Mai bedeutet Wasser - Kayo Mpoyi - E-Book

Mai bedeutet Wasser E-Book

Kayo Mpoyi

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Beschreibung

Ein facettenreicher und poetisch erzählter Familienroman, ausgezeichnet mit dem Katapultpriset als bestes schwedisches Debüt des Jahres. Die kleine Adi wächst im Diplomatenviertel von Daressalam, Tansania, auf, zusammen mit zwei Schwestern, der tanzenden Dina und der immer kranken Mai. Ihr gottgläubiger und strenger Vater duldet keinen Ungehorsam, will er doch, dass seine Kinder es weit bringen. Besonders von den Töchtern verlangt er Unschuld und Reinheit. Aber Adi hat ein dunkles Geheimnis. Lebendig, poetisch und unmittelbar erzählt Adi von ihrem täglichen Leben, von ihren älteren Geschwistern im Heimatland Zaire, den Vorfahren und den Jahrzehnten voller Gewalt, Krieg und Unterdrückung durch die Kolonialmächte. Die Mythen und Flüche der Ahnen leben in den Generationen weiter und beeinflussen das Leben aller. Ihre Geschwister machen sich auf den Weg nach Europa, doch Adi muss lernen, ihren eigenen Weg zu finden, um der Vergangenheit zu entkommen. »Kayo Mpoyis Sprache ist wie eine in Quellwasser gefrorene Blüte, und hinter jeder Zeile lauert ein verführerisches Gefühl von Gefahr«. Expressen »Eine zeitlose Erzählung über die Fähigkeit junger Menschen, sich neu zu erfinden, auch unter noch so schwierigen Umständen.« Helsingborgs Dagblad

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Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Kathrinschroeder

Nicht schlecht

Gelesen dank Netgalley. Kayo Mpoyi hat mit ihrem Erstlingswerk einen schwedischen Buchpreis gewonnen. Das Buch erzählt einen Ausschnitt einer Familiengeschichte aus der Sicht der zweitjüngsten Tochter. Die Familie lebt in einer Wohnanlage für Diplomaten in Tansania. Das Buch behandelt die Zeit von ihrem 6ten bis zum 11ten Lebensjahr. Adi, die den Namen einer als Kind verstorbenen großen Schwester trägt, läuft in der Familie irgendwie nebenher. Die größere Schwester tanzt gern und wird vom Vater als moralisch gefährdet gesehen, die kleine Schwester Mai ist ständig krank und braucht die Aufmerksamkeit der Mutter. Zwischendurch tauchen noch ältere Geschwister auf und der Vater versucht allen seine strikten Moralvorstellungen und eine fast zwanghafte Liebe zu Wörter aufzuzwingen. Doch die Kontrolle zieht nicht, die Familie zerfällt. Durchzogen wird die Geschichte von Legenden und Erzählungen, die möglicherweise Vorfahren aus Zaire betreffen können. Das Buch behandelt weite Themen von kul...
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Über das Buch

Die kleine Adi wächst im Diplomatenviertel von Daressalam, Tansania, auf, zusammen mit zwei Schwestern, der tanzenden Dina und der immer kranken Mai. Ihr gottgläubiger und strenger Vater duldet keinen Ungehorsam, will er doch, dass seine Kinder es weit bringen. Besonders von den Töchtern verlangt er Unschuld und Reinheit. Aber Adi hat ein dunkles Geheimnis.

Lebendig, poetisch und unmittelbar erzählt Adi von ihrem täglichen Leben, von ihren älteren Geschwistern im Heimatland Zaire, den Vorfahren und den Jahrzehnten voller Gewalt, Krieg und Unterdrückung durch die Kolonialmächte. Die Mythen und Flüche der Ahnen leben in den Generationen weiter und beeinflussen das Leben aller. Ihre Geschwister machen sich auf den Weg nach Europa, doch Adi muss lernen, ihren eigenen Weg zu finden, um der Vergangenheit zu entkommen.

»Eine zeitlose Erzählung über die Fähigkeit junger Menschen, sich neu zu erfinden, auch unter noch so schwierigen Umständen.« Helsingborgs Dagblad

Über die Autorin

Kayo Mpoyi

Mai bedeutet Wasser

Roman

Ich holte Laken und Handtücher, um ein Nest zu bauen.

Ich wollte ein eigenes Huhn haben.

Ich streckte mich zum Korb auf dem Wohnzimmertisch und klaubte Eier heraus. Ein paar flutschten mir durch die Finger, fielen auf den Boden, zerbrachen und spritzten über meine Füße.

Die restlichen Eier brachte ich in mein Nest. Dann zog ich meine Unterhose aus, schleuderte sie auf den klebrigen Boden und kletterte in den Kleiderschrank. Die Eier an meinem Unterleib waren kalt. Ich rieb mich daran, versuchte, mich auf den Knien abzustützen, und wartete. Ein Ei zerbrach unter meinem Gewicht, und eine glibberige Masse verteilte sich auf meinen Schenkeln. So hockte ich da, bis die Schranktüren aufgingen. Füße waren der Spur aus kaputten Eiern gefolgt und bei der Unterhose zum Stehen gekommen.

Hände zerrten mich aus meinem Nest.

Januar – Juli 1989

Monsieur Éléphant ist unser neuer fünfundzwanzigjähriger Nachbar. Er ist bei der Familie seines Bruder, den Kabeyas, eingezogen. Die wohnen unter uns im ebenerdigen Teil der Upanga 81 im Viertel Upanga in der Stadt Daressalam in Tansania. Er studiert an der Universität und liebt Wörter, genau wie Papa. Mein wortbesessener Mathematikeringenieurspapa, der mal besser Linguist hätte werden sollen. Er lernt Wörter aus einem Wörterbuch, und wenn er sie kann, reißt er die Seiten heraus. Genau wie Papa erfindet Monsieur Éléphant Lieder. Genau wie Papa singt er manchmal zu einer bekannten Melodie andere Wörter. Aber die Wörter von Monsieur Éléphant kommen nicht aus einem Wörterbuch. Sie kommen aus der Tiefe seines Ichs, sagt er. Er schlägt sich gegen die Brust, was dumpf klingt und auf unserer Dachterrasse widerhallt. Der obere Teil des Hauses besteht aus der Dachterrasse, unserer Wohnung und der Treppe, die zu beidem führt, mit einer Tür unten, in die vor Ewigkeiten jemand in Großbuchstaben »Zum Paradies« eingeritzt hat.

Der Himmel ist klar, und die Sonne scheint über die Betonmauer, die mir bis zum Hals geht und einmal um die Terrasse herumführt. Wenn man die Gestalten nicht mitzählt, die der Regen geschaffen hat, als er beim Herablaufen an der Mauer die weiße Farbe weggeschwemmt hat, sind nur wir beide hier. Die Gestalten in ihren Schimmelgewändern haben beobachtet, wie Monsieur Éléphant auf Zehenspitzen auf die Dachterrasse geschlichen ist, um darauf zu warten, dass ich zum Spielen in das Häuschen komme, das ich mir gebaut habe. Es besteht aus Getränkekisten, einem Regenschirm und einem abgetragenen Pagne von Mama. Die Füße von Monsieur Éléphant sind ununterbrochen in Bewegung, als er mit seinem Lieblingslied anfängt.

»Sie ist das schönste Mädchen der Welt.« Er zeigt auf mich.

»Da ist was mit ihren Lippen.« Er schüttelt lachend den Kopf.

»Und mit ihren Händen.« Er hopst auf der Stelle herum.

»Und hinter ihren Augen.« Er hopst auf mich zu.

»Mungu ibariki Afrika.« Er pustet mich an, ich lache und mache die Augen zu.

»Sie ist schön.« Seine Fingerspitzen streichen über meine Augen, die Lippen und das Kinn.

Nur die Schimmelmännchen sehen, wie Monsieur Éléphant mit seinen langen Fingern mein Gesicht nachmalt. Mama liegt in der Wohnung unter uns im Bett, und in ihr wächst die verschluckte Erdnuss. Meine zwölfjährige Schwester Dinanga, Dina, ist in der Schule. Sie hat mir erzählt, dass Mama eines Tages im Bett so heftig atmen musste, dass sie eine Erdnuss verschluckt hat. In dieser Nuss war ein Geist, und der wächst jetzt seitdem in ihr, Mamas Arme liegen jetzt ständig um den immer größer werdenden Bauch. Zuri, unser Hausmädchen mit den aufgesprungenen Fersen, wäscht im Badezimmer hinter verschlossener Tür mit Seife und Zitrone Blut aus dem Bettlaken von Mama und Papa.

Die Hände von Monsieur Éléphant quellen vor Bonbons über. Er erzählt mir, dass er auf dem Heimweg einen Abstecher ins Süßigkeitenparadies gemacht hat. Er weiß, was ich mag, süß, sauer und hart. Keine Schokolade. Er hat den unermesslichen Gefahren des Verkehrs getrotzt, denn die Autofahrer haben nicht angehalten, als er über die Straße gelaufen ist. Und er hat sich ins Zeug gelegt und meine Lieblingsbonbons ergattert, obwohl ein Schwarm gieriger Schulkinder die Bonbonmammas bis auf den letzten Drops geplündert hat.

»Mungu ibariki Afrika.«

Er bringt mir die Worte bei, die eigentlich zu der Melodie gehören. Er bittet mich auf die Bühne, eine umgedrehte Limonadenkiste, und meint, dass ich die Nationalhymne von Tansania können muss, wenn ich nächstes Jahr in die Schule komme.

Dann hockt er sich in mein Häuschen und schaut zu. Während ich mich vor ihm aufspiele, ruft er mit feuchten Augen: »Gott segne Afrika, sie ist das schönste Mädchen der Welt.« Ich bekomme Bonbons, bis meine Taschen platzen.

Tubariki watoto wa Tanzania,

Mama und Papa sind heute nicht zu Hause, denn dieser Dienstag, der 10. Januar 1989, ist ein besonderer Tag. Der Geist, der in Mamas Bauch gewachsen ist, wird unser Geschwisterchen. Sie haben uns allein zu Hause gelassen, mich und Dina. Und die gibt mir Wurst statt Marmeladenbrot, wie sonst am Morgen üblich. Während wir frühstücken, verwebt sie mit ihren Fingern Schnüre zu unterschiedlichen Mustern. Ich ziehe irgendwo daran, die Fadenfigur geht kaputt, und ich renne weg, damit sie mir nachläuft.

Mama hat für diesen besonderen Tag ein neues Wachstuch gekauft und auf den Esszimmertisch gelegt. Darunter, wo die Luft wegen des Plastiks ganz stickig ist, verstecke ich mich unübersehbar für meine Schwester. Sie stürzt sich auf mich und kitzelt mich durch, bis mein Bauch vom Lachen richtig wehtut.

Am Nachmittag gehen wir auf die Dachterrasse. Vor ein paar Tagen wurden die Reste von meinem Häuschen weggeschafft. Papa hatte gesehen, wie Monsieur Éléphant von der Dachterrasse heruntergekommen ist, und danach war es nicht mehr zu retten. Jetzt sagt Dina, dass wir die Tür abschließen müssen, sobald Mama und Papa nicht da sind, aber sie vergisst es ständig.

Das Schimmelmännchen sieht zu, wie meine Schwester und ich den geflochtenen Teppich mit den tausend verschiedenen Farben auf dem Boden ausbreiten und uns darauflegen, um die Wolken zu beobachten.

»Ich sehe Europa«, sagt Dina.

»Ich sehe nichts«, antworte ich.

Sie deutet zum Himmel. »Du muss richtig hinschauen.«

»Ah, jetzt seh ich es«, sage ich und zeige in den Himmel.

Als Zuri für heute fertig ist und geht, ist der Himmel rosa. Der Gebetsruf von der neuen Moschee ist so laut, dass die Vögel den Mangobaum wie eine schwarze Explosion verlassen.

Wir gehen runter in die Wohnung, und Dina stellt das Essen auf den Tisch. Sie bittet mich, auf der Loggia Wache zu stehen und Alarm zu schlagen, wenn Mama und Papa kommen. Sie will kurz runter und sehen, ob Elombe, der zweitälteste der Kabeyajungs, da ist. Die Kabeyas sind Zairer wie wir. Ihr Papa arbeitet in der Botschaft, wie viele andere im Upanga-Viertel. Die Grenze von Zaire führt um unser Grundstück herum, und auf einer Seite von uns liegt Tansania und auf der anderen Indien. Tansania hat im Garten Kühe, Ziegen und Hühner. Manchmal kommen die Kinder von dort herüber, und wir spielen zusammen. Indien hat eine Steinmauer mit hohen grünen Hecken dahinter. Über diese Mauer klettert nie wer.

Auf der Seite zu Tansania verlaufen große schwarze Rohre. Dort waschen Zuri und die anderen Hausmädchen in großen Bottichen die Wäsche. Der Limettenbaum am Zaun steht ziemlich schief, seine Wurzeln stecken in Tansania, aber die Früchte fallen nach Zaire. Da kommt es zum Krieg, bei dem die Limetten vom Boden als Granaten geworfen werden. Zur Not geht das auch mit Matschkuchen.

»Du bist zu klein«, sagt einer der Nachbarsjungen und schiebt mich weg, als ich runterkomme und auf den Knien im Gras nach Limetten suche.

»Geh rauf, Adi, und iss«, befiehlt Dina und zieht mich zum Haus. »Wenn du nicht drinnen bleibst, wird Papa richtig schlimm wütend auf dich!«

Wir gehen die Treppe hoch. Der fünfzehnjährige Elombe kommt nach Hause, und im Hof verfliegt die Spielstimmung. Die kleinen Kinder zieht es zu den älteren Jungen und deren Plattenspieler. Elombes Freunde lachen und grölen. Dina steht bei uns auf dem Laubengang, presst sich gegen die Stangen und sieht zu ihnen hinunter.

»Ich geh noch mal runter. Du bleibst hier und spielst mit deinen Anziehpuppen! Und halt ja auf der Loggia Wache und warne mich, wenn du unser Auto kommen siehst, sonst kriegst du nichts von meiner Schokolade.«

Dina zieht sich in unserem Zimmer um, schlüpft in ihre neue Bluse und einen Jeansrock, diese Sachen dürfen eigentlich nur für die Kirche angezogen werden. So was macht Dina wegen Elombe immer.

Ich stelle mich auf den Beobachtungsplatz, den Dina verlassen hat. Dina ist schön. Die Jungs pfeifen, als sie den Hof betritt. Sie lacht übers ganze Gesicht. Ich würde mich auch gern umziehen, aber meine schönen Sachen sind bei Mama eingeschlossen. Ich presse das Gesicht gegen das verschnörkelte Gitter, das am Laubengang entlang zu unserer Wohnungstür führt. Das Gestänge ist hier viel rostiger als das an der Loggia an der Hausvorderseite. Die Farbe blättert ab. Ein Blättchen heftet sich an meine Lippe, es schmeckt wie Blut. Ich zupfe am Lack herum und puste die Fitzel auf den Hof. Ich puste stärker und höher. Dina und die Jungen reden jetzt über Koffi Olomide, den Sänger.

»In seinem neuen Song singt Koffi über meinen Onkel, habt ihr das gewusst?«, fragt Elombe.

»Monsieur Éléphant? Du lügst doch!«, spielt sich Dina auf.

»Doch. Hört’s euch an, er sagt M. N. Elongo, Mathieu Nzevu Elongo. Und Nzevu heißt Elefant«, erklärt Elombe seinen tansanischen Freunden. »Mein Onkel ist berühmt in Kin. Er kennt wichtige Leute.«

»Für Geld sagt Koffi jeden Namen«, stichelt Dina.

Alle lachen. Auch Elombe. Er steht auf.

»Ich zeig euch den Tanz. Ihr wisst schon, wo er … kann ich’s bei dir vormachen, Dina?« Elombe macht eine Tanzbewegung und presst sich an Dina, sie kreischt auf. Die anderen lachen.

Ich rupfe weiter Blättchen vom Lack und puste sie weg. Ich klopfe fest gegen die Stangen, damit sich mehr Farbe löst. Sie schauen hoch.

»Jetzt aber rein mit dir, du kleiner Teufelsbraten!«, ruft Dina. Wieder lachen alle.

Ich gehe ins Haus und knalle die Tür hinter mir zu.

In der Dämmerung sitzen Dina und ich auf der Loggia und halten nach unserem blauen Auto Ausschau. Wenn es käme, ginge dieser besondere Tag zu Ende, und wir könnten unser neues Geschwisterchen kennenlernen. Dina weiß nicht, warum sie noch nicht zu Hause sind, obwohl es fast dunkel ist. Wir spielen Moskitos töten. An Dinas Finger ist Blut.

»Das ist von dir. Jetzt stirbst du«, ärgert sie mich, und ich bekomme Angst.

»Ich mach doch nur Spaß«, stöhnt sie, als ich losheule.

Am nächsten Tag kommt Papa am Vormittag kurz nach Hause. Er frühstückt, blättert in seinem Wörterbuch, murmelt Wörter vor sich hin, aber er sagt nicht, was mit Mama und dem Geschwisterchen ist. Bevor er geht, reißt er eine Seite aus dem Wörterbuch, faltet sie zu einem kleinen Päckchen und steckt es in die Hosentasche. Dann lässt er uns bei Zuri, die seit dem Morgen hinkt. Dina fragt, was passiert ist. Zuri erzählt es uns und fordert uns alle zwei Sätze auf, mit ndiyo zuzustimmen, damit sie merkt, dass wir auch zuhören.

Ihr wisst doch, dass ich die Wäsche immer wasche, bevor die Sonne hoch am Himmel steht – sagt ndiyo

Ich bin also runter, um die Wäsche zu waschen, aber das weiße Hemd des gnädigen Herrn und der weiße Unterrock der gnädigen Frau fingen an, gegen die Kraft des Wassers anzukämpfen

Ich beugte mich vor, um mir das näher anzuschauen, denn wenn Kleidung das Wasser scheut, stimmt irgendwas nicht – sagt ndiyo

Aber das Gesicht, das mir aus dem Wasser entgegenstarrte, war nicht meines

Das Hemd des gnädigen Herrn streckte wie ein ertrinkender Fischer die Arme in die Höhe, packte mich und zerrte mich runter zu dem Gesicht im Wasser – sagt ndiyo

Die nassen Sachen schlangen sich um meinen Körper. Sie drangen unter meine Kanga und betatschten meine Schenkel – sagt ndiyo

Ich schrie, Shetani! Ein Geist!

Gott sei Dank verfing sich mein Fuß in einer Wurzel, und ich konnte mich aus der Umklammerung des Wassers befreien

Und der Shetani rannte davon

Zuri nickt nachdrücklich, um uns zu zeigen, dass die Geschichte zu Ende ist. Dann bügelt sie weiter.

»Sie ist beschränkt«, flüstert Dina mir zu und reißt die Augen weit auf. »Ein einfaches Buschmädchen.« Dann jagt sie mich vor sich her, indem sie schreit, dass sie ein Shetani ist und mich jetzt in den schwarzen Schlamm unter dem Abfluss hinterm Haus werfen wird.

Am Nachmittag steht Zuri mit Fatima, dem Hausmädchen der Kabeyas, am Zufahrtstor. Sie sind unterwegs zum indischen Laden an der Kreuzung. Zuri holt Kondensmilch, die es manchmal aufs Brot gibt. Yusuf, unser Wächter, öffnet das Tor für sie. Er ist ein Verwandter von Fatima und arbeitet schon viele Jahre in Upanga 81. Er hat hinterm Haus eine kleine Unterkunft.

»Deine Bluse ist schön«, sagt Fatima zu Zuri und befühlt den weißen Stoff. Fatima hat das Baby, den jüngsten Bruder von Elombe, in einem Tuch auf dem Rücken. Ihre Kleidung ist abgetragen. Mama gibt Zuri hin und wieder was zum Anziehen, und wenn der Fotograf kommt, darf Zuri manchmal mit aufs Bild. Dann schmiert sie sich die Fersen mit Kokosfett ein.

Am Sonntag wache ich in einem leeren Bett auf.

»Mama«, rufe ich aus Gewohnheit und warte, dass sie kurz hereinschaut und dann zu Dina sagt, dass sie mich aus dem Bett holen soll und Brot und Marmelade schon auf dem Tisch stehen. Aus dem Wohnzimmer kommen unbekannte Geräusche, und ich rufe lauter.

»Dina!«

Dina wird das Laken wegnehmen, mich ins Bad bringen und das Wasser aufdrehen. Und Shekila und seine Frau, die in unserem Boiler leben und an Einsamkeit leiden, werden wie immer losstreiten, wenn sie den Wasserhahn hören. Die beiden können sich nämlich nie einigen, wer mich durch das Guckloch ganz oben beobachten darf. Von ihrem ganzen Gehopse wird das Wasser warm, das weiß ich von Dina, und dann fließt es in den grünen Eimer, der in der Badewanne steht. Dina wird mir mit einem Schöpflöffel das Wasser über den Körper gießen, und ich werde losschreien, denn richtig warm ist es nie.

Aber weder Mama noch Dina schauen herein. Mein Protest wird zu einem Kloß im Hals, und in meinen Augen sticht es. Ich kämpfe mit dem Laken, das mich immer fester packt, als ich versuche aufzustehen.

Mein »Maaamaa« läuft vor mir her ins Wohnzimmer, wo nichts mehr wie früher ist. Mama sitzt statt auf dem Sofa auf dem Boden. Auch die Sofakissen liegen dort herum, und Mamas Rücken lehnt an der Wand. Alles im Zimmer ist umgestellt, und die Erwachsenen stehen nach vorne gebeugt da, haben Freudengesichter und schauen auf das Wesen in Mamas Armen. Aus der Decke kommt ein krächzendes Geräusch, wie von hinter Blättern versteckten Krähen.

Ich stürze zu ihr. »Mama!« Aber Dina springt auf und packt mich.

»Pass auf«, faucht sie. »Siehst du das Baby nicht?«

Der schwere Kloß in meinem Hals rutscht in mein Herz und verstärkt mein Traurigkeitsgeheule.

»Schsch, Adi«, sagt Mama. »Schau mal, du hast eine kleine Schwester bekommen.«

Da liegt sie, in Mamas Arm, strampelnd und runzlig.

Mama ya Elombe ist da, ihr Hausmädchen Fatima und unsere Zuri, die jetzt einen Verband am Fuß hat.

»Sie ist wirklich schön.«

»Jemand wollte sie ihnen abkaufen«, erzählt Mama ya Elombe Zuri und Fatima, obwohl die Mamas normalerweise nicht mit den Hausmädchen plaudern.

»Er hat ein Vermögen geboten!«

Zuri und Fatima legen die Hände an den Mund.

»Der Mann war ziemlich merkwürdig«, sagt Mama, ihre Stimme ist schwach. »Ein Inder.«

»Vielleicht hat er geglaubt, dass das Baby weiß ist«, sagt Zuri.

»Ist sie nicht wahnsinnig schön?«, fragt mich Dina.

Das Wesen in Mamas Arm gähnt. Es wendet den Blick zu mir, die Augen sind dunkel.

Es gibt diese Geschichte von der Schlange, die man in meinem Bett gefunden hat, als ich zwei war. Wir waren ein Jahr zuvor nach Binza gezogen, weg von dem ganzen Unglück in Mikondo. Es war 1986, und mit der Familie ging es nun aufwärts. Papas Arbeit an der Universität in Kinshasa hatte auf einer Konferenz bei seinen alten Klassenkameraden aus der Zeit in Brüssel für Aufsehen gesorgt. Er hatte eine Festanstellung als Mathematiker beim zairischen Staat bekommen und wurde sogar als Berater nach Tansania geschickt.

Das Haus in Binza war ein neu gebautes Einfamilienhaus mit rotem Dach, fließendem Wasser und Strom. Mama und mein älterer Bruder Kasamba, der arbeitslos war und deshalb zu Hause mithalf, kümmerten sich um den Garten. Mama züchtete Blumen, und zwischen den Beeten verliefen gepflasterte Wege. Laut Dina, die damals neun war, waren Papas Schwestern auf diesen Wegen herumscharwenzelt und hatten Mama aufgezogen, indem sie sagten: Jaja, jetzt lebt ihr wirklich das gute Leben, was? Dann hatten sie die Blumen bewundert und festgestellt, dass Kasamba trotz seiner glücklosen Vergangenheit und trotzdem er völlig un-Luba aussah, ein echtes Händchen für Pflanzen hatte. Dina hat erzählt, dass die Tanten jedes Mal ein Gebet sprachen, wenn ihnen Kasamba das Essen brachte.

»Sie hatten Angst, er würde ihnen etwas auftischen, das er von einem Ndoki hatte. Und dass ihr Leben, sobald sie es aßen, zum Tauschopfer würde für Geld, Glück oder weswegen auch immer Kasamba zu dem Ndoki gegangen war.«

Irgendwas stimmt mit meinem großen Bruder Kasamba nicht, aber keiner will sagen, was.

Das Schlafzimmer von Mama und Papa hatte eine Tür zum Garten. Durch diese Tür war die Schlange auf der Flucht vor dem peitschenden Regen hereingeschlängelt. Niemand glaubt, dass ich eine Erinnerung an das Ganze habe. Aber ich kann mich tatsächlich daran erinnern, dass mich Mama zum Schlafen auf ein Handtuch zwischen Kissen gelegt hat. Von irgendwoher hatte ich einen Kugelschreiber, auf dem ich herumkaute. Die Tinte schmeckte bitter. Ich erinnere mich, wie die Schlange zwischen den Kissen hindurchkroch und sich langsam um meine Beine wickelte. Ich heulte los. Ich kann mich an die Augen erinnern. Wegen ihnen ist die Erinnerung so stark. Dieselben Augen wie jetzt.

»Es ist ein Geistwesen, kein Kind«, rufe ich, aber keiner interessiert sich für mich. Der Schreck krallt sich in meinen Kopf. Die bösartigen Augen starren mich an. Ich weiß einfach, uns wird Grauenhaftes zustoßen.

»Ihr habt das falsche Kind heimgebracht!«

Die Erwachsenen lachen.

Am Abend singt Jim Reeves seinen Dank für die Blumen, die blühen, und die Fische, die schwimmen.

»Wir danken für die Bäume, das tiefe blaue Meer«, singt Papa mit. Deswegen hört Papa am Abend immer Reeves. Wenn Gott nämlich keine Dankbarkeit aus unserem Haus hören würde, dann würde er die Palme im Hof in Brand setzen. Sie würde auf unser Haus stürzen und die Vorhänge anzünden. Wenn Gott keine Dankbarkeit hören würde, gäbe es keine Kondensmilch mehr im Küchenschrank.

Wenn Gott keinen Gesang gehört hätte, hätte die Nuss Mama, als sie im Krankenhaus lag, umgebracht. Die Nuss, in der ein Geist gesteckt hat, der jetzt in ihren Armen liegt. Den Mama hält, als wäre er ihre schönste Puppe, ihre einzige. Die nicht schmutzig werden darf, und die, meint Dina, am traurigsten aller Tage von einer hundegroßen Ratte gestohlen worden ist.

Das Geistwesen hatte Mama so müde gemacht, dass sie fast gestorben wäre. Bis zu ihrer Abfahrt ins Krankenhaus habe ich ihre Hand gehalten, habe gefragt, warum, oh, warum sie denn im Bett auch nur so heftig hat atmen müssen. Durch ihren entrüsteten Aufschrei und Dinas ängstliches Gesicht habe ich verstanden, dass ich etwas Verbotenes gesagt hatte. Und dann hat mich Dina gezwickt, als es keiner sehen konnte. Aber irgendwie war ich dankbar dafür, denn wäre Papa da gewesen, hätte er Dina eine Ohrfeige gegeben, und ihre Rache an mir wäre grauenhaft gewesen. Mama hat gesagt, dass Papa Dina schlägt, weil das in der Bibel steht und weil er ihrer Worte Herr werden muss. Dina sagt ständig falsche Wörter. Papa sagt, dass Mama es ihr beibringen soll, bevor es zu spät ist.

Als das Geistwesen aus Mamas Körper gekommen ist, hat es nicht geatmet. Es kann keine Luft atmen, weil es vorher im Wasser gelebt hat, erklärt mir Dina. Papa sagt, dass er ununterbrochen gebetet hat. Aber die Ärzte meinten, dass das Geistwesen Atemprobleme hatte und Mama zu viel Blut verlor. Sie gingen davon aus, dass die beiden sterben würden. Papa hat die ganze Donnerstagnacht durchgewacht und die Seele durch Anfüllen seines Inneren mit Wörtern gestärkt. Mit Synonymen für das französische Wort foi: Zuversicht, Sinn, Vertrauen, Autorität, Hoffnung. Und dann hat er singend den Raum mit diesen Wörtern erfüllt.

»Ich habe meinen Vater gesehen. In der Nacht zum Freitag«, sagt Papa und kneift die Augen zusammen. »Und am Freitagmorgen war der Zustand eurer Mutter und eurer Schwester wie durch ein Wunder stabil.«

Mama wiegt das Geistwesen, das noch immer Probleme beim Atmen hat, im Arm. Dina sitzt über der Rechenaufgabe, die ihr Papa zum Lösen gegeben hat. Obwohl Dina nur Kreise ins Heft kritzelt, sagt Papa nichts. Er trägt ein Unterhemd, bei dem man das seltsame Mal auf seiner Schulter sehen kann. Lange senkrechte Linien mit einem Kreis in der Mitte, wie die Stelle an einem Baum, aus der einmal ein Ast gewachsen ist.

»Ich muss die ganze Zeit daran denken, was er als Letztes zu mir gesagt hat.« Papa spricht mit geschlossenen Augen weiter, »Lubambulu.«

Dies ist die Geschichte, wie das mysteriöse Mal auf Kabongo Mukendis Schulter gelangt ist

Es war im Jahr 1936 in einer Stadt, die zur damaligen Zeit Élisabethville hieß und im damaligen Belgisch-Kongo lag und aus der später, als Präsident Mobutu im Zuge seiner Afrikanisierung Orten und Leuten neue Namen gab, Lubumbashi im ebenfalls umbenannten Land Zaire werden sollte.

1936 war das Jahr, in dem mein Papa Kabongo Mukendi geboren wurde. Sein Papa hieß Luse Mulu wa Tshimpwaka. Luse Mulu war einer der wenigen Kongolesen, die in einem prachtvollen Haus lebten und Land besaßen. Einer der wenigen, die in ihren Häusern Empfänge gaben, mehrere Gänge auftischten, Musik auf dem Grammofon spielten und mit einem Spazierstock herumliefen. Bei Verhandlungen versprach er höhere Produktion zu egal welchem Preis und stimmte der Ansicht zu, dass der schwarze Mann Disziplin und Erziehung benötige. Luse Mulus Wunsch, nicht mit seiner Geschichte in Verbindung gebracht zu werden, war so unermesslich, dass er lieber nicht so genau in den Spiegel blickte – doch dann sang der Vogel auf dem Mahagonibaum im Garten.

Hinter seinem großen Haus war ganz nach europäischem Vorbild ein Garten angelegt. Dort standen, bewacht von einem Engel mit gerader Nase und lockigem Haar, drei Kreuze. Der Gärtner des Hofs konnte nicht gut lesen und buchstabierte sich durch die kurzen eingeritzten Worte. »Maaai«. Dreimal derselbe Name. Er zupfte Unkraut, warf abgefallene Äste zur Seite und steckte neben jedem Kreuz ein kleines Ledersäckchen in die Erde. Ein heimliches Ritual, um die verrottenden Körper der Mädchen daran zu hindern, aus den Gräbern zu steigen. Der Garten war sein Lieblingsort, ein Inbegriff von Pracht und Kontrolle. Von Zivilisation. Als der Gärtner die Schreie aus dem Haus hörte, sang er den Toten ein Schlaflied und ahmte dabei, ohne dass er sich dessen bewusst war, den Vogel nach, der über den Platz flog und davon berichtete, was er unter sich sah. Der Gärtner überlegte vielmehr, wo seine Hacke war. Er wollte bereit sein, wenn es ein Mädchen würde. Das letzte hatte nur ein paar Tage gelebt.

Luse Mulu hatte fünf lebende Kinder, darunter zwei Mädchen. Zwei missmutige, vom Pech verfolgte Mädchen, weil er mit den Sitten gebrochen und keine nach seiner Mutter Mai benannt hatte. Die Ältere hatte den Namen Kimpa Vita Mujinga bekommen, nach seiner Frau Kimpa Vita Bomina, einer Mukongo. Die wiederum war nach einer revolutionären Prophetin aus dem 18. Jahrhundert, der Zeit des Königreichs Kongo, benannt.

Nach der Geburt seiner zweiten Tochter, der er den Namen der Frau eines guten Freundes gegeben hatte, sah Luse Mulu im Traum seine Zukunft. Darin zogen sich seine weißen Freunde aus seinen Geschäften zurück, und die schwarzen Arbeiter beteiligten sich an Revolten. Ihre Anführer beschimpften ihn als Handlanger der Weißen, der seinen Reichtum auf dem Rücken seiner toten Brüder errichtet hatte. Sie zerstörten seinen Laden, und aus seinen Söhnen wurden unzivilisierte, ungebildete Verschwender. Dieser Traum wiederholte sich mehrere Nächte. Und jede Nacht stand Luse Mulu auf und goss sich ein Glas Palmwein ein. Hätte er gekonnt, hätte er Cognac oder Brandy getrunken wie ein echter Gentleman, aber per Gesetz war Schwarzen das Trinken von Spirituosen verboten. Damit diese im Traum erschienene Zukunft nicht wahr würde, beschloss Luse Mulu zur Besänftigung der Vorväter und Vormütter, einer seiner nächsten Töchter den Namen Mai zu geben. Er wollte damit an seine im Stich gelassene, vergessene Mutter erinnern und sie ehren. Nach Luse Mulus Vorsatz gebar Kimpa Bomina dreimal ein Mädchen. Und alle drei Male lauschte Luse Mulu dem geschäftigen Treiben auf seinem Hof und verkündete, der Name des Mädchens sei Mai. Und alle drei Male starb das Mädchen kurz darauf und wurde im Garten begraben. Später sollte Kimpa Bomina dann noch einmal ein Mädchen gebären, doch die Geschichte, wie sich das Wasser Kimpa Bomina wiedergeholt hatte, muss noch eine Weile warten.

Nun lag Kimpa Bomina jedenfalls in den Wehen, und ihre Schreie drangen aus dem Haus. Lass es einen Jungen sein, hatte sie gebetet, als sie spürte, dass es losging. Der Gärtner hatte sie ins Haus gebracht und war dann in den Garten zurückgegangen, um singend die Toten und Ahnen anzurufen. Vielleicht erhörten sie ja die Gebete eines einfachen Mannes und verschonten den Hof vom Tod eines weiteren Kindes.

Drinnen hatte man Kimpa Bomina auf saubere Teppiche gebettet. Ihre Muhme und Luse Mulus Cousinen halfen Kimpa Bomina bei der Entbindung ihres neuntes Kindes. Eines Kindes mit behaartem Rücken und bereits aus dem Gaumen spitzenden Zähnchen. Ein Junge, rief die Muhme. Eine Fledermaus, riefen die Cousinen und legten das Kind auf ein Brett.

Und so hat das Lubambulu meinem Papa Kabongo das mysteriöse Mal auf der Schulter verpasst. Das Brett war kein gewöhnliches Brett. Es war ein Brett aus der Kiste aus Holz, die sein Vater gekauft hatte, um daraus ein Klavier zu bauen. Wer ein zivilisierter Mann sein wollte, brauchte ein Klavier im Haus. Aber dieses Projekt war ständig verschoben und die Bretter anderweitig verwendet worden, fürs Schulhaus des Hofs, den Fußboden im Keller unterm Laden und nun als Unterlage für ein neugeborenes Kind.

Als Luse Mulu 1946 im Sterben lag, rief er seinen Sohn zu sich, um mit ihm zu sprechen. Eines der seltenen Male im Leben des zwölfjährigen Jungen.

Wie soll sie denn heißen? Das weiß nur Gott, antworten Mama und Papa die ganze Zeit. Vielleicht meint Gott auch, dass ein Geist keinen Menschennamen haben soll und schickt Mama und Papa deshalb keine Eingebung. Aber Mama legt, trotz Gottes offensichtlichem Widerwillen, das kleine Geistwesen willkommen zu heißen, das Bündel fast nie weg.

Es hat noch immer Schwierigkeiten beim Atmen. Einmal war es am Abend so schlimm, dass Mama den Schleim mit dem Mund aus der Nase des Geistwesens saugen musste. Wenn ich eklige Geräusche mache, nennt mich Dina Shetani und sagt, es ist kein Wunder, dass die Schlange nach mir gesucht hat, so schrecklich wie ich bin.

Auf der Dachterrasse stehen jetzt wieder Getränkekisten, weil Papas Kollegen aus der Botschaft mit Geschenken zur Geburt des neuen Geschwisterchens gratuliert haben. Geschwisterchen sagen auch Mama und Dina und wollen, dass ich mit meinem Geistgerede aufhöre. Es ist ein Kind. Ein Geist, sage ich, hocke mich auf die Dachterrasse und beobachte, wie sich die schwarzen Wolken überm Haus zusammenziehen. Sie sehen aus wie die wütenden Arbeiter in Papas Erzählung. Sie leiden wie die Gestalten in der biblischen Hölle, die Mama mit dem Finger nachgemalt hat, während sie uns von Gottes Strafe für die Menschen erzählte. Dass der Mann unter Mühsal den Ackerboden bereiten muss und die Frau unter Mühsal gebären. Am härtesten strafte Gott die Frau, denn sie war an allem schuld.

Die grünen Schimmelmännchen an der Betonmauer flüstern von Mädchen, die für Süßigkeiten alles tun.

»Ich höre euch nicht«, sage ich laut.

Ich baue einen Turm aus Getränkekisten und warte.

Ich baue eine Bühne und warte.

Die Tür unten ist offen. Ich höre das rostige Quietschen, wenn der Wind dagegen bläst.

Aber ich bleibe den ganzen Tag allein mit den schwarzen zornigen Wolkenmännchen, die auf einen Namen warten.

***

Anfang Februar, als Mama zum Haareflechten in unser Zimmer kommt, fragt Dina noch einmal, wie das kleine, runzlige Geistwesen heißen soll. Mama stellt Hocker und Öle hin und legt Garnrolle und Kamm bereit, aber antwortet nicht.