tamara und ihre Schwester nach dem Schulunterricht gemeinsam mit ihrer Mutter nach Hause. Doch nicht heute, wie Tamara sogleich berichtete: „Ich muss Laura unsere Hausaufgaben vorbeibringen. Fahrt ihr schon mal. Ich nehme den Waldweg zu ihr. Wir sehen uns also in einer halben Stunde, okay?“

„Ach so, na schön. Soll ich deinen Rucksack mitnehmen?“, fragte Maria. Tamara nickte und entledigte sich ihrer Schultasche, anschließend winkte sie den beiden zum Abschied kurz zu und überquerte die Straße.

Als sie gleich darauf den kieselsteinernen Weg am Waldrand betrat, vernahm sie hinter sich, wie ihre Mutter den Motor des Wagens startete.

Nicht ahnend, dass sie bereits beobachtet wurde.

Ganz nah.

Hinter einem der Baumstämme, wo finstere Augen ihren Blick durch Laub und Geäst bahnten. Es waren die Augen eines menschgewordenen Raubtiers. Augen, die nur darauf warteten, eine Gelegenheit zu wittern. Eine Gelegenheit, um endlich zuzuschlagen. Denn er hatte sie schon länger belauert. Tage. Wochen. Er hatte sich schon beinahe dazu entschlossen, jemand anders zu erwählen, da sie immer wieder in den verdammten Wagen ihrer Mutter gestiegen war.

Mit jedem Tag war er der Tatsache ein wenig näher gerückt, dass er sich wohl oder übel damit abfinden und sich nach Ersatz umsehen musste. Aber das wollte er nicht. Er wollte sie. Alles andere war inakzeptabel. Jedes andere Mädchen wäre bloß ein Lückenbüßer gewesen.

Denn er war ihr schon seit Langem verfallen. Keine war wie sie. So unschuldig, so freundlich. So wunderschön. Ihr helles, blondes Haar schimmerte stets in der Sonne und ließ ihn immer wieder erstarren – sie war engelsgleich.

Aufgeregt ballte er seine Faust um den Griff des scharf gezahnten Armeemessers, während er die andere Hand unbewusst an seinen Schritt legte und spürte, wie das Blut in seinem Glied pulsierte. Endlich war es so weit. Der Moment war tatsächlich gekommen! Das war die Gelegenheit zuzuschlagen. Hier und jetzt. Er konnte es kaum glauben.

Er hasste den Geruch des Waldes, der Nadelbäume und der feuchten Erde. Er war ihn inzwischen leid. Doch schon bald würde er sich am süßen Duft ihrer hellgoldenen Haarpracht ergötzen. Und sich an ihrer Unschuld weiden. Die Vorfreude wurde von Sekunde zu Sekunde unerträglicher. Ja, heute war der Tag – sein Tag.

Während Tamara den Weg entlang marschierte, waren die Stimmen und Geräusche am Schulkomplex bereits im Hintergrund verklungen. Rings um sie erstreckte sich nichts weiter als das weite Dickicht des Nadelwaldes. Ab und an war das Rascheln eines Eichhörnchens in einer der vielen Baumkronen zu vernehmen. Ansonsten war es still. Beinahe zu still. Als wüsste der Wald, dass das Raubtier auf der Pirsch war, worauf alles Leben den Atem anhielt.

Doch dann ein Knistern.

Noch eines.

Schneller.

Näher.

Einen kurzen Augenblick später vernahm sie das dumpfe Geräusch eines Schlages gegen ihren Hinterkopf, worauf ein bohrender Schmerz ihren Schädel durchfuhr.

Dann brach sie zusammen.

Als Tamara die Augen öffnete, fühlten sich ihre Lider schwerfällig an. Benommen blickte sie umher. Anscheinend befand sie sich irgendwo in der Mitte des Waldes. Ihr Schädel brummte und es war, als lasteten unzählige Gewichte auf ihm. In ihren Zehen- und Fingerspitzen verspürte sie ein piksendes Kribbeln, während sich ihr Körper schlaff und gelähmt anfühlte.

Sie schmeckte den salzigen Geschmack seiner Haut auf ihren Lippen. Die Hand, die er ihr gegen den Mund presste, war verschwitzt und roch nach Baumrinde. Sein Gewicht lastete auf ihrem Körper und sie bekam kaum noch Luft. Jeder Versuch zu schreien war vergebens; auch ohne seine schmutzige Hand auf ihren Lippen hätte sie kaum mehr als ein Röcheln hervorgebracht.

Harte Stöße durchfuhren ihren Körper, während sie das Knacksen von Zweigen unter ihrem nackten Rücken spürte. Spitze Tannennadeln bohrten sich in ihre Haut, aber das war nichts im Vergleich zu dem Schmerz, den sie im Unterleib verspürte.

Durch die Löcher der schwarzen Skimaske verfolgten seine Augen die Regungen ihres Gesichts.

Stille.

Es dauerte einige Sekunden bis sie vollends realisierte, was geschah. Sie wollte sich wehren, doch mit seiner anderen Hand umklammerte er ihre schlanken Handgelenke, um sie im Zaum zu halten. Tamara zappelte, versuchte sich zu winden, aber schnell begriff sie, dass sie keine Chance hatte. Sein schwerer, harter Körper erdrückte sie beinahe und ließ so gut wie keine Bewegung zu.

Tränen perlten ihr unaufhaltsam übers Gesicht, bis in den Nacken und mündeten schließlich auf den knisternden Nadeln des Waldbodens. Sein strenger Mundgeruch strömte hinter der Maske hervor und bohrte sich in ihre Nasenhöhlen. Noch nie hatte sie einen solch abscheulichen Geruch wahrgenommen.

Wer wusste schon, wie lange er sich bereits an ihr vergriff. Ein letzter kräftiger Stoß, dann war er fertig. Er würgte ein tiefes Stöhnen aus seiner Kehle und wieder roch sie diesen bestialischen Gestank. Höllische Schmerzen arbeiteten sich ihre Hüfte aufwärts durch ihre Eingeweide. Er hielt kurz inne, während sich ihr Körper verkrampfte. Dann richtete er sich auf, schloss den Reißverschluss seiner Jeans und holte das Armeemesser hinter sich hervor.

Sie beobachtete, wie er vor ihr damit herumfuchtelte, wahrscheinlich, um ihr noch mehr Angst einzuflößen. Sie erstarrte kurzzeitig. Wird er mich nun töten? Ist dies das Ende? Vielleicht wäre das sogar besser so, meinte eine leise Stimme in Tamaras Innerem. Doch für einen Bruchteil einer Sekunde meldete sich ebenfalls ihr Überlebensinstinkt zu Wort. Kurz darauf bündelte sie ihre gesamte noch verbleibende Kraft und verpasste ihm einen Tritt in die Genitalien.

Augenblicklich zog sie ihren Rock hoch, griff sich ihr am Boden liegendes Top und rannte davon. Indes ertönte aus dem Hintergrund ein gequälter, gellender Schrei, der wie der Nachtruf eines Wolfes klang. Ihr Unterleib schmerzte, ihre Beine schmerzten – alles schmerzte. Sie schaffte es kaum, sich aufrecht zu halten, doch ein immenser Adrenalinschub bescherte ihr Kraft.

Hinter sich vernahm sie seine eiligen Schritte, wie er sich mühevoll durch das Dickicht kämpfte. Näher und näher. Bald würde er sie einholen. Sie schrie und weinte, was jedoch nur einem Krächzen nahe kam, lief dabei aber immer weiter.

Plötzlich vernahm sie das Geräusch eines Fahrzeugs, dicht vor ihr. Dort muss eine Straße sein! Die Bäume versperrten ihr die Sicht, doch je weiter sie lief, umso deutlicher konnte sie es hören. Dann endete der Wald und sie erreichte einen Graben. Als stünde sie am Rande einer Klippe, erblickte sie einige Meter unter sich das Bild einer verlassenen Landstraße. Aber wo ist das Fahrzeug?

Hinter einer Kurve erschien plötzlich ein rostiger, alter Pick-up. Erleichtert atmete sie auf und kämpfte sich augenblicklich Meter für Meter durch das Dickicht wilder Sträucher und Buschwerke den Abhang hinab. Unten angekommen, schrie Tamara aus Leibeskräften nach Hilfe und stellte sich mit erhobenen Händen dem Geländewagen in die Quere.

Aus der Ferne ertönten Bremslaute und er hörte ihre verzweifelten Schreie. Er hielt inne und verschnaufte. Wut stieg in ihm auf. Er wollte sie nicht töten, im Gegenteil. Er wollte sie mitnehmen in sein geheimes Versteck. Sich um sie kümmern. Sie für immer bei sich behalten. Er hatte sich auch erst dort an ihr vergreifen wollen. Doch es hatte ihn überkommen. Er hatte so lange auf sie gewartet. Diesen Moment so lange ersehnt, dass er sich nicht mehr zurückhalten konnte.

Jetzt aber war seine Chance dahin. Von nun an würde sie sich verbarrikadieren und mit Sicherheit für lange Zeit das Haus nicht mehr verlassen. Polizei, Eltern oder Verwandte wären ständig bei ihr. Sie sich noch einmal zu greifen, wäre riskant. Die Gefahr, dass er gefasst würde, wäre zu hoch.

Er hätte sie so gerne noch öfter gehabt. Das Verlangen nach ihr war immens. Denn sie war alles, wonach er immer gesucht hatte. Sie hatte ihn in seinen Träumen verfolgt, seinen Gedanken. Rund um die Uhr. Er hatte nicht damit gerechnet, dass es bei einer einmaligen Sache bleiben würde.

Somit würde er wohl oder übel nicht drumherum kommen, sich Ersatz zu suchen, das war ihm völlig klar. Und er freute sich bereits darauf. Obgleich ihm jede andere nichts bedeuten würde. Auch würde er keine von ihnen in sein Versteck bringen. Sie waren es nicht wert. Keine von ihnen. Es würde ihm nicht schwerfallen sich unverzüglich wieder von ihnen zu trennen. Sie zu töten. Denn keine war wie sie.

Er vernahm Türknallen und anschließende Schleiflaute, als der Wagen offenbar mit hoher Geschwindigkeit davonbrauste. Entmutigt blickte er einige Momente lang zu Boden.

Schließlich trat er verbittert den Rückzug an.

Kapitel 1

Mailand, 6. April, heute

Als sie eintraten, hatten sie die finstere Gasse hinter sich gelassen. Den dampfenden Rauch, der sich über den Kanaldeckeln verteilte und langsam in der Atmosphäre auflöste. Den Geruch nach Urin und Fäulnis.

Aber hier drin roch es keinen Deut besser. Schlimmer noch, es lag sogar eine Note Ammoniak in der Luft. Domenico hatte die Nase gestrichen voll. Er wollte nicht mehr. Er war Ende dreißig und hatte die letzten zehn Jahre nichts anderes getan, als verdeckt zu ermitteln. In zwei Fällen hatte er mehrere Jahre damit verbracht, sich zum inneren Kreis jener Organisationen vorzuarbeiten, deren Existenz sie beenden wollten. Prostitution und Menschenhandel waren sein Spezialgebiet. Er hatte getrunken, makabre Mutproben bestehen müssen und Drogen genommen, wenn es sein musste. Letzteres hatte er jedoch nur im Notfall über sich gebracht. Um nicht aufzufliegen. Den Schein zu wahren.

Er war diszipliniert und hatte niemals so enden wollen wie manch einer seiner Kollegen. Nämlich in einer Entzugsanstalt. Nervlich am Boden, körperlich ausgelaugt und kaum mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Ohne zu wissen, auf welcher Seite sie standen. Ohne zu wissen, wer sie waren. Beinahe schon selbst zum Kriminellen geworden. Es waren Männer, die auf einem dunklen, langen Pfad ihre Seele verloren hatten.

Niemals wollte Domenico so sein. Er wusste, dass er damit etwas Bestimmtes über Bord werfen würde. Nämlich seine Motivation. Das, was ihn tief in seinem Inneren dazu gedrängt hatte, auf genau diesen Beruf hinzuarbeiten. Er wusste, dass all die Mühe dann umsonst gewesen wäre. Ebenso wie der ganze Fall und die gesamte Operation – alles wäre zunichte. Ohne Sinn.

Er hatte nie etwas anderes sein wollen, denn nur so konnte man zum Kern vordringen. Es war seine Bestimmung. Allerdings hatte mittlerweile selbst er eine Pause nötig. An seinem dritten und aktuellen Fall arbeitete er bereits seit über einem Jahr. Er infiltrierte eine Gruppe möglicher Kindesentführer, hatte aber bisher keinerlei Beweise, Geständnisse oder belastendes Material vorzuweisen.

Die Ermittlung war aufgrund besonderer Indizien ins Leben gerufen worden. Der Ursprung jener Indizien waren Gerüchte, welche in der gesellschaftlichen Oberschicht ihre Kreise zogen. Es handelte sich dabei um die oberste Riege der Gesellschaft, von superreichen Geschäftsmännern bis hin zu einflussreichen Personen des öffentlichen Lebens, sprich ansässige Filmstars und Sänger, sowie deren Hintermänner wie Produzenten oder Manager.

Die Rede war von einem kuriosen, neuen Angebot. Eine bestimmte Gruppierung bot ein exklusives Arrangement, welches Treffen mit unter zehnjährigen Mädchen und Jungen garantierte. Neu daran war, dass es sich anscheinend um einheimische Kinder handelte. Für gewöhnlich wurde die Nachfrage mit Minderjährigen aus dem Ausland gestillt, hierbei handelte es sich jedoch um einen völlig neuen Markt mit dem Slogan: Garantiert inländisch.

Tatsächlich hatte sich nach anfänglichen Recherchen herausgestellt, dass in den Armenvierteln der Stadt und Umgebung eine enorme Dunkelziffer nicht angezeigter Kindesentführungen existierte. Dies war darauf zurückzuführen, dass sich einige verarmte Haushalte, sprich arbeitslose, zugleich meist drogenabhängige Eltern offenkundig einen Dreck um das Verschwinden ihrer Kinder scherten – wahrscheinlich hatte man explizit nach solchen Familien Ausschau gehalten. Andere wiederum verkauften ihre Nachkommen sogar für ein paar Euro oder den nächsten Schuss. Und das alles im eigenen Land, schoss es Domenico immer wieder durch sein Gemüt.

Das Resultat seiner Nachforschungen hatte ihn entrüstet, angewidert und anfangs sogar völlig aus dem Konzept gebracht. Es hatte einige Zeit in Anspruch genommen, bis er sich wieder mit klarem Kopf seiner Aufgabe hatte widmen können. Sich darauf besonnen hatte, weshalb er all das tat. Nämlich um solche Missstände aufzudecken und die Verantwortlichen sowie jegliche Mittäter dingfest zu machen. Das war es, was er wollte und genau das war es, weshalb er diesen Job verrichtete.

Inzwischen war er so weit vorgedrungen, dass er Kontakt mit einem der Untermänner jener Gruppierung pflegte. Mutmaßlich war der Kopf der Organisation ein Mann namens Santano, Spitzname il Magistrato – der Magistrat. Der Name war während seiner Untersuchung öfter gefallen.

Begonnen hatte Domenico seine Ermittlungen in schäbigen Etablissements jeglicher Art, welche inoffiziell der hiesigen Mafia zuzuordnen waren. Dazu gehörten dubiose Bars, Wettgeschäftsstellen sowie illegale Untergrundmärkte. Seine vorübergehende Identität war die eines kroatischen Zuwanderers mit ellenlangem Vorstrafenregister, die bis ins kleinste Detail authentisch wirkte.

Er hatte sich vorbei an Handlangern, dessen Vertrauen er sich erschlichen hatte, über Kuriere, bis knapp an die Hierarchiespitze des kriminellen Zirkels vorgearbeitet. Und nun stand er da, in einem finsteren Untergeschoss, während ihm fauliger, modriger Gestank in die Nase stieg.

Pepe, Spitzname Peperoncino schloss hinter ihnen die rostige Stahltür, worauf diese mit einem lauten Rumsen ins Schloss fiel, sodass Domenico flüchtig zusammenzuckte. Anschließend betätigte Pepe den Lichtschalter und blickte in Domenicos Richtung. „Ich bin froh, dass Santano endlich das Okay gegeben hat, dich heute zum ersten Mal mitzunehmen. Ich habe hier einen verlässlichen Mann dringend nötig – ‘nen Typen wie dich. Außerdem gibt’s für heute eine dringende Anfrage, du musst mir also helfen.“

Domenico hasste Pepes Geruch und den Anblick seiner faulen Zähne, jedes Mal wenn er den Mund aufmachte. Er war von mittelgroßer Statur, seine Kleidung verwaschen und seine Fingernägel schmutzig.

„Und das hier ist unser Hauptprodukt“, fügte Pepe hinzu und wandte sich mit einer demonstrierenden Geste um, als stünde er in der Manege eines Zirkus.

Domenico eröffnete sich das Bild eines weiten Kellergewölbes. An den Wänden rings um sie lagen scharenweise vermoderte Matratzen am Boden. Auf ihnen ruhten die regungslosen Körper einer Vielzahl an Kindern. Keines von ihnen schien älter als zehn Jahre alt zu sein. Ihre Körper waren in erbärmlichem Zustand und ihre schmutzigen Klamotten hatten sich mittlerweile völlig verfärbt.

Beinahe hätte Domenico gewürgt, doch er unterdrückte es rechtzeitig und schaffte es, trotz all seiner inneren Widerstände, Haltung zu wahren. Ein Kind saß im Schneidersitz aufrecht und blickte starr ins Leere. Es war ein Mädchen. Ihr zerzaustes, kohlschwarzes Haar reichte ihr bis an die Hüfte. Besonders auffallend waren die großen, hellbraunen Augen ihres bildhübschen Gesichts. Augen, die so unendlich tief waren, dass es sicherlich jedem Betrachter schwerfiel, nicht in ihnen zu versinken. Dennoch waren es die Augen einer leblosen Hülle. Bewegungslos saß sie da wie die Statue eines vergangenen Jahrhunderts. Es machte sogar den Eindruck, als schließe sie niemals ihre Lider.

„Und das, mein Lieber“, sagte Pepe, zeigte dabei auf das Mädchen und trat an den Rand der löchrigen Matratze, „ist unsere Hauptattraktion.“

Domenico folgte Pepe und hatte dabei alle Mühe, sich seine Erschütterung nicht anmerken zu lassen. Doch seine Fassade begann bereits zu bröckeln. Er spürte es tief in sich.

Das Mädchen war kaum älter als neun. Ihre verwahrloste Gestalt löste Zorn in ihm aus, wobei ihn der Anblick ihres entseelten Gesichts zutiefst ergriff. Denn dieses unschuldige, wunderschöne Gesicht bewies sich in ihrer Situation mit Sicherheit nicht als Vorteil. Im Gegenteil, wahrscheinlich war sie genau darum das meistbegehrteste Objekt in diesem Raum. Wie viele haben sich bereits aufgrund dieses wunderhübschen Antlitzes an ihr vergangen?, fragte sich Domenico erschüttert. Wie viele bloß? Sie stellte die personifizierte Sehnsucht eines jeden pädophilen Triebtäters dar. Für all jene war sie offenkundig der fleischgewordene Traum im Engelsgewand.

„Ist sie sediert?“, wollte Domenico wissen, nachdem er die Frage zuvor mehrere Male im Geiste wiederholt hatte, um sie so trocken wie nur irgend möglich zu stellen. Denn inzwischen konnte er sich kaum noch beherrschen. Der Zug, ein beeindruckendes Schauspiel abzuliefern, war bereits abgefahren. Alles, was noch in seiner Macht stand, war, seiner Stimme Klanglosigkeit zu verleihen. Mehr war nicht drin.

„Das sind sie alle“, antwortete Pepe gleichgültig. „Sie stehen unter Heroin. Sonst gäb’s bloß Quengelei.“ Er drehte sich zu Domenico um und beobachtete, wie dieser reglos das Mädchen anstarrte.

„Ja, ich versteh schon“, fuhr Pepe fort und wandte sich ebenfalls wieder dem zarten Geschöpf zu. „Beeindruckend die Kleine, nicht wahr?“

Dann beugte er sich zu ihr und musterte sie von oben bis unten, als sei sie eine Skulptur. Ihr leerer Blick blieb unverändert. Dabei sprach Pepe gelassen und langsam weiter, so als führe er eine Präsentation vor: „Ich sag dir eins: Das Ding hier ist ein absoluter Profi. Die Kleine hat schon öfter gevögelt als du, ich und all unsre Freunde zusammen und das auf jede nur erdenkliche Weise. Ihre Kunden sind irgendwelche reichen Drecksäcke, die das unbändige Verlangen danach haben, die Muschi eines Kindes zu lecken, das wahrscheinlich halb so alt ist wie ihre eigenen Töchter. Kranker Scheiß. Falls du auch drauf stehst, kannst du sie ausprobieren – na ja, das heißt, solange das noch möglich ist.“

Domenico begann zu schlucken. Schon nach dem ersten Satz des Vortrags waren Pepes Worte in seinem Gehirn verschwommen und ein unausstehliches Summen brannte sich in sein Gehör. Seine Auffassungsgabe war inzwischen auf null gesunken und er spürte, wie er unausweichlich zu zittern begann. Eine unbeschreibliche Hitze breitete sich in ihm aus, worauf eine einsame Schweißperle sein Gesicht hinabtropfte.

„Was meinst du damit?“, fragte er. Es hörte sich bloß an wie ein gebrochenes Flüstern, zu mehr war er nicht imstande.

„Na, ist doch klar.“ Pepe blickte zu ihm auf. „Ihre besten Zeiten hat sie hinter sich. In Kürze ist sie zu alt für ihre Zielgruppe – wenn es nicht schon so weit ist.“

„Was heißt das?“

Pepe näherte sich ihm und sah ihm scharf in die Augen. „Na, du weißt ja: Dreck ist nutzlos. Und darum kommt Dreck für gewöhnlich auf den Müll, nicht wahr?“

Ein weiteres Mal drohte Domenicos Abendessen, sich durch die Speiseröhre hochzuarbeiten. Inzwischen war sein gesamtes Gesicht schweißgebadet, während sich seine Beine taub anfühlten. Er fürchtete, das Gleichgewicht zu verlieren, wobei diese unglaubliche Hitze ihn allmählich an den Rand der Verzweiflung trieb.

Plötzlich musterte Pepe Domenicos Gesichtszüge und sah ihn fragend an. Mit Sicherheit kommt ihm mein Verhalten bereits verdächtig vor, dachte Domenico. Mein Benehmen fordert es ja geradezu heraus. Mist!

Pepe wollte gerade etwas sagen, als sich die angestauten Emotionen in Domenicos Innerem schließlich bündelten. Entrüstung, Wut, Mitleid, Verzweiflung – sie alle fraßen sich durch sein Nervenkostüm und endeten in einer Explosion. Im selben Moment hatte Domenico bereits eine blitzschnelle Handbewegung ausgeführt, welche Pepe den Kehlkopf zertrümmerte.

Mit beiden Händen fuhr sich dieser an den Hals. Er keuchte und rang nach Luft. Sein fragender Blick weitete sich nun zu einem erschrockenen Zerrbild, das um sein Leben fürchtete. Schließlich sank er langsam auf die Knie. Domenico verfolgte, wie sich Pepes angsterfüllte Gesichtszüge wandelten, während seiner Luftröhre rasselnde Geräusche entwichen. Plötzlich glitt eine von Pepes zitternden Händen seinen Körper hinab und vergrub sich unter der löchrigen Jeansjacke. Wie Domenico erkannte, verbarg sich hinter dem Jackensaum ein Pistolenholster.

Während Peperoncino seine Waffe hervorzog, zückte Domenico bereits eine Beretta 9mm aus seinem Hosenbund und drückte ab.

Ein lauter Knall.

Aus einer Schusswunde auf Pepes Stirn quoll Blut. Dann sackte sein Körper leblos zu Boden.

Stille breitete sich aus.

Diese hielt jedoch nur einen Augenblick an. Denn plötzlich ertönte am anderen Ende des Raumes das Geräusch einer Tür, die von einer Wache gewaltsam aufgestoßen wurde. Mit einer halbautomatischen Handfeuerwaffe in der Hand sah sich der Mann um und erblickte Pepes Leiche. Anschließend blickte er zu Domenico auf. Für den Bruchteil einer Sekunde beobachtete Domenico, wie der Mann versuchte, die Situation zu analysieren. Schließlich begriff der Wachmann und setzte zum Schuss an. Domenico war schneller und eliminierte ihn durch einen Treffer in die Brust.

Im selben Moment hörte Domenico Schritte aus einer anderen Richtung. Er blickte sich um und erkannte den Schatten einer weiteren Person, die hinter einem offenen Durchgang zum Vorschein kam. Sofort ging er hinter einem der schlampig verputzten Pfeiler in Deckung. Gleich darauf hallte ein ohrenbetäubender Kugelhagel durch das Gewölbe. Der Mörtel platzte aus der Säule, während sich darüber ein Netz aus Einschusslöchern flocht. Ein Projektil verfehlte nur um Haaresbreite eines der am Boden liegenden Kinder.

Irgendwann verstummten die Schusslaute und Domenico vernahm ein klackendes Geräusch. Der Mann muss nachladen! Augenblicklich hechtete Domenico hinter dem Pfeiler hervor und setzte den Wächter durch einen gezielten Kopfschuss außer Gefecht. Das Blut, das aus seinem aufgeplatzten Schädel sprudelte, verteilte sich blitzartig über das Gemäuer.

Dann ging der Mann zu Boden.

Wieder herrschte Stille.

Der Geruch von verbranntem Schießpulver lag in der Luft, während sich der Rauch des Gefechts langsam in der Atmosphäre auflöste.

Domenico ließ seine Waffe sinken und starrte benommen vor sich hin. Was habe ich da bloß getan? Wie konnte es nur dermaßen mit mir durchgehen?, fragte er sich verbittert. Es war das erste Mal, dass er die Kontrolle verloren hatte. Auch wenn es nie wieder geschehen würde; selbst zu diesem einzigen Mal hätte es niemals kommen dürfen, das wusste er. Und er wusste auch, dass dies mit Sicherheit sein letzter Undercovereinsatz sein würde. Denn er war ausgelaugt. Was hier geschehen war, war der Beweis dafür.

Er war niemals korrupt gewesen, hatte niemals die Regeln verletzt und stets die Vorschriften beachtet. Doch das alles hätte von nun an keinen Bestand mehr. Denn nun war er genau das, was er nie sein wollte: nämlich ein dreckiger Cop.

Obwohl Pepe seine Waffe auf ihn gerichtet und ihn hatte töten wollen, war es dennoch Domenico gewesen, der diese blutige Lawine losgetreten hatte. Der Schlag gegen seinen Kehlkopf war der Auslöser gewesen. Der Ursprung. Womit einzig und allein Domenico derjenige war, der angefangen hatte. Wenn auch ungewollt.

Trotzdem würde nun eine interne Untersuchung eingeleitet werden. Es war die übliche Vorgehensweise nach einem Schusswechsel mit Todesfolge. Darin sollte geklärt werden, ob sein Leben vor der Eskalation bedroht worden war, ob ein Schussgefecht als einziger Ausweg galt und er vorschriftsmäßig gehandelt hatte. Da Ersteres nicht der Fall war, waren alle weiteren Punkte hinfällig.

Ihm war klar, dass er einen Fehler begangen hatte. Er hatte die Beherrschung verloren. Vollkommen. Und nun würde er den Preis dafür bezahlen müssen. Seinen Dienstausweis, seine Karriere – nun wäre er wahrscheinlich alles los. Würde man ihn nicht freisprechen, so wären seine ehrenhaften Ideale belanglos. Zudem würde er ins Gefängnis wandern. Zu all jenen, die er einst verhaftet hatte.

Wie er es auch drehte und wendete; seine makellose Laufbahn hatte soeben sein Ende gefunden. Hier in diesen finsteren Gemäuern. Seine Tage als korrekter Ordnungshüter waren gezählt.

Vielleicht war es auch gut so, blitzte es ihm durch den Kopf. Denn er war müde.

Es sei denn, er würde sich etwas einfallen lassen. Möglicherweise seine Aussage etwas verdrehen und hier und da am Tatort etwas verändern.

Doch er fürchtete, auch dann würde ihn auf ewig ein schlechtes Gewissen heimsuchen.

Daher lag es nun daran, überlegt abzuwägen und seine Situation genauestens zu durchleuchten. Denn jetzt musste er eine Entscheidung treffen.

Kapitel 2

„In Kürze ist sie zu alt für ihre Zielgruppe – wenn es nicht schon so weit ist.“

„Was heißt das?“

„Na, du weißt ja: Dreck ist nutzlos. Und darum kommt Dreck für gewöhnlich auf den Müll, nicht wahr?“, ertönten Domenicos und Pepes Stimmen aus dem digitalen Abspielgerät, welches auf dem Tisch vor ihm stand. Währenddessen blickte Domenico die drei Staatsbeamten an, die ihm gegenübersaßen, sein Ausdruck blieb ungerührt. Im Anschluss gab die Aufnahme einige Momente ein leises Rauschen von sich.

„Das ist jetzt der Moment, als er das Messer hervorzog“, erklärte Domenico. „Da dachte ich, er hätte kurzfristig entschieden, sie gleich auf der Stelle zu töten. Er setzte die Klinge an ihren Hals. Ich reagierte sofort. Es war mir geglückt, es ihm abzunehmen und ihm einen Schlag gegen die Kehle zu verpassen – da können Sie hören, wie er röchelt.“ Domenico zeigte mit seinem Finger auf das Gerät.

„Dann griff er plötzlich nach einer Waffe, die sich unter seiner Jacke in einem Halfter verbarg“, fuhr er fort. „Bevor er jedoch etwas ausrichten konnte, zog ich meine Pistole und schoss.“

Einen Augenblick lang herrschte Stille im Raum. Anna Vivaldi, eine stramme Frau mittleren Alters, die einen Hosenanzug trug, starrte entgeistert vor sich hin. Sichtlich noch immer entrüstet darüber, welch menschenverachtenden Dialog das Tonband soeben offenbart hatte. Sie war vermutlich so einiges gewohnt, Pepes Worte jedoch übertrafen alles, was sie bisher gehört hatte.

In Italien war es seit jeher die alleinige Aufgabe des Staatsanwalts, interne Ermittlungen durchzuführen, wofür ihm ein Team aus verschiedenen Mitarbeitern des Ministeriums zur Verfügung stand. Der leitende Staatsanwalt hatte Domenicos Fall an Anna Vivaldi übertragen, welche die örtliche Staatsanwältin war – und ein wahrer Hai. Domenico hatte bereits von ihr gehört und ihr Ruf eilte ihr voraus: streng, aber fair.

Es war allgemein bekannt, dass die meisten internen Angelegenheiten an sie weitergeleitet wurden. Wie Domenico erkannte, hatte sie noch zwei weitere Beamte hinzugezogen, welche sie bei der Untersuchung unterstützten und gemeinsam mit ihr eine Art Entscheidungsgremium bildeten. Einer von ihnen war Domenico fern bekannt. Es war ein ehemaliger Streifenbeamter, der kurz vor seiner Rente stand. Der andere war ein junger Mann, den Domenico weder kannte, noch wusste, für welchen Bereich des Ministeriums er tätig war.

Schließlich erklang das Geräusch mehrerer Schusslaute aus dem Gerät. Einer der uniformierten Mitarbeiter beendete die Aufnahme, indem er eine Taste betätigte.

„Nun, den Rest kennen wir bereits. Was mich ein wenig irritiert ist …“, er machte eine Pause und sah Domenico beirrt entgegen. „Sie sagten doch, Sie hätten ihm das Messer abgenommen. Allerdings konnte ich vor dem ersten Schuss leider keine Geräusche eines Handgemenges vernehmen. Könnten Sie das vielleicht irgendwie erklären?“

Domenicos leerer Blick schweifte zu Boden, gleich darauf sah er wieder auf. „Nein. Kann ich nicht.“

Der Mann wollte etwas hinzufügen, als ihm sein älterer Kollege das Wort abschnitt: „Es kann natürlich sein, dass Ihre Kleidung sich während der Auseinandersetzung gegen das Mikro presste – das kann schon mal passieren. Nichtsdestotrotz werden wir unsere Informationen genauestens abwägen und uns ausgiebig beraten.“ Dann wandte er den Blick erwartungsvoll der Staatsanwältin zu, so als wolle er ihr das Wort übergeben.

Anna benötigte einen Augenblick, bis sie reagierte, dann sah sie plötzlich konzentriert auf. „Ja, so ist es. Der Tatort wird zurzeit noch gründlich untersucht. Die beiden Gegenstände die Sie beschrieben haben, die Schusswaffe und das Messer, wurden ebenfalls sichergestellt. Sobald wir die Auswertung der Fingerabdrücke und alles Weitere vorliegen haben, werden wir uns besprechen. Im Anschluss hören Sie von uns. Inzwischen melden Sie sich bitte bei Ihrem Vorgesetzten Herrn Tollini, er wird Ihnen weitere Instruktionen erteilen. Bis dahin bedanken wir uns für das Gespräch und Ihre Kollaboration.“

„Keine Ursache“, nickte Domenico.

Anschließend erhob er sich und reichte jedem von ihnen die Hand.

„Ach, und bevor ich es vergesse, bleiben Sie bitte erreichbar, falls wir noch Fragen haben sollten“, warf Vivaldi ein, während sie ihm die Hand schüttelte.

„Das werde ich.“

Dann verließ Domenico den Raum.

Natürlich hatte er seine Arbeit fortführen und weiterhin den Bösen dieser Gesellschaft das Handwerk legen wollen. Und dass er das gut konnte, bestätigte seine Bilanz. Er war überzeugt davon, dass jeder Mensch auf dieser Erde ein Talent besaß – und Verbrecher jagen war nun mal seines. Er war wie geschaffen dafür.

Doch das war nicht der wahre Grund, weshalb er den Tatort etwas aufpoliert hatte und ein Klappmesser mit Pepes Fingerabdrücken zurückließ, das er immer bei sich trug und auch noch einige weitere Kleinigkeiten veränderte. Nein, der Hauptgrund war, dass er Santano alias il Magistrato nicht einfach so davonkommen lassen wollte.

Denn würde er im Laufe einer internen Ermittlung letztlich des unvorschriftsmäßigen Handelns für schuldig befunden, so würde dies den gesamten Fall gefährden. Sämtliche Informationen, die er bisher gesammelt hatte, würden wahrscheinlich für nichtig erklärt, da seine Glaubwürdigkeit mit einem Mal dahin wäre und somit jedes seiner Ergebnisse infrage gestellt würde. Denn wer glaubte schon einem rücksichtslosen Revolverhelden?

Außer Pepes Aufnahme, in der er Santano erwähnte, lagen keine weiteren Beweise vor. So würde es letzten Endes darauf hinauslaufen, dass die Ermittlungen gegen Santano eingestellt wurden und der gesamte Fall ins Wasser fiele. Und der Magistrat würde unbescholten davonkommen. Ohne Strafe. Ohne Prozess. Ohne jegliche Konsequenzen für seine grausamen Taten.

Das hätte Domenico nicht mit sich vereinbaren können. Niemals. Denn es waren Männer wie Santano, die der Auslöser dafür waren, dass er diesen Beruf gewählt hatte. Dass er sich, kaum dass es möglich war, zur Akademie gemeldet hatte. Sie waren es, weshalb er sich vom anfänglichen Streifenpolizisten geradewegs hochgearbeitet hatte. Durch Männer wie ihn, plagte er sich ununterbrochen durch Fortbildungen und Lehrgänge und absolvierte all die nötigen Prüfungen, um dort hinzukommen, wo er nun war.

Sie waren es, die ihm den nötigen Ansporn dazu gegeben hatten, jenen täglichen, erbitterten Kampf zu führen. Nämlich den Kampf gegen diese menschenverachtenden Grausamkeiten, welche diese Männer tagtäglich ihren Opfern zufügten. Gäbe es auch nur einen Funken Gerechtigkeit auf diesem Planeten, so wusste Domenico, würde er jenen Funken für genau diese Opfer geltend machen.

Männer wie der Magistrat ekelten ihn an. Sie waren die Verursacher für all das Leid auf dieser Welt. Sie waren Menschenhändler, Sadisten und Folterer. Sie zerstörten Leben und bescherten ihren Opfern körperliche und seelische Höllenqualen. Was sie diesen Opfern antaten, war unbeschreiblich und sorgte selbst bei hartgesottenen Ermittlern wie Domenico, noch immer für die ein oder andere Gänsehaut. In seinen Augen waren sie Abschaum. Abschaum, der seine gerechte Strafe erhalten sollte.

Möglicherweise würde der Fall Santano sein letzter sein. Darum wollte er ihn unbedingt hinter Gittern bringen. Mit ihm quasi einen erfolgreichen Abschluss finden. Dann sollte Schluss sein. Denn Domenico war angeschlagen, körperlich sowie seelisch. Er brauchte eine Pause von all dem Leid und Elend, das er tagtäglich zu Gesicht bekam.

Das war auch der Grund, weshalb er sich bereits seit Monaten in therapeutischer Behandlung befand. Aus freien Stücken. Er hatte schon länger gespürt, dass er es nicht alleine schaffte. Dass er es nicht mehr bewerkstelligen konnte, damit klarzukommen. Mit all den Bildern in seinem Kopf. Den Erfahrungen und Erinnerungen, die sich im Laufe seiner Tätigkeit allmählich angesammelt hatten. Die Brutalität und die Perversionen, die er immer wieder mitansehen musste.

Und dann war da noch dieser Drang. Dieses zwanghafte Bedürfnis danach, all diese Nöte und Ungerechtigkeiten zu stoppen. Sie aus der Welt zu schaffen. Das eigene Leben ausschließlich der Bekämpfung all dieser Missstände zu widmen. Es war ein unbändiges Verlangen, das er nicht beschreiben konnte. Und dabei begleitete ihn stets eine innere Wut. Er wusste nicht, woher diese kam, doch sie trieb ihn an. Natürlich sollte diese oder eine ähnliche Einstellung, die eines jeden Gesetzeshüters sein. Laut Aussagen seiner Therapeutin überstieg dieses Verlangen in seinem Fall jedoch jegliches gesunde Maß. Und er glaubte ihr. Denn das Verlangen war unzähmbar, beinahe aggressiv und er spürte, wie es ihn auffraß. Es war ein maßloses Bedürfnis, das ihn stets unter Druck setzte. Jeden Tag und jede Stunde, seit er denken konnte. Allem Anschein nach, hatte es also bereits in seiner Kindheit begonnen. Noch vor seiner Jugendzeit, was seine Therapeutin dazu veranlasste, über seine früheste Vergangenheit zu sprechen. Allzu weit waren sie damit allerdings noch nicht gekommen, da sie erst vor einigen Sitzungen damit begonnen hatten.

Zuvor hatten sie sich ausschließlich mit der Gegenwart auseinandergesetzt. Zum Beispiel mit der Tatsache, dass Domenico niemals längere Beziehungen gepflegt hatte. Mittlerweile hielt er sich sogar für beziehungsunfähig. Und damit schien er nicht ganz unrecht zu haben. Denn das, was er brauchte, hatte ihm keine Beziehung dieser Welt geben können. Nämlich den grenzenlosen Bedarf an Zärtlichkeit.

Dass ein abgebrühter Polizist, der verdeckt in den finstersten Ecken dieser Stadt ermittelte, sich nach Zärtlichkeit und Liebe sehnte, war eine blanke Ironie. Seine Psychologin schien dieser Tatsache jedoch kaum Beachtung zu schenken. Wie sie ihm erklärte, wusste sie, dass insgeheim jedes Individuum nach Zuneigung strebte – sogar, wenn es diesem selbst nicht bewusst war. Die Sehnsucht danach gehörte nun mal zum Menschsein. Sie kannte all die Statistiken und Nachweise, die belegten, dass Babys, welche kaum in den Arm genommen wurden oder Kinder, denen zu wenig Liebe entgegengebracht wurde, sich zu unglücklicheren Menschen mit geringeren sozialen Kompetenzen entwickelten, als jene, bei denen das der Fall war. In Bezug auf Domenico überschritt, laut Dr. Renga, aber auch dieses unbändige Verlangen jeden gesunden, menschlichen Maßstab. Denn eine Liebesbeziehung erforderte Gegenseitigkeit und Kompromisse. Sie beanspruchte ein ausgewogenes Geben und Nehmen. Aber jenes Pensum an Nähe und Zärtlichkeit, das er benötigte, reichte stets für beide.

Keine Frau dieser Welt hatte bisher diesen immensen Hunger, den er stets verspürte, stillen können. Jede war maßlos damit überfordert gewesen. Er war ein Mann, der jede seiner Frauen stets gut behandelt hatte, aufmerksam und nebenbei auf seine ganz eigene Art charmant. Aber das reichte nicht. Diese Kriterien allein hatten keine seine Verflossenen halten können. Denn er hatte sie ausgesaugt. Ihnen zu viel zugemutet. Warum das so war, galt es noch zu erforschen. Dr. Renga hatte diesen Aspekt als einen der Schwerpunkte auf ihre Liste gesetzt.

Außerdem war er stets verschlossen gewesen, was allgemein keiner Beziehung je förderlich war. Seiner Therapeutin zufolge würde sich dieser Umstand jedoch schon durch die Therapie selbst verbessern, da nun der erste Schritt, seinen harten Panzer abzulegen, getan war. Zwar hatte es etwas gedauert, doch letztlich war die Kruste gebrochen, worauf er sich ausgiebig bei ihr ausgesprochen hatte. Bereit, die Last endlich loszuwerden. Er erzählte ihr alles. Sie sprachen über seine Arbeit und ebenso die verschiedenen Fälle. Da sie gesetzlich zu absoluter Verschwiegenheit verpflichtet war, vertraute er ihr alles an. Jede Grausamkeit, jedes einzelne, barbarische Unrecht. Das gesamte Gräuel, das er täglich miterlebte. Bis ins kleinste Detail.

Anfangs hatte er nicht darüber sprechen wollen. Da er es gewohnt war, jede der Erfahrungen stets wegzusperren, irgendwo im hintersten Winkel seiner Seele. Später dann aus Rücksicht. Rücksicht zu ihr. Denn er hatte es ihr nicht zumuten wollen. Ihr keine schlaflosen Nächte bereiten wollen. Er hatte sie gern, sie auf eine gewisse Weise sogar lieb gewonnen – ohne Hintergedanken. Natürlich waren ihm ihre weiblichen Reize keineswegs entgangen. Schließlich besaß sie einen nahezu makellosen Körper, während ihre Gesichtskonturen und ihre großen, blauen Augen stets Wärme und Verständnis ausstrahlten. Auch ihr leuchtendes, blondes Haar, das sie stets elegant hocksteckte, hatte er nicht übersehen.

Das war es aber nicht, was sie für ihn so besonders machte. Es waren ihre Stärke, ihr Mitgefühl und das Vermögen, ihm das Gefühl von Geborgenheit zu vermitteln. Sie war die einzige Person in seinem Leben, der er sich anvertraute. Sich öffnete. So hatte sich mit der Zeit eine gewisse Vertrautheit zwischen ihnen entwickelt und er fühlte sich wohl bei ihr.

Daher hatte er sie schützen wollen – um ihretwillen. Doch Dr. Renga war eine professionelle und belastbare Frau und schien das Ganze relativ gut wegzustecken. Jedenfalls machte sie diesen Eindruck. Oder aber sie ließ all die abgründigen Erzählungen über sich ergehen, weil sie wusste, dass er es nötig hatte. Das war schließlich ihr Job. Genau darum hatte er sie einst aufgesucht. Welche der beiden Gegebenheiten nun der Fall war, wusste er nicht. Eines war ihm allerdings klar: Mit ihr zu sprechen, tat ihm gut und langsam aber sicher würden sie der Frage auf den Grund gehen. Die Frage, die sich anhand seiner inneren Zwänge und Charaktereigenschaften nahezu aufdrängte. Nämlich: Wer bin ich eigentlich?

Wenige Minuten darauf befand sich Domenico an der Schwelle zu Tollinis weit offen stehender Bürotür.

„Rein mit Ihnen“, hallte die befehlsgewohnte Stimme aus dem Raum, kurz nachdem er angeklopft hatte.

Domenico trat ein, während der alte Mann ihn aus dem Bürosessel heraus sofort zu sich winkte. „Na, da haben Sie uns was eingebrockt. Sie haben ein kleines Blutbad angerichtet, wenn man das mal so sagen darf.“ Der Alte war noch nie ein Freund loser Worte gewesen und sofern es sich nicht um Befehle handelte, auch nicht unbedingt beredsam. Und so kam er auch diesmal schnell zum Punkt: „Ich hoffe wirklich, das war notwendig.“ Dann strich er mit der Hand kurz über sein Kinn und blickte zur Seite. Schließlich erhob er sich aus seinem Sessel und wandte sich wieder Domenico zu. „Leider muss ich Sie bis zum Abschluss der Untersuchungen beurlauben und Ihnen Dienstausweis und Waffe entziehen. Ist nichts Persönliches – das ist nun mal das übliche Prozedere.“

„Ich verstehe“, erwiderte Domenico ohne Widerworte und legte das Geforderte auf Tollinis Schreibtisch.

Da blickte der Alte etwas reumütig auf. „Ich persönlich hoffe, dass sich bei den Ermittlungen herausstellt, dass Sie über jeden Zweifel erhaben sind. Das wünsche ich mir wirklich für Sie. Immerhin haben Sie sechs Mädchen und acht Jungen das Leben gerettet. Ich denke, sowas sollte man berücksichtigen.“ Er trat hinter dem Bürotisch hervor und blickte Domenico eindringlich in die Augen. „Außerdem hätten wir mit diesem letzten Mitschnitt genug, um Santano anzuklagen. Peperoncino sagt darauf explizit, dass es der Magistrat persönlich war, der ihn angewiesen hat, Sie mit dem Geschäft vertraut zu machen. Wenn Sie für schuldig befunden werden, ist die Tonbandaufnahme natürlich unzulässig und der gesamte Fall geht den Bach runter. Was bedeutet, dass mehr als ein Jahr Arbeit die Toilette runtergespült werden. Kein Staatsanwalt der Welt wird anschließend je wieder die Freigabe erteilen, gegen Santano zu ermitteln. Kurz gesagt: Das war’s dann.“

Betrübt blickte Domenico zu Boden. „Ich weiß.“

„Na ja, hoffen wir das Beste“, fuhr Tollini fort, „Nun liegt’s nicht mehr in unserer Hand.“

Domenico sah mit leerem Blick auf, worauf sein Vorgesetzter ihm die Hand reichte und sagte: „Viel Glück. Ich melde mich bei Ihnen, sobald es Neuigkeiten gibt.“

„Danke.“

Nun haben wir es tatsächlich nicht mehr in der Hand, stimmte Domenico dem Alten im Gedanken zu. Nun entschied einzig und allein das Schicksal. Mehr gab es nicht zu sagen.

Schließlich wandte sich Domenico um und ging langsam über die Schwelle nach draußen.

Kapitel 3

„Tamara?“, flüsterte Lorena leise durch den offenen Türspalt. Sie hielt einen Moment lang inne, bis sie schließlich zögernd an den Türgriff fasste. Ein langgezogenes Knattern ertönte, während die Tür zum Zimmer ihrer Schwester langsam aufschwang. Als Lorena sie entdeckte, spürte sie, wie sie einer Starre verfiel. Sie war ein kleines Mädchen und bisher war ihr ein solcher Anblick erspart geblieben.

Der Strick um Tamaras Hals hatte ihre Haut bis zu den Sehnen aufgescheuert. Ihr junger Körper schwebte reglos in der Luft, während sich unter ihr am Boden eine kreisförmige Urinpfütze gebildet hatte. Tamaras ausgedörrte, tote Augen starrten Lorena direkt entgegen, so als suchten sie ihren Blick, wobei ihre Zunge schlaff aus dem Mund quoll.

Lorena schrie, doch plötzlich war es dunkel. Panisch tasteten sich ihre Hände zum Lichtschalter. Als es hell war, blickte sie sich hastig um.

Schnell wurde ihr klar, dass sie alleine war. Daheim. In ihrem Bett, die Hand noch immer am Schalter der Nachttischlampe.

Ermattet fuhr sie sich über ihr verschwitztes Gesicht und schüttelte den Kopf, denn sie wollte sie abschütteln, all diese Gedanken und Erinnerungen. Erinnerungen an die Vergangenheit. An alles, was passiert war.

Doch wenn die Gedanken da waren, krallten sie sich meist fest, so als besäßen sie Klauen. Klauen eines Monsters, das sie nicht mehr loslassen wollte.

Zwar suchten sie in den letzten Jahren immer seltener böse Träume heim, heute jedoch war ein ganz besonderer Tag. Ein Tag, der sich jedes Jahr wiederholte.

Tamaras Geburtstag.

Heute wäre sie achtunddreißig Jahre alt geworden. Wäre. Hätte sie sich nicht das Leben genommen. Damals vor über zwanzig Jahren. Knapp eine Woche nachdem ihr das Schlimmste passiert war, das einem jungen Mädchen nur passieren konnte.

Lorena wusste noch, als wäre es gestern gewesen, wie Tamara völlig aufgewühlt ins Haus gestürmt war. Mit verweinten Augen, zerzausten Haaren und schmutzigen Klamotten. Wie sie wimmernd und zitternd an ihr vorübergehinkt war und sich schmerzwindend die Treppen nach oben geschleppt hatte. Noch nie hatte sie ihre große Schwester in solch einer Verfassung erlebt.

Sie war ihr vorsichtig gefolgt; als Tamara ihr Zimmer betrat, fiel die Tür jedoch vor Lorenas Gesicht ins Schloss. Kurz darauf vernahm sie, wie im Inneren das Geräusch der Duschbrause erklang. Dem Geräusch folgten verzweifelte Schmerzlaute. Laute wie die eines verletzten Tiers, das in eine Jagdfalle getreten war. Nie wieder hatte Lorena ein solch bedauernswertes Weinen gehört. Nie wieder in ihrem Leben.

Auch als ihre Mutter Maria voller Sorge das Zimmer betrat, verharrte Tamara noch mehrere Stunden in ihrem Badezimmer. Immer wieder hämmerte Maria verzweifelt gegen die verschlossene Tür und fragte, was geschehen sei. Letztlich war ihr jedoch nichts anderes übrig geblieben, als hilflos dem unaufhörlichen Wimmern ihrer Tochter zu lauschen. Bis sie schließlich selbst zusammenbrach und weinend zu Boden sank.

Irgendwann hatte Maria Lorena auf ihr Zimmer geschickt und gesagt, dass alles gut würde. Aber Lorena hatte bereits damals gewusst, dass nichts je wieder gut würde. Sie hatte es gespürt, tief in sich. Obwohl sie zu der Zeit noch nicht wusste, was geschehen war, hatte sie längst begriffen, dass ihre Schwester nicht dermaßen aufgebracht war, weil irgendein Junge sie nicht mochte oder ein anderes Teenagerproblem sie plagte. Es musste mehr dahinterstecken. Etwas Schlimmes. Etwas Unaussprechliches.

Lorena wusste nicht mehr, wie lange es gedauert hatte, bis Tamara wieder aus dem Badezimmer gekommen war. Bis sie ihrer Mutter gegenübergetreten war und worüber oder wie lange die beiden gesprochen hatten. Es hatte anscheinend die ganze Nacht gedauert. Lorena sah ihre Schwester und Maria erst am nächsten Morgen wieder.

Von Schule war keine Rede mehr gewesen, sie hatten beide zu Hause bleiben dürfen. Maria hatte Lorena um nichts weiter gebeten, als dass sie für die nächsten Tage auf ihrem Zimmer bleiben sollte, das Frühstück und alle weiteren Mahlzeiten würde sie ihr nach oben bringen. Denn sie hatte sich voll und ganz um Tamara kümmern müssen. Im Normalfall hätte Lorena protestiert. Doch aus den Augen ihrer Mutter las sie pure Überforderung. Sie war ausgelaugt, völlig am Ende und hatte wahrscheinlich die gesamte Nacht über gemeinsam mit ihrer Schwester kein Auge zugetan. Obgleich sie angestrengt versuchte, ein Lächeln hervorzupressen. Ein Lächeln, das kaum ihre Lippen verließ.

So tat Lorena wortlos, was von ihr verlangt wurde. Nichtsdestotrotz schlich sie sich später heimlich in den Flur. Kurz nachdem es an der Tür geklingelt hatte. Vom Treppenabsatz aus beobachtete sie einen uniformierten Polizeibeamten, der von Maria in die Küche geleitet wurde. Er nahm Tamara gegenüber am Tisch Platz, während sich Maria zu ihrer Tochter setzte und den Arm um sie legte.

Die Küchentür stand offen und Lorena konnte alles mitanhören. Jedes Detail. Als das Wort Vergewaltigung anfangs in den Raum gestellt wurde, hatte sie noch nicht gewusst, was es bedeutete. Doch als Tamara zu erzählen begann, begriff sie es allmählich. Ihre Schwester konnte kaum sprechen, stockte ständig und begann immer wieder zu weinen. Als sie darüber berichtete, wie er sie geschändet hatte, brachen ihre Sätze fortlaufend ab. Tamaras Ausführungen ließen Lorena einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Besonders als sie über das grüne Auge sprach.

„Seine Augen hatten verschiedene Farben. Eines war grün und das andere grau. Und das grüne Auge – dieses verfluchte grüne Auge! – es leuchtete beinahe“, sagte Tamara mit angewidertem Gesichtsausdruck und starrte dabei ins Leere. Dann begann sie wieder zu schluchzen und vergrub sich in Marias Armen.

Anschließend beschrieb sie ihn weiter und gab, so gut es ging, Angaben über seine Kleidung wieder. Die abgewetzten, blauen Jeans, das rotkarierte Flanellhemd und seine abgetragenen Sportschuhe. Auch sprach sie über die schwarze Skimaske und seinen abscheulichen Mundgeruch.

Später wurde Tamara für weitere Untersuchungen von dem Beamten ins Krankenhaus gefahren. Maria begleitete sie, zuvor hatte sie jedoch eine Nachbarin gebeten, vorbeizukommen und sich um Lorena zu kümmern.

Am fürchterlichsten war für Lorena allerdings gewesen, was in den darauffolgenden Tagen geschah. Nämlich dass sie hatte hilflos mitansehen müssen, wie aus einem Menschen, den sie liebte, langsam das Leben entwich.

Immer wenn sie Tamara ansah, war es, als hätte ihr jemand ihren Geist geraubt. Ihr gesamtes Wesen wirkte kalt.

Ohne jeden Ausdruck.

Stumm.