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"Maddalena betrachtet die Bewegung des Pferderückens und erinnert sich, wie sie hinaus bis Innsbruck wanderte und annahm, sie würde nie zurückkehren. Wie würde es diesmal sein?" Maddalena lebt um 1900 als Hebamme in Buchenstein, einem abgelegenen ladinischen Bergtal. Arbeit hat sie genug: In den armen, streng gottesgläubigen Bauernfamilien sind zehn und mehr Kinder keine Seltenheit. Nach einer Geburt beschließt Maddalena, aus der Enge ihres Lebens auszubrechen. Sie macht sich zu Fuß über die Dolomiten auf den Weg in den Norden und stellt sich Wahrheiten, denen sie bisher ausgewichen ist. Unterwegs blickt Maddalena immer wieder auf ihr erstes Weggehen zurück, das sie als 19-Jährige nach Innsbruck in die Hebammenlehranstalt und in eine heimliche Liebesgeschichte führte. Nach der Lebensgeschichte der Hebamme Maddalena Decassian
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Seitenzahl: 288
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Margit Weiß
Margit Weiß
Roman
Gedruckt mit Unterstützung der Südtiroler Landesregierung, Abteilung Deutsche Kultur
1. Auflage
© Edition Raetia, Bozen 2024
Projektleitung: Felix Obermair
Lektorat: Helene Dorner
Korrektur: Katharina Preindl
Umschlaggestaltung: Philipp Putzer, www.farbfabrik.it
Umschlagmotiv: Detail aus: Riccarda de Eccher, Marmolada, 2020, Aquarell, 101 × 152 cm
Satz und Druckvorstufe: Typoplus, Frangart
Printed in Europe
ISBN 978-88-7283-932-4
ISBN E-Book: 978-88-7283-883-9
Unseren Gesamtkatalog finden Sie unter www.raetia.com.
Bei Fragen und Anregungen wenden Sie sich bitte an [email protected].
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Glossar
Danke schön · diotelpaie
Es ist etwas geschehen. Auf einmal ist sie in sich hineingefallen. Erst jetzt spürt sie, sie muss in gewisser Weise abwesend gewesen sein. Lange schon.
Es ist eines dieser Ereignisse, die alles anders zurücklassen, die niemand kommen und niemand geschehen sieht. Sie ahnt, es wird nichts bleiben wie bisher. Sie erschrickt nicht, spürt nur die Spannung in ihrem Rücken.
Sie rafft ihr Wolltuch um die Schultern. Es ist kühl geworden. Der Wind greift in ihre Röcke. Sie ist erschöpft nach den Stunden, in denen sie gemeinsam mit der Frau in der Kammer gerungen hat. Dennoch ist ihr leicht.
Der Weg wirft sich steil den Berg hinab. Ihre Füße kennen die abschüssigen Hänge. Sie ist aus diesen Bergen geboren, ist wie sie. Sie vertraut sich ihren Beinen an und lässt sich wieder in ihre Gedanken fallen.
Hinter ihr ist die Tür des Bauernhauses ins Schloss gefallen. Da sind die Blicke der Kinder im Rahmen des Stubenfensters. Sie kann sie im Rücken spüren, mit ihrem stummen Vorwurf. Es beugt sie ein wenig. Immer wenn sie ein Haus betritt, wissen alle, sogar die Kleinsten: Es wird ein Neues kommen und mit am Tisch sitzen und noch ein Hungermaul wird zu stopfen sein, von dem, das schon zu wenig ist für alle. Und das wäre noch das Geringere der Übel, das Schlimmere wäre der Tod der Mutter. Schweigen, eine fast feindselige Stille breitet sich zwischen ihr und ihnen aus.
Im Blick der Männer liegt eine seltsame Mischung, wenn sie kommt. Auch beim Vater hat sie dies vorhin gesehen. Erleichterung ist da: Nicht er muss Hand anlegen und, wenn nötig, das neue Leben aus dem Körper heben. Sie wird mit der Frau an dieser Grenze stehen. Und dann ist da auch die Angst. Angst vor der Macht des Lebens, die sich bei der Geburt einschleicht. Keiner weiß zuvor, ob die Geburt einen Beginn bedeutet oder ein Ende. Die Frau wird gebraucht. Das Kind hingegen ist eines von vielen. Und wenn es in den Tod geht, bei der Geburt oder bald danach, aus Hunger oder Krankheit, so ist es auch eines von vielen. Der Tod lebt wie ein Vertrauter mit in den Häusern. Dennoch hält die Angst davor alle Bewohner in Bann, sie halten den Atem an, bis der Neugeborenenschrei durch die Wände dringt. Jedes Mal scheint es ihr, als würden dann alle gemeinsam mit dem Kleinen wieder zu atmen beginnen.
Auch Resignation hat sie vorhin in den Augen des Mannes gesehen. Sie weiß, er denkt an die kurzen Augenblicke des Begehrens nach der harten Arbeit, an das Ineinandersinken der Körper. Doch selbst da zieht sich die Angst wie ein Zaumzeug über: Danach könnte wieder ein neues Leben sein, hineingestellt in das bedrängende tägliche Zuwenig. Er dachte daran, blickte auf seine Hände. Sie können nicht mehr hervorbringen, nicht aus den steinigen Hängen in den kurzen Sommern. Sie sah es dem Bauern an, er wünschte, so wenig fruchtbar zu sein wie der Boden auf seinen Hängen.
Vorhin hat sie ihn zur Seite nehmen und ihm sagen müssen, es wäre gut, wenn es das letzte Mal für die Frau gewesen wäre, und jetzt solle er sie noch zwei Wochen in Ruhe lassen, ihr Körper, karg und kraftlos wie die Almwiesen im Herbst, erholt sich nur langsam, kann nicht mehr nähren. Sie sagt es und weiß, dass ihre Worte schnell blass und kalt sein werden, der Körper daneben hingegen warm.
Der Großmutter trägt sie auf, der Wöchnerin morgens ein Eigelb mit Rotwein zu geben, zur Stärkung. Am Blick der Alten erkennt sie, dass es nicht geschehen wird. Sie haben ihn nicht, den Rotwein, und die Alte schweigt aus Scham.
Diesmal ist es gut gegangen mit der Mutter und dem Kind. Zwischen den Wehen hat sie ihren Blick gesehen und nachdem sich die Plazenta gelöst hatte, wusste sie, diese da geht noch nicht, wird wieder aufstehen nach der Niederkunft. Da ist die Hebamme auch innen ruhig geworden, nach außen zeigt sie ihre Spannung nie.
Mutter und Kind liegen in der winzigen Kammer neben der Stube, die es in den alten Höfen in ihrem Tal oft gibt. Sie ist den Gebärenden und Neugeborenen vorbehalten. Im Winter reicht die Wärme des gemauerten Ofens in dieses Kämmerchen und hilft Mutter und Säugling ein wenig dabei, zu Kräften zu kommen.
Der Bauer hat der Hebamme beim Gehen ein paar Eier zugesteckt. Das letzte Geld erhielt ihr Mann, der Schmied. Das Pferd musste beschlagen werden. Sie brauchen das Pferd.
Wenn sie in ein Haus gerufen wird, von dem sie weiß, dass es dort kein Geld gibt, steigt ihre Spannung. Sie hofft inständig, dass alles gut geht und sie den Doktor nicht holen muss. Meist haben die Familien kein Geld für den Arzt. Die Scham bedrängt mehr als manch körperliches Gebrechen.
Sie hat dem Vater zugenickt, ist über die Türschwelle hinausgetreten. Die Eier wiegen schwer in ihrer Tasche mit den hungrigen Blicken der Kinder im Rücken. Noch schwerer lastete es auf der Würde des Bauern, hätte sie diese Gabe nicht angenommen. Das Gefühl, nichts mehr zu geben zu haben, bedeutet, wirklich arm zu sein. Und dennoch, man kennt die ganz armen Bauern im Tal. Dann holt sie daheim heimlich einen Laib Brot aus der Speisekammer, um es mit zur Geburt zu nehmen. Heimlich, weil der Geiz des Schmieds wie ein Wächter alle ihre Schritte verfolgt.
Sie legt drei der Eier auf die Bank vor dem Haus, zwinkert dem kleinen Nato durchs Fenster zu. Er wird sie holen. Die Großmutter wird den Kindern ein Abendessen richten, das ein wenig nach Fest schmecken und sie bestechen möge, den Jüngsten aufzunehmen.
Sie hingegen hat noch etwas viel Wertvolleres als die Eier erhalten, heute, hier, mitten in ihrem Alltag: die Gewissheit, dass sie gehen muss, endlich.
Die Sonne steht tief. Gegenüber wächst der Schatten den Bergrücken hinauf, deckt ihr Dorf zu und versenkt die Farbtöne.
Sie bleibt stehen. Gebannt schaut sie dem Spiel zu. Im Schatten da unten lebt sie. Seit Jahren wieder, seit sie damals zurückgekommen ist. Die Häuser hocken beieinander. Am Eingang des Dorfes steht die Kirche wie ein steinerner Wächter. Die kraftvollen Wasser des Baches teilen die Siedlung. Am Ufer befindet sich die Schmiede ihres Mannes. Seit Jahrhunderten glühen in diesem Tal die Feuer der Schmiede. Viele Jahrhunderte lang wurde Eisenerz in Col aus den Tiefen des Monte Pore geholt, war, kaum ans Licht der Welt gehoben, im Besitz des Bischofs in Brixen. Das ist lange her. Heute gräbt niemand mehr in den Eingeweiden ihres Landes. Geblieben sind die Schmiede. Im ganzen Land schätzt man sie, mit ihrem uralten Wissen.
Die Schattengrenze ist höher gestiegen. Ihr scheint, als gäbe es auch in ihr selbst eine Zone, die im Schatten liegt. Als würde in dieser Zone all ihr ungelebtes, heimliches Leben ausharren und als würden dort die Sehnsüchte sitzen. Jene, die noch keinen Namen haben, und jene, die zu leben ihr nicht möglich erscheint. Es gab eine Zeit, in der diese Zone ihr Handeln leitete, ihre Bewegungen freier waren. Manchmal spürt sie diese fließende Lebendigkeit noch, besonders in den kurzen Momenten zwischen Tag und Nacht. Dazwischen liegt etwas wie ein eigener Raum, in dem der Tag nicht mehr und die Nacht noch nicht ist und der Zeitfluss angehalten scheint. Auch nach dem Wachwerden, noch bevor der Morgen in sie eindringt, die Arbeit von ihr Besitz ergreift, liegt sie eingesponnen in Schlafweichheit und die Sehnsüchte in ihrer Brust sind wie wehende Fahnen in ihr, bereit mit ihr wegzufliegen und doch angebunden an die Pflichten.
Sie erwartet diese Zwischenräume ungeduldig. Es wird still am Abend, das Licht sanft, die Vögel behalten ihr Zwitschern für sich. Es ist die einzige Zeit des Tages, in der sich ihre Ohren, ihre Hände, ihre Gedanken von der Besetztheit lösen, sie sich selbst gehört. Sie liebt diese Augenblicke.
Und dann schleicht manchmal dieses Ziehen aus den dunklen Ecken in ihr. Da gibt es etwas, sie spürt es auf der Zunge, als hätte sie Lust auf einen ungekosteten Geschmack, und sie spürt es in den Augen, die etwas zu suchen beginnen, die Hänge abtasten, den Weg vor dem Haus, als würde es auf sie zukommen, das, worauf sich dieses Drängen richtet.
Doch es trifft nie ein. Stattdessen mündet es stets in unentrinnbare Ernüchterung und die hohen Pässe an den Rändern des Tales kommen ihr nicht mehr wie Übergänge vor, die Wege darüber nicht wie Nabelschnüre zu der anderen Welt da draußen. Meist nimmt sie dann, wie jeden Tag um diese Zeit, den Reisigbesen und kehrt den Platz vor der Haustür. Die Aufgeräumtheit, die ihre Bewegungen hinterlassen, scheint ihr wie das Einfinden in die vorgesehene Ordnung, in der nichts sich niederlassen soll, was nicht hergehört. Und das gleichmäßige Hin und Zurück des Fegens über den Boden drängt dieses Namenlose, ziellos Begehrte zurück in die Heimlichkeit der Schattenwelt in ihr.
Doch heute steht sie hier an der Kante und es ist anders. Ihre Schattenwelt ist nicht mehr ihr ausgegrenztes Revier, sondern ihr ein wenig verschlüsselter Wegweiser. Der Gedanke, sie könne Herrin über ihr Leben sein, habe die Wahl, scheint ihr unwiderstehlich.
Nur eine Frau hatte sie gekannt, die ihr frei und als Herrin über ihr Leben erschienen war, die alte Hebamme. Damals war sie noch ein Mädchen, lebte auf dem Hof mit den Eltern, den Großeltern und Geschwistern. Sie war die älteste Tochter. Die Mutter erwartete ihr sechstes Kind. In der Nacht setzten die Wehen ein. Der Vater schickte Luigi, ihren älteren Bruder, los, die Hebamme zu holen. Sie stand an der Türe und wartete. Sie sah sie über den Hang kommen. Eine kleine, alte Frau. Ihre aufrechte Haltung ließ sie größer erscheinen. Die Füße unter den dicken Röcken verborgen. So machte es den Eindruck, als würde sie langsam herüberschweben über die Wiesen. Im Näherkommen sah die Hebamme, wie sie da am Türstock lehnte. Sie blieb bei ihr stehen, wandte sich ihr zu, sah sie an. Noch immer spürt sie die Ruhe, die sich in ihr unter dem grünen Blick der Hebamme auszubreiten begann. Sie hat diesen Blick in sich bewahrt und immer wieder hervorgeholt. Er hat sie wissen lassen, dass es mehr in ihr gibt als das bisher Gekannte, und seither sehnt sie sich danach, wieder so angesehen zu werden.
Komm, Maddalena, sagte die Comere damals und eilte ihr voraus in die Kammer neben der Stube. Die Mutter ging stöhnend auf und ab. Ich brauche dich hier, sagte die Alte zu ihr. Es war ungewöhnlich. Kinder müssen sich normalerweise vom Geburtsgeschehen fernhalten, sitzen häufig mit der Großmutter in der Stube und beten den Rosenkranz, damit alles gut geht.
Hol heißes Wasser, saubere Tücher. Dann wandte sie sich der Mutter zu und hieß sie, sich zur Untersuchung hinzulegen. Ihre Bewegungen waren von jahrelanger Erfahrung geführt und machten Maddalena ruhig.
Später, als die Hebamme ging, konnte Maddalena nicht mehr sagen, wer an der Tür wen begrüßt hatte, sie die Alte in ihrem Haus oder die Alte sie in ihrer Zukunft als Hebamme. Sie begleitete Alma seit diesem Tag zu den Geburten, sooft es ihr neben Arbeit und Schule möglich war.
Und nun ist sie selbst seit einigen Jahren die comere dieses Tales zwischen Sellastock und Falzaregopass. Vor ihr in der Wiese blühen die weißen Dolden der Schafgarbe. Sie benötigt sie das Jahr über gegen Unterleibsschmerzen und zur Entzündungshemmung. Ich muss sie morgen sammeln gehen, bevor sie verblühen, denkt sie und weiß zugleich, dass dieses Sammeln morgen nicht stattfinden wird. Sie sieht die knospenden Arnikablüten. Sie wird es nicht sein, die sie pflücken geht, wenn sie aufblühen.
Weiter wagt sie nicht, ihre Gedanken vorauszustrecken. Es scheint ihr, als ginge es nicht nur zu ihren Füßen in die Tiefe, sondern als gäbe es auch in ihr diese Kante, auf die sich ihr Leben zubewegt.
Von unten streicht ein feiner Windhauch herauf. Sie hält ihm ihr Gesicht entgegen, lässt sich das Neue hineinstreicheln in die Stirn. Und unter der Windzärtlichkeit erscheint ihr all das Unbekannte wohlgesonnen.
Sie setzt ihren Weg fort. Neben ihr halten sich in losem Abstand Lärchen am Hang fest. Ihr Holz und das der Zirben verwendete Carlo am liebsten zum Schnitzen, als er noch daheim war. In jeder freien Minute saß ihr Sohn und schnitzte kleine Figuren. Manchmal ein Tier, manchmal ein Wesen, entsprungen seiner Fantasie oder einer Sage. Eine Weile bereiteten ihm klumpige Croderes Vergnügen, die später von einer Unzahl an Murmeltieren abgelöst wurden. Wenn eine Figur fertiggestellt war, hatte er die Angewohnheit, mit suchendem Blick durchs Haus zu wandern. Sobald er in den alten Balken eine geeignete Ritze fand, klemmte er die Figur hinein. So wurde das Haus immer mehr von diesen Figuren besiedelt, die neben den Heiligenbildern der Familie beim Leben zusahen. Sie mochte diese Gewohnheit ihres Sohnes. Das Haus erschien ihr dadurch immer mehr wie eine Person, innen bewohnt von allerlei Wesen und Bildern.
Carlo ist das zwölfte Kind des Schmieds. Vor einem Jahr, er war gerade elf Jahre alt geworden, nahm ihn sein Onkel mit, hinaus ins Pustertal. Ein Bauer suchte einen Burschen, der ihm auf dem Hof zur Hand geht.
Schwer war ihr, als sie ihnen nachschaute. Die Gestalt ihres Sohnes schmächtig, sein Gang schwankend zwischen Trauer und Erleichterung, das Nie-genug hinter sich zu lassen. Sie sah seine Hoffnung, die Welt da draußen habe mehr zu bieten, auch für ihn. Sie weiß, wie es da ist hinter den Pässen, wie es klingt, wenn sie ihnen auf Deutsch „Krautwalsche“ nachrufen, mit der sie, die Ladiner, gemeint sind. Es prallte auf ihr auf, als wäre es ausgespuckt, nicht nur gesprochen. Vor Wut aufbäumen hätte sie sich wollen und gerne hätte sie die Schritte ihres Sohnes nun in eine andere Richtung gelenkt. Aber die Entscheidungen trifft der Hunger. Zumindest würde Carlo besser Deutsch lernen.
Schwerelos und zart lag der kleine Adler aus Lärchenholz, den er ihr im Gehen zugesteckt hatte, in ihrer Hand, fast als könnte er abheben, wenn sie nur die Faust öffnete und ihn emporhielte. So als könnten ihre Gedanken mit ihm über den Falzarego und den Heiligkreuzkofel fliegen und sie hinaustragen ins Pustertal.
Sie konnte die Faust nicht öffnen. Lieber hätte sie zugeschlagen mit ihr, aber da gab es kein Ziel. Viele Kinder sah sie zu früh gehen, entweder in den Tod oder zur Arbeit in die Fremde. Der Zorn darüber und ihre Ohnmacht brannten in ihr. Sie war immer seltener bereit, in das hier im Tal allgegenwärtige „Come Dio vol“, „Wie Gott will“ einzustimmen. Sie war in Innsbruck gewesen und sie wusste, dass das Elend nichts mit dem Willen Gottes zu tun hatte. Nie durfte sie dies laut aussprechen. Sie lebte vom Vertrauen der Menschen hier und es war ohnedies schwierig gewesen, es nach ihrer Rückkehr zu gewinnen.
Je näher Maddalena ihrem Haus kommt, umso stärker wird die Spannung. Es scheint ihr, als müsse man ihr die Veränderung ansehen können. Sie möchte nicht, dass sie erkannt wird. Plötzlich überfällt sie Einsamkeit. Sie ist immer eine Fremde geblieben, seit sie zurückgekommen ist. Die meisten hier haben nie irgendwo anders gelebt und die, die gegangen waren, kamen nicht mehr zurück. Von ihr wissen sie, dass sie fortgegangen war, und in allen Blicken sieht sie, dass ihr dieses Fremde, diese andere Welt anzuhaften scheint und Fragen nach ihrem Leben dort, in der Stadt, in den Köpfen hängen. Sie weiß, sie würden nie wagen, sie zu stellen, und so treibt die Neugier vermutlich manchen dazu, sich die fehlenden Antworten selbst zu geben, eingefärbt von den Vorstellungen eines nicht gottgefälligen Lebens in der Stadt.
Ihr Gesicht beginnt sich zu verhängen, ein Alles-wiegehabt-Zug gleitet darüber. Er wird reichen, um keinen Einblick zu gewähren und nichts erklären zu müssen.
Auf der Bank vor dem Haus sitzt Catarina. Sie erhebt sich, als sie sie kommen sieht, und geht ins Haus.
Catarina, die älteste Tochter der ersten Frau des Schmieds, hat in all den Jahren ihre Feindseligkeit ihr gegenüber nicht abgelegt. Sie hält das Recht ihrer Mutter auf den Platz vor ihr, seiner zweiten Frau, und die Erinnerung an diese erste Mutter in der Familie aufrecht. Die Hebamme tritt ins Vorhaus. Sie nimmt die Instrumente, die sie bei der Geburt verwendet hat, aus dem Rucksack und versenkt ihn in der Truhe neben der Türe, wo er, wenn es schnell gehen muss, griffbereit liegt. In der Truhe befinden sich auch die von ihrem Mann gefertigten Steigeisen, die sie nur im Winter benötigt. Sie nimmt das hölzerne Hörrohr, die gefürchtete Geburtszange, die Schere, das Nabelbesteck und geht in die Küche.
Catarina hebt mit dem Feuerhaken die Eisenringe aus der Herdplatte. Eine Öffnung über dem Feuer entsteht, groß genug für die kleine Pfanne. Sie lässt ein wenig Fett darin schmelzen, schlägt die zwei Eier hinein und verrührt sie, gibt Salz dazu. Sie sieht Maddalena nicht an.
Maddalena entnimmt dem Grantl heißes Wasser, legt das Hörrohr zur Seite, gibt die anderen Gerätschaften in den großen Topf, gießt das Wasser darüber. Sie zieht den Topf auf die heiße Platte, lässt die Geräte auf dem Herd auskochen und reinigt das Hörrohr mit kochendem Wasser.
Sie entnimmt dem Brotkasten einen Laib. Mit der Grammel hackt sie Stücke vom harten Brot ab, gibt sie in eine Schüssel, gießt ein wenig Milch darüber, schaut zu, wie die Brocken die Milch aufsaugen und weich werden. Erst jetzt merkt sie, wie hungrig sie ist. Sie lässt sich am Tisch nieder. Müdigkeit sitzt ihr in den Beinen und im Rücken. Catarina stellt die Pfanne auf den Pfannenknecht vor ihr.
Was ist es geworden? fragt sie.
N fiol, ein Sohn, es ist gut gegangen. Langsam beginnt Maddalena zu essen.
Catarina schiebt die Herdringe wieder über das Feuer und setzt fort: L féver, der Schmied, ist oben bei Girolamo. Und fügt hinzu, ohne aufzusehen, er hat Cesare mitgenommen. Maddalena kann an ihrem Rücken ablesen, dass sie gespannt auf ihre Reaktion wartet. Catarina weiß, dass Maddalena es nicht gutheißt, wenn der Schmied Cesare mit hinauf ins Wirtshaus nimmt.
Er ist vierzehn Jahre alt. Cesares Mutter starb bei seiner Geburt. Es war ihre elfte. Sie verblutete. Cesare kennt nur Maddalena als Mutter.
Cesare lernt gerade bei seinem Vater das Schmiedehandwerk. Er hat geschickte Hände. Man sieht es den Gegenständen an, wer ihr Schöpfer ist. Nur wenig verändert er, ein paar Linien und aus dem Pfannenknecht wird ein Tier, das auf seinen vier Beinen die Abstellfläche im Gleichgewicht hält, diese durch einen gestreckten Hals mit dem Kopf verbindet, der wiederum mit seinem aufgesperrten Rachen die Halterung für den Pfannenstiel bildet. Sie streicht über diesen schwarzmetallenen Kopf vor sich auf dem Tisch. Der Schmied hat nichts übrig für diese Spielereien, betrachtet sie mit geizigem Argwohn. Ernsthaft soll er werden, das Eisen werde anderweitig gebraucht, wettert er jedes Mal, wenn er wieder ein Werkstück Cesares entdeckt. Doch genau diese kleinen Änderungen sind es, in denen die Fantasie und die Seele Unterschlupf finden. Seit immer mehr Dörfler nach diesen besonderen Stücken fragen, ist das Wettern des Schmieds einem leiseren Murren gewichen, wo doch dafür bezahlt wird.
Maddalena lächelt beim Gedanken an die kleinen Siege über den Schmied, wenn er mit den eigenen Waffen geschlagen ist, vor der Schöpfungslust seines Sohnes kapitulieren muss. Catarina beobachtet sie, ist irritiert, sie lächeln zu sehen.
Maddalena steht auf, räumt den Tisch ab, nimmt etwas warmes Wasser aus dem Grantl, reinigt die Pfanne und den Löffel.
Warum geht Ihr, Maddalena? Ich verstehe es nicht. Vittoria wendet sich der Hebamme zu. In ihren Worten schwingt die Hoffnung mit, alles möge wieder ins Altvertraute gleiten. Der jungen Frau dämmert, welche Verantwortung ihr gerade übergeben wurde.
Die Hebamme lächelt, sie habe ihr alles beigebracht, was sie wisse, und diese Aufgabe sei bei ihr gut aufgehoben, solange sie weg sei. In Gedanken fügt sie hinzu: Und wer weiß, was sein wird, wenn ich erst einmal aufgebrochen bin.
Die Junge hat noch wenig Erfahrung. Es ist eine Aufgabe, die zu früh auf sie zukommt. Sie hat die Ausbildung in der Lehranstalt nicht und wird deshalb keine Zulassung als Hebamme erhalten. Aber sie ist im Tal diejenige, die diese Aufgabe am besten erfüllen kann und der die Leute vertrauen. Vittoria hat sie in den letzten beiden Jahren häufig begleitet, wenn sie zu den Gebärenden ging. Sie spürt in der Jüngeren das Feuer, das sie selber kannte, wenn es galt, zuzupacken und sich mit den Lebenskräften zu verbünden, die sich bei der Geburt entfesseln. Sie besitzt diese gute Mischung: Man muss ganz ruhig werden und sich unbeirrbar von uralten Instinkten führen lassen können, die in den Frauenkörpern da sind. Manches hat sie die Junge machen lassen, damit sie Erfahrung sammelt und die Frauen sehen, dass sie ihr vertraut, das Abbinden der Nabelschnur beispielsweise, das fest genug gemacht werden muss, da sonst die Gefahr besteht, dass es aus ihr zu bluten beginnt und das Kind möglicherweise sogar verblutet. Und in noch einer Hinsicht ist es von Vorteil, wenn Vittoria diese Aufgabe übernimmt: Sie hat sich im Gegensatz zu Maddalena noch nicht den Hass des Pfarrers zugezogen.
Der alte Pfarrer war in seiner väterlichen Autorität im ganzen Tal angesehen und spürbar gewesen. Er hatte Maddalena damals bei ihrer Rückkehr ins Tal eine Kammer in einem Nebentrakt des Widums gegeben, in weiser Voraussicht, dass ihre Dienste im Tal bald gebraucht würden. Die alte Hebamme war in der Zwischenzeit gestorben. Maddalena konnte nicht zurück zu ihrer Familie, der Vater war mehr denn je ein Gefangener seines Grolls gegen sie.
Der Pfarrer redete den Leuten anfangs gut zu, Maddalenas Dienste anzunehmen. Viele Geschichten über sie knebelten das Vertrauen der Frauen und noch mehr das der Männer, die fürchteten, Maddalenas Eigensinn würde den Frauen Flausen in den Kopf setzen.
Der Pfarrer war es auch, der ihr nahelegte, noch vor dem Ende des Trauerjahres den Schmied mit seinen vielen mutterlosen Kindern zu nehmen. Sie hatte nach dem Tod von Cesares Mutter häufig im Haus des Schmieds mitgeholfen, sich um das Neugeborene gekümmert. Es schien ihr nur ein geringer Ausgleich dafür, dass sie den Verlust der Mutter nicht hatte verhindern können.
Die Heirat mit dem Schmied würde ihr nicht nur einen Platz zum Leben, sondern auch wieder einen in der Gemeinschaft des Tales geben.
Der alte Pfarrer war streng, aber auch gütig und weitsichtig, kam selbst aus der Gegend, wusste um das Leben der Leute, sprach ihre Sprache, wusste, wie sie dachten.
Nach seinem Tod kam der jetzige Pfarrer, ein harter Mann, vor dessen Urteil sich alle fürchten. Er pflegt mit grimmigem Eifer von der Kanzel herab zu verfolgen, was ihm verfehlt erscheint, und fügt der Not der Leute noch Gnadenlosigkeit hinzu.
Für die Menschen im Tal ist Religion das, was dem Körper das Blut. Ohne Religion zu sein, hieße, aus der Weltordnung und der Gemeinschaft herauszufallen. Die Rituale und Gebete umschließen die Menschen in ihrer täglichen Mühsal wie eine schützende Hülle. Die Abläufe des Tages, der Wochen, der Jahre sind untrennbar mit der Religion verwoben, mit der Magie der Gesten, der lateinischen, hebräischen, aramäischen Worte, dem ebenso vertrauten wie unverstandenen „Pater noster“, „Dominus vobiscum“ und zu oft mit dem „Amen“, „So sei es“. Darunter, zugedeckt und notdürftig gezähmt, all ihre Grausamkeiten, all ihr Lieben und Fürchten. Die Feste wie Inseln der Sehnsüchte und Hoffnungen. Gebets- und Messzeiten wie das Auge des Sturms aus Schlägen und Arbeit, ein Innehalten des Lebens zum Atemholen.
Jedes Dorf bemüht sich, vom Bischof einen Pfarrer und Kapläne zu erhalten. Jedes Haus muss etwas zur Versorgung der Geistlichen beisteuern, die Bauern Lebensmittel, ihr Mann, der Schmied, manche Gerätschaft für den Hausbedarf und das Beschlagen des Pferdes. Die Geistlichen leben nicht schlecht in diesem Tal. Für die Menschen hier ist ein Tod ohne Sterbesakramente wie der Eintritt in die Hölle, wie ein endgültiges Verlorengehen. Ebenso himmelfern, meinen sie, sei ein ungetauftes Kind. So sind sie bereit, auch diesen Pfarrer zu ertragen, der die Dorfgemeinschaft mit Worten vor sich herpeitscht.
Wenn es absehbar ist, dass das Kind nicht überleben wird, muss sie eiligst nach einem Priester schicken und wenn nicht mehr gewartet werden kann, muss sie die Nottaufe vornehmen, selbst wenn das Kind noch im Mutterleib ist. Der alte Pfarrer kam oft selbst, der neue schickt meist einen seiner Kapläne. Den alten Pfarrer hatte sie überzeugen können, die Spritze und das Wasser, die für die Nottaufe im Mutterleib verwendet wurden, vorher zu kochen und so eine Infektion zu verhindern. Für den neuen Pfarrer gilt sie als Ungläubige. Geweihtes Wasser könne niemals der Grund für den Tod einer Frau im Kindbett sein, hatte er verkündet.
Maddalena bäumte sich von Jahr zu Jahr mehr dagegen auf. Sie redet als Hebamme zu viel, fordert den Pfarrer heraus. Vittoria macht einfach leise das, was zu tun ist, so leise, dass man meinen könnte, sie hätte gar nichts getan. So erregt sie weniger Widerstand als sie selbst.
Der Pfarrer beobachtet die Hebamme wie ein Wächter, hätte allzu gern aus den Regeln der Kirche den Zügel für ihr Handeln gemacht. Aus der Beichte der Frauen erfährt er, dass sie manchmal der einen oder anderen ein Mittel verschafft, das hilft, sich vor einer Schwangerschaft zu schützen. Sie redet den Männern ins Gewissen, die Frau nach den Geburten wenigstens zwei Wochen in Ruhe zu lassen. Einmal suchte Maddalena eine Frau drei Tage nach der Geburt auf, um nach ihr zu sehen. Sie traf sie an, während sie dabei war, einen schweren Kübel vom Brunnen in die Küche zu schleppen, sah, wie sie sich an der Hauswand abstützen musste, das Gesicht grau wie die Wand vor ihr. Sie nahm ihr den Kübel ab, ging ihr voraus in die Küche, stellte ihn ab. Sie fasste die Frau am Arm, zog sie in das Geburtskämmerchen neben der Stube und hieß sie sich niederlegen. Was machst du?, schimpfte Maddalena. Willst du krank werden? Die Frau brach weinend neben ihr zusammen. Erst nach einer Weile stammelte sie, er ist, gleich nachdem Ihr weg gewesen seid, wieder zu mir gekommen. Außerdem lässt er nicht zu, dass ich liegen bleibe, aber sagt nichts zu ihm, sonst muss ich es ausbaden. Maddalena hatte sich trotzdem auf die Suche nach dem Bauern gemacht, hatte ihn zur Rede gestellt und ihm klarzumachen versucht, dass es in seinen Händen liege, ob seine Frau erkranke, zu schwach für die Arbeit und weitere Kinder werde oder wieder zu Kräften komme. Mancher verjagte sie mit den Worten vom Hof, ihre Arbeit sei nun beendet. Dieser Bauer stellte sich als einer der Einsichtigeren heraus. Dennoch blieb sie einige Tage bei der Frau, richtete ihr Dampfbäder mit entzündungshemmenden Kräutern, versorgte sie mit Salben und verrichtete manche Arbeit, damit sie liegen bleiben konnte.
In manchen Fällen blieb sie gleich nach der Geburt zwei bis drei Tage und schlief neben der Wöchnerin, um ihre Heilung zu überwachen, wie sie verkündete, und um den Mann fernzuhalten. Danach bat sie oft die Großmutter, bei der Wöchnerin zu sein. Sie kannte mit der Zeit die Häuser, in denen es gut war, auf die Frau aufzupassen. Während ihrer vielen Abwesenheiten kümmerte sich Catarina um die Kinder daheim. Ohne sie würde der Schmied nicht akzeptieren, dass sie ihren Beruf ausübt. Das weiß sie und ist Catarina trotz ihrer feindseligen Haltung dankbar.
Der Pfarrer sieht in ihren Bemühungen um die Wöchnerinnen ein Außer-Kraft-Setzen der ehelichen Pflicht, die in seinen Augen ein Gottesgesetz darstellt. Mit flammenden Worten warnt er die Frauen davor, in den göttlichen Schöpfungsplan einzugreifen. Wer sich der gottgewollten ehelichen Pflicht entziehe, versündige sich schwer und setze für das Wohl im Diesseits die Erlösung im Jenseits aufs Spiel. Er kann die Hebamme nicht direkt darauf ansprechen, da gibt es das Beichtgeheimnis, an das er sich halten muss. Außerdem bereitet ihm alles, was Frauen und Männer und ihr Lieben betrifft, abgrundtiefes Schamgefühl. Einmal wurde sein Gesicht rot glühend, als sie ihm ihre Vorhaltung entgegenschleuderte: Ob er denn meine, der Tod einer Frau, die nicht mehr könne, sei dem Herrgott lieber, als dass sie dableibe und ihre Kinder großziehe? Und woher er denn wisse, dass der Herrgott wolle, dass das Lieben zwischen Mann und Frau nur dem Zeugen neuen Lebens dienen solle?!
Mit Eiskristallen im Blick zischte er zurück: Er wisse ja nicht, welchen Lebenswandel sie in der Stadt geführt habe, aber hier werde er dafür sorgen, dass sie die Leute nicht verderbe!
Er wand sich, als ginge es um die Qualen der Hölle, verzieh ihr nie, dass sie ihn so beschämt gesehen hatte, und verfolgte sie mit noch mehr Verbissenheit.
Manchmal sieht sie auch die Eifersucht in seinen Augen. Er weiß, dass ihr die Frauen genau jene Geheimnisse der Familien anvertrauen, die so sehr Schamqual bereiten, dass sie sich damit nicht vor die Augen Gottes, nicht vor die Beichtohren des Pfarrers getrauen. Es bricht manchmal aus einer heraus, wenn die Hebamme sie vor der Geburt besuchen geht, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Das scheinbar Unsagbare hat eine eigene Anwesenheit in den Augen. Und dann setzt sie sich neben die Frau auf die Bank, ist still mit ihr. Diese beredte Stille ist in den Tälern überall, das Nicht-Gesagte nimmt mehr Raum ein als das Gesagte. Manchmal scheint ihr, als würden sie die wortlosen Geschichten erreichen, wenn sie nur gut genug in diese Stille hineinhörte. So saß sie einmal in Larzonei oben neben einer Bäuerin und als sie sich erheben wollte, um zu gehen, begann die Frau. Ich weiß, du bist eine, mit der man reden kann. Du weißt auch, wie es hier ist. Wir leben hier auf ein paar Höfen mit wenigen Familien. Von klein auf wird jede Bewegung gesehen, wird jedes Wort gehört, wird jede Tat bemerkt. Nichts bleibt verborgen, alles ist, als würde es allen gehören. Mein Körper gehört immer schon anderen. Zuerst den Eltern und der Arbeit, dann weiter der Arbeit, den Kindern und dem Mann. Das Einzige, was mir allein gehört, ist das, was da drinnen ist, sie deutet auf ihre Brust und ihre Stirn. Da drinnen gehöre ich mir und deshalb muss ich sicher sein, dass es mir nicht verloren geht, wenn ich es für jemand aufmache. Wenn mein Körper das Heu zusammenrecht, dann können sich meine Gedanken aufmachen, vielleicht sogar bis hinunter ans Meer. Wenn ich zum ungezählten Mal die Flicken auf den Kleidern meiner Kinder erneuere, dann wandern meine Gedanken zu den Schaufenstern in Bozen, wo ich einmal die schönen Gewänder gesehen habe. Und noch besser, hier drinnen kann ich Widerworte geben, fluchen, Brandreden halten, über Unrecht schimpfen, ohne dass mich jemand dafür schlägt. Wenn ich die Berge ansehe und das Eis der Marmolada, dann werden die Erinnerungen an die Geschichten wach, die mir die Alten erzählt haben, dann wird sogar der eisige Gletscher lebendig. Dann freue ich mich, weil ich weiß, dass die Welt nicht nur Schmerzen und Armut, das Leben nicht nur Arbeit zu bieten hat und es auch etwas gibt, was mir allein gehört, worauf niemand sonst ein Anrecht hat. Das gibt mir Kraft zum Weitermachen, das gibt mir Hoffnung. Verstehst du, wenn ich das Inwendige auch noch verlieren würde, mir jemand meine Träume und die Fantasie kaputtmachen würde, dann wäre ich nirgendwo mehr frei, alles wäre hoffnungslos. Ich wäre nicht nur arm, sondern elend. Das könnte ich nicht ertragen. Wenn schon mein Körper nicht mir gehört, dann soll wenigstens meine Seele ihren eigenen Raum haben und einen Riegel an der Tür, den nur ich öffnen oder schließen kann.
So hatte sie den Riegel zuletzt doch für sie geöffnet, dachte Maddalena, und das fällt ihr immer wieder ein, wenn sie sich neben einer Schweigenden niederlässt.
Manchmal jedoch ist dieses Ungesagte so drängend, dass nur mehr eine Berührung oder ein Blick reicht, um den Damm bersten zu lassen. Mittlerweile wissen die Frauen auch um Maddalenas Verschwiegenheit und breiten unzählige Geschichten vor ihr aus. Vielleicht ist ihre eigene Fremdheit eine passende Heimat für das Ausgegrenzte, das in diesem Tal sonst nirgends sein kann.
Sie erinnert sich an das Kind des fünfzehnjährigen Mädchens, das von von seinem Großvater gezeugt ist. Alle ahnen es, niemand will es wissen. Und da ist die Geschichte der jungen Bäuerin, die auf der anderen Talseite vor einem Jahr heiratete. Kaum war ihre Ehe geschlossen, kam der, auf den sie lange gewartet hatte, aus dem Süden zurück. Sie wurden erneut ein Liebespaar, heimlich. Und bald wölbte sich ihr Leib und so wie ihr Mann meinten alle im Dorf, ihre Ehe trage erste Frucht. Die Hebamme spürte die Abwesenheit dieser jungen Frau. Es irritierte sie und mit der stummen Frage, wo sie denn sei, sah sie die Frau an. Einen Spaltbreit öffnete sie sich und dann brachen Liebeszerrissenheit und Schuldgefühl aus ihr heraus. Bring das Kind deiner Liebe zur Welt. Sorge dafür, dass es ein gutes Leben hat, und bleib auf deinem Platz. Das ist deine Aufgabe. Du wirst die Kraft dazu haben. Das war alles, was sie ihr damals sagen konnte.
Selbst das kurze „Bald ist es wieder so weit“, das ihr die Frauen zuraunen, wenn sie sie beim Gottesdienst trifft, erzählt ihr nicht nur von beginnenden Schwangerschaften, sondern auch von erschöpften Körpern, Verzweiflung und Ohnmacht.
Anfangs war sie entsetzt und wie gelähmt zwischen der Vorstellung, etwas tun zu müssen, um das Elend der Frauen zu ändern, und dem Wissen um ihre Ohnmacht, um die Fesseln an ihren Händen. Jetzt ist sie oft nur zuhörende Zeugin.
Wenn es ums Gebären geht, gelten die Regeln des Lebens, nicht die dem Pfarrer genehmen. Mittlerweile wagt sie sogar zu denken, dies seien die eigentlichen Gesetze und die Kirchenmänner würden dem Leben den Weg verstellen, gnadenlos und ungerührt vom Leid der Frauen. Das lässt sie heiß werden vor Zorn. Und wenn sie vor einem geburtszerrissenen Unterleib steht, schreit sie stumm ihre Wut an die Bergwände rundum, wie an eine Klagemauer.
Vor einer Weile noch begleitete ein beklemmendes Gefühl von Schuld diese rebellischen Gedanken, als würde ein Richter in ihrem Kopf „Sünde! Verdorbenes Weib!“ schreien. Doch jetzt bricht sich die Erleichterung unaufhaltsam Bahn. Wie ihr eigener unbezähmbarer Geburtsschrei
