Magdalenas Sünde - Romana Ganzoni - E-Book

Magdalenas Sünde E-Book

Romana Ganzoni

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Beschreibung

Magdalena hält sich für unrettbar. Mehr schlecht als recht hangelt sie sich durch ihren Alltag als Verkäuferin in einer Konditorei, als Tochter eines sterbenskranken Vaters, als Liebhaberin des grausamen »Meteoriten«. Bei ihren Ritualen mit Kaffee und heißgeliebten Madeleines wird ihre Sehnsucht nach Freundschaft und Geborgenheit immer größer – bis sie zur Erkenntnis gelangt, dass sie mehr als ein Wunder für sich will. Wie gut, dass eines Sonntags jemand unerwartet in ihr Leben tritt.

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Seitenzahl: 99

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Romana Ganzoni

Magdalenas Sünde

Roman

Diogenes

1

Magdalena saß im Schaufenster der Bäckerei-Konditorei Märky, leckte sich den Puderzucker aus den Mundwinkeln und schloss das Langeweileheft. Sie führte es, seit der Meteorit begonnen hatte, ihr Leben zu ruinieren. Das Heft war sein Geschenk gewesen nach dem ersten Gebrauch. Für ihn spielten die Hefte, die er standesgemäß bei Höppli in Mailand kauf‌te, eine wichtige Rolle. Darin strukturierte er seine Gedanken und beschrieb seine Gefühle. Gefühle würden meist der Langeweile entspringen, die er seit je Ennui nenne. Beschränkte Leute frisierten ihre Langeweile gern auf zu existenziellen Großkalibern wie Schuld und Scham. Das gelte auch für Magdalenas Gejammer. Es klinge, als wollte sie sich nächstens etwas antun, was er schade fände, vor allem unnötig. Sie solle sich doch bitte mit Notizen entlasten.

 

Magdalena legte ihr Heft weg. Sie hatte sich eben mit dem achten Berliner gestopft, nun eilte sie ins Hinterzimmer, es spannte unerträglich an den Rändern, gleichzeitig fühlte sie sich leerer denn je. Sie steckte sich den rechten Zeigefinger tief in den Rachen, spielte mit dem Hautlappen, der vorstand, reizte ihn, bis sie kam, wie sie das Erbrechen nannte, kommen. Sie wollte kommen, Hefeteig und Konfitüre loswerden, so viel wie möglich davon wieder hergeben, zurückgeben, was ihr nicht gehörte. Sie hatte die Konditorei-Berliner gestohlen und würde sie gleich anschließend mit billigen Multipack-Berlinern aus dem Coop ersetzen. Aber zuerst musste sie sich erleichtern, leicht werden, nachdem sie gierig gewesen war ohne Gier, Völle ausgehalten hatte als Strafe für den neuen Tag, der nicht sauber beginnen konnte, weil sie es, wie immer, nicht geschafft hatte, ihm ohne Säure auf der Zunge und ohne verquollenes Gesicht entgegenzutreten. Nun setzten starke Kopfschmerzen ein. Sie würde unweigerlich zunehmen, und dann musste sie sich umbringen.

 

Bald war Mittag.

 

Magdalena roch an ihren Händen. Die Lavendelseife, die sie nach dem Erbrechen auch farblich am besten ertrug, duftete mild, genau wie ihre Bluse. Nur auf die Manschetten kam das teure Rosenwasser. Magdalena sprühte mit Verstand. Als Konditoreiverkäuferin verdiente sie im Monat 2100 Franken netto. Es gab nichts zu lachen in einer Stadt, die Geld und Lachen gleichermaßen verschlang. Zum Glück hatte sie ein paar Ideen, und Frau Märky überließ ihr das Hinterzimmer der Konditorei an der Oberdorfstrasse kostenfrei. Ein Drittel davon diente als Lagerraum, aber das war nicht schlimm. Magdalena kam mit der Toilette in der Ecke aus, der schlichte schwarze Paravent trennte sie vom Rest des Raumes. Daneben war ein winziges Lavabo mit zwei groben Hähnen. Das Wasser war entweder kalt oder heiß. Magdalena wusch sich deshalb so selten wie möglich.

 

Frau Märky, die über der Konditorei im ersten Stockwerk wohnte, hatte ihr anfänglich, im Sommer vor zwei Jahren, bloß 1800 Franken bezahlen wollen. Dem Mädchen vor ihr, Fatima, habe sie ganze 400 weniger gegeben. Die habe keine schweizerischen Allüren gehabt, als Analphabetin eh nicht, 1400 seien da mehr als großzügig gewesen. Sie habe das ausländische Mädchen schließlich nicht auffliegen lassen. Magdalena hatte keine Ahnung, weshalb Märkys Lohnpolitik nicht aufflog und weshalb nicht auskam, dass die Backwaren täglich von einer Großbäckerei angeliefert wurden, was an Frau Märky vorbeizugehen schien. Sie redete unentwegt von ihrer schönen Backstube, die im Untergeschoss lag und wohl seit 1960 nicht mehr betreten worden war.

 

Fatima hatte kürzlich geheiratet, womit ihr Lohnarbeit verboten war. Ihr Mann hatte sich nicht erweichen lassen. Frau Märky war in Aufruhr. Großneffe Gerri musste Ersatz finden, sofort, worauf er seine intime Freundin Magdalena vermittelte. Endlich konnte er sie in einen anständigen Rahmen verfrachten, bevor es zu spät war. Magdalena wollte das schon lange, es war ihr Herzenswunsch, den er ihr jetzt erfüllen konnte. Sie erfüllte schließlich auch seine Herzenswünsche, mit Grazie, wie er betonte. Ihre Suche war schwierig bis aussichtslos gewesen. Bewerbung ohne Arbeitszeugnisse. Nur eine Matur – und dann die große Lücke. Obwohl sie vieles konnte und wusste und noch mehr ahnte, als Spezialistin für das Spezielle.

 

Gerri war Frau Märky gegenüber vage geblieben, sie hatte abgewinkt, als er noch vager werden wollte. Ach, Gerri, guter Junge, hatte sie gesagt, das weiße Taschentuch mit dem Monogramm aus dem Ärmel gezogen, sich geschneuzt und ihm mit dem verklebten Taschentuch bedeutet, er sei jetzt entlassen, er dürfe wieder in seine Uni. Als er aufstand, hatte sie ihm einen ihrer spitzen Küsse nachgeworfen. Sie liebte ihn, was nicht schwierig war, und er verehrte seine Tante Rosemarie – mehr als die eigene Frau, die ihn nur mit spitzen Küssen bedachte, wenn die beiden Söhne mit Freund und Freundin an Weihnachten zuschauten.

 

Magdalena war in ihrer prekären Lage glücklich, bereits genügend Kleider, Schmuck und Bücher zu besitzen. Sie hatte, wenn auch kein Erspartes, schöne Dinge aus der Zeit, als sie noch keine Törtchen verkauf‌te. Auf ihren guten Geschmack bildete sie sich etwas ein. Deshalb hatte sie auch ihren Geburtsnamen Madlaina, den sie als wenig raffiniert empfand, abgelegt. Geschmack konnte zwar jede anstreben, wie die Eleganz, es ging dann wohl ein bisschen vorwärts, zwei, drei Meter, wahrer Geschmack war angeboren wie ein separater Sinn. Mit dem Geld, das Magdalena während ihrer Zeit im Studio mit sexuellen Dienstleistungen verdient hatte, war noch mehr Geschmack hinzugekommen. Die Dinge, die sie schon immer begehrt und sich dann angeschafft hatte, konnte sie auch heute beriechen, anfassen, darin lesen. Die Dinge lebten mit ihr. Das unterhielt und bildete sie. Es war ihr Trost und Aussicht. Mit Luxus hatte das nichts zu tun.

 

Magdalena versprach Frau Märky, den Verkauf zu steigern, sie war eine Frau, die auf der Bühne – hinter Kasse und Schaufenster – aufblühte wie Zuckerwatte am Stab. Frau Märky hatte zugestimmt unter der Bedingung, dass Magdalena ihre Anstellung als Probezeit verstehe. Sie hatte Angst, die Gesetze würden sich so verändern, dass sie Magdalena nicht mehr entlassen konnte. Sie wolle keine Zustände wie in Italien. Frau Märky war bestens informiert, schnitt dauernd mit ihrer italienischen Großmutter auf und fühlte sich für Italien zuständig. Arbeit ist Würde, diese Parole sprayen Arbeitslose dort auf Leintücher, sagte Frau Märky. Und deshalb darf es niemals ein Grundeinkommen geben, das kostet uns Milliarden und frisst alle Motivation. Das Geld soll die Altersvorsorge sichern oder in die Armee investiert werden, ein paar richtige Flugzeuge für rassige Piloten. Gerade die Jungen fühlten sich viel zu sicher, sie kennen nur fette Jahre, bewahrten nicht mal das gebrauchte Geschenkpapier auf. Dabei könne sich alles ändern, über Nacht. Man denke an den Ersten Weltkrieg. Eine Katastrophe, die Rosemarie Märky, Jahrgang 1938, zwar verpasst hatte. Aber davon merkte man nichts, wenn sie referierte.

 

Zwischen Magdalena und Frau Märky herrschte ein gepflegtes Gleichgewicht des Schreckens. Keine der beiden Frauen war der Ansicht, schmutzige Geheimnisse könnten ihrem Ruf oder dem Verkauf hinderlich werden. Was sie außerdem verband, war die Liebe zu crèmefarbenen Perlenketten. Magdalena hoffte, Frau Märkys Stücke einst zu erben. Wenn sie auch noch die Konditorei dazu bekommen würde, wäre das nicht ärgerlich. Gerri wollte die Konditorei bestimmt nicht, und er wollte auch sie seit vergangener Woche nicht mehr. Er brauche Ferien. Kein Mangel an Liebe sei das, ganz im Gegenteil. Er könne ihrer Selbstzerstörung nicht mehr zusehen. Es mache ihn kaputt, wie Magdalena seit zwölf Monaten schon diesem niederträchtigen Mann hinterherkrieche, nachdem er sie mit Ach und Krach in ein bürgerliches Leben vermittelt hatte. Und kein Ende absehbar.

 

Er hatte sie gleich gewarnt, der neue Macker sei eine verwundete Hyäne oder schlimmer. Er markiere und bespiele mit unerkannter Grausamkeit sein Terrain. Gleichzeitig hänge er alle Hoffnung an sie. Ihr begegnet euch wie Tiere, sagte Gerri, Tiere unterschiedlicher Gattung. Mit konträrem Reiz-Reflex-Programm. Wahrscheinlich führt dich in die Irre, dass er Bücher schreibt, das macht ihn für dich zum Gattungssubjekt. Wer Bücher schreibt, muss Mensch sein. Ach was! Ihr seid in eurem Wahn ohnehin keine Spezies der aufgeklärten Gattung mehr. Und ihr habt einen unterschiedlichen Genpool. Du machst den Eindruck einer Antilope, die sich nach Dates wundert, noch am Leben zu sein.

 

Da stand plötzlich Frau Märky vor Magdalena und sagte: Ab in den Mittag!

 

Magdalena trank ihren Espresso auf der Traminsel im Belcafé, einem verglasten Halbrund mit Rücken zum Kiosk. Wenn es der Vormittag zugelassen hatte, war ein Vollkornsandwich mit Roastbeef und Meerrettich dem Kaffee vorausgegangen, manchmal ein Roggenring mit Lachs und Dill. Über der Bar hing ein Glashimmel mit eingezeichneten Städten und Metropolen. Von hier aus war es nur ein Katzensprung nach St. Gallen, 62 Kilometer, Herisau 55, Zug 22. Bukarest 1400, Rom 680, London 770, Paris 490. Magdalena schaute über den Platz mit dem Springbrunnen zum Kino Corso, auf die Fassade der Neuen Zürcher Zeitung und des Opernhauses. Zum Espresso gab es eine Madeleinemuschel, rund und saftig, sie passte auf den Kaffeelöffel, im Verhältnis von Suppenlöffel und Ei.

 

Magdalena liebte Zürich. Ob Zürich sie liebte, wusste sie nicht. Es war eine gute Stadt zum Sterben. Ein größeres Kompliment an einen Ort gab es nicht. Sie fuhr mit dem Finger zärtlich über das Tischchen. Sie ließ sich ab zwölf Uhr von Zürich und Europa, von der ganzen Welt begucken, ohne sagen zu müssen, wer sie war und was sie getan hatte. Im Schaufenster der Konditorei saß sie als Verkäuferin. Sie entsprach den Wünschen, packte die Ware ein, sagte, was zu sagen war, bitte,danke, ihr Verhalten war genormt, erwartbar. Am Bellevue aber war Magdalena vielleicht Künstlerin oder Ärztin, in einem Gespräch hätte sie jedes beliebige Thema intonieren und variieren können. Ein Café hatte nichts Anrüchiges, es gehörte hierher wie das Paradies in die Bibel. Genauso gehörte der Gast hierher. Er war unter Dach. Er durf‌te gelangweilt oder müde sein. Er saß am Fenster, auf einem Hocker, für den er bezahlt hatte. Jeder und jede konnte sich hier eine halbe Stunde in Sicherheit bringen und sehenswert fühlen, nicht nur, weil es keine Spiegel gab, um sich zu begaffen und hässlich zu finden. Durch die Glasscheibe sah Magdalena eine zerzauste, graue Frau mit ihrem hinkenden Begleiter, der auf seine Uhr schaute und abrupt stehenblieb. Zwei Alkoholiker setzten sich auf die Bank und stritten. Sie fuchtelten mit den Armen, während die meisten Menschen am Bellevue zielstrebig an ihnen vorbeizogen. Die schlenderten, fielen noch mehr auf als die Streithähne.

 

Der Kaffee war kalt geworden. Während sie die Tasse abstellte, verdoppelte sich das verglaste Halbrund. Magdalena stand in einer Schneekugel wie eine Balletttänzerin oder ein Reh aus Kunststoff. Grobe Schneeflocken lagen auf dem Boden, eine riesige Hand nahm die Kugel auf, schüttelte sie, legte sie ab. Magdalena stand still und sicher im Rieselschnee, das Zentrum der Plastik-Perfektion. Sie war der beste Kiosk-Artikel. Sie fühlte sich eindeutig, leicht und wahr, wie eine Weissagung. Und als könnte sie den Tag noch umdrehen. Aus dem Augenwinkel sah Magdalena eine kleinere Kugel, die sich entfernte. Da saß bestimmt ihr Kinder-Ich Madlaina drin, die Kellerassel mit dem kratzenden Pullover. Bleib mir bloß vom Leib, komm nicht auf die Idee, mit deinen dreckigen Pfoten auf meinen Tisch zu greifen!, dachte Magdalena, als das Halbrund wieder zu Beton wurde. Sie saß auf ihrem Hocker, eine Frau unbestimmten Alters, die ihren Rücken durchstreckte und über den Platz mit dem Springbrunnen schaute.

 

Mit der rechten Hand tat Magdalena nun so, als werfe sie das Bild, das sie als Kind zeigte, über den See, wie einen flachen Stein, der drei Mal hüpft und dann untergeht. Mit der anderen Hand griff sie ins Wasser, als prüf‌te sie die Temperatur eines Schaumbads. Ins Wasser gehen. Das klang schön.

 

Eine Perspektive. Stille Freude erfasste sie, in der Hand noch immer die Madeleine,