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Nachdem die Daa'muren Grao und Ira zu den Freunden in der Wolkenstadt Orléans-à-l'Hauteur gestoßen sind, beraten sie gemeinsam über weitere Schritte, um gegen die Bedrohung der Dunklen vorzugehen und Pilâtres Enkel Pilou zu heilen.
Ira erinnert sich an eine Präsenz, die sie auf der Reise zum Victoriasee wahrgenommen hat, ohne ihr nachgehen zu können. Nun will sie wissen, was dahinter steckt - und weckt damit uralte Geister ...
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Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Was bisher geschah...
Ein Fremder im Kollektiv
Leserseite
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Impressum
Am 8. Februar 2012 trifft der Komet »Christopher-Floyd« – in Wahrheit eine Arche Außerirdischer – die Erde. Ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die degenerierte Menschheit befindet sich im Krieg mit den Daa'muren, die als Gestaltwandler ein leichtes Spiel haben. In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, »Maddrax« genannt, dessen Staffel durch einen Zeitstrahl vom Mars ins Jahr 2516 versetzt wird. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula erkundet er diese ihm fremde Erde, und es gelingt ihm, die lebende Arche, den »Wandler«, gegen dessen kosmischen Feind zu verteidigen, woraufhin sich der Wandler mit den Daa'muren ins All zurückzieht...
Während es Matt und Aruula in ein anderes Sonnensystem verschlägt, hat der Kampf gegen den Streiter dramatische Folgen: Der Mond nähert sich der Erde! Als Matt und Aruula endlich einen Weg in die Heimat finden, haben sie nur wenig Zeit, die Katastrophe abzuwenden. Zwar gelingt es dank fremder Völker aus dem Ringplanetensystem, den Mond in seine Umlaufbahn zurückzuversetzen, doch dies verursacht eine Schwächung des Raum-Zeit-Kontinuums, das in der Folge an besonderen Punkten aufbricht – an Orten, wo die Nachfahren der Menschheit, die Archivare, in der Zeit zurückgereist sind, um technische Artefakte der Vergangenheit zu sammeln. Das rächt sich nun, als an den Bruchstellen Areale verschiedener Parallelwelten auftauchen.
Zusammen mit dem Pflanzenwesen GRÜN gelingt es unseren Helden, mittels eines Tachyon-Prionen-Organismus die Risse zu versiegeln – bis eine Bruchstelle kollabiert, die nicht auf die Archivare zurückgeht, GRÜN und den Organismus beinahe tötet und ein gewaltiges Areal um den Victoriasee in die Gegenwart versetzt. Dort regiert ein Zeitreisender: Kaiser Pilâtre de Rozier, der 1785 mit einem Fesselballon den Zeitstrahl durchquerte und im zukünftigen Afrika strandete. Er hat den Austausch des Parallelwelt-Areals beobachtet – und dass das Luftschiff seines Sohnes Victorius darin verschwand, während der See durch eine gewaltige Stadt ersetzt wurde. Matt und Aruula stellen fest, dass die Menschen aus dem Areal einen »bösen Keim« verbreiten; dieselbe Kraft, mit der sich auch Aruula über den Kontakt mit GRÜN infiziert hat. Als der Anführer der Dunklen, Shadar, ihr die telepathischen Kräfte rauben will, befreit er sie ungewollt von dem Keim.
Nun wollen Matt und Aruula den Tachyonen-Organismus einsetzen, um das Portal zu öffnen, doch das Wesen ist aus der Stasiskugel verschwunden! Steckt Colonel Kormak dahinter? In der Tat – aber er kann die Schuld auf seine Assistentin Vasraa abwälzen und sie anschließend »entsorgen»... so denkt er jedenfalls.
Inzwischen wird die Wolkenstadt Château-à-l'Hauteur von den Dunklen angegriffen, und nur Pilâtre kann mit einer Roziere entkommen. Er will durch das Portal in die Parallelwelt, um seinen Sohn zu retten, wird von Matt aber daran gehindert. Da treffen die befreundeten Daa'muren Grao und Ira ein. Sie haben durch das Portal den Todesschrei eines Wandlers empfangen und machten sich auf den Weg nach Afra – begleitet von einem Kind, das vom Dunklen Keim infiziert ist und kurz vor dem Ziel seine Artgenossen herbeiruft, um die Echsenwesen zu bezwingen...
Ein Fremder im Kollektiv
von Ro Demaar undMichael Schönenbröcher
Mit gezücktem Schwert blieb Aruula stehen und horchte. War da nicht ein leises Geräusch gewesen in einem der Gebäude, die sich in organischen Windungen bogen, als wären sie Teil eines riesigen Lebewesens? Die Abenddämmerung brach an; eigentlich hätten sie jetzt zurück in der Wolkenstadt sein sollen.
»Wir müssen weiter«, drängte Ira, nicht minder nervös. Die Daa'murin hatte ihre Finger zu langen Klingen umgeformt.
Da flammte ein Feuerball hinter einem der Fenster auf und schoss auf Aruula zu. Sie hatte sich also nicht getäuscht! Sie ließ sich fallen, und die Hitze rollte über sie hinweg. In der Türöffnung des Hauses erschien ein Mann mit einem Kapuzenmantel. Er hob die Hände. Feuer bildete sich um seine Finger, eine weitere Feuerkugel entstand.
»Wir müssen raus aus dieser Stadt!«, stieß Ira hervor und stürmte auf den Dunklen zu.
Stunden zuvor, im Norden des Victoriasees
Aruula traute ihren Augen kaum, als sie und Maddrax aus der kleinen Roziere stiegen. Sie kannte die beiden Echsenartigen, die ihnen aus einem Dickicht entgegentraten, hatte viele gemeinsame Abenteuer mit ihnen erlebt. Für die meisten Menschen sahen alle Daa'muren gleich aus, doch diese beiden würde sie auch unter Dutzenden wiedererkennen: Grao'sil'aana und Gal'hal'ira.
Der größere der beiden – Grao, wie er seinen Namen abkürzte – rief ihre Namen: »Maddrax! Aruula!« Er kam auf sie zu, die Hände immer noch zu Klingen umgeformt. Mit denen er ein Blutbad angerichtet hatte. Die ganze Fläche war mit Leichen übersät; es mussten gut zwei Dutzend Dunkle sein, die hier ihren Meister gefunden hatten.
»Was tut ihr denn hier?«, kam ihr Maddrax mit der Frage zuvor, die auch Aruula auf den Lippen lag.
»Wonach sieht es denn aus?«, fragte Grao zurück. Er blickte kurz auf seine Hände, dann verwandelte er sie in Echsenklauen zurück. »Wir wurden angegriffen. Und mussten damit rechnen, dass in dem... Flugding noch weitere Feinde sind.«
Er hat sich kein bisschen geändert, ging es Aruula durch den Kopf. Sie hegte von jeher kein gutes Verhältnis zu dem Daa'muren, was ganz persönliche Gründe hatte. Er war es gewesen, der ihren Sohn aufgezogen und den Menschen entfremdet hatte, nachdem er ihr von den außerirdischen Invasoren geraubt worden war. Auch wenn sie sich mit Grao inzwischen arrangiert hatte, das würde sie ihm nie verzeihen können.
»Sind das alles Dunkle?«, wollte Maddrax wissen und wies mit weiter Geste auf die Toten.
»Wenn ihr damit die Infizierten meint – ja«, antwortete Ira an seiner Stelle. »Wir wurden in eine Falle gelockt und mussten uns verteidigen. Ihr wisst, dass ich nicht unbedacht töte.«
Das stimmte wohl, und mit Ira, der aus der Art geschlagenen Daa'murin, verband Aruula ein fast schon freundschaftliches Verhältnis. Bedauerlich, dass sie immer noch mit Grao zusammen war. Andererseits verständlich, denn von ihrer Spezies gab es nicht mehr viele auf der Erde.
»In die Falle gelockt?«, echote Maddrax. »Von wem?«
Wortlos warfen sich Grao und Ira Blicke zu, und obwohl Aruula nicht bewusst lauschte, hatte sie das starke Empfinden, dass die beiden telepathisch miteinander kommunizierten. Und das, obwohl sie diese Gabe mit dem Weggang des Wandlers doch eigentlich verloren hatten.
»Kommt mit!« Ira drehte sich um und ging in das Dickicht zurück. Grao folgte ihr, und auch Maddrax und Aruula schlossen sich an.
Hinter dem Gebüsch lag ein totes Mädchen auf dem Boden, höchstens fünfzehn Jahre alt. Eine Afranerin mit dunkelbrauner, fast schwarzer Haut.
»Warst du das?«, fragte Maddrax. In seiner Stimme lag eine unverhohlene Anklage, aber gleichzeitig musste ihm klar sein, dass auch dieses Kind zu den Dunklen gehören konnte.
Was Grao bestätigte: »Es war notwendig. Sie war infiziert, Rauch trat aus ihren Augen«, erklärte er ruhig. »Sie hat uns hierher in einen Hinterhalt geführt. Ich hatte keine andere Wahl. Sie war stark; viel stärker, als sie sein sollte.«
Aruula schauderte. Die Infizierten breiteten sich schneller aus als gedacht. Zwar stammten jene, denen sie mit der Roziere gefolgt waren, aus der Stadt, aber wenn die Daa'muren von Norden kamen, bedeutete dies, dass es auch dort weitere Dunkle geben musste.
Maddrax nickte und warf Aruula einen Blick zu, den sie sehr gut zu deuten wusste. Er dachte an ihren Flug nach Afra. Wie sie selbst sich verändert hatte, nachdem GRÜN sie unwillentlich mit dem Dunklen Keim angesteckt hatte. Beinahe hätte sie Maddrax getötet.
»Wir haben auch schon Erfahrungen mit diesem schwarzen Rauch gemacht«, stellte Maddrax fest. »Ihr habt Glück, dass es euch nicht auch erwischt...« Er hielt inne. »Oder seid ihr infiziert? Es dauert einige Zeit, bis die Veränderung einsetzt.«
»Keine Sorge«, beruhigte ihn Ira. »Sie haben es versucht, aber wir sind dagegen immun. Ansonsten hätte uns Adia«, sie schaute zu dem toten Kind, »auf dem Weg von Agartha hierher längst angesteckt.«
Maddrax riss die Augen auf. »Sie kam bis nach Agartha?«
»Nicht ganz«, sagte Ira. »Wir haben sie am Fuß des Bergmassivs getroffen und wollten sie zurück in ihre Heimat bringen. Dabei hat sie Saatra...« Ihre Stimme brach. Aruula hatte nicht gewusst, dass Daa'muren so tiefen Schmerz empfinden konnten. Oder war Ira ein emotionaler Einzelfall?
»Stimmt«, meinte Maddrax. »Ich hatte mich schon gefragt, wo euer Mündel abgeblieben ist.«
Grao schnaubte. »Sie hat Grao'lin'saatra auf dem Gewissen. Was wir leider erst hier herausfanden. Schon dafür hat sie den Tod mehr als verdient.«
»Sie wusste nicht, was sie tat!«, fuhr Ira auf. »Es wäre nicht nötig gewesen, sie gleich zu töten. Wir hätten nach einem Heilmittel suchen müssen.«
»Es gibt keines«, gab Grao schroff zurück.
»Doch!«, konterte Aruula. »Auch ich war infiziert und habe es überwunden! Ich bin geheilt.«
»Siehst du?« Ira baute sich vor Grao auf. »Ich habe es dir gesagt! Du hättest sie nicht umbringen müssen!«
Maddrax mischte sich ein: »Bei Aruula lag der Fall etwas anders. Ja, sie war infiziert, aber einer der Dunklen hat den Keim quasi aus ihr herausgesaugt, als er versuchte, ihren Lauschsinn zu stehlen.«
»Trotzdem zeigt es, dass eine Heilung möglich ist«, beharrte Ira.
»Sie hat mich angegriffen. Und Saatra getötet«, stellte der Daa'mure lakonisch fest, und seine Miene gab deutlich zu verstehen, dass dieses Thema beendet war.
»Es war ein Fehler!«, brummte Ira leise, um sich dann an Aruula zu wenden. »Aber wir wollen nicht streiten. Es ist schön, dass ihr da seid.« Sie trat auf Aruula zu und nahm sie in die Arme. Zunächst wusste die Kriegerin von den Dreizehn Inseln nicht recht, wie sie reagieren sollte, aber dann erwiderte sie die Umarmung.
»Unsere letzte Begegnung liegt Jahre zurück«, fuhr Ira fort. »Wo wart ihr?«
Aruula lachte. »Das ist eine lange Geschichte für eine Nacht am Lagerfeuer.« Sie löste sich von der Daa'murin. »Aber es ist wirklich schön, dich wiederzusehen.«
Ihr Blick streifte kurz Grao, ohne dass sie weiter auf seine Anwesenheit einging.
»Ich gewöhne mich auch nur schwer an ihn«, bemerkte Ira lachend, bevor sie ernst wurde. »Er ist so wie immer.«
Ohne darauf einzugehen, wandte sich Grao an Maddrax. »Weshalb seid ihr hier?«
»Wir folgten den Dunklen, die hierher unterwegs waren, als würden sie von etwas angelockt«, sagte der Mann aus der Vergangenheit. »Alles Weitere erklären wir euch am besten während des Fluges.«
Ira drehte sich interessiert um. »Flug... wohin?«
»Nach Orléans-à-l'Hauteur, einer Wolkenstadt. Kaiser Pilâtre de Rozier erwartet uns dort.«
»Die Stadt befindet sich am Rand dieses riesigen Gebiets, das aus einer Parallelwelt aufgetaucht ist«, fügte Aruula hinzu. »Gemeinsam wollen wir herausfinden, was es damit auf sich hat.«
Schweigend schauten sich Grao und Ira an, als würden sie ihr weiteres Verhalten abstimmen. Aruula überlegte für einen Moment, ob sie die beiden belauschen sollte, aber sie waren ihre Freunde, zumindest Ira, und da gehörte sich das nicht.
»Wir würden gerne mitkommen«, erklärte Grao und ging bereits auf die Roziere zu. Mit gespielter Höflichkeit deutete Maddrax an, dass sie willkommen waren auf dem Luftschiff.
Gemeinsam stiegen sie an Bord und Maddrax nahm die Dampfmaschine wieder in Betrieb. Schon wenige Augenblicke später stiegen sie auf.
Maddrax setzte Kurs auf die Wolkenstadt, dann wandte er sich den beiden Daa'muren zu. »Ihr habt den Todesschrei eines Wandlers erwähnt. Was hat es damit auf sich?«
Ira, die interessiert die Armaturen der Roziere musterte, antwortete: »Wir hörten ihn wie aus dem Nichts vor einigen Wochen, nur ganz kurz, dann brach er ab. Aber wir konnten Agartha nicht so rasch verlassen. Dort befindet sich alles im Aufbau.«
Aruula nickte. Sie waren dort gewesen, als König Wangmo entschieden hatte, das verwaiste, durch die Fresser zerstörte Agartha aus der Parallelwelt wieder instand zu setzen. Deshalb hatten sie das dortige Portal offengelassen.*
Aruula zog die Brauen zusammen. »Ihr meint, ein neuer Wandler wäre aufgetaucht?«
Maddrax antwortete an Iras Stelle: »Das hätten wir mitbekommen. Ich denke aber, dass es in der Parallelwelt durchaus einen gegeben haben könnte. Darum brach der Schrei auch ab – als sich das Portal wieder schloss.«
»Dann wurde er drüben getötet?«
Maddrax nickte. Man sah ihm an, dass ihm die Konsequenz daraus nicht gefiel. »Möglich«, sagte er langsam. »Und wenn, dann kommt eigentlich nur ein Täter in Frage...«
»Ein Streiter«, sprach Aruula es aus. Sie blickten sich an.
Der Kriegerin von den Dreizehn Inseln wurde beinahe übel. Wenn die Kräfte der Dunklen von einem Streiter stammten und sich ein solches kosmisches Wesen auf der anderen Seite des Portals befand... Sie wagte den Gedanken nicht zu Ende zu führen.
Auf der weiteren Fahrt verloren sie kaum noch ein Wort; auch die beiden Daa'muren schienen damit beschäftigt, das neu Erfahrene zu verdauen.
Sie flogen weiter über die Ebenen des Kaiserreiches auf die Wolkenstadt zu, die bald am Horizont auftauchte. Aruula betrachtete kurz die kleine Siedlung am Boden, die für die Versorgung der Wolkenstadt aus einer Gaspyramide sorgte, dann wanderte ihr Blick weiter.
Wo früher der Victoriasee gelegen hatte, erstreckte sich jetzt das Häusermeer der geheimnisvollen Gigantopole, von der die verhängnisvolle Strahlung ausging, die – wie sie jetzt wussten – womöglich von einem Streiter stammte.
Ein breiter Streifen verdorrter Ranken markierte den Bereich, in dem GRÜN versucht hatte, das Parallelwelt-Areal zu isolieren. Bevor die fremde Macht das Pflanzenwesen beinahe getötet und den verderblichen Einfluss auch auf Aruula übertragen hatte.
Maddrax lenkte die Roziere an die Anlegestelle auf der Wolkenstadt heran. Die Gebäude erhoben sich dahinter zu einer idyllischen Skyline: Höchstens zweistöckige Bauten aus Balsaholz und Leinen mit langen Fensterfronten wechselten sich mit kleinen Gärten ab. Eine Ausnahme bildete der Regierungssitz von Alfons Croiseur, dem Statthalter von Orléans-à-l'Hauteur, in der Mitte, aber auch das Palais war in Leichtbauweise errichtet.
Maddrax hatte ihr einmal erzählt, dass Pilâtre viele Elemente aus seiner alten Heimat Fraace übernommen hatte. Exakt zugeschnittene Bäume und elegante Fensterfronten verliehen den Häusern ein unverwechselbares Aussehen. Dazwischen ragten strohgedeckte Rundhäuser in afranischem Stil auf.
Behutsam korrigierte Maddrax immer wieder den Kurs, um die Haltebucht zu treffen. Der Vorgang dauerte eine ganze Weile, sodass sich einige Wachen an der Landestelle versammeln konnten und die Zeit sogar ausreichte, den Kaiser zu rufen. Pilâtre de Roziers Miene wirkte ernst.
Personal vertäute die Roziere und legte eine Brücke zur Eingangsluke. Als Erster ging Maddrax hinüber, dann Aruula, gefolgt von Ira und Grao. Misstrauische Blicke musterten die Daa'muren.
Wieder schweiften Aruulas Gedanken zurück in die Vergangenheit, als Grao zusammen mit ihrem Sohn in einer Wolkenstadt gewesen war. Damals war eine Zelle errichtet worden, die Daa'tan davon abhalten sollte, Pflanzen zum Wachsen anzuregen und so freizukommen. Gemeinsam mit Grao war es ihm dennoch gelungen.*
Ewig lange war das her. Daa'tan war tot. Und Grao hatte sich verändert.
»Willkommen in Orléans-à-l'Hauteur, mes amies«, begrüßte sie Pilâtre. Fragend schaute er zu Maddrax: »Gibt es Neuigkeiten?«
»Keine guten«, erwiderte der. »Oder doch: zwei Verbündete, Grao und Ira. Sie können uns im Kampf gegen die Dunklen beistehen. Offenbar sind die Daa'muren immun gegen den bösen Keim.«
»Reden wir darüber im Palais.« Pilâtre seufzte schwer. »Wir brauchen schnelle Erfolge. Pilou geht es immer schlechter. Diese Infektion macht einen anderen Menschen aus ihm.«
Der Enkel des Kaisers war von den Dunklen infiziert worden, wie alle anderen auf Château-à-l'Hauteur, aber ihn hatten Maddrax und sie aus deren Fängen retten können. Er wurde medizinisch versorgt, aber ohne Gegenmittel war der Kampf hoffnungslos.
»Ich würde mir in der Zwischenzeit gern die Stadt anschauen«, meldete sich Ira zu Wort.
Grao hob in einer ungewohnt menschlichen Mimik eine Schuppenbraue. »Du willst nach Spuren des Wandlers suchen?«, fragte er.
Die Daa'murin nickte.
»Es ist gefährlich, die Stadt zu betreten«, warf Pilâtre ein. »Ich habe dort schon etliche Soldaten verloren.«
»Dann eben aus der Luft!«, gab Ira zurück.
Pilâtre lächelte gequält. »Auch die Soldaten sind in die Stadt geflogen. Nur wenige kehrten zurück. Der Einfluss des Bösen reicht weit hinauf und verwirrt die Sinne.«
»Ich muss wissen, ob ich den Wandler in der Nähe dieses Portals spüren«, beharrte Ira. »Außerdem sollten wir testen, ob dieser Einfluss auch auf Daa'muren wirkt.«
Aruula schaltete sich ein. »Maddrax und ich sind dank unseres Tachyonenmantels dagegen gefeit. Ich fliege mit und passe auf, dass nichts passiert!«
De Rozier rang sichtlich mit sich. Er wandte sich an Maddrax: »Was sagst du dazu, mein Freund?«
Jetzt antworte richtig, oder du erlebst eine unruhige Nacht, dachte Aruula, doch sie konnte sich auf ihren Gefährten verlassen.
»Ich bin für den Vorschlag«, sagte Maddrax. »Jede Information kann uns nützlich sein.«
»Nun gut.« Der Kaiser nickte und wies auf die eben gelandete Roziere. »Dann nehmt dieses Luftschiff für die Excursion. Achtet aber darauf, bei Dämmerung zurück zu sein. Wir anderen besprechen derweil, wie wir weiter vorgehen.«
Aruula sah unwillkürlich zum Himmel. Die Sonne hatte den Zenit längst überschritten; sie würden also nicht allzu viel Zeit haben; zwei, drei Stunden vielleicht.
»Nimm Worrex' Peilsender mit«, sagte Maddrax, kam auf sie zu und überreichte ihr das kleine Gerät, das er von dem toten Archivar »geerbt« hatte. »Und denkt daran: Seid bei Einbruch der Nacht zurück.«
»Ja, mein Herr und Meister«, spottete Aruula und gab ihm einen kurzen Kuss. »Keine Sorge, wir passen auf uns auf.«
Sie nahm den Sender an sich und kehrte zur Roziere zurück, stieg über die Brücke in die Kabine und sah zu, wie das Bodenpersonal das Luftschiff losmachte. Ira stand bereits an den Armaturen und probierte aus, was sie sich beim Herflug durch bloßes Beobachten angeeignet hatte.
Das Meer der Häuser, das den Victoora-See ersetzt hatte, erstreckte sich bis zum Horizont. Aruula stand an einem Fenster der Roziere und schaute auf die grotesk verdrehten Fassaden und leeren Straßen hinab. Das Unbehagen, sich hoch über der Erde zu befinden, war in einer Roziere präsenter als an Bord des Gleiters. Hier fühlte sie den Wind und die Höhe unmittelbar.
Sie konzentrierte sich auf die Stadt. Ein Verrückter schien die Gebäude in ekstatischen Schaffensphasen zusammengesetzt zu haben. Als befänden sich die Bauwerke in stetem Wettstreit miteinander, wer die oberste Schicht bildete. Einige Häuser wuchsen gar aus anderen heraus.
Die Sonne näherte sich allmählich dem Horizont. Ihnen blieb höchstens noch eine Stunde, dann mussten sie den Rückflug antreten, und viel hatten sie bislang nicht erreicht. Weder hatte Ira das Echo des Wandler-Rufes wahrgenommen, noch hatten sie Dunkle in den Straßen entdeckt.
Die Kriegerin wandte sich Ira zu. Es fühlte sich immer noch seltsam an, die Daa'murin wieder bei sich zu wissen. Sie waren so lange getrennt gewesen, dass sich Aruula nicht sicher gewesen war, ob sie und Grao überhaupt noch lebten. Nun, in Graos Fall wäre es ihr sogar egal gewesen.
»Vielleicht sollten wir die restliche Zeit nutzen, um im Zentrum tiefer zu gehen. Also dort, wo das Portal entstanden ist –«
