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MADCHICKBOÏ | Swag of K-Pop! Queer Coming-of-Age-Thriller. Emotional Blackout. Ready to Stream. Was passiert, wenn ein junger Datenanalyst auf den destruktivsten Popstar Asiens trifft und nicht mehr zwischen Kontrolle und Begehren unterscheiden kann? Nathan Choi, 21, liest Gedanken wie andere Textnachrichten. Als Ghostwriter für die Realität manipuliert er im Auftrag seines Vaters fremde Menschen - präzise, kalt, emotionslos. Hamburg, PSaiTex Corp. Die Zukunft ist jetzt und sie ist leer. Seit er mit 18 versehentlich die neue Frau seines Vaters verführt hat, ohne etwas zu fühlen, taumelt Nathan zwischen toxischer Familie, innerer Leere und körperlichem Überdruss. Bis er Maris Kang begegnet. Ein androgyner K-Pop-Star. Perfekt inszeniert. Tief zerbrochen. Ein Mensch wie ein Spiegel ohne Oberfläche. Was als Auftrag beginnt, wird zur Obsession. Zwischen Datenströmen, Halluzinationen und suizidalem Glamour verliert Nathan die Kontrolle: über das Projekt, über Maris, über sich selbst. Ein psychosexuelles Drama in High-Gloss-Ästhetik. Queer, verstörend, hyperaktuell.
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Seitenzahl: 460
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Über den Autor:Seeno Kami hat Mördern Kaffee serviert, nachts mit schizophrenen Frauen rote Bonbons von Wänden gekratzt und verwaisten Kriegsgeflüchteten aufmerksam zugehört. Sein bereits gelebtes Leben gleicht gefühlt drei anderen. Von exzentrischen Persönlichkeiten umgeben, fühlt Kami sich inspiriert. Weil Menschen kommen und gehen wie der Wind. Seine frühe Leidenschaft für Animes und die asiatische Kultur haben Seeno Kami geprägt und im Herzen wird er immer ein Kind sein.
Prolog
Bahnschlaf
Gene sind nicht alles
Unter die Haut
Schneeregen
Alles Gute kommt von oben
Lust auf was Festes
Flüchtige Begegnung
Einkassiert
Regen und Traufe
Schwedische Gardinen
Wer zu spät kommt
In fremden Zimmern
Auf jeden Fall unsicher
Von vier zu sieben
Kurze Haare, lange Nacht
Über den Rand
Con Sequenzen
Bernsteinaugenglanz, der bricht
Nichts ist für immer
Zum Nullpunkt kommen
Geschickt manipuliert
Neu definiert
Verschiedene Brüder
Hilfe zur Selbsthilfe
Er möchte gern gehen
Fragen über Fragen
One Piece, One Way
Epilog
Aus der Schwärze klingt es
wie ein menschlicher Ton.
L.W.
Es geht um ein paar Wochen, die mich prägten. Ein paar bizarre Wochen meines Lebens. Und die begannen so:
»Könnt ihr einmal, nur einmal im Leben etwas richtig machen, Nathan?«
Missbilligend checkt Tenshi die angekreuzten Kästchen auf meinen aktuellen Fragebögen. Bestimmt hundertfünfzig Stück habe ich ihm gebracht, eine ganze Mappe voll. Für drei Wochen nicht schlecht. Dachte ich.
Falsch gedacht. Look at this guy.
Tenshi ist genervt. Wie fast immer, wenn er mich sieht. Die senkrechte Falte zwischen den Augen meines Vaters spricht Bände. Ich stehe in seinem Büro und hasse es. Hasse jeden Tag, jede Minute dieser ätzenden Zeitverschwendung im Dienst der Datenwissenschaft. Es ist ein elendes Hamsterrad. Seit dem letzten Semester meines Studiums jage ich vertraulichen Informationen fremder Leute hinterher und bekomme dafür von Tenshi mein Leben finanziert. Beziehungsweise eine funktionsfähige Bankkarte gestellt. Aber eben nur dann, wenn wir pünktlich unsere Hausaufgaben an PSaiTex Corp. abliefern.
Wir, das sind Jared, meine Halbschwester Asuko, mein Zwillingsbruder Jian und ich. Man könnte sagen, es ist ein Spiel meines Vaters, um seine erwachsenen Kinder im Griff zu haben.
Kurz starrt Tenshi noch auf die Bögen. Ich bin gefasst auf seinen Vortrag. Asuko ist gar nicht erst mitgekommen. Weil sie genau weiß, was uns erwartet.
Cyber. Gleich legt er los.
»Nani yattenda yo, baka?«, plustert Tenshi sich auf. »Ihr hört einfach nicht zu!«
Mit einem lauten Klatschen wirft er die Mappe auf seinen kolonialen Schreibtisch. Ich zucke unwillkürlich zusammen, obwohl ich mich längst daran gewöhnt haben müsste. In einem Rutsch verteilen sich die Blätter über die dunkle Tischplatte und segeln vereinzelt auf den protzigen Perserteppich am Boden. Draußen erheben sich zwei dicke Tauben erschrocken vom Fenstersims in die Luft. Ich beobachte sie kurz, bis sie aus meinem Blickfeld verschwunden sind. Jetzt heißt es Augen zu und durch. Mein Vater war schon immer cholerisch.
»Mist ist das, Nathan, ehrlich! Was soll ich damit?«, wettert er. »Fast alles das Gleiche. Als wären die Antworten kopiert. Manche Unterschriften fehlen ganz. So kann ich nicht arbeiten. Sag Asuko ebenfalls einen schönen Gruß. Das ist ein Haufen Schrott!«
Klar, ich hätte das noch gewissenhafter machen können, aber … Prokrastination.
Stoisch schaue ich von seiner Hand zur stuckverzierten Decke und zurück auf seine Stirn mit der irreparablen Falte des Verderbens. Mein alter Herr heißt Professor Doktor Tenshi Ishikuro. Er wurde vor achtundvierzig Jahren in Japan geboren, und als er meine Mutter kennenlernte, ging er mit ihr nach Cheonan in Südkorea. Dort absolvierte er sein Masterstudium in Psychologie und erhielt durch spezielle Verhaltensforschung den medizinischen Doktorgrad. Und als wäre er noch nicht genug herumgekommen, zog er ein paar Jahre später nach Deutschland. Nach der Katastrophe. Deshalb sind mein Zwillingsbruder Jian und ich mit einem reichen Sprachschatz gesegnet. Neben Japanisch und Koreanisch sprechen wir fließend Englisch und Deutsch.
Zusammen mit seinem amerikanischen Freund und Kollegen, Professor Doktor Lennox Green, führt Tenshi ein Unternehmen der etwas anderen Art. Sein Institut befindet sich in einem der nobelsten Viertel Hamburgs und ist darauf spezialisiert, einerseits statistische Daten von unzähligen Testpersonen zu sammeln, um die psychoanalytischen Meta-Programme großer werbetreibender Firmen zu speisen. Andererseits behandeln Lennox und Tenshi vorher eigens diagnostizierte Traumata durch Hypnose. Rein privat versteht sich. Und natürlich topsecret, um den guten Ruf der Auftraggeber zu wahren. Eine hohe Heilungschance wird garantiert, obwohl kein Mensch wissen darf, was während der Sitzungen wirklich geschieht. Und weil diese langwierig angelegte Behandlungsstrategie jedem Normalsterblichen ein ziemlich großes Loch in die Geldbörse reißt, werden bei PSaiTex Corp. nur ausgewählte Klienten nach einer langen Warteliste betreut. Diese besondere Art der Dienstleistung ist nicht nur in Good old Germany heiß begehrt. Auch international sind Lennox und Tenshi äußerst gefragt, da sich ihre renommierten Studien bereits in den prominentesten Kreisen weltweit einen Namen gemacht haben.
PSaiTex Corp. interessiert alles. Angefangen von geheimen Vorlieben und dem individuellen Einkommen bis hin zu Konsumverhalten und Lebensweise der zahlenden Gesellschaft. E-Mail-Adressen, Telefonnummern und die uneingeschränkte Erlaubnis zur Weitergabe der Daten an Dritte müssen dabei sein.
Ein Großteil der Befragungen läuft telefonisch oder online, aber für komplexere Sachen müssen wir selbst ran, um die Einhaltung der Datenschutzrichtlinien sicherzustellen. Also sind meine Stiefschwester Asuko und ich persönlich dafür zuständig, unerschöpfliche Massen an Informationen bei gutgläubigen Passanten zu erfragen. Dabei bannen wir die Ergebnisse per Hand in die dafür vorgesehenen Kästchen. Das Institut beherbergt Tonnen dieser Listen und ich frage mich ernsthaft: Wer druckt heutzutage noch derart viele Blätter aus?
Tenshi und Lennox werten besagte Daten in eigens dafür entwickelten Programmen akribisch aus und verkaufen die Ergebnisse ihrer Erhebungen äußerst erfolgreich an luxuriöse Großkonzerne und selbstständige Unternehmer. Eingeteilt nach Nielsen-Gebieten. Inklusive oder wahlweise exklusive aller privaten Angaben. Je nachdem, wer gerade welche Informationen für seinen persönlichen Profit benötigt.
Irgendwann will mein Vater einen geeigneten Nachfolger für PSaiTex Corp. ernennen. Deshalb ist er überzeugt, dass sich der Kontakt zu fremden Menschen gut auf unsere Persönlichkeitsbildung auswirkt. Davon abgesehen ist Tenshi skrupellos. Für den passenden Betrag würde er jede gottverdammte Seele dieses Planeten veräußern. Hauptsache es regnet Cash.
Freiheit und Geld ist für ihn das Gleiche.
Sein Kleidungsstil ist unantastbar und korrekt. Zeitlos, klassisch. Tenshi könnte jederzeit zu einer abendlichen Galaveranstaltung oder zum Ärztekongress nach Übersee aufbrechen, ohne falsch gekleidet zu sein.
Denken Sie Groß von Deichkind, beschreibt ihn und sein Mindset recht treffend. Er ist einfach aalglatt.
So ein richtiger A-Klasse-Kohle-Dude. Von außen.
Und er will mich auch so haben. Von innen.
Klavier ab vier.
Er will mich zurechtstutzen.
Gitarre ab fünf.
Bis ich aufgebe und alles passt. Ich wünschte, er würde Hideo Kojima heißen. Die Texte von TJ_beastboy kommen mir in den Sinn.
1000x cooler! Bin ich auch. Aber gerade geht hier gar nichts mehr. Test. Test. Reversed white noise. Paranoise.
Tenshi redet und redet auf mich ein. Ich sehe ihm dabei zu.
Um zur Perfektion zu gelangen, bedarf es derart viel Gelaber. Dabei heißt es doch immer Schweigen ist Gold und zuhören sei so wichtig. Wobei, feingeistige Elfenbeindiktion liefert er echt nicht. Es ist eine Farce.
Mein linkes Augenlid beginnt unangenehm zu zucken. Ich weiß genau, was jetzt kommt.
Die Der-Geldhahn-wird-zugedreht-Ansage...
»Sollte diese chaotische Arbeitsweise für euch schon normal geworden sein, könnt ihr euch euer weiterführendes Studium anderweitig finanzieren, Sohn, das sag ich dir! Jian ist doch auch nicht so nachlässig. Warum du?«
Jian, his Golden Boy! Ey! Im Leeeben!!! Warum stehe ich noch hier?
Gestresst reibt Tenshi sich über die Augen.
»Und Jared bringt die doppelte Menge an Befragungen rein. Die sind alle wesentlich aussagekräftiger als das hier. Asuko braucht ein gutes Vorbild. Sonst hätte Noora gar nicht zugestimmt, dass du sie mitnimmst. Und nicht nur Noora erwartet das.« Seine Stimme füllt den großen Raum.
Bla. Bla. Bla. Noora! Nooras Erwartung? Tenshi kann froh sein, dass sie vor drei Jahren nicht in freudiger Erwartung war. Real talk!
Tenshis neue Frau ist die Letzte, die sich über gute Vorbilder Gedanken machen sollte.
Hat sie mir bewiesen. Hautnah.
Ich schalte auf Durchzug, doch das Pulsieren an Tenshis Schläfe paralysiert mich.
»Was starrst du mich so an?« Die Wut meines Vaters hat ihren Zenit erreicht. Ich sage nichts, da ich weiß, dass es völlig unnötig ist.
Und Lennox’ Sohn Jared. Das Paradebeispiel!
Es widert mich alles so an. Im Prinzip warte ich nur noch auf den passabelsten Zeitpunkt, um zu gehen. Nämlich dann, wenn mein Vater keine Lust mehr hat, über eine bestimmte Dezibelzahl hinaus zu schreien. Er ist fast so weit. Mein Gehör ist geschult.
»Heb das auf!«, blafft Tenshi gebieterisch. Ich sammle die Fragebögen unter dem Schreibtisch wortlos auf und lege den Stapel fein säuberlich zurück in die Mappe. Die Mappe platziere ich parallel zur Tischkante auf dem Schreibtisch.
Nicht sicher genug.
Den schwarz glänzenden Stein von einem Briefbeschwerer wuchte ich noch obendrauf. Tenshi sieht mir dabei zu und schweigt.
Ob er sein Pulver jetzt schon verschossen hat?
Abschätzig schiele ich zu ihm rüber. Mein Vater starrt auf den glänzenden schwarzen Klotz.
»Warum sind da jetzt überall Fingerabdrücke drauf?«
Er fragt das gerade tatsächlich, Choi. Lennox nennt das passiv aggressiv.
»Ja«, antworte ich laut. Tenshi sieht mich an und zweifelt an meinem Verstand.
»Weil..., weil wir Finger haben!?«, schiebe ich hinterher.
Energiesparbrain denkt er. Ich sehe das.
Doch Tenshi überwindet sich, nicht weiter darauf herumzureiten.
»Eure neuen Aufträge!« Verächtlich hält er mir zwei mit Büroklammern zusammengehaltene Papierstöße entgegen. In der oberen Zeile lese ich „Name, Adresse, Telefon“. Davon bin ich schon bedient. Meine Soziophobie sollte ihm noch ein Begriff sein. Aber...
Er will es persönlicher.
»Persönlicher, Nathan. Macht es persönlicher. Wir brauchen alle Informationen, die ihr kriegen könnt. Ihr startet ab heute ein Selbstexperiment. Ich will, dass ihr gründlicher werdet. Nehmt euch Zeit, meinetwegen drei Wochen. Sucht euch eine einzelne Zielperson aus und verbringt Zeit mit ihr. Findet einfach alles über sie heraus. Es muss sich wichtig für euch anfühlen. Dann bekommt das hier eine ganz andere Qualität. Und ihr müsst diese Person tatsächlich erst jetzt kennenlernen, um eure empathischen Fähigkeiten zu schulen. Es geht mir für PSaiTex Corp. in dieser Sache einzig und allein darum, dass ihr eure soziale Kompetenz steigert. Für meine Nachfolge. Für die Zukunft der Firma. Verstehst du?« Tenshi sieht mich durchdringend an. Ich starre zurück und nicke.
I’m fine with my own mind. Ich will niemanden kennenlernen.
Ungefiltert prasseln seine Worte weiter auf mich ein. Selbstzweifel kennt mein Vater nicht.
»Nutzt alles. Ihr habt so viele Seminare und Workshops besucht. Da sind Zehntausende von mir reingeflossen. Das kann doch nicht umsonst gewesen sein! Findet die Themen und Gesprächsfäden, die eine völlig fremde Person interessieren. Manipuliert sie so überzeugend, dass die gesammelten Informationen zweifelsfrei weitergegeben werden dürfen. Und achtet auf die Unterschrift, sonst haben wir keinerlei Verwendung dafür. Alle anderen Befragungen liegen vorerst für euch auf Eis. Jared und Jian erledigen den Rest. Klar soweit?« Mein Vater atmet zischend ein, höchstwahrscheinlich nur, um mich danach weiter zu bombardieren.
Er erwartet keine Antwort... Wozu auch? Er gibt eh einen Scheiß drauf.
»Es geht hier rein um die Authentizität aller Studien, die PSaiTex Corp. erstellt. Lennox und ich präferieren ein ganz und gar freiwilliges Sich-Öffnen der Befragten.«
Auch jetzt wäre es unklug einen Kommentar anzubringen.
Ein Sich-Öffnen… unglaublich! Bei dem kranken Input wäre spliffen DIE Alternative.
»Okay«, versuche ich das Gespräch abzuschließen und nehme die Papierbögen entgegen.
Fucking einlagiges Dreckstoilettenpapier!
Tenshis Atem rauscht durch den Raum, als hätte er einen Stierkampf hinter sich.
Wie hoch wohl sein Blutdruck gerade ist?
Aus Gewohnheit streiche ich mir mit einer schnellen Handbewegung meine Haare aus der Stirn.
Fehler!
»Und wie siehst du überhaupt aus?«, fragt mein Erzeuger gehässig.
Na super! Gleich destroyed er mich, wie Rezo, Miner-Morsel und MiiMii zusammen.
Mein Spiegelbild in der Fensterfront gegenüber beantwortet mir diese Frage eindeutig.
Wie immer, ganz normal. Mein gewohnter Style! Nennt sich most unfitted.
Dunkle Eco-Lederboots, zerrissene Jeans, Hoodie. Lange dunkle Haare. Ein Ring in jedem Ohr. Mundschutz. Meinen neuen Undercut hat er noch nicht bemerkt.
Und das wird auch so bleiben.
Bei vielen weiblichen Mitmenschen kommen meine asiatischen Gesichtszüge richtig gut an. Doch da jeder schnell merkt, wie unnahbar ich bin, ist es nicht verwunderlich, dass ich wenig Freunde habe. Meine Art wird oft direkt mit Arroganz verwechselt, was so nicht stimmt. Ich bin einfach nur schüchtern.
In der Hydra müsste man sein.
Ich war ziemlich gut in der Schule und habe zwei Klassen übersprungen. Doch das ändert überhaupt nichts an meinem zeitweisen Mangel an Empathie. Jedenfalls kann ich Tenshi jetzt auf seine Frage zu meinem Äußeren – wie immer – keine Antwort geben, die ihn befriedigen würde.
»Setz’ wenigstens das Ding ab, wenn du in mein Büro kommst«, wettert er grantig, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen.
Okay Boomer, zermeißel mich!
Mir ist klar, dass er den Mundschutz meint. Doch es fällt mir immer noch schwer, ohne dieses Ding rauszugehen.
Aus Angst, dass ich mich mit irgendwas Widerwärtigem wie Covid-19 anstecken könnte.
Als ich Luft hole, winkt Tenshi gelangweilt ab. Das ist er. Der Punkt.
Dem Himmel sei Dank.
Ich drehe mich um und gehe.
»Stopp!«, ruft Tenshi und ich halte mit hochgezogenen Schultern inne.
What the fuck?
»Nur zur Info. Keine Anrufe mehr heute. Ich treffe mich später mit einem wichtigen Klienten zum Abendessen, der von weit her angereist ist.« Mehr sagt er nicht.
Als ob ich ihn gleich anrufen würde. Tz...
Ich nicke resigniert. Er scheint tatsächlich fertig zu sein.
Höher, schneller, breiter.
Das altbekannte Gefühl zwischen purer Erleichterung und der irreversiblen Enttäuschung, dass dieser Typ meine Familie ist, stellt sich ein.
Ein einsames Häuschen in einer Allee fürs Wochenende, – das wär’s jetzt!! Keiner fickt mich. Von Großstadtgeflüster. Läuft. In meinem Kopf.
Die Tür fällt klickend hinter mir ins Schloss. Und da kein Brüllen durch die schwere Eichenholztür zu hören ist, war meine Annahme goldrichtig.
Keine Menschenkenntnis? Von wegen!
Der Umgang mit meinem Vater war schon immer eine absolute Herausforderung für mich.
Meine Gedanken schwimmen.
Gloomy eyes... you identify. Mel oh die.
Bruchstückhafte Erinnerungen tauchen auf und ab wie schillernde Forellen. Wahllos folge ich ihnen. Mein Blick gleitet über spiegelblankes Parkett. Ein dünnes Mädchen, blass wie Papier, steht vor einer schweren Mahagonitür. Sie weint. Ihre glitzernden Augen haben die Farbe von dunklem Honig.
Bernsteinaugen.
Ich sehe sie. Blind.
Tock toc toctock… tock toc toctock.
Meine Hände brennen.
Slashed arms… you squeeze.
Meine Beine spüre ich gar nicht mehr.
Missing legs… you run away.
Mein Kopf tut höllisch weh.
Without breath… you may survive.
Undeutliche Stimmen schweben wie Nebelschwaden durch mein Bewusstsein. Sie dominieren meinen Geist und lassen meinen Körper einer leeren Hülle gleich an einem unbekannten Ort zurück.
Kraftlos. Machtlos.
Mit zittrigen Händen betaste ich die Haut in meinem Gesicht. Sie ist kalt und feucht. Wie ein sauber gerupftes Huhn. Alles an mir fühlt sich sonderbar dumpf an.
Jede meiner Zellen rebelliert auf ihre eigene unangenehme Weise, vibriert leicht, wie kurz nach einer lokalen Betäubung. Ein bestialischer Kopfschmerz nimmt all meine Synapsen in Beschlag. Verwirrt versuche ich, meinen Oberkörper aufzurichten. Es geht nicht. Der drückende Schmerz nimmt dadurch nur zu. Ruckartig unternehme ich einen zweiten Versuch. Zwecklos. Außer, dass es sich anfühlt, als würde meine Schädelkalotte jeden Moment mit einem infernalischen Krachen in 1000 Teile zerbersten.
Völlig sinnfrei, die Aktion.
Träume ich?
Ich möchte mich an etwas klammern.
Oder an jemanden.
Doch es ist, als würde ich festgehalten. Nur meine Arme rudern zeitlupenartig gegen einen undefinierbaren, trägen Widerstand. Angst schleicht sich in mein Bewusstsein. Erst wenig, dann immer mehr. Wie schattiger Rauch strömt sie in mein schmerzendes Gehirn. Ich spüre einen nicht greifbaren Gegendruck, doch nirgendwo erlösenden Halt.
Nathan! Du Mock. Jetzt find’ den Ausgang. Leg los!
Ich taste vergeblich. Meine Füße treten in eine endlose Leere. Es scheint, als befinde sich mein Körper in einem Vakuum.
Oder in tiefem Wasser.
Verzweifelt schnappe ich nach Luft. Alles in mir schreit.
1,84 Körpergröße scheinen hier nicht zu zählen.
Wie bin ich hierhergekommen?
Verstörende Panik erfasst mich und ich möchte einfach nur ohrenbetäubend laut schreien. Doch aus meinem Mund dringt kein Laut. Meine irdischen Augen sind offen und absolut blind. Adrenalin beginnt meine Adern zu fluten wie ein Monster-Tsunami. Lähmt mich sekundenlang.
Oder stundenlang?
Die Zeit relativiert sich hier für mich.
Wo ist hier?
Verzweifelt versuche ich, mir mich selbst vorzustellen. Nathan im Weltall. Nathan im Morast. Nathan im Ozean.
I’m nowhere. Rescue me, Elon. And... don’t panic!
Es klappt nicht. Ich höre nichts.
Wie lange ich so verharre? Kein Plan.
Keines meiner Sinnesorgane gehorcht mir. Sie stehen nur neben dem komischen Schauplatz, der mein Körper ist, und lachen mich aus. Ich höre das nicht, sehe es nicht. Und ich weiß es trotzdem. Ganz sicher weiß ich es.
Die Gestörten.
Marilyn Manson stimmt in meinen Gedanken Deep Six an. Wieder gehen meine Hände auf Wanderschaft. Sie tasten an meinem Kopf entlang. Direkt ins Nichts.
Nathan ohne Gesicht. So habe ich mich schon oft gefühlt. Tagelang... verschollen im Bett.
Seitlich meines dröhnenden Kopfes, da wo die Ohren sein sollten, ist alles glatt. Auf beiden Seiten. Und meine nutzlosen Pupillen zeigen mir nur eines. Nämlich, dass Leere unendlich ist. Innen. Und außen.
Ob ich einen Schlaganfall habe?
Mit 21... Wie ungewöhnlich.
Ich schließe meine nicht vorhandenen Lider. In meinem Kopf kristallisiert sich ein einzelnes Bild. Hell und klar.
Bernsteinaugen.
Gleißendes Licht blendet mich und umschließt mich immer mehr. Es hüllt mich vollständig ein. Der Widerstand ist weg. Ich fühle mich frei und leicht, empfinde nichts als Ruhe. Keine Kopfschmerzen. Für diesen einen kostbaren Moment.
So muss es im Himmel sein.
Das Licht wird mit einem Schlag ersetzt. Durch einen reißenden Schmerz in meiner Brust und wiederkehrende bleierne Dunkelheit.
Kann man Dunkelheit spüren?
Toctock toc toc toctock...
Mein Herzschlag fühlt sich unregelmäßig an. Ein unangenehmes Vibrieren jagt durch meinen linken Oberschenkel. Ich versuche auf mein Bein zu schlagen und treffe nicht. Es vibriert noch eine Weile weiter. Ich habe null Zeitgefühl.
Was passiert mit mir?
Wieder trifft mich ein Hieb auf mein Brustbein. Es fühlt sich wie eine Vollbremsung an. Der Schmerz zieht bis tief in meine Lunge. Einem Ertrinkenden gleich, japse ich nach Luft. Die Enge nimmt langsam ab.
Ich spüre das unkontrollierte Flattern meiner Augenlider. Gelbes Neonlicht wechselt sich in rasender Geschwindigkeit ab mit schwarzem Nichts.
Escaped from Storage 1988 in 3D!
Alles scheint semipermeabel… wie mein Herz.
Meine Gedanken machen sich selbstständig und ich kann sie nicht erklären.
Es war Nichts! Wirklich Nichts. In dem mein Körper landet. Das mein Körper ist.
Ich atme ein. Und ich schreie. Ich schreie so laut, bis meine Stimme bricht. Und verebbt.
Andere Schreie hallen weiter. Neue Schreie. Der Kopfschmerz nimmt wieder seinen Platz ein und umschließt meinen Schädel wie ein Helm. Meine Ohren dröhnen. Aus meinen Kopfhörern schreit Miyavi mich hemmungslos an. Ich bin das Gegenteil von No Sleep Till Tokyo. Erschrocken fahre ich auf dem klebrigen Kunstledersitz aus dem Schlaf in die Höhe. Dabei stoße ich mir so hart den Kopf an der Gepäckablage, dass ich mich benommen wieder hinsetze. Zu den Helm-Schmerzen kommen üble Gepäckablagen-Schmerzen und eine Hand voll schwarz-lila Sterne. Das Ruckeln des Waggons schleudert die Sterne wild durcheinander. Dann sind sie weg. Voodoo People von The Prodigy brettert aus meinen Headphones.
Jetzt bin ich wach. Mit einem Keuchen reiße ich mir den Mundschutz ab.
Luft! Das Teil ist Fluch und Segen zugleich.
Die drückende Enge ist verschwunden. Zögerlich fixiere ich den Mundschutz in meiner Hand. Das dämliche Ding ist mein ständiger Begleiter, weil es für mich Sicherheit, Kontrolle und Abgrenzung bedeutet.
Eine Art Panzer vor... allem.
Von meinen Macken mal abgesehen, hat nichts in meinem Alltag eine besondere Routine. Und der Grund dafür ist einfach: Ich habe Angst davor, dass ich etwas verlieren könnte. Etwas, das ich anfangen würde zu lieben.
Paradox.
Meine gefühllosen Finger umklammern den kleinen Lautstärkeregler des immer noch donnernden Smartphones wie ein Schraubstock. Erschlagen betätige ich den Off-Button. Ein monoton piepender Tinnitus löst die Musik nahtlos ab. Die übriggebliebene Substanz meiner geschundenen Trommelfelle weht sicher, einer zerfetzten Gardine gleich, in meinen Gehörgängen hin und her. Ich denke kurz über dieses Bild nach. Nicht lange. Das Toctocktoctock des fahrenden Zuges beruhigt mich.
Herzrhythmusstörung, haha! Nathan Choi, du Trottel.
Mühsam versuche ich mich zu orientieren. Vor mir, etwa in Brusthöhe, klemmt eine halb zusammengequetschte Coladose zwischen den zwei waagerechten Haltegriffen, als würde sie auf mich zeigen. Einzelne Tropfen der klebrigen Flüssigkeit ziehen gerade unangenehm in den Schritt meiner dunklen Jeans ein. Zum Glück nicht in meinen Hoodie, der mit seinen Verfärbungen und Löchern nicht so teuer aussieht, wie er war. Der Anblick der Dose irritiert mich.
Habe ich die da reingesteckt?
Doch ich kann nicht darüber nachdenken. Vorsichtig reibe ich meine Hände gegeneinander. Sie kribbeln von der unbequemen Position wie ein Sack Flöhe. Über den Gang auf der anderen Seite hockt ein ungepflegt aussehender Mann und wühlt im Müllbehälter unter dem riesigen Genießensie-verdammt-nochmal-die-Aussicht-Panoramafenster.
Mich beachtet er nicht.
Er riecht bestimmt... abstoßend.
Ich lasse meinen Blick schweifen. Bahn fahren ist anstrengend für mich.
Eine Zumutung.
Mit bebenden Fingern ziehe ich mir den Mundschutz wieder über die Nase. Ich kann nicht damit aufhören, mir einzubilden, dass ich damit weniger oft krank werde.
Lennox sagt auch, das ist Einbildung.
Ein paar Sitzreihen weiter vorn beobachten mich zwei ältere Frauen und tuscheln argwöhnisch miteinander. Eine sieht original aus wie Frau Elster mit einer Tonne gefädelter Ostseeperlen an ihrem teigigen Hals. Die Farblosere daneben war sicher ihr ganzes Leben eine Mitläuferin. Am liebsten will ich ihrem anklagenden Blick ausweichen.
Lennox würde darüber den Kopf schütteln.
Also starre ich ratlos in ihre Richtung.
Nicht ratlos, Choi. Selbstbewusst!
Selbstbewusst starre ich zur dauergewellten Front.
Lennox, du wärst stolz auf mich.
Sie glotzen mich an, als wäre ich eine soeben entdeckte neuartige Spezies.
Oder meinen die gar nicht mich und ich habe gerade nur die Paranoia des Todes?
Ich schaue hinter mich, aber da ist niemand.
Die zwei Eulen reden über mich!
Wäre interessant zu wissen, was so spannend an einem schlaksigen Typen in dunklen Klamotten ist. Vielleicht die Frechheit, dass ich eine Kapuze aufhabe und meine Unterlippe gepierct ist. Oder, dass ich schlafend über den Sitzen hänge. Eventuell, dass ich, während ich schlief, zusammengezuckt bin. Und dabei markerschütternd laut geschrien habe. Wenn ich wüsste, welche Worte ich wohl während meines seltsamen Traums wahnsinnig laut und ungehemmt durch das ganze beschissene Abteil gebrüllt habe.
Sie glotzen immer noch. Oh Mann, weird, die Situation.
Gut nur, dass mein Freund, der Penner, in der Sitzreihe gegenüber, die Show gänzlich uninteressant zu finden scheint.
Er ist gar nicht so übel.
Gedankenverloren fischt er die restlichen Krümel aus einer alten Chipstüte.
Hunger! Habe ich Hunger?
Ich schäme mich dafür, dass ich dem Obdachlosen vorhin irgendwie Unrecht getan habe, weil ich ihn abstoßend fand. Ich verdiene es eigentlich gar nicht, dass er mich so sagenhaft gleichgültig behandelt. Seine zerschlissenen Klamotten starren vor Dreck. Und er ist mir tausend Mal sympathischer als die reißzahnigen Bingo-Ladys fünf Reihen weiter vorn. Glücklicherweise sind sie die einzigen Zeugen meiner sicherlich sehr tiefgreifenden Darbietung von vorhin. Frau Elster schüttelt im Gespräch kaum merklich den Kopf. Als die beiden Frauen meine Aufmerksamkeit bemerken, schauen sie sich kurz wissend an und drehen sich mit zusammengepressten Mündern weg. Mein Handy vibriert.
Vielleicht sind die zwei dauerhaften Wellenträgerinnen nur angefressen, weil ich schönere Haare habe.
Die Vibration geht mir am Arsch vorbei.
Genug der disqualifizierenden Wertungsrunden Unbekannter, Choi.
Ich beachte sie nicht mehr. Die Kopfschmerzen krachen in rhythmischen Intervallen von innen gegen meinen Schädelknochen. Vorsichtig massiere ich mir die Schläfen.
Soll ja angeblich stressbedingt sein.
Mein Handy vibriert und vibriert. Ich reagiere nicht.
Wo wollte ich hin?
Der immer noch konstant fiepende Tinnitus in meinem Ohr vermischt sich mit dem lauter werdenden Bremsgeräusch von draußen. Mein Magen zieht sich unheilvoll zusammen. Das Abteil des Zuges kommt mir plötzlich vor wie eine Zelle. Gleißendes Kabinenlicht spiegelt sich unerträglich hell in den Scheiben. Dahinter ist nur bleierne Dunkelheit.
Wie spät ist es?
Fahrig drücke ich beide Handkanten gegen das dreckverschmierte Fensterglas und halte mein Gesicht dazwischen, um festzustellen, an welcher Haltestelle ich bin.
Mundschutz in Position. To-do-Liste Punkt eins:
Hände waschen!
Auf dem dunklen Bahnsteig erkenne ich ein schwach angestrahltes Schild. Es sagt mir unmissverständlich, dass ich vor drei Stationen hätte aussteigen müssen. Die Linie fährt zum Flughafen. Beziehungsweise daran vorbei, wenn man einschläft. Lautstark quietschend wird die Bahn immer langsamer. Mein Handy vibriert zum zehntausendsten Mal in meiner linken Hosentasche. Als der Zug steht, hört es wieder auf. Wie versteinert klebe ich mit meiner Kapuze auf dem Kopf an der milchigen Fensterscheibe.
»Sag’s nicht! Mist!«
Ich schließe kurz die Augen, bevor ich meinen Kopf um die Gepäckablage herummanövriere und an den beiden Tanten vorbei zur Tür haste. Mit einem Satz verlasse ich den Zug. Als Einziger stehe ich auf dem verlassenen Bahnsteig in der Dunkelheit. Der Zug setzt sich wieder in Bewegung. Ich atme.
Ein Wunder.
Kühle Nachtluft weht mir meine langen Haare ins Gesicht. Sie sind schwarzbraun wie Kaffee. Bis auf den neuen Undercut schneide ich sie nie. Sie sind etwas, das bleibt. Etwas, worüber ich entscheiden kann. Es ist echt kalt hier draußen. Ich ziehe mir meine Kapuze noch weiter ins Gesicht und vergrabe meine Hände unter den langen Ärmeln meines Hoodies tief in den Hosentaschen.
Nützt nichts. Mir ist immer noch scheißkalt.
Das dünne Smartphone vibriert direkt neben meiner linken Hand. Es wird Asuko sein. Ich gehe nicht ran. Als sie auflegt, ziehe ich es doch aus meiner Tasche und sehe elf verpasste Anrufe.
»Lass doch jemand anders warten«, lese ich ihre kurze Nachricht.
Fuck!
Seit meine Mutter weg ist und mein Zwillingsbruder Jian meist alles andere als für mich da war, nahm Asuko nach und nach seinen Platz ein. Ich liebe und ich hasse sie. Wie es mir gerade passt. Keine Minute vergeht, bis sie mich erneut anruft. Meine Stiefschwester.
Um genau zu sein, ist sie die Tochter von Tenshis neuer Partnerin Noora. Einer Halbkoreanerin, die meinem Vater und Lennox ursprünglich lediglich in geschäftlichen Belangen zur Hand gehen wollte. Das Zur-Hand-gehen fand sie dann, glaube ich, richtig gut. So habe ich neben Jian eben noch Asuko. Manchen Leuten erzähle ich, dass sie meine Cousine ist. Stiefschwester klingt so hart. Wie dem auch sei. Asuko scheint ihre ganze Ungeduld in die Vibration meines Handys zu übertragen. Es fühlt sich wütend an. Ich ignoriere es und erinnere mich, dass mein Kühlschrank zuhause leer ist. Ihre nächste Nachricht bestätigt mir, dass es besser war, nicht dran zu gehen.
»Beweg deinen Arsch hierher!! Sofort!!!!«, steht auf dem Display.
Wir sind verabredet, um die neuen Fragebögen mit den Individualitäten fremder Leute zu füllen. Am Flughafen.
Wer außer Tenshi kommt bitte auf so eine Schwachsinnsidee? Selbstexperiment.
Unsere speziellen Fragebögen. Für die Qualität.
Persönlicher, Nathan. Ich brauche es persönlicher.
Oh Mann!
Abgesehen davon, dass diese Befragungen mich zu Tode langweilen, habe ich auch noch diesen Wahnsinnshunger. Zu spät bin ich sowieso schon, da ist gegen einen kleinen Snack nichts einzuwenden.
»Gago, wo bist du?«, fragt mein Handy in fetten Lettern.
Meine schwarzen Boots knirschen über Rollsplitt, als ich eine Reihe grell beleuchteter Shops ansteuere. Mir ist alles recht. Nur kein Köftespieß.
Und viel reden will ich auch nicht.
Bei der erstbesten Gelegenheit, einem heruntergekommenen Asia-Bistro, bestelle ich einen Pappbecher mit Instant-Nudeln. Während ich warte, angle ich mir ein Paar Stäbchen von der fettigen Anrichte. Die faltige Frau hinter der Theke hat es nicht eilig.
Kann die mal schneller machen?
Sie lächelt mich wohlwollend an und hält mir eine dampfende Box entgegen. Der fettige Inhalt sieht unspektakulär grau aus.
Fehlt nur noch mein Wechselgeld.
Mit schmierigen Fingern drückt die Alte mir die Münzen in die Hand und schenkt mir dabei ihr schönstes zahnloses Grinsen.
Das nenne ich mal unappetitlich.
Ich blende es aus und wende mich zum Gehen. Mit einem leisen Knacken breche ich die Essstäbchen auseinander.
Schief!
Meine Finger spannen sich fest um das dünne Holz. Unbeherrscht atme ich aus. Ich kann es nicht ausstehen, wenn sie schief abbrechen. Und sie brechen lächerlich oft schief ab.
Alles Karma.
Mein Magen knurrt, aber ich halte entgeistert inne. Ungläubig bleibt mein Augenradar an etwas hängen.
Halt, Choi. Zoomen!
Am Rand des Nudelbechers klebt ein graues Haar. Fassungslosbetrachte ich es und kämpfe zeitgleich mit einem hartnäckigen Würgereiz.
»Alter, das gibt’s doch nicht!«, entfährt es mir angeekelt.
Im Affekt und mit viel Schwung befördere ich das Haar mitsamt dem Becher, den Stäbchen und aus Versehen auch dem Wechselgeld in die Tonne neben dem Laden.
Gott, Allah, Krishna und der Heilige Geist posaunen mir synchron zu, ich soll doch bitte ohne graue Nudeln und graue Haare in mir zu Asuko gehen. Und zwar jetzt.
Schön, so sei es. Ich hatte sowieso vergessen, mir die Hände zu waschen.
Vielleicht soll mir auf diesem Weg auch einfach nur mitgeteilt werden, dass einer der vorgenannten Herren mich nicht leiden kann.
Verdränge das, weil... Es wird dir gerade nichts anderes übrigbleiben, als abgestandene Autoluft zu inhalieren!
Ich denke das, bevor es sich verhindern lässt.
»Ach, fick dich!«, schreibt Asuko.
Während ich laufe, tippe ich eine Antwort für sie.
»Schön von dir zu hören. Warte gern auf mich«, sende ich mit einem müden Grinsen ab.
Doofe Kuh.
Vor dem Bahnhofsgebäude widerstehe ich dem Drang, am Taxistand vorbeizugehen, weil ich am liebsten nicht einsteigen will. Ich verabscheue den Geruch fremder Autos. Es riecht für mich alles nach Dieseltank. Mein Synonym für abscheulich penetranten Geruch; sei es Zigarettenmief, abartig künstlicher Weichspüler oder Sie-haben-definitivden-falschen-Parfumgeschmack-Verehrteste-Gestank. Das scheint außer meiner Wenigkeit absolut niemanden zu stören. Von sonstigen olfaktorischen Katastrophen, die manchen Fahrgästen sonderbarerweise oder nur in engen Räumen entfleuchen, möchte ich gar nicht anfangen.
Ich hasse enge Räume.
Sich nah an Menschen aufzuhalten, ist für mich kein Spaß. Ich verabscheue dieses Gefühl abgrundtief. Doch gerade bin ich zu spät dran, um meinen Macken nachzugeben. Davon abgesehen, hat Lennox es schon gut in den Griff bekommen.
Nicht mal Quentiapin oder Dulox brauche ich noch regelmäßig.
Angespannt nehme ich einen letzten tiefen Atemzug, öffne die Beifahrertür eines Taxis und lasse mich behutsam in den von Nikotin stumpfgewordenen Ledersitz sinken.
»Zum Flughafen, bitte«, höre ich meine Stimme und sehe, wie in einem Filmausschnitt, dass der adipöse Fahrer das Ziel mit einem Kopfnicken quittiert. Sein fettiger Haarkranz trägt nicht zu meinem Wohlbefinden bei. Er drückt mit seinem gelblich aussehenden Zeigefinger das Taxameter auf 2,50 GRUNDGEBÜHR und chauffiert mich in gemächlichem Tempo, während ich flach atmend meinen Gedanken nachhänge. Am liebsten würde ich bis zum Flughafen die Luft anhalten.
Meine Phobie ist ein Arschloch. Meine Misophonie auch. Penibel achte ich darauf, nichts anzufassen.
Choi, du hast deine Hände doch eh nicht gewaschen.
Ich ärgere mich über mich selbst und über den Unsinn dieser Fahrt.
Warum musste ich auch einschlafen?
Die Gedankenmaschine steht einfach nicht still.
Du bist allein, Choi. Verdammt nochmal allein.
Für... immer!
Manchmal frage ich mich, ob überhaupt irgendjemand auf der Welt meine Sprache spricht. Gefühlt meine ich. Und wenn es solche Menschen gibt, dann sind es ziemlich wenige. Doch vielleicht habe ich bis jetzt einfach die falschen Leute kennengelernt.
Nicht, dass ich es darauf anlegen würde.
Ich habe sechs Semester an der Uni studiert und alle Prüfungen erfolgreich bestanden. Vor allen anderen aus meinem früheren Jahrgang. Weil ich gut bin. Außerdem verfüge ich über ein gut funktionierendes Netzwerk. Meine eigensinnige Familie ist mein Vitamin B, wenn auch nicht besonders nett und ziemlich materialistisch. Und obwohl mein Leben keineswegs perfekt ist, passt so vieles. Dennoch fühlt es sich oft so unerklärlich falsch an.
Etwas fehlt.
Ich bin unsicher was, außer...
Du willst raus aus dem Moloch, der deine orientierungslose Seele ist.
Und wenn man nicht weiß, was man sucht, kann es leicht passieren, dass man Dinge tut, die man besser gelassen hätte. Wo ich wieder bei dem leidigen Thema bin.
Was fehlt mir genau? Wer weiß das, wenn nicht ich?
Punkt eins weiß ich sicher: Die Leere, die mich ausfüllt, bessert sich leider nicht durch meine Introvertiertheit. Das frustriert mich irrsinnig.
Ich kann nicht über meinen Schatten springen.
Punkt zwei: Ich fühle mich nutzlos, wie ein Synchronsprecher in einem Stummfilm. Einfach fehl am Platz. Der Film könnte Nathans ödes Leben oder so heißen.
Drittens suche ich krampfhaft einen Ausgleich für diese Leere, was mich psychisch regelmäßig an den Rand des Wahnsinns treibt. Doch das bemerkt niemand, weil ich nicht darüber rede.
Weil es keinen etwas angeht.
Punkt vier wurde mir schon früh klar: Ein Hamsterrad sieht von innen aus wie eine Karriereleiter. Dazu kommt die Depression, schon alles zu haben. Alles kaufen zu können.
Punkt fünf: Ich hasse eintönige Fallstudien. Und alte Männer, die mich bedrängen, hasse ich auch.
Bei meinem väterlichen Vorbild ist das kein Wunder.
Um die lästigen Befragungen unwilliger Passanten etwas interessanter zu gestalten, haben Asuko und ich unsere manipulativen Sie-wollen-es-doch-auch-Methoden entwickelt. In der Praxis verbessern wir diese ständig, ohne dass wir großartig darüber nachdenken müssen. Seit der Lektüre von Vanessa Van Edwards beeindruckendem Werk Die Psychologie der Anziehungskraft habe ich meine ganz persönlichen Favoriten. Und da heute jeder von uns eine neue Person kennenlernen muss, gehe ich sie alle in Gedanken nochmal durch. Rein theoretisch.
Methode 1: Die Ungeschickt-ins-Glück-Methode. Funktioniert so, dass ich mich voller Hingabe einer ansprechenden Person sprichwörtlich vor die Füße werfe und außerordentliches Unwohlsein simuliere, um so mit ihr ins Gespräch zu kommen. Klappt oft.
Methode 2: Die Betrogen-stehen-gelassen-Methode. Asuko und ich müssen die Aktion zusammen durchziehen und einer von uns geht dabei natürlich leer aus; je nachdem, wer diesmal fremdgegangen ist. Beispielsweise mache ich meiner Stiefschwester in aller Öffentlichkeit eine dramatische Szene, wie sie mir das antun konnte. Um dann von ihr an einem belebten Platz zurückgelassen zu werden. Jemand erbarmt sich meistens und nimmt sich des Verlassenen an. Das Ergebnis ist, man kann es sich denken, ein Gespräch.
Die Vibration in meiner Hosentasche bringt mich zurück in die Gegenwart.
»Wo bleibst du, Hänger? Wenn du immer zu spät kommst, werden wir nie fertig«, leuchtet mir Asukos liebenswerte Nachricht entgegen.
Sag mal, du Frucht, als würde ich ständig zu spät kommen.
»4 Minuten ^^ icksdee«, antworte ich und versenke meine Hände samt Telefon wieder in meinem Hoodie. Ein feiner Sprühregen setzt ein und besprenkelt die Seitenfester des Taxis.
Wo war ich?
Methode 3: Die-Optimisten-ziehen-Leute-an-Methode. Dabei fühlen wir uns möglichst großartig. Bei Asuko kommen dafür nur periodenfreie Tage in Betracht. Vom Glück geküsst, möchten wir unsere gute Laune am liebsten mit der ganzen Welt teilen. Wobei wir das Warum-System benutzen, um ins Gespräch zu kommen. Frag einfach auf jede deiner eigenen Warum-Fragen, auf die du eine Antwort erhältst, möglichst unauffällig wieder Warum? Die Zeit, die das Gegenüber damit beschäftigt ist, von sich zu erzählen, vervielfältigt sich so enorm. Bedingt durch den hohen Dopaminausstoß, der damit zusammenhängt, dass jeder am liebsten über sich redet. Diesen Fakt habe ich ebenfalls in Vanessa Van Edwards Seminaren verinnerlicht.
Methode 4: Die Betrunken-stehen-gelassen-Methode. Funktioniert wie Methode 2 nur zu zweit, wobei sich einer von uns dem zudringlichen Anderen entwindet und dabei flehentlich die Mithilfe eines vorbeilaufenden Mitmenschen erbittet. Meist bin ich das Opfer, weil bei weiblichen Täterinnen seltener die Polizei gerufen wird. Falls die zuerst angesprochene Person nicht helfen will, entwindet man sich so lange weiter, bis ein kühner Retter oder eine Retterin naht. Und schon ist man im Gespräch. Gut, etwas Übung gehört dazu, aber nicht viel.
Abschließend Methode 5 und damit die bemitleidenswerteste und erfolgloseste von allen: Einfach hinstellen, nichts sagen und warten bis etwas passiert. Klappt eigentlich nie.
Unschlüssig überlege ich, zu welcher Option ich stimmungsmäßig aufgelegt bin, aber irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass keine der Methoden heute überhaupt infrage kommt, weil es ein Selbstexperiment ist.
Solltest du für diese Art Frage-Antwort-Spiel nicht absolut authentisch sein, Choi? Damit es echt ist?
»... zwanzig macht das«, höre ich eine fordernde Stimme von vorn. Der Wagen parkt vor dem Flughafen. Ein ungeduldiges Gesicht ist mir zugewandt. Der fettige Haarkranz drumherum steht zu allen Seiten wirr ab. Die wulstigen Lippen des Taxifahrers bewegen sich fortwährend. Ich betrachte sie, ohne zu antworten. Mein Handy vibriert erneut. Abgelenkt von meinem Gegenüber ignoriere ich es.
»Fünfzehn zwanzig, ja?«, schnauzt der Fahrer mich unfreundlich an. Meine Hände beginnen zu suchen.
»Haben Sie kein Geld, oder was?«, drängt er weiter.
»D-doch, doch, sorry«, stottere ich wie ein Grundschüler und ziehe einen Schein aus meiner Tasche. Gleichzeitig ärgere ich mich über meine nicht so ernst gemeinte Entschuldigung und drücke ihm das Geld in die offene Hand.
»Stimmt so. Für Shampoo«, flüstere ich verächtlich.
Schweigend betrachtet der Fahrer erst mich, dann den blauen Schein. Er entblößt übertrieben unecht lächelnd einen Goldzahn und wartet bis ich ausgestiegen bin. Heute ist definitiv kein Methode-3-Tag, auch wenn meine Kopfschmerzen etwas nachlassen.
Als ich die Tür des Taxis zufallen lasse, streift mein Blick eine Frau. Sie steht seitlich zu mir, vielleicht einen Meter entfernt. Zwischen ihren Lippen steckt eine halb abgebrannte Zigarette und dampft blaugrau in ihren Pony. Sie sieht mich nicht, da ihr Multitasking-Fail sie komplett einnimmt. Sichtbar entnervt scheint sie einerseits einen Plan vom Flughafen entziffern zu wollen. Andererseits tippt sie stakkatoartig Nachrichten in ihr Handy. Zwischen der Planentzifferung und dem unablässigen Tippen versucht sie ihre schätzungsweise achtjährige Tochter abzuwehren.
Die Kleine wirkt, als kenne sie das schon. Unentwegt redet das Mädchen auf die Mutter ein und wedelt ihr dabei mit einem zusammengefalteten Papierstück vor der Nase herum. Ohne beachtet zu werden. Ich muss unwillkürlich grinsen. Sie erinnert mich an Mallory und ich ertappe mich dabei, wie ich sie beobachte.
»Okay, du bist dran, Ma!«, sagt sie.
Die Frau sieht von ihrem Flughafen-Plan auf das Handydisplay. Die Kippe qualmt unentwegt weiter.
»Sag eine Zahl zwischen eins und vier, Mahaaa!«
»Sieben«, antwortet sie nach einer Weile teilnahmslos durch die Zähne, damit die Kippe nicht den Halt verliert.
»Sieben«, wiederholt das Kind, kratzt sich kurz am Kopf und sagt »Also drei!«
Drei? Hä?
Sie klappt den Zettel einmal auf. Die Mutter tippt.
»Küssen!«
Küssen? Was macht sie da?
Die Mutter schaut schon wieder weg.
Ob sie jemals ein Kind wollte?
Ich gehe auf dem nassen Boden in die Hocke, um dem Gespräch weiter folgen zu können. Dabei binde ich mir meine niemals gebundenen Schnürsenkel zu.
»Das nächste Feld! Tipp jetzt, Maaam!«, verlangt die Kleine erwartungsvoll. Die Mutter dreht den Plan. Das handbemalte Papier klebt fast an der Wange der Mutter, die noch immer ihren Plan fixiert. Resigniert schaut die Frau an der knallbunt beschriebenen Botschaft vorbei, nimmt einen weiteren tiefen Zug und presst ihren Finger wahllos irgendwo auf den Zettel. Ein Lächeln huscht um die Mundwinkel des Mädchens.
»Im Kino«, freut sich Mallorys Doppelgängerin, bevor sie das Blatt eifrig ein zweites Mal auseinanderfaltet. Währenddessen hüllt die Mutter das Gesicht des Kindes in eine Wolke aus blauem Rauch.
»Nochmal!«, fordert die andere Mallory unbeirrt. Die Mutter tippt erst auf das Papier, ohne hinzusehen. Dann hochkonzentriert auf ihr Handydisplay.
»Papa, okay.«
Sie sieht ihr wirklich total ähnlich.
Ich betrachte den verbeulten Koffer der beiden und binde umständlich den zweiten Schnürsenkel. Mehrere Wassertropfen perlen mir dabei unangenehm in den Nacken. Ich ziehe mir meine Kapuze wieder tief in die Stirn.
»Nochmal, Ma!« Ihre Augen strahlen erwartungsvoll. Die Frau seufzt missgelaunt und dreht ihren Plan um weitere neunzig Grad.
»Nur ganz kurz, Ma. Wirklich, es dauert echt nicht mehr lange, bitte!! Tipp drauf!«, versucht sie die unbewusste Frau dazu zu bringen, einen Blick auf das Papier zu werfen.
»Die Erlebnisliste weiß wirklich alles!« Das Mädchen sieht verträumt zu ihrer Mutter auf.
Die Erlebnisliste??
»Das ist jetzt das letzte Mal, Salomé«, höre ich die Frau neben dem Geräusch der fahrenden Autos zischen. Dass der Regen stärker wird, scheint das Kind nicht zu stören.
Salomé. Nicht Mallory.
»Jetzt lass es doch gut sein, verdammt. Komm! Wir werden klatschnass.« Das Handy verschwindet in ihrer Tasche. Ein letztes Mal tippt die Mutter auf das Papier.
»Ha!«, schreit Salomé, »Übermorgen! Du musst Papa übermorgen im Kino küssen!«
Okay.
»Sehr schön und jetzt lauf!«, antwortet die Frau unbeteiligt. Das Mädchen nickt stumm. Der Lageplan landet zerrissen auf dem Gehweg. Die Zigarette fliegt abgebrannt hinterher. Mich nimmt die Frau überhaupt nicht wahr. Ihre Schritte beschleunigen sich. Aus einem Abwasserkanal zieht trüber Dampf in dünnen Schwaden um ihre Beine. Ich erhebe mich und die Kleine schaut mich an. Zwar kurz, aber aufmerksam.
Ziemlich stechend für eine vielleicht Achtjährige.
Sie steckt die ominöse Erlebnisliste ein und folgt ihrer Mutter im Slalom um die sich bildenden Pfützen. Kalter Wind schlägt mir entgegen und lässt meine Haare in wilden Strähnen fliegen. Ich ziehe mir meinen Schal über den Mundschutz und kneife die Augen zusammen. Hektisch streicht Salomés Mutter sich die zerzauste graubraune Mähne glatt und steuert schnurstracks auf den hell beleuchteten Eingangsbereich des Terminals zu. Um sie nicht zu überholen, passe ich meine Geschwindigkeit an. Dicke Regentropfen landen auf meinem Hoodie und in meinem Gesicht. Ich halte meine Kapuze fest und folge den beiden in einigem Abstand.
Ihre Schuhe sehen so unbequem aus.
In einem irren Tempo zieht die Frau den geschundenen Koffer hinter sich her. Ihre Tochter beachtet sie nicht. Die Kleine versucht Schritt zu halten, rutscht beinahe in einer Wasserlache aus und schlingert einen Moment ungelenk hin und her. Kurz bin ich versucht, nach vorne zu hasten, um sie aufzufangen. Doch sie fängt sich ohne meine Hilfe. Dabei fällt das gefaltete Papier aus ihrer Tasche auf den nassen Gehweg. Salomé merkt es nicht. Sekunden später halte ich es in meiner Hand.
»Komm, du Tollpatsch«, rügt die Mutter das Mädchen, dreht sich zu mir um und steckt sich eine neue Zigarette zwischen die Lippen, ohne sie anzuzünden. Ich halte mit gesenktem Blick kurz inne. Als ich wieder nach vorne schaue, hat sie Salomé fest im Griff und zieht Kind und Koffer mit sich.
Rabenmutter.
Im Schein der Laternen fällt der Regen mittlerweile so dicht, dass ich mich ebenfalls beeile, ins Trockene zu kommen. Fast zeitgleich erreichen wir die Glastür. Salomé mustert mich wieder für einen flüchtigen Moment. Ich schaue gezielt weg.
»Später spielen wir auf jeden Fall, okay?«, verspricht die Mutter gezwungen freundlich, als auch sie mich hinter sich bemerkt. »Erst müssen wir das richtige Gate finden, Schatz.« Sie stockt und bleibt stehen. Genau wie ich.
»Was ist das hier für’n Scheiß?«, stößt sie aus.
Was für’n Scheiß?
Die automatische Schiebetür ist defekt. Um ein Haar hätte ich Salomés Mutter von hinten angerempelt.
Poar!
»Da Salomé, die Seitentür!«, befiehlt die Rabenmutter. Ich bin schneller und spüre eine leichte Ungeduld in mir aufsteigen. Meine linke Hand mit Salomés Erlebnisliste steckt in der Tasche meines Hoodies. Mit der anderen halte ich den Griff der Seiteneingangstür ganz bewusst möglichst weit unten fest, damit sich unsere Hände nicht berühren.
Ein Königreich für ein Waschbecken, Choi.
Kurz vor mir betreten die beiden das Terminal.
»Dankeee!«, flötet die Mutter mir zu, ohne mich anzusehen. Eilig stakst sie davon, gefolgt von ihrer Tochter, die wie Mallory aussieht. Ich schaue ihnen nach und Salomé dreht sich nochmal um, um mir die volle Länge ihrer Zunge zu präsentieren.
Du kleines Biest.
Kurz danach sind beide im Trubel der Menschenmenge verschwunden.
Das Papier in meiner Hand fühlt sich matschig an. Aber Salomé hat mich auf eine interessante Idee gebracht. Mal sehen, wann ich dazu komme. Meine Kopfschmerzen und mein Hunger sind wieder voll präsent.
Was tue ich nicht alles für ein bisschen weniger Langeweile?
Koffein hilft mir dabei, logisch zu denken und alles wieder ins Lot zu bringen. Auch brennende Nervenbahnen. Da ich heute ewig wach sein werde, brauche ich dringend Kaffee. Am Servicebereich vorbei, steuere ich zielstrebig auf die verlockend riechende Filiale einer großen veganen Kaffeekette zu. Die Schlange ist mittellang.
Während ich warte, beobachte ich die hin und her wuselnden Leute. Ich stehe einfach da und verplempere hier meine Lebenszeit. Kein vibrierendes Handy. Von Asuko keine Spur. Dafür geht ein aufgeregtes Raunen durch die Menge der Wartenden vor mir, das ich nicht zuordnen kann.
Mein Blick folgt den sich zur Glasfront des Cafés wendenden Köpfen und bleibt an einer Menschentraube hängen, die einer Horde Anzug tragender Männer gegenübersteht. Kurz vergesse ich meinen Kopfschmerz.
Curiosity. Why am I interested in that?
»Das glaube ich jetzt nicht! Ist er das wirklich?«, wispert eine aufgeregte Mädchenstimme vor mir. Ich versuche herauszufinden, wer er ist und verrenke mir fast den Hals. Ein riesiger Schrank im Anzug steht ganz und gar ungünstig in meinem Sichtfeld. Einen Sekundenbruchteil später erkenne ich den auffälligen Typen, der auf den ersten Blick so feminin wirkt, dass er auch ein Mädchen sein könnte.
Dabei ist er so groß wie ich.
Vielleicht Mitte zwanzig. Schwer zu schätzen.
Ich kenne ihn. Maris Kang.
Im Gegensatz zu Asuko halte ich wenig von K-Pop. Obwohl ich zur Hälfte Südkoreaner bin. Doch ich habe seine schrillen Videos schon oft auf einschlägigen Musikkanälen laufen sehen. Die Klamotten sind schreiend bunt. Auf seinem gelbblauen Basecap lese ich in übergroßen Lettern MadChickBoï. Es hängt schräg von seinem Kopf, scheint irgendwie mit den rosa gefärbten halblangen Haaren verflochten zu sein, die zu gefühlt Hunderten kleiner Braids in einem dicken Zopf enden. Er trägt einen schwarzen Choker am Hals. Der silberne Ring daran lässt ein undefinierbares Gefühl in mir aufkommen. Seine filigranen Ohren zieren ebenfalls Ringe. Das Gesicht ist durch eine überdimensionale Skibrille und einen Mundschutz verdeckt. Weiter erkenne ich nichts.
»Ist das... Maris?«, höre ich eine zweite junge Frau hinter mir. Sie zieht ihre Freundin am Arm mit sich. Es geht alles ganz schnell. Mehrere Leute verlassen die Schlange im Café und eilen nach draußen in die sich fortbewegende Menge. Die Bodyguards haben alle Hände voll zu tun. Es ist wie eine Woge wabernder Körper, die sich in stetigem Tempo vom Café wegbewegt. Erfreulicherweise ist die Warteschlange nun um einiges kürzer.
»Einen Latte!«, scheppert es unangenehm hinter mir, als ich endlich an der Reihe bin. Asuko knufft mich unsanft in die Seite und zwinkert mir mit erhobener Augenbraue zu.
Für ihre zierliche Figur hat sie einen ordentlichen Bums drauf.
»Und noch einen Coretto«, ergänze ich unsere Bestellung.
Ich trinke nie Alkohol. Aber heute brauche ich Mut.
»Du hast weder Feingefühl noch Anstand, Agaya«, blaffe ich Asuko leise an, während wir auf unsere Getränke warten.
»Danke für die Blumen!«, säuselt Asuko. »Da hast du aber eine verdammt lange Anfahrt gehabt. Wo zur Hölle warst du, hm?«
Und sie fängt direkt wieder an, zu nerven.
Wie Asuko mich gefunden hat, ist mir ein Rätsel.
Elende Stalkerin. Echt. Würde mich nicht wundern, wenn sie irgendwo einen Peilsender an mir installiert hat.
Mein rechter Stirnlappen hämmert immer noch wie wild. Asuko labert weiter.
Egal. Mir alles egal. Hauptsache, ich atme und habe Ohren.
»Tenshi hat meiner Mutter alles erzählt. Er war richtig wütend, als du bei ihm warst, oder?«
Sie erwartet keine Antwort.
Als ob du das nicht ganz genau wüsstest!
»Was ist es diesmal für ein Auftrag? Wieder so ein Wiesteigere-ich-meine-emotionale-Intelligenz-Test für uns?«
Sie hört einfach nicht auf...
»Mom hat gesagt, wir sollen mehr auf die Details achten, sobald wir mit den Leuten ins Gespräch kommen.«
Asuko redet, als würde sie das ernsthaft interessieren.
Weil sie hobbylos ist.
Ich nehme unsere Getränke entgegen und steuere auf den abgelegensten Tisch zu. Dass sich darauf noch die regenbogenbunten Tassen und Gläser unserer Vorgänger stapeln, stört mich nicht. So ist es eben, wenn man etwas haben will, was alle möchten. Es ist verbraucht. Es ist nicht mehr ganz schön.
Doch was ist schon perfekt?
Apropos perfekt: Jetzt habe ich ernsthaft vergessen, mir was zu essen zu bestellen. Diese penetrante Kröte...
Ich stelle unsere Gläser ab und setze mich meiner Stiefschwester gegenüber. Sie sieht lächerlich fröhlich aus.
»Hast du dich auch gefragt, ob es an unseren Methoden liegt?« lamentiert Asuko.
»Kannst du einfach mal die Klappe halten?«, falle ich ihr ins Wort. »Dein Gequatsche geht mir auf den Keks. Tenshi hat Druck gemacht und ich habe es ja verstanden. Also tu mir den Gefallen und entspann dich kurz, okay?«
Asuko macht tatsächlich ihren Mund zu und lehnt sich nach hinten. Dabei mustert sie mich irritiert. Vorsichtig tastend suche ich nach den Akkupressurpunkten an meinem Kopf. Nicht, dass ich davon Ahnung hätte. Außer meinen Ohren finde ich deshalb auch nichts. Ich massiere sie erleichtert und denke an meinen Traum im Zug.
Beide da. Zum Glück.
»Alles klar bei dir?«, fragt Asuko ernst. Mit hochgezogener Augenbraue betrachte sie.
Was hält uns nur zusammen?
Ich habe bisher mit zwei Frauen geschlafen. Eine davon ist Asuko. Das ist leider nicht mehr zu ändern. Und je länger ich in der Vergangenheit darüber nachgedacht habe, desto mehr wollte ich es ungeschehen machen.
Unmöglich.
Mir hilft nur, es zu verdrängen, weil es auf meiner pubertären Suche nach Liebe und Geborgenheit passierte. Doch ich habe dabei absolut nichts gefühlt.
Asuko ist 1,65 groß und ziemlich schlank. Ihre helle Haut wirkt durchscheinend und ihre grünbraunen Augen haben einen mandelförmigen Einschlag. Ohne ihre Launen und ihr zeitweiliges Toxic-Positivity-Gehabe könnte ich sie wahrscheinlich länger ertragen, ohne dass sie mich ankotzt. Sie ist hübsch. Keine Frage. Trotz ihrer spargeldünnen Beine und vielleicht gerade wegen ihres zu spitzen Kinns.
Was ist schon perfekt?
Asukos Mutter Noora ist halb Amerikanerin, halb Koreanerin und wurde auf Hawaii geboren. Asukos Vater ist ein toter Japaner. Sie hat ihn nie kennengelernt, sagt sie. Eigentlich sind wir uns gar nicht so unähnlich. Asuko könnte locker als meine leibliche Schwester durchgehen. Rein äußerlich.
Als bräuchte ich noch eine Schwester! Grundgütiger. Alles könnte so einfach sein, wenn man nicht so eine verkorkste Familie hätte.
Mein Vater Tenshi ist ebenfalls Japaner. Meine Mutter war Zainichi-Koreanerin.
Meine Mutter.
Das leise Geräusch zahlloser TicTacs, die in eine teegefüllte Puppentasse fallen, prickelt durch meinen Kopf. Ich erinnere mich. Ein dicker Kloß im Hals versperrt mir kurz die Atemwege.
Genug!
Das dicke Kaffeeglas in meinen Händen fühlt sich heiß an. Mein Blick klärt sich.
Asuko rührt nachdenklich mit einem langen geschwungenen Löffel im feinen Schaum ihrer Jumbo-Tasse. Immer noch darauf wartend, dass ich was sage. Irgendwas.
Stress mich bloß nicht ab, ey.
Ich nehme einen großen Schluck von dem cremigen Coretto. Der Kaffee entspannt mich. Oder der Schuss Amaretto, den ich nicht gewohnt bin. Oder beides.
»Jetzt sag schon«, lauert Asuko.
Sag was?
Mein Telefon vibriert schon wieder. Asuko kann es nicht sein, da sie vor mir sitzt. Eine Antwort bekommt sie nicht.
»Nathan. Hi!«, begrüße ich den unbekannten Anrufer.
»Na, Milfhunter! Du denkst, du weißt nicht, wer dran ist, hm? Doch du weißt nur nicht, wem die Nummer gehört, sonst wüsstest du schon, wer dran ist...«, sülzt Jared in den Hörer.
Meine Fresse.
»Habt ihr die Bögen gelesen? Habt ihr schon jemanden im Visier?«, platzt er heraus.
»Haben wir nicht«, antworte ich direkt. Meine Finger drehen das Kaffeeglas hin und her.
Jared ist Lennox’ Sohn. Er hat eine eigene Wohnung im PSaiTex-Gebäude und deshalb ist er meist auf Abruf bereit. Für Tenshi und Lennox ist das sehr angenehm. Mich lässt dieser Umstand nur noch unzuverlässiger wirken.
»Wisst ihr, dass es ein Test ist, Loser Boy?«, fragt Jared.
Grinchlord… on the phone.
Ich weiß nicht, was Lennox’ Ausgeburt der Hölle wirklich will. Und deshalb antworte ich nicht.
»Catchst du die 3000 Glocken für nächsten Monat?«, höhnt Jared weiter. Es kommt mir so vor, als ob er aus reiner Bosheit anruft.
Warum muss der mich so gezielt abfucken?
Ich verdrehe die Augen. Asuko kann sich denken, wer am Telefon ist. Auch sie verdreht die Augen. Da sind wir uns einig.
»Wenn ihr es wieder nicht bringt, rastet Tenshi richtig aus. Vielleicht schmeißt er dich diesmal sogar raus«, sabbelt Jared weiter. »Und, wenn Tenshi dich rausschmeißt, dann bleibt mehr für... na?« Er schweigt. Ich auch.
»Mich! Genau!«, schließt Jared selbstzufrieden.
Misset!
»Was willst du, Jared?«, frage ich monoton.
»Nichts, nichts. Das macht ihr doch mit links«, höhnt er aus dem Lautsprecher und ich höre ihn grinsen.
Snitcht er mich gerade, weil ich Linkshänder bin?
»Wollte nur mal hören, wie weit ihr seid und euch erinnern, um was es geht. Damit ihr es nicht wieder verkackt.«
Ungeduldig wische ich mir eine lange dunkle Strähne aus der Stirn, die einen Augenblick später genau da hängt, wo sie vorher war. Ich beiße mir auf die Unterlippe.
»Danke, hast du jetzt! Ciao, du Kek«, presse ich durch die Zähne und lege auf.
Man kennt ihn, aber er regt mich trotzdem jedes Mal auf. Ja! Doch! Er regt mich auf!
Wütend kneife ich die Augen zusammen und starre teilnahmslos durch Asuko hindurch. Sie starrt unschlüssig zurück. Ich zwinge mich, ruhig zu atmen. Meine naive Stiefschwester scheint weder meine Laune noch den Grund für Jareds Anruf einschätzen zu können.
Am Arsch geliked! Ich brauch Urlaub! Auf Madeira oder so. Bevor ich Apo... ähm, Jared mit seiner ganzen Falschheit aus Frust zermöbel.
»Er geht mir manchmal so derbe auf die Eier! Das kannst du dir nicht mal ansatzweise vorstellen, Asuko.«
Und das spornt mich grad so richtig an.
Meine Stiefschwester starrt immer noch in meine Richtung, sagt aber nichts. Angriffslustig schiebe ich die überlangen Ärmel meines Hoodies nach oben. Dabei wandert Asukos Blick zu meinen Handgelenken.
»Wir sollten uns diesmal anstrengen.« Ich bin wirklich überzeugt, dass wir es schaffen. »Wir kriegen die Kohle. Und werden Jareds dummes Gesicht sehen, weil wir es hinbekommen haben. Und deshalb...« Ich mache eine ereignisträchtige Pause. »habe ich etwas ganz Fantastisches mitgebracht!«, freue ich mich und klatsche das aufgeweichte Papier zwischen uns auf die verschmierte Tischplatte.
»Igitt«, sagt Asuko unbeeindruckt. »Sieht aus, wie ein Stück benutztes Klopapier.«
»Jetzt warte doch mal«, erwidere ich und falte das Teil mit spitzen Fingern vorsichtig auseinander. Es ist das erste Mal, dass ich es richtig ansehe, seit ich es mir gegriffen habe. Alles ist unsauber mit Buntstift ausgemalt. Der erste Querpfalz hat links einfach nur eine rote und rechts eine grüne Fläche.
»Wow!«, schnaubt Asuko abfällig und stützt ihr Gesicht in beide Hände.
»Ja! Wow! Das kannst du laut sagen.« Innovative Sachen haben mich schon immer fasziniert. Und seien sie noch so banal. Ich falte das Papier nochmal auseinander. Oben rechts steht EIS ESSEN, unten rechts steht SCHWIMMEN, oben links steht KÜSSEN und unten links steht SCHLAGEN.
»Aha«, sage ich, weil mir dazu gerade auch nicht mehr einfällt.
»Das ist alles?«, will Asuko eigentlich gar nicht wissen. Verächtlich zieht sie einen Mundwinkel nach oben und klatscht übertrieben gelangweilt in die Hände. Ich betrachte das Papierding und so langsam dämmert mir, dass ich das Prinzip irgendwie nicht so ganz verstehe. Oder ich es erst selbst neu erfinden muss, damit das Ganze einen Nutzen für uns hat.
Wenn eine Achtjährige das kann, dann sollte es doch nicht so schwer sein.
»Benimm dich doch nicht, wie ein kleines Kind. Ich bitte dich.« Asuko tippt sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn und grinst arrogant.
Sie lacht dich gerade aus, Choi.
Ich achte nicht auf sie. Als ich das Papier zum dritten Mal auseinanderfalte, diesmal auf DIN A5-Format, prangen uns acht sauber durchnummerierte Kästchen mit Namen darauf entgegen: Papa. Mama. Salomé. Tante Lia. Und vier weitere Leute, die ich nicht kenne.
»Ich weiß nicht, was das hier bringen soll, Nate. Echt jetzt! Schmeiß das Teil weg!«, ätzt Asuko destruktiv.
»Glaub mir, es ist eine Chance.« Meinen leicht bockigen Unterton kann ich nicht verbergen.
»Ich sehe darin absolut nicht den geringsten Sinn. Ehrlich Nate, es ist nicht böse gemeint, aber was soll das sein?«
»Ich will was Neues versuchen. Wir machen die Befragung auf eine andere Art. Jetzt komm schon! Langweiliger kann es nicht werden. Was haben wir schon zu verlieren?«, stachele ich Asuko an. Sie sagt keinen Ton. Zwischen ihren Brauen bildet sich eine senkrechte Falte, die gleich darauf wieder verschwindet.
