Magdalenas Magischer Moment - Astrid Petermeier - E-Book

Magdalenas Magischer Moment E-Book

Astrid Petermeier

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Beschreibung

"So, du möchtest von mir also das Bild erklärt haben. Eines vorweg: dieses Bild ist ein vielschichtiger Farbauftrag mit einem Motiv. Grins nicht. So einfach ist es. Spannend, anregend, fragend, aufregend wird es durch das, was ausgedrückt wird, was bei der Betrachterin in Resonanz geht und was dahinterliegt." Eine barocke MAGDALENA ALS MELANCHOLIE - für die eine die katholische Heulsuse, für die andere ein sehr besonderes Bild. Schicht um Schicht erkunden eine Kunsthistorikerin und eine Astrologin die Bedeutungsebenen des Gemäldes und die Ereignisse im Leben der Malerin Artemisia Gentileschi - ihre Bekanntschaft mit Galileo Galilei, die Weigerung, ihren Vergewaltiger zu heiraten, ihre Entscheidung für die Malerei. Wenn die Erzählerinnen das Facebook des 17. Jahrhunderts erfinden müssen, um die Moralvorstellungen der Zeit mit unseren zu vergleichen, schrecken sie auch davor nicht zurück. Die Bilderkundung stellt sie vor Fragen, die heute noch von Belang sind: Was bedeutet Melancholie? Erleben wir selbst magische Momente und wozu dienen sie? Was kostet es, eine Berufung zu erkennen und sich dafür zu entscheiden?

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Seitenzahl: 133

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Astrid Petermeier

MAGDALENASMAGISCHER MOMENT

eine Kunst-Geschichte

© 2020 Astrid Petermeier

Verlag& Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Lektorat: Claudia Dorka

ISBN

Hardcover:

978-3-7497-4700-9

e-Book:

978-3-347-02213-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

1. Die katholische Heulsuse / Rom 1622

2. Facebook vor Gericht / Rom 1612

3. Artemisia Gentileschi trifft Galileo Galilei / Florenz 1616

4. Du kommst ins Magdalenenheim / Rom 1622

5. Das Horoskop eines magischen Moments / Florenz 1616

6. Tore der Gelegenheit / Rom 1612-13

7. Kontemplation und Kamille / Albaner Berge bei Rom 1622

8. Melancholikerinnen unter sich / Rom 1622

9. Magdalena als Melancholie / Rom 1622-26

10. Kehraus bei Facebook / Rom 1626

Anmerkungen

Literatur

Abbildungen

1. DIE KATHOLISCHE HEULSUSE

„Hattest du gestern deine katholischen fünf Minuten oder übst du für den großen Puzzle-Wettbewerb?“

Ella deutet auf meinen neuesten Wandschmuck. Sie provoziert gern.

Sie zieht eine Augenbraue hoch und verkündet: „Artemisia Gentileschi. Du wirst mit der Ollen noch dein ganzes Leben verbringen.“

Da könnte sie Recht haben. Seit ich diese Malerin im Studium entdeckte, also in den frühen achtziger Jahren, hat es zwar Pausen gegeben, doch losgelassen hat mich ihre Kunst bis heute nicht.

Ich erkläre ihr, dass mich dieses Bild fasziniert und ich es genauer unter die Lupe nehmen möchte. Dafür habe ich es, ganz Kunsthistorikerin, in drei mal drei Teile geteilt. „Verstehe.“ lacht Ella. „Du hast deine neun Bildteile einzeln ausgedruckt. Die nackte Schulter hat dich dabei so entzückt, dass du sie gleich drei Mal nebeneinander setzen musstest.“

„Nee, das ist versehentlich am Computer passiert. Aber die drei Schultern gefielen mir, also habe ich sie im Ausdruck wiederholt.“

„Naja. Wenn du mit so einer Heulsuse an der Wand leben kannst, bitte schön, deine Sache.“

„Sie heult nicht. Jedenfalls nicht mehr.“ widerspreche ich.

„Deine dämliche Puzzle-Linie führt genau durch die Augen und die sehen ganz schön verquollen aus.“

Meine Puzzle-Linie geht nicht zufällig durch diesen Bildabschnitt. Ist ein Bild nach dem goldenen Schnitt aufgebaut, dann findet sich das Hauptmotiv genau auf dem Schnittpunkt zweier Trennlinien, wenn man es in Drittel aufteilt. Das interessiert Ella allerdings weitaus weniger als das Schniefen der Magdalena.

„Sie weint nicht mehr.“ darauf bestehe ich.

„Dann hat sie eben zu viele Zwiebeln geschält. Was findest du bloß an so einem melancholischen Bild?“

Das ist meine Freundin Ella: sie meckert in einer Tour und trifft dabei den Nagel auf den Kopf. Denn dieses Bild, das um 1622 entstanden ist, zeigt sozusagen zwei in einer Person: einmal die biblische Magdalena und gleichzeitig diese Frauengestalt als eine Allegorie der Melancholie. Und eben das ist das Besondere daran!

„Wenn es nicht allzu katholisch wird, könntest du mir das Bild erklären. Oder besser noch: du erzählst mir, was dich daran so fasziniert. Und ich bitte um eine spannende und ausführliche Erzählung. Meine Beste, der Herbst ist vorbei, die Abende sind lang und das Gemüt giert nach schaurigen Geschichten.“

Meinetwegen. Der Abend ist noch jung und der Winter hat erst begonnen. Der Zeitpunkt ist also ideal, jetzt mit einer Geschichte zu beginnen, die sich um die Entstehung dieses Bildes dreht. Und, was Ella noch nicht weiß, ich brauche zur Entschlüsselung ihre ganz besonderen Fachkenntnisse. Da mir schwant, dass sie daran eine Weile zu knacken hat, muss ich ihre Neugierde wecken und sie an ihrer Lust auf Geschichten packen.

„So, du möchtest von mir also das Bild erklärt haben. Eines vorweg: dieses Bild ist ein vielschichtiger Farbauftrag mit einem Motiv. Grins nicht. So einfach ist es. Spannend, anregend, fragend, aufregend wird es durch das, was ausgedrückt wird, was bei der Betrachterin in Resonanz geht und was dahinterliegt. Und dafür tauchen wir jetzt tief ein in Artemisia Gentileschis Gedankengänge im Jahr 1622 in Rom.“

Rom 1622

Es sollte eine Magdalena werden. Sie hatte zwar bereits eine – hochgerühmte - gemalt, doch was hieß das schon? Sie roch förmlich, dass in dieser Frauengestalt etwas Wissendes steckte, das niemand wahrhaben wollte.

Maria Magdalena von Österreich, Großherzogin von Florenz und Gattin Cosimos II de‘ Medici, gab oft und gern Bilder ihrer Namenspatronin in Auftrag und kaum jemand kannte die Geschichte der Magdalena so gut wie sie. Von Artemisia hatte sie ein Optimam-partem-elegit-Bild verlangt und erhalten.

OPTIMAM PARTEM ELEGIT – sie hat das Bessere gewählt. Was war das Bessere? Diese Frage hatte Artemisia Gentileschi nicht mehr losgelassen. Die Auftraggeberin ihres ersten Magdalena-Bildes, hatte ihr viele interessante Dinge dazu erzählt – einiges davon blieb ihr allerdings unverständlich.

Die Auskunft, die Artemisia damals über Magdalena erhalten hatte, war diese gewesen:

Jesus war zu Besuch bei Martha und Maria in Magdala, den beiden Schwestern des Lazarus. Martha sorgte dafür, dass der Gast sich wohl fühlte, dass er gutes Essen und leckere Getränke erhielt, den schönsten Stuhl im besten Licht. Sie beschwerte sich, weil ihre Schwester sie mit dieser Arbeit allein ließ. Maria hatte sich nämlich vor Jesus gehockt und, statt Martha zu helfen, lauschte sie seinen Worten. Doch Jesus unterbrach Marthas Geschimpfe mit den Worten: „Lass‘ sie. Sie hat das Bessere gewählt.“

Was die Großherzogin erzählte, war eine seltsame Geschichte für eine junge Frau wie Artemisia, die unter drei Brüdern aufgewachsen war. Von allen Kindern des Malers Orazio Gentileschi war sie die Begabteste – nur leider kein Junge, an den er stolz seine Kenntnisse weitergeben konnte. Er ließ sie trotzdem in seiner Werkstatt lernen und musste erkennen, welches Talent sie besaß.

Artemisia sah es so: Wäre Jesus bei den Gentileschis zu Besuch gewesen, wäre ihr die Rolle der Martha zugefallen – so viel war mal sicher! Ab in die Küche, ein gutes Essen zubereiten, den Lehrling zum Weinhändler scheuchen, von der Nachbarin ein edles Glas ausleihen. So war es ihr bei jedem Besuch ergangen. Sich dem interessanten Gast zu Füßen setzen und lauschen? So gern sie es getan hätte, wenn Künstlerkollegen Orazio beehrten, sie hätte es niemals gewagt! Und keiner dieser Männer hätte gesagt: „Lass‘ sie. Sie hat das Bessere gewählt.“ Denn zum einen war sie die einzige Frau im Hause. Ihre Mutter starb, als sie gerade mal zwölf Jahre alt war. Zum anderen war sie Frau, also nicht würdig und nicht klug genug, den Reden der Männer zu folgen.

Deshalb hatte die Magdalena-Geschichte ihre Achtung vor Jesus immens gesteigert. Sein Denken musste anders als das aller anderen Männer gewesen sein. Eine Frau, mit der er sprechen konnte, war ihm wichtiger als eine, die ihn bediente!

1

Es gab wenige mit denen sie über ihre Auslegung dieser Geschichte sprechen konnte. Selbst die Großherzogin hatte verständnislos reagiert. Es ginge nicht um Bedienen oder Zuhören, hatte sie gesagt, es ginge um vita attiva und vita contemplativa. Das aktive Leben hatte mit materiellen Dingen und lebenserhaltenden Beschäftigungen zu tun. Aber ebenso mit Eitelkeit und vergänglicher Schönheit. Alles das legte Magdalena ab, um Buße zu tun. Im besinnlichen, nach innen gerichteten Leben, das sie danach wählte, ging es um Reinigung und Erkenntnis, um die Abkehr von Perlen, Seide, Parfüm und Schmuck. Die Großherzogin hatte Artemisia verschwörerisch angelächelt.

„Magdalena war eine außergewöhnlich kluge Frau. Sie stand unter Jesus‘ Kreuz und sie war an seinem Grab, als er auferstanden ist. Ihr vertraute der Herr die Aufgabe an, seinen Jüngern von seiner Auferstehung zu berichten. Unter allen Frauen war sie die ganz Besondere, die zu erkennen vermochte.“

Artemisia war durch Florenz gezogen, durch die Künstlerateliers, die Kirchen, den Dom Santa Maria del Fiore, um sich die Magdalena-Darstellungen ihrer Kollegen und der alten Meister anzusehen. Eine besonders kluge Frau fand sie nicht. Es sei denn, man betrachtete eine Frau als klug, wenn sie so dünn und verhärmt wie die Skulptur von Donatello war, wenn sie lange Haare an Stelle von Kleidern trug und mit hohlen Augen betete. Die gebildeten Frauen, die Artemisia am Medici-Hof kennengelernt hatte, sahen anders aus: wohlgenährt, fein gekleidet. Sie wollte nicht blasphemisch sein, aber eines war auch klar: Magdalena galt als Patronin der Sünderinnen und Prostituierten und denen sagte man nicht eben besondere Klugheit nach. Auf einem Magdalena-Bildnis von Tizian quollen die sündigen Brüste aus den langen Haaren hervor und zugleich flehte sie reuig gen Himmel. Wohin die Menschen, die dieses Bild betrachteten, wohl länger schauten: auf die nackten Brüste oder auf die Tränen in Magdalenas himmelwärts gerichteten Augen? Ja! Büßen musste diese Magdalena. Fragte sich bloß, wofür?

Artemisia war stolz und glücklich über den Auftrag der Großherzogin gewesen. Allerdings hätte sie niemals laut zu sagen gewagt, was ihr bei der Arbeit durch den Kopf ging: dass es ihr widersinnig erschien, wie ihre Auftraggeberin die Magdalena dargestellt haben wollte: als sinnliche Frau mit Perlen und edlem Haarschmuck. Insbesondere die feine Seide wollte sie herausgestellt haben. Sicher, die Florentiner waren stolz darauf, weltweit für feines Tuch bekannt zu sein. Sie musste die goldgelbe Seide zur Schau stellen um zu zeigen, wovon Magdalena Abschied nahm, hatte die Großherzogin gesagt. Also hatte Artemisia ihrer Magdalena einen besonders großen nackten Fuß verpasst, der auf den Verzicht hinweisen sollte. Oh, sie hatte lange an diesem Werk gearbeitet. Es wurde erst kurz vor ihrem Umzug nach Rom fertig.2

Das Thema Magdalena war ihr auch in Rom geblieben, vielleicht hatte es nur ein wenig geschlummert. Als sie Gelegenheit erhielt, die Magdalena des Caravaggio zu studieren, war es plötzlich wieder präsent.

Caravaggio war ihr Held, ihr großes Vorbild. Als Kind hatte sie den Freund des Vaters erlebt: selten nüchtern, ein wilder Geselle, der sogar stadtbekannte Huren zu Modellen machte. Die Menschen von der Straße besäßen genau die Intensität des Ausdrucks, den seine Bilder bräuchten. Sie hätte gern mehr darüber gewusst, aber er war nicht der Kerl, dem sie lauschen durfte. Was sie faszinierte – und was sie als Malerin dann auch nach Florenz getragen hatte – war sein Umgang mit Licht. Er malte Licht, als sei es ein Wesen, ein göttliches Wesen. Licht war für Caravaggio Erkenntnis und Erkenntnis gab es nur durch die Hinwendung zu Gott. Diese Magdalena, für die sie die Santa Maria della Scala-Kirche aufgesucht hatte, war eines seiner stillen Bilder, eines, das in Reue und Gebet führen sollte. Es stellte keinen einzelnen Moment dar, sondern einen Zustand von unbestimmter Dauer. Kein Raum um sie herum und auch keine Zeit. Völlig in sich, ihre Gebete und ihre Meditation versunken war Caravaggios Magdalena.

„Eine Frau kann nur zu Gott finden, wenn sie Buße tut.“ unterbrach eine Männerstimme ihre Betrachtung.

Die Gegenstände um Magdalena herum waren so vergänglich wie die Schönheit der jungen Frau. Was zeigte an, dass sie Buße tat? Die Träne, die ihr über die Wange rollte und in der Caravaggio das Licht eingefangen hatte, das für ihn Erkenntnis bedeutete?

„Für einen Maler, dessen größte Kunstfertigkeit in seinem Umgang mit Licht bestand, wäre es vermessen, diese Kunstfertigkeit Gott zu nennen.“

Artemisia kannte die Vorbehalte gegen Caravaggio. Da war es immer besser, auf der Hut zu sein. Einen hohen Herrn oder schlimmer noch: einen Kirchenmann gegen sich aufzubringen, konnte für eine Malerin im Rom des Jahres 1622 gefährlich werden. Erst recht, wenn sie im Ruf der Artemisia Gentileschi stand, deren Vater den berühmten Agostino Tassi wegen Entehrung seiner Tochter vor Gericht gebracht hatte. So behielt sie lieber für sich, dass die Träne für sie Licht und damit Erkenntnis bedeutete. Aber sie wies treu und brav darauf hin, dass Magdalena auf einem niedrigen Buß-Schemel hockte.

Sie wollte Magdalena nicht für unbestimmte Zeit büßen lassen. Vielleicht könnte sie ihr den magischen Moment geben, den sie selbst vor Jahren erleben durfte. Den Moment, in dem sie auf ein Leben verzichtet hatte, das wahrscheinlich einfacher gewesen wäre als das, was sie nun führte. War Buße Verzicht? Oder war Buße das, was vor dem Verzicht lag? Wenn sie ehrlich mit sich selbst war, empfand sie die Zeit vor ihrem magischen Moment keineswegs als Buße. Oder bedeutete genau das Buße?

Für etwas, das ein anderer, ein Mann, ihr angetan hatte, vor Gericht zu stehen, Daumenschrauben angelegt zu bekommen, als Lügnerin, Hure, Flittchen hingestellt zu werden – war das die Buße?

Es war vor allem dieses gewesen: die schmerzhafteste und erniedrigendste Zeit ihres Lebens. Doch dank ihres magischen Momentes hatte sie sie nicht nur überlebt.

„Magischer Moment? Was für ein magischer Moment?“ ruft Ella gebannt aus.

Ha, sie hat angebissen! Natürlich will sie wissen, was dieser Malerin geschehen ist. Da der Abend nun fortgeschritten ist und ich wenig Lust habe, die grausliche und verwickelte Geschichte des Vergewaltigungsprozesses von 1612 zu erzählen, drücke ich ihr ein Buch in die Hand: Christa Wachenfeld: Die Vergewaltigung der Artemisia.3

Sie sieht hinein und staunt.

„Die Prozessakten sind erhalten und ins Deutsche übersetzt? Das ist ja mal was! Darf ich das Buch ausleihen?“

Und ob sie das darf! Bis zum nächsten Donnerstag, wenn wir uns wieder zum Kochen und Erzählen zusammenfinden.

2. FACEBOOK VOR GERICHT

Als ich in der Woche darauf bei Ella eintreffe, kann sie kaum abwarten, bis ich ihre Lasagne aufgegessen habe. Sie möchte mir schleunigst ihre neueste Erfindung unterbreiten.

„Bitte darf ich vorstellen: ‚Aktualitäten aus Roms Künstlerszene‘ oder auch Tratsch vom Facebook des 17. Jahrhunderts.“ strahlt sie. „Ich habe mir beim Lesen der Prozessakten einfach vorgestellt, so etwas hätte es damals gegeben. Die Leute haben sich bestimmt genauso gern die Mäuler zerrissen wie sie es heute tun. Also habe ich die Facebook-Seite ‚Aus Roms Künstlerszene‘ ins Leben gerufen. Ein fiktiver Berichterstatter erzählt von dem Prozess und die Römerinnen kommentieren.“

Naja, denke ich, wahrscheinlicher ist, dass man auf den Marktplätzen tratschte. Das glaubt Ella auch und gesteht, dass sie fast eine Zettelwand erfunden hätte, auf der die Leute die Berichte lesen und kommentieren konnten.

„Aber“, sie lacht listig, „wer konnte damals schon schreiben? Wer hätte kostbares Papier für so etwas geopfert? Und hätten die, die anderer Meinung waren, missliebige Zettel nicht einfach abgerissen? In den sogenannten sozialen Medien von heute bleibt jeder noch so dumme Kommentar erhalten und deshalb habe ich sie ins frühe 17. Jahrhundert transportiert.“

„Darf ich bei den Kommentaren mitspielen?“ frage ich.

„Wieso?“

„Weil ich mich schon länger mit der Geschichte beschäftige und mit den Moralvorstellungen der Zeit vertraut bin. Da kommen nämlich Sachen zum Vorschein, die uns heute völlig abstrus erscheinen.“

„Dann mal ran.“ strahlt Ella. „Ich beginne mit dem Berichterstatter, der die Facebook-Seite ‚Aus Roms Künstlerszene‘ betreibt.“

Rom 1612

Im Frühling des Jahres 1612 weiß er zu berichten: Der Maler Orazio Gentileschi wendet sich an Seine Heiligkeit Papst Paul V. mit einer Anzeige gegen seinen Malerkollegen Agostino Tassi. Der soll seine Tochter Artemisia „gewaltsam entjungfert und mehrfach fleischlich erkannt“ haben. Beihilfe zur Tat soll seine Mieterin Tuzia geleistet haben und Anstifter sei Cosimo Quorli gewesen, Furier [militärischer Dienstgrad] der Kurie. Anbei gibt er noch an, dass Quorli ihm einige Bilder, darunter eine Judith von großem Format, gestohlen habe.4

In den Kommentaren freut man sich bereits:

Paolo B.: „Hoffen wir, dass der Hl. Vater diesen Prozess zulässt. Das wird ein Spaß.“

Giovanni Baglione, Maler: „Ausgerechnet Orazio Gentileschi sieht seine Ehre verletzt? Hat der überhaupt eine? Er, der jedermann beleidigt und verspottet und dafür schon selbst vor Gericht stand?“

Luca Finocchi, Gastwirt: „Rege dich ab, Giovanni. Für die Spottgesänge gegen dich haben Orazio und Caravaggio ihr Fett weg. Außerdem ist das 8 Jahre her, du nachtragender Kerl.“5

Tommaso Salini: „Agostino und Orazio arbeiten doch zusammen am Deckenfresko des Palazzo Monte Cavallo6. Hat man dem großartigen Agostino etwa mehr bezahlt als Orazio? Oder warum sonst zerrt der alte Schmierfink einen Kollegen vor Gericht?“

Angela Salini, Wäscherin: „Agostino soll die Tochter des Orazio heiraten. Dann ist die Ehre wieder hergestellt und es entstehen keine Gerichtskosten.“

Am 18. März 1612 vermeldet unser Berichterstatter, dass der Prozess begonnen hat. Allerdings ohne den Angeklagten Cosimo Quorli, der vor Prozessbeginn verstorben ist. Agostino Tassi hingegen sitzt im Gefängnis Corte Savella ein.

Artemisia wurde als Zeugin vernommen. Sie sagt aus, dass Tuzia, die als Anstandsdame fungieren sollte, mehrfach versucht habe, sie an Agostino und seinen Freund Quorli zu verkuppeln. Was sie erfolgreich abwehrte, denn sie sei eine Frau von Ehre. Bis Agostino im Mai 1611 ungebeten Einlass fand und sie malend antraf. Er schickte Tuzia weg. Dann nahm er ihr mit den Worten „malt nicht so viel“