Mahatra - Franziska Oertel - E-Book

Mahatra E-Book

Franziska Oertel

5,0

Beschreibung

In einer altindisch anmutenden Welt vollzieht sich der Einweihungsweg von Mahatra: Katharsis, Opferung und letztendlich die Vereinigung mit dem Höchsten. In dem menschlichen Schicksal von Mahatra spiegelt sich das Menschheitsschicksal, das Schicksal der Völker, der Lebenden und Toten. Die poetische Sprache lässt alle Ebenen miteinander verschmelzen und so auch letztendlich Inhalt und Form: eine spirituelle Reise durch die Schönheit und Grausamkeit des Lebens, auf der Suche nach dem Sinn unseres Daseins und im festen Glauben an die Bedeutung des Einzelnen für alle. Dieses Buch ist nicht einfach zu lesen: das Geheimnis der Katharsis durchzieht es und wie mit einem ewigen Licht leuchtet in fast mythischen Bildern das heilige Ur-Geheimnis in die Seele hinein. Eine Legende für alle, die sich durch das Gelesene wirklich verändern lassen wollen. Denn wir bleiben zurück mit einer großen Hoffnung, die seit jeher im Hier und Heute liegt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 147

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
5,0 (18 Bewertungen)
18
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



»Leiden ist eine Begleiterscheinung der höheren Entwickelung. Es ist das, was man nicht entbehren kann zur Erkenntnis. Es gibt keine Entwickelung ohne Leiden.«

Rudolf Steiner (GA 110, S.182f)

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

1

Es lebte einmal ein König, der herrschte über ein großes Reich und er hatte zwei Söhne. Der ältere war wie die glänzende Sonne mit strahlendem Blick und forschem Mut, mit funkelnder Rüstung und dem ewigen Lächeln eines Jünglings, der nie ein Unglück gesehen hat. Vor nichts kannte er Angst.

Der jüngere Bruder, der ihm nur wenige Jahre nachstand, war wie der Mond: still und mit dem rätselhaften Blick in die Vergangenheit der Nächte und Nachtmahre, duldsam, gefügig... und sein Herz war eine Schale, so angefüllt mit Unglück ohne Grund, dass nichts und niemand auf der Welt sie je hätte austrinken können, am wenigsten er selbst.

Aber jeder von beiden blühte auf nach seiner Art und übte sich in allerlei Künsten. Der erste Sohn sollte dem Vater einst auf den Thron folgen und erlernte das Staatswesen und die Kriegsführung. Der zweite studierte die Bücher, und es hieß, er wüsste so genau zuzuhören und hinzusehen, dass er einem Anderen ansah, was dieser vorhatte, noch bevor er zum ersten Wort anhob. Er konnte so still sein, dass er manchmal begann, des Anderen Gedanken zu vernehmen wie die eigenen, und er konnte so tief blicken, dass er zuweilen Verschiedenes gleichzeitig sah am selben Fleck.

Sie liebten einander wie die allerbesten Brüder, und als der ältere mit achtzehn Jahren die Weihe zum Mann erhielt, wählte er den jüngeren Bruder, um ihn nach seiner Rückkehr zu erwarten.

Dieses Ritual verlief so: Es erwartete den Jungen ein Priester, und sie führten ein geheimes Gespräch, um das sich viele Sorgen und Erwartungen der Knaben rankten. Man bekam dort Dinge gesagt, die ließen einen im Leben nicht mehr los. Und mancher trat mit ratlosem Gesicht nach wenigen Stunden vor die Höhle und ein anderer kam mit glühendem Blick nach einem Tag zurück. Und nur Einem auf der Welt durfte man davon berichten, und dieser schwor das Schweigen auf den Tod. Denn gerade schwere Worte muss man teilen, aber mit nur einem einzigen Menschen war es erlaubt, mochte er alt oder jung sein, und dieser erhielt von dem Priester die Anweisung, all das, was er hörte, zu nehmen wie einen Traum.

Und damals hörte man noch auf die Priester.

Der ältere Sohn hieß Mahal. Der jüngere hieß Mahatra. Als der neugeweihte Jüngling die Höhle gegen Morgen verließ, saß der jüngere Bruder auf einem umgestürzten Baumstamm, umgeben von hohen, gewaltigen Erlen, deren Äste sich über Wege und Boden streckten, so als hielten sie ein Tuch in den Fingerspitzen, durchwirkt mit funkelndem Kristall. Die Brüder sahen einander an und Mahal war voller Freude, aber der andere wusste, dass die Götter der Schale der Leiden in seinem Herzen neu aufgegossen hatten. An der Begeisterung des älteren Bruders sah er, was nicht einmal dieser selbst wusste: dass kein Meer der Welt den Strom der Schmerzen hätte fassen können, der aus der Zukunft heraufdrang.

Mahal war prophezeit worden, seinem Vater auf den Thron zu folgen und eine wunderschöne Braut heimzuführen. So schön würde das Mädchen sein, dass es keinen Mann gäbe, der ihn nicht um sie beneiden würde.

»Du aber wirst mich nicht beneiden!«, sprach Mahal zu Mahatra, von dessen tadellosem Charakter er wie jeder wusste.

Dieser zögerte, bevor er antwortete.

»Nun, wenn es so prophezeit ist... dann werde ich dich gewiss auch beneiden.«

Da war Mahal achtzehn und Mahatra war sechzehn Jahre alt.

Es blieb dem Älteren nicht verborgen, dass Mahatras Kummer nicht abnahm. Er tat viel, um ihn zu erheitern, und auf der Jagd, bei leichten Konzerten und Spielen der höfischen Gesellschaft wurde der Blick des Jungen zuweilen etwas heller, bis Mahal schließlich glaubte, ihn befreit zu haben von dem, wovon er dachte, dass es den Bruder niederdrückte: das Misstrauen gegen sich selbst um des prophezeiten Neides willen. Doch Mahatra trug ein anderes Leid in seinem Herzen.

Als er das achtzehnte Lebensjahr erreichte und die Höhle des Priesters betrat, sah dieser ihn mit ernsten Augen an. Mahatra wollte sich vor ihm verbeugen, wie es Brauch war, doch der Priester sprach:

»Höre, Mahatra. Das Leben des alten Mannes, den du vor dir siehst, hatte nur einen Sinn: hinzuwarten auf diese Stunde. Verbeuge dich nicht, darum bitte ich dich. Du weißt, warum ich so spreche.«

Der junge Königssohn schloss die Augen, denn er ahnte es dunkel und unbestimmt. Seit viele Jahren hatte er sich vor derselben Stunde gefürchtet, die der Priester so sehnsüchtig erwartet hatte.

Der Alte fuhr fort.

»Dunkle Zeiten sind heraufgezogen. Finsternis hat sich der Menschenherzen bemächtigt, wer Augen hat, dies zu sehen, der sieht es. Und du hast diese Augen, mein Sohn, darum hat sich dein Blick verschleiert, je besser du zu sehen verstandest, und er wurde wund vor Traurigkeit.«

»Es gibt auch Licht in der Welt.«, antwortete Mahatra abwehrend, denn das Wort des Weisen schnitt ihm ins Herz und er war jung – oder wollte es sein.

»Die Schatten werden es fressen,« antwortete der Priester, »so nicht einer kommt, von dem prophezeit ist, er würde den aufsteigenden Dämon besiegen können, jenen Dämonenkaiser, der sich nährt von der Finsternis in den Menschenherzen und der sich eine Gestalt erwählt in der stärksten Verdichtung, in der größten Verwirrung – inmitten des Dickichts der Gefühle und Gedanken der Menschheit. Du kennst die Legende.«

Ein jeder kannte sie, denn schon den Kindern wurde sie erzählt.

Jeder kannte die Geschichte von dem Dämon, der einen Mantel trug, genäht aus Haut und Haar – und jeder wusste, das ebenfalls ein Mensch kommen sollte, der sehen konnte ohne Augen, der sprechen konnte ohne Zunge, der kämpfte ohne Hand und Schwert – und siegte. Der die Völker zu vereinen und ihren störrischen Sinn in Mitleid und Mut zu verwandeln vermochte. Einer, der die Meere bewegte und ganze Wälder verpflanzte. Er sollte ihren Hass in Liebe und ihren Zorn in Demut ändern. Die Welt wartete seit Jahrtausenden auf die Erfüllung dieser Prophezeiung, doch sein Erscheinen sollte wachsen an der Finsternis, und sein Licht würde aufstrahlen in der dunkelsten Stunde. Und niemand würde sicher wissen, wer es sei, bevor er sich selbst offenbarte.

Und er würde die Fähigkeit besitzen, aus jedem Menschen nur durch einen Blick ein Tier herauszujagen, denn in allen Herzen sitzt ein Tier und folgt seiner Lust je nach seiner Art und macht die Menschen grausam auf die eine oder andere Art.

»Ich gebe dir für dein Leben mit, dass du dieser Eine bist.«, sprach der Priester leise mit seiner alten Stimme, und mit einem Mal beugte er das steife, zittrige Knie und umklammerte die eiskalte Hand des Jünglings, presste sie an seine Stirn und sagte: »Es ist in deine Hand gelegt, diese eine Hoffnung zu sein, Mahatra, und ich bitte dich im Namen aller: Rette uns!«

»Ich bin es nicht!«, stieß der Junge da hervor, über dem die Angst wie eine Woge zusammenschlug, sodass er glaubte, zu ertrinken. »Wie sollte ich das tun! Wo steht geschrieben, wie ich es vollbringen soll?«, rief er dann zornig, er, der doch alle Bücher gelesen hatte und wie der Priester wusste, dass es nirgendwo verzeichnet stand.

Die Verzweiflung riss aus der Tiefe seines Herzen die Wut herauf.

»Wer hat bestimmt, dass ich es bin und nicht ein anderer? Wer sind diese Mächte, die eines Menschen Schicksal nehmen und nach Belieben umher werfen? Wer hat mir diese Bürde bestimmt - und ist es denn die meine? Steht nicht geschrieben, er bleibt unbekannt, bevor er sich selbst offenbart? Steht nicht geschrieben, er ist armlahm, blind und ohne Zunge? Dies soll mich erwarten? Nein, niemals!«

Damit riss er sich los und floh aus der Höhle des Priesters, lief fort, und Mahal, der wiederum auf ihn gewartet hatte, erhob sich und ging ihm entgegen, um ihn in die Arme zu schließen, auch wenn er sich nicht denken konnte, was den Bruder so bewegte.

Und dieser sagte es ihm auch nicht.

Da nahm Mahatra den Schmerz und begrub ihn in seinem Herzen.

Im Traum der ersten Nacht schaufelte er voller Wut das Grab.

Im Traum der zweiten Nacht stieß er die Verzweiflung über den Rand in den Sarg, doch sie klammerte sich an seiner Seele fest.

Im Traum der dritten Nacht stieß er seine Seele hinterher und schob die Grabplatte darüber. Und in jeder folgenden Nacht schaufelte er Erde über diesen Stein, bis ein großer Hügel entstand. Jede Nacht trug er Erde herbei, des Tags aber ging er auf die Feste am Hof, tanzte mit den Mädchen, erlernte den Kampf mit Schwert und Bogen, ließ alle Bücher sein, ritt auf die Jagd mit den anderen jungen Männern, zechte mit ihnen und trieb mit ihnen den Unsinn, den junge, starke Leute eben treiben.

Seinen Bruder, den angehenden König, freute diese Entwicklung natürlich. Aber doch sah er, dass den Augen seines Bruders mit der Zeit etwas fehlte, sein Blick war leerer als früher und zuweilen, wenn er einen Augenblick für sich war, sogar wie der eines Toten. Wann immer der kleine Bruder sich an irgendeiner Kurzweil beteiligte, schien es Mahal nicht richtig, obwohl er es ihm doch von Herzen gönnte. Es war, als ritte ein unlängst Verstorbener in ihrer Mitte und als müsste in wenigen Tagen Nachricht von seinem Tode kommen und ein jeder würde sich wundern, weil sie ihn doch unter sich gehabt hatten wie einen Lebendigen.

Aber es kam keine solche Botschaft.

Nach einigen Jahren wurde aus dem Hügel über dem Kummer in Mahatras Herzen ein Berg. Mahatra hatte nicht vergessen, was unter diesem begraben lag, doch es erschien ihm wie ein Traum. Aber nicht nur die Erinnerung, sondern das ganze Leben war ihm ein Traum geworden, in dem er täglich mittat, was die anderen taten, wie ein Spiegel war er geworden, in dem ein jeder nur ein schwaches Abbild des früheren Mahatra fand: einen reichlich angenehmen jungen Mann, von dem hinter vorgehaltener Hand gesagt wurde, er hätte verloren, was sein Bestes war.

2

Dann kam der Tag, an dem eine Gesandtschaft aus dem benachbarten, südlich gelegenen Königreich Chandari eintraf, mit prächtigen Reihen geschmückter Pferde und bunten, seidenen Zelttragen, und in der prächtigsten Sänfte saß eine schöne Königstochter. Sie war eine kluge Jungfrau - die Erzieherinnen hatten ihre liebe Not mit ihr gehabt. Beide Königssöhne standen im Wandelgang ihres Schlossflügels und schauten den herannahenden Zug.

Beide erblickten das Antlitz der jungen Frau, als sie den Vorhang der Sänfte zur Seite schob.

Und beide wussten, es gab keine andere als sie.

Als sie aus der Sänfte trat, hob sie den Blick und sandte einen brennenden Pfeil aus dunkelblauen Augen in die Herzen beider Männer. Mahatra griff nach dem kunstvollen Handlauf vor sich, um nicht zu wanken, denn mit einem Mal schrie seine Seele auf in ihrem Grab - so laut, dass er meinte alle Welt müsste es hören. Mahal blickte lange auf seinen Bruder. Und er wusste, der Priester hatte recht gehabt.

Bei den Feierlichkeiten, beim festlichen Mahl, den Spielen der Musiker und Tänzer, der Possenreißer und Artisten, vervielfachte sich der Reiz der Prinzessin Aria, denn sie wusste wahrlich, ein gutes Gespräch zu führen, es war kein schlechter Zug an ihr und nicht das kleinste bisschen Eitelkeit, stattdessen waren ihr die Jagd und das Zeltlager gerade so lieb wie ein königliches Bankett und der Platz im Thronsaal. Sie konnte singen, wie es niemand je gehört hatte.

Als der dritte Festabend seine Pracht entfaltete und die Sorglosigkeit ganz ihren Schleier über alles zog, griff sie zur Laute und sang eine alte Weise:

»In den alten Wäldern,

Als die Götter noch die Erde berührten,

In den alten Zeiten,

Als der Boden noch leuchtete von ihrer

goldenen Spur,

In den vergangenen Sommern,

Als noch Hoffnung war...«

Das Lied handelte von Gott Anath, der zwei Nymphen liebte: das waren ein Wesen des Feuers und eins der Lüfte. Er liebte sie beide, und es machte ihm viel Kummer, dass er nur einer war und nicht zwei, denn es erschien ihm doch, als könnte er jeder nur genau eine Hälfte von sich schenken, und in seinen göttlichen Augen war ihm das nicht genug. Also beschloss er eines Tages, sich in der Mitte zu teilen und den großen Geist des Lebens, Atis, darum zu bitten, aus den Hälften wieder den ganzen Gott zu machen, so das er nun zweimal da sein konnte - für jede ein Gott Anath. Atis nahte sich auch, als Anath nach ihm rief, aber auf seine Bitte antwortete er: Großer Gebieter der Liebe, in dem Moment, da du dich teilst, wirst du kein Gott mehr sein. Ich kann dir dann wohl noch das Leben geben, aber du wirst nur erst das eine Leben und dann das andere erhalten können, wirst sie nacheinander leben müssen, denn damit gerätst du unter die Regentschaft der Zeit. Anath wog nun die Sache und antwortete: Wenn dies der Preis ist, so will ich ihn zahlen und in die Welt des Wandels eingehen, und jedem Menschen soll die gleiche Möglichkeit gegeben werden, denn was die Götter haben, das soll auch der Mensch erhalten. Und für einen jeden besteht seit diesem Tag die Möglichkeit, wieder zu suchen, was er liebte und nicht erhielt, in einem anderen Leben.

Als sie endete, blickte Mahal erst sie, dann seinen Bruder lange und ernst an. Ihm war, als hätte Aria erraten, welches Band sie drei fesselte, und im gleichen Moment verkündete der Vater der beiden Königssöhne die nahende Hochzeit Mahals mit der schönen Aria.

Aria freute sich sichtlich, denn der strahlende Prinz gefiel ihr sehr. Sie verbarg nicht einmal ihr Lächeln hinter dem Fächer, sondern lachte ihn an, und da lachte Mahal zurück. Die Liebe blühte zwischen ihnen auf wie eine Rose. Sie überglänzte alles, und Mahatra spürte nur, wie er in seinem Inneren den Halt verlor. Er küsste dem Bruder die Hand und dieser spürte, wie sie von Tränen benetzt wurde. Dann verließ Mahatra so unauffällig den Saal, dass wirklich niemand daran Anstoß nahm, und die Sorgen Mahals um seinen Bruder verloren sich in einem tollen Rausch, der über die Festgesellschaft kam und drei Tage lang währte. Das überglückliche Paar wurde vom Volk überschwänglich begrüßt, und ein jeder beneidete den jungen Königssohn um seine reizende Frau, ganz wie es der Priester vorhergesagt hatte.

3

Da verließ Mahatra den Königshof. Sein Herz schrie nach der Frau seines Bruders, es schrie nach dem Priester, denn es wollte diesen töten wegen seiner Prophezeiung, die so unerfüllbar erschien. In Mahatras Herzen war auch ein Tier wie in jedem Menschenherz, und es trieb ihn fort von den Menschen und in den Wald.

Zuerst lief er zur Höhle des alten Weisen, aber er fand sie leer - niemand war mehr da, um ermordet zu werden. Dann lief er in den Wald und ging drei Tage wie im Traum irr querfeldein, bis er vor Durst an einem kleinen Fluss zusammenbrach und trank wie ein Tier. Dann aber erblickte er sein Spiegelbild, und miteins ging etwas aus seinem Herzen fort, ganz leise und ruhig. Der Hass und der Neid wurden gelindert durch seinen Fortgang, und Mahatra fühlte sich freier und leichter. Von nun an würde sein Leben ein anderes, das spürte er für die Dauer eines Herzschlags. Es würde so verändert sein, dass es niemand würde glauben können, am wenigstens er selbst. Doch es war nur ein Augenblick, dann dachte er an nichts mehr und vergaß jenen Moment.

Er ruhte eine Nacht und lief drei Tage weiter, immer tiefer und tiefer in die alten Wälder, und nach 30 Tagen überschritt er die Grenze und verließ seine Heimat. Aber dieses Land war ihm nicht mehr Heimat. Fast tot vor Hunger fand er einen Platz weichen Grases im Flussknie eines gewaltigen, stillen Stromes und legte sich nieder. Mit einer Hand schöpfte er ein wenig Wasser und befeuchtete seine Lippen, ohne zu wissen, von welchem Fluss er trank.

Dann schloss er die Augen und hoffte, das Wasser wäre giftig.

In der Nacht aber, als der Himmel sich mit Sternen schmückte und der Mond kühles Licht über die Wege zahlloser Tiere sandte, nahten sich mit lautlosem Tritt die Waldpflegerinnen. Denn Mahatra hatte längst ihr Land Whyfarhen betreten und ahnte nicht, wie nah er dem heiligsten Ort ihres Reiches war, dem Herzen des Waldes. Er lag wie ein erschöpfter Bettler auf der Schwelle ihres größten Tempels, auch wenn dieser Bau keine Mauern, Treppenstufen und Statuen besaß. Die Waldpflegerinnen waren ein Volk von durchweg reizenden Mädchen, und ihre Königin, die in dem großen Tempel ruhte wie eine Lotosblüte auf dem See, hätte jeden Menschen nur durch ihre Reinheit auf die Knie sinken lassen.

Ein Zug von zwanzig Frauen, je zu zweien, schritt schweigend und lautlos durch den Wald, und vor ihren Füßen breiteten sich Wege, die bei Tage unsichtbar waren. Sie führten Hirsche und anderes Wild durch eine liebevolle Berührung mit der Hand zur Tränke am Fluss, ihre Gewänder glänzten golden auf im Mondlicht. Schließlich erblickten sie den jungen Mann am Flussufer: dem Tode nah und nahezu verhungert.