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Nachdem die Haut des Dirigenten Antoine Malå ordentlich zusammengefaltet im Ohrensessel der Künstlergarderobe der Berwaldhallen gefunden wird, wird die bereits pensionierte und etwas verbitterte ehemalige Direktorin der Riksmordkommissionen, Kerstin Armfelt, mit der Leitung der Untersuchung beauftragt. Das Justizministerium stellt ihr David Westerdahl, Komponist und ehemaliger Intendant verschiedener kultureller Institutionen, zur Seite. Er ist ein Wichtigtuer und nicht bekennender Alkoholiker – zwei Züge, die Kerstin Armfelt zutiefst verabscheut. Bald findet sich das unpassende Duo in einer Welt aus Verrat, politischer Verschwörungen, musikalischem Mystizismus und brutaler Gewalt wieder. Die Verfolgung der Spuren führt sie durch Schweden, nach London und nach Russland. Rache ist der rote und blutige Faden, der durch diesen Roman führt. Aber auch die Geheimnisse der Musik und die Frage, welche Kräfte dieser Kunstform zur Verfügung stehen.
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Seitenzahl: 782
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Impressum
Autor und Klappentext
Titelseite
Buchanfang
© 2022, Septime Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten.
Lektorat: Teresa Profanter
Cover: Jürgen Schütz
Coverbild: © i-stock
EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer
ISBN: 978-3-903061-94-1
Printversion: Hardcover, Schutzumschlag, Lesebändchen
ISBN: 978-3-99120-012-3
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Frederik Österling
wurde 1966 in Gällivare, Schweden, geboren. Er studierte Komposition und Musik. In seinem Schaffen finden sich u.a. zehn Opern. Parallel dazu arbeitete Österling als Mitglied der schwedischen Regierung, wo er als Staatssekretär auch für verschiedene staatliche Umfragen und Veränderungen im Kulturbereich verantwortlich war.Nachdem er bereits eigene Libretti verfasst hatte, debütierte Österling 2007 mit der Erzählung »Die museale Front«. Maestro, 2018 in Schweden erschienen, ist sein Romandebüt. Nach Jahrzehnten im Musikgeschäft lebt Fredrik Österling mit seiner Familie in Kiruna, wo er Direk- tor des Sami-Parlaments ist.
Klappentext:
Nachdem die Haut des Dirigenten Antoine Malå ordent-lich zusammengefaltet im Ohrensessel der Künstlergarde-robe der Berwaldhallen gefunden wird, wird die bereits pensionierte und etwas verbitterte ehemalige Direktorin der Riksmordkommissionen, Kerstin Armfelt, mit der Leitung der Untersuchung beauftragt. Das Justizministerium stellt ihr David Westerdahl, Komponist und ehemaliger Intendant verschiedener kultureller Institutionen, zur Seite. Er ist ein Wichtigtuer und nicht bekennender Alkoholiker – zwei Züge, die Kerstin Armfelt zutiefst verabscheut.Bald findet sich das unpassende Duo in einer Welt aus Verrat, politischer Verschwörungen, musikalischem Mystizismus und brutaler Gewalt wieder. Die Verfolgung der Spuren führt sie durch Schweden, nach London und nach Russland. Rache ist der rote und blutige Faden, der durch diesen Roman führt. Aber auch die Geheimnisse der Musik und die Frage, welche Kräfte dieser Kunstform zur Verfügung stehen.
Fredrik Österling
MAESTRO
Roman | Septime Verlag
Aus dem Schwedischen von Charlotte Karlsson-Hager
Meiner Frau Kate Hearne
Prolog
Der Junge war fast drei Jahre alt. Er stand unten am Strand und warf Steine auf das Eis. Die dunklen, dünnen Locken flatterten und ringelten sich im Wind unter der Spiderman-Mütze. Die Fahrrinne lag ein Stück weiter draußen, sodass keine Gefahr bestand, erkönnte ins Wasser fallen. Die Mutter saß einige Meter hinter ihrem Sohn auf einer Decke, trank Kaffee aus einem Thermobecher und war daher völlig entspannt. Und außerdem sang er. Ein sicheres Zeichen, dass sich der Kleine wohlfühlte und keinen Unsinn treiben würde. Unermüdlich warf er seine Steine aufs Eis und sang. Die Mutter verstand nicht viel von Musik. Aber sie wurde immer davon berührt. Sie war sich darüber bewusst, dass sie, was den Gesang ihres Sohnes betraf, wahrscheinlich voreingenommen war. Aber dennoch, ihr Sohn sang wirklich fantastisch. Das würde man rein objektiv und wissenschaftlich feststellen können, dachte sie und lächelte.
Sie hatte herausgefunden, dass es sie auf unterschiedlichste Art und Weise berührte, wenn er seine glockenreinen Töne und die dazu erfundenen Worte erklingen ließ. Eine Seite davon betraf die des stolzen Elternteils. Es rührte sie, dass es ihr eigener Sohn war, der so etwas Schönes zustande brachte. Eine andere Seite war die des Publikums. Als ein generell musikliebender Mensch hatte sie natürlich bestimmte Referenzrahmen. Sie konnte hören, dass ihr Sohn die Gabe hatte, wie einige ihrer Lieblingssänger zu klingen, inspiriert von der Musik, die oft aus den Lautsprechern oben im Haus ertönte. Es klang wie eine Kombination aus Soul und Oper, jedoch auf eine Art, wie sie es nie zuvor gehört hatte. Eine weitere Auswirkung seines Gesanges war, dass sie dabeivölligdie Fassung verlieren konnte. Wenn sie ihm zuhörte, verfiel sie manchmal in einen Zustand, bei dem alle ihre Gedanken und Gefühle den Körper verließen und sich ihr eine neue Welt eröffnete. Ein Platz, an dem ihre alltäglichen Sorgen sie nicht erreichten. Zumindest solange er nicht aufgehört hatte zu singen. Diese Art, die Musik zu erleben, war für sie ganz losgelöst von den anderen Arten. Von seiner Musik wurde sie auf eine Art überwältigt, wie keine andere Musik es vermochte. Sie hoffte, dass er diese Gabe, sie dermaßen berühren zu können, niemals verlierenwürde. Dass er niemals in eine Formgepresst werden würde.
Der Maestro, Berwaldsaal, Donnerstag, 5. September
Der Berwaldsaal, die Heimstätte des Symphonieorchesters des Schwedischen Rundfunks, war leer. Das Publikum hatte schon vor längerer Zeit den Saal verlassen. Es war bereits ein paar Stunden her, dass die Solisten, der Konzertmeister und der Dirigent im Künstlerzimmer als Zeichen ihres Erfolges Champagner zu sich genommen hatten – inklusive einer wohldurchdachten Anzahl an Nachfüllungen.Küsse auf die Wange. Eine Mischung aus ehrlich gemeinten Lobesworten und strategisch platzierten und speichelleckerischen Kommentaren.
Der Anlassfürden Alkoholgenuss war eine triumphartig erfolgreiche Aufführung von Berlioz’ Meisterwerk, der Symphonie fantastique. Die Symphonie in fünf Sätzen war im Anschluss an Ravels wunderschönen Liederzyklus Shéhérazade gespielt worden. Der begeisterte Applaus eines überwiegend grauhaarigen und weißhaarigen Publikums hatte kein Ende nehmen wollen. Jetzt lag der Saal im Halbdunkel und die rotgepolsterten Stühle in dem modernistischen Betontempel aus dem Jahr 1979 waren leer.
Die Bühnenarbeiter hatten die Bühne geräumt. Die Notenständer und Stühle hatte man für die morgigen Proben umgestellt. Ein paar vergessene Stimmen, die unordentlich auf den Notenständern einiger Substituten herumgelegen waren, waren widerwillig von den gutfrisierten jüngeren Hilfskräften des schwer geprüften Orchesterinspizienten eingesammelt worden.
Es war der erste Abend des Festivals gewesen, mit Berlioz als zentralem Komponisten. Auf einer provisorischen Wand im Hintergrund leuchtete daher noch immer ein in Blautönen gehaltenes Porträt des Meisters. Mit strengem Blick und einer Nase, die jeder stolzenköniglichen Abstammungslinie zur Ehre gereichthätte. Im Aufnahmestudio brannte noch eine Lampe, die einer derRundfunkproduzenten vermutlich abzudrehen vergessen hatte.
Der Maestro fuhr sich mit den Händen durch seinen weltberühmten Haarschopf und seufzte tief.
Alone at last. Er saß allein in seiner Loge im Erdgeschoß, mit den Blumen und Geschenkflaschen als einziger Begleitung. Unter den Flaschen – bei den meisten handelte es sich um Rotweine aus Kalifornien, worüber der Maestro die Nase rümpfte – hatte er eine äußerstvielversprechende Flasche Calvados entdeckt, die sein Interesse geweckt hatte. Er schickte einen dankbaren Gedanken an den sonst nicht besonders umsichtigen oder mitdenkenden Vorstandsvorsitzenden Ragnar Gyllén.
Gyllén hatte sogar ein signiertes Foto, das am Hals der Flasche hing, hinterlassen. Es stellte aus rätselhaftem Grund den Chef persönlich dar, in herzlicher Umarmung mit Valerij Schaljapin, dem russischen Stardirigenten. Der Maestro fragte sich, ob er die Flasche versehentlich bekommen hatte, da Valerij das zweite Konzert des Festivals am folgenden Tag dirigieren sollte. Das würde ihn jedoch nicht davon abhalten, den Calvados zu probieren. Auf keinen Fall. Er nahm einen Stift und kritzelte einen langen, struppigen Bart auf Schaljapins Gesicht auf dem Foto. Außerdem bekam der Kollege auch noch ein Paar Hörner verpasst. Mit seiner anderen Hand führte er zielgenau das Glas mit der goldenen Flüssigkeit zum Mund.
Während der achtundvierzig Jahre seines Lebens hatte der Maestro im Berwaldsaal und bei den Radiosymphonikern mehrmals gastiert. Ein durchwegs ausgezeichnetes Orchester, wenn man ihn fragte. Aber so wie alle ausgezeichneten Orchester waren die Musiker auf Gegenwind angewiesen, um abzuheben. Man musste wissen, wie weit man die Zügel anziehen musste und wann es notwendig war, das hundertköpfige Orchester zusammenzuhalten.
Der Maestro räusperte sich, stellte das Glas auf dem Tischchen vor sich ab und langte nach den Noten für das Konzert des Abends, die schlampig hingeworfen auf der anderen Seite des Tischchens lagen.
Das dritte Glas Calvados, das er soeben auf die Champagnerunterlage gegossen hatte und das bereits ruhig in seinem Inneren hin und her schwappte, hatte eine Welle von Wohlbehagen sowie ein intensivesWärmegefühl ausgelöst. Eröffnete die Partitur derSymphonie fantastique. Die Ausgabe des Leipziger Breitkopf & Härtel Verlags. Jetzt war es Zeit für das Ritual des Maestros.
Nach jedem Konzert dasselbe Ritual: Die Partitur durchblättern. Aktive Beschuldigung, würden manche sagen. Er war nicht dieser Ansicht. Jetzt sollten seine eigenen Fehler und die des Orchesters kritisch überprüft werden.
Nun würde er der Musik Respekt zollen. Die Urteile würden verkündet werden. Morgen würde er seine Aufzeichnungen an Gyllén weiterreichen. Zur Kenntnisnahme.
*
Verdammt.
Er war eingeschlafen. Wieder einmal. Die Zunge fühlte sich wie geschwollen an, sie drückte und klebte am Gaumen. Ein Druck auch am Kopf und auf der Brust. Das war ein unverhältnismäßig starker Kater. Unverdientermaßen, fand der Maestro. Verdammter Gyllén. Mich mit einem billigen Fusel so reinzulegen.
Alles fühlte sich zäh und beengt an. Er blinzelte mit sandigen Augen in den Raum. DieTür. Er war sich sicher, dass er sie hinter sich geschlossen hatte, er wollte nicht durch eine Reinigungskraft oderdurch einen ehrgeizigen Pianisten, der in der Nacht übte, gestört werden in seiner geheiligten einsamen Stunde. Aber jetzt war die Tür weit geöffnet. Schließlich hörte er das, was ihn vermutlich geweckt hatte. Ein Klang wie bei einem merkwürdigen Luciaumzug. Langsam voranschreitend und noch nicht sichtbar. Unwillkürlich entstand ein Bild vor seinem inneren Auge. Der Luciaumzug in Bromma, zu Weihnachten 1975, bevor seine Eltern ihn endgültig aus dem allgemeinen Schulsystem genommen hatten. Der Turnsaal. Gespannte Erwartung. Nervosität vor dem Solo im Staffanslied. Der Druck im Magen hatte ihn daran erinnert. Das wachsende Unbehagen.
Langsam begriff er, was ausgerechnet dieses Lied bedeuten sollte.
Er wollte es nicht hören.
Nicht jetzt.
Es war zu früh.
Viel zu früh.
Er wollte sich aus dem Fauteuil erheben, musste aber voll Schrecken feststellen, dass seine Füße an den Beinen des Möbels festgeklebt waren und die Arme an den Armstützen. Mit dem gleichen silbernen Klebeband, das bewirkte, dass seine Rufe nicht weiter als bis zur Schwelle des Künstlerzimmers gehört wurden.
O antiqui sancti, quid admiramini in nobis?
Verbum del clarescit in forma hominis
Et idea fulgemus cum illo,
Edificantes membra sui pulchri corporis
Kerstin, Ploggatan, 2. Dezember
Vor der Sofia-Schule, die abends als lokales Kulturhaus für die bildungshungrige Mittelklasse aus Södermalm fungierte, stand eine ältere Dame mit einem größeren Modell einer Djembe-Trommel unter dem einen Arm, unter dem anderen hatte sie eine Krücke festgeklemmt. Die Trommel war durch einen braunen Stoffbeutel, der mit einer grünen Schnur befestigt war, einigermaßen vor den Schneeflocken geschützt.
Die Dezemberdunkelheit wurde durch schneebedeckte Straßenlaternen erhellt, deren Lichtkegel durch den dicht fallenden Schnee durchbrochen wurden. Sogar die Hartgesottensten schmolzen bei solch einem Winteranblick dahin, hörten Schellengeläute, rochen den Duft von Glögg und Lebkuchen und beschlossen mit Tränen in den Augen, Geld an das nächste Kinderdorf zu spenden. Schließlich war bald Weihnachten. Das Fest der Freude und des Friedens. Nicht einmal die vorbeifahrenden Autofahrer, die sonst stets über die Langsamkeit der öffentlich finanzierten Schneeräumung fluchten, konnten dem Übermaßan schwedischer Winterfreude widerstehen, in dem Stockholm gerade badete. Die ältere Dame im Schein der Straßenlampen vor der Sofia-Schule ergänzte in ihrer Einsamkeit das Bild auf bezaubernde Weise, sodass sie einigen der Passanten ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Wo sonst als in dem freisinnigen Södermalm konnte man an einem so späten Dezemberabend eine rüstige Alte mit einer afrikanischen Trommel unterm Arm sehen?
Diese »rüstige Alte« hieß Kerstin Armfeldt und war alles andere als guter Laune. Im Gegenteil, sie war sauer und starrte wütend zu einem der Eingänge des Vitabergsparks mit seinen rot bemalten Holzpfosten. Die Weihnachtskartenidylle mit den angrenzenden pittoresken Holzhäusern schien sie noch mehr in Rage zu versetzen. Verdammte Scheiße, dachte Kerstin und schnaubte vor Wut. Ihr Zorn bezog sich nicht nur auf den ihrer Ansicht nach kitschigen Anblick, der ihr ziemlich dystopisches Weltbild störte, und weil idiotisch große Schneeflocken auf ihren unbedeckten Kopf und in den Kragen ihrer kornblauen Fjällräven-Jacke fielen. Nein, diese Begebenheiten trugen nur teilweise zu ihrem Zorn bei, der seit jenem grauenhaften Tag im August immer größer geworden war. Nämlich seit dem Tag, als Kerstin Armfeldt, Kriminalkommissarin mit besonderem Dienstauftrag, gezwungen worden war, in Pension zu gehen.
Bis zu ihrem siebenundsechzigsten Lebensjahr hatte sie die Stellung gehalten. Einige Monate vor ihrem Geburtstag hatte sich sowohl die Personalabteilung als auch der Bundespolizeipräsident an sie gewandt, um mit ihr die Frage ihres bevorstehenden Übergangs zur Schar der von der Arbeit Befreiten zu besprechen. Zuerst behutsam und respektvoll – ihr hitziges Temperament war allgemein bekannt –, dann immer nachdrücklicher und geradezu verbissen. Kerstins hartnäckige Weigerung, die Anfragen nicht einmal bei Sitzungen zu beantworten, hatte bei den vorsprechenden Parteien für erhebliche Unruhe gesorgt. Schließlich hatte der Bundespolizeipräsident sie auf Salbyvägen in Bandhagen aufgesucht, wo Kerstin seit dreißig Jahren eine Zweizimmerwohnung mietete.
Dass der Bundespolizeipräsident sie persönlich anlässlich einer für die Behörde mehr oder weniger routinemäßigen Angelegenheit besuchte, hatte einen triftigen Grund. Kerstin Armfeldts Position als Mordermittlerin und langjährige Chefin der staatlichen Mordkommission war in der modernen schwedischen Polizeigeschichte einzigartig. Nicht nur, weil sie ein Segen für die magere Aufklärungsrate des Polizeikorps gewesen war. Ihre Persönlichkeit hatte zudem etwas entstehen lassen, was man am ehesten als Medienhype bezeichnen konnte. Ziemlich schlank, mit kurz geschnittenem Haar, hartem Blick, hohen Backenknochen und einer eigensinnigen Stupsnase entsprach sie dem Bild einer Autoritätsperson mit überbordender Energie. Sie sah aus wie eine gealterte, aber keineswegs besiegte Lilla My aus dem Kinderbuch Mumintrollet.
Es war diese Kombination aus Aussehen und staubtrockenen Einzeilern, die ihr in kürzester Zeit einen besonderen Platz im schwedischen Verbrechensjournalismus verschafft hatten. Zu ihrer Spezialität gehörten hartnäckige Journalisten, die sie mit grausamer Lust verbal einseifte. Je übellauniger Kerstin auf ihre Fragen antwortete, desto beliebter wurde sie. Diese Tatsache konnte der politisch weitaus versiertere Bundespolizeipräsident nie verstehen. Jetzt war es ihm jedoch mit überraschendem Mut gelungen, zu verhindern, dass Kerstin ihm die Tür vor der Nase zuschlug, indem er mit einer erstaunlich raschen Bewegung seinen Fuß in die Türöffnung geschoben hatte. Nachdem er seinen beleibtenKörper durch den Türspalt hinein in den langen, schmalen Flur gequetscht hatte, hielt er eine schlecht vorbereitete, nervöse Ansprache über Kerstins Verdienste, während er sich mit kurzen, zuckenden Bewegungen über den Schnurrbart strich:
»… aber wir kommen alle an den Punkt in unserem Berufsleben, an dem es an der Zeit ist, loszulassen. Den Spaten aus der Hand zu legen. Sich um den Garten zu kümmern und all das. Verstehst du?«
Der Bundespolizeipräsident mit dem Beinamen Sheriff hatte vergeblich Augenkontakt mit Kerstin gesucht. Sie hatte ihren berüchtigt stahlharten Blick oberhalb seines mit dünnem Haar bewachsenen Kopfes fixiert, ungefähr dort, wo die Glocke aus rostfreiem Stahl im Flur befestigt war. Genau wie bei den vielen Verhören, die sie während der vergangenen dreißig Jahre mit verdächtigten Dieben und Mördern geführt hatte, hatte ihre Erscheinung auch beim Bundespolizeipräsidenten den gewünschten Effekt. Kerstin beobachtete aus dem Augenwinkel, dass die Hand, in der er ein braunes Kuvert hielt, leicht zu zittern begann. »Okay, Kerstin. Würde mir ein ausreichendes Budget zur Verfügung stehen, würde ich dich als Seniorratgeber oder Ähnliches behalten können. Deine Kompetenz. Selbstverständlich. Unvergleichlich. Aber du weißt ja, wie es aussieht. Die Situation und so weiter.«
Kerstin wusste, wie es aussah. Aber sie weigerte sich, die Tatsache zu akzeptieren, dass sie trotz ihrer nach wie vor vorhandenen Professionalität und Kompetenz ihren Job nur aufgrund einer willkürlich aufgestellten Altersgrenze aufgeben sollte. Schließlich – aber nicht ohne davor in den Genuss eines verhörartigen Gesprächs zu kommen, das den Bundespolizeipräsidenten aufgrund seiner beruflichen Unfähigkeit fast an den Rand eines Tränenausbruchs brachte – hatte sie resigniert. Sie hatte die offiziellen Papiere entgegengenommen und das Formular, das ihren letzten Arbeitstag auswies, unterschrieben.
Erst nach der Abschiedsfeier, die mit Blumen und Ansprachen im Speisesaal des Polizeigebäudes stattfand, hatte die eigentliche Hölle begonnen. Kerstin fand, dass sie allem, was ihr Leben lebenswert gemacht hatte, beraubt worden war. Die Wohnung, die ihr während ihres gesamten Berufslebens – auch als ihre Tochter noch zu Hause wohnte – wie eine warme und sichere Oase erschienen war, erlebte sie bald wie eine Gefängniszelle. Eine enge und muffige Garderobe, die sie, soweit es möglich war, mied.
Karate wurde ihre Rettung. Sie hatte ihr ganzes Leben lang viel trainiert. Trotz ihres zunehmenden Alters hatte sie auch in den vergangenen Jahren keine Ausnahme gemacht. Kerstin war im wahrsten Sinne des Wortes äußerst gut trainiert. Dreimal die Woche zog sie ihr Gi, den Karateanzug, an, und fuhr mit dem Auto zum Dojo in Tumba, dem Trainingszentrum südlich von Stockholm. Botkyrka Shukokai Karate war ihr ab den 1980er-Jahren, als der Klub öffnete, zu einem zweiten Zuhause und einer zweiten Familie geworden – gleich nach ihrer Tochter. Nach dem Schicksalstag, als sie ihre Schlüsselkarte und ihre Dienstwaffe abgegeben hatte, war ihr das Training zu einer beinahe manischen Gewohnheit geworden.
Wenn sie nicht selbst trainierte, arbeitete sie als Trainerin, leitete Gruppen und verkaufte Würstchen in der Cafeteria an wartende Eltern. Gegen zehn Uhr, wenn die letzte Gruppe sich verbeugend hinein ins Dojo verzogen hatte, saugte sie den Boden und kontrollierte den Lagerbestand in der Cafeteria sowie das Angebot an Overalls, Kampfhandschuhen, Zahn- und Beinschutz, die im Wartezimmer zum Verkauf angeboten wurden. Der Gründer des Klubs, Sensei Micke, hatte diese Entwicklung bei Kerstin mit einer gewissen Skepsis mitverfolgt. Freilich war sie schon immer starrköpfig, konzentriert und zielstrebig gewesen – Eigenschaften, die Micke sehr schätzte und als bedeutende Bestandteile der Karate-Philosophie ansah. Aber diese Philosophie hatte es sich gleichermaßen zum Ziel gesetzt, ein Zentrum der physischen und psychischen Ruhe zu errichten, eine grundlegende Ausgeglichenheit zu finden. Dieses Zentrum sollte man durch die ständige Wiederholung und Optimierung von Elementen erreichen, mittels der kata, die dazu dienten, dass man detailliert choreografierte und stilisierte Varianten der Selbstverteidigungstechniken trainierte.
Sensei Micke war stets auf der Hut vor Zeichen von mangelnder Selbstkontrolle bei seinen Adepten und glaubte, etwas Neues und Beunruhigendes in Kerstins Augen entdeckt zu haben. Kerstins schwarzer Gürtel setzte auch bestimmte Erwartungen voraus – nicht nur auf technischem Niveau, sondern auch in Bezug auf Verantwortung und einer Form mentaler Präsenz. Vielleicht war da etwas in der Präzision, mit der sie die verschiedenen Bewegungen ausführte. Vielleicht war es nur die Geschwindigkeit, mit der sie sprach – eine kaum merkliche Härte, die sich in den Klang ihrer Stimme eingeschlichen hatte. Sensei Micke selbst hatte als Verantwortlicher für den Klub auf die harte Tour lernen müssen, ein äußerst feines Gespür für solche kleinsten Veränderungen zu entwickeln. Die Konsequenzen konnten sonst unerfreulich sein. Der minimalste Kontrollverlust bei den zeitweilig ziemlich brutalen Kampfübungen konnte zu ernsthaften Verletzungen führen. Ein junger Mann, der seine Frustration über den Jobverlust mit ins Dojo brachte, konnte lebensgefährlich werden.
An einem Samstag im Herbst bewahrheiteten sich Sensei Mickes vage Befürchtungen.Während des Vormittagstrainingskämpfte Kerstin gegen einen Mann, der vorKurzem den braunen Gürtel erworben hatte. Stolz über seinen neuen Rang stellte sich Johan, ein groß gewachsenes, bärtiges Mitglied einer friedlichen Motorradbande aus Norra Botkyrka, vor Kerstin in Position. Sie begrüßten sich mit einer Verbeugung und fingen an, einander zu umkreisen. Johan begann mit einigen wohlgemeinten, aber technisch schlecht ausgeführten Versuchen, einen Treffer bei Kerstin zu landen. Sie tänzelte frei und kontrolliert weg und brauchte die Schläge nicht einmal abzuwehren, die sie bereits durch die Art, wie Johan seinen rechten Fuß bewegt hatte, kommen gesehen hatte. Im Nachhinein konnte Kerstin nicht nachvollziehen, was sie dazu bewogen hatte, plötzlich blitzschnell eine Serie von Schlägen auszuführen, die sie mit einem mae-geri – einem hohen Fußtritt – beendete, der mit voller Wucht Johans Schulter traf, die kurz danach in einem unnatürlichen Winkel schlaff herunterhing.
So weit bewegte sich das alles innerhalb des Rahmens dessen, was jedem mit ein wenig Pech während des kumite, des Kampftrainings, passieren konnte. Aber es war doch bemerkenswert, dass ausgerechnet Kerstin, mit zwei Streifen auf ihrem schwarzen Gürtel, einen derartigen Mangel an Kontrolle zeigte. Erst danach geschah allerdings etwas, das Sensei Micke veranlasste, schnell quer über das Dojo zu laufen, in die Ecke, wo Kerstin und Johan standen. Nach ihrer Attacke war Kerstin geschmeidig und schnell auf ihre Position zurückgekehrt, ganz nach dem Prinzip »ran an den Gegner und gleich wieder zurück«. Aber in dieser Stellung zeigte sie keine Ruhe. Für jemanden wie Sensei Micke, der gelernt hatte, solche Situationen intuitiv zu erfassen, gab es keinen Zweifel, dass Kerstin sich für die nächste Attacke bereit machte. Sie war im Begriff, einen weiteren Fußtritt gegen Johan zu platzieren, der sich jetzt in der Hocke auf seinen gesunden Arm stützte. Johan war bereits aus dem Rennen.
Als Kerstin mit voller Kraft einen Fußtritt ausführte, der höchstwahrscheinlich auch die zweite Schulter Johans demoliert hätte, war Sensei Micke bereits zur Stelle. Der Einfallswinkel war zwar nicht optimal, doch mit einer eleganten Drehung seines Körpers warf er sich dazwischen, gerade als Kerstins Bein seine volle Streckung erlangte. Seine Blockade kam etwas zu schnell und zu heftig, was Sensei Micke später bereute. Man hörte ein lautes, knackendes Geräusch von Kerstins Knie, bevor sie wimmernd vor Schmerz auf die Matte des Dojos fiel. Das bedeutete das Ende von Kerstins Karatetraining. Zumindest für einige Monate, die das Knie nach der Operation für die Heilung benötigte.
Sensei Micke hatte, als er Kerstin im Karolina-Krankenhaus besuchte, angeordnet, dass sie während des Heilungsprozesses zu Hause bleiben sollte. »Denk darüber nach, was du mit Karate erreichen willst, Kerstin. Wenn du zurückkommen willst, musst du an deiner Glaubwürdigkeit als Vorbild arbeiten. Gibt es jemanden, mit dem du darüber sprechen kannst?«
Kerstin hatte gelogen und die Frage bejaht – vor allem, weil sie ihr Schuldgefühl selbst in den Griff bekommen wollte, ohne wohlgemeintem, aber nicht willkommenem Mitgefühl. Abgesehen von ihrer Tochter, deren Leben zur Gänze mit Kindern und Familie ausgefüllt war, hatte Kerstin nur wenige Menschen, mit denen sie »sprach«. Und nicht einmal mit der Tochter sprach sie besonders oft – sondern fand ihre ständige Fürsorge ihrem Mann und den Kindern gegenüber etwas übertrieben und sogar anstrengend.
Kerstin hatte eigentlich nie einen Vorteil darin gesehen, ihre innersten Gedanken mit anderen Menschen zu teilen. Ihrer Meinung nach barg jedes geschenkte Vertrauen eine mögliche Enttäuschung in sich. Der Vater ihrer Tochter, dem sie sich Anfang der 1980er-Jahre während einer kurzen Zeit fast nahe gefühlt hatte, war dafür ein Paradebeispiel.
Die Enttäuschung wartet immer hinter der nächsten Ecke.
Aber das nun fehlende Karate, durch das sie immer ein gewisses Gefühl der Zugehörigkeit verspürt hatte, hinterließ einen gigantischen Leerraum, der das Loch, das die Pensionierung in ihr verursacht hatte, noch vergrößerte. Sie fühlte sich doppelt im Stich gelassen: alt und nicht mehr gebraucht.
Der Winter und die Dunkelheit taten das Ihre, die Wohnung, die alle fünf Minuten durch die vorbeibrausende U-Bahn erschüttert wurde, schien immer kleiner zu werden, während ihre innere Leere größer und größer wurde. Auch die Meditation, die sie während ihres Erwachsenenlebens eingesetzt hatte, um in Balance zu bleiben, funktionierte nicht mehr, sondern machte sie noch rastloser und unglücklicher. Dennoch zwang sie sich jeden Tag dazu, sich mit der Krücke die Treppe hinunter in das freudlos farblose Zentrum von Bandhagen zu quälen, um dort die Zeitung und Lebensmittel, die in eine Tasche passten, einzukaufen.
Eines Abends, als sie die Einsamkeit beinahe erdrückte und ihre Frustration ein Niveau erreichte, das keine Meditationstechnik heilen konnte, rief Barbro an. Die pensionierte Polizeipsychologin Barbro Larsson war lange Zeit ein QuälgeistfürKerstin gewesen. Sie hatten ungefähr gleichzeitig ihren Dienst angetreten. Trotz ihrer unterschiedlichen Berufe hatten sie ziemlich viel miteinander zu tun gehabt. Kerstin hatte nie verstanden, warum es notwendig sein sollte, Psychologen in polizeiliche Untersuchungen einzubeziehen. Insbesondere die Geschichte um den selbst ernannten Massenmörder Thomas Quick hatte gezeigt, wie unsinnig es war, diesen Quacksalbern zuzuhören, die behaupteten, die menschliche Psyche zu kennen.
»Menschen, die ferngesteuert sind von einer Bande syphilitischer, toter Psychogurus aus Österreich darf man nicht in professionelle Untersuchungen hineinpfuschen lassen«, lautete Kerstins strenges Urteil. Und Barbro verkörperte alle Vorurteile, die Kerstin über Psychologen hatte.
Hennagefärbtes Haar. Weite, bunte Röcke von Gudrun Sjödén. Eine Art, den Kopf schief zu halten und dabei mit gekünstelt weicher Stimme im Dalarnadialekt »Ich verstehe« oder »Was hast du dabei gefühlt?« zu sagen. Der starke Duft von Räucherstäbchen, der noch minutenlang in der Luft hing, nachdem sie einen Raum verlassen hatte. Barbro entsprachfürKerstindurch und durch der Definition von wahnsinnig anstrengend. Bis zu einem bestimmten Tag. Während einer besonders aufreibenden Ermittlung über einen Mord an zwei kleinen Kindern und deren Mutter hatten sich Barbros Kenntnisse als entscheidend für die Aufklärung des Falles erwiesen. Sie hatte außerdem auf überzeugende und feinfühlige Art deutlich gemacht, dass Kerstin blindlings eine Spur verfolgt hatte, die die Ermittlungen in eine völlig falsche Richtung geführt hatten. Die ganze Geschichte hätte für Kerstin ein peinliches Ende nehmen können, wenn sie nicht auf Barbro gehört hätte. Zudem hatte Barbro mit keinem Wort der Gruppe gegenüber erwähnt, was geschehen war.
Ab diesem Tag hatte Kerstin Barbro bewusst zur richtigen Polizistin aufgewertet. Zu jemandem, dem man zumindest teilweise vertrauen konnte, trotz ihrer weiterhin vorhandenen irritierenden Gepflogenheiten.
Es hatte sie wahnsinnig gefreut, dass Barbro anrief. Sie war noch immer die Alte – quasselte über Kräuter und Pflanzentinkturen, von denen sie behauptete, dass sie gut für Kerstins Knie wären. Kerstin in ihrem derzeitigen Zustand fand das Geschwätz von Barbro keineswegs irritierend – sie fand es im Gegenteil angenehm und vertraut.
Einige Telefongespräche später war Kerstin im Besitz einer mittelgroßen Djembe-Trommel, die sie im Musikgeschäft in der Folkungegatan gekauft hatte. Außerdem hatte sie sich gehorsam, wenn auch nicht besonders enthusiastisch, zur ersten Einheit des Kurses, den Barbro empfohlen hatte, eingefunden.
Das war der Grund, warum Kerstin nun mit einer westafrikanischen Trommel unterm Arm bei starkem Schneefall vor dem Vitabergspark stand. Das Ganze war natürlich ein Fiasko gewesen. Ein fürchterliches Fiasko. Sie brauchte zwar nicht am Boden zu sitzen. Das hätte weder Kerstins Knie noch ihr Selbstverständnis zugelassen. Nicht ohne Karateanzug. Aber die Leute. Du lieber Himmel. In dem Saal hatten sich fünfzehn Frauen versammelt – alle ungefähr im gleichen Alter. Einige waren jünger.
Aber alle haben mit Sicherheit ein Hormonpflaster.
Kerstin fühlte sich plötzlich unbehaglich. Barbro hingegen passte perfekt in dieses Milieu und lächelte mit den anderen Tanten um die Wette, die mit lüsternen Blicken den nur knapp über zwanzig Jahre alten Kursleiter verschlangen, der bei jedem Trommelschlag seine Dreadlocks fliegen ließ. Pablo, wie der Kursleiter hieß, hatte seiner andächtigen Versammlung die drei Grundschläge gezeigt. Sie sollten dem Rhythmus folgen. Schon nach kurzer Zeit dampfte der Raum vor Musikverständnis und umfassender schwesterlicher Liebe, sodass das Ding, das Kerstin ihr Verrücktometer nannte, voll anschlug. Inmitten des anstrengendsten Teils der Stunde, als die Damen eine nach der anderen zu einem Rhythmus improvisieren sollten, den Pablo genüsslich mit dem Feeling vorgab, das nur ein Kerl mit Dreadlocks vermitteln kann, richtete sich Kerstin mühevoll auf. Es wurde still im Saal. Barbro warf ihr einen strengen, vorwurfsvollen Blick zu. Kerstin hob ihre Krücke auf und klemmte sich die Djembe-Trommel unter den Arm.
»Vielen Dank. Ich muss gehen. Ich gehe heim und surfe durch Pornofilme.«
Die Erinnerung an die lächerlich bestürzten Gesichter der Gruppenmitglieder war das Einzige, das Kerstins grässliche Laune milderte. Wie hatte sie nur annehmen können, dass eine Beschäftigung wie diese die Leere in ihr ausfüllen könnte? Sie hatte ein Taxi gerufen. Kleine Tropfen eiskalten Schmelzwassers fielen ihr vom Haar in den Nacken. Scheiß Taxi. Wenn es nicht bald kam, würde Barbro rauskommen und Kerstin müsste ihr erklären, was passiert war. Sie sah schon, wie Barbro den Kopf zur Seite neigte und in ihrem falsch singenden Dalarnadialekt sagen würde: »Wie hast du diese Situation erlebt, Kerstin?« Das »d« im Wort »du«würde sie mit der Zunge weit hinter den Zähnen bilden, sodass dieser besonders klebrige Lokaldialekt entstand. Kerstin schauderte bei dem Gedanken. Ein Mann, der einen außergewöhnlich kleinen weißen Hund auf dem Arm trug, stapfte vorbei und grüßte freundlich. Als Antwort bekam er nur ein Schnauben von der Dame mit der Trommel. Kerstin glotzte den Hund an und identifizierte ihn als abstoßendes Ergebnis genetischer Experimente.
Verbietet diesen Scheiß. Ihr Erben von Mengele, alle miteinander.
Das Telefon in der Fjällräven-Jacke vibrierte.
»Armfeldt.«
»Ist dort Kerstin?«
»Ja?«
Sie hörte ein Räuspern im Hörer. Die Stimme am anderen Ende der Leitung hatte einen professionellen Klang. Polizei? Wie es ihrer Gewohnheit entsprach, entschloss sich Kerstin, dem Anrufer nicht mit irgendwelchen Höflichkeitsfloskeln entgegenzukommen. Stattdessen wartete sie, dass der Anrufer sein Anliegen verdeutlichte.
»Ja, ich sollte mich vielleicht vorstellen. Wir haben uns schon einmal getroffen.«
»Und wo bleibt die Vorstellung?«
»Ja, natürlich. Entschuldigung.« Ein kurzes Kichern war zu hören. Das Verrücktometer zeigte kleine, pulsierende Bewegungen an.
»Ich heiße Anna Flanke. Ich arbeite als politische Sachverständige beim Jumi. Verzeihung, Justizministerium.«
»Aha«, erwiderte Kerstin. »Jumi« also. Kerstin dachte nicht daran, ihr auch nur im Geringsten entgegenzukommen. Mit einer gewissen sadistischen Befriedigung ließ sie ihrem Ärger über die Trommeltanten und denPädagogen Pablo freien Lauf. Ein Taxi fuhr vor und hielt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Kerstin, die nun in der einen Hand das Telefon hielt, in der anderen die Djembe-Trommel, musste die Krücke gegen ihren Körper stemmen. Mit der Hand, in der sie das Telefon hielt, winkte sie dem Chauffeur. Er winkte lächelnd zurück, machte aber keine Anstalten zu wenden und zu Kerstin zu fahren. Das war doch zum aus der Haut fahren. Aus dem Telefon, das nun einen Teil der signalmastartigen Arbeit des Armes erfüllte, waren fragende Laute zu hören.
Widerwillig hob Kerstin das Gerät ans Ohr.
»Was hast du gesagt?«
»Ich habe gerade gesagt, dass ich dich bei einem Seminar vor zwei Jahren gehört habe. Rosenbad. Festsaal. Es ging um die Arbeit des Morddezernats und was der Mord an Anna Lind für die Methode bei Verbrechen, die die Sicherheit des Landes bedrohen, bedeutete. Anna Flanke atmete tief und deutlich hörbar ein. »Wir begrüßten einander und ich stellte einige Fragen.«
»Aha«.
Himmel, was macht denn der Idiot? Das Taxi hatte zunächst mühselig im Tiefschnee gewendet, rollte jetzt aber zu Kerstins Bestürzung langsam an ihr vorbei, ohne zu bremsen. Im Schneckentempo fuhr es die Ploggatan entlang und bog dann lässig nach rechts in die Bondegatan ein.
»Was zum Teufel!«
»Wie bitte?«
»Ich meinte das Taxi. Das ich gerade wegen dir verpasst habe. Sprich ruhig weiter. Jetzt habe ich genug Zeit.« Kerstin war mit dem sarkastischen Ton, den sie angeschlagen hatte, zufrieden.
»Okay. Verzeihung. Ich wollte wirklich nicht … Ich meine, was für ein Pech.« Die Stimme klang plötzlich jämmerlich, was Kerstin jedoch nicht im Geringsten berührte.
»Ja.«
»Ja, genau, mein Anliegen. Du erinnerst dich vielleicht, dass während des Ostseefestivals im Herbst ein Mord geschah? Antoine Malå? Der Dirigent – brutal ermordet?«
»Ja, ich erinnere mich, natürlich. Das war am Tag, nachdem ich in Pension gegangen bin.« Kerstin ließ das Wort wie einen Vorwurf klingen, der an die ganze Welt gerichtet war, aber an das Justizministerium im Besonderen.
»Ja, doch, das kann stimmen, ich weiß ja nicht …«
»Außerdem: Ermordet? Der Körper wurde doch nicht gefunden?«, sagte Kerstin.
»Nein, aber man fand ja …«
Anna Flanke zögerte und Kerstin konnte mit sadistischer Präzision die in der Luft hängende Information einfügen.
Maestro, Berwaldhalle, September, 01.15 Uhr
Der Maestro war bei den ersten Nadelstichen zusammengezuckt. Er konnte sein ersticktes Wimmern im Kopf hören, aber auch die Laute, die seine Ohren von außen erreichten – dasselbe Wimmern, abgeschwächt durch das silberne Klebeband. Das Lied erklang noch immer im Zimmer, unterbrochen nur durch das Rascheln der Plastikplane, die auf dem Boden des Künstlerzimmers ausgebreitet wurde. Es hatte sich zuerst angefühlt, als würde jemand an den Füßen ziehen und zerren. Aber es tat nicht weh. Der Laut hatte einen ganz eigenartigen Klang, stellte er fest; eine Art feucht reibender Ton. Erst als das Zerren die Knie erreichte, begriff er, was mit ihm geschah. Bevor ihn Panik erfasste und die letzten Reste seines rationalen Denkens durch eine allumfassende Todesangst ausgelöscht wurden, fiel ihm erstaunt »Betäubung?« ein.
Danach wurde alles abwechselnd rot und schwarz vor seinen Augen. Der Kopf war der einzige noch nicht betäubte Teil seines Körpers. Er rollte nun anscheinend unkontrolliert hin und her, wurde in panikartigen Krämpfen nach vorne und hinten geworfen.
»Hört auf zu singen … rein … hässlich … ekelig … Verräter … Ekel … alle hier … Hört auf, hört auf … Warum tut es nicht weh … Verdammt noch mal, hört auf … hübsch … Quartsextakkord … gut … nicht jetzt …«
Der Maestro schrie jetzt, aber nur in seinem Inneren – kein Laut außer dem Lied und dem Geräusch von Haut, die vom Fleisch gezogen wurde, war im Raum außerhalb seines Körpers zu hören. Die inneren Schreie nahmen an Stärke zu, bis ihn ein weißes Rauschen umfing; Sinneseindrücke und Erinnerungen vermischten sich zu einem unerträglichen, sich verflüchtigenden Brei. Sein gesamtes Inneres bestand aus Ausrufen, Wünschen, Hilferufen und gleißenden Bildern von Treffen, die stattfinden sollten, aber wahrscheinlich nie Wirklichkeit werden würden.
Nos sumus radices
Et vos rami,
Fructus viventis oculi,
et nos umbra in illo fuimos.
Kerstin, Ploggatan – Bandhagen
»Die Haut. Er wurde gehäutet. Viel Blut, habe ich gelesen.«
Kerstin blickte über die Schulter zurück zum Eingang der Sofia-Schule. Noch bewegte sich nichts im Eingangsbereich. Sie musste sich beeilen, um wegzukommen und Barbros Psychogeschwätz nicht ertragen zu müssen. Sie würde mit Sicherheit einiges zu Kerstins Benehmen von vorhin anzumerken haben.
»Kann ich zurückrufen? Bist du noch eine Weile auf?«
»Ja, ruf diese Nummer an, du hast sie doch am Display?«
»Sicher.« Kerstin drückte das Gespräch weg und hielt auf der Straße Ausschau. Was für ein Riesenglück. Ein blauer Bus kam gerade die Ploggatan entlang und hielt an der wenige Meter entfernten Haltestelle. Kerstin hinkte zum Bus und war gerade eingestiegen, als sie eine durchdringende Stimme im Dalarnadialekt aus Richtung der Sofia-Schule hörte:
»KEEEEERSTIN, bleib doch STEHEN!«
Die Türen schlossen sich und der Bus fuhr mit einem Ruck los in Richtung Slussen, wo Kerstin aussteigen würde, um dann in die U-Bahn zu wechseln. Das Telefon läutete wieder, als der Bus in die Bondegatan schwenkte. Barbro. Kerstin blickte gleichmütig auf das Telefon, bevor sie es abschaltete. Erst als Kerstin wohlbehalten in der U-Bahn saß, die sie in ihre Wohnung in Bandhagen bringen würde, schaltete sie das Telefon wieder ein und rief Anna Flanke an.
»Na, wo waren wir stehen geblieben?«
»Tja, wir hatten festgestellt, dass …«
Flanke stockte wieder.
»Ihm wurde die Haut abgezogen.« Kerstin lächelte.
»Wenn ich richtig informiert bin, wurde so gut wie seine gesamte Haut mitsamt Kopfhaut und Haaren vom technischen Personal gefunden. Alles lag fein säuberlich, wenn auch klebrig, auf einem der Lederfauteuils der Berwaldhalle. Nur die Haut von Händen und Füßen sowie rund um die Augen fehlte.«
»Genau. Exakt. Und der Mörder …«
»Oder Verstümmler, wie ich die Person oder die Personen nennen möchte, bis man die Leiche gefunden hat.« Kerstin hatte einen bewusst geschäftsmäßigen Ton angeschlagen, mit dem Anna Flanke offensichtlich schlecht zurechtkam.
»Ja, aber die Ärzte meinen, dass kein Mensch ohne Haut überleben kann.«
Die Stimme flatternd und nervös. Reiß dich zusammen, Flanke.
»Nein, das stimmt natürlich, wenn nichts unternommen wird, stirbt man schnell. Ohne Haut ergeben sich auch noch eine Menge anderer Probleme. Aber wir wissen ja nicht, was sie außer dem Hautabziehen noch getan haben. Vielleicht verfügen sie über lebenserhaltende Maschinen und …«
Kerstin unterbrach sich und änderte ihre Sitzposition, wobei sie beinahe die Djembe-Trommel umwarf, die zwischen den Sitzen am Boden stand. Die Trommel schwankte nur ein wenig bedrohlich hin und her. Schräg gegenüber saß ein Mann, der nervös durchs Fenster auf die U-Bahnstation Enskede Gård starrte und anscheinend unangenehm berührt war von der Konversation, die er teilweise aufgeschnappt hatte.
»Übrigens, was diese Sache anbelangt. Warum redet eine politisch Sachverständige vom Jumi mit einer pensionierten Polizistin über ein Gewaltverbrechen? Du hast ja meinem Wissen nach noch ganz andere Möglichkeitenfürdiese Art von Gesprächen, falls solche überhaupt stattfinden.«
»Eine sehr gute Frage.«
Anna Flankes Ton änderte sich blitzartig, wurde entschieden und forsch.
Gut, Flanke. Du rappelst dich wieder hoch.
»Wie du dich vielleicht erinnerst, hat der Mord – ich meine das Verbrechen – große Wellen geschlagen, auch international. Das Verbrechen bedeutete auch einen enormen finanziellen Verlust für das Festival – die Regierungskanzlei war gezwungen, dem Festival zusätzliche Mittel zuzuschießen. Durch die Vorsorge des Kulturamtes hatte die Regierung schon von früher eine Art Vertrag mit der Berwaldhalle, obwohl diese normalerweise aus den Erlösen der Radiolizenzen finanziert wird. Der Dirigent Valerij Schaljapin, der zweite Publikumsmagnet neben Antoine Malå, sagte ab und fuhr nach Hause nach Sankt Petersburg. Der russische Botschafter machte eine Reihe spitzer Bemerkungen über die Sicherheitslage in Schweden, aber auch über die schwedische Kulturpolitik. Die Zeitungen und das Fernsehen schwelgten geradezu in mehr oder weniger bewiesenen Geschichten aus dem Leben von Antoine Malå.«
»Mir ist noch immer nicht klar, inwiefern das alles ein Gespräch mit mir erfordert.«
»Entschuldige, ich glaube, dass ich dir eine Erklärung über die Hintergründe schulde.« Gestresste Stimme.
Kerstin runzelte bekümmert die Stirn. Du wirst doch nicht so leicht die Fassung verlieren, Flanke?
»Gib mir die bottom line, dann entscheide ich, wie viel Hintergrund ich benötige.«
»Okay. Die Ermittlungen sind zum Stillstand gekommen. Nach fast drei Monaten gibt es keine brauchbare Spur. Wir, beziehungsweise der Minister, möchten, dass du mit Parallelermittlungen beginnst. Im Geheimen.«
Die Lautsprecher im Zug riefen Stureby aus. Bandhagen war die nächste Station. Kerstin beugte sich vor, um die Trommel aufzuheben. »Anna, darf ich dich in ein paar Minuten noch einmal anrufen. Ich steige gleich aus der U-Bahn aus und habe etwas Gepäck zu tragen. Okay?«
Kerstin wartete nicht auf Flankes Antwort, sondern drückte das Gespräch einfach weg und steckte das Mobiltelefon in eine der vielen praktischen Taschen ihrer Fjällräven-Jacke. Sie klemmte die Trommel unter einen, die Krücke unter den anderen Arm, während der Zug sich in der schneebedeckten U-Bahnstation Bandhagen einbremste. Nachdem sie langsam – fürchterlich langsam für die sonst so schnellfüßige Kerstin Armfeldt – auf dem Bahnsteig zu den Ausgangstüren gestapft war, entschied sie, die Treppe mit der Krücke hinunterzugehen, anstatt den nach Pisse riechenden Lift zu nehmen. Aufgrund einer allgemeinen Abnützung, ihres Alters und des gut platzierten Treffers von Sensei Micke hatten die Ärzte ihr altes Knie gegen ein neues getauscht. Jetzt wollte Kerstin auf ihre Art gesund werden. Auf Karateart.
Jeder Schritt auf der Treppe war für Kerstin eine Übung, die sie langsam wieder zurück ins Dojo bringen würde. Unten angekommen ging sie durch die automatischen Türen hinaus auf den verlassenen und verschneiten Platz. Dort erwartete sie die nächste Herausforderung – die schneebedeckten Treppen, die hinauf nach Salbyvägenführten.Wenn doch nur diese blöde Trommel nicht wäre.
Das Gespräch mit Flanke hatte Kerstins Interesse geweckt. Während des ganzen Wegs zu ihrer Wohnung durchflutete sie ein wohlbekanntes, erregendes Gefühl der Neugierde, die nur durch eine professionell durchgeführte Ermittlung gestillt werden konnte. Gleichzeitig war ihr bewusst, dass sie auf der Hut sein musste. Flanke hatte durch ihr Gespräch zumindest ein paar normalerweise unverrückbare Grundsätze verletzt. Wenn eine geheime Ermittlung auf direkte Anweisung vom Justizministerium ausgeführt werden sollte, handelte es sich dabei um eine grobe Umgehung der demokratischen Spielregeln. Das Polizeipräsidium – eigentlich alle Behörden – wurden durch Verordnungen und jährliche Instruktionen gelenkt. Minister und andere Politiker sollten sich von jedweder operativen Arbeit fernhalten. Und sollten Politiker dennoch an diesen Grundsätzen rütteln, wären sie normalerweise so klug, innerhalb des üblichenRahmens schwedischer politischer Korruption zu agieren, dessen Grundsatz lautete: Hinterlasset um Gottes willen keine Spuren.
Bei einigen Gelegenheit hatte man Kerstin gemeinsam mit dem Bundespolizeipräsidenten zu einem der Minister, die sie während ihrer beruflichen Laufbahn kommen und gehen gesehen hatte, gerufen. Dabei wurden sie beide aufgefordert, keinerlei Aufzeichnungen zu machen. Ihr Besuch wurde nicht registriert, die Gespräche nicht protokolliert. Der Minister hatte sich ausnahmslos ungemein geschnörkelt ausgedrückt hinsichtlich seiner Ansichten über die Polizeiarbeit.
Man hatte sozusagen ein Signal gesendet. Aber keine ausdrücklichen Befehle gegeben. Es ging eher darum, dass die nationale politische Führung ihr wachsames Auge auf die Arbeit der Polizei gerichtet hatte und das auch unter Beweis stellen wollte.
Nach einem solchen Treffen im Justizministerium korrigierte der Bundespolizeipräsident sofort seine Haltung. Auf einen Schlag änderte er sein Verhalten und mischte sich in die kleinsten operativen Details ein. Kerstin erinnerte sich, welchen Ekel sie angesichts der politischen Speichelleckerei ihres Chefs empfunden hatte, die auch die Qualität der Polizeiarbeit beeinträchtigte.
Die »politisch Sachverständige« Anna Flanke war eindeutig von dem Vorsichtsprinzip abgewichen, das Kerstin gelernt hatte mit der Welt der Politik zu verknüpfen. Das führte dazu, dass Kerstin Flankes Kompetenz und Eignung hinterfragte. Es gab Anzeichen. Anna Flanke hatte Kerstins Mobiltelefon mehrmals angerufen. Kerstin hatte zurückgerufen und sich so eine Art Versicherung verschafft; sie konnte nun bei Bedarf nachweisen, dass zwischen ihr und dem Ministerium zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Kommunikation stattgefunden hatte. Sie konnte natürlich nicht belegen, worum es gegangen war, aber das war nicht immer entscheidend. Sollte herauskommen, dass Kerstin eigene Ermittlungen betrieb, würde das Ministerium in erster Instanz aufgrund zwingender konstitutioneller Gründe jegliche Kenntnis darüber bestreiten. Die Presse würde »Ministerregierung« brüllen und ein belastendes Bild des Justizministeriums entwerfen, das keinerlei Vertrauen in das Polizeipräsidium hatte. Außerdem war davon auszugehen, dass Kerstin in diesem Szenario als eine Art Privatdetektivin oder sogar als Rechtsbrecherin dargestellt werden würde.
Während sie ihre vom Schnee feuchte Kleidung aufhängte, beschloss Kerstin, noch mehr Sicherheitsmaßnahmen zu ihrem eigenen Schutz zu treffen. Ein schriftliches Dokument, ein Mail oder SMS, das ihre Position absicherte. Schnell könnte es zu einemVerhör durch den Verfassungsschutz kommen. Das Telefon piepste. SMS von Anna Flanke.
Hallo! Kannst du jetzt sprechen? Ich soll den Minister vor Mitternacht zurückrufen, rufe mich so schnell wie möglich an. / Anna
Ausgezeichnet. Vielen Dank, Anna Flanke. Bist du trotz allem nur ein Amateur?
Durch die Mitteilung war nun auch der Minister verraten. Kerstin goss sich in aller Ruhe ein Glas japanischen Whisky ein und setzte sich gemütlich aufs Sofa, das wunde Bein ausgestreckt auf einem Fußschemel. Sie schmunzelte,während sie Anna Flanke anrief.
»Flanke.«
»Armfeldt.«
»Ausgezeichnet, dass du gleich zurückrufen konntest«, sagte Anna Flanke. »Der Minister möchte wirklich, dass du diese Sache übernimmst.«
»Ich verstehe. Ich schlage vor, dass wir uns morgen um 13 Uhr im Restaurant des Kulturhauses treffen. Du nimmst alle Ermittlungsunterlagen, sowohl in Papierform als auch auf einem USB-Stick mit. Ich möchte auch, dass du dich ausweisen kannst. Bring deinen Personalausweis und deinen Passierschein für die Regierungskanzlei mit. Und ein Schreiben vom Minister oder vom Höchsten Richter. Das Schreiben soll unsere formellen Positionen darlegen – wofür ich eingestellt werde, ja, du weißt schon. Das Übliche.«
»Okay.« Flankes Stimme verlor an Sicherheit. »Was die Form der Einstellung anbelangt, haben wir einen etwas unorthodoxen Vorschlag und ein besonderes Anliegen. Darüber informiere ich dich morgen. Selbstverständlich bringe ich alles mit, was du verlangt hast. Gibt es noch etwas?«
Wieder schmunzelte Kerstin in sich hinein.
The plot thickens. Sie nahm einen kleinen Schluck Whisky, bevor sie weitersprach.
»Übrigens, Anna – bis morgen kannst du dir Antworten auf folgende Fragen überlegen: Warum um Himmels willen riskiert man die Glaubwürdigkeit der ganzen Regierung für eine parallele Ermittlung? Wollt ihr denn alle Selbstmord begehen? Wäre es nicht viel einfacher, die Schmach zu schlucken, die Angriffe der Presse wegzustecken und sich weiter abzumühen? Verhaltet ihr Politiker euch sonst nicht auch so in Krisen?«
Sie hörte, wie Anna Flanke tief seufzte.
»Okay, ich bin mit deiner Formulierung nicht ganz einverstanden, aber du stellst nachvollziehbare Fragen. Ich werde mich bemühen, sie morgen zu beantworten.«
»Gut, dann treffen wir uns. Das Restaurant ganz oben.«
»Verstanden.«
Kerstin Armfeldtfühlte sich so froh wie schon lange nicht mehr. Trotz der törichten Planung von Flanke schien es sich doch um einerichtige Arbeit zu handeln. Außerdem ohne die geringste Unterstützung der früheren Kollegen – eine Solosache.
Dennoch war Kerstin überzeugt, dass ihr der Auftrag gefallen würde. Die Kollegen in allen Ehren, aber oft waren diejenigen, die die Routinearbeit erledigten, bestenfalls Handlanger für den, der in Wirklichkeit die Arbeit machte. Im Normalfall hätten die bisherigen Ermittlungsergebnisse bereits alle Erfordernisse der polizeilichen Standardarbeit abdecken müssen. Wenn diese dürftig waren, musste vielleicht ergänzende Arbeit geleistet werden. Das konnte sie dann übernehmen – sie dachte jedoch nicht daran, selbst mit der Krücke durch Treppenhäuser zu humpeln. Sie dachte einen kurzen Moment darüber nach, wie ihr Nachfolger bei der Mordkommission reagieren würde, wenn er davon erführe. Wie hätte sie selbst reagiert? Mit Fassungslosigkeit klarerweise.
Jetzt war die Lage eine andere. Kerstin war bereit, die meisten Grundsätze über Bord zu werfen, die sie als Chefin gehabt hatte. Dieser Auftrag war ihre Eintrittskarte zurück ins Leben, wie sie es sich vorgestellt hatte. Weg von dem Gefühl der Nutzlosigkeit und der Verlassenheit. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen schlief sie am Sofa ein, während in der Stereoanlage die CD mit westafrikanischer Musik, die sie von Barbro ausgeliehen hatte, lief.
Das Kulturhaus, eine Kreation des Architekten Celsing, war seit jeher als Platz gedacht gewesen, an dem sich Kunst und Kultur wechselseitig andauernd befruchten sollten. Künstler wie auch andere Menschen sollten hier mit Lust und Freude an dem Utopia bauen, an das man in den Sechziger- und Siebzigerjahren noch geglaubt hatte. Direkt auf dem Platz Sergels Torg thronte das Kulturhaus wie eine modernistischkühle, grelle Kulisse für den Rauschgifthandel, der vor den Eingängen betrieben wurde, seit das Gebäude stand. Das Restaurant ganz oben bot eine ansprechende Aussicht über Sergels Torg und einen ebenso modernistischen Springbrunnen mit einer Glasskulptur in der Mitte, die Kerstins Meinung nach von zweifelhaftem ästhetischem Wert war.
Im Restaurant des Kulturhauses trieben sich nicht nur Kunstschaffende und kulturinteressierte Leute herum. Vielmehr dominierten Caffè Latte trinkende und auf Elternurlaub befindliche Mütter, die gerne ihre neuesten Kinderwagenmodelle im Café umherschoben. Da gab es auch keine so geringe Anzahl an Personen, die die Vorteile dieses erbärmlichen akustischen Milieus erkannt hatten; das Klirren von Glas und Besteck, das Quietschen der Stühle und schreiende Babys eigneten sich nämlich ausgezeichnet für eine bestimmte Art von Treffen. Die Hintergrundgeräusche des Kulturhauses machten es beinahe unmöglich zu verstehen, was an den Nebentischen gesprochen wurde. Deswegen war es der ideale Ort für bestimmte professionell-vertrauliche Gespräche. In Stockholm gab es eine Reihe ähnlicher Plätze in der Nähe der verschiedenen Gebäude des Kanzleramtes. Kerstin hatte an »vertraulichen Mittagessen« gemeinsam mit Beamten aller Art und aus verschiedenen Ministerien teilgenommen. Registratoren, Sekretäre von Ministern, Ministerräte und Gerichtsräte; alle geprägt durch eine Kultur, die Briefe, Mails, Aufzeichnungen und alles andere, was in Protokollen auftauchen konnte, scheuten, weil dadurch das Risiko bestand, auf wenig schmeichelhafte Art in den Medien des Landes zu landen.
Das Kulturhaus hatte aber einen grundlegenden Nachteil: die Sichtbarkeit. Hier bestand die Gefahr, von anderen gesehen zu werden, die sich dafür interessierten, wer mit wem zu Mittag aß. Stockholm war überfüllt mit Berufsmenschen des schwedischen Volksheimes, die machiavellistisch geprägt waren und eine nie versiegende Lust auf Intrigen in sich trugen. Um ein allzu hohes Risiko, gesehen zu werden, zu vermeiden, hätte Kerstin das Café der Stadtmission in der von Touristen strotzenden Gamla Stan aussuchen müssen, oder die Lobby eines kleinen feinen Hotels. Aber Kerstin wollte Anna Flanke testen. Sehen, wie sie sich bei der Übergabe von Papieren an eine ziemlich bekannte Person der Polizei in einem gut besuchten Restaurant von Stockholm verhielt.
Als Kerstin die Rolltreppe hinauffuhr, war sie selbst erstaunt, wie ausgeklügelt ihr kleiner diabolischer Plan eigentlich war. Bei der Geschichte handelte es sich natürlich um ein zweischneidiges Schwert. Vielleicht wäre es für sie selbst besser gewesen, sich nicht in Gesellschaft einer politisch Sachverständigen des Justizministeriums in der Öffentlichkeit zu zeigen. Sie redete sich jedoch ein, dass es Anna Flanke war, die das größere Risiko in Kauf nahm.
Kerstin musste nicht lange überlegen, um zu erraten, wer Anna Flanke war. Nur eine einzige Frau saß allein an einem Tisch. Sie trug ein eng anliegendes blaugrünes Kostüm von einer Art, wie man es nur selten außerhalb politischer Kreise sieht. Kerstin fiel auf, dass die Frau nervös an einer Aktentasche herumzupfte, die sie auf einem Stuhl neben sich abgestellt hatte. Offensichtlich. Die Frau, die Anna Flanke sein musste, hatte sich neben ein Panoramafenster gesetzt. Vor ihr stand ein Caffè Latte und sie blickte drein, als sei dies die natürlichste Sache der Welt für eine hohe Angestellte der Regierung. Dazusitzen und nervös an einer Aktentasche mit geheimen Dokumenten herumzuzupfen.
»Anna Flanke, nehme ich an.«
Die Frau zuckte zusammen und drehte sich um.
Graue Augen. Intelligenter Blick. Praktische Frisur. Keine Unmenge von Make-up im Gesicht.
Kerstin zog mit der Krücke einen Stuhl heran und setzte sich.
»Ich wollte dich nicht erschrecken. Entschuldige, dass ich ein bisschen spät dran bin.«
Kerstin hob die Krücke hoch und wedelte damit in einem Versuch, um Entschuldigung zu bitten.
»Ich habe mich schon gewundert. Gut, dass du gekommen bist. Und dass du mich gleich erkannt hast! Aber du hast sicher auf Google nachgesehen, nehme ich an.«
Aufgeweckt. Kräftige Stimme. Nicht nervös.
Kerstin zog beleidigt eine Augenbraue hoch.
»Google? Ich habe meine Deduktionsgabe eingesetzt. Was in diesem Fall keine große Herausforderung war.«
Flanke blickte Kerstin ruhig an.
Einige lange Sekunden des Schweigens verflossen, bevor Anna fortfuhr: »Zuerst möchte ich deine Fragen beantworten. Da meine Antworten absolute Verschwiegenheit verlangen, musst du dieses Formular ausfüllen.«
Sie schob ein Standardformular der Regierungskanzlei und einen Kugelschreiber über den Tisch. Kerstin überflog es und unterschrieb.
»Gut.« Anna nahm das Formular und legte es in eine Plastikmappe, verziert mit dem Staatswappen.
»Ich gehe davon aus, dass du einigermaßen vertraut bist mit der parlamentarischen Situation, in der wir uns befinden?«
»Selbstverständlich, ein verdammtes Chaos.«
Flanke lächelte angestrengt. »Genau. Kompliziert. Die Schwedendemokraten sind das Zünglein an der Waage im Parlament. Kein Vorschlag von uns geht durch das Parlament, ohne dass wir einen Kompromiss mit unserem politischen Gewissen schließen müssen.«
Kerstin kicherte, worauf Flanke ihre Augenbrauen hochzog.
»Ein Oxymoron«, sagte Kerstin.
»Wie bitte?«
»Politisches Gewissen. Ein Oxymoron.«
Anna starrte Kerstin an.
»Entschuldige, mach einfach weiter. Als Pensionistin kann ich es mir leisten, zynisch zu sein.«
»Okay, ich verstehe. Glaube ich jedenfalls.« Flanke richtete ihre Haarspange und trank einen Schluck Caffè Latte.
»Willst du eigentlich nichts bestellen?«
»Ich habe bereits gegessen und getrunken.«
»Ach so. Wie gesagt, die politische Lage ist so widersprüchlich, dass wir unsere Politik nicht deutlich kommunizieren können. Weit davon entfernt. Unsere Wähler müssen zusehen, wie wir uns zu Lösungen durchringen, die alle zu Verlierern machen. Noch ein paar strategische Fehler und mehr als das halbe Parlament mit den Rechtspopulisten an der Spitze wird Neuwahlen fordern. Oder zusätzliche Wahlen, wie wir es nennen.«
»Ich weiß. Was werdet ihr dagegen unternehmen?«
»Eine ganze Menge. Aber das bedeutet vor allem, dass wir jede mögliche Quelle zur Beeinflussung der Wähler bis zur ordentlichen Wahl überwachen müssen. Skandale. Unregelmäßigkeiten. Zum Beispiel könnte der Mord an Antoine Malå derart aufgeblasen werden, dass er zu einem Politikum wird. Die Unfähigkeit der Polizei kann schnell zu einem schlechten Zeugnis für die politische Führung werden.«
Kerstin betrachtete nachdenklich die Menschen unten auf der Straße. Es war ein herrlicher Wintertag. Die Weihnachtseinkäufe waren im vollen Gange. Stockholm hatte sich wieder einmal selbst übertroffen, was den Weihnachtsschmuck und die Weihnachtsbäume betraf.
»Na ja. Ich bezweifle, dass ein solches Verbrechen zu einer so großen Sache werden kann, dass es eine Regierung stürzt.«
»Du hast recht. Nicht direkt. Obwohl der Mord, entschuldige: das Verbrechen, spektakulär war, braucht es auch andere Gründe.«
»Und die wären?«
»Du hast vielleicht schon vom Ostseevertrag gehört?«
»Ja, aber ich kenne die Details dazu nicht.«
»Grob skizziert geht es darum, dass es der schwedischen Regierung gelungen ist, sämtliche Staaten mit Interesse an und rund um die Ostsee zu vereinen, ein Abkommen zu schließen, das Emissionsausstoß, Fischerei, Verkehr und alle möglichen Angelegenheiten regelt, um eine dauerhafte Entwicklung der Ostsee zu garantieren. Dieses Abkommen beinhaltet aber auch militärische Aktivitäten in dieser Region. Damit handelt es sich um einen Vertrag, der im Fall von Schweden das Engagement und die Teilnahme von Landwirtschafts-, Umwelt- und Verteidigungsministerium erforderlich macht, und natürlich des Außenministerium und uns vom Justizministerium. Sogar das Kulturministerium, das durch ein multilaterales Austauschabkommen auf kulturellem Gebiet miteinbezogen werden muss. Hinzu kommt noch die übliche Anbindung schwedischer Wirtschaftsinteressen und Interessensorganisationen verschiedenster Art. Ohne mich allzu sehr in technische Details zu vertiefen, kann ich nur sagen, dass es sich um einen historischen Erfolg für die ganze Ostseeregion handelt. Und für Schweden«, meinte Anna Flanke.
»Aber?«, warf Kerstin ein.
»Da das Abkommen so umfassend ist, ist es natürlich nicht stärker als sein schwächstes Glied. Und dieses Glied ist Russland. Russland wurde erst zuletzt ins Boot geholt und ist auch das Land, das am meisten durch das Abkommen zu verlieren hat. Die Kosten für Umweltschutzmaßnahmen, die durchgeführt werden müssen, sind gigantisch. Die Anpassungen, die im Abkommen von mehreren russischen Industrien in den Zweigen Öl, Naturgas, Stahl und Fahrzeugfertigung verlangt werden, sind gewaltig.«
»Aber sie sind dabei und eigentlich nur wegen einer einzigen Person.«
»Putin?«
»Klarerweise Putin. Aber vielleicht vor allem wegen einer Person, der Putins Ohr gehört. Nämlich seinem alten Studienkollegen Valerij Schaljapin.«
»Der Dirigent also? Der Kollege von Malå?«
»Genau der. Und jetzt wird das Bild komplexer. Antoine Malå hatte sich in Umweltfragen engagiert. Hauptsächlich durch sein Mitwirken bei unterschiedlichen Galas zugunsten des einen oder anderen Umweltprojekts. Auch seine Teilnahme am Ostseefestival war Teil seines Eintretens für Fragen, die unser aller Verantwortung für diese Region betreffen. Außerdem war Antoine ein guter Freund von Schaljapin. Zumindest ein so guter Freund, dass er ihn von der Wichtigkeit eines russischen Engagements auf diesem Gebiet überzeugen konnte. Kurz zusammengefasst: Während einiger Jahre bedienten wir uns Malås als Werkzeug, um an Putins besten Freund, Schaljapin, heranzukommen. Der Schachzug gelang. Schaljapin war ein begeisterter Anhänger der Umweltbewegung.«
»Agierte Malå als Agent?«
»Das wäre zu viel gesagt. Natürlich versuchten wir, ihn in diese Richtung zu lotsen. Seinem weitläufigen internationalen Netzwerk und seinem Ansehen als Künstler verdankte er eine Freikarte zu allen beschlussfähigen Institutionen. Unter den Politikern und Industriellen der Welt gibt es viele Liebhaber von klassischer Musik. Malås Integrität war allgemein anerkannt und wurde gerühmt, niemand hätte ihm ein Doppelleben zugetraut. Doch er verweigerte eine Zusammenarbeit in anderen Fragen. Sein Engagement war echt, daher konnte er schnell eingesetzt werden. Das Ostseefestival stellte eine wiederkehrende Gelegenheit für Malå dar, Schaljapin und überihn auch Putin für die Sache einzunehmen.«
»Und was klappte nicht?«
»Als Malå gehäutet vorgefunden wurde, bekam Schaljapin einen seiner berüchtigten russischen Wutanfälle. Er sagte seine Konzerte ab und begann hemmungslos Wodka zu trinken – finanziert durch das Ostseefestival im Hotel Diplomat. Seine Trauer kannte anscheinend keine Grenzen. Journalisten versammelten sich vor dem Hotel, um sein wolfartiges Geheul vom Balkon in der Nacht aufzunehmen. Schaljapins Reaktion verursachte eine ganze Reihe diplomatischer Verwickelungen, wobei die Äußerungen des Botschafters das geringste Problem waren. Anfangs waren wir noch nicht beunruhigt, dass die Abmachung platzen könnte. Aber als die Polizeiarbeit keine Fortschrittemachte, häuften sich die Fragen von russischer Seite. Das Ganze fand seinen Höhepunkt vor ein paar Wochen, als Putin durch seinen Botschafter in Stockholm mitteilen ließ, dass sich Russland aus dem Abkommen zurückziehen würde, falls der Mörder von Malå nicht gefunden und zur Verantwortung gezogen werde.«
»Hm. Das klingt nach einer ziemlich unseriösen Haltung eines Staatschefs«, sagte Kerstin.
»Das stimmt. Aber wir, die wir mit Russland zusammengearbeitet haben, haben Schlimmeres gesehen. Und in diesem Fall ist es einfach für Putin. Er hat durch das Abkommen viel zu verlieren. Doch die Freundschaft mit Schaljapinzählt mehr als seine pragmatische Gesinnung und sein aggressiver Gewinnerinstinkt. Er ist zu einem großen, umfassenden Abkommen mit vorwiegend westlichen Staaten bereit und riskiert dadurch, dassMütterchen Russland defensiv und schwach wirkt. Durch die militärischen Beteiligungen an dem Abkommen könnten wir auf einen Schlag einige bedrohliche Konflikte mit Russland lösen. Aber nur, wenn Schaljapin einverstanden ist. Schaljapin will, dass Gerechtigkeit geübt wird, bevor er seinem Kameraden Vladimir seine Zustimmung gibt.«
»Und was sagt die Polizei dazu?«
»Die Polizei meint, dass die Sache gegessen ist. Die Spurensicherung ist am Ende. Sie hat keinerlei Beweise. Die Leiter der Ermittlungen glaubten zuerst, dass es sich um eine Gruppe von Islamisten handelte, die dieses Jahr bereits ausgeklügelte, aber recht sinnlose Versionen von Hinrichtungen durch Köpfen von Journalisten in Syrien durchgeführt hatten«, erwiderte Anna Flanke.
»Sie liefen also blind einer Spur nach und verloren dadurch an Tempo. Das klingt meiner Meinung nach auch nicht sonderlich seriös«, meinte Kerstin.
»Es freut mich, dass du das auch so siehst. Wir hoffen natürlich, dass sie eine Spur finden, die zur Aufklärung des Falles führt. Wir haben ja ordentlich getrommeltfürdas Abkommen – auch im Parlament. Viele Millionen wurden in die Verhandlungen investiert, die im ganzen Ostseeraum stattgefunden haben. Und nicht zu vergessen: Das Problem, dass so gut wie alle Minister der schwedischen Regierung auf die eine oder andere Art involviert sind. Damit steht die Glaubwürdigkeit aller auf dem Spiel. In Wahrheit hegen wir allerdings keine größere Hoffnung, dass die Mordkommission des Landes die Ermittlungen erfolgreich abschließen wird. Die Nominierung deines Nachfolgers hat sich außerdem in die Länge gezogen.«
Kerstin hatte nach ihrer Pensionierung die Aktivitäten und Unterlassungen der Polizei völlig aus ihrem Leben verbannt. Die Polizeizeitung abbestellt.
Sie hatte sich geweigert, sich überdie Veränderungen an ihrem Arbeitsplatz zu informieren. Das hatte ihr geholfen, nicht von dem Zorn über ihr Alter, die weniger qualifizierten Mitarbeiter und nicht zuletzt über ihren früheren Chef übermannt zu werden. Es hatte sich gut angefühlt, einfach lockerzulassen.
»Wen haben sie als Stellvertreter eingesetzt?«
»Den Bundespolizeipräsidenten. Arnesson.«
»Guter Gott.« Kerstin griff sich an die Stirn. »Wenn dieser Pechvogel Sheriff eingesetzt wird, um herumzuwühlen, kann das nur schiefgehen.«
»Das befürchte ich auch.«
»Ich glaube, jetzt brauche ich doch einen Kaffee.«
Kerstin stand auf und hinkte mithilfe der Krücke zur Theke.
Der Fall war weitaus komplizierter und gefährlicher, als sie angenommen hatte.
Wenn der Druck der Russen so stark war, wie Flanke ihn beschrieben hatte, konnte man sicher sein, dass der russische Geheimdienst schon zur Stelle war, um herauszufinden, welche Pläne die Polizei und die Schlüsselpersonen in der Regierung hatten. Vielleicht hatte Putin seinem Freund Schaljapin ein bedingtes Versprechen gegeben, das er nun bereute, und die Entwicklung, die sich daraus ergab, spielte der Strategie Putins in die Hände. Vielleicht lag es sogar in Putins Interesse, dass die Ermittlungen nicht vorankamen.
Pass auf, Kerstin. Halte dich an die Fakten. Und vermeide Spekulationen.
Während sie auf ihre Tasse Kaffee wartete, betrachtete sie angeekelt die zurzeit beliebten Kuchen. Tellergroße Schokoladenkuchen. Hefestücke so groß wie halbe Wecken. Wo waren die kleinen Kuchen geblieben? Sie bekam ihre Tasse und kehrte zu Anna Flanke zurück.
»Okay, Anna. Wie kann ich mir das alles vorstellen? Beginne mit dem Budget.«
»Budgetmäßig bekommst du im Wesentlichen alles, was du brauchst. Wir haben dank unserer Freunde in der Wirtschaft eine Gesellschaft mit dem Namen ›Nordic Security Holdings AB‹ gegründet. Die Führung besteht aus Personen, die nicht auf der Gehaltsliste der Regierungskanzlei stehen, aber an das Ostseeabkommen gebunden sind. Du bist die Vorstandsvorsitzende und kassierst das Gehalt, das du für angemessen hältst.«
»Wie steht es mit Zugriff auf das polizeiliche Register und einer Verbindung mit dem Nationalen Forensischen Zentrum?«
»Das polizeiliche Register dürfte kein Problem darstellen. Verantwortliche des Schwedischen SicherheitsdienstesSÄPO waren uns beim Einloggen behilflich. Dieöffentliche Polizei wird keine Ahnung davon haben, was vor sich geht. Was das Forensische Zentrum anbelangt, kann es bei der Geschwindigkeit Probleme geben. Es handelt sich dabei ja um eine selbstständige Behörde, die aber trotzdem dem Polizeipräsidium unterstellt ist. Die Gefahr von undichten Stellen ist jetzt schon groß. Aber wir arbeiten daran. Der Minister hat losen Kontakt mit dessen Chef.«
»Bin ich befugt, Leute anzustellen?«
Anne Flanke sah betreten aus.
»Ja, also du verstehst sicher, welche Vorbehalte wir hier haben. Wir verlangen, dass alle Personen, die du eventuell anstellen willst, der Schweigepflicht unterworfen sind. Wir unterziehen sie einer besonders strikten Überprüfung ihres Lebenswandels mithilfe der wenigen Eingeweihten bei der SÄPO. Genauso wichtig ist, dass du absolutes Vertrauen in diese Person hast. Je weniger Verbindungen mit deinem früheren Arbeitsplatz es gibt, desto besser, befürchte ich.«
»Wer von der SÄPO ist dabei?«, fragte Kerstin.
»Keine Ahnung. Nur der Minister selbst hat diese Kontakte.«
»Aha. Ungewöhnlich forsch für einen Minister. Gibt es noch andere Vorbehalte?«
»Ja, einen.«
»Raus damit.« Kerstin führte die Kaffeetasse zum Mund.
»Du wirst mit einer Person zusammenarbeiten, die wir ausgesucht haben.«
Kerstin stellte die Tasse ab.
»Mit wem?«
»Ein Mann, der als Ermittler für das Kulturministerium gearbeitet hat. Unter anderem. Er komponiert auch. David Westerdahl.«
»Der Name klingt bekannt. Haben nicht die Zeitungen vor Kurzem über ihn berichtet?«
Wieder diese betretene Miene von Flanke.
»Mmh. Ja, doch. Er hatte eine Menge öffentlicher Auseinandersetzungen mit Kulturpolitikern und anderen, die er zu gut fand, um sie zu häuten, wenn du die Ausdrucksweise entschuldigst. Aber zuletzt wurde er im Zusammenhang mit der #Metoo-Bewegung gerügt. Daher musste er zurücktreten.«
»Ich bin mehr als skeptisch. Überzeuge mich.«
»Er hat auch gute Seiten.«
Kerstin blickte Flanke an.
Du bist selbst skeptisch. Du hast dich vermutlich gegen diesen Beschluss gewehrt.
»Welche?«
»Tja, er ist ohne Zweifel ein hervorragender Analytiker. Hat einen guten Blick für alles, um es mal so auszudrücken. Ein geschickter Schreiberling.«
»Na gut. Aber was zum Teufel hat er in einer polizeilichen Ermittlung zu suchen?«
Anna Flanke zog den langen Löffel aus dem Caffè-Latte-Glas heraus, leckte ihn ab, während sie erkennbar nach einer glaubwürdigen Antwort suchte.
»Technisch gesehen handelt es sich ja nicht um eine polizeiliche Ermittlung. Aber wie ich bereits erwähnt habe, betrifft das Ostseeprojekt mehrere Ministerien. Alle Minister hatten Gelegenheit, die Gestaltung unserer Operation zu beeinflussen.«
»Himmel. Das wird von den Medien zerrissen werden, bevor ihr noch zusätzliche Wahlen aussprechen könnt.«
