Magere Geschichten - Ueli Burkhard - E-Book

Magere Geschichten E-Book

Ueli Burkhard

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Beschreibung

Magere Geschichten. Mickrige 15 nur! Um jedes Wort wird gegeizt! Warum soll man sich sowas antun? Weil man dafür die ganze Palette kriegt, vom Krimi bis zur Romanze, mit einer hübschen Dosis Fantasie und einem Sprutz schwarzem Humor. Weil es genauso was zum schmunzeln dabei hat, wie auch zum nachdenken. Weil es Freude macht!

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Seitenzahl: 59

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Für Christa und Emil Zopfi – dank ihnen fliesst die Tinte.

Inhaltsverzeichnis

Der Schnauz

Der Fremde

Die Wache

Lottoschwein

Lebertran

Ich im Spiegel

Der Bruch

Love & Crime

Gertrude Ederle

Der Handschuh

Bei Zopfis

Die Hand des Schicksals

Fasten-Opfer

Der Fels

Dead end

Der Schnauz

Sie mochte seinen Schnauz. Sie mochte es, wenn er ein Bier trank und der Schaum sich im dichten Borstenwerk verfing. Sie mochte es, wie er dann jeweils etwas verschämt die Unterlippe hochschob, um ihn abzuwischen, und anschliessend noch mit der Zunge nachbesserte. Dann lächelte er sie etwas unsicher an, weil er sich genierte. Und sie musste lachen, nannte ihn «mein kleines Wallross» und kniff ihn in die Backe.

Er war ein grosser Mann. Stattlich. Ein bisschen mollig, aber das mochte sie. Es gab ihm den Anschein der Bequemlichkeit, wie bei einem alten Sofa. Es gab ihr Lust, sich in seine Arme zu kuscheln, seine Wärme zu spüren. In seinen Armen konnte ihr nichts passieren. Seine Weichheit gab ihr Sicherheit. Das und sein Schnauz. Und die Augen, die sanft und etwas traurig dreinschauten. «Sein Hundeblick» nannte sie es. Wenn sie in seine Augen schaute, wollte sie ihn knuddeln, mit ihm raufen und verrückte Sachen machen. Oder sie wollte einfach in ihnen versinken und sich von ihm halten lassen. Bei ihm fühlte sie sich wohl.

Und dann hatte er seinen Schnauz abrasiert.

Sie trafen sich nach der Arbeit, beim Kaffee unter den Linden. Er war schon vor ihr da und hatte sich ein Bier bestellt. Als sie ihn rief, drehte er sich um, und es traf sie mitten ins Herz: Der Schnauz war ab! Sie sagte sich, es habe nichts zu bedeuten und lächelte ihn an, sagte ihm, er sehe zehn Jahre jünger aus und bestellte sich eine Cola. Während sie auf das Getränk wartete, trommelten ihre Finger auf den Tisch, und sie schaute ihn nervös an. Er erwiderte ihren Blick. Ein unsicheres Flackern ging durch seine Augen. Er schaute auf den Tisch, auf ihre trommelnden Hände, schaute zu ihrem Gesicht auf, suchte halt in ihren Augen, fand ihn nicht, rutschte ab, fiel wieder auf den Tisch, blieb am Bierglas hängen, das er mit beiden Händen umklammert hielt.

Sie schaute ihn an, wie er da sass und schwieg, den Kopf gesenkt, die Schultern hochgezogen. Wie er sich am Glas festhielt, wie an einem Rettungsring, verkrampft, unsicher, schwabbelig. Vor ihr sass ein anderer Mann, als der, den sie kannte. Sein Körper, nicht mollig und gemütlich, sondern schwabbelig. Sein Blick nicht sanft und traurig, sondern unsicher und flackernd. Und alles wegen dem Schnauz. Der borstige Strich unter der Nase hatte ihn zusammengehalten, hatte eine Standhaftigkeit suggeriert, die nie da gewesen war, hatte Sicherheit vorgetäuscht. Sie brauchte diese Sicherheit. Aber bei ihm würde sie sie nicht mehr finden können. Auch wenn er den Schnauz wieder wachsen liesse.

Als die Cola endlich kam, stand sie auf, legte ein paar Münzen auf den Tisch und nahm ihre Handtasche. «Es tut mir leid», sagte sie, «es ist vorbei.» Dann ging sie, ohne sich umzudrehen. Der Kies knirschte unter ihren Schritten. Fast wäre sie gerannt.

Der Fremde

Stefan sass am Küchentisch und schaute den Fremden an. Der hielt den Kopf gesenkt. Seine Hände hielten sich an der Tasse fest. Der Kaffee war schon lange kalt.

Die Mutter lehnte sich an die Wand. Auch sie schwieg.

Als der Junge nach Hause gekommen war, sass der Fremde schon da. Die Mutter hatte sich hinter seinen Stuhl gestellt und gesagt: «Stefan, das ist dein Vater.» Stefan hatte ihn nicht erkannt. Auf dem Foto im Wohnzimmer hatte er einen jungen Mann gesehen, mit zerzaustem Haar und einem breiten Lachen im Gesicht. Und jetzt sass da ein alter Mann am Tisch.

Die Mutter stiess sich von der Wand ab. «Ich muss arbeiten gehen», sagte sie und nahm die Tasche. Dann öffnete sie die Tür, drehte sich um und sagte: «Ihr habt euch sicher viel zu erzählen.» Dann war sie weg.

Stefan schaute seinen Vater an. Der Vater schaute auf den Tisch.

Die Katze schlenderte in die Küche und strich ihnen um die Beine. Der Junge holte eine Büchse aus dem Schrank und leerte den Inhalt in den Napf.

Plötzlich sagte der Vater: «Hast du Hausaufgaben?» Er sprach ganz leise. «Heute nicht», antwortete der Junge und wunderte sich, warum er heiser war. Dann schwiegen sie wieder.

«Willst du mit deinen Freunden spielen gehen?», fragte der Vater nun. Stefan schüttelte den Kopf. «Ich spiele nicht», antwortete er endlich, «ich trainiere Billard.» Da sah ihn der Vater erstmals richtig an. Seine Augen waren blau.

Der Junge musste schlucken. Dann sagte er schnell: «Unten im Café ist ein Tisch. Da trainiere ich jeden Tag. Willst du mal sehen?» Der Mann schob seinen Stuhl zurück und erhob sich schweigend.

Stefan rannte die Treppe hinab. Unten drehte er sich um. Der Mann bewegte sich schleppend. Das linke Bein zog er nach.

Dann traten sie ein. Das Café war klein, zuhinterst stand der Tisch, Stefans Tisch. Im Vorbeigehen winkte er dem Kellner zu. Der nickte zurück.

Die Kugeln standen bereit. Stefan griff sich den Queue. Mit dem blauen Kreidewürfel rieb er die Spitze ein. Dabei schaute er zu seinem Vater hinüber. Da war wie ein Licht in seinen Augen.

Stefan nahm die weisse Kugel und brachte sie in Stellung. Dann stellte er sich hin, die Führungshand auf der Tischkante, die Kugel im Visier. Zweimal führte er den Queue knapp an die Kugel heran.

Dann hielt er den Atem an und stiess zu.

Die Wache

Er sass an seinem üblichen Platz. Morgens der Erste an der Haltestelle. Abends der Letzte. Er wachte.

Es war noch dunkel da draussen. Nur das Licht der Strassenlampen, das Schatten warf und die Nacht dahinter noch dunkler, noch kälter erscheinen liess. Es schneite. Nicht viel, nur gerade genug, damit alles weiss bedeckt war. Ein Windstoss strich ihm um den Nacken. Er zog den Kragen hoch.

Im Speiseraum der Heilsarmee war er der Erste am Frühstückstisch gewesen. Einige Schnitten Brot, dazu Butter und etwas Käse und natürlich Kaffee. Dann hatte er die Winterstiefel angezogen, die Fleecejacke und darüber den alten, dicken Armeemantel. Draussen hatte er noch eine Zigarette geraucht. Die erste. Dann hatte er sie ausgedrückt, die Handschuhe angezogen und war losmarschiert, quer über den Helvetiaplatz bis zur Haltestelle. Wie immer.

Er schaute zur Uhr hinüber. Bald würde das erste Tram kommen. Das 8 er-Tram. Die 8, das Zeichen der Unendlichkeit. Kein Zufall. Er war bereit. Er zündete eine Zigarette an. Nur noch zwei. Wenn Paul mit den Bierdosen kam, würde er ihn bitten, noch Zigaretten zu besorgen. Das Bier war sein Proviant für den Tag, einen Plastiksack voll. Er würde sich die Dosen genau einteilen, und wenn die letzte leer war, war auch der Tag vorbei, dann war es Zeit, nach Hause zu gehen. Über den Platz, zur Heilsarmee.