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In Sams Inneren kämpft eine dunkle Macht darum, die Kontrolle zu übernehmen. Während sie mit der ständigen Gefahr kämpft, die Menschen um sie herum zu gefährden, wird sie von kryptischen Hinweisen geleitet, die ihr einen möglichen Ausweg zeigen: die alte Prophezeiung zu durchbrechen. Doch kann sie das Schicksal wirklich ändern? An ihrer Seite steht Elias, ein treuer Freund, der mehr für Sam empfindet, als er dürfte. Gemeinsam begeben sie sich auf eine gefährliche Reise durch die magisch Welt, begegnen mächtigen Wesen und sammeln rätselhafte Artefakte für ein Ritual, das das Böse in Sam endgültig bannen soll. Doch das Unheil ist immer nah und Sams innere Kämpfe werden zur Bedrohung für all jene, die sie beschützen will. Während sie sich Prüfungen stellt, die ihre Entschlossenheit auf die Probe stellen, wird klar, dass sie weit mehr ist, als sie je geahnt hätte.
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Seitenzahl: 428
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Als ihre Mutter auf mysteriöse Weise verschwindet, kommt eine Lawine an Ereignissen ins Rollen, die Sam vor schier unüberwindbare Herausforderungen stellt. In den Fängen des Königs - einer ihr bis dahin unbekannten Welt - wird ihr das Herz entrissen und die pure Dunkelheit eingepflanzt. Sie verliert sich selbst und wird übermächtig. Doch so ganz ist Sam noch nicht verloren. Die -gute- Sam ist als winziger Teil in der Bösen zurückgeblieben und kämpft um ihren Körper, um ihren Geist und ihre Macht. Ihr Freund Elias befreit sie auch den Fängen des Königs und Sam kehrt mit ihm gemeinsam ins Hauptquartier einer geheimen Garde zurück. Sam fällt in ein tiefes Loch aus Scham und Schuld, zweifelt an sich und daran, die Prophezeiung abwenden zu können. Zweifelt daran, dass Elias ihr verzeihen kann, was im Schloss geschehen ist. Doch die Liebe der beiden ist stark genug zu überstehen, egal was geschieht. So finden sie zum Ende des Buches die Hoffnung, die Sam so dringend brauchte und das Wissen, dass egal wie schlecht eine Zukunft auch aussehen mag, sie nie unabänderbar ist.
Kapitel 1
Kapitel 2
Sam
Kapitel 3
Elias
Kapitel 4
Sam
Kapitel 5
Elias
Kapitel 6
Sam
Kapitel 7
Sam
Kapitel 8
Elias
Kapitel 9
Sam
Kapitel 10
Sam
Kapitel 11
Sam
Kapitel 12
Sam
Kapitel 13
Sam
Kapitel 14
Sam
Kapitel 15
Sam
Kapitel 16
Sam
Kapitel 17
Sam
Kapitel 18
Sam
Kapitel 19
Sam
Kapitel 20
Sam
Kapitel 21
Elias
Sam
Wir standen aus dem Gras, in das ich ihn voller Freude und Hoffnung geworfen hatte, wieder auf. Ein unbändiges Kribbeln ließ meine Lippen vibrieren. Meine Augen blitzten vor lauter Begeisterung auf und spiegelten das Glück wider, das ich empfand.
„Wir haben sie schon verändert“, plapperte ich darauf los. Meine Worte überschlugen sich fast in meinem Mund, so schnell wollten sie raus. „Die Prophezeiung.“ Abwechselnd sah ich meinen Vater und Elias an, doch keiner reagierte. „Versteht ihr denn nicht? Das heißt, dass das Ende nicht mehr festgeschrieben steht. Die Elemente sagen, wir haben es in der Hand nun etwas zu ändern. Nichts ist unabänderbar.“
Elias, der direkt neben mir stand, schwang seine Arme um meine Taille, zog mich an sich und sah liebevoll auf mich herab. Sein Lächeln wurde so breit wie meines.
Du kannst es nicht schaffen. Vergiss nicht, wer ich bin.
Die Stimme meines bösen Teils echote in meinem Inneren. Obwohl ich sie zu ignorieren versuchte, zeigte sie mir doch genau, was die Elemente eben noch meinten. Kurz strauchelte ich, straffte dann jedoch die Schultern. Ich ließ mich jetzt nicht unterkriegen. Meine Hoffnung und mein Kampfgeist wuchsen. „Sie sagten aber auch, dass der Kampf, der eigentlich nach außen getragen werden sollte, nun in mir herrscht und dass mir die Zeit davonläuft.“, nachdenklich blickte ich zurück zum Wald.
Gänsehaut überzog meinen Körper, als meine Gedanken von den guten zu den schlechten Nachrichten der Elemente wanderten. Doch ich erzählte weiter, auch vom Rest der Begegnung mit den Elementen und ihre kryptischen Andeutungen. Ich ließ nichts aus. Keinen gesprochenen Satz. Nicht das Ritual mit den Gegenständen, die wir finden mussten. Und auch die Karte, die uns den Weg wies, vergaß ich nicht. Mein Vater und Elias schienen alles gespannt zu verfolgen. Mal spürte ich Elias’ Wärme und Stärke durch seinen Griff deutlicher. Fühlte, wie sich seine Liebe und Zuversicht durch mich hindurch ausbreiteten. Mein Vater hingegen wirkte vor allem angespannt. Seine Körperhaltung zeugte von innerer Unruhe und aus seinen Augen sprach die pure Sorge. Doch sie ließen mich ausreden. Mit dem letzten Echo meiner hastigen Worte, legte sich ein dichter Mantel der Stille über uns, so gewichtig und undurchdringlich, als hätte jemand lautlos die Tür zu einem schalldichten Raum hinter uns geschlossen.
Die Stirn meines Vaters zog Falten, seine Augen wurden schmal wie Schlitze, als würde er versuchen, jedes meiner Worte sichtbar zwischen den Zeilen zu lesen. Elias’ Gesichtsausdruck hingegen konnte ich nicht sehen. Während meiner Erzählungen war er hinter mich getreten, hatte seine Arme um mich gelegt und ich spürte nun das rhythmische Pochen seines Herzens gegen meinen Rücken. Sein Duft stieg mir in die Nase und für einen Sekundenbruchteil schloss ich die Augen, um es zu genießen.
Schlagartig veränderte sich die Atmosphäre. Wurde unruhig und es fühlte sich nach Aufbruch an. Ein Schauer rann mir über den Rücken. Doch ob die Veränderung von uns selbst kam oder ob der Wald diese ausstrahlte, konnte ich nicht ergründen. Sicher war, wir sollten weg.
Also machten wir uns mithilfe meines Portals auf den Weg zurück ins Hauptquartier. Tief in meinem inneren baute es sich auf. Der bekannte Sog entstand, seine Macht umfing mich und lullte mich ein. Als ich den Druck spürte und wusste, dass es fast vollständig aufgebaut war, umfing ich Elias’ Hand und er legte die andere auf die Schulter meines Vaters.
Elias wusste, wie es um mich und meinen Vater stand und dass ich es noch nicht übers Herz brachte, auch ihn an der Hand zu nehmen. Zu fremd und zu unwirklich war das alles. War er. Und die Angst, ihn zu verlieren bevor ich ihn richtig kennenlernen konnte, schwebte über allem.
Das Portal zog uns in sich ein, Farben rauschten an mir vorbei. Verschwommene Bilder, Geräusche und fremdartige Gerüche umfingen mich. Genauso lange, bis uns das Portal nach der kurzen Reise im Hauptquartier wieder ausspuckte und alles wieder feste Konturen annahm. Wir standen in der Hauthalle. Im Eingangsbereich. Ich sah mich mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen um und atmete tief und zufrieden durch. An diese Art zu Reisen konnte ich mich gewöhnen. Wo konnte man mit dieser Fähigkeit überall hin? Gab es Grenzen? Oder stand mir wirklich alles offen? Klar, kostete das ganze Kraft und Konzentration, doch es war für mich, allem voran, das einfachste Transportmittel.
Unsere Schritte führten uns durch verschiedene aus rauem Stein bestehende Gänge, an einem Gemeinschaftsbad vorbei, dass ich naserümpfend entdeckte, bis hin zu van Borgs Wohnbereich, in das zu Hause meines Vaters. Vielleicht brachte ich hier ein wenig über ihn in Erfahrung. Verstohlen sah ich zu ihm herüber, betrachtete den Mann, der mein Vater sein sollte und fühlte in mich hinein. Da war kein Gefühl der Vertrautheit oder der Zusammengehörigkeit, doch woher auch? Noch war er ein Fremder für mich und genau das zerriss mein Herz. Es war so anders, als ich es ir immer ausgemalt hatte. Mit Tränen der Freude und einem vor Glück zerspringendem Herzen. Nichts. Alles in mir zog sich zusammen.
Die meiste Zeit des Weges richtete ich den Blick gen Boden, pustete nach oben, um meine Tränen, die aufsteigen wollten, zu trocknen. Wir hatten noch keine Gelegenheit unser Verhältnis zu ändern. Und obwohl ich ihn in Gedanken „Vater“ nannte, musste er es sich noch verdienen, dass ich es auch aussprach. Auch wenn ich seine Geschichte glaubte und zu Teilen auch nachvollziehen konnte, hatte er mich und meine Mutter allein gelassen. Vierzehn Jahre war er einfach nicht da gewesen. Hatte mich nie im Arm gehalten, um mich zu trösten oder weil er stolz auf mich war. Mich nicht begleitet als ich den ersten Tag in den Kindergarten oder zur Schule ging. Nie mit mir gelacht, geweint oder gestritten. Er hatte mich nicht aufwachsen sehen. Keine Bindung zu mir aufgebaut. Da war einfach nichts. Hart schluckte ich an dem Kloß vorbei, der sich bei den Gedanken in meinem Hals manifestiert hatte. Für Sentimentalitäten war später noch Zeit.
Also straffte ich die Schultern, trat durch die alte Holztür seiner Unterkunft und wurde von dem Geruch nach Ebenholz und Rauch umfangen. Kurz flog mein Blick zu meinem Vater. Der würzige Geruch war dem im Raum sehr ähnlich. Ich trat also in sein heiligstes und sah mich aufmerksam um. Viel fand ich in seinem Reich nicht vor und war enttäuscht.
Kahle, grob gehauene Steinwände und ein eher unebener Boden, auf dem ein kleiner Teppich die gröbste Kälte vertrieb. Ansonsten standen hier ein Bett, ein Tisch und ein Schrank. Keine Fenster. Was zu erwarten war, immerhin lag das Quartier tief unter der Erde. Der Raum hatte nur eine Tür. Die, durch die wir gerade getreten waren und die von Elias nun geschlossen wurde. Für den Rundumblick im Zimmer brauchte ich nur zwei Wimpernschläge. Fast vergeblich suchte ich nach persönlichen Gegenständen. Nach dem Charakter des Raumes. Nach dem, das ihm Leben einhauchte. Und mein Herz zog sich dabei zusammen. Und das einzig persönliche, das ich in dem ganzen Zimmer entdecken konnte, war ein Bild. Ein Bild, das meine Mutter mit einem Kind auf dem Arm zeigte. Dieses Kind, welches sie hielt, war sicherlich ich. Wenn man mein jetziges Aussehen betrachtete, konnte das sogar passen. Noch immer hatte ich Schwierigkeiten, mich als Prinzessin zu sehen. Mit all den Veränderungen. Nach wie vor fühlte ich mich wie das kleine, pummelige, lockenköpfige Mädchen und nicht wie das, was ich jetzt war. Groß, schlank, schwarzhaarig, erhaben.
Behutsam ging ich auf das Bild zu. Wartete insgeheim darauf, dass mich einer der beiden unterbrechen würde. Mit jedem Schritt schlug mein Herz schneller, als würde ich einen Marathon laufen und nicht mich schleichend fortbewegen. Vielleicht war es aus Angst. Angst davor, die Gewissheit in Händen zu halten, dass van Borg wirklich mein Vater war. Tief in mir wusste ich es, wollte es aber nicht wahrhaben. Warum das so war, verstand ich selber nicht genau. Konnte ich es meinem Herzen zutrauen, mich dem Unausweichlichen zu stellen? Das ein Mann, der all die Jahre lebte und sich nie bei mir gemeldet hatte, mein Vater war. Ein Mann, der sein Kind und seine Frau schutzlos in einer fremden Welt gelassen hatte. Sich nie die Mühe gemacht hatte nach mir zu sehen. Konnte er mich lieben, wie ein Vater sein Kind? Viel wichtiger: Würde ich im Zweifel mit seiner Ablehnung zurechtkommen?
Beim Bild angekommen, betrachtete ich es lange und intensiv. Dabei brannte sich mein Blick förmlich durch das Glas. Ich legte den Kopf schief, mal nach rechts geneigt, mal nach links. Als versuchte ich, etwas anderes zu sehen, als zu sehen war. Etwas, das vielleicht in dem Bild verborgen lag. Aber da war nichts. Am Bild änderte sich nichts. Meine Finger streckten sich fast automatisch danach aus, Adrenalin schoss durch meine Venen und ließ mein Herz erneut schneller schlagen. Ich fuhr mit den Fingerspitzen über den kalten Rahmen, fühlte das Metall, dass das Bild umfing und nahm es dann in die Hand.
Erinnerungen an meine Mutter fluteten mein Sein. Ich sah sie, als sie völlig erschöpft von der Arbeit heimkam. Sah sie am Küchentisch sitzen, die Zeitung lesen und hörte ihre Stimme leise flüstern. Mein Herz schrie schmerzhaft auf und meiner Kehle entwich ein Seufzen. Nicht nur mein Herz sehnte sich nach meiner Mutter. Ich betrachtete das Bild weiter und besah ihr Gesicht, fuhr mit den Fingern über ihr Haar und dann über meins. Versuchte ihr nahe zu sein und sah ihr in die Augen. Ich schluckte, als ich unendliches Glück in ihnen erblickte. Glück, das ich aus meiner Erinnerung bei ihr nicht zu erkennen vermochte. Trauer umgriff meine Seele. Das offene, fröhliche Glück, das sie auf dem Bild umgab, war mir völlig fremd. Hier schien sie fern aller Schwere zu sein, voller Optimismus und herzlicher Liebe. Ein krasses Gegenteil zu der Mutter, die ich kannte. In meiner Erinnerung trug sie über all diese Gefühle ein dunkles Tuch wie einen Schatten mit sich herum. Kurz stolperte mein Herz vor Schmerz. Ich vermisste meine Mutter immer mehr und eine einsame Träne kullerte, mit den Gedanken an sie, meine Wange hinunter.
Vorsichtig trat Elias von hinten an mich heran. Legte seine Hand in meinen unteren Rücken und sein Kinn auf meine Schulter. Leise flüsterte er mir zu: „Wir werden sie retten. Wir werden sie nicht dort lassen. Das verspreche ich dir.“ Ein flüchtiger Kuss traf auf meine Schläfe, bevor er sich mit etwas Abstand zu mir hinstellte. Ich fühlte mich allein. Wieso blieb er nicht einfach neben mir stehen?
Nachdem ich das Bild wieder zurückgestellt und mich halbwegs gefangen hatte, drehte ich mich zu Elias um und suchte nach seinem Blick. Als sie sich trafen, sendete er mir mit ihm Kraft und Zuversicht. Mit einem tiefen Gefühl der Zufriedenheit sog meine Seele seine Gefühle ein und schöpfte aus ihnen neue Stärke. Nach einem kurzen Nicken meinerseits reichte er mir wortlos das alte Buch, das wir aus der zerstörten Wohnung geholt hatten. Zögerlich nahm ich es entgegen und schlug es willkürlich auf. Als ich es so in den Händen hielt, war es, als würde eine Magiewelle über mich und durch mich hindurch ziehen. Die Luft flimmerte und knisterte. Etwas Altes und Mächtiges lag in ihr und die Macht, die um uns herumschwirrte, konnte ich nicht benennen. Sie war fremd und neu. Eigentlich wie alles andere hier für mich. Ich betrachtete die beiden Männer an meiner Seite. Auch ihre Blicke waren, ebenso wie meiner, fest auf das Buch gerichtet. Unglaube stand in ihren Gesichtern. Es begann in den verschiedensten Farben zu leuchten. Die Farben schlängelten sich wie Bänder um meine Arme. Liebkosten meine Haut und zogen mir neckisch an den Haaren. Die Magie spielte mit mir und ich lächelte. Es war, als würden wir zusammengehören. Als wären wir schon immer eins gewesen. Vielleicht, wenn das alles überstanden war und wir auf diese Zeit zurückblickte, würde meine Mutter mir erklären, was das alles zu bedeuten hatte.
Irgendwann …
Der erneute Gedanke an meine Mutter trieb viele weitere Gedanken an. Sie war schon so lange in der Gefangenschaft des Königs, ihrem Ehemann. Ging es ihr gut oder folterte man sie? Lebte sie noch? War sie stark genug, um das alles zu überstehen? Trotz all der Widrigkeiten und allem, was passierte, war ich mir bei Einem ganz sicher. Sie würde nie aufgeben so lange für das Gute noch eine Chance bestand. Schließlich war sie die Königin dieser Welt und kannte ihre Pflichten, aber sie wusste auch um ihre Macht. Sie war so viel stärker, als dass man sie hätte einfach vernichten können. Ich glaubte an sie. Sie würde auf uns warten und wissen, dass wir sie retteten.
Die Energie, die sich vom Buch ausgehend um mich herum ausgebreitet hatte, zog sich zurück und sammelte sich in meinem Herzen. Und ich verstand diese einzigartige Geste. Das Buch hatte eine Verbindung zu mir, die ich nicht erklären konnte. Und doch spürte ich die Macht, wie sie sich in mir ausbreitete und mich mit wohliger Wärme überzog. Meinen Blick gehoben, sah ich von meinem Vater zu Elias. Die Reaktionen der beiden einfangend, erkannte ich eine ganze Menge Emotionen. Von Skepsis über Bewunderung bis hin zur Sorge. Vor allem Elias machte sich Sorgen.
„Wir müssen also wirklich in die andere Welt zurück?“, fragte er und machte einen Schritt auf mich zu.
„Die Elemente haben es so gesagt, ja“, erwiderte ich. „Dann müssen wir Lena finden und ihr das hier“ ich deutete auf mein Gesicht und meinen Körper „irgendwie erklären. Sie muss uns glauben, dass ich ich bin, sonst wird sie uns nicht helfen.“
Der Gedanke an die andere Welt, von der ich dachte, dass sie meine Heimat war, schürte Angst und ließ mich trocken schlucken. Nicht, weil ich mich nicht auf Lena freute, sondern genau deswegen. Was, wenn sie uns nicht glaubte, es nicht verstand oder uns nicht helfen wollte. Was, wenn sie mir keine Chance gab zu erklären? Was, wenn sie mich vergessen hatte? Doch den letzten Gedanken verwarf ich schnell. Lena war zwar auf den ersten Blick oberflächlich, aber eine sehr loyale Freundin. Trotz allem fiel es mir schwer zu glauben, dass Lena verstehen konnte, was passiert war. Nichts, aber auch gar nichts von all dem konnte ich logisch erklären. Wir hatten zwar die Erlaubnis meines Vaters, sie in alles einzuweihen, ihr zu erklären, was für eine Bedrohung über uns schwebte und vor allem meine Rolle bei der ganzen Sache und doch waren solche Geschichten für Außenstehende nie leicht zu verkraften. Trotz allem hoffte ich darauf, dass sie sich von ihrer Mission überzeugen ließ. Dass sie verstand, wie notwendig genau sie für das Gelingen war. Wenn sie erkannte, dass es noch eine weitere Welt gab, eine in der Magie wirklich existierte, vielleicht konnte sie dann glauben, dass ich ihre Sam war. Ihre Freundin. Ob sie dann auch verstand, wie wichtig sie für uns war, konnte ich nur hoffen. Denn Lenas erster Gedanke ging immer an sie selbst. Vielleicht reichte ihr das Wissen, sie würde die Welt retten. Wir mussten sie überzeugen.
„Wenn das wirklich die einzige Chance ist, die wir haben, dann sollten wir sie nutzen“, ergriff van Borg das Wort und sah uns nacheinander an.
Elias trat neben mich und sah von oben auf mich herab. Seine Augen glänzten voller Sorge und Liebe. Ich hob meine Hand, als er auch schon in meinen Nacken griff und mich für einen leidenschaftlichen und sehr intensiven Kuss zu sich zog. Während ich seine Lippen schmeckte und seiner Zunge Einlass gewährte, strich seine andere Hand sanft über meine Wange. In meinem Herzen pulsierte Elias Herzschlag. Seine Finger hinterließen ein Prickeln auf meiner Haut, als er immer wieder über meine Wange, meinen Nacken oder meine Arme fuhr. Genießerisch schmiegte ich mich in diese Geste und zog tief seinen Duft und seinen Geschmack in mich auf. Ein Seufzen verließ meine Kehle. Nur für den Fall, dass etwas schiefgehen sollte, wollte ich ihn vollkommen in mir versiegeln. Mir alles merken, alles spüren, was er für mich war. Meine Liebe, mein Leben. Während meine linke Hand auf seiner Brust ruhte und seinem Herzschlag nachspürte, hielt meine rechte ihn zärtlich am Kragen, damit er nicht fortging. Ich spürte seine Liebe bis unter meine Haut. Sie pulsierte durch meine Venen und ließ mich kurzzeitig erzittern. Meine Knie wurden weich und ich drohte beinahe umzukippen. Zum Glück waren Elias Arme fest um mich geschlungen, er hielt mich.
Als jemand räuspernd um Aufmerksamkeit bat, lief ich knallrot an. Oh mein Gott! Mein Vater stand ja auch noch im Raum. Den hatte ich kurz vergessen. Obwohl es mir unsagbar peinlich war, dass er dies mit angesehen hatte, war es mir gleichzeitig aber irgendwie auch total egal. Schnell kühlte sich mein Gesicht wieder ab und ich stellte mich aufrechter hin. Ich, nein, wir brauchten diesen Moment. Keiner von uns wusste, wann es diese Momente nicht mehr gab. Wann uns vielleicht das Ende schon kurz bevorstand. Ich stellte mich meinem Vater entgegen, mit aufrechter Haltung und Feuer in den Augen. Und mir strahle absolute Autorität entgegen, als er uns entschlossen ansah.
Meine Gedanken sprangen zu meinem Wunsch, einen Vater gehabt zu haben. Wie gerne hätte ich ihn näher kennengelernt. Gewusst wie er aussah, wenn er sauer, wütend, bestürzt, glücklich oder zufrieden war. Doch das einzige Gesicht, dass ich kannte, war das, das er uns gerade zeigte. Hinter der Autorität und der wilden Entschlossenheit lagen seine Augen tief und sorgenvoll in den Höhlen. Wie sehr hatte ich mir gewünscht zu wissen, wie seine Stimme klang, wenn er lächelte. Doch gab es nicht viel zu lächeln. Auch, dass wir uns wiedergefunden hatten, hatte seine Augen nicht bis ins Letzte zum Leuchten gebracht. Wie gerne hätte ich eine Beziehung zu diesem Mann aufgebaut. Mich halten lassen, wenn es mir schlecht ging. Oder uns gegenseitig gehalten, solange wir Mom noch nicht bei uns hatten. Doch das alles musste warten. Vielleicht passierte es aber auch nie. Keiner wusste, wo die Reise endete. Doch eines wussten wir. Wir wussten, es gab keinen anderen Weg. Wir wussten, dies war meine Reise. Und wir wussten, er musste mich gehen lassen und ich ihn. Ein schmerzhafter Stich durchzog mein Herz. Auch wenn wir noch keine große Bindung hatten aufbauen können, hatte ich ihn doch gerade erst gefunden, nachdem ich so lange vergeblich nach ihm gesucht und gefragt hatte. Ein tiefer Seufzer entwich meiner Kehle und Elias legte, als wüsste er, was in mir vorging, seinen Arm um meine Taille. Zog mich an sich und sah mich liebevoll an. Als Zeichen, dass ich das schon schaffte, nickte ich ihm kurz zu. Beide lauschten wir den Befehlen van Borgs.
„Ihr werdet das Mädchen ausfindig machen, sie einweihen und ihr erklären, was sie zu tun hat. Startet direkt mit der Suche. Schindet keine Zeit. Denn etwas, das wir nicht haben, ist Zeit.“
Ja, danke auch. Diese Erinnerung brauchte ich nicht wirklich.
„Wir wissen nicht, wohin die Reise dich oder euch führen mag oder wie lange sie dauern wird. Sobald ihr wieder in Maganon seid, müsst ihr euch beeilen. Ich möchte mich ungern wiederholen, aber habt bitte im Hinterkopf, dass wir nicht wissen, wie viel Zeit dir noch bleibt, bis das Böse in dir stärker ist als du.“
Mein Mund reagierte schneller als der Rest von mir. „Oh ja, klar. Kein Druck und so. Als wäre das nicht auch ohne deine blöde Ansprache schon ätzend genug!“ Die Worte waren raus, bevor ich auch nur drüber nachdenken konnte. Während ich dies sagte, war ich zwei Schritte auf meinen Vater zugegangen. Erschrocken zuckte er zusammen. Genießerisch sah ich zu ihm auf. Das Dunkle in mir zog auf.
Los, jetzt nutze deine Macht. Mache ihn fertig.
Ohne auf die fordernde Stimme zu achten, machte ich auf dem Absatz kehrt. Ich musste hier weg. Harsch ergriff ich Elias’ Hand und nach einem kurzen Blick in sein Gesicht erkannte ich, dass der Griff doch etwas zu fest war. Seine Lippen waren zusammengepresst und aus seinem Gesicht waberte mir Besorgnis entgegen.
„Entschuldige“, hauchte ich ihm zu, lockerte meinen Griff und versank in seinem Blick, der wieder weicher wurde. Ich vergaß alles um uns herum. Genoss den Moment und suchte nach dem Portal. Verlor mich dabei in seinen Augen, in denen die Liebe zu mir meine Atmung flach werden ließ und mein Herz zerriss. Uns gegenüberstehend dachte ich an mein Zuhause. An das zu Hause, das es einmal war. Mit Leben in den Räumen und ohne die Zerstörung. Meine Gedanken sprangen zu der Nacht, in der wir uns liebten. Zu Elias Blick, als er mich das erste Mal nackt sah, an seine Hände auf meinem Körper. Zu Elias Körper, wie er sich anfühlte. Wie es sich anfühlte. Mir wurde ganz warm und wenn ich weiter nur an diesen Augenblick dachte, konnte ich für nichts mehr garantieren. Also dachte ich wieder an die Wohnung. An den Ausblick aus dem Wohnzimmerfenster und schon begann der Sog.
***
Sekunden später standen wir im ausgebrannten Wohnzimmer meines einstigen Zuhauses und sahen uns fragend an. Zwar hatten wir beide die Worte van Borgs gehört und vermutlich auch verstanden, doch hatten wir noch immer keinen Plan, wie genau wir bewerkstelligen sollte, was vor uns lag.
„Wie sollen wir Lena das alles erklären? Wie soll sie verstehen können, wieso ich bin, wie ich bin?“ fragte ich verzweifelt.
„Uns wird schon was einfallen.“ Er sah sich um und fuhr sich fahrig mit der Hand durchs Haar. Durch diese Geste zerzaust, ließ er sie wild vom Kopf abstehen. „Was meinst du, wo sie ist?“, fragte er schließlich.
Kurz sah ich auf die schief an der Wand hängende Uhr. Mit dem Sprung im Glas konnte man die Uhrzeit fast nur noch raten. Wir hatten etwa 15:25 Uhr. Nach kurzer Überlegung und der Vermutung, dass wir heute einen Wochentag hatten, an dem Schule war, sprach ich meine Idee aus: „Ich denke, sie wird noch auf dem Weg nach Hause sein. Lass sie uns am Café abpassen.“
Elias nickte und wir machten und händchenhaltend mit einem Plan, wo wir sie treffen konnten, aber ohne einen für die Erklärungen, auf den Weg durch den Park. Unsere verflochtenen Hände waren mehr als eine zarte Geste; sie symbolisierten ein stillschweigendes Bündnis, ein Bollwerk gegen das unbekannte Grauen, das unseren Spuren folgte, und ein festes Band, das uns zusammenhielt. Elias und unsere Verbindung waren für mich so lebenswichtig wie der Sauerstoff in unseren Lungen und der Mörtel, der die Steine eines Hauses zusammenhält. Ohne diese Bindung wäre jeder Schritt undenkbar schwer.
Der Park präsentierte sich von seiner schönsten Seite. Vögel zwitscherten in den mit Laub behangenen grünen Bäumen. Das Gras strahlte uns im satten Grün entgegen. Die Blumen betörten mit ihrem Farbenspiel. Kurz: Der Sommer hatte Einzug erhalten. Und für einen winzigen Moment war ich geneigt, dem Drang nachgeben, der Sonne entgegenzusehen. Sie auf meinem Gesicht zu spüren und ihre Wärme in mich aufzunehmen. Durch die Worte meines Vaters ermahnt, entschied ich mich jedoch seufzend dagegen. Wir hatten keine Zeit.
„Wie geht es dir, Sam?“, durchbrach Elias das Schweigen mit einer Stimme, die sanft an der Schwelle meiner Wahrnehmung klopfte. Ich versank jedoch tiefer in die grüblerische Stille, während ich meinen Blick über das leuchtende Gras schweifen ließ, das sich sorglos im Sommerwind wiegte – so frei von der Last, die meine eigenen Gedanken niederdrückte.
Mein Blick sank dann aber traurig zu unseren ineinander verschlungenen Händen hinab. Ein Seufzer entfloh mir, der mehr sagte als tausend Worte – ein Seufzer der Resignation, der die Last einer ungewissen Zukunft, den Sog des Stillstands trug. Meine Stimme erstickte an den aufsteigenden Tränen, als ich auf unsere verknoteten Hände starrte. Ein Lufthauch schien mein Haar zu berühren, sanft und tröstend, doch ich konnte ihn nicht fühlen; die Last auf meiner Brust war zu schwer, drückte den Atem flach. „Was ist, wenn wir Lena wirklich nicht überzeugen können?“
Elias drehte mich ein wenig, sodass ich dann doch mein Gesicht in die Sonne hielt und sah mich lächelnd an. „Wenn du die Sonne in dein Herz lässt, dann wird sie auch aus dir heraus scheinen. Lena wird dir glauben. Ihr kennt euch schon ewig. Du wirst sie überzeugen. Dessen bin ich mit sicher.“, er hauchte mir einen Kuss auf die Stirn und lief dann, mit mir an der Hand, weiter.
Während wir so daher gingen, hing ich meinen Gedanken nach. Es war ein fast perfekter Tag. Wenn man das kleine Detail außer Acht ließ, was der Hintergrund unseres eigentlichen Herkommens war. Das Damoklesschwert, welches sich immer weiter senkte. Die fehlende Zeit, die wie feinster Sand durch unsere Finger rann.
Mit schnellen Schritten liefen wir über den knirschenden Weg. Nahmen die kürzeste Strecke und kamen schnell in der Mitte des Parks an. Und hier strauchelte ich das erste Mal. Wurde langsamer und blieb schlussendlich stehen. Während ich auf den vertrauten Brunnen zuging, spürte ich, wie sich mein Herzschlag beschleunigte. Eine unbestimmte Regung, ein instinktives Ziehen in meinem Unterbewusstsein signalisierte, dass sich etwas an diesem Ort verändert hatte. Zwischen den sich leicht kräuselnden Wellen war ein Schatten, eine Andeutung, die gestern noch nicht da gewesen sein konnte. Ich sah es schon von weitem. Doch mit jedem Schritt, den wir auf ihn zu machten, wurde es deutlicher. Nun stand ich davor und betrachtete ihn genauer. Legte meinen Kopf schief und konnte es dennoch nicht benennen. War ich schon so nervös, dass ich Geister sah? Die ganze Zeit war Elias nie von meiner Seite gewichen. Immer passte er sich meinem Tempo an und blieb eben auch, wie jetzt, mit mir stehen. Er umschlang mich von hinten und legte sein Kinn auf meinen Scheitel. Ich spürte seinen Atem an meinem Haar. Nach außen das verliebte Pärchen mimend, standen wir also vor dem Brunnen. Obwohl ich wusste, dass wir uns beeilen sollten, kam ich nicht vom Brunnen los. Ich kam nicht dahinter, was das Gefühl auslöste.
„Sam? Stimmt was nicht?“, meldete Elias sich durch meine Gedanken zu Wort.
Dankbar für die Unterbrechung meines Kopfchaos drehte ich mich in seinen Armen zu ihm um, sah auf und zuckte abermals mit den Schultern. „Ich weiß es nicht sicher“, war das Einzige, was ich erwidern konnte.
Also liefen wir weiter. Unsere Schritte beschleunigten sich, doch nicht so sehr, dass wir rannten. Und als wir den Weg weiter entlang hetzen, ließ mich das Gefühl weiterhin nicht los, dass mit dem Brunnen etwas nicht stimmte. Beklemmung breitete sich in mir aus. Denn was mir beim Brunnen mit einem Blick in das spiegelnde Wasser auch aufgefallen war, machte mir fast noch mehr Sorgen, als der Brunnen an sich. So klammerte ich mich an Elias. Ab diesem Moment waren wir kein händchenhaltendes Pärchen mehr. Denn jetzt war ich die klammernde Freundin am Rockzipfel ihres Typen. Ich umklammerte wortwörtlich seinen Arm. Meine Angst baute sich mehr und mehr zu einer herannahenden Panik auf. Ich hatte Angst, Angst davor schon wieder von jemandem erkannt zu werden und dass wir allein wegen meiner Stellung in Gefahr geraten würden. Ich sah über meine Schulter, suchte nach verdächtigen Menschen und witterte hinter jedem Baum die nächste Gefahr. Etwas Entscheidendes hatten wir in den ganzen Trubel nämlich vollkommen vergessen: Einen Magier zu bitten mich wieder zu tarnen. Folglich lief ich hier als Prinzessin von Maganon durch die Straßen. Die Person, die der König so unbedingt in seine Hände bekommen wollte. Elias Blick huschte ebenfalls immer hin und her, in seinem Blick lag absolute Wachsamkeit und sein Griff um mich wurde auch zu keiner Zeit lockerer. Von Entspannung war noch lange keine Rede, doch hielt ich zumindest nicht mehr die Luft an. Das hätte auch gar nicht mehr geklappt, andernfalls wäre ich erstickt. Ich musste mich entspannen. So hysterisch wie ich gerade wirkte, war ich viel auffälliger. Also lenkte ich mich ab. Besah die Umgebung und die Menschen.
Es war ein groteskes Gefühl. Da ging ich durch meine alte Heimat und doch war es nicht dasselbe. Denn ich war nicht dieselbe. Es war, als würden mich viele Leben von meinem Alten trennen. Als trüge ich neue Schuhe, die mich auf eine Reise durch meine vergessenen Fußstapfen schickten. Ich fühlte mich seltsam verloren und umgriff Elias Arm noch fester. Und das Gefühl zu versagen, umschlang mein Herz, begann es langsam aber stetig zu zerquetschen.
Natürlich ging das alles nicht an Elias vorüber. Wie denn auch? Bei jedem unserer Blicke fühlte es sich an, als würde Elias eine unsichtbare Schnur enger um uns beide ziehen, eine Verbindung, die unendlich privater war als jeder gesprochene Satz. Als hörte er die ungesagten Worte meiner Seele, während meine Lippen versiegelt waren. Vielleicht war es genau das, was ihn innehalten und sich mir zuwenden ließ. Dabei löste er vorsichtig meine Hand von seinem Arm und sah mich fragend an. „Was ist los, Sam?“
Er wartete und ich fand nicht die passenden Worte. Es war, als wollte alles gleichzeitig aus meinem Kopf. Es sortierte sich nur nicht. Ich wurde immer nervöser. Seine Fingerspitze strich sanft über meine Wange. „Rede mit mir!“, flüstere er liebevoll, als er sich ein wenig hinunterbeugte, um mir besser in die Augen sehen zu können. Seine blauen Augen funkelten mich an.
Ich versank in seinem Blick, fühlte mich sicherer. Geborgen. Zu Hause. Und der Damm brach. „Es ist nur … Ich weiß nicht …“ Und dann berichtete ich ihm von meinen Gedanken, meinen Sorgen und meiner Angst. Geduldig hörte er mir zu, unterbrach mich nicht. Ich sah ihm an, dass er versuchte meinen Gedanken zu folgen. Als er sein Urteil gefällt zu haben schien, zog er mich zärtlich an sich heran, legte seine Arme um meine Taille und küsste meine Stirn. Auch ich schlang meine Arme um ihn und hielt ihn fest. Dankbar dafür, dass er da war, lehnte ich meinen Kopf an seine Brust und mein Herz beruhigte sich.
„Mach dir keine Sorgen, Sam. Die Elemente hätten dich nicht auf diese Reise geschickt, wenn sie aussichtslos wäre.“ Wieder sah er mir tief in die Augen und meinen Körper überzog eine Gänsehaut. „Glaube an dich!“
Ein flüchtiger Kuss folgte, ehe wir unseren Weg fortsetzten. Elias hatte recht. Versagen hieße, dass ich die Welt zerstören würde. Versagen hieße, allen den Tod zu bringen. Auch den Menschen, die ich so liebte. Definitiv keine Option.
Ich richtete meine Gedanken auf Elias, fokussierte mich auf seine Nähe, seinen Geruch und seine Liebe. Denn er gab mir die Kraft zu bestehen und zu glauben. Und jetzt in diesem Moment fühlte ich mich wirklich, wie das verliebte Mädchen, nachdem ich auch aussah. Und für diesen kurzen Augenblick, mit der Sonne im Gesicht, genoss ich den Gedanken daran, wie es sein könnte, wenn wir einfach nur zwei verliebte Teenies wären.
An dem Café angekommen, an dem wir Lena abpassen wollten, drehten wir uns suchend um. Sie war nicht zu sehen.
„Haben wir sie verpasst?“, fragte ich fast verzweifelt.
Elias zuckte mit den Schultern und sah sich um. „Ich weiß es nicht, lass uns noch etwas warten. Vielleicht ist sie heute später raus. Du weißt doch wie das manchmal ist“, versuchte er mich zu beruhigen. Sanft fuhr sein Daumen kleine Kreise auf meiner Hand. Und wir warteten.
Und tatsächlich erblickten wir nach einigen Minuten wie Lena die Straße entlang trottete. Ich hielt in meiner Euphorie inne noch bevor sie so richtig ausbrechen konnte. Denn Lena war allein. Fragend sah ich zu Elias hoch. Auch er wirkte verwirrt. „Warte. Es wird sich bestimmt erklären lassen. Vielleicht ist Julian krank?“, sagte Elias skeptisch.
„Julian war nie krank“, warf ich ein.
Also wieso war sie allein? Wo war Julian? Waren sie nicht immer zusammen unterwegs? So wie wir früher zu viert? Verwundert sah ich erneut zu Elias hoch. Doch er nickte nur in Lenas Richtung und ich sah wieder hin. Da erblickte ich Julian. Rennend holte er Lena ein. Obwohl Lena top gestylt war und in ihrem oversized Shirt und den Chucks perfekt für das Wetter gerüstet war, sah sie niedergeschlagen und erschöpft aus. Julian dahingegen war in seinen zerrissenen Jeans und dem dunklen Pullover, wie immer das blühende Leben. Und dann kam der Augenblick. Lena sah hoch. Ich zog zischend die Luft ein. Sie sah total fertig aus. Ihre Augen hingen farblos in den Höhlen. Die Funken waren erloschen.
Als Lena Elias erblickte, stand meine Welt still. Im Augenwinkel sah ich Elias’ Lächeln. Er zeigte sich freudig, während Lena mit offenem Mund stehen geblieben war. Gleichzeitig erhöhte Elias den Druck um meine Hand, als hätte er Angst ich könnte weglaufen. Und der Druck in meinem Inneren stimmte seiner Vorsicht zu. Meine Beine begannen zu zittern. Als dann auch Julian Elias erkannte, ging alles rasend schnell. Zu schnell für mein Empfinden. Julian packte sich Lenas Hand und zog sie einfach hinter sich her, während er auf uns zustürmte. Kurz vor einem nahenden Zusammenprall blieben Lena und Julian stehen. Julians Augen starteten ihre Prüfung an Elias' Füßen und kletterten langsam seine Gestalt hinauf, als würden sie jede Veränderung, jeden Muskel und jede neue Linie in Elias' Gesicht katalogisieren. Lenas Musterung dagegen war etwas verhaltener. Mich würdigte sie kaum eines Blickes. Unwohl sah ich zu Boden.
„Wow, Elias, was ist denn mit dir passiert? Hast du trainiert? Ich hätte dich fast nicht erkannt. Und wer ist die heiße Braut an deiner Seite?“, überschlugen sich Julians Worte. Kumpelhaft klopfte er Elias anerkennend auf die Schulter und musterte ihn weiterhin.
Immer wieder sah er mich dabei mit merkwürdiger Miene an. Eine Mischung aus Entsetzen, Freude und Gier strich dabei über sein Gesicht. Innerlich zuckte ich zusammen, ließ mir aber nichts anmerken. Ich wollte irgendwas sagen, das Geheimnis lüften. Einfach mit allem raus platzen. Ich hielt es kaum noch aus. Meinen Mut zusammennehmend holte ich tief Luft. „Hi, ...“ begann ich, doch Elias unterbrach mich sofort.
„Ich musste mal hier raus. Habe jemanden besucht.“ Er sah verliebt zu mir herunter. „Und bei diesem Besuch habe ich sie kennengelernt.“ Liebevoll legte er dabei seinen Arm um meine Taille und zog mich an sich heran. Ganz klar eine Demonstration, zu wem ich gehörte. Dabei hatte ich daran keinen Zweifel. An niemandes Seite wollte ich sonst stehen. „Ihr Name ist Elaine und sie ist meine Freundin.“ Den letzten Teil betonte er mit einer so rauchigen Stimme, dass mein Körper von einer Welle der Emotionen überflutet wurde. Ich bekam Gänsehaut und lief rot an. So genau hatten wir es noch nicht bezeichnet. Auch uns gegenüber nicht. Gerührt schmolz ich dahin. Obwohl er mir in dieser Geschichte eine andere Identität gab, fühlte es sich toll an.
Lena sah sich suchend um „Und wo ist Sam?“ Ihre Augen schimmerten und der tiefe Schmerz dahinter war nicht zu übersehen. Resigniert ließ sie die Schultern wieder sinken, die sie eben aus einer Hoffnung herausgehoben hatte. Sie schien die Hoffnung zu verlieren und zerbrach. Ihr Kinn sank ihr auf die Brust und ein Schniefen erfüllte die Luft. Nie hätte ich erwartet, nie geahnt, dass sie mein Verlust so sehr treffen würde. Am liebsten hätte ich sie in die Arme genommen, sie getröstet und ihr gesagt, dass ich doch hier war. Aber ich hielt mich zurück. Dass Elias mich nicht zu Wort kommen lassen hat, wird vermutlich einen Grund gehabt haben. Also schwieg ich weiterhin, während ich, wie die schlechteste Freundin der Welt, meiner besten, meiner einzigen Freundin dabei zusah, wie sie zerbrach. Mein Herz hämmerte wild gegen meine Brust, wie um zu zeigen, wo es hingehörte. Es schlug in ihre Richtung. Jetzt in diesem Moment schlug es nur für sie, damit sie all dies überstehen konnte.
Elias’ Augen flüchteten vor der Frage, wie ein Schatten, der vor der aufkommenden Morgensonne weicht. Ein stummer Ausdruck des Bedauerns breitete sich in seinen Zügen aus, die zuvor so voller Entschlossenheit waren.
Wie eine Schockwelle raste etwas durch Lena, wir sahen quasi gerade dabei zu, wie ihre Sicherungen durchbrannten. „Wir dachten immer, du und Sam, ihr seid durchgebrannt.“ Sie trat näher an Elias heran „Ich habe immer gespürt, dass da was zwischen euch war.“ Sie sah ihm tief in die Augen „Und jetzt kommst du mit der“, abwertend nickte sie in meine Richtung, „hier an? Ist das dein verdammter ernst, Elias?“, ein Schnaufen drang durch ihre vor Zorn geöffneten Lippen. „Und dann scheint es dir auch egal zu sein, dass Sam weg ist? Erst verschwand ihre Mutter und jetzt Sam selbst?“ Wütend ballte sie ihre Hände zu Fäusten. „Verdammt, ich kann das nicht. Wieso ist euch das allen so egal? Sie ist unsere Freundin, ihr könnt sie doch nicht einfach so aus eurem Leben gestrichen haben!“ Mit laufenden Tränen stand sie Elias gegenüber, machte sich groß und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige. Verzweiflung und Wut sprühten aus ihren Augen.
Während Elias kommentar- und reaktionslos die Ohrfeige entgegennahm, blickte er sie entschuldigend an. „Komm, wir bringen dich nach Hause, Lena.“ Freundschaftlich und tröstend legte Elias ihr die Hand auf die Schulter und führte sie so schon in eine Richtung. Für Gegenwehr fehlte Lena wohl die Kraft, denn sie nickte stumm und lief los.
Elias warf noch einen Blick über die Schulter zu Julian „Schön das es dir gut geht, Mann. Wir sehen uns!“
So verabschiedeten wir uns von Julian, der mir mit einem lüsternen Blick zuzwinkerte, und begleiteten Lena nach Hause. Sie war völlig aufgelöst und beruhigte sich kaum. Den ganzen Weg über kämpfte ich gegen den Drang, sie in den Arm zu nehmen. Doch der Moment war ungünstig. Sie hasste mich. Weil ich die „neue“ von Elias war. Weil sie noch nicht wusste, dass ich, ich war. Also wartete ich. Wartete, bis sich die Situation auflöste. Alles fühlte sich so irreal an. Hier durch die bekannten Straßen zu laufen, sie aber aus einer anderen Perspektive, mit einem anderen Wissen zu betrachten. So zu tun, als wäre ich jemand anderes, während meine beste Freundin neben mir lief und um mich weinte, weil sie dachte, mir wäre etwas zugestoßen – was ja auch bedingt stimmte. Aber eben nur bedingt.
Die Stadt hatte sich nicht verändert. Sie war immer noch laut und überfüllt. Und doch war ein kleiner Funken verschieden. Ich bemerkte die Energien, die durch die Luft schwappten. Die Energien, die von Magie stammten. Oftmals war es nur ein Hauch, aber hin und wieder drang ein großer Schwall an uns vorbei.
Mir wurde mit jedem Schritt, den wir taten mulmiger zumute. Und natürlich bemerkte Elias meine verkrampfte Haltung. Besänftigend legte er seine Hand an meine Hüfte und zog mich erneut näher an sich heran. Wahrscheinlich aus zweierlei Gründen. Zum einen, um mich zu beschützen und zum anderen, um mich zu beruhigen. Und es wirkte. Sofort hielt das Gefühl der Geborgenheit in meinem Herz Einzug. Verträumt sah ich ihn flüchtig an. Meinen Beschützer. Die Gefühle, die mir Elias Gegenwart schenkten, entspannten mich und ein kleiner Teil des Drucks wich von meiner Brust. Lena warf mir einen missbilligenden Blick zu, als sie die Zuneigung zwischen Elias und mir beobachtete. Ihr Blick schnürte mir die Kehle zu.
Während Elias uns sicher durch die Stadt führte, lenkte er uns an überfüllten Plätzen vorbei und nahm stattdessen kleinere Nebenstraßen. Doch, wie ich jetzt bemerkte, steuerten wir gar nicht Lenas Haus an. Wir waren auf den Weg zu Elias Wohnung. Fragend sah ich zu ihm auf. Er schien jedoch nur Augen für die Umgebung zu haben.
Kurz darauf schien auch Lena den Fehler zu bemerken und drehte sich wütend zu ihm um. „Was soll das? Wohin gehen wir?“ spie sie Elias entgegen.
Doch er ließ sich davon nicht aus der Fassung bringen. Fast verschwörerisch sah er sie an und antwortete ruhig „Ich weiß, wo Sam ist, Lena. Ich bringe dich zu ihr!“ Sein Blick glitt in meine Richtung und kaum merklich nickte er mir aufmunternd zu.
Ich wusste, ich musste nur noch kurz geduldig sein. Bei ihm konnten wir ihr alles in Ruhe erklären.
„Was? Wie? Aber du hast doch gerade gesagt, du wüsstest nicht, wo Sam ist!“, sprudelten die Worte aus ihr heraus.
„Alles zu seiner Zeit Lena. Wir sollten uns beeilen.“ In Elias Stimme schwang genug Autorität mit, um ihm ohne Widerworte zu folgen. Es blieb jedoch nicht aus, dass Lena der Mund offenstand.
Obwohl ich es ihr fast nicht zugetraut hatte, denn sie war die neugierigste und ungeduldigste Person, die ich kannte, wartete sie gespannt, bis wir Elias Wohnungstür endlich hinter uns geschlossen hatten. Die Anspannung wich aus meinen Knochen und ich setzte mich auf die Couch. Ironischerweise sah hier alles noch genauso aus, wie an dem Tag, an dem wir uns aufmachten, den Hauptmann zu finden. Als wäre all das nie passiert.
Lena und Elias standen weiterhin im Raum. Während Lena Elias nicht aus den Augen ließ, heftete sich Elias Blick auf mich. Zögerlich richtete ich mich wieder auf. Stellte mich vor die Couch, atmete tief durch und richtete mich an Lena. „Hi, Lena“ zaghaft drangen diese Worte über meine Lippen.
„Hi“, antwortete sie abgelenkt und drehte sich zu Elias. „Wo ist sie? Geht es ihr gut?“, sie wurde nervös, zupfte am Kragen ihres Shirts herum und ließ die Schultern wieder hängen.
Elias ging auf sie zu, packte sie an den Schultern und drehte sie in meine Richtung, sodass sie mich ansehen musste. Sie nicht an mir vorbei blicken konnte.
„Frag sie selbst“ Elias sah mich aufmunternd an.
Die Verantwortung lag jetzt bei mir, um Lena für uns zu Gewinnen. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf sie und sah, wie das Unverständnis in ihren Augen wuchs und der Drang zu Entkommen fast greifbar wurde. Ihr Blick huschte zwischen Elias und mir hin und her. Mir schwand der Mut und ich traute mich nicht, Lena das alles zu erklären. Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Und so kam kein Wort über meine Lippen. Es war, als versagte alles seinen Dienst. All das war auch für mich noch neu und teilweise nicht verständlich. Hilfesuchend sah ich zu Elias.
„Lena? Elaine ist Sam.“ Seine Augen ruhten kurz auf ihr, bevor er ohne Unterbrechung weitersprach: „Sie ist eine Magierin aus einer anderen Welt.“
Ein kehliges Glucksen brach aus Lenas Kehle hervor.
Doch bevor sie dazwischen gehen konnte, sprach Elias einfach weiter: „Es wahr. Ich weiß es klingt unglaubwürdig und total bescheuert. Aber hör mir zu.“, er atmete einmal tief ein „Sam ist die Prinzessin dieser anderen Welt. Ihre Mutter ist die Königin und sie waren nur hier, weil sie Schutz suchten. Dieser Schutz beinhaltete Sams Tarnung. So wie du Sam kanntest, wie sie aussah, war nicht ihre wahre Gestalt. Das hier“, er nahm mich bei der Hand „ist, wie Sam wirklich aussieht. Das was sie wirklich ist. Eine Magierin. Die mächtigste, die es je gab und geben wird. Und hier liegt auch die Gefahr. In ihr wächst das Böse.“ Lena räusperte sich, wollte wohl etwas sagen, doch Elias ließ sie nicht. Noch nicht. „Um das Böse aufzuhalten und Sam zu retten“, ein trauriger Ausdruck huschte über Elias’ Gesicht „brauchen wir deine Hilfe.“
Bei jedem Satz den Elias ihr sagte, wurde Lena blasser und blasser, ihr Gesicht verzog sich zu einem merkwürdigen Gebilde. Etwas zwischen Irrsinn und Hass. Als Elias nun geendet hatte, machte ich einen Schritt auf sie zu, wollte sie einfach in die Arme schließen. Doch sie starrte mich voller Schock an und hielt die Hände hoch, als würde sie sich ergeben wollen, hielt mich mit dieser Geste auf Abstand. Niedergeschlagen taumelte ich rückwärts zur Couch und ließ mich auf sie fallen. Es wäre zu schön gewesen, wenn sie es geglaubt hätte, wenn sie das ganze Ausmaß verstehen und uns hätte helfen wollen.
„Ihr wollt mich verarschen, oder?“, sie machte einen Schritt auf Elias zu, der sich vorher etwas zurückgezogen hatte, damit wir uns Zeit nehmen konnten. Doch die brauchten wir nicht. Lena sah Elias aus hasserfüllten Augen an.
„Nein Lena, du musst ihm glauben, denn er sagt die Wahrheit. Leider“, mischte ich mich ein und sah traurig zu Boden.
„Wie soll ich glauben, dass du Sam bist? Du hast nichts von ihr. Du siehst ganz anders aus als sie. Das ist nicht möglich!“ Tränen stiegen ihr in die Augen und dann ließ sie sich einfach auf den Boden sinken. Setzte sich im Schneidersitz hin und versteckte ihr Gesicht hinter ihren Händen.
Wie gerne wäre ich einfach zu ihr gegangen und hätte sie getröstet. Doch scheinbar war das nicht so einfach. Noch glaubte sie mir nicht. Noch war ich eine Person, die sie bis gerade noch mit Hass gestraft hatte. „Ich weiß was du meinst, ich konnte es am Anfang auch nicht glauben. Manchmal, wenn ich an einem Spiegel vorbeikomme, erschrecke ich mich, weil das Spiegelbild nicht zu dem Bild passt, was ich von mir habe. Aber Lena, in meinem inneren bin ich genau die Sam, die du kennst, die du gerade so vermisst.“ Ich machte eine kurze Pause „Ich habe dich auch vermisst und ich vermisse dich noch.“ Tief Luftholen, sprach ich zu mir selbst „Es ist wahr. Ich bin es. Sam. Die, mit der du im Kindergarten warst und mit der du seitdem befreundet bist. Die, die immer zeitig zu Hause sein musste, weil ihre Mutter sonst Stress gemacht hat. Die, die ohne Vater aufwachsen musste. Wir haben alles gemeinsam erlebt und durchgestanden. Deine erste Liebe, dein erster Herzschmerz, Liebeskummer und die Partys, auf die du mich gezerrt hast, obwohl ich so gar keine Lust hatte.“
Langsam entspannte sich ihre Körperhaltung und sie sah mich genau an. Forschend glitt ihr Blick über meinen gesamten Körper. Als sie in meinem Gesicht ankam und mir in die Augen sah, zog ein Erkennen über ihr Gesicht. „Dann waren das keine Kontaktlinsen, die du gekauft hattest? Das sind tatsächlich deine Augen?“ Wieder starrte sie mich förmlich an. Betrachtete mich, meine Haare, mein Gesicht, meinen Körper. Sie musterte mich ganz genau. Am liebsten hätte sie mich wohl abgetastet, um zu erkennen, dass ich echt war. Während ihrer Betrachtungen war sie aufgestanden und immer nähergekommen, bis sie sich letztendlich neben mir auf der Couch niederließ. „Kneif mich mal“, sagte sie und ich tat wie mir befohlen. Als sie wegen des kurzen Zwickens zusammenzuckte, sah sie mich aus großen runden Augen an. „Wow, Sam, du siehst fantastisch aus.“ Freudestrahlend warf sie sich in meine Arme.
Eine Weile lang sagte keiner von uns ein Wort, ab und zu hörte man nur ein Schluchzen aus einer unserer Kehlen. Freudentränen liefen über unsere Wangen. Irgendwann machte jedoch Elias wieder auf sich Aufmerksam und holte mich damit wieder in die Realität. In Lenas Armen war es, als wären die letzten Wochen nie passiert. Sie war mein altes Leben.
Nachdem er wieder unsere volle Aufmerksamkeit bekommen hatte, begann Elias zu erklären. „Wie ich dir schon sagte, kommen wir nicht ohne Grund. Eigentlich wollten wir alles klären, ohne Unschuldige oder Unwissende darein zu ziehen. Doch leider ist uns das so nicht möglich. Wir brauchen deine Hilfe.“
„Was muss ich tun?“ Lena stand kampfbereit auf.
„Öhm … also“ verunsichert von ihrer Kampfeslust stammelte Elias rum.
Ihn rettend ergriff ich das Wort. „Wir müssen Gegenstände finden, die mir helfen sollen, ein Ritual durchzuführen, um das Böse aus mir zu vertreiben“, während ich sprach, setzte sich Lena wieder uns ich nahm sie an den Händen, sah ihr in die Augen. Sie musste verstehen, wie wichtig das war.
„Aber, ähh … Wie?“
„Mit Magie!“, sagte ich selbstbewusster, als ich mich fühlte.
„Magie? Also so Zaubern?“ quatschte Lena dazwischen.
„Ja, so in der Art. Das ist etwas kompliziert zu erklären, vielleicht machen wir eins nach dem anderen.“
Elias setzte sich uns gegenüber auf den Couchtisch und ich erklärte ihr ihre Rolle. Dass sie für mich, bzw. für uns eine Art Anker in dieser Welt sein musste, damit sie uns den Weg weisen konnte. Denn nur über diese Verbindung würde sich uns der Weg offenbaren und uns zeigen, wo die Gegenstände zu finden waren.
Ich erklärte ergänzend was passieren würde, falls wir die Gegenstände nicht fanden „Wenn wir scheitern, wird das Böse in mir gewinnen und die Welten vernichten, sowohl deine, als auch unsere.“ Ich gab ihr Zeit das gehörte sacken zu lassen.
Schon merkwürdig, wie schnell sich in meinem Kopf eine Trennung der Welten in ihre und meine verankert hatte. Es fühlte sich fast so an, als wäre ich niemals Teil ihrer Welt gewesen. Auch wenn ich in Maganon noch nicht einen Tag einfach nur gelebt hatte, sondern zwischen Kampf und Flucht, Pläne schmieden und ausführen hin und her gehechtet war, fühlte sich Maganon nach meiner Welt an. Sie war mein Zuhause. Tief im Inneren ist Maganon in mir verwurzelt. Es zieht mich förmlich zu sich. Ruft und braucht mich. Diese Welt hier war auch schön, immerhin habe ich hier mein ganzes Leben verbracht. Aber sie war eben nicht meine.
Lena erschauderte. Doch der Augenblick, in dem sie entschloss, sie anzunehmen, wurde allein durch ihre Körperhaltung sichtbar. Sie richtete sich auf, streckte die Schultern durch und ein Siegeswille, ungekannten Ausmaßes, stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Okay, dann sollten wir wohl keine Zeit verlieren!“, sie klatschte in die Hände und sah uns auffordernd an.
