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Fünf Kurzgeschichten rund um Weihachten entführen in die Welt der Träume und Fantasie. Ein Heiligabend in der Zukunft, die Begegnung mit zauberhaften Wesen sowie der Besuch einer außergewöhnlichen Hausgemeinschaft lässt den Leser die Magie des Weihnachtsfestes spüren.
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Seitenzahl: 84
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Der Zauberhut
Weihnachten 2050
Drei Federn
In Grimms Märchenland
Haus Nr. 17
Einst erschaffen durch Fantasie und Ideenreichtum war die Magische Welt nun in Gefahr. Herr und Frau Schnurr bemerkten es zuerst. Die Welt schrumpfte.
Das Katzenpaar Herr und Frau Schnurr lebte schon lange glücklich und zufrieden in der Magischen Welt
Dort gab es weder Raum noch Zeit, es wurde nicht geboren oder gestorben. Alles Leben war ein Ergebnis ausgeprägter Fantasie.
Die Schnurrs waren recht stattliche Katzen. Er graumeliert, sie orangebraun. Sie lebten im Sonnenwald. Hier gab es ewigen Tag.
Wenn sie durch ihren Wald spazierten, so wie Menschen auf zwei Beinen, er im Anzug und sie im Kleid mit Jäckchen, waren sie hübsch anzusehen. Man konnte sich an ihnen und ihrem Geplauder erfreuen so wie auch am gesamten Wald, in dem ihr Häuschen stand.
Die Bäume hatten braune, violette, dunkelgrüne oder schwarze Stämme und ragten hoch in einen Himmel mit wechselnden Pastellfarben. Die Blätter leuchteten fein abgestimmt in vielen kräftigen Farben. Es wuchsen ebenso kleine Bäumchen und Büsche mit bunten Blüten. Der ganze Wald war eine Farbexplosion und dennoch angenehm fürs Auge. Es gab auch weite Lichtungen mit Blumen und buntem Gras.
Frau Zirr, die Schlange mit dem Drachenkopf war für den Pflanzenreichtum der magischen Welt verantwortlich.
Als diese fantastische Welt erschaffen wurde, war Frau Zirr eins der ersten Geschöpfe. Sie spie kein Feuer, wie man es von einem Drachen erwartete, sondern Samen. Damit bedeckte sie die Welt, auf der sie sich dahinschlängelte. Diese wurde immer größer.
Je nach Lust und Laune der Frau Zirr wuchsen auf Bergen, in Tälern und Schluchten Pflanzen von einer Vielfalt, wie man es sich nicht vorstellen konnte.
Frau Zirr selbst war keine bunte Erscheinung. Ihre Haut besaß jedoch ein wunderbar schillerndes Grün und der Drachenkopf konnte nach Belieben die Farbe wechseln.
So schlängelte sie sich durch die Welt.
Frau Dina war ein Flugsaurier mit schwarzem und pinken Federkleid sowie weit ausladenden ebenfalls schwarz-pinken Flügeln. Mitten in ihrem hübschen Gesicht befand sich ein Rüsselchen. Sie hatte die Aufgabe, lebensspendenden Saft auf die Samen der Frau Zirr zu sprühen, denn Regen wie wir ihn kennen, gab es in der Magischen Welt nicht. Alles, was wuchs und erschaffen wurde, hatte man den zauberhaften Wesen mit ihren jeweiligen Gaben zu verdanken. Einmal gewachsen, blieb es für immer. Tod und Verfall gab es nicht, lediglich Umwandlung war möglich, wenn jemand den Wunsch nach Veränderung äußerte.
Frau Zirr und Frau Dina waren unzertrennlich, egal wo, man sah sie immer zusammen, eine wundersame Flora hinter sich lassend. Passend zu den Pflanzen entwickelte sich kleines und großes Getier.
Manchmal begegneten die beiden Unzertrennlichen dem Wolfsrudel aus dem Mondwald.
Im Mondwald war ewige Nacht, nur der leuchtend gelbe Mond strahlte am schwarzblauen oder tiefvioletten Himmel. Es gab Sternenbilder in allen Farben. Wenn es hier auch recht dunkel war, an Farbe wurde im Mondwald ebenfalls nicht gespart.
Frau Zirr hatte die Idee, Pflanzen mit Leuchteffekten zu erschaffen. So konnte man plötzlich vor einem schwarzen Baum mit glühenden Blüten stehen oder durch eine farbig schimmernde Graslandschaft wandern. Den Wölfen gefiel das nicht, sie liebten nur den dunklen Wald im Mondlicht.
Wenn ein Baum sich den Spaß machte und seine Blüten plötzlich aufleuchten ließ wie von einem Schalter betätigt, um die Wölfe zu erschrecken, rannten sie heulend davon und beschwerten sich bei Herrn Hirsch.
Herr Hirsch war so etwas wie die Seele der Magischen Welt und äußerst klug. Er besaß die Gabe, Chaos zu beseitigen und Streit zu schlichten. Auch wusste er als einziger um die Entstehung der Magischen Welt.
Herr Hirsch riet den Wölfen, die frechen Bäume zu ignorieren und sich besser darauf zu konzentrieren, imposante Bauwerke zu erschaffen. Aus ihrem rauchenden Atem entstanden Burgen, Städte, Siedlungen, einzelne Paläste, Brücken, Höhlen ganz wie es ihnen gefiel.
Um dem ganzen einen Sinn zu geben, wurde der Magische Wald von Zwergenvölkern besiedelt.
Es wuselte und sprühte vor Lebendigkeit, im Sonnenwie auch im Mondwald und allen anderen fantastischen Orten.
Ein jedes Volk der Zwerge hatte seine Vorlieben, die einen liebten den Tag, die anderen die Nacht, manche die Wüste, andere das weite Land.
Neben Herrn Hirsch, der Drachenschlange Frau Zirr, der Flugsaurierdame Frau Dina, dem Wolfsrudel und den Schnurrs gab es noch einen dicken Bären namens Kralle sowie die Bulldogge Herrn Bell.
Herr Bell besaß die Kraft der Verwandlung.
Allerdings hatte er viel Quatsch im Kopf.
Herr Kralle der korpulente und friedliebende Bär mit einem samten in allen Farben schimmernden Fell war von Natur aus faul, jedoch ein guter Berater. Trieb es Frau Zirr im wahrsten Sinne des Wortes einmal wieder zu bunt, bot Herr Kralle ihr Einhalt und hielt ihr einen Vortrag der Farblehre.
Hatte das Wolfsrudel übertrieben und ein Tal samt umliegender Berge planlos mit Städten und Dörfern zugebaut, lehrte er sie in ausgewogener Landschaftsgestaltung und Städteplanung.
Das Katzenpaar Schnurr besaß die Gabe der ausgesprochen vorzüglichen Gastfreundschaft. Es konnte Speisen für jeden Geschmack hervorzaubern.
In ihrem kleinen Häuschen und auch im liebevoll angelegten Garten fühlte sich ein jeglicher Besucher wohl und genoss die Köstlichkeiten und Plaudereien der Gastgeber.
So hatte ein jeder seine Talente und Fähigkeiten, die er einbringen konnte, um die Magische Welt weiterzuentwickeln. Außer Herr Bell vielleicht.
Herr Bell war etwas eigensinnig. Es bereitete ihm Schwierigkeiten, die Wünsche der anderen zu erfüllen, wenn diese nicht seinen eigenen entsprachen. Aber damit konnten alle umgehen, man behelligte ihn nur im äußersten Notfall. Die Zwerge hatten großen Respekt vor ihm und bestachen ihn mit Leckereien, wenn sie doch einmal seine Dienstleistung in Anspruch nehmen mussten.
Herr Hirsch beobachtete das Treiben argwöhnisch und bot Herrn Bell regelmäßig Einhalt. Schließlich war er für das harmonische Zusammenleben in der Magischen Welt verantwortlich.
Auch die Zwerge gestalteten ihre Umgebung mit, erfanden nützliche Dinge und bauten unermüdlich Wege von einer Ansiedlung zur anderen, so wie sie es brauchten, denn sie gingen gerne spazieren so wie das Katzenpaar Schnurr. Nun sie konnten sich anders als die Magischen Wesen auch nur zu Fuß weiterbewegen. Zu groß wäre sonst das Chaos gewesen, denn es gab Millionen von Zwergen.
Die Magischen Wesen waren mal hier mal dort, es gab für sie weder Raum noch Zeit.
Herr und Frau Schnurr rümpften darüber die Nase und verurteilten es als Faulheit. Sie ließen sich auch nicht dazu überreden, ihren Standort zu wechseln, ohne ihre Füße zu benutzen. Sie waren bodenständige Bewohner dieser fantastischen Welt. Ihnen genügte ihr Sonnenwald. Dieser war groß genug für ausgedehnte Spaziergänge.
Es dehnte sich die Magische Welt mit dem Sonnenund Mondwald und noch unzähligen weiteren Gebieten immer mehr ins Unendliche aus, bis irgendwann die Langeweile Einzug hielt. Das war gar nicht gut.
Die sonst so friedlichen Bewohner fingen an, sich auf die Nerven zu gehen.
Frau Zirr spukte nur noch spärlich Samen, meist farblos und von eintöniger Form. Sie schlängelte sich gelangweilt durch die neu entstandenen kahlen Berge und Täler, um sich bald in eine Höhle zu begeben und zu schlafen.
Herr Kralle wurde noch fauler und lag den ganzen Tag in der Sonne.
Das Wolfsrudel hatte keine Ideen mehr und schuf langweilige Hochhäuser, die es wahllos irgendwo hinsetzte. Die Zwerge waren entsetzt und weigerten sich, darin zu wohnen.
Herr Hirsch war genervt von allem und jedem und hatte keine Kraft mehr, etwas in Ordnung zu bringen.
Er der sich für die Magische Welt verantwortlich fühlte, spürte eine Lustlosigkeit, die fast schon an
Depression grenzte. Was war nur los?
Ihn interessierten auch die schrecklichen Neubauten nicht mehr.
Statt Herrn Kralle zu bitten, die Wölfe in guter moderner Baukunst zu unterrichten, drehte er sich um und wollte in Ruhe gelassen werden. Herr Kralle lag sowieso nur faul herum. Das wusste er. So wie er wusste, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war in der Magischen Welt. Nur konnte oder wollte auch er nichts dagegen tun.
Herr Bell war plötzlich nicht mehr interessiert, die Betonklötze in hübsche Bauwerke umzuwandeln.
Auf einmal störten ihn die vielen kleinen Zwerge und aus Verdruss verwandelte er die umliegenden Bäume in einen Käfig, der die Kleinen einsperrte.
Erst als das Geschrei und Gezeter unerträglich wurde und durch die gesamte Magische Welt hallte, sorgte Herr Hirsch für Ordnung, ließ den Käfig verschwinden und drohte den Wölfen mit Höhlenarrest.
Die Hochhäuser blieben allerdings stehen.
Die Zwerge murrten und erfanden einen Sprengstoff, um diese Bauten zu zerstören.
Die Schnurrs waren entsetzt. In der Magischen Welt gab es bisher weder Zerstörung noch Fantasielosigkeit und so gut wie keinen Streit.
Waren das erste Anzeichen für den Untergang ihrer so geliebten Welt? Herr und Frau Schnurr waren friedliebende und glückliche Katzen.
Plötzlich empfand Herr Bell einen schrecklichen Neid auf die beiden und setzte seine magischen Kräfte ein, ihnen das Leben schwer zu machen.
Kamen die Schnurrs vom Spaziergang zurück, konnten sie oft ihr geliebtes Häuschen nicht mehr zu Fuß betreten. Es fehlte die Tür oder es war von einer tiefen Schlucht umgeben. Manchmal fehlte sogar das Dach.
Um das Katzengejammer zu beenden, erschien dann der genervte Herr Hirsch und stellte die Ordnung im Haus und Garten der Schnurrs wieder her.
Um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen, flog Frau Dina ziellos umher und versprühte merkwürdige Substanzen, die sämtliche Farben erblassen ließen. Auch sie war von der Langeweile erfasst worden und hatte keine Freude mehr am bunten Wachstum.
Ein paar Tropfen fielen auf Frau Zirr, die davon trübweiße Flecken auf ihrem so hübsch schillernden Körper bekam. Voller Wut spukte sie giftige Samen, die wiederrum für hässliche Auswüchse auf dem Rüsselchen der Flugsaurierdame sorgten. Von nun an konnten sich die beiden nicht mehr leiden und waren auch nicht mehr bereit, zusammenzuarbeiten.
Herr Hirsch suchte verzweifelt das Weite und verschwand im Mondwald. Er verkroch sich zum Nachdenken in eine tiefe Höhle.
Das Wolfsrudel indes sorgte im Sonnenwald für Unruhe und erzeugte durch ununterbrochenes Geheule anhaltendes Ohrensausen bei den Bewohnern.
Es schien, als stiftete die Langeweile die Wesen zu Dummheiten, Streit und Schlimmerem an.
Die Magische Welt hörte auf, sich zu entwickeln und schrumpfte infolge purer Sinnlosigkeit.
Nun passierte den Schnurrs etwas Erschreckendes. Noch nie hatten sie bei ihren ausgedehnten Spaziergängen den Sonnenwald verlassen. Sie waren eben bodenständig und liebten ihren Sonnenwald mit ihrem gemütlichen Heim und den umliegenden Ansiedlungen der Zwerge.
