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Luxus-Vintage-Teile und Designerjacken – sie haben den Musiker Florian Horwath schon immer verzaubert und magisch angezogen. Als Teenager dealt er in seinem Heimatort mit Swatch-Uhren, vercheckt sie an Mitschüler und Touristen. Mit dem Aufkommen des Internets tauchen dann die ersten Designer-Mode-Verkaufsplattformen auf und seine Sammelleidenschaft ist nicht mehr zu bremsen. Helmut-Lang-Mäntel! Rolex-Uhren! Raf-Simons-Bomber! Wären da nicht die zwielichtigen Käufer- und Verkäufergestalten, mit denen er es, immer gutgläubig und charmant, nicht nur im Netz sondern auch auf düsternen Supermarktparkplätzen und Flohmärkten zu tun hat. Doch er ist eben der Magic Man – die Deals gehen immer mehr oder weniger gut aus.
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Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2024
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1. Auflage 2024
© Verlag Voland & Quist GmbH, Berlin und Dresden 2024
Lektorat: Sven Regener
Korrektorat: Karina Fenner
Umschlaggestaltung, Satz und Illustrationen:
SZT Gestaltung, Maximilian Sztatecsny
Fotografien: Michael Rausch-Schott (Umschlag),
Charlotte Goltermann, Archiv Florian Horwath
Druck und Bindung: BALTO print, Litauen
ISBN 978-3-86391-406-6
www.voland-quist.de
Ich habe meinen Großvater sehr geliebt. Er hat eine Kaserne geleitet, Waschmaschinen hergestellt und die erste Häckselmaschine erfunden, soweit ich das verstanden habe.
Die Modelle davon habe ich zu Hause. Sie würden sich gut in einer Puppenhauswaschküche machen oder in einem Puppenhausgarten oder auf einer Puppenhausbaustelle. Man konnte mit der Samix, so hieß sie, alles Mögliche häckseln, und die Waschmaschine, deren Namen ich vergessen habe (auf dem Miniaturmodell steht keiner drauf), war anscheinend auch sehr beliebt, außer dass mein Großvater einmal einen Brief bekommen hat von einer Frau, die sich beschwert hat, dass ihr zu waschender Pudel beim Schleudergang verstorben ist.
Mein Großvater hatte immer eine Stuttgarter Limousine, und seit dem Umzug meiner Großeltern in unsere kleine Mittelstadt hat er nicht mehr gearbeitet, sondern war »nur« noch Großvater. Ohne ihn wäre meine Kindheit sehr viel weniger heiter gewesen.
Er hat mich zum Tennisplatz gebracht, vom Fußballplatz abgeholt, mir Apfelzuckerl mit Staubzucker aus einer runden Metalldose kredenzt, die er in der Mittelkonsole aufbewahrte wie ein sehr heiliges Heiligtum, und wenn mir eine Laus über die Leber gelaufen war, hat er gesagt: »Flotschian, du machst das schon.« Und er hat es so gemeint. Er war sich sicher, dass ich es mache. Er hat mir vertraut. Mehr gab es dazu nicht zu sagen.
Mein Großvater hatte seine Firma im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet, auf der deutschen Seite. Gelebt haben meine Großeltern auf der österreichischen Seite.
Eine der Lieblingsbeschäftigungen meines Großvaters war das Schmuggeln kulinarischer Köstlichkeiten, mit und ohne Alkoholgehalt. Ich bin oft bei ihm mitgefahren. Es war immer etwas unter dem Sitz versteckt, oder im Kofferraum, da, wo der Ersatzreifen war, das allerdings nur außerhalb des Winters, weil im Winter waren im Kofferraum riesige Waschbetonplatten, damit der Mercedes nicht vom Weg abkommt bei Schnee.
Einmal wurden wir erwischt, also eigentlich mein Großvater. Die Zöllner haben ihn gekannt und sich über den Wein gefreut, und mein Großvater sich darüber, dass ihn alle so gernhaben und er keine Strafe zahlen muss. So war das immer. Wie ein besonders rundlicher Buddha ist er durchs Leben spaziert, nachdem ihm im Krieg an der Eismeerfront eine Granate fast den Schädel weggesprengt hätte. Die Narbe an der Stirn war beeindruckend.
Leider konnte er nicht verhindern, dass meine Großmutter mich erfolgreich von einem Linkshänder zu einem Rechtsschreiber umdressiert hat. Da hat seine Buddhakraft geendet, bei meiner Großmutter. Dagegen war kein Kraut und kein Apfelzuckerl gewachsen. Sie hat sich redlich bemüht, uns ordentlich zu erziehen. Nur war ihr Ordentlich ein anderes Ordentlich als unseres.
Als mein Großvater gestorben ist, war ich gerade fertig mit der Schule. Er hatte sich gewünscht, zu erleben, dass ich den Führerschein mache und wir eine gemeinsame Ausfahrt in seinem Mercedes. Das haben wir noch geschafft. Mein erstes Studienjahr habe ich daraufhin daheim am Boden verbracht, mit vielen Zetteln und Stiften, und ich habe gemalt und gezeichnet, was, weiß ich nicht mehr. Die Universität hat mich in diesem Jahr der Trauer nicht gesehen.
Mein Vater hat Truhen und Türen aus alten Schlössern gesammelt. Eine der Türen hatte er sich auf seine schmucklose Bürotür montieren lassen, um seine Klienten hinter einem mondänen Entree zu empfangen. Das war dann wie eine panzerfeste Barriere, hinter der sich auf einem ebenfalls sehr alten und sehr schweren Schreibtisch Akten getürmt haben. Auf einer der monströs großen Truhen gegenüber der Türe haben sich weitere Akten gestapelt.
Das Büro selber hatte nichts von einem Schloss, es war in einem nüchtern renovierten Zinshaus in Innsbruck.
Einmal waren bei uns zu Hause im Wohnzimmer, als ich von der Schule nach Hause kam, für meine Kinderaugen abenteuerlich aussehende Menschen, eine Art Großfamilie, mit einem Stapel Teppiche zugange. Nach diesem Tag hatten wir sehr viele Teppiche. (Später hat mir mein Vater erzählt, dass die Familie leider fast geschlossen ins Gefängnis gewandert ist. Es hätte »Unregelmäßigkeiten« gegeben.) Besonders toll war ein burgunderroter Teppich mit Vogelornamenten. Ich hatte das Gefühl, dass diese Vögel unterschiedliche Stimmungen haben konnten, anders als die Fabelwesen auf den Granitplatten im Vorzimmer. Die blieben immer gleich steinern. Und irgendwann habe ich mich auch nicht mehr vor ihnen gefürchtet. Für Uhren hat sich mein Vater, im Unterschied zu meinem Großvater, nie interessiert. Mich hat die Geburt von Swatch entflammt. Mit 15 war ich kurzfristig Swatch-Meisterdealer in unserer kleinen Mittelstadt.
Ich hatte zwei Quellen, die mir auch die ganz seltenen Modelle zum Listenpreis gegeben haben, weil sie mich für nett, harmlos, wohlstandsverwahrlost oder alles drei @@@
hielten, und für einen gut- und immer identisch gekleideten (Invicta-Rucksack, Barbour-Jacke, Timberland-Bootsschuhe – und irgendwann: Swatch) italienischen Tagestouristen.
Adjustiert wie ein Triebtäter mit drunter was an habe ich mich mit meinem beigen Trenchcoat zum Altstadteingang gestellt, zur dortigen langgeschalteten Ampel, und bei jeder Gruppe auf Grün wartender »Tschingala«* meinen Mantel leicht geöffnet. In den opulenten Innentaschen waren die originalverpackten Swatch kredenzt und oft innerhalb von fünf Minuten alle verkauft, nicht zum Listenpreis, versteht sich.
Wie es sich für einen erfolgreichen, sehr jungen Jungunternehmer gehört, kam zum sich anbahnenden Reichtum schnell Größenwahn dazu. Friseursalons und Antiquitätengeschäfte (!) als großflächige Auslagen für meine Swatch-Uhren, ein stark oszillierender und von fragilen modischen Strömungen bestimmter Markt, eine rasch einsetzende Überflutung desselbigen und die dem jugendlichen Überschwang geschuldete einäugige Blindheit von einem, der auszog, die Welt mit bunten Uhren zu retten, führten zu fatalen Fehlinvestitionen. Kurz nachdem ich endlich sämtliche Familienmitglieder dazu gebracht hatte, in meine Uhren zu investieren, natürlich zum Listenpreis, kam der große Swatch-Börsencrash. Aus heißem Scheiw urden kalte Ladenhüter; was anfänglich jeder wollte, wurde zum Inbegriff der Entbehrlichkeit. Mein Zimmer und das Schlafzimmer meiner Eltern wurden zu Mausoleen für Plastikuhren, und irgendwann konnten sie auch nicht mehr schnell genug kaputtgehen, als dass man die Berge von laut tickendem Sondermüll zumindest als Lebensversicherung in Sachen verlässlicher, wasserdichter Zeitmessung interpretieren hätte können.
Bis heute erbarmt sich ab und an ein Familienmitglied und schnappt sich eines der inzwischen vergilbten Geräte, jedoch ist inzwischen sicher, dass die Anzahl an Generationen, die es bräuchte, um den Berg abzuarbeiten, die Halbwertszeit der verwendeten Kunststoffe nicht übersteigen kann. Also selbst wenn wir und unsere Kinder und Kindeskinder sehr viele weitere Kinder zeugen und alle jedes Jahr eine neue Swatch aus dem Fundus bekommen, wird es Nachkommen geben, die dies nicht erleben, weil die Dinger bis dahin zu Staub zerfallen sind.
Dieses juvenile Trauma jedoch hat mich nicht davon abhalten können, immer weiter und immer tiefer in die wundersame und grausame Welt des Jagens und Sammelns hinabzusteigen.
Eher im Gegenteil. Die Unvernunft ist ein Hund.
Ich liebe sie.
*So nannten wir damals in Tirol, selbstverständlich politisch völlig korrekt, Menschen italienischer Herkunft.
Ich habe meinen Vater beim Sterben begleitet. Das ist noch nicht lange her und war eine der wichtigsten und schönsten Sachen in meinem Leben bisher. Sein letztes Telefonat haben wir gemeinsam geführt, im Krankenhaus. Es war mit einem adeligen Herrn aus Südtirol, der Schlösser wiederbelebt, und es ging um die Finalisierung des Verkaufs seiner Möbelsammlung. Am Ende war der Preis weniger wichtig als der Ort, wo sie hinkommen, die verrückten mittelalterlichen Türen und Truhen und Kommoden. Mein Vater wollte immer, dass alles zusammenbleibt, so wie bei unserer Familie. Zusammenbleiben was his middle name, in guten wie in schlechten Zeiten. Und Gott hat ihm viel mehr geholfen, als ich lange Zeit wusste. Dass es da etwas gibt oder einen gibt, das hat ihn durch die Schmerzen der letzten Jahre getragen. Gott ist Liebe, hat er mir gesagt, als ich ihn gefragt habe, wer Gott für ihn ist.
Dieses letzte Telefonat war für meinen Vater auch ein Stück Gott. Er wollte, dass das geregelt ist mit den Möbeln. Er wollte, dass sie einen guten Platz haben, zusammen, und dass sie geliebt werden. Dass dort im Schloss ein Schild hängen würde, auf dem »Sammlung Horwath« oder »Sammlung Dr. Horwath« oder »Sammlung DDr. Horwath« steht, war vielleicht sein eigenes Stück Gott. Verewigt in einem Schloss. Er hat die Dinge lange nicht loslassen können, die er zusammengesammelt hatte. Und irgendwann ist es dann doch gegangen, kurz bevor er gegangen ist. Sein altes Stuttgarter Cabriolet hat er mir schon davor gegeben. Er konnte es nicht mehr besteigen, und die pragmatische Lösung war, es mir zu schenken. »Das Problem habe ich gelöst«, hat er danach zu mir gesagt. Gott ist pragmatisch. Das hat mir geholfen, das Auto nicht bis ans Ende meiner Tage – umhüllt von nostalgischer Trance – aufzubahren, sondern es als das zu nehmen, was es ist: ein herrliches Auto ohne Fetzendach, dafür mit zweieinhalb Sitzen, mit dem man entweder nur vier-, fünfmal im Jahr fahren kann, oder in Kauf nimmt, dass man manchmal zum Fisch im fahrbaren Aquarium wird, oder unter einer Brücke übernachten oder auf einer Autobahnraststätte sehr viele Kaffees trinken muss, bis wieder die Sonne scheint. Meine Familie hasst das Auto. Sie hat meinen Vater geliebt, aber dafür brauchen sie kein Auto, um daran erinnert zu werden. Von Anfang an haben sie klargestellt, dass keiner von ihnen jemals dieses Auto besteigen wird. Umso mehr nicht, als dass es nicht einmal Nackenstützen hat, geschweige denn Gurte. Bei unserem vorletzten Spaziergang – der letzte war gemeinsam mit meinem Sohn, ein Drei-Generationen-Männerspaziergang – habe ich meinem Vater bei einer kurzen Rast erzählt, dass ich überlege, das Auto zu verkaufen. Er hat dazu nur gemeint: »Schau, dass du einen guten Preis kriegst.«
Ich habe das Auto noch immer
und werde es auch nicht verkaufen.
Stattdessen habe ich mir noch eins gekauft, diesmal mit Fetzendach. Die Reaktion meiner Familie war ähnlich wie beim Papamobil. Dass dieses jetzt wirklich nur zwei Sitze hat und nicht zweieinhalb, hatten sie da noch gar nicht bemerkt. Erste Reaktion: endgültig übergeschnappt! Geld zum Fenster raus – trotz meines elaborierten Präventionsvortrags, dass dieser Kauf eine absolute steuerliche Notwendigkeit war. (Zitat Frau: »Da frag ich deine Steuerberaterin!«) Also, Autohass again. Dem vorausgegangen war, dass meine Frau, während ich mit dem ausgefuchsten Herrn Verkäufer beim Versicherungsmann in Sachen Ummeldung saß, dass meine Frau also dieses liebreizende, wilde Gerät, das ich gerade im Begriff war, in Besitz zu nehmen, Detlef getauft hat. Wegen der gleichen Anfangsbuchstaben des Fahrzeugmodells Defender.
Was den Verkäufer wiederum fast dazu veranlasst hätte, mir das Auto wieder wegzunehmen. Gegenwind, Gegenwind.
Schnitt. Sprung.
Das mit den zwei Sitzen hat sich im Laufe der Zeit verspielt, meine Frau ist inzwischen in Detlef verliebt, ich sehe ihn kaum, und sogar unser Sohn steigt mit stillem Wohlwollen ein. Seit der anhaltenden Begeisterung anderer schrumpft seine Überzeugung, dass der Vater nur unnötigen Schrott herankarrt. Zitate: »Wenn mein Vater mit so einem Auto dahergekommen wär, wär ich ausgeflippt!«, »Mit so einem coolen Auto würd ich auf jeden Fall den L 17 Führerschein machen!«, »Wenn die Reifen fertig sind, könnts ihr euch richtige fette mit gscheiden Stollen draufgeben, fürs Gelände!«
Jedenfalls heißt er längst offiziell Detlef und ist so etwas wie das Familienmaskottchen.
Dafür, dass wir überlegt hatten, gar keins mehr zu haben, haben wir jetzt ganz schön viele Autos. Angewandte jugendliche Logik. Unser Sohn würde es so machen, hat er gemeint: Mutter Detlef, er den tapferen Panther-Arbeitsgaul und ich den unnötigen Wasserschlachtkübel in der Garage. Gott ist pragmatisch.
Und wer bekommt den Bus, den ich immer schon wollte? Vielleicht meine Schwiegermutter. Ich habe sie vor Kurzem von ihrer Kur nach Hause gebracht. Ihr hat er auch gefallen, Detlef der Defender. Wie ein Traktor, hat sie gemeint, und dass ihre Bekannten auch so einen hätten, auch einen Efendi.
»Jetzt heißt er Detlef Efendi, findi«,
habe ich darauf meiner Frau geschrieben.
Ich kann mich an nichts aus meiner Kindheit und Jugend erinnern, außer an gefangene und fast gefangene Fische – und an meine Jacken.
Ich weiß noch genau, wie sie riechen, wie sie sich getragen anfühlen, wie die Nähte ausschauen und was dazu führte, dass ich sie oft, immer oder nie angezogen habe. Dafür waren Faktoren wie Länge, Fall der Kapuze, Schließfreudigkeit des Zips, Kompatibilität mit Umständen und Hosen und Schuhen, aber ganz bestimmt nicht Wasserdichtigkeit, Wärmung oder generelle Praktikabilität relevant. Wenn ich durch die Tiroler Klein-/Mittelstadt gewandert bin, aus der ich komme, dann wollte ich mir nur die Auslagen der Modegeschäfte anschauen. Ich wollte sie am liebsten auffressen, die ganzen schönen Jacken. Sommer war eine traurige Jahreszeit, da gab es keine Jacken in Auslagen, zumindest früher nicht. Zum Glück war ich da immer am See, im Süden. Da habe ich dann nicht an Jacken gedacht, sondern an Fische.
Jedenfalls gab es in unserer Stadt viele verschiedene Auslagen. Zum Beispiel die sportiven, für alle, die auf den Berg hinaufhirschen oder so ausschauen wollten, als ob sie das täten. Als das Snowboarden erfunden wurde …
* * * * *
Ich habe mich immer für etwas Besonderes gehalten. Das klingt jetzt sehr schlimm, wenn ich das so schreibe, aber es war so. Ganz egal, was ich mache, irgendwann werde ich sehr berühmt sein und/oder erleuchtet, davon war ich überzeugt, und ich bin es immer noch, meistens zumindest. Was berühmt und was erleuchtet ist, darüber mache ich mir weiterhin Gedanken, und dass berühmt vielleicht nicht unbedingt gleichzusetzen ist mit »alle auf der Welt kennen mich«, und dass erleuchtet nicht unbedingt bedeutet, mit einem sichtbaren Heiligenschein herumzulaufen, darauf habe ich mich inzwischen mit mir selbst geeinigt. Wohl auch, um das bisherige Nichteintreten dieser beiden Umstände auszuhalten.
Immerhin hat mir vor langer Zeit ein weiser Weissager aus Indien prophezeit, dass ich einmal sehr erfolgreich sein werde, spät, so mit Mitte 50. Darauf bin ich gespannt und vorbereitet. Dressed for Success sozusagen. Er hat auch gemeint, dass ich ein guter Lehrer wäre. Das fand ich damals nicht so prickelnd. Sehr viele Jahre später bin ich dann in einer privaten Volksschule gelandet – als Lehrer.
* * * * *
… bald nachdem das Snowboarden erfunden wurde, hatte sich in unserer Klein-/Mittelstadt der weltweit größte Fabrikant von Snowboards und dementsprechender Gewandung angesiedelt. Und weil es niemand konnte, war es leicht, es schnell ein bisschen zu können und dann gleich gesponsert zu werden. Meine erste Jacke war knallgelb-schwarz, mit Blocklogo, Kopfeinstieg und seitlichen Zips. Ein Schneehemd also. Riesig weit und absolut wasserundicht. Was mit dieser Jacke passiert ist, werde ich nie erfahren. Irgendwann war sie einfach weg. Und im Unterschied zu den vielen anderen Jacken, die im Laufe der Jahre aus meinem Elternhaus verschwunden sind, glaube ich bei dieser Jacke die Geschichte, dass sie ganz bestimmt nicht im Altkleidersack gelandet sei, nicht.
Sie hat sich woandershin aufgemacht,
an einen besseren Ort, in einen schönen Hafen,
zu einer Oase, auf eine weiße Welle.
Die andere zentrale Jackensache war die mit der Jacke mit dem Springer am Rücken.
Ob es tatsächlich ein Springer war, habe ich nie ganz verstanden. Jedenfalls war es der Torso eines von hinten abgebildeten Wesens mit seitlich nach oben ausgestreckten Armen. Obwohl eigentlich in einer Gegend angesiedelt, die mir als Tiroler – mit den Deutschen hatten wir’s nicht so – naturgemäß zuwider sein hat müssen, war ich vom Logo dieser Windsurfingleute dermaßen elektrisiert, dass ich es später flächendeckend auf die Motorhaube meines ersten Autos, einem von meiner Mutter übernommenen, weißen 1er Rabbit, geklebt habe. Quasi larger than life und schlimmer than a playboy bunny am Kühler.
Vielleicht hat mich der Springer auch deshalb so gefesselt, weil er mich unbewusst an Jesus am Kreuz erinnert hat, was meinen überzogenen Moralvorstellungen zupassgekommen ist.
Die Jacke jedenfalls war außen mittelaubergine- und innen osho-orangefarben, und hauchzartes Fleece, mit einem feinen Zip, Kapuze und der perfekten Passform für alle Eventualitäten. Ich habe sie immer getragen. Im Schnee, im Sommer, in der Disco. Die Disco war eher ein Gothikpunkkeller, wo man mir mit so einer Adjustierung normalerweise zur Begrüßung ein paar Jägermeister drübergegossen hätte. Nur war in unserer Stadt damals das Snowboarden größer als das Punksein, was im Punkkeller zu einer gewissen Ausgewogenheit zwischen Niete und Techwear geführt hat, zwischen Dead Kennedys und Beastie Boys. Ich mochte beides, und nachdem ich mindestens ein Jahr lang am Türsteher gescheitert war, hatte ich begonnen, dort Platten aufzulegen – in der Springerjacke, versteht sich.
Der Punkdiscokeller wurde ihr zweites Zuhause, ihr aber leider auch zum Verhängnis. Es war warm und feucht da unten, ich habe sie natürlich trotzdem nie ausgezogen, weil uncool, sie mir dafür aber, aufgrund aufgestauter bierinduzierter jugendlicher Überhitzung, direttissima im Nachtbus vom Leib gerissen – und liegen gelassen. Ich habe alles versucht, mit allen Busfahrern gesprochen und mit allen Verkehrsbetrieben in der kleinen Mittelstadt – es war einer – telefoniert. Nichts. Weg. Mordgelüste. Racheszenarien. Drei Tage wach. Weltschmerz. Selbstbezichtigung. Trübsal. Trauerflor.
Manchmal schaue ich immer noch auf den einschlägigen Sekundärmarkt-Websites nach, ob sie nicht doch noch wo auftaucht, oder zumindest eine wie sie.
Eine weitere Spezialität meiner Besessenheit war es, nach dem erfolgreichen Aufspüren eines Objekts der Begierde meine gesamte Familie – samt sämtlicher Großeltern, versteht sich – so lange zu quälen, bis ich ihre Gegenargumente (»Du hast doch schon eine Jacke«, »Für so etwas kann man nicht so viel Geld ausgeben«, »Du hast doch letztes Jahr schon eine bekommen«, »Wie viel? Auf keinen Fall«) erfolgreich zerschmettert hatte. Durch »Du bist so intensiv!«-Sein (so meine Mutter) und das Versprechen, mir nie wieder (vorsätzliche Lüge) etwas zu wünschen und auch sonst nichts anderes zu wollen dieses Weihnachten.
