Magie ist deine Hoffnung - Ralph Döppmann - E-Book

Magie ist deine Hoffnung E-Book

Ralph Döppmann

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Beschreibung

Die Pläne des grauen Rings in Buccaras und Aonu wurden durchkreuzt. Wer dachte, dass dies ein letztes Aufflackern einer längst besiegten Organisation gewesen sei, wird bald eines Besseren belehrt. Mit Erschrecken muss Katerina Lovans feststellen, dass sie sich mit einem Gegner angelegt hat, der über Jahre im Verborgenen einen perfiden Plan geschmiedet hat, den er nun umsetzen will, um die Macht im Königreich Halwaangen an sich zu reißen. Der graue Ring kennt keine Gnade und schlägt unerbittlich zurück. Katerina wird in den Sog der Ereignisse gezogen, die Auseinandersetzungen spitzen sich zu und werden immer mehr zu einem Kampf auf Leben und Tod. Familie, Freunde oder nur Bekannte - niemand ist mehr sicher. In der Hauptstadt Hygoria bekommt König Natwich ebenso die Auswirkungen zu spüren. Mächtige Magier sind am Werk - aber er zögert. Wird er das Königreich in den Untergang führen?

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Seitenzahl: 658

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Das Buch

Die Pläne des grauen Rings in Buccaras und Aonu wurden durchkreuzt. Wer dachte, dass dies ein letztes Aufflackern einer längst besiegten Organisation gewesen sei, wird bald eines Besseren belehrt. Mit Erschrecken muss Katerina Lovans feststellen, dass sie sich mit einem Gegner angelegt hat, der über Jahre im Verborgenen einen perfiden Plan geschmiedet hat, den er nun umsetzen will, um die Macht im Königreich Halwaangen an sich zu reißen. Der graue Ring kennt keine Gnade und schlägt unerbittlich zurück. Katerina wird in den Sog der Ereignisse gezogen, die Auseinandersetzungen spitzen sich zu und werden immer mehr zu einem Kampf auf Leben und Tod. Familie, Freunde oder nur Bekannte - niemand ist mehr sicher.

In der Hauptstadt Hygoria bekommt König Natwich ebenso die Auswirkungen zu spüren. Mächtige Magier sind am Werk - aber er zögert. Wird er das Königreich in den Untergang führen?

Am Ende des Buches befindet sich ein Lexikon.

Der Autor

Ralph Döppmann wurde 1968 geboren und lebt mit seiner Familie in der Nähe von Braunschweig in Niedersachsen.

2018 veröffentlichte er seinen Debütroman, den ersten Teil der grauen Ring-Saga „Magie ist dein Tod.“

Neben den Vorbereitungen für den finalen dritten Teil liegt ein Konzept für einen Psychothriller in der Schublade.

Im wirklichen Leben arbeitet er als Entwicklungsingenieur in einem großen deutschen Unternehmen.

Darüber hinaus ist er als Fitness- und Selbstverteidigungstrainer tätig.

www.doeppmann.de

Ralph Döppmann

Magie ist deine Hoffnung

Die graue Ring-Saga

Teil II

Ist das Gute gut, nur weil es vorgibt, gut zu sein?

Ist das Schlechte schlecht, nur weil gesagt wird, es sei schlecht?

TWENTYSIX

Vergeude Deine freie Zeit nicht mit Dingen, die Du tun sollst.

Widme Deine freie Zeit Dingen, die Dich glücklich machen.

Du hast nur dieses eine Leben!

Figuren im Roman

In der Stadt Buccaras

Ronen Gudmundson und Conner Laagerson

Beide Männer sind zusammen an der Nordwestküste in einer Ansiedlung mit Namen Kr’hus aufgewachsen und arbeiten für das Handelshaus Lovans.

Ludwig Lovans

Besitzer des Handelshauses Lovans.

Mathilde Lovans

Ehefrau von Ludwig Lovans.

Katerina Lovans

Tochter von Ludwig und Mathilde Lovans. Sie arbeitet für das Handelshaus Lovans.

Sara Lovans

Tochter von Ludwig und Mathilde Lovans. Sie arbeitete als Alchemistin in der Akademie in Buccaras, bevor sie als Magierin entlarvt wurde.

Matthias

Diener im Hause Lovans.

Wilhelm van den Brugg

Besitzer des Handelshauses van den Brugg. Zweitgrößtes Handelshaus nach dem Hause Lovans.

Hauptmann Arnim

Kommandant der Stadtgarnison.

Unteroffizier John Stom

Soldat der Stadtgarnison.

Milton

Anführer einer Söldnergruppe.

Baronin Irelldo

Herrscherin über Buccaras.

Anselm von Berg

Stadtvogt und Richter in Buccaras.

Iris von Berg

Tochter des Stadtvogts.

Der Erleuchtete von Buccaras

Der Obere oder Erleuchtete ist der oberste Priester des Tempels in der Stadt.

Meister Shiavo

Magier. Erforschte im Geheimen die Teleportationsmagie und war der Mentor und Lehrer Saras, bis er hingerichtet wurde.

Willem

Wirt der Schänke „Zum rostigen Anker“.

Nathan Crush

Rechtsgelehrter.

In der Stadt Aonu

Graf Abich

Herrscher über Aonu.

Renee Abich

Tochter des Grafen Abich.

Patrick

Diener des Grafen Abich.

Magdalene

Zofe von Renee Abich.

Graf Wulfon

Abgesandter von König Natwich.

Dermot

Diener des Grafen Wulfon.

Der Erleuchtete von Aonu

Der Obere oder Erleuchtete ist der oberste Priester des Tempels in der Stadt.

Gregor A. Gregoritsch

Kommandant des königlichen Geheimdienstes der „dunklen Schleier“ in Aonu.

Ryan

Stammt aus Hygoria. Über seine Vergangenheit ist nichts bekannt, nicht einmal seinen Nachnamen hat er preisgegeben. Er arbeitet für das Handelshaus Lovans.

Johann Mullar

Vater von Hegen, Liam und Thomas. Oberhaupt und Führer der Diebesgilde der „schleichenden Hände“.

Titel: Ältester.

Liam Mullar

Stammt aus Aonu und ist dort in der Gilde der „schleichenden Hände“ (Diebesgilde) aufgewachsen. Er arbeitet für das Handelshaus Lovans.

Hegen Mullar

Schwester von Liam Mullar, Mitglied der Diebesgilde der „schleichenden Hände“.

Thomas Mullar

Bruder von Liam Mullar, Mitglied der Diebesgilde der „schleichenden Hände“.

Lynn Heber

Mitglied der Diebesgilde der „schleichenden Hände“ und Freundin von Thomas.

Walter

Genannt Strippe (von Strippenzieher). Mitglied der Diebesgilde der „schleichenden Hände“. Rechte Hand von Johann Mullar.

Hauptmann Busc

Kommandant der Palastwache.

Leutnant Vegel

Stellvertretender Kommandant der Palastwache.

Großmeister Dillyoun

Magier

Meister Fabic

Magier

Celine

Magierin

Malcolm

Anführer der Bruderschaft der „springenden Klinge“.

Jakala

Mitglied der Bruderschaft der „springenden Klinge“.

Fürsten der Unterwelt oder Schattenfürsten

In Aonu wurde nach einem blutigen Bandenkrieg die Unterwelt aufgeteilt. Der Drogenfürst hat den Drogenhandel unter sich, der Würfelfürst das Glücksspiel und der Dirnenfürst die Bordelle und Huren. Die richtigen Namen dieser Männer sind nicht bekannt.

In der Stadt Hygoria

König Natwich

Oberhaupt und Befehlshaber im Königreich Halwaangen.

Königin Anne

Gemahlin König Natwichs.

General Timothy Behring, Baron zu Laubingen

Oberbefehlshaber der halwaangschen Streitkräfte.

Der „Leuchtende Schild“, Seine Exzellenz Rirchow D’Derouc

Geistliches Oberhaupt der Priesterschaft im Königreich Halwaangen.

Die „Geheime Hand“, Fukusal Germos

Kommandant des königlichen Geheimdienstes der „dunklen Schleier“ im Königreich Halwaangen.

Großmeister Lheriun

Magier

Großmeister Kos

Magier

Karte des Königreichs Halwaangen

© by Pia Döppmann und Ralph Döppmann

© by Pia Döppmann und Ralph Döppmann

Legende zur Landkarte

(Ausführliche Beschreibungen, s. Lexikon am Ende des Buches)

1 – Südsperre

2 – Reichsstraße

3 – Adlerpass

4 – Passfestung: Troschfeste

5 – Buccaras

6 – Zweistromfestung

7 – Kr’hus

A – Hochland von Tarrena

B – Troschgebirge

C – Dämonensumpf

D – Moor der Vergessenen

E – Schlachtfeld des letzten Aufgebots gegen den schwarzen Schwarm

F – Hügellandschaft der ewigen Wellen

Inhaltsverzeichnis

Prolog

13. Tag

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

14. Tag

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

15. Tag

Kapitel 12

Kapitel 13

16. Tag

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

17. Tag

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

18. Tag

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

19. Tag

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

20. Tag

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

21. Tag

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

24. Tag

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

25. Tag

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

26. Tag

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

27. Tag

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

28. Tag

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

29. Tag

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Epilog

Prolog

Dunkelheit.

Die schwarz gekleideten Gestalten verschmolzen mit dem Schatten des Mauervorsprungs. Ihre Gesichter wurden von Masken verhüllt, die nur die Augen freiließen. Regungslos und den Atem anhaltend warteten sie, bis die Wachen an ihnen vorbeigegangen waren. Lautlos richteten sie sich auf. Die beiden Männer nickten der jungen Frau aufmunternd zu und sie kletterte behände auf die Schultern des einen Mannes. Mit den flachen Händen tastete sie die Mauer nach einem kleinen Vorsprung oder einer Vertiefung ab. Ihr Blick richtete sich suchend nach oben. Der zweite Mann schlug ihr mit der flachen Hand auf die Wade. Das vereinbarte Zeichen. Die Wachen kamen zurück. Geschmeidig ließ sie sich nach unten gleiten. Erneut verbargen sie sich in der Dunkelheit und entzogen sich so den Blicken der Doppelwache. Die Frau zeigte nach oben, schüttelte den Kopf und hielt ihre flachen Hände etwa einen halben Schritt auseinander. Die beiden Männer nickten bestätigend. Die Mauer war zu glatt, Halt gab es erst ein Stück weiter oben.

Als die beiden Soldaten an ihnen vorübergegangen waren, erhoben sie sich erneut. Kurze Zeit später stand die Frau wieder auf den Schultern ihres Partners. Er hob die Hände in Schulterhöhe, sodass die Frau die Handflächen als Tritt benutzen konnte. Dann ging er leicht in die Knie, holte Schwung und streckte seine Arme nach oben. Die junge Frau wurde nach oben katapultiert, erreichte mit den Fingerspitzen den Sims und hielt sich daran fest.

Die Wachen.

Im letzten Augenblick verbargen sich die Männer im Schatten des Mauervorsprungs. Die beiden Soldaten blieben stehen und schauten sich um. Hatten sie etwas bemerkt? Die dunkle Mauer ragte vor ihnen empor. Die Frau wagte nicht, sich zu bewegen. Adrenalin pumpte durch ihre Adern. Die Unterarmmuskeln begannen zu schmerzen. Nach einer gefühlten Ewigkeit setzten die Wachen ihren Rundgang fort. Die Frau zog sich lautlos auf den Sims, blickte nach oben, ging leicht in die Knie und sprang. Ihre Hände packten zu und hielten sich an einer vorstehenden Fensterbank fest. Mit einer letzten Kraftanstrengung zog sie sich hoch und ließ sich nach vorne fallen, sodass ihr Oberkörper in der einen Schritt tiefen Fensterbank lag. Sie schloss die Augen, pumpte Luft in ihre Lungen und genoss für einige Augenblicke die Kühle des Steins. Das war knapp. Die Wachen waren verdammt aufmerksam und gewissenhaft. Sie stemmte sich hoch, setzte sich in die breite Maueröffnung, ließ die Beine baumeln und gab den Männern ein vorher vereinbartes Zeichen. Diese warfen der jungen Frau das Ende eines Seils zu. Am anderen Ende war ein Wurfanker befestigt. Schnell zog sie es nach oben. Erneut waren die Schritte der Wachen zu hören, die sich leise unterhielten. Als sie um die Ecke gebogen waren, erhob sich die Frau und richtete ihren Blick auf einen kleinen Balkon, der sich etwa fünf Schritt schräg über ihr befand und von einer hüfthohen Brüstung aus oberarmdicken Holzbalken umgeben war. Sie warf das Seil mit einem kurzen Schwung nach oben. Der Anker verkeilte sich mit einem leisen Geräusch, welches in der stillen Umgebung unnatürlich laut klang. Sie biss sich auf die Zähne. Jetzt müssten die Wachen um die Ecke kommen. Da waren sie schon und gingen, ohne zu zögern, weiter. Erleichtert atmete sie aus. Mit einen kurzen Ziehen am Seil prüfte sie, ob sich der Anker fest verhakt hatte. Dann stieß sie sich von der Fensterbank ab, schwang einige Male hin und her und begann, am Seil hinaufzuklettern. Stück für Stück zog sie sich nach oben, als der Wurfhaken plötzlich etwas nachgab. Sie stöhnte auf. Sollte sich der Haken lösen, würde sie aus zehn Schritt Höhe zu Boden fallen. Erschrocken umklammerte sie das Seil, als unter ihr die Wachen stehenblieben. Sie schienen eine kurze Pause machen zu wollen. Schweißperlen traten auf die Stirn der Frau und rannen seitlich Richtung Ohr. Die Schultern begannen zu schmerzen. Die Wachen machten keine Anstalten weiterzugehen. Flehend schaute sie nach unten und kniff die Augen zusammen, die Anstrengung ließ ihre Arme zittern. Ihre Widerstandskraft schwand und die ersten Gedanken an eine Aufgabe schlichen sich in ihren Kopf, als die Soldaten ihren Weg endlich fortsetzten. Schwer atmend zog sie sich nach oben, wuchtete sich über die Brüstung und sog gierig den Sauerstoff ein. Als die Wachen außer Sicht waren, warf sie das lose Ende des Seils nach unten. Die beiden Gestalten lösten sich aus ihrem Versteck und kletterten nacheinander das Seil hinauf. Oben angekommen, verbargen sie sich alle drei hinter der Brüstung. Liam klopfte Thomas aufmunternd auf den Rücken und nickte der Frau anerkennend zu. „Die kleine Lynn scheint während meiner Abwesenheit fleißig trainiert zu haben. Aus dir ist eine ausdauernde und starke junge Frau geworden!“

Lynns Atem ging noch immer schwer und sie bedachte Liam mit einem skeptischen Blick. Liam lächelte. Die Gruppe verschnaufte und seine Gedanken schweiften ab. Es war viel geschehen in Aonu. Liam war vor längerer Zeit aus Aonu fortgegangen und schließlich in Buccaras gelandet, wo er für das Handelshaus Lovans in Lohn und Brot stand. Den aktuellen Umständen war es geschuldet, dass ihn sein Weg wieder nach Aonu geführt hatte. Der erste Schreiber des Handelshauses war ermordet worden. Gemeinsam mit Katerina Lovans, der Tochter des Kaufmanns, und seinen Gefährten hatte er den Schuldigen gefunden. Im Verlauf der Nachforschungen hatten sie einen Hilferuf aus Aonu erhalten. Da sich Liam in Aonu sehr gut auskannte, war entschieden worden, dass er gemeinsam mit Ryan nach Aonu reisen sollte, um Bryan, einem Informanten, zu Hilfe zu kommen. Die Freude bei der Familie Liams und der Gilde der „schleichenden Hände“ war sehr groß gewesen, den verlorenen Sohn und Freund wiederzusehen.

Liam wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Lynn ihm mit der Faust gegen die Schulter schlug.

„Vielen Dank für das Lob. Wir sollten in Betracht ziehen, das Fenster weiter unten als Einstieg zu verwenden.“

Liam schüttelte den Kopf. „Soweit wir wissen, sind die Wachen im Inneren des Palastes noch viel häufiger anzutreffen. Die privaten Gemächer der Grafenfamilie befinden sich im obersten Stockwerk. Wenn wir durch das untere Fenster einsteigen würden, müssten wir durch den Palast in das oberste Stockwerk gelangen. Unmöglich, wenn ihr mich fragt. Von hier müssen wir lediglich auf die andere Seite des Gebäudes gelangen. Dort befinden sich die Privatgemächer. Wir werden hier durch den Balkon einsteigen, den nächsten Quergang entlanglaufen und durch ein Fenster auf der anderen Seite wieder auf den Sims klettern.“

Thomas nickte. „Das ist der einzig sinnvolle Weg. Auf der anderen Seite würde es ebenfalls nicht funktionieren. Dort befinden sich mehr Wachen und es fällt zu viel Licht auf die Mauer. Wir hätten nicht genug Zeit, um ungesehen nach oben zu klettern.“

Liam pflichtete seinem jüngeren Bruder bei. „Wir haben uns sehr lange mit diesem Thema beschäftigt und sind alle derselben Meinung. Dieser Weg oder keiner. Geht es wieder?“ Er blickte Lynn an. Als diese nickte, fuhr er fort.

„Nächste Etappe: Wenn wir die Tür des Balkons öffnen, werden wir in einem Gang stehen und wenden uns dort nach links. Nach etwa zwanzig Schritten zweigt vom Hauptgang ein Quergang nach rechts ab, der durch das gesamte Gebäude bis zur gegenüberliegenden Außenwand führt. Unmittelbar hinter dem Abzweig ist eine Einbuchtung, die durch einen Vorhang verdeckt wird. Dort wird unser nächster Halt sein. Nach unseren Informationen kommen die Wachen in regelmäßigen Abständen an diesem Balkon vorbei.“

Lynn nickte.

Ein Fackelschein erhellte den Gang. Als die Wachen am Balkon vorbeigegangen waren, warteten sie noch eine kurze Zeit. Dann stieß Liam die Tür auf. „Los!“

Lynn zwängte sich durch den schmalen Spalt, ihr Bruder Thomas folgte. Liam verblieb auf dem Balkon. Kaum hatte er die Tür wieder zugezogen, erschienen die Wachen und gingen den Gang zurück. Liam musste warten, bis die Wachen erneut an ihm vorbeigegangen waren, wollte er ihnen nicht direkt in die Arme laufen. Dann öffnete er die Tür, schob sich hindurch und schloss sie wieder. Er wandte sich nach links, sprintete die Strecke bis zum Vorhang und trat lautlos in das Versteck. Es war eng und stickig. Die Schritte der Wachen waren zu hören. Liam biss sich auf die Lippen. Der Vorhang bewegte sich. Wenn dies den Wachen auffallen würde, wären sie aufgeflogen. Aber kein Plan ohne Risiko, kein Einbruch ohne Gefahren. Sie hielten den Atem an und die Wachen gingen an ihrem Versteck vorbei.

„Wenn die Wachen zurückkommen und um die Ecke gebogen sind, haben wir ein kurzes Zeitfenster, um den Quergang hinunterzulaufen. Am Ende dieses Querganges befindet sich ein Fenster und links und rechts ein kurzer Gang von etwa drei Schritt Länge. Beide Gänge enden vor einer massiven Eichentür. Links sind die Gemächer der Grafentochter, rechts die des Grafen. Die Türen werden verschlossen sein. Dahinter befinden sich jeweils Wachen, die die Türen von innen aufschließen müssen. Direkt dahinter befindet sich noch einmal eine identische Eichentür. Wir haben somit keine Möglichkeit, durch die Türen zu gelangen. Der einzige Weg ist das Fenster am Ende des Querganges, durch welches wir auf den Sims steigen werden. Wenn wir auf dem Sims stehen, müssen wir darauf entlanggehen und können durch eines der Fenster direkt in das Empfangszimmer der Grafentochter einsteigen. Denkt an den Treppenabgang in der Mitte des Querganges. Unsere Informationen besagen, dass die Treppe ausschließlich von der Grafenfamilie benutzt wird, um vom unteren Teil des Palastes direkt zu den privaten Gemächern zu gelangen. Dementsprechend steht unten am Fuß der Treppe immer ein Soldat, in unserer Etage aber nicht. Fragen?“

Kopfschütteln. Anspannung. Durchatmen.

Als die Wachen an ihrem Versteck vorbeigegangen waren, schoben sie lautlos den Vorhang zur Seite und liefen den Quergang hinunter. Liam hatte ein unangenehmes Ziehen im Rücken. Er wusste, dass es nicht lange dauern würde, bis die Doppelwache hinter ihnen wieder um die Ecke biegen würde. Wenn sie bis dahin nicht durch das Fenster auf den Sims gestiegen waren, würden die Wachen sie entdecken. Thomas hob bereits die Hände, um das Fenster öffnen zu können. Liam lief unmittelbar hinter ihm und zog die Augenbrauen noch oben. Was tat sein Bruder da? Laut ihren Informationen sollten in der Nische zwischen Quergang und Eichentüren keine zusätzlichen Wachen postiert sein, aber wer konnte das genau wissen? Liam wollte Thomas zurückhalten, aber es war zu spät. Einen Wimpernschlag später traf ein Schwertknauf seinen Bruder im Nacken und er ging zu Boden.

„Alarm“, brüllte die Wache. Liam blickte resigniert zu Boden und legte die Hand auf Lynns Schulter. Das war es dann. Sie hatten versagt. Wenn die Wache es ernst meinte, würden sie gleich hier auf der Stelle getötet werden. Liam schloss die Augen. Das hätte nicht passieren dürfen. Sie waren kurz vor dem Ziel gewesen. Was war ihnen von Kindesbeinen an eingebläut worden? Sichern, sichern, sichern. Ein kurzer Blick um die Ecke hätte genügt. Die Wache wäre unvorbereitet gewesen. Zu dritt hätten sie den Mann schnell und lautlos überwältigen können. Aber nein, Thomas hatte das Ziel vor Augen gehabt und hatte den obersten Grundsatz außer Acht gelassen. Triumphierend stellte die Wache den Fuß auf den Rücken des am Boden liegenden Thomas und brüllte noch einmal: „Alarm, Eindringlinge!“

„Scheiße!“ Eine dröhnende Stimme war über ihnen zu hören.

„Das war ausgewachsene, stinkende Ochsenscheiße!“

Große Laternen wurden aufgeblendet und tauchten den Gang in ein helles Licht. Liam blickte in die Richtung der Stimme und sagte nichts. Er war enttäuscht, enttäuscht über ihr Scheitern. Er konnte erkennen, wie sich sein Vater von einem Stuhl erhob und missmutig den Kopf schüttelte.

„Bei den Göttern! Was war das? Soll ich euch etwas sagen? Mein Barbier ist schon über sechzig und hat Probleme mit der Hüfte! Aber das hier hätte er besser hinbekommen als ihr. Das kann nicht wahr sein. Verdammte Scheiße!“

„Nimm deinen dreckigen Schuh von meinem Rücken“, blaffte Thomas den jungen Mann an, der die Rolle der Wache übernommen hatte und kam auf die Knie. Er rieb sich den Nacken. „Und wenn du noch einmal so hart zuschlägst, kannst du etwas erleben!“

„Ich habe die Wachen persönlich angewiesen, hart zuzuschlagen“, war die Stimme erneut zu hören.

Thomas blickte trotzig nach oben.

„Laut unseren Informationen steht hinter der Ecke keine Wache, Vater!“

„Du bist tot. Tote können nicht sprechen! Das war dilettantisch! Ihr habt nur noch wenige Tage. Ich erwarte von euch, dass ihr diesen Einsatz solange probt, bis er reibungslos funktioniert. Glaubt ihr, wir haben in dieser großen Lagerhalle zum Spaß Teile des Grafenpalastes nachgebaut? Euer Training soll so realistisch wie möglich sein! Wir können uns kein Scheitern erlauben. Das ist nicht akzeptabel!“

Thomas hatte eine spitze Erwiderung auf den Lippen, aber Lynn schüttelte den Kopf. „Lass es dabei bewenden. Dafür üben wir es, um Fehler zu erkennen.“

Thomas erhob sich mürrisch und ging den Gang hinunter. „Lasst mich in Ruhe!“

„Ich gebe euch kurz Zeit, um etwas zu trinken, anschließend proben wir erneut!“

Die Befehle von Liams Vater, dem Oberhaupt der Diebesgilde, waren eindeutig. Wortlos gingen sie den Gang hinunter, um am Ende an einer roh behauenen Holzleiter hinunterzuklettern und wieder ihre Ausgangspositionen einzunehmen.

13. Tag

- 1 -

Katerina und Conner saßen beim Frühstück in der Küche des Patrizierhauses der Kaufmannsfamilie Lovans in Buccaras. Die Bediensteten hatten den Raum bereits verlassen und so konnten sich beide ungestört unterhalten.

„Was hältst du von der Sache?“ Katerina schaute ihren Freund fragend an. Sie hatte ihm die Einzelheiten berichtet, die beim Verhör des Stadtvogts zutage getreten waren. Conner rieb sich nachdenklich das Kinn.

„Der „graue Ring“. Ich habe vorher kaum etwas darüber gewusst. Zu Zeiten des Krieges war ich ein Kleinkind und habe keine bewusste Erinnerung daran. Davon abgesehen, haben wir in unserem kleinen Dorf an der Nordwestküste ohnehin kaum etwas mitbekommen. Ich finde es beängstigend. Ein solch umfangreicher Plan wird nicht nebenbei ausgeheckt. Der Stadtvogt Anselm von Berg wurde vom „grauen Ring“ damit erpresst, dass seine Enkelin entführt und als Druckmittel eingesetzt wird. Er wiederum bedient sich unseres zweiten Schreibers Gunnarson, um einen Meuchler anzuheuern, der dann den ersten Schreiber Johannes Friedwald ermordet. Und alles, damit Gunnarson erster Schreiber wird und für den „grauen Ring“ Geld abzweigen kann? Wenn das stimmt, woran wir nicht zweifeln, dann steckt mehr dahinter, als wir ahnen. Wir legen uns mit einer Organisation an, von der wir im Prinzip nichts wissen, die über Leichen geht und zu allem Überfluss Magie einsetzen kann!“

Katerina legte die Hand auf Conners Schulter. „Jetzt, da wir die Pläne des „grauen Rings“ durchkreuzt haben, haben wir den Stein bereits ins Rollen gebracht. Wir sind so tief in diese Sache verwickelt, dass wir uns jetzt nicht mehr zurückziehen können. Der „graue Ring“ benötigt offensichtlich Geld, was er jetzt nicht bekommen wird. Gunnarson ist tot. Wir haben die Ratte in unserem Haus gefunden und unschädlich gemacht. Und“, Katerina hob einen Finger, „wir haben einen Trumpf, von dem keiner etwas weiß.“

„Sara“, fiel ihr Conner ins Wort. „Wir haben ebenfalls magische Unterstützung. Ich bin mir nicht sicher, wie sehr Sara das alles mitgenommen hat. Ihr Meister wurde auf dem Marktplatz verbrannt, sie ist wie durch ein Wunder entkommen und weiß selbst nicht, wie das geschehen ist. Sie kann sich immer noch nicht daran erinnern. Sie scheint wieder die Alte zu sein. Bisher wissen nur wir beide, Ronen und Hauptmann Arnim, dass Sara noch lebt. Das sollte vorerst so bleiben. Was meinst du?“

„Es bricht mir das Herz, meinen Eltern nichts zu sagen, aber je weniger von Sara wissen, desto besser. Niemand kann vorhersehen, wie die Priesterschaft nach der Hinrichtung von Meister Shiavo und dem mysteriösen Verschwinden von Sara reagieren wird. Die Bevölkerung ist beunruhigt und der Obere wurde verletzt. Ich werde meine Informanten ansprechen. Sie sollen sich auf den Straßen umhören. Bis wir mehr wissen, sollten wir nichts unternehmen.“

Conner nickte zustimmend. „Mir macht die Sache Angst. Wir sind einer mächtigen und geheimen Organisation auf die Spur gekommen. Wir wollten ursprünglich nur helfen, den Mord an Johannes Friedwald aufzuklären. Der „graue Ring“ wird das nicht auf sich beruhen lassen, fürchte ich.“

Katerina seufzte. „Und genau aus diesem Grund müssen wir weitermachen. Wenn wir schon die Aufmerksamkeit des „grauen Rings“ auf uns gezogen haben, dann bleibt uns nichts anderes übrig. Wir müssen Informationen beschaffen. Ich treffe mich jetzt mit Hauptmann Arnim und gehe mit ihm zur Baronin. Wir werden ihr Bericht erstatten und weitere Schritte besprechen.“

Sie gab ihrem Freund einen liebevollen Kuss und verließ die Küche.

Als Katerina das Arbeitszimmer des Hauptmanns betrat, fand sie den kleinen, dicken Mann hinter seinem Schreibtisch sitzend vor. Er schien seine Unterlagen zu ordnen.

„Frau Lovans“, begrüßte er sie. „Ich möchte mit Ihnen über die letzten Geschehnisse und unsere neuen Erkenntnisse sprechen, bevor ich zur Baronin gehe, um sie zu informieren.“

„Sie werden allein zur Baronin gehen?“

„Offiziell leite ich die Ermittlungen. Ihr Vater selbst war bei der Baronin, um dies zu fordern. Sie sind Zivilistin. Die Baronin würde Sie nicht anhören. Lassen Sie uns die weiteren Schritte diskutieren und ich werde der Baronin Bericht erstatten. Und glauben Sie mir, wenn ich sage, dass ich Sie mehr als lobend erwähnen werde.“

Katerinas Anflug von Zorn verrauchte ebenso schnell, wie er gekommen war. Der Hauptmann faltete seine Hände und legte sie auf die Tischplatte. „Ich für meinen Teil bewerte die neuen Erkenntnisse, die wir vom Stadtvogt erhalten haben, als sehr interessant“, begann er. „Unsere Vermutungen haben sich bestätigt. Er war derjenige, der die Fäden in Buccaras in der Hand gehalten hat.“

„Aber was weiß er? Er könnte uns wertvolle Informationen liefern“, antwortete Katerina. „Sicher ist er nicht in alles eingeweiht, aber sollten wir ihn wirklich verhaften und in den Kerker werfen? Wir wissen nicht, wen der „graue Ring“ in Buccaras noch alles als Kontaktmänner hat. Gunnarson war tief in diese Sache verstrickt, ein Umstand, der jedem durch die Gerichtsverhandlung deutlich geworden ist. Aber, dass wir über von Berg Bescheid wissen, dürfte unbekannt sein. Dies müssen wir zu unserem Vorteil nutzen.“

„Wie stellen Sie sich das vor, Frau Lovans? Ich werde der Baronin die Rolle des Stadtvogts in diesem Spiel nicht verheimlichen können.“

„Das nicht, aber Sie könnten sie ein wenig beeinflussen und in die richtige Richtung lenken, meinen Sie nicht?“ Katerina lächelte. „Wir könnten mit Saras Hilfe den Büttel überwältigen, den der „graue Ring“ zu Überwachung des Stadtvogts abgestellt hat und ihn befragen, um so weitere Informationen zu bekommen. Von Berg hat Angst um das Leben seiner entführten Enkelin. Wenn wir die Enkelin befreien, wird uns von Berg helfen. Er würde in unserer Schuld stehen.“

„Das ist nicht von der Hand zu weisen. Ich werde darüber nachdenken.“

„Hauptmann, der „graue Ring“ ist aktiv. Wir werden durch tatenloses Rumsitzen nicht verhindern können, dass er seine Fühler weiter ausstreckt. Wir werden bereits seine Aufmerksamkeit erregt haben. Wir müssen schnell handeln. Der „graue Ring“ wird auf das Durchkreuzen seiner Pläne reagieren. Jetzt können wir noch etwas tun.“

Arnim erhob sich und umrundete seinen mächtigen Schreibtisch. „An Ihnen ist eine Strategin verlorengegangen. Wir sollten unseren Vorteil nutzen, solange wir ihn noch haben. Ich glaube, Sie haben Recht. Ich muss zur Baronin. Vorher habe ich aber noch etwas zu erledigen. Kommen Sie, das wird Sie interessieren.“

Der Hauptmann öffnete die Tür und ließ Katerina den Vortritt. Sie gingen die Treppe hinunter und Arnim lenkte Katerinas Schritte hinaus auf den Innenhof der Garnison. „Bleiben Sie bitte hier stehen. Es ist Mittagsappell.“

Katerina konnte alle Soldaten der Garnison erkennen, die in Reih und Glied angetreten waren. Als der kommandierende Soldat den Hauptmann sah, brüllte er „Achtung!“ Alle Köpfe ruckten in Richtung des Hauptmanns. Arnim schritt langsam weiter, verschränkte die Arme hinter dem Rücken, blieb vor seinen Männern stehen und erhob die Stimme: „Wir vertreten Recht und Ordnung. Wir beschützen die Baronin und diese Stadt. In den letzten Tagen gab es einige Vorkommnisse, in deren Verlauf Soldaten unserer Garnison ihr Leben verloren. Sie taten ihre Pflicht und wir werden uns ihrer erinnern. Unteroffizier Stom!“

Stom trat aus der Reihe der Soldaten vor und ging auf den Kommandanten zu. Statt eines militärischen Grußes nickte er, da sein rechter Arm in einer Schlinge eng am Körper lag, was die Folge des Kampfes mit dem Auftragsmörder des ersten Schreibers des Handelshauses Lovans war. Stom stellte sich neben den Hauptmann.

„Zu Ehren der Gefallenen, stillgestanden!“

Ein Ruck ging durch die Soldaten. Stom stimmte einen Schlachtruf an, der von den Soldaten wiederholt wurde. Der Innenhof schien zu vibrieren. Wieder und wieder brüllten die Soldaten, bis sie plötzlich verstummten, ihre Köpfe gleichzeitig hoben und in den blauen Himmel schauten. Kein Geräusch war zu hören. Einen Moment später senkte Stom seinen Kopf und alle Soldaten taten es ihm gleich. Als er in die Reihe zurückkehren wollte, hielt ihn der Hauptmann zurück und blickte auf seine Soldaten. „Wir können unsere toten Kameraden nicht mehr zurückholen, wir können aber den aus dem Einsatz zurückgekehrten Soldaten unsere Anerkennung und unser Lob aussprechen.“ Arnims Blick suchte Stoms Augen. „Unteroffizier Stom. Aufgrund ihres Einsatzes für die Baronie und das Königreich ernenne ich sie mit sofortiger Wirkung zum Weibel.“

Baronin Irelldo waren die letzten Tage nicht gut bekommen. Sie wirkte blass. Die Ringe unter ihren Augen bestärkten diesen Eindruck. Sie regierte bereits viele Jahre in Buccaras. Seit dem Ende des Magierkrieges hatte es keine Krisen gegeben. Fürst Natwich hatte Teile des alten Kaiserreichs geeint und das Königreich Halwaangen ausgerufen, welches er als König regierte, seitdem die Adelsversammlung ihn dazu bestimmt hatte. Andere Teile des Kaiserreichs hatten sich zum Königreich Sellten, nordöstlich gelegen, zusammengeschlossen. Beide Reiche hatten eine gemeinsame Grenze und lebten ohne größere Auseinandersetzungen nebeneinander. Die Vorfahren der Baronin waren schon über viele Jahrzehnte in der Region um Buccaras ansässig gewesen. Nachdem König Natwich Graf Abich in Aonu als Oberhaupt bestätigt hatte, war es nur noch eine Formalität, und Baronin Irreldo wurde der durch den Krieg verwaiste Herrscherthron von Buccaras zugewiesen. Seitdem hatte sie weise regiert und die Stadt aufgrund der im angrenzenden Troschgebirge reich vorkommenden Erze zu Wohlstand geführt. Den meisten Einwohnern ging es gut, die politische Lage war stabil, die Garnison hatte alles unter Kontrolle. Mit der in Buccaras ansässigen Priesterschaft und dem Tempelvorsteher, dem Oberen, pflegte sie über die Jahre einen regelmäßigen und respektvollen Umgang. Dann war der Obere nach kurzer Krankheit verstorben und der „Leuchtende Schild“, Seine Exzellenz Rirchow D’Derouc, das geistliche Oberhaupt der Priesterschaft im Königreich Halwaangen hatte einen neuen Oberen nach Buccaras gesandt. Der Beginn allen Übels. Baronin Irelldo konnte sich bisher nicht erklären, was D’Derouc dazu veranlasst hatte, einen solchen Fanatiker zum Oberen zu ernennen. Es lief alles aus dem Ruder. Er ging auf Konfrontationskurs, wo er nur konnte. Die eingefahrenen, etablierten Strukturen warf er ebenso über den Haufen wie gute Manieren. Warum tat er das? Irreldo war ratlos. Sie hatte ihre Diener aus dem Audienzzimmer hinausgeschickt, um mit dem Kommandanten ihrer Garnison über diesen Punkt sprechen zu können. Der Hauptmann hatte ihr über die aktuellen Erkenntnisse bezüglich des Mordes im Handelshaus Lovans Bericht erstattet. Aus ihrer Sicht war dies völlig zweitrangig. Sie hatte Arnim volle Handlungsfreiheit erteilt, um das Thema beiseiteschieben zu können. Einzig bei Anselm von Berg hatte sie kurz gezuckt. Er hatte als Drahtzieher im Hintergrund fungiert und den Mord zwar nicht selbst ausgeführt, aber mit zu verantworten. Dafür musste er bestraft werden. Arnim hatte ihr die Fakten dargelegt. Sie hatte nicht alle Zusammenhänge auf Anhieb verstanden und nicht weiter nachgefragt. Sie hatte schließlich zugestimmt, den Stadtvogt vorerst nicht unter Arrest zu stellen, um den Hinweisen um den „grauen Ring“ nachzugehen. Irreldos Meinung war eindeutig und unmissverständlich. Der „graue Ring“ war nach dem Krieg vollständig zerschlagen worden. Wenn der Verdacht bestand, dass sich der „graue Ring“ neue formierte, wollte sie dafür erst Beweise sehen. Vermutungen allein würden nicht weiterhelfen. Der Hauptmann sollte zusammen mit Katerina Lovans, die er mehrfach und in den höchsten Tönen gelobt hatte, die Ermittlungen weiterführen. Bekamen sie etwas heraus, konnte Irelldo den König darüber informieren.

„Das Problem mit der Priesterschaft steht für mich an erster Stelle, Hauptmann“, sagte die Baronin. „Er hat die Akademie geschlossen und die Hinrichtungen veranlasst. Das konnte er unter dem Deckmantel der Ausnahmegesetze tun, soweit waren wir uns einig. Wir haben Informationen bekommen, dass er Bürger meiner Stadt in den Tempel zitiert. Er befragt sie und ermittelt in Richtung Ketzerei. Die Bevölkerung ist nach den letzten Geschehnissen beunruhigt. Wir können es nicht zulassen, dass er die Bürger der Stadt einschüchtert, einsperrt oder aufwiegelt. Was gedenken Sie zu tun?“

„Wir haben die Priester bereits der Akademie verwiesen. Ihre Untersuchungen waren beendet, sie hatten nichts gefunden. Ich habe Wachen vor dem Tor der Akademie postiert, um zu verhindern, dass sie diese Anordnung ignorieren. Der Obere wollte neben dem Leiter der Akademie, Meister Ibenburg, einen Priester einsetzen, um die Akademie unter Kontrolle zu bekommen. Dies habe ich abgelehnt, dazu hat er keine Befugnis. Die Lage ist momentan ruhig, der Obere ist aber schwer einzuschätzen. Es ist unmöglich vorherzusagen, was er als nächstes tun wird. Hinzu kommt, dass er bei der Hinrichtung der Magier schwer verletzt wurde. Es wird sich zeigen, was das bedeutet. Ich werde nichts unternehmen, was die Situation weiter eskalieren lassen könnte.“

Die Baronin schüttelte den Kopf. „Bis auf einen Punkt stimme ich Ihrem Vorgehen zu, Hauptmann. Ich möchte, dass Sie sich darum kümmern, dass die Priester keine Bürger mehr in den Tempel vorladen. Der Obere will den Schein der Freiwilligkeit wahren, aber unterschwellig spricht er Drohungen aus. Viele Bürger haben nicht den Mut, dieser ‚Einladung‘ zu widersprechen.“

„Ich werde sehen, was sich machen lässt. Ich könnte zwei Männer vor den Tempel postieren. Alle Bürger, die in den Tempel gehen, werden angesprochen, ob sie dies freiwillig tun oder dazu aufgefordert wurden. Ein aufklärendes Gespräch, damit diejenigen, die der Mut verlassen hat, wissen, dass ihnen nichts geschehen kann.“

Die Baronin nickte bedächtig. „Mehr können wir nicht tun.

Akzeptiert. Machen Sie es so!“

- 2 -

Ryan und Liam hatten am Morgen den Entschluss gefasst, in Aonu die Suche nach Bryan aufzunehmen. Sie hatten sich in den letzten Tagen darauf konzentriert, die Nachricht Bryans zu suchen und hatten diese, gemeinsam mit Hegen, im Tempel gefunden. Von Bryan fehlte bisher jede Spur.

Liams Muskeln schmerzten und er war müde vom gestrigen Training, sodass er Ryan zu einem ausgiebigen Frühstück gebeten hatte.

Bevor sie zur Suche aufbrachen, hatte Liam noch mit seinem Vater über dieses Thema gesprochen. Dieser hatte zunächst befohlen, ihm die gefundenen Berichte auszuhändigen und niemandem ein Wort davon zu erzählen. Liam hingegen vertrat die Meinung, dass diese Informationen weitergegeben werden mussten. Der Inhalt war zu wichtig, als dass er in einer Schublade verschwinden durfte. Bryan hatte in seinen Nachrichten davon gesprochen, dass er Männer dafür bezahlt hatte, ihn regelmäßig mit Informationen aus Aonu zu versorgen. Eine seiner Quellen, sowie er selbst, hatten eine Gruppe von vier Personen ausfindig gemacht, die offensichtlich Magier waren und unerkannt Aonu betreten hatten. Selbst eine Personenbeschreibung war in Bryans Nachricht vorhanden. Ein alter Mann mit kahlem Schädel, eine blonde, junge Frau und zwei farbige Hünen. Niemand sonst schien diese Informationen zu besitzen. Liam wollte sie offiziellen Stellen zukommen lassen. Sein Vater schüttelte daraufhin den Kopf und fragte seinen Sohn, ob er wisse, womit die Gilde, der er vorstand, ihren Lebensunterhalt bestritt. Die Worte seines Vaters klangen Liam noch in den Ohren: Der Anführer der Diebe geht zum Garnisonskommandanten oder zum hiesigen Kommandanten des Geheimdienstes und übergibt ein Schriftstück? Davon abgesehen, dass diese Stellen einem Dieb nicht unbedingt vertrauen würden, bestand eine gewisse Wahrscheinlichkeit, den Dieb gleich dort zu behalten. Liam hielt dagegen, dass hier höhere Ziele dahinterstanden. Sollte der „graue Ring“ wieder aktiv werden, konnten alle in den Abgrund gezogen werden, egal, ob das Militär, der Geheimdienst oder die Diebesgilde. Dieses Argument hatte Johann Mullar umgestimmt. Erleichtert hatte Liam seinen Vater in den Arm genommen. Dieser klopfte ihm auf die Schulter. „Ich werde die Papiere weitergeben. Du hast mein Wort.“ Er wechselte das Thema. „Viel Glück bei der Suche nach eurem Freund. Denk an das morgige Training in der Lagerhalle. Es wird bereits bei Sonnenaufgang beginnen. Du weißt, wo du hin musst?“

„Hegen hat mir davon erzählt. Ich werde pünktlich sein.“

Liam hielt den Zettel mit der Wegbeschreibung Katerinas zu Bryans Unterkunft in den Händen und dirigierte Ryan durch die Straßen Aonus. Bryan lebte in einem kleinen Zimmer im zweiten Stock eines Mietshauses in einer heruntergekommenen Seitenstraße des Vergnügungsviertels. Im Erdgeschoss befand sich eine kleine Schänke. Die Haustür stand offen und die beiden Männer traten ein. Die Tür in den Schankraum ließen sie rechts liegen, nahmen die Treppe nach oben und klopften an die erste Tür auf der linken Seite, so wie es Katerina ihnen beschrieben hatte.

Eine ältere Frau öffnete die Tür. „Was gibt es?“, fragte sie anstatt einer Begrüßung.

Liam ergriff das Wort. „Wir suchen Bryan. Ist er da?“

„Ich kenne keinen Bryan.“

„Uns wurde gesagt, dass wir Bryan hier finden. Er wohnt hier.“

„Sehe ich aus wie ein Bryan? Haut ab, ich muss schlafen!“ Die Frau schlug den Männern die Tür vor der Nase zu.

„Nette Zeitgenossin.“ Liam zog die Augenbrauen nach oben. Als sie die Stufen zum Erdgeschoss hinabstiegen, stand am Fuß der Treppe ein Mann und schaute ihnen entgegen.

„Seid ihr wegen des freien Zimmers hier?“

Liam horchte auf. „Lass mich reden“, flüsterte er Ryan zu, „vielleicht kann er uns helfen.“

„Wir überlegen noch“, antwortete Liam, während sie die Treppe hinunterstiegen. „Sind Sie der Hauswirt?“

Der Mann nickte. „Wollt ihr das Zimmer oder nicht? Ich habe noch andere Sachen zu tun.“

„Ein Freund von uns, Bryan, sagte, er würde hier wohnen und klang zufrieden. Deshalb denke ich darüber nach, hier ein Zimmer zu nehmen.“

„Bryan? Dieser verdammte Hurensohn? Ihr seid Freunde von ihm? Dann könnt ihr gleich seine ausstehende Miete bezahlen.“ Fordernd hielt der Mann Liam die geöffnete Hand entgegen.

„Warum sollte ich das tun? Wo ist er?“

„Ist in einer Nacht- und Nebelaktion verschwunden. Schien sich mit den falschen Leuten angelegt zu haben. Keine Ahnung, womit er sein Geld verdient hat. Ich war schon im Bett, als ich Stimmen und Getrampel auf der Treppe und im Flur hörte. Ich konnte nur verstehen, wie jemand schrie, dass das Schwein verschwindet. Er hatte sich aus dem Fenster abgeseilt, wie ich später feststellte. Offenbar warteten auf der Straße weitere Leute, um seiner habhaft zu werden. Ich hielt es für besser, in meinem Zimmer zu bleiben.“

„Wo ist Bryan jetzt?“

„Keine Ahnung. Ich habe ihn seit jener Nacht nicht mehr gesehen. Als ich am nächsten Morgen in seinem Zimmer nachgesehen habe, war es leergeräumt. Keine persönlichen Gegenstände, nichts. Habe es saubergemacht und weitervermietet. Habe schließlich nichts zu verschenken.“ Der Mann rieb sich am Kinn und schien nachzudenken. „Ihr seid nicht wegen des freien Zimmers hier. Ihr sucht nach Bryan.“

Liam schüttelte den Kopf. „Bestimmt nicht. Bryan hat mir dieses Haus empfohlen, falls ich einmal ein Zimmer brauchen sollte, deswegen hätte ich gerne mit ihm gesprochen. So wie es aussieht, werde ich das Zimmer nicht nehmen.“ Er schlug Ryan auf die Schulter. „Lass uns gehen.“ Er nickte dem Hauswirt zu und trat auf die Straße.

Celine tätschelte den Kopf des Mannes. Der Eisenring um den Hals, der mit einer schweren Kette an einem Haken an der Wand befestigt war, schnitt tief in das faulende Fleisch. Unmenschliche Laute drangen aus seiner Kehle. Celine betrachtete ihr Experiment mit Wohlwollen. Ihre Fähigkeit, Menschen die Lebensenergie aussaugen und einhauchen zu können, hatte sie schon des Öfteren eingesetzt. Vor einiger Zeit war ihr der Gedanke gekommen, was geschehen würde, wenn sie einem Toten Energie zuführen würde. Würde sie ihn dem Tod entreißen können? Die Idee faszinierte sie. Sprechen konnte sie darüber mit niemandem. Wen hätte sie einweihen und um Rat fragen sollen? Sie kannte in Aonu niemanden außer den Mitgliedern ihrer Gruppe, die vom „grauen Ring“ nach Aonu geschickt worden waren, um ein Ritual vorzubereiten. Großmeister Dillyoun war Leiter der Mission. Mit dabei waren außerdem ihre beiden Brüder Erwan und Fabic, ebenfalls Meister der Magie wie sie selbst.

Großmeister Dillyoun hatte genug damit zu tun, sein armseliges Leben zu retten und würde für eine Diskussion sicher kein offenes Ohr haben. Der Auftrag in Aonu, für dessen Durchführung er vom „grauen Ring“ die Verantwortung übertragen bekommen hatte, lief alles andere als gut. Der „graue Ring“ ging mit Versagern selten zimperlich um und Dillyoun war bemüht, diese Mission erfolgreich zu Ende zu führen. Meister Fabic war auf diesem Fachgebiet der Magie vollkommen unwissend und demzufolge kein adäquater Gesprächspartner für Celine. Meister Erwan war von der Priesterschaft aufgespürt und getötet worden. Er war es gewesen, der die gesamte Mission zum Scheitern hätte bringen können, nur weil er sich von Bryan seinen Ring hatte stehlen lassen, der für die Durchführung des Rituals zwingend notwendig war.

Bryan, dachte Celine.

Bryan war drauf und dran gewesen, den Plan des „grauen Rings“ in Aonu zu durchkreuzen. Dillyoun war alt und schwach, Celine empfand nichts weiter als Verachtung für ihn. Wenn sie nur an das faltige Gesicht unter dem kahlen Schädel dachte, verdrehte sie bereits die Augen. Sie hatte ihm schon einige Male Lebensenergie zugeführt. Dies hatte bei ihm aber nicht die Wirkung, die es bei normalen, nicht magiebegabten Wesen hatte. Scheinbar zehrte etwas in ihm die neue Lebenskraft auf bis er wieder sein tatsächliches Alter erreicht hatte. Wirkliche Entscheidungen waren von Dillyoun nicht zu erwarten. Celine hatte das Problem daraufhin selbst in die Hand genommen. Zuerst hatte sie Bryans Informanten beseitigt und ihn anschließend entführt. Ein Lächeln umspielte ihren Mund. Bryan zu verhören, mit ihm zu spielen und das Versteck des Rings aus ihm herauszubekommen, hatte ihr Freude bereitet. Anschließend hatte Bryan es vorgezogen, die Welt der Lebenden zu verlassen. Celine schüttelte den Kopf. Warum nur hatte er sie so reizen müssen? Wutentbrannt hatte sie ihn bestraft, ihm Schmerzen zugefügt, weil er es nicht anders verdient hatte. Als sie am nächsten Tag nach Bryan gesehen hatte, war er an seinen Verletzungen gestorben. Celine hatte mit Erstaunen festgestellt, dass sie so etwas wie Trauer und Reue empfunden hatte. Eine Regung, die ihr in ihrem bisherigen Leben bisher unbekannt gewesen war. Dieses Gefühl war sehr schnell wieder verflogen, als ihr bewusst wurde, dass sie das perfekte Versuchsobjekt für ihr bisheriges Gedankenexperiment gefunden hatte. Bryan war spurlos verschwunden. Niemand wusste, wo er sich befand, und es gab keine Spuren, die zu Celine zurückverfolgt werden konnten. Da sie nach dem gescheiterten Versuch, den gestohlenen Ring aus dem Tempel des Urolos wiederzubeschaffen, für einige Tage untertauchen musste, hatte sie ihre Idee in die Tat umgesetzt und Bryan Lebensenergie eingehaucht.

Im Keller dieses verlassenen Hauses war sie genauso sicher vor den verhassten Priestern des Oberen von Aonu wie im Versteck mit Dillyoun und ihrem Bruder. Zwar verbarg ihr Ring, den sie ständig bei sich trug, ihre dämonische und magische Aura, aber sie wollte trotzdem keine unnötigen Risiken eingehen und hielt sich nur auf der Straße auf, um von einem Versteck zum anderen zu gelangen. Das Aussehen einer alten Frau schützte sie zusätzlich.

Mit Erstaunen hatte sie festgestellt, dass ihr die Übertragung der Lebensenergie bei Toten leichter fiel als bei den Lebenden. Meister Dillyoun und den Priester auf dem Tempelvorplatz hatte sie küssen müssen. Obwohl sie sonst keinerlei Probleme mit körperlichem Kontakt hatte, musste sie sich überwinden, ihre Lippen auf Dillyouns zu pressen. Als sie Bryan tot auf dem Boden vorfand und der Entschluss in ihr reifte, das Experiment zu starten, hatte sie mit großer Freude festgestellt, dass sie mit reiner Gedankenkraft Lebensenergie übertragen konnte. Sie hatte die Arme gestreckt, die Finger nach vorne gespreizt und die Energie fuhr in den toten Körper Bryans. Das Ergebnis hatte sie einerseits fasziniert, andererseits ernüchtert. Bryan stand vor ihr, getragen von seinen eigenen Beinen. Leider war dies schon alles. Bryan war nicht mehr der Bryan, der er vorher gewesen war. Offensichtlich konnte die Lebensenergie den Körper wiederbeleben, nicht aber den Geist. Die Hülle bewegte sich und schaute sie aus toten und trüben Augen an. Sie hatte einen Untoten erschaffen. Durch die Übertragung der Energie war Bryan offenbar an sie gebunden. Sie würde dies weiter ausprobieren müssen. Der animalisch wirkende Trieb und die ungebändigte Aggressivität Bryans erschreckten sie. Er gehorchte, aber alle anderen Lebewesen, die in seine Reichweite kamen, wurden ohne Gnade zerfetzt. Celine hatte dies bisher nur mit Tieren ausprobiert, die sie in das Kellerverließ gebracht hatte. Einzig ihr Befehl konnte Bryan daran hindern, aktiv zu werden. Sie schüttelte den Kopf, als sie die Stufen nach oben stieg und die Kellerluke hinter sich zufallen ließ. Sie würde darüber nachdenken müssen, wie sie mit der Situation weiter umgehen sollte. Beenden würde sie das Experiment auf keinen Fall. Wer konnte schon vorhersehen, was die Zukunft bringen würde und wozu man Bryan noch einsetzen konnte?

- 3 -

„Euer Durchlaucht. Ein Bote brachte diesen Brief. Er kommt direkt aus dem Palast in Hygoria von König Natwich.“

„Danke, Patrick. Bleib bitte bei mir, während ich ihn lese.“

Graf Abich, der Herrscher von Aonu, las die wenigen Zeilen, lehnte sich in den hohen Lehnstuhl zurück und reichte sie dann seinem Diener und Vertrauten. „Lies selbst und lass mich deine Meinung dazu hören.

Graf Abich,

lieber Freund, ich möchte Euch den Besuch von Graf Wulfon ankündigen. Er ist einer meiner Vertrauten und soll sich ein Bild von Eurer bezaubernden Tochter Renee machen. Ich habe bereits viel von ihr gehört. In wenigen Wochen wird sie sechzehn Jahre alt und ist damit vom Gesetz her berechtigt, Eure Nachfolge anzutreten. Aonu ist einer meiner wichtigsten Stützpunkte und ich muss an das Wohl des gesamten Reiches denken, trotz unserer langjährigen Freundschaft.

Graf Wulfon wird sich einige Tage bei Euch aufhalten und sehen, inwieweit Eure Tochter dazu in der Lage ist, die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Bitte bereitet Graf Wulfon einen angemessenen Empfang, er reist unter meiner Standarte und ist somit offizieller Vertreter der Krone.

Graf Wulfon ist zeitgleich mit dem Boten dieses Briefes aus Hygoria abgereist.

Mit den besten Wünschen für die Zukunft Eurer Tochter.

König Natwich

Patrick legte den Brief auf einen kleinen Tisch. „Es ist ein offenes Geheimnis, dass der König über eine Neubesetzung des Herrschersessels von Aonu nachdenkt. Eine junge und unerfahrene Frau regiert Aonu? Eine Provinzhauptstadt und ausgebaute Großfestung, die die Schifffahrtswege und Erzlieferungen aus Buccaras kontrolliert? Mir wäre als König bei diesem Gedanken ebenfalls unwohl.“ Der Berater machte eine kleine Pause, um dann sofort hinzuzufügen: „Die Fähigkeiten Eurer Tochter in allen Ehren, Euer Durchlaucht, aber in Hygoria kennt sie niemand. Dort herrscht Skepsis, wenn ein sechzehn Jahre altes Mädchen Eure Nachfolgerin werden soll. Wie schlägt sie sich in Verhandlungen oder in militärischen Fragen?“

„Ich schätze deine offenen Worte schon viele Jahre. Du warst mir stets treu und du wirst meiner Tochter ebenfalls treu dienen. Ich bin davon überzeugt, dass meine Tochter es schaffen wird. Sie wurde von der Wiege an auf diese Position vorbereitet.“

„Euer Durchlaucht weiß es, der Hof in Aonu weiß es und ich weiß es. Der König wird Eure Herrscherlinie nicht beenden, wenn er dazu keine triftigen Gründe hat. Und die werden wir ihm nicht liefern. Graf Wulfon kann ruhig anreisen. Ich habe keine Bedenken, dass Eure Tochter den Test, denn nichts anderes wird es sein, zu Eurer vollsten Zufriedenheit bestehen wird.“ Der Graf nickte zufrieden. „Dann bereite alles für den Abgesandten des Königs vor. Er bekommt die privaten Sondergemächer.“

Patrick wandte sich zum Gehen. Graf Abich hielt ihn zurück.

„Ich würde gerne deine Meinung zu den Geschehnissen der letzten Tage hören. Die Untersuchungen der Priesterschaft haben bei dem toten Magier ergeben, dass es eine Art Kreuzung zwischen Mensch und Dämon ist. Ich habe während des Magierkrieges für den Kaiser gekämpft und habe auf den Schlachtfeldern viele grausame und unerklärliche Dinge erlebt, aber dieses Ergebnis habe ich wahrlich nicht erwartet. Wie ist das möglich? Nach den Geschehnissen im Tempel und auf dem Tempelvorplatz haben alle offizielle Stellen Ermittlungen aufgenommen. Mit dem Oberen stehen wir in Kontakt und der Stadtkommandant leitet die offiziellen Ermittlungen. Was der Geheimdienst tut, weiß niemand so genau. Untätig werden sie mit Sicherheit nicht sein. Es steht außer Zweifel, dass der getötete Magier nicht der einzige in Aonu gewesen ist. Was bisher feststeht, ist, dass zwei Männer im Tempel etwas suchten und nach den Vorkommnissen im inneren Bereich des Tempels tot aufgefunden wurden. Sie wurden untersucht, und es konnten Restspuren mächtiger Magie bei ihnen festgestellt werden. Sie sollen von einer Gruppe, bestehend aus zwei Männern und einer Frau, aufgehalten worden sein.

Darüber hinaus wurden mehrere verschwundene Personen gemeldet, sowie ein toter, vergreister Hafenarbeiter gefunden. Die übrigen Arbeiter beschrieben ihn eindeutig und sagten, dass er nicht älter als dreißig Jahre gewesen sei. Der tote Mann konnte eindeutig als dieser Arbeiter identifiziert werden, hatte aber das Aussehen eines alten Mannes! Sollen wir wirklich annehmen, dass es ‚Etwas‘ gibt, was die Lebenskraft aus einem Menschen heraussaugen kann? Was denkst du über diese Ereignisse? Ich habe dir Einblick in sämtliche bisher vorliegenden Untersuchungsergebnisse gewährt und deine Ansichten stets gewertschätzt.“

„Nun, Euer Hochwohlgeboren, es ist schwierig, Situationen zu beurteilen, die einem zu abwegig erscheinen, um sie für wahr zu halten. Die Untersuchungen der Priester scheinen eindeutig zu sein. Sie wurden von einer zweiten, unabhängigen Gruppe wiederholt und bestätigt. Wir können die Tatsachen nicht bestreiten. Dieses Wesen war sehr mächtig. Obwohl es überrascht wurde, brauchte es ein Dutzend Priester, um es letztendlich zu besiegen. Dabei hat es mehrere Priester getötet oder verletzt. Wir müssen annehmen, dass dieses Wesen die Runen am Nebentor zum Leuchten gebracht und den wachhabenden Soldaten ermordet hat. Wir können aber nicht sagen, ob mit diesem Wesen noch weitere Magier unsere Stadt betreten haben. Nach dem, was auf dem Tempelvorplatz geschehen ist, müssen wir dies annehmen. Ihr fragtet mich nach meiner Meinung, Euer Hochwohlgeboren. Ich habe das Gefühl, dass dies erst der Anfang ist. Seit Ende des Magierkrieges ist kein Magier in Aonu gewesen. Jetzt sind mindestens zwei eingedrungen, wovon wir den zweiten immer noch nicht gefunden haben. Es soll eine junge Frau sein. Was wollen sie hier? Sie werden sich nicht grundlos der Gefahr einer Entdeckung aussetzen, weil die Konsequenz ihr sicherer Tod wäre. Es gibt einen wichtigen Grund. Außerdem kann die Priesterschaft die Magierin nicht aufspüren. Sie scheint sich tarnen zu können. Warum konnte der andere Magier das nicht? Und was ist im Tempel genau geschehen? Anwesende, die wir als Zeugen vernommen haben, beschrieben die Vorkommnisse als verstörend, beängstigend und rational nicht erklärbar. Darf ich spekulieren, Euer Hochwohlgeboren?“

Graf Abich nickte. „Nur zu!“

Patrick rieb sich das Kinn. „Die Tempelanlage ist heilig. Wir wissen aus dem Magierkrieg, dass die niederen Dämonen den Tempel nicht betreten konnten und die mächtigen von ihnen mit einer Schwächung ihrer Kräfte rechnen mussten. Die junge Frau hat vor dem Tempel gewartet. Ihre beiden Vasallen sollten etwas aus dem Tempel für sie beschaffen. Warum hat sie dies, was immer sie suchte, nicht selbst aus dem Tempel geholt? Da normale Magier kein Problem mit heiligen Plätzen haben, wird sie eine dämonische Komponente in sich tragen! Es muss ein sehr wichtiger Gegenstand gewesen sein. Ich habe von Aussagen gelesen, wonach etwas in die heilige Flamme geworfen worden sein soll und im Tempel ein kleines Beben verursacht hat. Wenn ich weiter spekuliere, würde ich sagen, dass der von der jungen Frau gesuchte Gegenstand dadurch zerstört wurde. Die Konsequenz der bisherigen Untersuchung kann meiner Meinung nach nur zwei Dinge bedeuten: Erstens, die junge Frau muss gefunden werden. Zweitens, die Gruppe, die ebenfalls im Tempelinneren gewesen ist, sollte verhört werden. Sie müssen mehr wissen.“

Graf Abich nickte zustimmend. „Das sehe ich ebenfalls so, und ich befürchte, dass deine Spekulationen der Wahrheit entsprechen! Es ist an der Zeit, die „dunklen Schleier“ einzubinden.“

„Den königlichen Geheimdienst?“

„So ist es. Die Ermittlungen des Stadtkommandanten genügen nicht!“

„Ich werde sofort den Verbindungsoffizier zu Euch bringen lassen“, antwortete Patrick.

Graf Abich blickte den jungen Mann fragend an. Patrick hatte ihn in sein privates Konferenzzimmer bringen lassen. Der Graf hatte es sich auf einem großen Sofa bequem gemacht, die Beine übereinandergeschlagen und einen Arm auf die Rückenlehne gelegt. Der junge Mann stand vor ihm und hatte die Hände auf den Rücken gelegt. Er trug die pechschwarze Uniform der „dunklen Schleier“, Rangabzeichen waren keine zu erkennen.

„Ich danke Euch für Euer Entgegenkommen, Euer Hochwohlgeboren. Aber seid gewiss, der Geheimdienst des Königs ermittelt bereits. Wir haben ein weitreichendes Netz und tragen eine Vielzahl von Hinweisen zusammen. Wir würden es begrüßen, sämtliche Informationen von Euch und der Priesterschaft zu bekommen, um uns ein allumfassendes Bild machen zu können. Darüber hinaus brauchen wir Zugang zum Leichnam des Magiers.“

„Ich habe Sie rufen lassen, weil ich denke, dass wir einer ernsten Bedrohung gegenüberstehen. Sie werden alle erdenkliche Hilfe bekommen. Haben Sie Informationen, die wir nicht kennen?“ Graf Abich war unschlüssig, wie er den jungen Mann einordnen sollte. War es ein Grünschnabel, der seine ersten Schritte ohne seinen Mentor machte? Der Geheimdienst des Königs beschäftigte keine Stümper. Das Alter spielte keine Rolle und man durfte sich nicht täuschen lassen. Wie zu einer Bestätigung lächelte der junge Mann. „Wenn wir den Zeitpunkt für gekommen erachten, werden wir Euch an unseren Informationen teilhaben lassen, Euer Hochwohlgeboren. Wann können wir den Leichnam abholen lassen?“

„Abholen? Wir haben ihn in den Katakomben sicher verwahrt und neugierigen Blicken entzogen. Sie wollen ihn hoffentlich nicht durch die Straßen Aonus chauffieren?“, fragte Abich verblüfft.

Das Lächeln verschwand aus dem Gesicht seines Gesprächspartners. „Das lasst bitte unsere Sorge sein. Im Laufe des Tages werden wir den Leichnam abholen.“

Graf Abich nickte. Die „dunklen Schleier“ waren nach dem Magierkrieg von König Natwich ins Leben gerufen worden. Er hielt es für zwingend notwendig, eine Organisation zu gründen, die parallel zur normalen Befehlskette agieren konnte. Sie unterstand direkt dem König und nur dem König in Hygoria und hatte weitreichende Befugnisse. Selbst er als Graf konnte diesem jungen Mann keine Befehle erteilen. Im Zweifelsfall musste er das tun, was der junge Mann von ihm verlangte. Gegründet wurden die „dunklen Schleier“ aus den Überresten einer Spezialeinheit, die im Krieg mit dem Aufspüren von Magiern und Dämonen betraut gewesen war. Ihr Kommandant war Fukusal Germos, die „Geheime Hand“. Graf Abich war ihm einige Male in Hygoria begegnet. Ein messerscharfer Verstand, gepaart mit grenzenlosem Selbstvertrauen aus jahrzehntelangen Einsätzen. Er war einer der engsten Vertrauten des Königs. Unzählige Geschichten rankten sich um die „Geheime Hand“. Seine Agenten waren im gesamten Königreich verteilt und arbeiteten jahrelang in verdeckten Operationen, um sich Zugang zu Sekten, Diebesbanden, Hehlern und Drogenhändlern zu verschaffen. Es hielten sich hartnäckige Gerüchte, dass die Agenten selbst die Priesterschaft und die Adelshäuser infiltriert hatten.

„Sie können den toten Magier abholen, wann immer es Ihnen beliebt“, antwortete Graf Abich mit einem übertriebenen Lächeln.

- 4 -

Die beiden Männer waren unschlüssig. Der Obere hatte sie zu sich in seine privaten Räume im Tempel von Buccaras bestellt. Sie konnten die Stimme des Oberen durch die geschlossene Tür hören und einzelne Wortfetzen verstehen, die keinen Sinn ergaben.

„Mit wem spricht er?“

„Womöglich ist er noch im Fieberwahn?“

„Es scheint so, als gebe er jemandem Instruktionen. Aber es ist niemand bei ihm, oder?“

Einer der Männer legte das Ohr an die Tür, als sich diese wie von Geisterhand öffnete. Er zuckte zurück.

„Kommt her“, befahl eine herrische Stimme.

Der Obere lag auf einem Sofa. Seine Unterarme sowie die rechte Gesichtshälfte waren mit dicken Verbänden bedeckt. Er blickte mit dem freien Auge auf seine Stellvertreter, die vor ihm standen.

„Ich will keine schlechten Nachrichten hören. Berichtet!“

„Wir haben das Handelshaus und die Lagerhäuser der Familie Lovans durchsucht. Es gab nicht die geringsten Anzeichen für magische oder dämonische Aktivitäten.“ Der Mann zögerte, ehe er weitersprach. „Ist es wirklich notwendig, dass einer unserer Brüder dort wohnen soll, so wie Ihr es befohlen hattet? Die Familie ist harmlos.“

„Wer harmlos ist und wer nicht, entscheide ich!“, wurde er sogleich zurechtgewiesen. „Ich werde mich persönlich um die Familie Lovans kümmern, wenn es an der Zeit ist! Es wird vorerst keiner der Brüder dorthin gehen. Verstanden?“ Die Männer nickten ergeben. „Was ist mit der verdammten Alchemistenschule?“

„Wir haben die Akademie durchsucht und noch einmal alle Mitarbeiter befragt. Es gibt keinen Anhaltspunkt, dass sich dort noch weitere Magier aufhalten. Artefakte wurden nicht gefunden. Euer Ansinnen, die Leitung der Akademie zu kontrollieren, indem Meister Ibenburg ein Priester zur Seite gestellt bekommt, wurde durch die Baronin abgewiesen. Hauptmann Arnim hat Wachen vor der Akademie postiert und verweigert Priestern den Zutritt. Die Untersuchungen seien abgeschlossen, wir hätten kein Recht mehr dazu.“

Der Obere richtete sich auf und setzte sich. „Wenn er diese Auseinandersetzung haben will, soll er sie bekommen. Sehen diese Verblendeten nicht, was in Buccaras vor sich geht? Man muss nur in mein Gesicht blicken. Ich bin entstellt, entstellt von dieser Magierhure, die auf dem Scheiterhaufen hätte verbrennen sollen. Gibt es neue Erkenntnisse zu dieser Frau?“

Die Männer schüttelten den Kopf. „Ihr habt gesehen, was alle gesehen haben. Eine schwarze Wolke, die Drohungen aussprach und Euch in die Flammen stieß. Sara Lovans Leichnam wurde nicht gefunden. Meister Shiavos hingegen schon, er wurde bereits vor der Stadt verscharrt. Es gibt keinerlei Informationen. Es sieht so aus, als habe sich Sara Lovans in Luft aufgelöst.“

„Verdammt!“, schrie der Obere ungehalten. „Das akzeptiere ich nicht. Die Bevölkerung ist ängstlich und verunsichert, die Baronin schwach. Die Ausnahmegesetze sind aktiv und wir werden sie als Hebel einsetzen. Wir müssen dieses Thema weiter vorantreiben, um ihm den nötigen Nachdruck zu verleihen. Ich erwarte, dass ihr euch verstärkt darum kümmert. Wir können die Bevölkerung auf unsere Seite ziehen. Angst ist ein sehr guter Gehilfe.“

„Wir haben verlässliche Männer rekrutiert, die sich in der Stadt umhören. Aufgrund der gelieferten Informationen bitten wir Bürger in den Tempel, um sie zu befragen. Ketzerei ist ebenfalls eine Straftat. Zwei Soldaten sind vor dem Tempel aufgetaucht und haben Position bezogen. Sie halten jeden an, der in den Tempel gehen will und befragen ihn.“

Das Auge des Oberen wurde schmal. „Das wird uns in die Karten spielen. Gebt euren Informanten den Befehl, ab sofort niemanden mehr zu denunzieren. Ich werde mich persönlich darum kümmern. Verbreitet die Nachricht, dass ich in einigen Tagen auf dem Tempelvorplatz sprechen werde! Diese Stadt lebt vom Erz. Geht zu den Tagelöhnern im Hafen, geht zu den Bergbauarbeitern, wenn es sein muss, in die Stollen! Wir müssen die einfachen Menschen erreichen. Mit ihrer Unterstützung werden wir mehr bewirken als die Baronin mit ihren wenigen Soldaten und Bütteln! Ich will, dass der Tempelvorplatz vor Menschen aus allen Nähten platzt!“ Er blickte die beiden Männer streng an. „In der Zeit bis zu meiner Rede werden in der Stadt einige Zwischenfälle geschehen, um der Bevölkerung, der Baronin und allen voran diesem fetten Hauptmann zu zeigen, was es heißt, wenn man sich nicht an die Gebote der Götter hält. Seid kreativ!“

Beide Männer nickten ergeben und wagten es nicht, zu widersprechen.

„Kümmert euch um eure Aufgaben. Ich erwarte Ergebnisse, schnelle Ergebnisse.“ Er machte eine kurze Pause. „Ihr könnt gehen. Ich will nicht gestört werden. Von niemandem.“

Die Stellvertreter nickten, verließen den Raum und schlossen die Tür hinter sich. Der Obere erhob sich und ging langsam auf eine Seitentür zu. Als er sie öffnete, stand dort ein Mann, der in einen weiten braunen Umhang gehüllt war, unter dem es von einem Brustpanzer silbern schimmerte.

„Es tut gut, dich wiederzusehen“, sagte der Obere und nahm ihn in den Arm. Der Mann erwiderte die Begrüßung und klopfte dem Oberen auf den Rücken. Der Priester schloss die Tür und führte den Mann in den Raum. Er setzte sich auf das Sofa und blickte erwartungsvoll. „Du sagtest, es wäre dringend. Was gibt es zu berichten?“

„Das kann noch einen Augenblick warten. Wie geht es dir?“

Der Obere nahm vorsichtig seinen Verband vom Gesicht. Zum Vorschein kam eine verbrannte Gesichtshälfte. Die Pupille und die Iris waren farblich kaum vom restlichen Auge zu unterscheiden. Ein weißlicher, milchiger Schleier. Die rechte Wange war vernarbt und hellrot.

„Hast du Schmerzen?“, fragte der Mann besorgt.

Der Obere schüttelte den Kopf. „Ich habe meine Verletzungen versorgt und werde dieses Gesicht nutzen, um die Bevölkerung weiter gegen die Baronin aufzubringen. Dies wird uns helfen!“ Er blickte seinen Besucher an. „Ich bin neugierig. Was ist der Grund deines Hierseins? Du wolltest dich sicher nicht nur nach meinem Befinden erkundigen?“

„Nachdem ich erfahren hatte, was in den letzten Tagen in Buccaras geschehen war, hielt ich es für angeraten, dass wir uns über die aktuellen Vorfälle austauschen. Unser ursprünglicher Plan, die Handelshäuser zu infiltrieren, um unsere Unternehmungen mit ausreichend Geld auszustatten, ist fehlgeschlagen. Clas Gunnarson wurde des Mordes überführt. Der Stadtvogt hat schnell reagiert und ihn hinrichten lassen, bevor er sagen konnte, was er wusste.“

„Viel war es ohnehin nicht. Wie willst du mit dem Stadtvogt verfahren?“, fragte der Obere.

„Den haben wir unter Kontrolle. Seine Enkelin ist in sicherem Gewahrsam, unsere Männer sind ständig in seiner Nähe. Es ist viel los in der Stadt. Da fallen zwei weitere Büttel nicht weiter auf, dies ist nichts Ungewöhnliches.“ Der Mann lächelte kalt.

„Niemand hat Verdacht geschöpft. Der Stadtvogt wird uns noch nützlich sein.“

„Wir haben unsere Unternehmung lange geplant. Ohne das Geld kommt alles ins Stocken.“

„Das glaube ich nicht“, antwortete der Mann. „Aus diesem Grund habe ich um diese Unterredung gebeten. Uns hat sich eine andere Quelle erschlossen, die uns auf einen Schlag von allen Geldsorgen befreien wird.“

Der Obere lehnte sich zurück. „Du machst mich neugierig.“

„Wenn du mich erst angehört hast, wirst du mir zustimmen. Vertrau mir.“

„Du bist einer der wenigen Menschen unter der Sonne, denen ich rückhaltlos vertraue. Du hast mein Leben gerettet, Milton!“

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