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Der Archivar hat Matt und Aruula überrumpelt und außer Gefecht gesetzt. Nun dringt er mit Hilfe seines Mentalscanners in ihre Gehirne vor, um zu erfahren, was sie über das Parallelwelt-Phänomen wissen. Doch etwas geht schief - und aus dem Unterbewusstsein steigen verlorene Erinnerungen auf!
Ein ganz besonderer Band erwartet Sie zu Weihnachten: 10 MADDRAX-Kurzgeschichten, eingebettet in eine Rahmenhandlung! Eine Reise durch 20 Jahre MADDRAX!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2019
Cover
Impressum
Verlorene Erinnerungen
Leserseite
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Lektorat: Michael Schönenbröcher
Titelbild: Koveck / Norma
Autoren:
Ansgar Back, Sascha Vennemann, Ian Rolf Hill, Lucy Guth, Jana Paradigi, Manfred Weinland, Christian Schwarz, Wolf Binder, Oliver Fröhlich, Ben Calvin Hary, Michael „Mad Mike“ Schönenbröcher
Datenkonvertierung eBook: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-9093-3
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Verlorene Erinnerungen
Die Kurzgeschichten:
„Der erste Flug“ von Ansgar Back
„Der träumende Gott“ von Sascha Vennemann
„Himmelfahrtskommando“ von Ian Rolf Hill
„Schnurrers Weg“ von Lucy Guth
„Schlaglichter einer Nacht“ von Jana Paradigi
„Im Zeitstrahl“ von Manfred Weinland
„Unter Toten“ von Christian Schwarz
„Sein Werkzeug“ von Wolf Binder
„Im Angesicht des Schöpfers“ von Oliver Fröhlich
„Die letzte Weihnacht“ von Ben Calvin Hary
Rahmenhandlung:
Michael „Mad Mike“ Schönenbröcher
Aruula blinzelte. Aber noch brachte sie die Kraft nicht auf, die Augen zu öffnen. Ein dumpfer Schmerz pflügte durch ihren Schädel, und sie fühlte, dass sie an Armen und Beinen gefesselt war.
Was war geschehen? Nur allmählich kämpfte sich die Erinnerung in ihr Bewusstsein zurück.
Maddrax und sie waren vor dem Forschungszentrum Rhaakas, der Sauroidenstadt, auf einen Archivar getroffen, der sich als Echsenwesen getarnt hatte. Doch bevor sie seiner habhaft werden konnten, hatte er eine Waffe gezogen – Aruula glaubte einen Schockstab erkannt zu haben – und sie beide außer Gefecht gesetzt.1)
Wo war sie jetzt? War Maddrax bei ihr? Und wo blieb Rulfan? Maddrax hatte ihn kurz vor dem Angriff per Headset informiert; er musste sich auf dem Weg befinden.
Mühsam gelang es der Kriegerin von den Dreizehn Inseln, die Augen zu öffnen. Sie befand sich in einer Ruine, einem Kellerraum vermutlich. Und – Wudan sei Dank! – Maddrax lag neben ihr, offenbar noch bewusstlos. Der Schockstab ruhte, zusammen mit ihren Waffen, auf einem kniehohen Mauerrest zwischen ihnen.
Was sie sonst noch sah, beunruhigte sie: Der Archivar, der nun auf seine Tarnung verzichtete, hantierte an einer Maschiin herum, von der etliche Kabel zu ihnen verliefen. Und jetzt spürte sie auch den Druck auf ihrem Kopf: Etwas fasste ihn ein und presste sich auf ihre Schläfen! Eine Art Helm?
„Was … hast du mit uns vor?“, stieß sie mühsam hervor. Die Zunge lag wie ein Schwamm in ihrem Mund.
Der Archivar fuhr zu ihr herum. „Du bist wach!“, stellte er fest. „Schade; ich hatte gehofft, die Untersuchung noch während der Bewusstlosigkeit durchzuführen. Ein wacher Geist lässt sich nicht so gut auslesen.“
„Auslesen?“, echote sie.
Er ging nicht darauf ein. „Dann beginne ich also mit deinem Gefährten. Er heißt Maddrax, nicht wahr?“
Nun verweigerte sie ihm die Antwort. „Was heißt ‚auslesen‘? Was tust du mit uns?“
Er nahm einige Einstellungen vor, während er wie beiläufig sagte: „Kannst du dir das nicht denken? Es geht um die Parallelwelten, die Brüche im Raum-Zeit-Kontinuum. Ich bin hier, um die Hintergründe zu untersuchen. Und ihr beide seid ganz offensichtlich in die Vorgänge involviert. Anstatt die Zeit mit einer langwierigen Befragung zu verschwenden, werde ich eure Hirninhalte scannen und aufzeichnen und sie in der Domäne auswerten.“
Die Domäne – die Heimat der Archivare in einer fernen Zukunft! Aruula war schon dort gewesen. Und sie hatte eigene Erfahrung mit den Archivaren gemacht; vor allem mit einem, den sie Samugaar genannt hatte. Es war die schlimmste Zeit ihres Lebens gewesen, unter seiner geistigen Kontrolle zu stehen. Das durfte kein weiteres Mal geschehen! Sie musste sich gegen die Maschiin auflehnen, durfte nicht zulassen, dass sie in ihre Gedanken vordrang!
Dass der Archivar zuerst Maddrax scannte, verhalf ihr vielleicht zu genügend Zeit, um sich zu erholen und zu wehren. Aruula versuchte ihre Erregung und Wut zu unterdrücken und sich zu konzentrieren …
Die Umstände der Untersuchung waren nicht ideal. Aber er konnte froh sein, überhaupt auf die Schnelle einen Unterschlupf gefunden und die Körper der beiden Menschen hergeschafft zu haben. Es blieb auch keine Zeit für eine Diagnose; der Mann hatte über sein Funkgerät Hilfe gerufen, die in Kürze eintreffen würde. Bis dahin mussten die Scans der beiden Probanden abgeschlossen sein.
╟│┼║║▌┤, der sich auf seinen Expeditionen Worrex nannte, überprüfte ein letztes Mal die Kabelverbindungen und den Sitz der Elektroden. Das Enzephalogramm des Menschen namens Maddrax wies eine konstante Tiefschlafströmung auf; ideale Voraussetzungen, um weit in seine Erinnerungen vorzudringen. Wie weit, das musste Worrex erst ausloten. Relevant war die Zeit seit den ersten Störungen im Zeitfluss, den sie in der Domäne registriert hatten.
Er setzte sich selbst den Kontrollhelm auf, mit dem er den Fluss der Erinnerungen überwachen konnte, und schaltete das Gerät ein.
Der Datenstrom kam zögerlich, als müsse er durch einen virtuellen Nebel dringen. Aber dann manifestierten sich erste Bilder – und eine Lautäußerung: „Matthew!“
Worrex schaltete die Aufzeichnung ein und konzentrierte sich …
Der erste Flug
von Ansgar Back
Alabama, USA, 1989
„Matthew!“
„Komme gleich!“
„Beeil dich! Der Sheriff wartet nicht länger!“
„Ja, Tante Belle!“
Matt schaltete den Fernseher ab. Angus MacGyver hatte soeben aus Bambusstöcken, Zeltplanen und einem alten Motor ein Leichtflugzeug gebaut und war damit spektakulär aus der Gefangenschaft geflohen. Matt war noch hin und weg. Ein selbstgebautes Flugzeug! Wow!
Er nahm mehrere Treppenstufen auf einmal. Unten angekommen, standen Tante Belle und Onkel Herb schon an der Tür. Matt war bei ihnen in Moundville, Alabama zu Besuch. Die kleine Stadt im Tuscaloosa County war berühmt für ihre Artefakte aus der Mississippi-Kultur.
„Hast du wieder ferngesehen?“ Onkel Herb steckte seine Pfeife zwischen die aufgerauten Lippen. „Junge, dabei kannst du nichts lernen! Büffel lieber für die Schule.“
„Ja, Onkel.“
„Nun lass ihn doch.“ Tante Belle strich Matt übers Haar. „Für ein paar Tage war es ohnehin das letzte Mal.“
Das hörte Matt gar nicht gern. „Gibt’s im Bürgerhaus keinen Fernseher, Tante Belle?“
„So weit ich weiß, nein. Und nun geh raus zu Ethan und Davy.“
Matt trat auf die Veranda. Der Pick-up von Sheriff Johnson stand vor dem Haus. Es war fast der Gleiche, den auch Colt Seavers in Ein Colt für alle Fälle hatte, nur etwas älter. Ethan und Davy saßen bereits auf der Ladefläche. Ethan war zwei Jahre älter als Matt und hatte schon die ersten Pickel auf der Nase, Davy war mit acht Jahren der Jüngste.
„Na, komm schon, Matt!“, rief Davy. Ethan lachte. Für die beiden war die Fahrt in die Stadt ein riesiger Spaß.
Voller Aufregung erklomm Matthew die Ladefläche und setzte sich zu seinen Cousins. „Meint ihr, der Wirbelsturm erreicht Tuscaloosa County?“, fragte er.
Ethan strich sich eine Strähne seines Rotschopfs hinters Ohr. „Mom sagt, er ist schon in Pine Apple.“
„Dann kommt er sicher!“, feixte Davy. „Und dann reißt er sämtliche Dächer von Moundville ab und wirbelt sie durch die Luft!“
„O Mann!“ Matt zog die Nase hoch.
„Ja!“, sagte Ethan. „Und dann fallen sie alle wieder runter! Nur nicht auf die richtigen Häuser!“
Die Jungs lachten. „Stellt euch mal das Kirchendach auf Mrs. McGintys Krämerladen vor!“, platzte es aus Davy heraus.
„Ja! Oder das Schuldach auf Bobs alter Scheune!“ Sie hielten sich die Bäuche vor Lachen.
Onkel Herb trat an die Ladefläche heran. „Schluss mit den Faxen! Und fallt mir nicht runter!“
„Keine Sorge, Dad!“, versicherte Davy.
Onkel Herb nickte und stieg mit Tante Belle bei Sheriff Johnson ein. Matt war nicht entgangen, dass er sich große Sorgen machte. Sein Onkel scherzte gern und hatte immer einen trockenen Spruch parat, aber seit heute Morgen war er ernst wie selten.
Bestimmt wegen dem Sturm …
Johnson fuhr los, Matt betrachtete die Umgebung. Erste Windstöße kämmten die Maisfelder und ließen die Halme rascheln, Staub wirbelte über die Straßen, die Luft roch nach Elektrizität.
Er dachte an seine Eltern. Sie hatten einen Ausflug nach Memphis unternommen und saßen wegen der Sturmwarnung dort fest. Aber sie setzten alles daran, die nächste freie Maschine zu bekommen.
Als der Pick-up den Stadtrand erreichte, herrschte Tumult. Eine aufgebrachte Menge belagerte die Straßen. Die Jungs sprangen von der Ladefläche; Onkel Herb, Tante Belle und Sheriff Johnson stiegen aus und wurden von den besorgten Leuten empfangen.
„Sheriff!“, rief eine Frau völlig außer Atem. Sie hieß Jolanda Stacks, war korpulent, und durch die Hornbrille auf ihrer Nase wirkten ihre Augen, als würden sie in Goldfischgläsern herumschwimmen.
„Die kleine Cathy wird vermisst!“, sagte sie jetzt.
„Seit wann?“
„Seit heute Morgen! Sie muss aus dem Haus gerannt sein, als Mable die Tür offen ließ, um die Wäsche abzuhängen!“
„Grundgütiger …“, entfuhr es Onkel Herb.
„Habt ihr schon in der alten Kiesgrube nachgesehen?“, fragte Tante Belle. Die Grube war so etwas wie der örtliche Spielplatz. Seit dort nicht mehr gearbeitet wurde, tummelten sich die Kinder aus Moundville in der Mulde.
„Da ist sie nicht“, sagte einer der Männer, ein schlaksiger Kerl namens Milt Banyon, der mit seinem Fahrrad zu der Gruppe gestoßen war. „Von dort komme ich gerade.“
„Sie muss in die Maisfelder gerannt sein“, mutmaßte Jolanda.
„Wie kommst du darauf?“, fragte der Sheriff.
„Miller sagt, er habe sie dort gesehen.“
„Ist das wahr, Miller?“
„Nun ja …“ Ben Miller hakte den Daumen hinter den Latz seines verwaschenen Overalls und spuckte einen Strahl Kautabak auf den Boden. „Ganz sicher bin ich mir nicht. Als ich mit dem Traktor die Centerville Street runterfuhr, meine ich, sie in ihrem hellblauen Kleidchen am Feldrand gesehen zu haben. Als ich näherkam, war sie verschwunden.“
„Wo sind ihre Eltern und ihr Bruder?“
„Die suchen schon“, sagte Jolanda.
„Gut.“ Johnson nickte grimmig. „Durchkämmen wir die Maisfelder.“
„Wie wär’s von oben?“, brach es aus Matt heraus. Beim Zuhören war ihm eine Idee gekommen, die ihn in Erregung versetzte.
Die Leute starrten ihn an. „Von oben?“, echote Onkel Herb.
„Ja!“ Matt nickte eifrig. „Aus der Luft!“
„Ach, du und deine Flugzeug-Besessenheit!“
Matt hörte nicht auf Onkel Herb. Er war voll Feuereifer. „Nein, wirklich! Ich könnte mitfliegen und Ausschau halten!“, sagte er.
Der Sheriff schüttelte den Kopf. „Ausgeschlossen. Bei dieser Wetterlage ist ein Flug viel zu gefährlich. Der Sturm wird Moundville bald erreichen.“
Matt wollte protestieren, aber Johnson ließ ihn stehen und ging dazu über, Suchtrupps einzuteilen. „Achtet darauf, euch nicht selbst in Gefahr zu bringen, und kehrt rechtzeitig um. Wir werden uns während des Sturms im Bürgerhaus verschanzen. Die Unterkellerung bietet genug Platz.“
Die Leute nickten zustimmend. Bis auf Matt. Er sah nicht ein, dass der Sheriff wegen der paar Wolken einen Suchflug ablehnte. Der Sturm war noch nicht hier, da musste man doch jede Minute nutzen!
„Wenn mein Dad hier wäre, würde er das Flugzeug fliegen“, sagte er trotzig.
Johnson lächelte milde. „Auch Simon Drax wüsste, wie gefährlich das in dieser Situation wäre, mein Junge.“
Davy knuffte ihn in die Seite. „Komm schon, Matt“, sagte er. „Geh’n wir ins Bürgerhaus und sichern uns die besten Plätze.“
Doch in Matt reifte schon ein neuer Einfall. Er wandte sich an Onkel Herb. „Wie lange wird es dauern, bis der Sturm Moundville erreicht?“, fragte er.
Onkel Herb blickte zum Himmel. „Schwer zu sagen“, meinte er. „In einer Stunde, vielleicht auch weniger.“
„Kann ich mir vorher noch bei Mrs. McGinty Lakritzstangen holen?“
„Muss das sein?“
„Bitte, Onkel Herb!“, bettelte Matt.
„Nun lass ihn schon“, mischte sich Tante Belle ein. „Der Krämerladen ist doch gleich am Ende der Straße.“
„Na gut“, stimmte sein Onkel zu. „Aber du kommst sofort zurück, hörst du?“
Matt deutete auf Milt Banyons Fahrrad. „Mit dem Rad geht’s schneller … wenn Sie’s mir leihen.“
Banyon hatte nichts dagegen, und Matt stieg auf den Drahtesel. Seine Füße erreichten den Boden kaum. Er schlingerte anfangs, aber nach ein paar Tritten in die Pedale fuhr er los.
Als er den Laden erreichte, wandte er sich noch mal um – und fuhr dann schnurstracks daran vorbei.
Von wegen Lakritze!, dachte Matt. Sein Ziel war nicht der Krämerladen, sondern das Anwesen vom alten Bob. Matt war ziemlich sicher, dass er noch nicht im Bürgerhaus war. So wie er ihn einschätzte, würde der mürrische alte Kerl ohnehin sein Haus nicht verlassen.
Matt radelte durch die Griffin Street Richtung Stadtrand. Bob Fergusons Farmhaus war das letzte Gebäude auf der rechten Seite; dahinter befanden sich weit und breit nur Wiesen, Sümpfe und Maisfelder. Und die Start- und Landebahn für Fergusons Flugzeug, eine Huff-Daland Duster Petrel 31 von 1928, ein zweisitziger Doppeldecker mit Sternmotor und zehn Metern Spannweite. Die Petrel 31 war eigens für Agrarflüge gebaut worden, und es gab nur achtzehn Stück davon, weswegen Bob Ferguson die Antiquität hegte und pflegte.
Matt hatte Glück. Als er außer Atem bei Ferguson ankam, stand dieser in seinem zum Hangar umfunktionierten Stall und war dabei, das Flugzeug mit Seilen festzuzurren. „Hallo, Mr. Ferguson!“, rief Matt schon von weitem.
Bob Ferguson starrte ihn mit offenem Mund an. Auf seinem altersgrauen Falkengesicht perlte Schweiß. Er sah nicht gesund aus.
Dann hellten sich seine Gesichtszüge auf. „Sieh mal einer an“, sagte er. „Du bist doch der kleine Drax, Eves Sohn.“
„’woll, Sir“, sagte Matt.
„Das heißt ‚Jawohl, Sir‘, möchte ich meinen.“ Sein Lächeln verschwand so schnell, wie es gekommen war.
„Jawohl, Sir“, sagte Matt.
„Kommst bestimmt, um dir meinen Flieger anzuschauen, was? Aber daraus wird nichts. Da kommt ein Sturm auf.“ Ferguson runzelte die Stirn. „Hat Johnson dich etwa geschickt, um mich abzuholen?“
„Nein, ich …“ Matt trat von einem Bein aufs andere. Dann erzählte er Ferguson von der vermissten Cathy, und von seiner Idee, das Mädchen aus der Luft zu suchen.
„Hol mich der Deibel …“ Ferguson hustete und holte mit schweren, rasselnden Atemzügen Luft. Sein Gesicht glänzte wie mit einer dünnen Lackschicht überzogen. „Deine Idee ist gut, Kleiner“, brachte er hervor. „Aber ich bin nicht ganz auf der Höhe, wie du siehst. Hab seit gestern ein Ziehen in der Brust, wie von einer Grippe. Könnte auch Sumpffieber sein, keine Ahnung, jedenfalls geht’s mir beschissen.“
„Können wir nicht trotzdem fliegen?“, drängte Matt.
Ferguson wurde von einem weiteren Hustenanfall geschüttelt. Er zog einen Lappen aus der Hosentasche und wischte sich damit übers Gesicht. „Also wenn hier überhaupt jemand fliegt, dann bin ich das. Du glaubst doch wohl nicht, dass ich dich mitnehme!“
„Aber ich kenn’ mich mit Flugzeugen aus!“
„Ha!“, machte Ferguson. „Ich weiß, dass du Ahnung davon hast, Kleiner. Hast viel von deinem Vater gelernt. Aber mitfliegen lass’ ich dich auf keinen Fall. Viel zu gefährlich.“
„Aber wieso?“, begehrte Matt auf. „Wir wären zu zweit! Einer fliegt, der andere hält Ausschau! Außerdem haben’s mir Onkel Herb und Tante Belle erlaubt, sonst wäre ich nicht hier!“ Matt spürte, wie sich seine Wangen röteten.
Ferguson zog lautstark die Nase hoch und schüttelte den Kopf. „Ich wette zehn Gallonen allerfeinsten Moonshine, dass Herb dir nie und nimmer erlauben würde, in diese alte Kiste zu steigen. Also vergiss es.“
Mist! Matts Blicke hefteten sich auf den Doppeldecker, während Ferguson die Verzurrung der Maschine wieder löste und zur Zapfsäule stapfte. Matt wurde klar, dass der Alte sich tatsächlich mit dem Flugzeug auf die Suche nach Cathy machen würde. Ferguson und Cathys Familie waren befreundet, außerdem hielten die Leute in Moundville zusammen wie Pech und Schwefel.
Matt hatte nicht vor, klein beizugeben. „Darf ich wenigstens beim Auftanken helfen?“, fragte er Ferguson, als der zurückkam.
Der Alte zögerte, doch dann nickte er. „Na schön.“
Während des Tankens spähte Matt ins Cockpit. Auf dem hinteren Sitz lagen ein Feldstecher, eine Blechflasche und ein paar Hirschlederdecken. Fergusons Fliegermütze mit der Pilotenbrille lag auf dem Vordersitz neben dem Steuerknüppel. Was ihn auf eine weitere Idee brachte. Er griff nach der Mütze und steckte sie sich unter die Jacke.
„Also, ich geh dann mal“, sagte er, als sie mit Tanken fertig waren.
„Richte Johnson aus, dass ich mich auf die Suche nach Cathy mache.“ Ferguson blickte zu den Wolken. „Vielleicht haben wir Glück und uns erreicht nur ein Ausläufer.“
„Mach ich, Sir“, sagte Matt und radelte davon. Aber nur bis zum Rand des nächsten Maisfelds, wo er scharf abbog und sich zwischen den hohen Stauden versteckte. Sein Herz pochte bis zum Hals. Bald darauf hörte er den Alten laut fluchen: „Mist, verdammter! Wo ist diese verfluchte Brille schon wieder?“
Matt spähte durch die Halme. Ferguson stapfte verärgert ins Haus, wohl um eine Ersatzbrille zu holen. Matt verließ das Feld, rannte zu der Petrel 31 zurück und kletterte ins hintere Teil des Cockpits, wo er sich im Fußraum unter dem Steuer des Copiloten verbarg.
Zwei Minuten später startete der ahnungslose Ferguson den Flieger …
„Hundert heulende Himmelhunde!“, fluchte Ferguson, als er Matt entdeckte. Da befanden sie sich bereits hoch in der Luft, und Matt hoffte, dass Ferguson nicht mehr umkehren würde. „Elender Lausejunge! Was fällt dir ein?“
Matt wurde flau im Magen. „Ich will nur helfen“, sagte er kleinlaut.
„Mann o Mann! Was sag dich nur deinen Verwandten, wenn dir was passiert?“ Der Sternmotor brummte gleichmäßig vor sich hin. „Na gut, jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen“, fuhr Ferguson nach einer langen Kunstpause fort. „Also nimm in Gottes Namen den Feldstecher und halt nach Cathy Ausschau. Ich fliege die Gegend von Süden her ab, bevor der Sturm hier ist.“
„Klar, Mister Ferguson, Sir.“ Matt freute sich wie ein Schneekönig. Der Flugwind fegte durch das offene Cockpit, zerzauste sein Haar und trieb ihm Tränen in die Augen. Er setzte die Brille auf, die er zuvor entwendet hatte. Sie war ein wenig zu groß, sodass er sie zurechtrücken musste.
„Die hast du also auch geklaut!“, polterte Ferguson. „Junge, Junge, was soll nur mal aus dir werden!“
Die Aufregung ließ Matts Herz schneller schlagen. Schon der Start war ein grandioses Erlebnis gewesen. Dieses Gefühl, als würde sein Magen in die Kniekehlen hinabsacken, und dann wieder hinauf. Und jetzt war er hoch oben in der Luft, weit über der Welt da unten, die winzig wirkte. Wow!
Matt verspürte ein unglaubliches Kribbeln am ganzen Körper. Den Steuerknüppel des Copiloten direkt vor seiner Nase, fragte er sich, wie es wäre, wenn er selbst die Maschine steuern würde.
„Konzentrier dich auf die Felder!“, rief Ferguson gegen den Wind an.
„Mach ich!“ Matt nahm den Feldstecher und hielt Ausschau. Er sah Autos umherfahren und verschiedene Menschengruppen auf den Straßen, aber Cathy konnte er nirgends entdecken.
Ein Windstoß rüttelte die Petrel durch. Matt betrachtete die Wolken. Sie wirkten wie kämpfende weiße Ungeheuer. „Ist das der Sturm, Mister Ferguson?“, fragte er.
Keine Antwort.
Dann geschahen zwei Dinge gleichzeitig: Ferguson röchelte laut – und die Maschine ging in den Sinkflug. Der Motor brummte wie ein zorniges Insekt.
Matt fühlte eine kalte Faust, die sich um seinen Magen krampfte. Ferguson ächzte auf. Mit zitternden Händen schaltete er die Steuerung auf den Copiloten um. „Matthew“, krächzte er, „übernimm … schnell!“ Dann schloss er die Augen und kippte seitlich weg.
Der Doppeldecker raste bodenwärts und geriet in eine gefährliche Schräglage. Matt fühlte, wie sich seine Augen weiteten. Seine Glieder bebten vor Angst.
Er reagierte aus einem Impuls heraus, packte den Steuerknüppel, zog ihn zur Seite und zurück – und die Maschine gehorchte. Die Nase kam hoch, der Flug stabilisierte sich. Ein wilder Schrei fuhr aus Matts Mund.
Schräg vor sich sah er die breite Straße, die zur Stadt führte. Konnte er darauf landen? Er hatte wohl kaum eine Wahl! Matt zitterte am ganzen Leib. Er umklammerte den Knüppel so fest, dass seine Hände schmerzten.
Er schaffte es, den Doppeldecker auf die schnurgerade Straße einzuschwenken. Angst, gepaart mit dem Mut der Verzweiflung, peitschte durch seine Brust und sein Hirn.
Er musste Hilfe für den alten Ferguson herbeirufen! Aber wie? Das Funkgerät! Doch wie sollte er gleichzeitig funken und lenken? Unmöglich! Sie werden die Maschine sehen und zur Landestelle kommen. – O Gott, was sag ich Onkel Herb?
Matt drückte den Steuerknüppel leicht nach vorn; die Flugzeugnase senkte sich. Ferguson hing zur Seite gesackt im Sitz, sodass er ihm glücklicherweise nicht die Sicht nahm. Matt betete, dass er nicht tot war.
Was hat Dad immer gesagt? Achte auf den Anflugwinkel!
Die Petrel sank kontinuierlich tiefer. Matt drosselte das Tempo, die Maschine gehorchte abermals.
Da fiel ihm etwas ins Auge: eine langgezogene, sich schlängelnde Schneise im Maisfeld! Er riskierte einen Seitenblick. Tatsächlich, eine Schneise – wie von einem kleinen Menschen oder einem größeren Tier gezogen.
Cathy!, schrie es in Matt. Das muss Cathys Spur sein!
Donner krachte wie ein Gewehrschuss, und gleißende Blitze jagten über den Himmel. Der Sturm – er war da! Der Motor röhrte wie überdreht, und Matts Puls schoss in die Höhe, als das Flugzeug sich der Straßendecke näherte. Jetzt hing alles nur noch vom Glück ab.
Matt biss die Zähne zusammen; seine Hände krampften sich um den Steuerknüppel. Bodenkontakt! Ein Rumpeln ertönte. Das Flugzeug wurde derart durchgeschüttelt, dass Matt das Gefühl hatte, jeden Moment aus dem Sitz gerissen zu werden.
Sein Kiefer schmerzte, als die Petrel erneut aufsetzte. Die Räder rumpelten über den Asphalt.
